von webmoritz. | 16.06.2026
Die Vollversammlung der Studierendenschaft findet jedes Semester einmal statt. Sie kennzeichnet eines der zentralen Instrumente unserer Uni, über das die Studierendenschaft die Hochschulpolitik mitgestalten kann. Das Besondere an der VV ist, dass ihr alle bis vor Kurzem die Möglichkeit hattet Anträge einzureichen, denen sich dann die gesamte Studierendenschaft zumindest für einen kurzen Moment widmen muss.
Um beschlussfähig zu sein müssen bei der Vollversammlung vor Ort mindestens 3% der Studierendenschaft anwesend sein. Schaut also bitte und gerne vorbei, wenn es euch möglich ist. Falls das Verfolgen der VV in Präsenz für euch gar keine Option ist, laden wir euch herzlich zu unserem Live-Ticker ein, um über das Geschehen im Bilde zu sein.
In jedem Fall könnten für euch die folgenden Links interessant sein:
Hier findet ihr die Geschäftsordnung der VV
(hier steht alles drin, was ihr zum Ablauf der Sitzung wissen müsst)
Hier findet ihr die vorläufige Tagesordnung mit dem Drucksachenpaket
(enthalten sind genauere Infos zu den einzelnen Tagesordnungspunkten, u.a. umfangreichere Erklärungen zu den Anträgen)
Hier geht es zum VV-Bingo!
Wir wünschen euch viel Spaß und eine ertragreiche Vollversammlung.
Das ist die finale Tagesordnung:
TOP 1 Begrüßung
TOP 2 Formalia
TOP 3 Informationen aus dem Studierendenparlament
TOP 4 Fragen und Anregungen aus der Studierendenschaft
TOP 5 Antrag „Für ein BAföG, das zum Leben reicht!“
TOP 6 Antrag „Erhalt des Instituts für Kirchenmusik und Musikwissenschaften“
TOP 7 Antrag „Finanzierung der Psychotherapie-Weiterbildung sichern!“
TOP 8 Antrag „Zwischen „Atemlos durch die Nacht“ und „Highway to hell“ – Erste-Hilfe
Kurse für die Studierendenschaft“
TOP 9 Antrag „Mensa für Alle!“
TOP 10 Antrag „Sitzgelegenheiten im Apfelgarten“
TOP 11 Antrag „Essen retten – „Fairteiler-Kühlschrank“ an den Mensen“
TOP 12 Antrag „Mensa Innovations KI-Küchenroboter CA-1 by Circus Group“
TOP 13 Sonstiges
Hier startet ab 14:15Uhr der Live-Ticker
Heute tickern für euch: Namid, Malte, Josi, Jette, David
Beginn der Sitzung: 14:16 Uhr
TOP 1 Begrüßung
Die Vollversammlung beginnt um 14:16 Uhr mit einem herzlichen Hallihallo!
Das Tagespräsidium führen heute Grey (er/ihm) und Falk (er/ihm).
Grey verliest die Grundlagen und Regeln der Vollversammlung.
Er verweist unter anderem auf die Mikrofone in den zwei Aufgängen, die für die Wortmeldungen genutzt werden.
Wir verweisen hier auf die Geschäftordnung der Vollversammlung, welche oben verlinkt ist.
TOP 2 Formalia
Wir sind mit 287 anwesenden Studierenden beschlussfähig!
Es wird über die Tagesordnung abgestimmt.
Die Tagesordnung wird angenommen.
TOP 3 Informationen aus dem Studierendenparlament
Louise und Tim stellen sich als Präsidium des Studierendenparlaments vor.
Tim stellt die Arbeit im StuPa vor.
Er weist darauf hin, dass das Präsidium auch eine Sprechstunde anbietet für Menschen, die einen Antrag einbringen wollen, aber vorher eine Rückmeldung einholen wollen.
Louise ergänzt, dass auch die AStA-Referate im StuPa gewählt wird. Sie wirbt dafür, sich auf die Referate zu bewerben.
Noch frei sind bspw. noch der Vorsitz, das Finanzreferat oder das Referat für politische Bildung,
Louise erläutert, was im StuPa seit der letzten Vollversammlung passiert ist.
Ein Beispiel sei die Ringvorlesung „Was ist schon neutral?“, welche nach einem Antrag zum Thema „Hochschulen zeigen Haltung“ vom ehemaligen studentischen Prorektor Lukas initiiert wurde.
Sie zählt weitere Anträge auf wie das Belüftungssystem in der Cafeteria sowie die plastikfreien Verpackungen in den Mensen.
Es gibt einen breiten Applaus.
Grey weist noch daraufhin, dass man den AStA jederzeit über Instagram, Mail oder in einer Bürostunde erreichen könne.
TOP 4 Fragen und Anregungen aus der Studierendenschaft
Es gibt keine Fragen oder Anregungen aus der Studierendenschaft.
14:30 Uhr
TOP 5 Antrag „Für ein BAföG, das zum Leben reicht!“
Lucas (alle Pronomen) stellt den ersten Antrag vor.
Lucas startet mit einer Anekdote zur Aktualität und verweist auf seinen Antragstext.
Es gibt breiten Applaus.
Die Generaldebatte wird eröffnet und wird ohne Redebeiträge wieder geschlossen.
Es gibt auch keine Änderungsdebatte.
Der Antrag wird mit einer Enthaltung angenommen und erntet Applaus.
TOP 6 Antrag „Erhalt des Instituts für Kirchenmusik und Musikwissenschaften“
Es folgt der zweite Antrag, vorgestellt durch Paul.
Er erklärt, es stehe zur Debatte, das Institut für Kirchenmusik und Musikwissenschaft weiter zu kürzen.
Die Musikwissenschaft träge zur vielfältigen Kulturlandschaft der Uni in Greifswald bei.
Der Antrag erntet starken Applaus.
Mit einem „Who Who“ wird das Mikro getestet und für angeschaltet befunden.
Ein Beitrag zur Generaldebatte von Stefan Kessler, Dekan der Philosophischen Fakultät: Hinweis darauf, dass irgendwo gespart werden müsse und man abwägen solle, wo dies sonst möglich sei.
Der Antrag stelle eine sehr singuläre Sicht auf die Fakultätsfinanzen dar, da für den Erhalt anderer Aspekte gespart werden müsse.
Er weist darauf hin, dass der Antrag auch erklären solle, wo stattdessen gekürzt werden könne.
Jonathan sagt, dass sie sich dessen bewusst seien. Er sei der Meinung, dass an anderen Stellen gekürzt werden könne, aber er sich hinter die Musikwissenschaft stellen wolle und das Institut in der Form erhalten bleiben müsse.
Wo stattdessen gekürzt werden solle, sei aber Sache der Institute.
Die aktuelle studentische Prorektorin, Patrizia (sie/ihr), meldet sich ebenfalls zu Wort.
Sie weist daraufhin, dass das Institut wie alle anderen sparen müsse und der Ort der Einsparung vom Institut selbst bestimmt werde.
Mara meldet sich aus dem FSR Musik, sie kritisiere die allgemeinen Kürzungen in Forschung und Lehre, aber finde es besonders schade, dass gerade die Musikwissenschaften eingekürzt werden solle.
Jemand aus dem Fakultätsrat (sie/ihr) merkt an, dass es nicht, wie im Antrag geschrieben, möglich sei, gar nicht einzusparen. Im Fakultätsrat seien sehr viele Wege besprochen wurden, wo man im Kleinen sparen kann.
Jonathan weist darauf hin, dass der Antrag die Struktur des Institutes erhalten werden soll. Es könne trotzdem auch Einsparungen geben.
Patrizia möchte sich Jonathan anschließen. Es ginge nicht um „keine Einsparungen“, sondern eher darum, dass die Einschreibung eines Studiengangs beendet wurde.
Paul weist daraufhin, dass die Signalwirkung des Immatrikulationsstopps das sei, was primär bekämpft werden müsse.
Die gleiche Person aus dem Fakultätsrat weist nochmal darauf hin, dass schon stark-einschränkende Vorschläge für Einsparungen gemacht worden seien, wie etwa die Zusammenlegung zweier Professuren zu einer. Davon sei dann auch der Leiter der Bachwoche betroffen und perspektivisch werde sich das sicherlich auch auf die Bachwoche auswirken.
Robert findet es tragisch, wie stark eingespart werden muss. Daher spricht er sich auch für ein solidarisches Einstehen gegenüber dem Land aus.
Christiane (sie/ihr) unterstützt die Vorredner*innen und bringt ein Zitat an. Sie kritisiert, dass sich jemand von der Uni zu diesem Thema geäußert hat, da dieses Gremium ja zum Austausch unter Studierenden diene.
Alex aus dem FSR Musik macht nochmal darauf aufmerksam, dass die Immatrikulationssaussetzung wohl hinter dem Rücken des Dekanats und Rektorats geschehen sei und ruft kleine Institute auf, auf sich aufzupassen.
Elisabeth meldet sich zu Wort und plädiert für Einigkeit in der Studierenschaft bei diesem Thema.
Die Generaldebatte wird geschlossen und die Änderungsantragsdebatte startet.
Es liegt ein Änderungsantrag vor, der von Lucas eingebracht wird.
Es gehe nur darum, den Antrag gendergerecht zu formulieren.
Paul nimmt den Antrag zunächst nicht an, er sei ein großer Verfechter des generischen Maskulinums, er finde, es seien alle damit gemeint.
Es gibt laute Buh-Rufe und jemand meint „Das kann doch nur vom RCDS kommen!“.
Es gibt einen Ordnungsruf von Grey und damit den ersten BINGO!-Ruf.
Jonathan schlägt vor, den Antrag auf beide binären Geschlechter zu ändern.
Dieser Vorschlag wird von Paul und Lucas akzeptiert.
Der geänderte Antrag wird so angenommen.
TOP 7 Antrag „Finanzierung der Psychotherapie-Weiterbildung sichern!“
Timo und Nicolas bringen den Antrag ein.
Es gehe darum, dass auch in der Psychotherapie-Ausbildung gespart wird und dies große Konsequenzen nach sich ziehe.
Sie würde bitten, einen „Brandbrief“ zu schreiben und verweisen auf den Antragstext.
Es gibt keine Wortbeiträge in der Generaldebatte.
Es wird auch die Änderungsantragsdebatte ohne einen Änderungsantrag geschlossen.
Einstimmig wird dieser Antrag angenommmen.
14:55 Uhr
TOP 8 Antrag „Zwischen „Atemlos durch die Nacht“ und „Highway to hell“ – Erste-Hilfe
Kurse für die Studierendenschaft“
Kurse für die Studierendenschaft“
Jasmin (sie/ihr) und Eva (sie/ihr) bringen den Antrag ein.
Sie wünschen sich einen Erste-Hilfe-Kurs im Rahmen des Hochschulsports, der mindestens 9x45min geht und ein abschließendes Zertifikat ermöglicht.
Dies könne unter anderem auch für einen Führerschein genutzt werden.
Julian bringt an, dass es die AG EH-MED gäbe, die ehrenamtlich bereits Kurse anbietet. Für Material fallen wohl Kosten an, aber er könne sich eine Kooperation mit dem Hochschulsport vorstellen.
Am Donnerstag gäbe es auch ein Teammeeting, bei dem man sich einbringen könne.
Es gibt keine weiteren Redebeiträge und wir kommen zur Änderungsantragsdebatte.
Es wird auf einen Änderungsantrag gewartet.
Der Änderungsantrag wird von den Antragstellenden angenommen.
Der Antrag wird in geänderter Form mit zwei Gegenstimmen angenommen.
15:02 Uhr
TOP 9 Antrag „Mensa für Alle!“
Lucas bringt einen weiteren Antrag ein. Er weist darauf hin, dass die Kultur in Greifswald immer mehr verfalle. Er möchte Pati (Patrizia) damit beauftragen, sich im Rektorat für die Nutzung der alten Mensa für studentische Kultur einzusetzen.
Patrizia findet den Antrag sehr gut und sehr richtig. Aktuell befände sich die Sache beim Staatlichen Bau- und Liegenschaftsamt (SBL) und letztlich entscheide das Land, was mit dem Gebäude passiere. Dennoch fände sie es ganz wichtig, sich dort mit einzubringen und sich dafür auszusprechen.
Grey ergänzt, dass sich auch die Initiative Mensa bereits damit befasse.
Die Generaldebatte wird geschlossen und die Änderungsantragsdebatte ebenfalls ohne Änderungsantrag.
Der Antrag wird einstimmig angenommen.
15:06 Uhr
TOP 10 Antrag „Sitzgelegenheiten im Apfelgarten“
Wanda und Inga sind für den FSR Jura da und weisen darauf hin, dass der Apfelgarten eine schönere Atmosphäre zum Lernen bieten würde.
Die Generaldebatte und Änderungsantragsdebatte werden ohne Beiträge geschlossen.
Der Antrag wird angenommen.
15:07 Uhr
TOP 11 Antrag „Essen retten – „Fairteiler-Kühlschrank“ an den Mensen“
Jasmin (sie/ihr) und Eva (sie/ihr) möchten den Mensaausschuss damit beauftragen, zu prüfen, inwiefern ein Verteilerkühlschrank wie bereits an der Uni Eberswalde etabliert möglich wär.
Sie würden sich das ein bisschen wie einen Bücherbaum vorstellen – nur eben mit Lebensmitteln.
Allan (er/ihm) unterstützt den Antrag grundsätzlich, hinterfragt aber, inwiefern das praktikabel wäre. Er habe nach so einem Kühlschrank gegoogelt und es schien ihm, als ob Unternehmen Essen da reinstellen würden und nicht Studierende. Er äußert Bedenken, dass sich der Kühlschrank zu einem „Seuchen“-schrank werde.
Jasmin antwortet, dass es deswegen daum gehe, den Mensaausschuss damit zu beauftragen.
Emilia (sie/ihr) unterstützt den Antrag und schlägt vor, den Antrag auf ungekühlt haltbare Lebensmittel auszuweiten, weil das einfacher umzusetzen wäre.
Sie hat die Befürchtung, dass sonst die Wartung und Pflege eines Kühlsystems eine zu große Hürde darstelle und der Umsetzung im Weg stünde.
Sie bereitet dazu einen Änderungsantrag vor.
Es gibt zudem einen formalen Änderungsantrag des Präsidiums, der von den Antragstellenden angenommen wird.
Der Antrag wird in der geänderten Form einstimmig angenommen.
15:16 Uhr
TOP 12 Antrag „Mensa Innovations KI-Küchenroboter CA-1 by Circus Group“
Max (er/ihm) stellt den Antrag.
Er stellt den Roboter vor und erklärt, dass dieser Roboter viele Gerichte aus unterschiedlichen Zutaten auf Wunsch zubereiten könnte.
Die Generaldebatte startet.
Eine Person meint, dass sie den mal gegooglet hätte. Das sei eine KI von Meta und würde 250.000€ Euro kosten.
Allan meint, dass das ebenfalls seine Frage wäre.
Max korrigiert, dass 250.000 Euro die Obergrenze sei. Die Spanne gehe von 100.00 Euro bis 250.000 Euro.
Robert bedankt sich für den interessanten Vorschlag. Laut ihm müsse das nicht die Uni, sondern das Studierendenwerk anschaffen, das noch weniger Geld hätte. Aktuell würden wir für die Beitz-Mensa, die kleine Mensa und das Klinikum das Essen produzieren und sparen uns dadurch sogar Geld.
Es wird ein GO-Antrag auf Abschluss der Redeliste gestellt.
Es kommt zur Änderungsantragsdebatte.
Es gibt keine Änderungsanträge.
Der Antrag wird abgelehnt.
15:22 Uhr
TOP 13 Sonstiges
Grey dankt den Organisierenden der VV.
Charlotte (sie/ihr) bringt ein, dass man das Licht auf den Toiletten im ELP nicht ausmachen könne, was für neurodivergente Personen sehr anstrengend sei und man die Umwelt und Finanzen schonen könnte.
Es wird vorgeschlagen, das Anliegen in einer Email an das StuPa zu schreiben.
Der TOP wird geschlossen und Grey wünscht allen einen schönen Nachmittag.
Kommt alle gut nach Hause und genießt den Abend!
Ende der Vollversammlung ist um 15:24 Uhr.
Wer bei StuPa, AStA und Co. den Überblick behalten will, findet hier unseren Guide zu den „Vokabeln der Hochschulpolitik“.
von moritz.magazin | 12.06.2026
Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue Syndrom. Kurz: ME/CFS. Von Bagatellisierung und medizinischer Ignoranz. Und vom Studium ohne die Möglichkeit, in den Hörsaal zu kommen.
Von: Namid Joschko
1969 klassifizierte die Weltgesundheitsorganisation ME/CFS als neurologische Krankheit. Weitaus früher, seit den 1930er Jahren war die Symptomatik bekannt. Jetzt ist es 2026 und medizinische Studien gibt es kaum, in etwa so viele wie schon in den 1980ern.
Die Krankheit ME/CFS schränkt Menschen schwer ein und führt teilweise zu vollständiger Isolation. Ein Großteil der Betroffenen ist arbeitsunfähig, etwa ein Viertel nicht mehr in der Lage, das Haus zu verlassen. Neben dem individuellen Leiden kostet die Erkrankung die Deutsche Gesellschaft jährlich viele Milliarden durch Arbeitsunfähigkeit, Pflegebedürftigkeit und Steuereinbußen. Wie kann es sein, dass noch immer kaum Forschung betrieben wird?
Mit den Augen von Betroffenen
Ich spreche mit drei erkrankten Menschen. Joy ist 30 Jahre alt und lebt in Greifswald, Sandra ist 31 und ebenfalls Greifswalderin und Simon ist 21 Jahre alt und lebt in Stralsund. Sie geben uns Einblick, was die Krankheit mit ihnen macht und was sie für ihr Leben bedeutet.
ME/CFS tritt in der Regel nach einer Infektion auf. Im Zusammenhang mit COVID-19 erkranken immer mehr Menschen. Die Diagnose ist umfangreich und es müssen viele Parameter getestet werden. Obwohl eine Diagnose nicht mehr nur durch Ausschluss anderer Krankheiten gestellt werden kann, ist das häufig noch immer bezeichnend für den Prozess. Das kann sich über Jahre ziehen und ist körperlich und geistig extrem belastend, wie Simon mir erzählt. Er muss wegen der Schwere der Krankheit sein Studium pausieren.
Es gibt konkret definierte Symptomkomplexe, die für die Diagnose herangezogen werden können. Beispielhaft dafür sind die Kanadischen Kriterien von 2003, die offen zugänglich auf der Internetseite der Charité als Fragebogen zu finden sind. Die Informationen liegen also vor. Die Krankheit wird hauptsächlich charakterisiert durch ihr Leitsymptom, die Post-Exertionelle Malaise, kurz PEM. Das bedeutet, nach körperlichen oder geistigen Anstrengungen – das können je nach Schwere bereits ein Gang zur Toilette, bloßes Kopfheben, ein Gespräch oder emotionale Aktivität sein – kommt es zum »Crash«. Der äußert sich durch Symptome wie Fieber, Fatigue, Schwellungen, Schmerzen, kognitive Störungen, Schlafstörungen, Schwindel, extreme Schwäche und Herzrasen. Das ist nur eine Auswahl. Die Symptome können sich bei einem Crash verschlimmern oder es können neue hinzukommen.
Es gibt ein zentrales Problem. Alle Betroffenen erzählen mir im Gespräch, dass die einen wahren Ärzt*innenmarathon hinter sich haben, weil ihre ursprünglichen Hausärzt*innen die Erkrankung nicht kannten und sich auch mit der Krankheit nicht auseinandersetzen wollten, als sie darauf aufmerksam gemacht wurden. Auf die verzweifelte Nachfrage, wie es nun weitergehen solle, bekam Sandra die Antwort: »Wird schon, warten Sie ab, Sie sind jung. Machen Sie weiter Sport.« Das ist eine häufig getroffene Empfehlung, die für Betroffene lebensgefährlich sein kann. Sandra ist diesen Empfehlungen erst gefolgt und ihr Zustand hat sich stark verschlechtert, sodass sie mittlerweile ab Gehstrecken von etwa 1,5 Kilometern auf einen Rollstuhl angewiesen ist, auf kurze Strecken und öffentlichen Nahverkehr.
Joy erzählt mir, dass ihr Hausarzt ihr erklärt hätte, ihr Zustand müsse psychisch bedingt sein. Bei vielen Ärzt*innen wird ihre Symptomatik nicht ernst genommen. Erst als ihre Psychotherapeutin sie zu einer neuen Ärztin begleitete und klarstellte, dass die Ursachen nicht psychosomatisch sein können, wird ihr ME/CFS diagnostiziert. Auch hier kommen die erwähnten Kanadischen Kriterien zum Einsatz. Dass die Psychotherapeutin erkannt hat, dass die Ursachen körperlich sind, ist allerdings eher ein Glücksfall. Auch unter Therapeut*innen ist die Krankheit noch nicht ausreichend bekannt.
Forderungen an Institutionen
Ein medizinisches Problem muss in erster Linie medizinisch gelöst werden. Dafür ist es nötig, das Leitsymptom PEM verbindlich anzuerkennen und in Forschung und Behandlung zu berücksichtigen. Das klingt banal, ist aber nach wie vor nicht vollständig geschehen. Ist das geschehen, muss die Forschung an ME/CFS höhere Priorität bekommen. Zum Ausbau der Forschung werden Fördergelder benötigt, die transparent und zweckgebunden vergeben werden.
Damit das passieren kann, muss die Krankheit sichtbar werden. Ärzt*innen müssen umfassend informiert und Kompetenzzentren mit Schwerpunkt auf ME/CFS eingerichtet werden.
Ohne Anerkennung der Krankheit ist auch die Versorgung der Betroffenen mit großen Hürden verbunden. Anträge auf Nachteilsausgleiche, Schwerbehindertenfeststellung und Pflegegeld bedürfen einem hohen Aufwand, weil dafür Atteste nötig sind, die Ärzt*innen ausstellen müssen.
»Die Zeit läuft ab – unser Leben zerrinnt!«
Motto der #LiegendDemo 2026
in Greifswald
Hilfe zur Selbsthilfe
In einem System, in dem institutionelle Hilfe den Bedarf nicht deckt, bleibt Betroffenen vor allem die Vernetzung untereinander. Alle Betroffenen erzählen mir, dass sie viele diagnostische Schritte auf ihrem Weg selbst initiieren mussten. Das geht aber nur, wenn sie sich selbst intensiv mit der Krankheit auseinandersetzen und Tipps von anderen Betroffenen bekommen, wie es in Selbsthilfegruppen möglich ist. Ich frage mich, wie die Arbeit in diesen Selbsthilfegruppen aussieht. Beate Bobsin hat eine Antwort für mich. Sie begleitet die für Menschen mit Long Covid in Stralsund.
Der Fokus der Selbsthilfe liegt auf Austausch untereinander, wie sie erzählt. Ein wichtiger Anlaufpunk für Informationen und gegenseitige Hilfe aus der Erfahrung mit der Krankheit. Aber auch der Austausch mit Ärzt*innen und Therapeut*innen ist Teil der Arbeit, um sie auf die Erkrankung aufmerksam zu machen. Im Rahmen der Selbsthilfegruppen können Betroffene an medizinisches Fachpersonal vermittelt werden. Ein unterschätzter Faktor sind bürokratische Hürden, etwa Anträge auf Nachteilsausgleiche, Schwerbehindertenfeststellung und Pflegegeld, die zum Teil vor Gericht landen. Hier versucht die Selbsthilfe, Barrieren zu bekämpfen.
So ist es bezeichnend, dass der stille Protest gegen die Bagatellisierung und die Unsichtbarkeit der Krankheit unter höchster Anstrengung durch Betroffene selbst organisiert wird. Die Initiative #LiegendDemo setzt sich ein für Sichtbarkeit in der Gesellschaft und Forschungsausbau. Beate Bobsin stemmt die Arbeit in der Selbsthilfegruppe ebenso als Betroffene der Erkrankung.
ME/CFS ist aktuell nicht heilbar. Alle Behandlung erfolgt symptomorientiert. Das wichtigste Hilfsmittel aktuell für Betroffene ist das »Pacing«. Das Konzept ist, sich die Kraft langfristig einzuteilen und konsequent durchzuhalten. Das schont die Kapazitäten und bereitet auf Anstrengungen vor, bedeutet aber, langfristig unter der schon herabgesetzten Belastungsgrenze bleiben zu müssen. Ohne Pacing wäre es vielen nicht möglich, einkaufen, zu Ärzt*innen oder Prüfungen zu gehen.
»Keiner sieht, dass wir, wenn wir jetzt nach Hause kommen, ins Bett müssen
oder für die nächsten Tage gar nicht mehr raus oder aufstehen können.«
Beate Bobsin
Ein Blick in die Greifswalder Universitätsmedizin
Ich frage mich, wie es kommt, dass viele Ärzt*innen eine so häufig auftretende Erkrankung nicht kennen. Die Antwort ist eine Gegenfrage: Woher? Es gibt zu wenig Forschung und zu wenig Lehre zu ME/CFS. Ein struktureller Mangel, den es grundlegend zu lösen gilt. Ich setze bei der Universitätsmedizin Greifswald an und frage, wie diese mit der Erkrankung umgeht.
»Das Krankheitsbild ME/CFS ist ein wichtiges Thema, das wir im Kontext postviraler Erkrankungen und chronischer Erschöpfungszustände ernst nehmen.« – so die Pressestelle der Universitätsmedizin. Aber was heißt das konkret?
Für Patient*innen hat das Klinikum eine Post COVID Sprechstunde, die allerdings hoch frequentiert ist. Mittlerweile haben Menschen mit ME/CFS die Möglichkeit aufgenommen zu werden, das Angebot richtet sich aber primär an Menschen mit Post COVID.
Das neu gestartete Projekt Comprehensive Long COVID Center an der Universitätsmedizin ist durch den Bund gefördert und adressiert unter anderem ME/CFS. Das Ziel sei, in dieser Struktur eine qualifizierte Diagnostik und Behandlung gewährleisten zu können und mit dem Informieren über die Krankheit Forschung und Lehre zu verknüpfen, wie mir die Pressestelle der Universitätsmedizin versichert. Betroffene wie Sandra legen ihre Hoffnung in dieses Projekt.
All eyes on us
Was können wir tun, um unseren Teil als Zivilgesellschaft beizutragen? Auch das habe ich meine Gesprächspartner*innen gefragt. Die Antworten sind so groß wie grundlegend. Solidarität, Empathie, aktives Interesse und großflächige Aufklärung. Bei einer Krankheit, die so unbekannt ist, ist jedes Gespräch ein Schritt in Richtung Sichtbarkeit. Sichtbarkeit, die es braucht, um Förderung für Forschungsprojekte zu und eine adäquate medizinische Versorgung zu ermöglichen. Eine Bitte von Sandra ist mir besonders im Gedächtnis geblieben:
»Zu verstehen, dass ME/CFS Leben raubt, ohne dafür vorher sterben zu müssen und dass es jeden von uns treffen kann.«
Fotos: Namid Joschko