moritz.playlist – Cage the Elephant

moritz.playlist – Cage the Elephant

Musik Töne mit Zusammenhang, oder gerne auch ohne. Im Prinzip systematischer Krach. Jede*r hat schonmal Musik gehört, aber was ist die Geschichte hinter den einzelnen Stücken, auch Lieder genannt, und womit verbinden wir sie? Was lösen sie in uns aus und wer hat sie erschaffen? webmoritz. lässt die Pantoffeln steppen, gibt vor, was angesagt ist und buddelt die versteckten Schätze aus. Unsere Auswahl landet in eurer moritz.playlist.

Cage The Elephant verfolgen keineswegs Ambitionen in einer Karriere als Tierfänger. Im Gegenteil: Der Name entstand im Gründungsjahr 2006, als ein psychisch beeinträchtigter Mann die Gruppe nach einem Auftritt aufsuchte, den Sänger Matt Shultz umarmte und immer wieder sagte: „You have to cage the elephant“. Von da an verkehrten sie als Cage The Elephant und produzierten bis zum heutigen Tag fünf Studioalben, beginnend im Jahre 2008 mit dem kreativen gleichnamigen Album „Cage The Elephant“. Dabei verhielt sich ihr Song „Aint‘t No Rest For The Wicked“ für die aus Kentucky stammende Gruppe eindeutig als Dosenöffner Richtung Ravioli der ganz großen Bühne. Fortan waren auch die kommenden Platten „Thank You Happy Birthday“ und „Melophobia“ große Erfolge, da die Musik mit traumhaften Melodien geschmückt wurde. Melophobia bedeutet dabei eigentlich so viel wie „Angst vor Musik“, soll jedoch dafür stehen, Musik unter falschen Voraussetzungen zu schreiben, um den sozialen Standards gerecht zu werden oder unter die Etikette des „Cool-Seins“ zu fallen. Die neuesten Alben „Tell Me I’m Pretty“ und „Social Cues“ gewannen jeweils den Grammy Award als beste Rockalben.

Bei Cage The Elephant findet man alles, was man in einer Indie Rockband suchen kann. Vom Punkeinfluss der früheren Alben entwickelten sie einen ganz eigenen Sound, der sich nur schwer beschreiben lässt. Besonders ist er allemal, denn es wird sich nie zu sehr auf etwas festgelegt. Stile werden innerhalb der Alben, von Lied zu Lied, gelegentlich geändert, dem Kernkonzept wird jedoch immer treu geblieben. Zu außergewöhnlichen Gitarrenriffs gesellen sich ruhige Passagen an den passenden Stellen. Thematisiert wird oft das Sonderbare oder Besondere in der Masse. So sind auch Depressionen und das Nicht-Funktionieren häufig besprochene Komplexe.

Auf die moritz.playlist kommen drei ganz besondere Lieder der Gruppe selbst sowie zwei Lieder der Support-Acts der letzten Tour 2020 SWMRS und Post Animal. Der erste Song ist „Back Against The Wall“ aus dem Debütalbum „Cage The Elephant“. Er spiegelt die Divergenz, von der die Band bereits in frühen Tagen lebt, perfekt wider. Durch den sichten Beginn wird bis zur letzten kräftigen Note ein Spannungs- und Euphorieaufbau vollzogen. Anders verhält es sich mit „Cigarette Daydreams“. Das Lied ist vom ersten bis zum letzten Ton einfach nur perfekt. Kein weiterer Kommentar nötig.
„Telescope“ ist ein textliches und emotionales Meisterwerk. Interpretationsfreiheiten lassen offen, ob es reine Depressionen und das Gefühl der Verlorenheit thematisiert, oder als Anlass zum Aufstehen und Etwas-Schaffen gewertet werden kann. Allemal lädt es zum Träumen ein, wobei auch mal eine Träne verdrückt werden kann.
Der Support-Act meiner persönlichen Cage The Elephant-Erfahrung SWMRS ist auf dem Weg, ein ähnlich wunderbares Werk zu schaffen. In „Lose it“ schafft die Band, in der auch Billie Joe Armstrongs Sohn Joey Armstrong Mitglied ist, eine nostalgisch soft-punkige Atmosphäre.
Schlussendlich bietet Post Animals „Googles“ einen Einblick in den psychedelic Rock.

Mit Cage the Elephant kann man sehr lange Spaß haben. Die Musik lädt dazu ein, ein Album nach dem anderen durchzuhören. Und dann, wenn man die Songs kennen und lieben gelernt hat, bleiben sie an einem heften wie Heftklammern. Die textlich und audiotive Mischung bringt einen zum nostalgischen Schwelgen, oft kann man einfach die Seele baumeln lassen. Gleichzeitig gibt es aber auch genug zum aus allen Löchern Mitsingen und zum hektischen aber begeisterten Füßewippen. Was möchte man schon mehr in einer Zeit von austauschbarer Belanglosigkeit?

Titelbild: blocks auf unsplash.com
Beitragsbild: Patrick Perkins

Acht Tage Bach

Acht Tage Bach

Als kultureller Klassiker Greifswalds feiert die Bachwoche dieses Jahr ihr 75. Jubiläum. Nachdem sie im letzten Jahr auf ein digitales Format ausweichen und die 10 000 erwarteten Besucher*innen zuhause bleiben mussten, ist es umso erfreulicher, dass die Bachwoche diesen Juni wieder in Präsenz stattfinden kann. Im Jubiläumsjahr bietet das Musikfestival ein kleines aber vielfältiges Programm im Dom St. Nikolai an.

Unter dem Motto „paradiesisch 2.0“ legt die 75. Bachwoche ihren Schwerpunkt auf tägliche Gottesdienste in Form der klassischen „Geistlichen Morgenmusik“ mit einer Aufführung von Bachkantaten. Hinzu kommt dieses Jahr „Geistliche Abendmusik“, die durch Musik aus dem ursprünglich umfangreicher geplanten Programm ergänzt wird. So wird die Bachwoche am Sonntag, den 06. Juni, mit einer Predigt der Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt und passend mit Bachs Kantate „Höchsterwünschtes Freudenfest“ eröffnet. Den Abschluss wird am 13. Juni ein Festgottesdienst bilden, der live auf die Domwiese übertragen wird, aber auch auf YouTube genossen werden kann.

Zudem veranstaltet das „Festival Geistlicher Musik im Norden“ anlässlich seines 75. Jubiläums ein digitales Symposium über Bachfeste im Osten Deutschlands. Hierfür betrachten Referent*innen aus der Musik und Musikwissenschaft die Historie der Bachwoche, ihre aktuellen Publikumsentwicklungen und Tendenzen der Bach-Rezeption.

Das Wichtigste auf einen Blick:
Was? 75. Greifswalder Bachwoche
Wann? Sonntag, 06. Juni bis Sonntag, 13. Juni 2021
Wo? Hauptsächlich im Dom St. Nikolai
Weitere Hinweise? Der Eintritt zu den Veranstaltungen ist kostenlos, es wird jedoch um Spenden gebeten. Zudem ist eine Platzreservierung (zum Beispiel per Mail an aeheike@uni-greifswald.de) im Voraus nötig und ein Corona-Test erwünscht.

Beitragsbild: Geert Maciejewski

„Cocaine for the Kids“ – Rap aus dem Hinterland

„Cocaine for the Kids“ – Rap aus dem Hinterland

Am Freitag ist das neue Album „Cocaine for the Kids“ von Hinterlandgang erschienen. Warum sich die Platte von den vorherigen Alben unterscheidet und wieso Vorpommern Kampfsport bleibt.

„Wir sind nur das Portrait dieser Gegend, gezeichnet vom Leben“

Die Hinterlandgang sind Pablo Himmelspach (23) und Albert Münzberg (23) aus Siedenbüssow bei Jarmen. Die beiden kennen sich schon ein Leben lang und fangen mit 18 an zu rappen. Es geht steil bergauf: Vier Alben in vier Jahren. Konzerte, Releasepartys, Festivals, Support bei „Waving the Guns“ und „Feine Sahne Fischfilet“. In den Songs geht es vor allem um die Heimat Vorpommern, das Aufwachsen zwischen „Aufstand und Tristesse“, das Leben hinter grauen Fassaden. Sie thematisieren ihre Jugend in MV, innere und äußere Konflikte, sowie den Kampf gegen Faschismus. Die Familie und Freund*innen der Hinterlandgang spielen dabei eine wichtige Rolle und finden immer wieder einen Platz in den Texten.

Mit dem neuen Album „Cocaine for the Kids“ zeigt sich Hinterlandgang in einem anderen Licht. In den letzten Jahren hat das Rap-Duo beschrieben, wer es ist und wo es herkommt. Jetzt werden persönliche sowie politische Themen und Grenzen diskutiert. Klare Ansagen und konkrete Statements. Jedes Lied hat eine Botschaft und die Themen sind vielfältig. Es geht um Kritik an der Gesellschaft, am Kapitalismus und an der sozialen Kälte in Deutschland. Wer ist privilegiert? Was bedeutet Anerkennung? In Liedern wie „Der Himmel kann warten“ und „Ich denk an dich“ setzen sich Albert und Pablo mit diesen Fragen auseinander.

Der Titelsong „Cocaine for the Kids“ ist das Herz des Albums. Hinterlandgang rechnet hier mit der sogenannten deutschen Leitkultur ab. Ein Begriff, der oft im Zusammenhang mit den Themen Migration und Zuwanderung genannt wird, und vor allem von rechtskonservativen Politiker*innen aus der CDU/CSU oder AfD verwendet wird. In den Lines „Ihr seid die Rächer der Nation vor der Tagesschau, jemand der unserem Volk wieder Ordnung schenkt, ihr wartet drauf“ und „Wir hängen eure Kultur vom Balkon, lass sie zappeln“ richten sie sich kurz gesagt an Anzugträger. Sie verkörpern, was Hinterlandgang kritisiert: Eine Klassengesellschaft, in der Wirtschaft über allem steht und „die Würde des Menschen eingesperrt in einem Lager“ ist. Eine Kritik an der Identität und den Werten der Europäischen Union, in der sie selbst aufgewachsen sind.

„Jeder weiß, was passiert ist“

„Direkt in unserer Mitte liegt ein Stein mit deinem Namen, an dem Ort, wo du lagst, vor genau 20 Jahren“, rappt Pablo. In „Keiner von uns“ setzten sich Hinterlandgang mit dem rechtsextremistischen Mord an dem Obdachlosen Eckard Rütz auseinander. In der Nacht vom 24. zum 25. November 2000 wurde er von drei Neonazis in Greifswald auf brutalste Weise ermordet. Vor Gericht erklärten die Täter, dass Rütz dem deutschen Steuerzahler auf der Tasche gelegen hätte und dass man ihm eine Lektion erteilen wollte. Sein Gedenkstein steht auf der Wiese neben der Alten Mensa. Nazis und Rechtsextremismus in Vorpommern sind und bleiben zentrale Themen der Hinterlandgang.

„Wir sind nicht ein Blut, aber eine Familie“

Gegen Ende des Albums werden die Texte persönlicher, Freund*innen und Familie stehen im Vordergrund. Die Features mit Bella, Lewa109 und Schmidti109 zeigen die tiefe Verbundenheit der Gang und erzählen von gemeinsamen Erlebnissen und Träumen. In „Reich mir nicht deine Hand“ und „Vorpommern bleibt Kampfsport“ setzt sich Albert besonders mit der Beziehung zu seinem Vater auseinander. „Hatte nie ein Vater, nur ein Vater Staat“ und „Meine einzige Angst, so zu werden wie du“ sind Zeilen, die von der familiären Vergangenheit erzählen.

„Cocaine for the Kids“ ist ein selbstbewusstestes und politisches Album. Hinterlandgang setzt sich hier kritisch mit politischen Themen auseinander, bleibt aber Vorpommern und seinen Menschen treu.

Beitragsbild: Lena Elsa Droese

Umgekrempelt: Eine Woche lang auf Musik verzichten

Umgekrempelt: Eine Woche lang auf Musik verzichten

Kennt ihr das, wenn man mal was Neues ausprobieren will, aber am Ende alles beim Alten bleibt? Uns jedenfalls kommt das sehr bekannt vor, deswegen haben wir uns für euch auf einen Selbstoptimierungstrip begeben. In dieser Kolumne stellen wir uns (meistens) sieben Tage als Testobjekte zur Verfügung. Wir versuchen für euch mit unseren alten Gewohnheiten zu brechen, neue Routinen zu entwickeln und andere Lebensstile auszuprobieren. Ob wir die Challenges meistern oder kläglich scheitern, erfahrt ihr hier.

Wie gerne ich jetzt Musik hören würde! Aber nein! Das ist für mich nicht drin. Denn genau darum geht es: keine Musik zu hören. Eine ganze Woche lang. ‚Aber warum habe ich mir das angetan?‘, fragen sich vielleicht einige – Ich will herausfinden, wie es mir damit geht, wenn ich mich nicht den ganzen Tag über von meiner Musik beschallen lasse. Vielleicht verändert sich sogar nachhaltig etwas an meinem Musikverhalten.

Meine Ausgangssituation vor diesem Selbstversuch ist die Folgende gewesen: Ich höre andauernd und gerne Musik. Bei jeder alltäglichen Situation: beim Abwaschen, beim Zähneputzen, beim Spazierengehen oder auch zum Einschlafen. Daher musste dieses Projekt etwas warten, denn die Prüfungsphase wäre ein unmöglicher Zeitpunkt für mich gewesen, um auf Musik zu verzichten! Was hätte ich schließlich sonst in meinen Lernpausen tun sollen?!

Während meiner siebentägigen Reise bin ich vor allem der Frage nachgegangen, was Musik meinen Mitmenschen bedeutet, was sie mit ihnen macht und was sie selbst dazu verleitet, so viel Musik zu hören.

1. Tag: Montag

Am Sonntag Nachmittag stellte ich mir extra einen Erinnerungs-Wecker, damit ich nicht vergessen konnte, keine Musik zu hören. Und schon prasselten Situationen auf mich ein, in denen ich gerne Musik gehört hätte: Beim Zähneputzen, beim Abwaschen, beim Sachen packen oder auch beim Artikel schreiben. Aber das fiel alles flach. Mich umgab die pure Stille. Doch änderte sich heute irgendetwas für mich? Nicht wirklich. Ich wollte ein paar Mal auf meinen Spotify Account klicken, dann fiel mir jedoch ein, dass ich das nicht darf. Am Abend wollte mein Freund mir einen Song zeigen und er spielte ihn an, bis mir meine selbstgewählte Challenge einfiel und ich meinte: „Stopp! Ich darf keine Musik hören!“ Daraufhin wurde der Song abgebrochen und ich werde ihn mir wohl erst später anhören können.

Unsere Chef-Redakteurin Julia meint: ,,Keine Musik zu hören, wäre für mich unvorstellbar. Sobald ich aufwache, spielt Musik in meinem Kopf on repeat, und wenn ich die Zeit dazu habe, befriedige ich das Dauergedudel schon kurz nach dem Aufstehen, indem ich genau dieses Lied lautstark aus meinem Handylautsprecher ertönen lasse. Dann noch dazu beim Zähneputzen durchs Badezimmer tanzen, und der Morgen ist perfekt. Musik ist mein konstanter Begleiter — auf dem Fahrrad, beim Geschirrspülen, während des Lernens. Sie ist die perfekte Allzweckwaffe: Sie versetzt mich in eine bestimmte Gefühlslage, hilft mir bei der Konzentration oder bringt mich auf andere Gedanken, wenn es nötig ist.“

2. Tag: Dienstag

Heute sollte die größte Herausforderung des Selbstversuchs stattfinden: Eine lange Bahnfahrt stand bevor. Ein Alptraum, denn ALLE hören in der Bahn Musik. Da macht es doch am meisten Spaß, die alten Lieblingssongs zu hören und in Erinnerungen zu schwelgen, während man aus dem Fenster schaut und die Felder an einem vorbei zu fliegen scheinen. Was tut man stattdessen? Ein Buch lesen. Und ich war tatsächlich sehr stolz darauf, weil ich es im Studium kaum noch schaffe, „normale“ Lektüre zu lesen. Später schrieb ich an meinem Artikel weiter. Natürlich ganz ohne Musik auf den Ohren. Es war auszuhalten.

,,If you’ve lost your faith in love or music then the end won’t be long.“ sang schon Indie-Rock-Legende Pete Doherty. Treffender könnte man es kaum ausdrücken, findet auch der Greifswalder Studierende und Hobbygitarrist Kai. Für ihn ist Musik sein ständiger Begleiter im Alltag. ,,Musik kann jegliches Gefühl ausdrücken, passt also in jede Lebenslage. Wenn ich Musik höre oder selbst spiele, versinke ich in ihr und denke an nichts anderes, was sich sonst um mich herum abspielt.“ so Kai. Und diesen Zustand konnte ich bei ihm schon oft genug beobachten 😊.

3. Tag: Mittwoch

Schon wieder erlebte ich einen perfekten Moment, um Musik zu hören: Während eines langen Spaziergangs auf dem Heimweg. Stattdessen telefonierte ich mit jemandem. Das bot sich dann ganz gut an. An diesem Tag arbeitete ich länger an einem Artikel und wollte so gerne wieder Musik hören, aber ich hielt es auch dieses Mal wieder ohne aus.

Meine Freundin Lea fragte ich auch, was Musik für sie bedeutet: ,,Musik bedeutet für mich Individualität. Es ist Ausdruck meiner Persönlichkeit. Musik hilft mir mich besser zu fühlen, mich zu verstehen und mich zu trösten. Über Musik findet man zusammen. Man schließt Freundschaften. Und Musik ist natürlich auch da, um abzutauchen und Zeit zu überbrücken.“

4. bis 6. Tag: Donnerstag bis Samstag

Die Tage über kam ich sehr gut mit der Situation klar. Tatsächlich viel besser als ich dachte. Ich las in Situationen, in denen ich vielleicht träge im Bett liegen würde, um der Musik zu lauschen. Und ansonsten herrschte Stille oder ich hörte einen Podcast, während ich anderen Tätigkeiten nachging. Außer wenn Filmen und Serien Zuhause liefen. Da konnte (und durfte) ich nicht ins Musikgeschehen eingreifen. Von Donnerstag bis Samstag passierte an sich auch nichts Spannendes, was das Selbstexperiment anging. Ich habe mich viel schneller an die Situation ohne Musik zu „leben“ gewöhnt als gedacht.

Meine Freundin Lilly meint: ,,Musik ist der Schlüssel zur Verwandlung in andere Welten. Die Möglichkeit durch die Zeit zu reisen. Die Fähigkeit, eine andere Identität auszuleben und somit das eigene Potential neu zu entdecken.“

7. Tag: Sonntag

Ich freue mich wirklich sehr auf morgen. Nun brauche ich mich nicht mehr zu erschrecken (und auch schuldig zu fühlen), wenn ich auf einmal Background-Musik in einem Film oder einer Serie höre, was mir mehr als nur einmal passierte.

Jetzt habe ich andere Personen gefragt, was Musik für sie bedeutet. Aber zum Schluss will ich die Frage auch für mich selbst beantworten. Meine Musik gibt mir in den unterschiedlichsten Phasen meines Lebens Halt. Ich wähle sie mir (meistens selbst) aus und sie versteht mich, ohne mich zu kennen. Und darf mich gleichzeitig mit einem leichten Mantel der Heimat umdecken. Manche Lieder erinnern mich an Reisen mit guten Freunden, an Verflossene, diverse Familienfeiern oder auch an die Zeit beim verzweifelten Lernen. Man erstellt sich Playlisten, die genau auf diese Geschehnisse zugeschnitten sind. Deine Musik ist immer für dich da und wird dich nie im Stich lassen.

Fazit

Ein Tag nach dem Selbstversuch stellte ich fest, wie sehr mir mein Musikgeschmack auf die Nerven ging. Ich musste mich erst einmal wieder in meine Musik eingrooven. Mein Freund nennt meinen Musikgeschmack immer „Depri-Mucke“. Jetzt kann ich ihn eindeutig besser verstehen. Ich hatte das Gefühl, die Musik einer anderen Person zu hören. Das Gefühl hielt aber auch nur zwei Stunden an. Danach war ich wieder von dem Gefühl umgeben, nach Hause gekommen zu sein.

Weiterhin werde ich in alltäglichen Situationen Musik hören, aber dafür umso mehr die Stille genießen.

Und zu guter Letzt kommen noch von unserem Redakteur Philipp seine Musikweisheiten:

  1. Für mich persönlich ist Musik wohl der zentrale Stimmungsmodulator in meinem Leben. Mit dem passenden Lied kann man Gefühle verstärken, dämpfen oder in eine ganz andere Richtung umlenken. Damit haben Radiosender und heute umso mehr auch KIs zur individualisierten Song-Auswahl einen großen Einfluss auf unsere Stimmung.
  2. Musik ist für mich der eleganteste Weg, um fremde Kulturen kennenzulernen. Sie funktioniert nonverbal und verständigt Menschen auf einer emotionalen Ebene. Außerdem ist sie immer offen für neue Einflüsse und symbolhaft dafür, wie wir voneinander lernen und uns gegenseitig besser machen können.
  3. Im digitalen Zeitalter noch mehr als früher schon, ist Musik immer auch eine endlose Suche. Und gerade das macht für mich einen großen Teil der Faszination aus: immer neue, spannende Klänge zu finden. Egal ob beim Jammen mit Freund*innen oder beim Durchstöbern von Streaming-Diensten, es gibt so viele coole Sounds, die entdeckt werden wollen!
  4. Last but not least ist Musik immer auch ein Spiegelbild der Gesellschaft. Vom einzelnen Lied mit Einflüssen aus aller Welt bis hin zum Musik-Business als Ganzem, in dem wir lange zwar immer mehr Musik konsumieren, aber gleichzeitig immer weniger dafür ausgeben wollten. Langsam scheint sich jedoch auch hier die Einsicht und damit eine Trendwende anzubahnen.

Beitragsbild: Eric Nopanen
Banner: Julia Schlichtkrull

Montagsdemo: Alopecia Teil 2

Montagsdemo: Alopecia Teil 2

Keine Sorge, das hier ist keine Politik-Reihe, im Gegenteil. Aber in der aktuellen Situation, in der das Demonstrationsrecht leider vielerorts missbraucht wird, um Unwahrheiten und Hass zu verbreiten, ist es an der Zeit, dem Wort „Demo“ wieder zu neuem Glanz zu verhelfen. Und zwar mit guter Musik.

Habt ihr die Feiertage alle gut überstanden? Dann weiter mit dem zweiten Teil des „Alopecia“-Reviews! Nachdem wir uns vor zwei Wochen mit dem Besingen einer fremden Beziehung in “Fatalist Palmistry” in die wohlverdienten Weihnachtsferien verabschiedet hatten, geht es jetzt zum Jahresabschluss nochmal um’s Ganze.

Der achte Song des WHY?-Albums heißt “The Fall of Mr. Fifths” und er bietet in diesem Jahr ungewollt eine spannende Bühne für die Aufarbeitung der Feiertage. Das schöne an lyrischen Texten ist ja, dass sie oft so wunderbar mehrdeutig sind. Aber in diesem Fall und in der aktuellen Situation ist die Nebenbedeutung so offenkundig und fast schon prophetisch, dass es sich lohnt, sie in diesem einen Jahr zur Hauptbedeutung zu erheben. Zur Erinnerung, der Song stammt aus dem Jahr 2008:

“Oh I’ve stayed scarce this last year yes,
but be assured and unrest
I’m unavoidable like death this Christmas
is this twisted?
Why be upset?
I never said I didn’t have Syphilis, Miss listless.”

Tauscht man “Syphilis” mit “Covid” aus, hätte dieses Zitat in diesem Jahr wortwörtlich so in einem Streitgespräch unter dem Weihnachtsbaum gefallen sein können. Und dazu der Titel “The Fall Of Mr. Fifths” (eigentlich ein alias von Yoni), der sich einen Tag nach dem “fünften Advent” wie eine Aufforderung zur Abrechnung mit dem Jahr und den Feiertagen anfühlt. In der Demo wird das Ganze noch etwas schüchtern vorgetragen: Erst steigt Yoni viel zu früh ein und muss dann nochmal einen zweiten Versuch unternehmen, der aber ebenfalls unsicher klingt. Der Beat ist hier noch sehr provisorisch mit einem schlichten Schlagzeug-Rhythmus, einer Rassel, einer hohen Synthesizer-Spur und einer Bassline. In der fertigen Studioversion ist der Sound viel voller, der Grundbeat ist zwar immer noch simpel, füllt die Kopfhörer aber ganz aus. Und hat mit den jetzt zusätzlich eingebundenen Glocken auch einen weihnachtlichen Beigeschmack, fast pompös, gar protzig, wie um die Ankunft des (besseren) Königs anzukündigen:

“If I remain lost and die on a cross
at least I wasn’t born in a manger.”

Die ganze Stimmung des Liedes möchte an Weihnachten provozieren, im Streit ein reinigendes Feuer entfachen. Und dazu passt auch das Ende der Studio-Version, in der man das Knistern der Flammen hört, sowie das abschließende Statement:

“I’m sorry, I’m just being crazy, I know
Don’t pay attention to me
Look at the fire.
Everything’s totally fine
I feel a lot better now!”

Keine Sorge, die Feiertage sind überstanden!

Der Übergang zum neunten Titel des Albums, “Brook & Waxing”, verläuft nahtlos durch ein Stimmgewirr (das wohl die Gedankenkonstellation beim Grübeln darstellen soll) am Ende von „The Fall of Mr. Fifths“. Der Titel befasst sich damit, dass es sich manchmal leichter lebt, wenn man sich nicht zu viele Gedanken um die Konsequenzen des eigenen Handelns macht. “Waxing” ist dabei ein schönes Wortspiel, das einerseits das Wachs der halb ausgebrannten “Lebenskerze” des Protagonisten aufnimmt, aber gleichzeitig auch das emotionale “Wachsen” des Baches (Brook) zu einem Fluss beschreibt, nachdem die Hauptperson nicht mehr so viel nachdenkt. Musikalisch wird dieser plötzliche Wandel aufgegriffen, als der eigentliche, sehr träge, weil auf Schlag 1 und 3 betonte, Song in einer schrägen Klaviermelodie ausklingt und dann plötzlich eine neue, sehr viel fröhlichere Melodie das Outro übernimmt. Dieser Teil ist in der Demo-Aufnahme noch nicht vorhanden, dafür endet der Song in einer schrägen, ausgelassenen Gesangsmelodie.

Dass es manchmal gar nicht so einfach ist, alte Denkmuster zu verlassen, zeigt der zehnte Titel “A Sky for shoeing horses under”, der sich gedanklich mit verschiedensten metaphorischen Niederlagen im Leben des Protagonisten beschäftigt. Und mit einer wortwörtlichen, die den Abschluss der Strophe bildet: “I only played chess in my life once and I lost (at such a cost)” Auffällig ist, dass aus den Niederlagen nicht der Wunsch zu entstehen scheint, es noch einmal versuchen zu wollen. In der Demo ist der Song hier schon nach 49 Sekunden zu Ende. Die Aufnahme wirkt sehr spontan, ein “Beat aus der Dose”, eine Xylophon-Melodie und der traurige Text, das war’s. In der Studioversion klingt es voller, aber trotzdem gedämpft. Das Lied endet textlich auch hier wenig fröhlich in einem abgewandelten Mantra des Songtitels mit “Looks like a good sky to die under.” Dabei fühlt sich das Ende aber nicht wirklich traurig an, sondern eher gleichgültig, etwas betäubt, vielleicht durch das Khat, von dem vorher im Song die Rede war. Musikalisch wird das Gefühl durch das hohe, durchgängige, sehr monotone Glockenspiel, das das Xylophon aus der Demo ersetzt hat, unterstützt. Das Lied wirkt in der Studioversion insgesamt fast verträumt und von der Realität losgelöst, so als ob das Studio eine Parallelwelt wäre.

Der elfte Titel “Twenty-eight” ist eine 44-sekündige Intermission. In der Demoversion sind es sogar nur 29 Sekunden und es ist weniger ein Lied als ein, in ein Diktiergerät vorgetragenes, Gedicht, vollkommen ohne Instrumentalbegleitung. Es geht eindeutig um eine unglückliche Liebe, inhaltlich bietet der Text aber dennoch einige Interpretationsmöglichkeiten. Das beginnt schon beim Titel, der am Anfang aus dem Off hereingerufen wird und entweder als die Anzahl der laufenden Takes oder als eine Altersangabe gesehen werden kann. Variante 1 ermöglicht die Interpretation, dass der Protagonist einen Song nach dem anderen schreibt, weil er die andere Person einfach nicht aus dem Kopf bekommt. Variante 2 eröffnet eine ganz andere Sichtweise. Vielleicht haben der Protagonist und die Besungene einen “Beziehungspakt” geschlossen, nach dem sie zu einem bestimmten Zeitpunkt zusammenkommen, wenn beide single sein sollten. Zu dieser Interpretation passt die erste Line “Tell me, are you single yet?”, allerdings wird der restliche Text dann sehr düster, in der die schließlich tödlichen Qualen einer männlichen Person beschrieben werden. In Variante 1 der Protagonist selbst, in Variante 2 der Partner der Angebeteten.

Der creepy Vibe wird in “Simeon’s Dilemma” nahtlos aufgegriffen, wenn der schüchterne, wenn nicht sogar feige, Protagonist seine romantischen Tagträume vorträgt: “Stalker’s my whole style and if I get caught I’ll deny, deny, deny.” Hier und im Titel (Petrus’ Name war eigentlich Simon) findet sich mit der dreifachen Verleugnung von Jesus durch Petrus einer der vielen biblischen Bezüge in den Texten dieses Albums, in dem religiöse Motive insgesamt eine zentrale Rolle spielen. Einerseits quasi als Gegenpol zu den düsteren Alltagsgeschichten, aber andererseits durch falsche Versprechungen auch als Ursache für diese. In diesem Song wird die andere Person zum Messias erhoben, nur um diese Rolle danach direkt wieder in Frage zu stellen, weil sie gerade in einem Umzugswagen sitzt und ihn hinter sich lässt. Die weltfremde Stimmung der Tagträume, in denen Möglichkeiten einer gemeinsamen Zukunft durchgesponnen werden, wird durch eine monotone Xylophon-Melodie (in der Demo ein Klavier) untermalt und insgesamt ist der ganze Song nach den textlastigen vorherigen Titeln ungewohnt melodisch, fast schon ein Popsong (der in der Demo aber so schräg gesungen ist, dass er kaum zu ertragen ist). Im Verlaufe des Erzählung hadert der Protagonist damit, ob er seine Gefühle offenlegen oder für sich behalten sollte. Er entschließt sich erst dagegen, tut es am Ende aber doch (auf eine sehr eigenartige Art und Weise): “Twenty-five carved with a butter knife on the palm of my new hand. It’s out, you’re mostly what I think about.”

Der 13. und vorletzte Titel “By Torpedo or Crohn’s” ist aus zwei Gründen sehr interessant. Zum einen ist die Demo noch ziemlich anders als die Studioversion und eröffnet so Einblick in die Entwicklung des Liedes. Die Demo enthält noch eine zusätzliche Strophe gegenüber der Studioversion, nämlich die zweite Strophe aus dem achten Song “The Fall of Mr. Fifths”, von dem auch das Knistern des Feuers am Ende in der Studioversion übernommen wurde. Außerdem endet die finale Version auf dem Refrain des neunten Titels “Brooks & Waxing”. In der Zusammenschau lässt die Band hier also das Album noch einmal Revue passieren. Interessant ist der Song aber zum anderen auch deshalb, weil er das Leben mit der chronischen Erkrankung Morbus Crohn aufgreift und dabei auf viele Aspekte eingeht, in denen die Krankheit Einfluss auf das Leben des Protagonisten nimmt. Dadurch erhält das Album neben den diversen Liebesgeschichten eine ganz neue inhaltliche Ebene und Tiefe.

Den Abschluss von “Alopecia” bildet der 14. Track “Exegesis”, also die Auslegungsfrage und als religionswissenschaftlicher Begriff damit wieder ein zentrales Motiv des Albums. Im Song wird von einem Suizid durch Erhängen berichtet, dem vorangestellt wird, dass der Protagonist es so tun würde, wenn er es tatsächlich tun wollte. Ist das jetzt ein Abschiedsbrief oder eben gerade nicht? Ein sehr spannender Song, weil er die vorherigen, teilweise sehr negativen, Titel des Albums aus Sicht der Band etwas in Relation setzt. Für mich ist der Song auf eine absurde Weise sehr lebensbejahend. Das zeigt zum Abschluss noch einmal das interessante Songwriting dieses besonderen Albums, denn wie vielen Bands gelingt schon ein solcher Effekt in einem Song, in dem mantraartig dreimal (in der Demo zweimal) von einem Suizid berichtet wird? Musikalisch ist der Titel ebenfalls spannend, denn während in der Demo eine einfache Klavierbegleitung das Mantra untermalt und der Titel abrupt beginnt, wird die “Exegesis” in der Studioaufnahme akustisch sanft mit Klanghölzern und Tiergeräuschen im Hintergrund in ein Dschungel-Feeling eingeführt. Beide Versionen erzeugen auf ganz unterschiedliche Weise eine meditative Atmosphäre, die uns als Hörer*innen nach dem Ausklingen der letzten Töne in einer schwerelosen Stille zurücklassen. Wie war das noch gleich mit der Auslegung?

“Alopecia” ist ein besonderes Album, an dem sich die Geister scheiden werden. Für die einen wird es zu viele Grenzen überschreiten und tatsächlich ist es an manchen Stellen so grafisch und/oder schwermütig, dass es nur schwer zu ertragen ist. Gleichzeitig sind aber die Texte so außergewöhnlich brillant geschrieben, dass es mit etwas emotionalem Abstand zu den Inhalten eine Freude ist, die lyrischen Meisterstücke einfach auf sich wirken zu lassen und die Wortspiele, Reime und die besondere Metrik aufzusaugen. Vielleicht sollte man zugegebenermaßen manchmal aber nicht zu sehr darüber nachdenken, was man sich da gerade eigentlich angehört hat. Darauf macht das Album aber auch selbst schon deutlich.

Beitragsbilder: (alle Künstler*innen auf pixabay.com)
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