»Für uns ist der Lockdown nicht vorbei«

»Für uns ist der Lockdown nicht vorbei«

Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue Syndrom. Kurz: ME/CFS. Von Bagatellisierung und medizinischer Ignoranz. Und vom Studium ohne die Möglichkeit, in den Hörsaal zu kommen.


Von: Namid Joschko

1969 klassifizierte die Weltgesundheitsorganisation ME/CFS als neurologische Krankheit. Weitaus früher, seit den 1930er Jahren war die Symptomatik bekannt. Jetzt ist es 2026 und medizinische Studien gibt es kaum, in etwa so viele wie schon in den 1980ern.  

Die Krankheit ME/CFS schränkt Menschen schwer ein und führt teilweise zu vollständiger Isolation. Ein Großteil der Betroffenen ist arbeitsunfähig, etwa ein Viertel nicht mehr in der Lage, das Haus zu verlassen. Neben dem individuellen Leiden kostet die Erkrankung die Deutsche Gesellschaft jährlich viele Milliarden durch Arbeitsunfähigkeit, Pflegebedürftigkeit und Steuereinbußen. Wie kann es sein, dass noch immer kaum Forschung betrieben wird? 

Mit den Augen von Betroffenen

Ich spreche mit drei erkrankten Menschen. Joy ist 30 Jahre alt und lebt in Greifswald, Sandra ist 31 und ebenfalls Greifswalderin und Simon ist 21 Jahre alt und lebt in Stralsund. Sie geben uns Einblick, was die Krankheit mit ihnen macht und was sie für ihr Leben bedeutet. 

ME/CFS tritt in der Regel nach einer Infektion auf. Im Zusammenhang mit COVID-19 erkranken immer mehr Menschen. Die Diagnose ist umfangreich und es müssen viele Parameter getestet werden. Obwohl eine Diagnose nicht mehr nur durch Ausschluss anderer Krankheiten gestellt werden kann, ist das häufig noch immer bezeichnend für den Prozess. Das kann sich über Jahre ziehen und ist körperlich und geistig extrem belastend, wie Simon mir erzählt. Er muss wegen der Schwere der Krankheit sein Studium pausieren.

Es gibt konkret definierte Symptomkomplexe, die für die Diagnose herangezogen werden können. Beispielhaft dafür sind die Kanadischen Kriterien von 2003, die offen zugänglich auf der Internetseite der Charité als Fragebogen zu finden sind. Die Informationen liegen also vor. Die Krankheit wird hauptsächlich charakterisiert durch ihr Leitsymptom, die Post-Exertionelle Malaise, kurz PEM. Das bedeutet, nach körperlichen oder geistigen Anstrengungen – das können je nach Schwere bereits ein Gang zur Toilette, bloßes Kopfheben, ein Gespräch oder emotionale Aktivität sein – kommt es zum »Crash«. Der äußert sich durch Symptome wie Fieber, Fatigue, Schwellungen, Schmerzen, kognitive Störungen, Schlafstörungen, Schwindel, extreme Schwäche und Herzrasen. Das ist nur eine Auswahl. Die Symptome können sich bei einem Crash verschlimmern oder es können neue hinzukommen.

Es gibt ein zentrales Problem. Alle Betroffenen erzählen mir im Gespräch, dass die einen wahren Ärzt*innenmarathon hinter sich haben, weil ihre ursprünglichen Hausärzt*innen die Erkrankung nicht kannten und sich auch mit der Krankheit nicht auseinandersetzen wollten, als sie darauf aufmerksam gemacht wurden. Auf die verzweifelte Nachfrage, wie es nun weitergehen solle, bekam Sandra die Antwort: »Wird schon, warten Sie ab, Sie sind jung. Machen Sie weiter Sport.« Das ist eine häufig getroffene Empfehlung, die für Betroffene lebensgefährlich sein kann. Sandra ist diesen Empfehlungen erst gefolgt und ihr Zustand hat sich stark verschlechtert, sodass sie mittlerweile ab Gehstrecken von etwa 1,5 Kilometern auf einen Rollstuhl angewiesen ist, auf kurze Strecken und öffentlichen Nahverkehr.

Joy erzählt mir, dass ihr Hausarzt ihr erklärt hätte, ihr Zustand müsse psychisch bedingt sein. Bei vielen Ärzt*innen wird ihre Symptomatik nicht ernst genommen. Erst als ihre Psychotherapeutin sie zu einer neuen Ärztin begleitete und klarstellte, dass die Ursachen nicht psychosomatisch sein können, wird ihr ME/CFS diagnostiziert. Auch hier kommen die erwähnten Kanadischen Kriterien zum Einsatz. Dass die Psychotherapeutin erkannt hat, dass die Ursachen körperlich sind, ist allerdings eher ein Glücksfall. Auch unter Therapeut*innen ist die Krankheit noch nicht ausreichend bekannt.

Forderungen an Institutionen

Ein medizinisches Problem muss in erster Linie medizinisch gelöst werden. Dafür ist es nötig, das Leitsymptom PEM verbindlich anzuerkennen und in Forschung und Behandlung zu berücksichtigen. Das klingt banal, ist aber nach wie vor nicht vollständig geschehen. Ist das geschehen, muss die Forschung an ME/CFS höhere Priorität bekommen. Zum Ausbau der Forschung werden Fördergelder benötigt, die transparent und zweckgebunden vergeben werden.

Damit das passieren kann, muss die Krankheit sichtbar werden. Ärzt*innen müssen umfassend informiert und Kompetenzzentren mit Schwerpunkt auf ME/CFS eingerichtet werden. 

Ohne Anerkennung der Krankheit ist auch die Versorgung der Betroffenen mit großen Hürden verbunden. Anträge auf Nachteilsausgleiche, Schwerbehindertenfeststellung und Pflegegeld bedürfen einem hohen Aufwand, weil dafür Atteste nötig sind, die Ärzt*innen ausstellen müssen.

»Die Zeit läuft ab – unser Leben zerrinnt!«
Motto der #LiegendDemo 2026 
in Greifswald

Hilfe zur Selbsthilfe

In einem System, in dem institutionelle Hilfe den Bedarf nicht deckt, bleibt Betroffenen vor allem die Vernetzung untereinander. Alle Betroffenen erzählen mir, dass sie viele diagnostische Schritte auf ihrem Weg selbst initiieren mussten. Das geht aber nur, wenn sie sich selbst intensiv mit der Krankheit auseinandersetzen und Tipps von anderen Betroffenen bekommen, wie es in Selbsthilfegruppen möglich ist. Ich frage mich, wie die Arbeit in diesen Selbsthilfegruppen aussieht. Beate Bobsin hat eine Antwort für mich. Sie begleitet die für Menschen mit Long Covid in Stralsund.

Der Fokus der Selbsthilfe liegt auf Austausch untereinander, wie sie erzählt. Ein wichtiger Anlaufpunk für Informationen und gegenseitige Hilfe aus der Erfahrung mit der Krankheit. Aber auch der Austausch mit Ärzt*innen und Therapeut*innen ist Teil der Arbeit, um sie auf die Erkrankung aufmerksam zu machen. Im Rahmen der Selbsthilfegruppen können Betroffene an medizinisches Fachpersonal vermittelt werden. Ein unterschätzter Faktor sind bürokratische Hürden, etwa Anträge auf Nachteilsausgleiche, Schwerbehindertenfeststellung und Pflegegeld, die zum Teil vor Gericht landen. Hier versucht die Selbsthilfe, Barrieren zu bekämpfen.

So ist es bezeichnend, dass der stille Protest gegen die Bagatellisierung und die Unsichtbarkeit der Krankheit unter höchster Anstrengung durch Betroffene selbst organisiert wird. Die Initiative #LiegendDemo setzt sich ein für Sichtbarkeit in der Gesellschaft und Forschungsausbau. Beate Bobsin stemmt die Arbeit in der Selbsthilfegruppe ebenso als Betroffene der Erkrankung.

ME/CFS ist aktuell nicht heilbar. Alle Behandlung erfolgt symptomorientiert. Das wichtigste Hilfsmittel aktuell für Betroffene ist das »Pacing«. Das Konzept ist, sich die Kraft langfristig einzuteilen und konsequent durchzuhalten. Das schont die Kapazitäten und bereitet auf Anstrengungen vor, bedeutet aber, langfristig unter der schon herabgesetzten Belastungsgrenze bleiben zu müssen. Ohne Pacing wäre es vielen nicht möglich, einkaufen, zu Ärzt*innen oder Prüfungen zu gehen. 

»Keiner sieht, dass wir, wenn wir jetzt nach Hause kommen, ins Bett müssen
oder für die nächsten Tage gar nicht mehr raus oder aufstehen können.«

Beate Bobsin

Ein Blick in die Greifswalder Universitätsmedizin

Ich frage mich, wie es kommt, dass viele Ärzt*innen eine so häufig auftretende Erkrankung nicht kennen. Die Antwort ist eine Gegenfrage: Woher? Es gibt zu wenig Forschung und zu wenig Lehre zu ME/CFS. Ein struktureller Mangel, den es grundlegend zu lösen gilt. Ich setze bei der Universitätsmedizin Greifswald an und frage, wie diese mit der Erkrankung umgeht. 

»Das Krankheitsbild ME/CFS ist ein wichtiges Thema, das wir im Kontext postviraler Erkrankungen und chronischer Erschöpfungszustände ernst nehmen.« – so die Pressestelle der Universitätsmedizin. Aber was heißt das konkret?

Für Patient*innen hat das Klinikum eine Post COVID Sprechstunde, die allerdings hoch frequentiert ist. Mittlerweile haben Menschen mit ME/CFS die Möglichkeit aufgenommen zu werden, das Angebot richtet sich aber primär an Menschen mit Post COVID. 

Das neu gestartete Projekt Comprehensive Long COVID Center an der Universitätsmedizin ist durch den Bund gefördert und adressiert unter anderem ME/CFS. Das Ziel sei, in dieser Struktur eine qualifizierte Diagnostik und Behandlung gewährleisten zu können und mit dem Informieren über die Krankheit Forschung und Lehre zu verknüpfen, wie mir die Pressestelle der Universitätsmedizin versichert. Betroffene wie Sandra legen ihre Hoffnung in dieses Projekt. 

All eyes on us

Was können wir tun, um unseren Teil als Zivilgesellschaft beizutragen? Auch das habe ich meine Gesprächspartner*innen gefragt. Die Antworten sind so groß wie grundlegend. Solidarität, Empathie, aktives Interesse und großflächige Aufklärung. Bei einer Krankheit, die so unbekannt ist, ist jedes Gespräch ein Schritt in Richtung Sichtbarkeit. Sichtbarkeit, die es braucht, um Förderung für Forschungsprojekte zu und eine adäquate medizinische Versorgung zu ermöglichen. Eine Bitte von Sandra ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: 

»Zu verstehen, dass ME/CFS Leben raubt, ohne dafür vorher sterben zu müssen und dass es jeden von uns treffen kann.«


Fotos: Namid Joschko

Sweetless & Restless 

Sweetless & Restless 

NAMID JOSCHKO & MINNA LASCH 

Zucker ist eine Gesellschaftsdroge, wir wissen und ignorieren es. Welche Auswirkungen es hat, ganz auf Industriezucker zu verzichten, haben wir zwei Wochen lang für euch ausprobiert. 

TRIGGERWARNUNG: Im Folgenden geht es um vollständigen Zuckerverzicht. Bitte beachtet, dass restriktive Ernährung zu ungesundem Essverhalten führen kann.


Dass der Körper, vor allem Muskeln und Gehirn, Energie braucht und diese aus Kohlenhydraten gewinnt, ist allseits bekannt.  
Kohlenhydrate, das sind Einfach-, Zweifach-, Mehrfach-, und Vielfachzucker. Fruchtzucker (Fructose) und Traubenzucker (Glucose) gehören zu den Einfachzuckern, können also sehr schnell vom Körper aufgenommen werden. Milchzucker (Lactose) und Haushaltszucker (Saccharose) sind Zweifachzucker.  Zu den Vielfachzuckern gehört unter anderem Stärke. Sie schmeckt in Lebensmittel nicht süß und muss vom Körper in Einfachzucker gespalten werden, bevor sie aufgenommen werden kann. Vielfachzucker lassen also den Blutzuckerspiegel deutlich langsamer ansteigen.  

Der Blutzuckerspiegel im Körper wird über die Hormone Insulin und Glukagon geregelt. Steigt er, wird Insulin ausgeschüttet. Der Zucker wird von den Zellen aufgenommen oder in Speicherzucker (Glykogen) umgewandelt. Sinkt der Blutzuckerspiegel, wird Glukagon ausgeschüttet und der gespeicherte Zucker wird wieder freigegeben.   

Wie sehr ein Lebensmittel den Blutzuckerspiegel ansteigen lässt, legt der Glykämische Index (GI) fest. Mit einem Wert zwischen 0 (sehr langsam) und 100 (extrem schnell). Avocados und Agavensirup befinden sich mit einem Wert von rund 15 im absolut unteren Bereich. Naturreis und Trauben etwa haben einen Wert von 50. Bier liegt im absolut oberen Bereich bei bis zu über 100. Hierbei spielt auch eine Rolle wie die Lebensmittel verarbeitet sind. Frische, rohe Lebensmittel haben immer den niedrigeren GI. Je länger man beispielsweise Nudeln kocht, desto höher wird ihr GI. Um möglichst lange satt zu bleiben und Heißhungerattacken zu vermeiden, sollte man Lebensmittel mit möglichst niedrigem GI konsumieren.  

Studien zeigen, dass Zucker das Mikrobiom in unserem Darm beeinflusst. Was wiederum Auswirkungen auf die gesamtkörperliche Gesundheit hat. Dabei geht’s um erhöhtes Krebs- und Diabetesrisiko, Begünstigung von Entzündungsreaktionen und ganz simpel: unsere Stimmung. 

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE)empfiehlt, dass maximal zehn Prozent der täglichen Gesamtenergiezufuhr aus ›Freien Zuckern‹ kommen sollte. Freie Zucker sind zugesetzte Zucker wie Haushaltszucker, Sirup, Honig oder Fruchtsaft. Nicht dazu zählt Zucker aus frischem Obst und Gemüse und Milchzucker. Zehn Prozent entsprechen etwa 50 Gramm Zucker pro Tag und sind die absolute Obergrenze.  

Fructose als alleinige Zuckerzufuhr ist im Übrigen auch nicht gesund. Der Einfachzucker wird in der Leber abgebaut und sammelt er sich dort zu viel an, wird er in Fett umgewandelt. Das kann zur sogenannten Fettleber und Übergewicht führen. Ausgewogenheit ist also der Schlüssel. 

Für unser Selbstexperiment haben wir uns dazu entschieden, auf zugesetzte Zucker sowie Sirup und Honig zu verzichten. Fruchtsäfte sind nur als Direktsaft und in der Menge erlaubt, die auch die entsprechende Frucht hergegeben hätte. Ein halbes Glas O-Saft für eine Orange also. Lest selbst, wer von uns das Experiment jederzeit wiederholen würde und wer auf seine tägliche Portion Zucker nicht verzichten möchte. 


Namids Tagebuch 

Tag 1  

Alles dreht sich nur darum: Was kann ich essen und vor allem was nicht? Kann ich in die Mensa gehen? Leider nicht, es wird in aller Regel mit ein bisschen Zucker gekocht. Außerdem wird Zucker als Zusatzstoff nicht ausgewiesen und ist praktisch überall mit dabei. Also muss ich vorkochen. Ich starte schlecht vorbereitet in den ersten Tag, ich esse wenig, habe aber noch nie so viel über Essen nachgedacht. Ich scheitere prompt und esse doch in der Mensa. Ich konnte den vorbereiteten Salat nicht essen. Also muss ich besser vorkochen.  

Tag 2 

Der Tag beginnt besser, es gibt das restliche Ofengemüse zum Mittag, dazu Salat mit Olivenöl. Wer Dressing möchte, muss sich den von zuhause mitbringen. Ich bekomme erste Schwindelmomente am frühen Nachmittag und explizit Appetit auf Kohlenhydrate. 

Abends koche ich für die nächsten Tage vor. Es gibt Linsen-Curry, Ofengemüse und zum Frühstück Rührtofu. Letzteren aus Naturtofu, denn sogar Räuchertofu enthält häufig Rohrzucker. 

Tag 3 

Frühstück gibt es vorgekocht, die gesparte Zeit nutze ich, um Reis für das Mittag der nächsten 2 Tage vorzukochen. Dabei fällt mir auf, dass Kochen einen höheren Stellenwert einnimmt, weil ich viel mehr drauf angewiesen bin.  

Ich merke, mir geht es gut, ich bin gut gelaunt.  

Mittags gibt es das vorgekochte Essen, bei einer Prüfung habe ich genug Energie und kann mich gut konzentrieren. Ich habe keinen Heißhunger und trinke sehr viel Wasser.  

Abends beim Essen fällt mir auf, dass ich ein ungekannt sensibles Sättigungsgefühl habe. Mir fällt es leichter als sonst, nur das erforderliche Maß zu essen. 

Tag 4 

Heute esse ich stressbedingt sehr wenig, meine erste Mahlzeit ist gegen 17 Uhr. Allerdings bin ich schnell überfordert mit der Menge an Essen, mein Bauch braucht viel Zeit. Abends bekomme ich plötzlich Lust auf Süßes, ich widerstehe, aber muss es dann mit herzhaftem Essen kompensieren.  

Tag 5 

Heute esse ich ein spätes Frühstück und dann erst wieder abends. Ich empfinde dazwischen keinen Hunger oder Appetit. Ich habe Spaß am produktiven Schaffen und vorausplanen.  

Tag 6 

Heute ist der erste Tag, an dem ich explizit kein Mittagstief zu verzeichnen habe, dafür ganztägig ein gleichbleibend hohes Energieniveau. Ich kann mich gut konzentrieren und habe einen klaren Kopf. Abends bin ich bei einer Party. Ein alkoholfreies Vergnügen, denn alle Arten von Alkohol treiben den Blutzucker stark nach oben. Ob das schadet? Ich habe keine Wahl und vermisse erstaunlich wenig. 

Tag 7 

Mein heutiger Tag ist von Kopfschmerzen durchzogen. Ob das am »fehlenden« Zuckerkonsum oder am späten Schlafengehen liegt, kann ich nicht sagen. 

Mein Hunger tritt mittlerweile sehr strukturiert auf mit etwa 6 Stunden zwischen den Mahlzeiten. Beim Messen meines Bauchumfangs fällt mir auf, dass er um etwa 2 cm geringer ist als zu Beginn des Experiments. 

Tag 8 

Morgens fällt mir auf: Mein Hautbild ebnet sich. Heute esse ich das erste Mal seit Beginn des Experiments Obst und merke eindeutig die Wirkung des Fruchtzuckers. Außerdem stelle ich fest: Langwierige Entzündungssymptome im Zahnfleisch sind nicht mehr spürbar. 

Tag 9 

Langsam denke ich auch weniger über das Essen an sich nach. Beim Abendessen schmeckt Paprika so süß wie nie. Die Geschmacksknospen scheinen wie neu kalibriert.  

Tag 10 

Ich beginne, mich mit der Situation einzurichten, es kehrt Routine ein. Ich backe Bananenbrot, nur mit Banane gesüßt. Die Süßkraft reicht mir aus, was mich glücklich macht.  

Tag 11 

Mittlerweile pendelt sich alles ein, die Neuerungen im Körpergefühl manifestieren sich. Ich erwische mich bei dem Gedanken, dass ich mich daran gewöhnen könnte.  

Tag 12 

Heute kommt doch wieder Hunger auf Süßes. Dabei lerne ich Tofu als Snack noch mehr schätzen. Tofu und Vollkornbrot schlagen jeden Heißhunger. 

Tag 13 

Heute gibt es Brot und Curry, das Mittagstief bleibt weiterhin aus und langes konzentrieren ist kein Problem, fällt mir sogar leichter als gewöhnlich.  

Tag 14 

Es gibt wieder meine etablierten zwei Mahlzeiten, heute ist der letzte Tag. Auch wenn ich weiß, dass mir ab morgen die Welt wieder völlig offensteht, fällt mir nichts konkret ein, was ich besonders vermisse. 

Rückblickend finde ich, mir hat der Verzicht sehr gutgetan. Die geschmackliche Entfernung von stark gesüßten Lebensmitteln und das Ausbleiben von ständigen Ausschlägen im Blutzucker hat mir ein besseres Gefühl gegeben. Außerdem ist mein Bauchumfang letztendlich um vier Zentimeter gesunken. Das kommt mir viel vor, aber es hat sich definitiv etwas verändert. Meine Haut ist ausgeglichener und ich habe wieder ein angenehmes Gefühl für Sättigung entwickelt. Bis zum Ende spüre ich keine Entzündungssymptome mehr. Ich empfehle den Zuckerverzicht also sehr, aber die organisatorischen Hürden sind hoch. Man hat nicht die Möglichkeit, unterwegs einfach irgendwo etwas zuckerfreies zu finden, das erfordert Suche, Zeit und Kopf dafür. Ich halte das für ein strukturelles Problem. Zucker ist selbstverständlich überall mit drin und das oft ohne, dass es nötig wäre.  

Mein heißester Tipp für Abwechslung, Snacks und Appetitzügelung: Tofu. Er enthält viel Protein und bietet wahnsinnig viele Zubereitungsarten, man kann sich durch viele Texturen, Geschmacksrichtungen und Konsistenzen probieren. 

Und für alle, die es probieren wollen: Versucht nicht, Zucker zu ersetzen und zuckerhaltige Speisen anzupassen. Wer Lust auf Schokolade hat, möchte selten  

Möhrensticks essen. Wenn ihr Heißhunger mit einer anderen Geschmacksrichtung stillt, die ihr liebt, dann verschwindet der Heißhunger nach und nach. Sucht euch für den Wocheneinkauf am besten vorher Ideen zusammen und kocht und kauft Lebensmittel, die sowieso zuckerfrei ist, so muss man nicht auf teure, als zuckerfrei angepriesene, verarbeitete Lebensmittel suchen. Zuckerfreie Ernährung bietet eine Chance, auf hochverarbeitete Lebensmittel zu verzichten und so auch wieder mehr relevante Nahrungsmittel und insbesondere Ballaststoffe zu sich zu nehmen. 


Tag 1 

Meine Gedanken nachdem ich mich zu diesem Selbstexperiment verpflichtet habe: Zum Glück gibt es wenig Lebensmittel, die ich nicht esse. Ich brauche aber dringend einen zuckerfreien Snack-Ersatz. Und schon beim Wappnen für die nächsten zwei Wochen fällt mir beim Einkaufen eines auf: Vegane und Bio-Produkte sind meist eher frei von Zuckerzusatz.  

Während ich vormittags lerne, würde ich nebenbei gerne etwas knabbern, doch dunkle Schokolade oder Haferkekse sind nicht drin. Also muss es ohne gehen. 

15 Uhr, mein Körper schreit nach einem Energiebooster, ich greife doch zum Glas Orangensaft und esse eine Handvoll Datteln. 

Tag 2 

Diesmal trinke ich nach dem Frühstück mein obligatorisches Glas Organgensaft und stelle beim Belegen eines herzhaften Eierkuchens erschrocken fest, dass jegliche Art von Scheibenwurst Glukose zugesetzt hat.  

Auf der Suche nach zuckerfreien Snacks lande ich in der Kleinkindabteilung bei DM: winzige Tütchen mit zu hohen Preisen. Und schmecken tun die Kichererbsenmehl-Cashew-Dattel-Kekse auch nicht. Ich bin entsetzt, als ich feststelle, dass meine organische Erdnussbutter Zucker enthält. 
Den gesamten Tag über habe ich das Gefühl, keine Energie zu haben.  

Tag 3 

Endlich finde ich taugliche Snacks. Apfelchips und Erdnussflips. Für süßlichen Geschmack trinke ich literweise Früchtetee. 

Tag 4 

Das ständige Hungergefühl geht seit Montag nicht weg. Mir fällt auf, dass ich viel größere Portionen als normal esse. Ich besorge mir ein zuckerfreies Spaßgetränk, um meine Lust auf Schokokekse zu stillen.  Zum Frühstück esse ich Haferflocken mit Tiefkühlbeeren und Mango-Apfelmark.  

Tag 6 

Mir fällt auf, dass ich weniger über Snacks nachdenke. Die Hauptmahlzeiten reichen mir, auch wenn ich davon mindestens zwei große brauche. Trotzdem inhaliere ich eine weitere Tüte Apfelchips. Ich kann definitiv sagen, dass ich keine Nachmittags-Tiefs mehr habe. Sonst brauchte ich zwischen 15 und 17 Uhr immer eine Pause und Schlaf. Den Nachmittag durchpowern zu können ist genial, weil ich viel mehr schaffe.  

Tag 7 

Ich bin ein bisschen am Verzweifeln, weil ich meine Heißhungerattacken während der Regelblutung nicht stillen kann. Große Gnocchi-Pfannen retten mir das Leben, mit Tomatensoße, Gemüse, veganer Kochsahne und Käse. Keine Überraschung mehr: Räuchertofu enthält Zucker, Naturtofu nicht.  

Tag 8 

Ich entdecke Bananen-Pancakes. Für den Rest der Woche gibt’s nichts anderes mehr zum Frühstück, mal mit Apfelmus, Dattel-Haselnuss-Creme oder Sojajoghurt und zerkochtem Tiefkühlobst. Das Pancakes-Braten morgens ist mir nur möglich, weil ich keine Univeranstaltungen mehr habe. Normalerweise hätte ich nicht die Zeit dafür.  

Tag 9 

Nach einem langen Spaziergang an der frischen, kalten Luft bin ich so ausgehungert, dass ich nach meinem Abendbrot noch eine halbe Tüte Erdnussflips esse. Mein Gefühl sagt mir, ein Schokohaferkeks hätte es auch gemacht. 

Tag 10 

Ich merke, wie ich mich an den zuckerfreien Alltag gewöhne. Mittlerweile sind alle meine Vorräte und der Kühlschrank zuckerfrei. Ich kann mir also einfach etwas greifen, ohne nachzudenken. Ich weiß, dass ich größere, ausgewogenere Mahlzeiten essen muss und koche dementsprechend. Den Rest der Woche habe ich keine Probleme mehr mit Heißhungerattacken.  

Tag 13 

Ich bekomme Besuch und wir machen Pizza selbst: garantiert zuckerfrei. Beim Abstecher zum Bäcker fürs Kaffeetrinken gehe ich allerdings leer aus.  

Tag 15 – Rückblick 

Zwei Wochen sind herum. Wenn ich es mir nicht nur einbilde, komme ich morgens tatsächlich besser aus dem Bett. Kein Nachmittags-Tief mehr. Ich habe den ganzen Tag Energie. Meine Haut wird wieder besser, aber das liegt vermutlich an meinem sich ändernden Hormonspiegel in der Follikelphase. Laut Bindfaden-Vergleich habe ich auch einen Zentimeter Bauchumfang verloren. Das kann aber auch an meiner aktuellen Zyklusphase liegen, in der ich natürlicherweise weniger und gesünder Esse. Was sich auch verändert hat: Ich habe mehr und abwechslungsreicher Obst gegessen. An meinem Gemüsekonsum hat sich allerdings nichts geändert. Zur Redaktionssitzung am Abend wird Kuchen mitgebracht, ich stürze mich begeistert auf ein Stück und stelle nach zwei Gabeln fest, dass mein Bedürfnis nach Zucker mehr als befriedigt ist. 

In den ersten Wochen des Zuckerverzichtes wird in vielen Quellen von erhöhter Nervosität, Unruhe, ständigem Hungergefühl, Müdigkeit, Kopfschmerzen etc. berichtet. Ein paar dieser Merkmale konnte ich auch bei mir feststellen. Jedoch kommen bei mir noch einige andere Faktoren dazu, die ebenfalls diese Symptome auslösen können. Ich befinde mich zur Zeit des Experiments in der Lutealphase meines Zyklus. Natürlicherweise habe ich ein gesteigertes Hungergefühl und andere Symptome des Prämenstruellen Syndroms (PMS). Außerdem befinde ich mich in der Prüfungsphase. Stress und kein geregelter Schlaf- und Essrhythmus sind bei mir alltäglich. Das alles kann die Symptome des Zuckerverzichtes verstärken und meine Ergebnisse des Selbstexperiments beeinflussen. Ich denke das Experiment war besonders hilfreich dafür, mir bewusst zu machen, wo wirklich überall Zucker drinsteckt. Ich meine, im Hinterkopf habe ich das auch schonmal gehört, aber sich wirklich damit auseinanderzusetzen, ist eine andere Nummer. Und ich freue mich danach wieder, die selbstgemachte Marmelade auf meinem Frühstücksbrot essen zu können, oder die Schokolade beim Spieleabend, oder ohne Bedenken Mensen zu gehen.  Bei diesem Selbstexperiment geht es uns nicht darum, Zucker zu verteufeln oder eine bestimmte Ernährungsweise anzuprangern. Zuckerfrei zu Essen ist ein Privileg: man braucht die Zeit zum Planen, Vorbereiten und Kochen und das Geld. Denn zuckerfrei einzukaufen ist deutlich teurer. Auch bei mir gilt nach dem Selbstexperiment wieder: Ernährung sollte ausgewogen sein und Essen Spaß machen. 🙂 


Beitragsbild: Namid Joschko & Lea Wendt

»Der Anspruch ist Deep Journalism«

»Der Anspruch ist Deep Journalism«

MALTE PASCHIRBE

Vom Uni-Podcast über Praktika bei großen Tageszeitungen bis ins Volontariat bei Table.Briefings: Robert Wallenhauer hat seinen Weg in den Journalismus strategisch geplant. Im Interview spricht er über Spezialisierung, Netzwerke – und warum »Deep Journalism« nicht so leicht durch KI zu ersetzen ist.


Moin Robert, du hast in Greifswald Politikwissenschaft und VWL studiert. Warum Greifswald?

Während eines früheren Familienurlaubs gefiel mir Greifswald bereits sehr gut. Die Entscheidung fiel dann, weil ich unbedingt an der Ostsee studieren wollte.

Anfangs habe ich BWL in Greifswald studiert, das hat mich irgendwann sehr frustriert. Thematisch fand ich das Studium spannend, die Umsetzung in Greifswald aber schlecht. Währenddessen habe ich in meiner Freizeit mit zwei Freunden einen Podcast über American Football produziert. Dabei ist mir aufgefallen, dass journalistisches Arbeiten Spaß macht. Die moritz.medien liefen mir bereits in meiner Ersti-Woche über den Weg – als ich dann nach Möglichkeiten suchte, mich journalistisch weiter auszuprobieren, sind sie mir wieder eingefallen.

Ab welchem Punkt hast du gemerkt, dass du Journalist werden willst?

Bei den Studi-Medien hat sich dieses Gefühl verfestigt: Zu recherchieren, schreiben, mit anderen Redakteur*innen zusammenzuarbeiten oder über Themen zu diskutieren. Das war einfach super. Die Idee, all das beruflich zu machen, schien mir sehr attraktiv.

Du hast dich schließlich dazu entschlossen, über die moritz.medien hinaus journalistisch zu arbeiten. Was genau hast du gemacht und wie kam es dazu?

Im Internet steht, wer Journalist*in werden will, muss Erfahrungen sammeln, Praktika machen, als freie Mitarbeiterin oder freier Mitarbeiter schreiben. Und das bin ich dann recht strukturiert angegangen: Welche Medien finde ich interessant? Wo werden Praktika ausgeschrieben? Dort habe ich meine Bewerbungen dann hingeschickt. Zusagen kamen von einer Produktionsfirma, die für RTL zuliefert, einer Regionalzeitung und einem Online-Medium. Später hatte ich die Möglichkeit für die Wirtschaftsressorts der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und der Süddeutschen Zeitung zu arbeiten. All diese Stationen waren super spannend und haben mir ganz unterschiedliche Skills beigebracht.

Nun bist du im Volontariat bei Table.Briefings. Was genau macht ihr, und wie unterscheidet es sich von klassischen Medienhäusern?

Table.Briefings produziert Newsletter, die mindestens einmal in der Woche erscheinen und sich sehr spezifischen Themen widmen. Zum Beispiel: Agrar- und Ernährungspolitik, aktuelle Entwicklungen im Weltraum, Afrika und deren Auswirkungen für Deutschland oder in der Bildungs- und Forschungspolitik. Der Anspruch dabei ist Deep Journalism. Also die Themen noch tiefer zu durchdringen als Medien, die sich an ein breites Publikum richten. Unsere Zielgruppe sind vor allem Entscheidungsträger und Experten in ihrem Fach, die durch unsere Berichterstattung in ihrem Job einen Informationsvorsprung bekommen sollen. Wir haben aber auch zwei kostenlose Newsletter, die sich sehr tiefgründig mit der Bundespolitik und Wirtschaftsthemen beschäftigen — die fand ich schon während des Studiums spannend.

Wie sieht dein Arbeitsalltag im Volo aus?

Sehr unterschiedlich. Ich arbeite vor allem im Team des Security.Table, dem sicherheitspolitischen Briefing und fokussiere mich auf Unternehmen in der Rüstungsindustrie, vor allem Tech-Unternehemen. Eine Konstante ist unsere Konferenz am Morgen, in der wir die Themen für die kommende Ausgabe besprechen. Häufig starte ich den Tag in der Redaktion, recherchiere, telefoniere, schreibe aktuell anstehende Artikel oder gehe zu Hintergrundgesprächen mit interessanten Gesprächspartner*innen aus Politik, Wirtschaft oder Forschung. Allerdings bin ich oft auch auf Veranstaltungen zum Thema Sicherheitspolitik oder Rüstungsindustrie in Berlin. Einfach um neue Kontakte zu knüpfen und ein Gefühl dafür zu bekommen, was in der Branche gerade wichtige Themen sind. Insgesamt ist der Alltag also sehr abwechslungsreich.

Was hat dich an Table.Briefings besonders gereizt?

Ich fand die Idee super, mich früh in meiner journalistischen Karriere in ein Thema richtig tief einzuarbeiten. Das ist an sich ein Skill, den ich trainieren wollte. Meiner Einschätzung nach ergibt sich daraus eine journalistische Arbeitsweise, die nicht so leicht durch eine KI zu ersetzen ist: Mit Expert*innen sprechen, ein Netzwerk aus Quellen aufbauen, sein Themengebiet durchdenken und (investigativ) analysieren.

Was hat dir konkret geholfen, dein Volontariat zu bekommen?

Am Ende des Studiums hatte ich überdurchschnittlich viele Praktika gemacht und auch nebenbei viel Erfahrung gesammelt – bei den moritz.medien und anderen privaten journalistischen Projekten. Und ich glaube, ich habe mich im Vorstellungsgespräch ganz gut angestellt.

Was ist dein bisheriges Highlight im Volo?

Im Februar ist unser gesamtes Team zur Münchner Sicherheitskonferenz gefahren. Das war eine komplette Reizüberflutung, aber auch ein absolutes Highlight.

Du hast Politikwissenschaft und VWL studiert. Wie wichtig sind deiner Meinung nach Spezialisierungen (z. B. Politik, Wirtschaft, Datenjournalismus)?

Mir hilft diese Spezialisierung auf jeden Fall. Während meiner Praktika waren viele Redakteure immer positiv überrascht, dass jemand, der nicht Journalismus, Kommunikation oder Germanistik studiert, in die Redaktion kommt und journalistisch arbeiten will.

Meiner Einschätzung nach können aber auch Studis aus eben diesen Gebieten hervorragende Journalist*innen werden. Viel wichtiger als das Studienfach ist, neugierig zu sein, Fragen zu stellen und sich früh ein bisschen journalistisches Handwerk beizubringen.

Gibt es eine Geschichte aus deiner Zeit bei den moritz.medien, die dich besonders geprägt hat?

Keine einzelne Geschichte. Allerdings habe ich während meiner moritz-Zeit mit drei Freunden das ›Investigativ‹-Team ›moritz.Millennium‹ aufgebaut. Die Zusammenarbeit mit den dreien hat immer viel Spaß gemacht.

Was sind aus deiner Sicht die größten Herausforderungen für junge Journalist:innen?

Es gibt auf jeden Fall relativ viele Einstiegshürden: Medienhäuser wollen, dass Praktikant*innen Erfahrungen mitbringen und die Stellen werden dann meistens sehr schlecht bezahlt. Das führt dazu, dass es ein Privileg ist, Erfahrungen bei großen Medien zu sammeln, wenn man selbst in Greifswald studiert – weil es dann immer mit einem temporären Umzug, Wohnungssuche und so weiter verbunden ist. Das muss man erstmal irgendwie finanzieren können. Und dann kann man immer noch beobachten, dass Beziehungen, ein Netzwerk aus Bekannten, ein super wichtiger Bestandteil bei der Jobsuche ist.

Teilweise können Initiativen wie die moritz.medien dagegenwirken. Andere Hürden lassen sich allerdings nicht so schnell abbauen.

Welchen Rat würdest Studierenden im ersten Semester geben, die in den Journalismus gehen möchten?

Erstens: Machen, machen, machen. Du hast eine absurde Artikelidee? Recherchieren und aufschreiben! Du willst einen Podcast starten oder ein Instagram-Format umsetzen? Los gehts! Eine Doku für YouTube-Drehen? Nicht lang zögern, ausprobieren! Zweitens: Vernetzt euch so früh wie möglich mit anderen (Nachwuchs-)Journalist*innen. Das macht alles einfacher — selbst wenns nur darum geht, sich gemeinsam über die Branche aufzuregen. Für beides sind die Studi-Medien ein guter Start.

Wie blickst du auf die Zukunft des Journalismus? Stichwort USA, große Techkonzerne

Die Branche steht auf jeden Fall vor riesengroßen Herausforderungen. Wahrscheinlich schon seit den 1990er Jahren. Jetzt nimmt meiner Wahrnehmung nach einfach die Geschwindigkeit zu. Ich bleibe aber – vielleicht gezwungenermaßen – Optimist: Guter Journalismus ist aktuell wichtiger denn je. Journalist*innen, die neuen Technologien offen begegnen, das Handwerk drauf haben und anpassen können, auf welchen Plattformen sie ihre Zielgruppe erreichen, werden auch in Zukunft Erfolg haben.

Eine kurze Frage zum Abschluss: Print, Online oder Newsletter?

Alle drei plus Podcasts.


Guter Rat, oder gutes Geschäft?

Guter Rat, oder gutes Geschäft?

Der Finanzdienstleister MLP bietet kostenfreie finanzielle Beratungen für Studierende an. Verbraucherschutzverbände kritisieren das auf den ersten Blick vorteilhafte Angebot. Was steckt dahinter?

von Lorenz Neumann

Hast du schon an deine finanzielle Zukunft gedacht? Sorgst du vor für die Rentenlücke? Was ist mit Berufsunfähigkeit? Kennst du die Statistiken über Altersarmut?

Die meisten Studierenden haben anderes im Kopf – Seminare, Nebenjobs, Prüfungen. Universitäten bereiten sie auf vieles vor, selten aber auf Finanzplanung. Wäre es da nicht beruhigend, eine Beratung an der Seite zu haben? Jemanden, der dir hilft, die richtigen Entscheidungen zu treffen – damit man sich ganz auf das Studium konzentrieren kann?

Genau das verspricht MLP. Eine All-in-One-Lösung für alle möglichen finanziellen Belange. Doch Kritiker*innen sagen: Das Unternehmen nutzt aggressive Vermarktungsstrategien gegenüber jungen Menschen, um an ihnen zu verdienen. Was steckt dahinter?

Unternehmerischer Fokus

Die börsennotierte MLP Finanzberatung SE wurde 1971 in Wiesloch gegründet. Das Kerngeschäft von MLP ist der Vertrieb von Finanzprodukten an Akademiker*innen. Laut eigener Aussage hilft MLP Kund*innen dabei, „die richtigen Entscheidungen in allen Finanzfragen zu treffen“. MLP arbeitet auf Provisionsbasis, das heißt, die Beratungstermine sind kostenlos. Geld verdienen die Vertreter*innen erst dann, wenn die Kund*innen auch einen Vertrag abschließen, dafür erhalten sie dann eine Provision.

Provisionsbasierte Beratung ist nicht unumstritten. Kritiker*innen sehen darin einen Interessenkonflikt. Die Verbraucherschutzzentrale warnt: „Finanzberater*innen empfehlen, für ihre Kundschaft unerkennbar, gezielt solche Produkte, mit denen sie am meisten Geld verdienen.“ Es entstehe außerdem der Anreiz mehr und häufiger Abschlüsse zu erzielen, die Kund*innen teilweise nicht benötigen würden. Verbraucherschützer fordern deshalb ein Verbot für provisionsbasierte Beratung in Deutschland. In anderen Ländern, wie zum Beispiel den Niederlanden oder Großbritannien existiert so ein Verbot bereits.

MLP sieht in einem Provisionsverbot eine einseitige Maßnahme, die die tatsächliche Kundennachfrage außer Acht lasse. Zudem biete das Provisionsmodell laut MLP den Vorteil, dass hohe Einstiegskosten für eine Beratung vermieden würden – die Vergütung erfolge stattdessen über die Beiträge.

Jagd auf Jungakademiker*innen

Um zu wachsen und Umsätze zu machen, ist MLP auf Neukund*innen angewiesen und fokussiert sich hier auf Studierende. Um diese besonders gut zu erreichen, setzt die Firma auf sogenannte „Hochschulteams“, die in jeder größeren Universitätsstadt vertreten sind.

Im Greifswalder Hochschulteam arbeiten laut Website fünf Personen. Um Kontakt mit Studierenden herzustellen, nutzt das Team verschiedene Strategien. Für Wirtschaftsstudierende sammeln sie beispielsweise Prüfungsprotokolle. Für Mediziner*innen organisieren sie Workshops, zum Beispiel zum Thema „PJ und Famulatur im Ausland“, veranstalten Gewinnspiele oder unterstützen ihre Veranstaltungen finanziell. Teilweise arbeiten sie dafür mit FSR oder fachschaftsnahen Gruppen wie der Ortsgruppe der Medimeisterschaften zusammen.

An anderen Hochschulen kooperiert MLP teilweise mit den universitären Kompetenzzentren, zum Beispiel in Frankfurt oder Chemnitz. In Mannheim ist dank gro.zügiger Förderung sogar ein Hörsaal nach MLP benannt und in Heidelberg sponsert MLP ein Basketball-Team, die „MLP Academics Heidelberg“.

Die NGO Finanzwende e. V. setzt sich schon länger für ein Ende universitärer Zusammenarbeit mit MLP ein. Sie werfen MLP vor, dass solche Angebote nur der Kontaktanbahnung zum Abschluss von Verträgen dienen und fordern Maßnahmen, um Studierende besser vor Finanzvertreter*innen schützen.

Im Netz allgegenwärtig

MLP hat jedoch bereits neue Wege entdeckt, um Studierende zu erreichen. Schon 2021 sagt Vorstandsvorsitzender Uwe Schroeder-Wildberg gegenüber der Börsen-Zeitung, dass MLP einen Großteil der Studierenden inzwischen im Netz anspreche und nicht mehr an Hochschulen. Die Ansprachen im Netz und in Social Media erfolgen vorrangig über die Plattform Hochschulinitiative Deutschland. Auf ihr können sich Studierende für Seminare und Workshops anmelden, Blogeinträge lesen, an Gewinnspielen teilnehmen oder auf andere „Goodies“ zurückgreifen.

Die Plattform wird nicht von MLP direkt betrieben, sondern von der Uniwunder GmbH. Auf ihrer Website schreibt Uniwunder, ihre Vision sei es, „der digitale Anlaufpunkt für Studierende in den Bereichen Karriere, Finanzen, Ausland, Studienorientierung und Lernen […] [zu] sein, indem wir unsere Nutzer stets für passende, außeruniversitäre Angebote begeistern.“ Durchgeführt werden viele der Seminare und Workshops von MLP. Uniwunder beschreibt diese Zusammenarbeit als eine „Win-win-Situation“. MLP biete ihrerseits „hochwertige Workshops für Studierende“ und die Uniwunder GmbH könne diese durch ihre große Reichweite an Studierende vermitteln.

Für einige Nutzer*innen bleibt dabei auf den ersten Blick verschleiert, dass MLP nicht nur ein strategischer Partner ist, sondern auch 81,08 Prozent der Anteile an der Uniwunder GmbH besitzt. MLP verweist darauf, dass die Eigentümerstruktur zum Beispiel in ihrem Pressebericht oder auf der Website von Uniwunder öffentlich dargelegt worden sei. Die Transparenz wird aus Sicht des Unternehmens dadurch gewahrt.

Finanzwende e. V. sieht das anders. Die Plattform sei nach ihrer Ansicht „eine Sammelstelle für Adressdaten […]. Studierende werden unter dem Deckmantel eines kostenlosen Lehrangebots in Seminare gelockt, die von MLP-Beratern veranstaltet werden und diesen auch zum Anwerben von Neukunden dienen.“

MLP betont darauf, dass sowohl auf der Website als auch im Anmeldeprozess ersichtlich sei, dass die Seminare von MLP durchgeführt werden. Die Workshops würden außerdem ein mehrwertiges Angebot darstellen, durch das Unternehmen auf sich aufmerksam machen könnten und auch bereits einen ersten Kompetenzbeweis erbringen würde. Die positiven Bewertungen sprächen dafür, dass das Angebot gut ankomme.

Eine Frage der Perspektive

Je tiefer man sich mit einem Thema beschäftigt, desto vielschichtiger erscheint es. Eine Haltung sollte man sich dennoch bilden. Zwei Lesarten stehen im Raum:

Wenn MLP Studierenden echte Unterstützung bietet – sei es durch kostenlose Workshops, hilfreiche Tipps oder finanzielle Förderung – dann ist das durchaus ein Gewinn.

Wenn jedoch studentische Unerfahrenheit gezielt genutzt wird, um sie in Verkaufsgespräche zu führen, aus denen im besten Fall unnötige, im schlimmsten Fall schädliche Verträge resultieren – dann wäre das eine ganz schön große Sache.


„Jetzt muss doch mal gut sein“ – Ein Erfahrungsbericht

Robert, ein Jurastudent aus Greifswald, berichtet, wie er 2022 in einem Gewinnspiel einen Gesetzeskommentar gewann, den er jedoch nur nach einem Beratungsgespräch erhalten sollte. Erwartet, dass MLP dahintersteckt, hatte er nicht. „Nachdem man erst mal in der Datenbank war, wurde man etwa einmal im Monat ‘auf Kumpelbasis’ zum weiteren Beratungsgespräch über die eigene Zukunft geladen“, berichtet er.

Die Beratung drehte sich vor allem um Altersvorsorge und Berufsunfähigkeit. Dabei habe der Vertreter ihm „die üblichen vagen Statistiken zu Berufsunfähigkeit und Altersarmut vorgesetzt“. Als Lösung wurde ihm dann ein Modell mit drei MLP-eigenen Konten präsentiert. Nachdem er auch noch eine Privathaftpflicht abgeschlossen habe, sei der Druck dann weiter gestiegen. Als er schließlich die Unterlagen erhielt, habe er sich zum Widerruf entschieden – woraufhin sein Berater ihn entrüstet anrief. Insgesamt seien ihm zu diesem Zeitpunkt die regelmäßigen mehrstündigen Beratungen „ohnehin lästig“ geworden, da er kurz vor seinem Examen stand.

Außerdem verärgerte es ihn, dass ihm immer wieder ein neues Angebot aufgedrängt wurde. „Jetzt muss doch mal gut sein“, dachte sich Robert dann irgendwann. Zum Kontaktabbruch kam es dann aber, weil sein Vertreter Aussagen traf, die ihm klar machten, dass seine selbstbestimmte Altersvorsorge nicht respektiert werde. Am Ende zog er die Konsequenz und kündigte den Beratervertrag. „Ich habe keine konkret schlechten Erfahrungen gemacht, aber es blieb aber ein dauerhaft komisches Gefühl und ein hoher Verkaufsdruck“, fasst er zusammen. Zu den Produkten sagt er, dass die Haftpflicht insgesamt in Ordnung sei, auch wenn er sie noch nicht in Anspruch genommen habe.

Beitragsbild: moritz.magazin / Janne Koch

Vergessene Morde: Rechte Gewalt in Greifswald und ihre Spuren

Vergessene Morde: Rechte Gewalt in Greifswald und ihre Spuren

Vor 25 Jahren wurden vier Greifswalder Obdachlose von Rechtsextremen ermordet. Heute erinnern sich wenige Greifswalder*innen an ihre Geschichten.

von Lea Wendt und Lorenz Neumann

Gützkower Straße, Greifswald. während rechte Gewalt und Hetze weiter Alltag sind, erinnert hier ein denkmal an Klaus-Dieter Gerecke- brutal ermordet, weil er obdachlos war. Er war einer von 15 vergessenen Todesopfern rechter Gewalt in MV seit 1990. Viele dieser Verbrechen blieben lange unaufgearbeitet. die Initiative „Kein Vergessen“ erinnert an ihre Geschichten- als Mahnung nicht zu schweigen.

Leben unter dem”Asozialen”-Paragraphen

Greifswald, 1973: Klaus-Dieter Gerecke, welcher im sozialschwachen Viertel „Brinkhof“ aufwächst, schlägt sich seit dem 18. Lebensjahr mit Gelegenheitsjobs, wie bei der Müllabfuhr durch. Dieser blieb allerdings immer regelmäßiger fern. September 1973 wurde er das erste Mal von der Polizei verhaftet und nach Paragraph 249 verurteilt.

In veröffentlichten Auszügen der Humboldt-Universität zu Berlin wird dieser „asozialen Paragraph“ aufgeführt. Er besagt, dass jeder, der arbeitsfähig ist, dieser auch nachgehen sollte. All die, die sich der Arbeit aus Scheu entziehen, Prostitution nachgehen oder auf andere unehrliche Weise den Unterhalt finanzieren, „werden mit Verurteilung auf Bewährung oder Haftstrafe, bis zu zwei Jahren bestraft. Zusätzlich kann auf Aufenthaltsbeschränkung und auf staatliche Kontroll-und Erziehungsaufsicht erkannt werden.“ Die Seite gegenuns.de, gegründet vom verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt e. V. (VBRG), berichtet von einem Spitzenwert mit insgesamt 14.000 in Haft genommene Menschen. Anlass war laut der Quelle der Wunsch der DDR- Führung, den öffentlichen Raum von „kriminellen und asozialen Personen zu säubern“. Noch nach der Haftentlassung wurden Verurteilte mit strengen Miet- und Wohnsitzauflagen, Hausdurchsuchungen und ständigen Kontrollen schikaniert. Verurteilung und Ausgrenzung betroffener Menschen wurde so auch noch nach der, oftmals etwas willkürlichen, Verhaftung gefördert.

Auch gegen Klaus-Dieter Gerecke wurde seit seiner ersten Festnahme bis zum Ende der DDR mehrfach unter §249 vorgegangen. Nach seinen Entlassungen stieg sein Alkoholkonsum immer weiter an, während er die Arbeit weiterhin verweigerte. Während einer Haftzeit wandte sich Klaus-Dieter Gerecke, in Form eines Briefes an den damaligen Bürgermeister. Er solle ihm doch endlich eine reale Chance der Wiedereingliederung geben. Diese Bitte wurde ihm jedoch verweigert. In einer späteren Umfrage der Insassen gibt er an, stehlen zu müssen, um zu überleben. Eine effektivere Rehabilitation könne dem vorbeugen.

Nach Ende der DDR, verdiente er sich sein Geld durch das Sammeln von Pfandflaschen. Bis er 1994 schließlich die Erwerbsunfähigkeitsrente erhielt. Fast jeder kannte den nun auf der Straße lebenden Klaus-Dieter Gerecke unter dem Namen „Kläuser“. Oft war er auch mit seinem Bruder Rainer zu sehen, zu dem er laut Zeugenaussagen wohl ein sehr gutes Verhältnis pflegte. Beide wohnten nicht nur gelegentlich zusammen, sondern unternahmen auch gemeinsame Ausflüge mit der Diakonie. Bis zum 1. April 2000. An diesem Tag ereilte Klaus-Dieter Gerecke ein schwerer Schicksalsschlag mit dem plötzlichen Tod seines Bruders. Bis heute sind die genaueren Umstände unbekannt. Klar ist nur, dass Rainer in ein Auto voller Jugendlicher gestiegen oder gezerrt worden ist, bevor er einige Tage später, tot auf einer Landstraße aufgefunden wurde. Von da an, war Klaus-Dieter Gerecke nur noch in tiefster Trauer aufzufinden. In einem früheren Interview mit den moritz.medien sagt er: „Glück? Hab ich niemals gehabt in meinem Leben.“ – „Sind Sie nicht glücklich?“ – „Das geht gar nicht, …weil mein Bruder tot ist“. 

Der Mord an Klaus-Dieter Gerecke

Nur drei Monate später verstirbt er selbst aufgrund eines gewaltsamen Tötungsdelikts.

Am Abend des 23. Juni 2000 treffen sich drei junge Erwachsene, darunter zwei 18-Jährige und ein 21-Jähriger, in der Greifswalder Innenstadt zum Trinken. Dabei begegnen sie den ihnen bekannten „Kläuser“. In späteren Verhandlungen sagt der Haupttäter Maik G. aus, von seinen Begleiterinnen die explizite Forderung bekommen zu haben, Klaus-Dieter Gerecke zu töten.

Vorerst bleibt es bei Beleidigungen, wie „Penner“ und „Assi“. Sie beginnen, Gerecke bis zu einem Waschsalon zu verfolgen. Dort kommt Maik G. mit seinem späteren Opfer in ein Gespräch über das Leben auf der Straße. Er bekommt von ihm noch ein Bier ausgegeben. Nach verlassen der Wäscherei, folgen die drei Täter*innen ihm weiterhin und Maik G. greift Klaus-Dieter Gerecke mit einem Schlag ins Gesicht das erste Mal in dieser Nacht an. Die Hilfe eines vorbeikommenden Autofahrers lehnt der Angegriffene ab.

An einem Supermarkt in der Gützkower Landstraße schlägt Maik G erneut zu. Über Stunden hinweg ist der zu Boden gefallene Klaus-Dieter Gerecke einer Tortur aus Tritten, Schlägen und Erniedrigungen ausgesetzt. Während sie den Mann foltern, legen sie Rauchpausen mit dazugekommenen Jugendlichen ein. Auf die Frage, was sie machen, antwortete Maik G. schamlos “Penner wegschlagen”. Die dazugekommenen jungen Mopedfahrer brechen später auf, um neue Zigaretten zu kaufen. Dem Haupttäter raten sie wegen seiner bereits blutigen Schuhe nicht mitzukommen. Auch beide Frauen treten weiterhin mehrfach auf das Opfer ein. 

Sie hören erst auf, bis sie von dem Opfer kein Lebenszeichen wie ein Röcheln wahrnehmen können. Die jungen Frauen verständigen die Polizei. Sie hätten auf einem Spaziergang den Schwerverletzten gefunden. Maik G. flieht in eine Telefonzelle, wo er in blutigen Klamotten einschläft.

Bevor die Rettungskräfte am Tatort ankommen, ist Klaus-Dieter Gerecke an seinen Verletzungen gestorben.

Die “Baseballschlägerjahre” in Greifswald

Die Geschichte Klaus-Dieter Gereckes ist kein Einzelfall. Laut der Website kein-vergessen-mv.de gibt es seit 1990 in Mecklenburg-Vorpommern 15 bestätigte Todesopfer rechter Gewalt und acht weitere ungeklärte oder Verdachtsfälle. Vier der Opfer kamen aus Greifswald: Eckard Rütz, Horst Diedrich, Klaus-Dieter Gerecke und Rainer Gerecke.

Die Taten fanden vor allem in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren statt, einer Zeit, die später „Baseballschlägerjahre“ genannt werden sollte. Der Begriff steht hierbei stellvertretend für ein Bild, dass sich in vielen ostdeutschen Städten zeigte: Neonazis in Bomberjacken und Springerstiefeln, die an Straßenecken oder vor Supermärkten herumlungern – manchmal mit einem Baseballschläger als Zeichen ihrer Gewaltbereitschaft. Unter dem Hashtag #baseballschlägerjahre auf (damals noch) Twitter teilen viele Betroffene ihre Geschichten. „1994, mit 13 Jahren ist mir das erste Mal bewusst geworden, wie gefährlich Faschos sind, als ca. 30 Glatzen mit Baseballschlägern vor dem Nachbarhaus standen und jemanden suchten. Ich stand zu Hause am Fenster hinter der Küchengardine. Meine Mutter zog (…) mich weg und sagte mir, dass uns das nichts angeht.“, schreibt ein Nutzer. 

Auch in Greifswald ist das nicht anders. Eine wichtige Rolle spielt dabei die NPD. Maik Spiegelmacher, Neonazi und ehemaliger NPD-Kreisvorsitzender, möchte damals in Greifswald das Konzept der „National Befreiten Zone“ umsetzen. Damit meinen sie laut Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) Gebiete, in denen sie das Alltagsleben und Straßenbild prägen und darüber entscheiden, welche Verhaltensmuster und Lebensstile „erlaubt“ sind – Andersdenkende werden zu Feinden erklärt. Natürlich gab es auch genug, die sich dem entgegenstellten. Dennoch findet „Die Woche“, eine inzwischen eingestellte Zeitung, in einem Artikel aus dem Jahr 2000, Greifswald sei eine „von Neonazis unterwanderte Stadt“.

jung, sozialdarwinistisch und gewaltbereit

Die vier Greifswalder Opfer waren allesamt obdachlos. Von den Täter*innen werden sie als „Assis“ beschimpft, die nichts zur Gesellschaft beitragen würden. In einigen Fällen suchten die Täter*innen ganz gezielt nach „asozialen“ Opfern, die sie schikanieren, verprügeln und ausrauben können. Eine Gruppe von Jugendlichen sucht den obdachlosen Horst Diedrich innerhalb von vier Tagen dreimal auf, schlägt ihn zusammen und raubt ihn aus. Dann lassen sie ihn bewusstlos zurück und nehmen in Kauf, dass er stirbt. 

Warum diese Gewalt? Damit die Opfer „niemandem mehr auf der Tasche liegen“ oder um ihnen eine Lektion zu erteilen. Die Taten sind allesamt ein besonders makaberes Ergebnis der sozialdarwinistischen Weltanschauung der Täter*innen.

Sozialdarwinismus ist laut Definition der bpb die Idee, „dass im ‚Kampf um das Dasein‘ […] nur die Besten, die Stärksten oder Erfolgreichsten […] überleben“. Der Begriff wird im rechtsextremen Spektrum genutzt, um eine menschenverachtende Perspektive auf diejenigen zu legitimieren, die nicht in ihr eindimensionales Gesellschaftsbild passen: Außenseiter, Migrant*innen und Wohnungslose. Noch heute ist diese Überzeugung einer der Eckpfeiler neonationalistischer Ideologien.

Sozialdarwinistische Gedanken sind immer noch weit verbreitet.

In der „Mitte-Studie 20/21“, herausgegeben von der Friedrich- Ebert-Stiftung, stimmen 8,7 % der Menschen abwertenden Aussagen über Obdachlose teilweise oder voll zu. Schaut man sich Ostdeutschland alleine an, steigt diese Zahl auf erschreckende 14 %. Die Zustimmung von Abwertungen gegenüber Langzeitarbeitslosen liegt deutschlandweit bei erschreckenden 24,9 %. Die aktuelle Debatte über „BürgergeldVerweigerer“, die gerade von rechter Seite intensiv geführt wird, lässt vermuten, dass diese Zahlen inzwischen sogar noch höher liegen.

Auch die Gewaltbereitschaft scheint aktuell wieder zuzunehmen. Lobbi, eine Beratungsstelle für Betroffene rechter Gewalt, meldete zuletzt einen dramatischen Anstieg an rechten Angriffen in Mecklenburg-Vorpommern. Vorpommern-Rügen und Vorpommern-Greifswald zählen dabei, bezogen auf die Einwohnerzahl, zu den Schwerpunktregionen. die Dunkelziffer der Angriffe dürfte dabei deutlich höher sein.

Gedenken und Verantwortung

Die Geschichten dieser Opfer und der zugrunde liegenden Umstände erzählen nicht nur von dem Leid einiger Weniger, sondern auch von einer Gesellschaft, die sich ihrer Verantwortung stellen muss.

Schon kurz nach dem Tod Klaus-Dieter Gereckes solidarisieren sich Greifswalder mit dem Toten. Hunderte Menschen nehmen an einer Gedenkveranstaltung am Tatort teil, tausend an einem Trauermarsch. Für ihn und Eckard Rütz sind Gedenksteine installiert worden. Das Bündnis „Schon Vergessen?“ organisiert jährliche Mahnwachen und auch im Internet gibt es Initiativen, die sich ihrer Geschichte widmen. Auffällig wenig hat damit die Stadt zu tun – die Initiativen sind privat organisiert: von einzelnen Bürger*innen oder Vereinen. Damals wie heute sind längst nicht alle beteiligt. Ein Großteil der Stadt schweigt und vergisst.

Hat sich etwas daran geändert, wie wir Wohnungslosen begegnen? Frank K., der in Greifswald auf der Straße lebte, erzählt 2021 in einem Interview mit gegenuns.de.: „Die Leute gucken viel weg, anstatt hinzugucken oder zu helfen. […] Da wirst du noch blöde angemacht: ‚Was will der Penner hier?’“. Er selbst wurde mehrfach angegriffen, seitdem er auf der Straße lebte. Immer wieder wurden Räumungsbescheide gegen ihn durchgesetzt, bis er seinen provisorischen Schutzplatz am Schießwall verlassen musste. Am 28. Mai 2024 ist Frank K. verstorben.

Am Ende bleibt ein mulmiges Gefühl. Es hat sich viel getan, doch längst nicht genug. Was denn nun machen? Vielleicht fängt es damit an, dass wir darüber reden und nicht wegsehen. Den Raum nicht abtreten. Nicht im Gespräch, nicht in den sozialen Medien und erst Recht nicht auf der Straße.

Beitragsbild: Lea Wendt / Janne Koch