Am Samstag, den 14.05.2022, fand das Abschlussfest des Nordischen Klangs im St. Spiritus statt, welches ein voller Erfolg war. Eingeladen waren dabei drei Bands. Gestartet haben um 18 Uhr bei strahlendem Sonnenschein im Innenhof des St. Spiritus Mall Girl aus Norwegen, als zweite Band war Whatclub von den Åland-Inseln am Start und das Finale gaben Lexsoul Dancemachine aus Estland in den Innenräumen des Veranstaltungsorts, wobei die Bands jeweils andere Musikrichtungen spielten.
Mit diesem Fest hat der Nordische Klang einen wirklich gebührenden Abschluss gefeiert. Die meisten der Zuschauer*innen haben irgendwann an diesem Abend mindestens einmal das Tanzbein geschwungen und durch die verschiedenen Musikgenres der Bands war auch für jede*n etwas dabei, was sich auch darin widergespiegelt haben könnte, dass das Publikum bunt gemischt war und alle Altersklassen vertreten waren. Seit Freitag war das Abschlussfest mit 250 Karten restlos ausverkauft, wobei eine normale Karte 18 Euro, ein Studierendenticket 12 Euro und ein Ticket mit Klangkarte 5 Euro gekostet hat.
Die erste Band des Abends – Mall Girl
Die erste Band des Abends war auch die jüngste, sowohl vom Alter der Bandmitglieder als auch vom Alter der Band selbst her. Mall Girl ist eine Indie-Rock-Band aus Oslo in Norwegen, die seit Herbst 2017 zusammenspielen. Erst vor kurzem, am 29. April 2022, ist ihr Debütalbum Superstar bei Jansen Records erschienen. Für die Band war der Auftritt sogar der erste außerhalb Skandinaviens. Auch in Zukunft würden sie gerne wieder in Deutschland spielen, aber aktuell sind hier noch keine weiteren Konzerte geplant. Bei ihren Liedern möchte man sich bewegen und den Klängen dieser talentierten, jungen Menschen lauschen. Man hat bei den Mitgliedern, gerade auch bei Eskild gemerkt, dass sie ihre Musik richtig fühlen. Da macht es als Zuschauer*in noch viel mehr Spaß, ihnen zuzuhören. Für alle, die nicht auf dem Konzert waren, ist hier ein Video, das ihr euch ansehen könnt, um einen Eindruck von der Band zu erhalten.
Als ich den Gitarristen Eskild nach dem Auftritt fragte, wie sie auf ihren Bandnamen gekommen sind, erzählte er mir, dass die Sängerin Bethany bei einer Probe den Namen vorschlug, ihn alle auf Anhieb cool fanden und dass ihnen am Namen gefällt, dass jede*r eine andere Assoziation mit diesem Begriff hat. Für ihn steht er für Spaß und Verspieltheit, was die Band für ihn repräsentiert. Allen Fans der Band fiel sicherlich auf, dass die Schlagzeugerin Veslemøy bei dem Auftritt nicht dabei war. Der Grund dafür war, dass sie als bekannte Schlagzeugerin in verschiedenen Bands spielt und am gleichen Tag mit einer anderen Band auf einem Jazzfestival einen Auftritt hatte. Der Schlagzeuger, der beim Nordischen Klang ihren Platz eingenommen hatte, hatte laut Eskild bereits mit der Band zusammengespielt, sodass die Konstellation gut gepasst hat.
Als letzte Frage stellte ich allen drei Bands folgende Frage: Wo wird die Band idealerweise in fünf Jahren sein? Eskild antwortete mir darauf, dass sie drei weitere Alben veröffentlicht haben und ausverkaufte Konzerte überall in Europa spielen. Meine Daumen sind gedrückt, dass dieser Traum in fünf Jahren Wirklichkeit geworden ist. Ich bin gespannt, was sie in den nächsten Jahren noch zaubern werden und möchte noch mehr von ihnen hören!
Die zweite Band des Abends – Whatclub
Nach einer Pause folgte das Quartett Whatclub von den Åland-Inseln, welche Gypsy-Jazz spielt. Ihr Stil stammt vom Hot Club de France, wovon auch ihr Bandname inspiriert wurde: Überall gibt es Hot Club Bands, sie wollten sich selbst aber nicht den gleichen Namen geben und dachten sich „What Club“? Angefangen hat die Band als Trio 2006/2007, Andreas Nyberg kam dann 2010/11 dazu. Es war für die Band auch das erste Mal, dass sie in Deutschland einen Auftritt hatten, was sie ebenfalls in Zukunft gerne wiederholen würden. Wie jede der drei Bands waren auch sie vom Publikum begeistert. Sie fanden es vor allem schön zu sehen, dass die Leute das Tanzen angefangen haben und sie so Kontakt mit den Zuschauer*innen aufnehmen konnten. Im Gegensatz zu den Bands vor und nach ihnen war ihre Musik etwas ruhiger, aber auch zu ihrer Musik konnte man sich bewegen und sich von ihr tragen lassen. Unter diesem Link findet ihr ein Video von einem Live-Auftritt der Band, falls ihr sie nicht auf dem Konzert gehört habt.
Auf meine Frage, wo die Band in fünf Jahren sein wird, antworteten alle Bandmitglieder, dass sie immer noch zusammenspielen wollen und weiterhin tolle Konzerte geben wollen, wie an diesem Abend. Ich wünsche ihnen, dass auch ihr Wunsch in Erfüllung geht und sie noch viele Menschen mit ihrer Musik begeistern können und zum Tanzen anregen können.
Die dritte Band des Abends – Lexsoul Dancemachine
Für die letzte Band ging es nach drinnen, worüber ich sehr froh war, da es mittlerweile doch ziemlich frisch draußen wurde. Ich bin mir jedoch sicher, dass die Band den Zuschauer*innen draußen genauso eingeheizt hätte wie drinnen. Lexsoul Dancemachine aus Estland, die es seit 2013 gibt und die bereits drei Studioalben veröffentlicht haben, spielen vor allem Funk gemischt mit Soul, in ihren Liedern mischen sich aber oft mehrere Genres.
Eigentlich sollten sie bereits 2019 zum Nordischen Klang kommen. 2022 hat es nun endlich geklappt und das Warten hat sich mehr als gelohnt! Die Band wurde laut den Veranstaltenden absichtlich ans Ende des Abends gestellt, da sie dafür bekannt sind, ihr Publikum mit ihrer Live-Performance auszulaugen. Das kann ich bestätigen! Schon nach den ersten Takten ihres ersten Songs waren die Zuschauer*innen wie elektrisiert und in den Bann der Tanzmaschine gezogen; sie machten ihrem Namen also alle Ehre. Es gab sogar Zuschauer*innen, die nur wegen Lexsoul Dancemachine zu dem Abschlusskonzert gekommen sind. Ich muss auch sagen, dass mir die Band am besten gefallen hat, einfach weil ich richtig abtanzen konnte und sie so gute Stimmung gemacht haben! Aber nicht nur die Zuschauer*innen haben getanzt! Nein, auch einzelne Bandmitglieder haben immer wieder auf der Bühne getanzt, womit sie so viel Energie versprühten, die sich natürlich auf das Publikum übertragen hat. Mir ist auch völlig schleierhaft, wie der Keyboarder Joonas Mattias Sarapuu es geschafft hat, nebenbei zu tanzen. Ich habe selbst Klavier/Keyboard gespielt, musste dabei jedoch immer ganz still sitzen. Aber gut, schließlich steht auch er auf der Bühne und nicht ich. Ihr Konzert ging mit tosendem Applaus und zwei Zugaben zu Ende. Ich und viele andere hätten am liebsten noch viel länger getanzt. Wer nicht auf dem Konzert war, sollte sich unbedingt einen Live-Auftritt von ihnen anschauen.
Aber wie kamen sie überhaupt auf ihren Bandnamen? Darauf antwortet der Leadsänger Robert Linna, dass ihr Bassspieler Martin Laksberg heißt, den sie „Mister Lex“ nennen. Daraus haben sie schließlich den Bandnamen zusammengesetzt: Er steht für das, was sie musikalisch ausmacht. Auch sie hoffen, dass sie wieder in Deutschland spielen werden, sie sind wohl auch schon für nächstes Jahr für ein paar Festivals gebucht. Und wo möchte Lexsoul Dancemachine in fünf Jahren sein? In fünf Jahren machen sie gerade eine Welttour und geben das Abschlusskonzert in Greifswald. Besser hätte Robert Linna darauf nicht antworten können. Das Abschlusskonzert hier in Greifswald! Wenn es soweit kommt, werde ich auf jeden Fall dabei sein! So oder so möchte ich die Band unbedingt noch einmal erleben, im besten Fall jedoch nicht erst in fünf Jahren.
Fazit
Beim Schreiben des Artikels war ich immer noch beschwingt von diesem wirklich tollen Abend! Es war so schön, einfach mal wieder ausgelassen zu tanzen, ganz ohne Maske! Laut den Veranstaltenden sind sie auf einem Niveau von vor Corona angelangt und ihre Erwartungen an das Festival wurden übertroffen. Ich würde sagen, da ging es nicht nur den Veranstaltenden so! Ich muss jedoch gestehen, dass ich vor dem Konzert keine der Bands kannte (abgesehen davon, dass ich mir auf der Seite vom Nordischen Klang die verlinkten Videos angeschaut habe) und dachte, dass es ein netter, entspannter Abend werden würde. Aber meine Erwartungen wurden mehr als übertroffen! Ich hätte nicht gedacht, dass ich so viel tanzen würde und SO viel Spaß haben würde. Es war auch wirklich erfrischend, mal andere Musik zu hören, als die, die täglich im Radio kommt, oder die man in eigenen Playlists hat und die dazu noch super klingt und die Füße in Bewegung versetzt. Man hat gemerkt, dass alle Bands einfach lieben, was sie tun und Spaß daran haben. Diese Energie hat sich natürlich auch auf das Publikum übertragen. Am liebsten hätte ich noch bis in die frühen Morgenstunden weiter getanzt. Ich wollte nicht, dass dieser Abend endet. Auch alle Bands waren vom Publikum begeistert, was natürlich nur widerspiegelt, dass das Publikum sie toll fand. Mir hat das Konzert auch erneut gezeigt, dass es einfach etwas anderes ist, eine Band live anzuhören, man wird viel mehr mitgerissen. Deshalb kann ich einer Zuschauerin, die zu mir sagte, dass es solche Konzerte in Greifswald öfters geben sollte, voll und ganz zustimmen! Wer es dieses Jahr zu keinem der Konzerte geschafft hat, dem kann ich nur wärmstens empfehlen, nächstes Jahr unbedingt zu mindestens einem zu gehen, selbst wenn ihr die Bands davor nicht kennt. Es lohnt sich auf jeden Fall!
Ich bin zu einem absoluten Fan geworden, nicht nur von den Bands, sondern auch vom Nordischen Klang. Ohne den Nordischen Klang hätte ich diese drei tollen Bands wahrscheinlich nie entdeckt, da wäre mir und den anderen sehr viel entgangen. Ich danke euch von Herzen dafür, dass ihr euch dieses Konzept überlegt habt und diese Bands eingeladen habt! Jedoch bin ich – und da schließen sich mir zweifellos viele der Zuschauer*innen an – der Meinung, dass ihr eine Regel unbedingt brechen müsst: nämlich, dass eine Band nur einmal beim Nordischen Klang auftreten darf. Vor allem Lexsoul Dancemachine würden bestimmt sehr viele gerne noch einmal hören!
Das diesjährige Kulturfestival „Nordischer Klang“ vom 6. bis 15. Mai verspricht etwas ganz Besonderes zu werden. Nach der Online-Ausgabe der letzten zwei Jahre geht es nun hybrid in die nächste Runde. Unter der Schirmherrschaft von Norwegen zeigen Konzerte, Lesungen, Vorträge und Ausstellungen die Vielfalt der nordischen Länder. Der Fokus liegt diesmal auch auf einem Archipel und seiner Unabhängigkeit.
Die Inseln von Åland sind bekannt für ihre malerische Schärenlandschaft. Die bewegte Geschichte dieses Archipels im Spannungsfeld zwischen Schweden und Finnland dürfte weniger bekannt sein. 1922 fanden dort zum ersten Mal die Wahlen zum åländische Parlament statt. Damit begründeten ihre Bewohner ihre Autonomie. Hundert Jahre später wird das beim „Nordischen Klang“ in Greifswald gefeiert. In vielfältiger Weise präsentieren sich die Region und ihre Menschen.
So bringt beispielsweise das Trio „Birdpeople“ am Sonntag den 08.05 Nordic Kraut Rock von den Ålandinseln nach Greifswald. Wer die Band und ihre Heimat-Inseln näher kennenlernen möchte, kann das am Mittwoch, den 11.05 bei einem Kulturgespräch in der STRAZE. Um den schwierigen Weg in die Autonomie, die territoriale Zugehörigkeit der Inseln und ihre Identität soll es bei einer Podiumsdiskussion am selben Tag im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg gehen. Es sprechen Sia Spiliopoulou Åkermark und Petra Granholm vom Friedensinstituts der Ålandinseln. Wer bei alldem gar kein Bild vor Augen hat, kann sich eines machen, und zwar bei der Fotoausstellung von Sascha Zachhuber. Unter dem Titel „Å wie Åland“ werden Arbeiten des ehemaligen Greifswalder Studenten in der Stadtbibliothek gezeigt.
Aber auch die anderen nordischen Länder sind wieder zahlreich vertreten. Bei der Eröffnungsfeier am 6.05 gibt es von der norwegischen Band „Three Souls“ vom Groove der 70er inspirierte Musik auf die Ohren. Am nächsten Tag geht es auch schon weiter mit der Schwedin Isabel Sörling. 2021 hat sie den wichtigsten Jazz-Preis Frankreichs erhalten hat und wird im Innenhof der Universität mit ihrer Musik das Publikum verzaubern. Zwei Wochen lang werden sich so rund 60 Künstler*innen die Klinke in die Hand geben. Der künstlerische Leiter des Festivals Frithjof Strauß ist überzeugt: „Der 31. Nordische Klang wird funky wie nie.“
Wer den „Nordischen Klang“ voll auskosten möchte, sollte sich eine Klangkarte zulegen. Diese kann man für 25€ (ermäßigt 10€) im Büro des Nordischen Klangs kaufen. Damit gibt es Ermäßigungen auf alle Eintrittskarten. Alle weiteren Informationen und das Programm findet man auf der Website des Festivals.
Kennt ihr das, wenn man mal was Neues ausprobieren will, aber am Ende alles beim Alten bleibt? Uns jedenfalls kommt das sehr bekannt vor, deswegen haben wir uns für euch auf einen Selbstoptimierungstrip begeben. In dieser Kolumne stellen wir uns sieben Tage als Testobjekte zur Verfügung. Wir versuchen für euch mit unseren alten Gewohnheiten zu brechen, neue Routinen zu entwickeln und andere Lebensstile auszuprobieren. Ob wir die Challenges meistern oder kläglich scheitern, erfahrt ihr hier.
Eine Woche lang versuchte ich, nur Sachen von Frauen zu konsumieren. Dieses Vorhaben brauchte viel Vorbereitung. Das lässt erahnen, wie schwierig das Umkrempeln meiner Gewohnheiten wurde. Ich wollte bei Büchern, Filmen/Serien, Musik, Podcasts und wissenschaftlichen Texten darauf achten, dass es sich um Autorinnen, Interpretinnen und Moderatorinnen handelte.
Hinweis: Zum Zeitpunkt des Experiments befand ich mich in häuslicher Isolierung. Wenn ich schreibe, dass ich mich an dem Tag auf eine Sache konzentriert habe, stimmt das auch tatsächlich. Ich hatte einfach nichts anderes zu tun.
Erster Tag: Fokussierung auf Serien/Filme
Als ich eine Serie gucken wollte, musste ich erst einmal nachschauen, von wem diese ist. Ich konzentrierte mich auf die Autorinnen oder Regisseurinnen. Falls das bei dem Streaming-Dienst nicht angegeben wurde, musste ich recherchieren, wer die Idee zu der Serie hatte. Meine ursprüngliche Serie, die ich vor dem Experiment geschaut habe, war damit erst einmal vergessen. Auch viele andere Serien, die auf meiner Watchlist standen, fielen weg. Schade. Also schaute ich eine Serie, auf die ich nicht die größte Lust hatte: „Gossip Girl“. Als ich meine Watchlist durchforstete, fiel mir auf, dass Frauen noch nicht einmal an den „typischen“ Frauenserien teilnahmen. Es war so verdammt schwierig, Filme und Serien zu finden, an denen zumindest eine Frau als Autorin oder Regisseurin beteiligt war. Das hat mich so aufgeregt.
Frauen sind stark unterrepräsentiert, was die Film-Branche angeht. Das sollte jetzt den meisten klar sein. Hier einige Beispiele: Regisseurinnen gibt es nur bei 16 % der Filme, Produzentinnen schneiden mit 28 % am besten ab, während der Anteil der Autorinnen 12 % beträgt. In Deutschland sind es um die 20 % Regisseurinnen, obwohl an deutschen Filmhochschulen das Verhältnis zwischen männlich und weiblich ausgeglichen ist. Der spätere Berufseinstieg für Frauen sei jedoch schwerer.
Zweiter Tag: Fokussierung auf Bücher
Da ich fast ausschließlich feministische Lektüre lese und in diesem Feld die meisten Bücher von Frauen sind, stellte es für mich kein Problem dar, nur von Autorinnen zu lesen. Ich führe ein Bücher-Tagebuch, wo ich festhalte, wann ich welches Buch gelesen oder gehört habe. In den letzten vier Monaten las oder hörte ich zwölf (Hör-) Bücher. Genau eines dieser Bücher war von einem Autoren. Ich lebe also in einer großen feministischen Blase. Dass Autorinnen im deutschen Verlagswesen stark unterrepräsentiert sind, war mir aufgrund meines Konsumverhaltens nicht wirklich bewusst. Ich wurde eines Besseren belehrt.
Die Studie #frauenzählen der Universität Rostock (2018) bestätigt ein klares Ungleichgewicht in der medialen Repräsentation von Autorinnen und Autoren. In Print standen 65 % besprochene Autoren 35 % Autorinnen gegenüber. Auffällig war, dass Kritiker mit 74 % überproportional oft Autoren besprachen, während Kritikerinnen sich beinahe gleichwertig Autorinnen und Autoren widmeten. Die Studie kommt zu dem folgenden Fazit:
Autoren und Kritiker dominieren den literarischen Rezensionsbetrieb: Zwei Drittel aller Rezensionen würdigen die Werke von Autoren, Männer schreiben weit überwiegend über Männer und ihnen steht ein deutlich größerer Raum für Kritiken zur Verfügung. Einzig das Kinder- und Jugendbuchgenre erscheint als ausgeglichenes Genre; die als intellektuell oder „maskulin“ empfundenden Genres wie Sachbuch und Kriminalliteratur werden von Autoren wie Kritikern vereinnahmt.
Dritter Tag: Wissenschaftliche Lektüre für die Universität lesen
Wie sich die meisten vorstellen können, war das die größte Herausforderung. Und ich konnte daran nur scheitern, obwohl ich positiv überrascht war. Ich hatte nur zwei (sehr lange) Texte zur nächsten Woche vorzubereiten. Einer war von einer Frau. Eine Seltenheit, wenn man nicht gerade ein Seminar zu Gender Studies oder Feminismus belegt. Für meine Studienfächer lese ich oft Texte von „sehr alten weißen Männern“. Das fiel mir nicht erst zu Beginn des Versuches auf. Den Anteil von Autoren in meiner Lektüre würde ich auf ca. 90 % schätzen. Abgesehen von meiner Lektüre sehe ich das auch bei meinen Dozierenden. Zu 70 % scheinen es Männer zu sein. Nur weil es (oft alte) Männer sind, heißt es nicht, dass ihr Unterricht schlecht ist. Ganz im Gegenteil. Ich hatte oft mit Dozenten zu tun, deren Seminare perfekt vorbereitet waren und die außerdem genderten. Ich habe aber auch andere Erfahrungen gemacht. Manche blieben im Mittelalter hängen, dementsprechend gestalteten sie auch ihr Seminar. Immerhin werde ich dieses Semester von drei Männern und zwei Frauen unterrichtet, es ist also fast ausgeglichen.
Vierter Tag: Fokussierung auf Musik
Ich wollte Musik hören, und zwar von Interpretinnen. Ich dachte, das wäre einfach. Schließlich höre ich nach Gefühl viele Interpretinnen. Ich täuschte mich und musste ganz schön viel scrollen, um Interpretinnen meiner Wiedergabeliste hinzuzufügen. Das war etwas enttäuschend. Diese Lieder wären in Bezug auf meine Lust an Musik nicht meine erste Wahl gewesen, dementsprechend hörte ich an diesem Tag eigentlich gar keine Musik.
Auch in der Musikbranche bleiben Frauen stark unterrepräsentiert.Das fand die University of Southern California Annenberg (USC) in ihrem jährlichen Report zu Frauen in der Musikindustrie heraus. Hier ein paar Facts aus dem Report des Jahres 2020:
21,6 Prozent der Top-Songs sind von ausführenden Künstlerinnen,
Songwriterinnen: 12,6 %,
2,6 % Produzentinnen #wtf.
Fünfter Tag: Fokussierung auf Podcasts
Die ganze Woche hörte ich Podcasts zum Einschlafen. Als Regel stellte ich mir für die Podcasts auf, dass ich nur welche hören würde, wo ausschließlich Frauen die Moderatorinnen sind.
Wer macht heutzutage keinen Podcast? Sei das Oliver Pocher, Axel Bosse, Rezo oder die Geissens. Sogar Freunde von mir haben einen Podcast gestartet. Als ich mich informieren wollte, wie viele Podcast-Moderator*innen weiblich sind, wurde ich nicht fündig. Was mir aber während meiner Recherche auffiel, war, dass bei den Spotify Top-Podcasts in Deutschland bei den ersten zehn Plätzen kein rein weibliches Moderationspaar dabei ist. Die ersten vier waren reine Männerpaare: Kaulitz Brüder, Gemischtes Hack und Co. Erst Platz 14 mit ‚Mordlust‘ war rein weiblich. Erschreckend.
Sechster und siebter Tag: Halte ich durch?
Am sechsten Tag scheiterte ich an dem Experiment. Das dauerhafte Verzichten, vor allem auf Filme und Serien, bereitete mir sehr, sehr schlechte Laune. Ich stellte mir das Experiment einfacher vor. Da hat mir das patriarchale System allerdings einen Strich durch die Rechnung gemacht. Meine Recherche zu den jeweiligen Themen hob meine Laune nicht gerade. Die Ergebnisse hätte ich nicht erwartet. Ich war und bin sauer, traurig und wahnsinnig enttäuscht. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Menschen, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zuordnen, es noch viel schwerer in all den Branchen haben. In meiner feministischen Blase sehe ich, dass sich unsere Gesellschaft verbessert hat. Die Ergebnisse meines Experiments haben mich dann allerdings auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Daher fällt mir zum Schluss für alle Frauen und diversen Personen nur ein: Kämpft dafür, die Bücherregale, Universitäten und Podcastcharts zu erobern. Damit man für dieses Experiment eine größere Auswahl an Filmen, Serien, Büchern und Podcasts hat.
Musik – Töne mit Zusammenhang, oder gerne auch ohne. Im Prinzip systematischer Krach. Jede*r hat schon mal Musik gehört, aber was ist die Geschichte hinter den einzelnen Stücken, auch Lieder genannt, und womit verbinden wir sie? Was lösen sie in uns aus und wer hat sie erschaffen? webmoritz. lässt die Pantoffeln steppen, gibt vor, was angesagt ist und buddelt die versteckten Schätze aus. Unsere Auswahl landet in eurer moritz.playlist.
Während es für die einen nach Mittelalter klingt, assoziiere ich mit dem Ausdruck Lumpenpack viele Menschen, die zusammen eine bis oben hin vollgestopfte Mülltüte zum Altkleidercontainer bringen. Hinter Das Lumpenpack verbirgt sich allerdings vielmehr als nur ein Sack mit abgetragener Kleidung. Um genau zu sein: ein musikalisches Duo, bestehend aus Max Kennel und Jonas Frömming, welches mittlerweile zusammen mit drei weiteren Mitgliedern (Lola Schrode, Alex Eckert und Jason Bartsch) zu einer Band herangewachsen ist. Die Idee für den Bandnamen stammt nach eigenen Aussagen aus dem Kinderbuch Max und Moritz, in welchem die beiden Brüder an einer Stelle als Lumpenpack bezeichnet werden. Und weil Moritz so ein außergewöhnlich schöner Name ist – mit dem sich nicht nur der webmoritz., sondern anscheinend auch Jonas identifizieren konnte – und die beiden Künstler anderen Menschen gerne Streiche spielen, hat die Band so zu ihrem Namen gefunden.
Aber wie entstand die Band selbst? Das Duo gründete sich bereits im Jahr 2012: Beide Künstler stammen ursprünglich aus der Poetry-Slam-Szene und gewannen dort einige große Wettbewerbe, bevor sich Max mit Gitarre und Jonas mit viel tänzerischem Talent auf ihren musikalischen Werdegang begaben. Nach vier erfolgreichen Alben als Singer-Songwriter-Duo, ist 2021 das erste Album mit dem Titel emotions der nun fünfköpfigen Band erschienen, welches sich vor allem durch seinen eher rockigen Charakter von vorherigen Alben unterscheidet. Insbesondere die jüngste Entwicklung der Bandgeschichte macht deutlich, wie viel Das Lumpenpack musikalisch gewachsen ist. Spätestens jetzt ist klar geworden, dass die Band mehr als vertonte Poetry-Slam-Texte auf dem Kasten hat.
Auf die moritz.playlist kommen drei Lieder von Das Lumpenpack. Der erste Titel Dolce Wohnen vom neusten Album emotions übt Kritik am derzeitigen Wohnungsmarkt und selbstgefälligen Vermieter*innen, die durch ihr Eigentum immer reicher und reicher werden. Dagegen würdigt der Titel Miriam vom Album Die Zukunft wird groß das ab und zu in jedem von uns aufkommende Mimimi-Gefühl auf eine kreative Art und Weise und landet nicht zuletzt auch wegen seines Ohrwurmpotentials auf unserer moritz.playlist. Schließlich hat es auch Ford Fiesta aus dem Album Eine herbe Enttäuschung in unsere Sammlung geschafft. Dieser Song sorgt immer genau dann für die perfekte Stimmung, wenn man sich auf einer Autofahrt befindet. Also zum Beispiel auch demnächst, wenn ihr die derzeitigen Semesterferien für einen kleinen Roadtrip mit Freund*innen nutzten wollt.
Alles in allem treffen bei Das Lumpenpack eine große Portion Humor, ein Funken Selbstironie und viel Wortgewandtheit auf aktuelle sowie politische Themen. Dabei lässt sich die Musik keinem bestimmten Genre zuordnen, sondern ist vielmehr eine bunte Mischung aus allem, was die musikalische Welt so zu bieten hat. Für manch eine*n mag die Musik von Das Lumpenpack gewöhnungsbedürftig sein, doch wer bereit ist, sich darauf einzulassen und ihren Texten Aufmerksamkeit zu schenken, wird sicherlich nicht enttäuscht werden. Alle, die auf persönliche Gefühlsduseleien abfahren, sind bei Das Lumpenpack allerdings fehl am Platz. Ihre Musik ist zwar über alle Maße hinaus unterhaltsam, doch Details aus dem Privatleben werden bewusst nicht preisgegeben. Stattdessen erzählen die Lieder von Das Lumpenpack unterschiedlichste Geschichten, die vor allem eines machen: Lust auf mehr und gute Laune.
Musik – Töne mit Zusammenhang, oder gerne auch ohne. Im Prinzip systematischer Krach. Jede*r hat schonmal Musik gehört, aber was ist die Geschichte hinter den einzelnen Stücken, auch Lieder genannt, und womit verbinden wir sie? Was lösen sie in uns aus und wer hat sie erschaffen? webmoritz. lässt die Pantoffeln steppen, gibt vor, was angesagt ist und buddelt die versteckten Schätze aus. Unsere Auswahl landet in eurer moritz.playlist.
Ein Sommerabend. Die hiesige Musikschule veranstaltet im Rahmen der Greifswalder Kulturnacht eine Jamsession sowie ein paar Konzerte – unter anderem von Detechtive. Die Zuschauer*innen sitzen auf Sofas, Sesseln und Stühlen. Hier und da steht auch so eine altmodische Lampe mit Bommeln – es hat was von einem riesigen Wohnzimmer, nur eben unter freiem Himmel. Die Stimmung ist gut und die Musik auch. Der Abend bleibt im Kopf. Aber nicht nur als Erinnerung an den schönen Live-Act lohnt es sich, mal bei Detechtive reinzuhören.
Hinter Detechtive steht die Solokünstlerin Mirja Maier, die ihre Songs in Eigenregie komponiert und produziert. Sie ist in Süddeutschland aufgewachsen, wohnt jedoch seit letztem Jahr in Berlin, wo sie sich ein eigenes kleines Studio eingerichtet hat. Nach der Schule fing sie an, in Freiburg Pop- und Jazzmusik zu studieren. Dort hatte sie auch die Idee, klassische Instrumente mit zeitgemäßer Popmusik zu kombinieren, woraus schließlich Detechtive entstanden ist. Den Namen hatte sie schon länger im Kopf, zuerst als Idee für eine Techno-Band, doch dann brauchte sie selbst einen Namen, und Detechtive passte zu der Technologie hinter ihren Songs. Genretechnisch ist ihre Musik schwer einzuordnen, sie beinhaltet Elemente der Popmusik, Jazz und Klassik. Das Genre ist aber auch nicht so wichtig – wichtiger ist ihr der rote Faden, der sich durch ihre Songs zieht. Inspiriert wurde Mirja Maier von Künstlern wie IAMX, Radiohead und Cosmo Sheldrake.
Der moritz.playlist werden nun zwei Songs von Detechtive hinzugefügt. Beide Lieder spiegeln Detechtive auf thematischer und musikalischer Ebene wider – es geht um gesellschaftliche Missstände, Emotionen und Mirjas Erfahrungen. Zudem sind sehr unterschiedliche Instrumente zu hören, die letztendlich aber doch irgendwie zusammenpassen.
Das Lied „Anger“ aus diesem Jahr kritisiert den Sexismus und andere Ungleichheiten in der Gesellschaft. Inspiriert wurde Mirja hier von einem Zitat der Autorin und Kolumnistin Margarete Stokowski aus ihrem Buch „Untenrum frei“: „Aber Wut ist nicht dasselbe wie Hass. Hass will Zerstörung. Wut will Veränderung. Hass ist destruktiv. Wut ist produktiv.“ Der letzte Teil findet sich dabei auch im Refrain wieder. Wobei dies, meiner Meinung nach, nicht nur auf Feminismus zutrifft, sondern auch auf verschiedenste andere Probleme. Es ist eine Erinnerung daran, dass reiner Hass meistens nur wenig bringt und Wut gerne mit Hass verwechselt wird.
Das Lied „What will last“ von 2020 klingt erstmal ziemlich drastisch mit dem Refrain „If you would die tomorrow, what would last?“, aber eigentlich geht es darum, dass wir uns meistens viel zu sehr dem anpassen, was wir in der Gesellschaft für angebracht halten, anstatt das zu tun, was wir wirklich wollen. Auch hier geht es um gesellschaftliche Missstände, die wir nicht ignorieren sollten und darum, dass wir Veränderungen selbst in die Hand nehmen müssen – „be the change you want to see“.
Musik allein mag vielleicht keine Probleme lösen, aber sie kann aufmerksam machen und zu Veränderungen anregen. Und neben der Message sind die Songs auch mit spannendem Sound aufgebaut. Sie sind geprägt von jazzigen Klängen, Synth-Bässen und einer unverwechselbaren Stimme. Trotz der kritischen und negativen Aspekte finden sich in den Songs auch stets hoffnungsvolle und positive Aspekte wieder. Sie sorgen so vielmehr für Kampfgeist als für deprimierende Stimmung.