Kennt ihr das, wenn man mal was Neues ausprobieren will, aber am Ende alles beim Alten bleibt? Uns jedenfalls kommt das sehr bekannt vor, deswegen haben wir uns für euch auf einen Selbstoptimierungstrip begeben. In dieser Kolumne stellen wir uns sieben Tage als Testobjekte zur Verfügung. Wir versuchen für euch mit unseren alten Gewohnheiten zu brechen, neue Routinen zu entwickeln und andere Lebensstile auszuprobieren. Ob wir die Challenges meistern oder kläglich scheitern, erfahrt ihr hier.
Ihr fühlt euch häufiger schlapp? Nicht erfolgreich genug? Leer? Einsam? Und nichts fühlt sich richtig an? Könnte man von einer chronischen Unzufriedenheit sprechen? Wenn ihr bei diesen Fragen ein paar bejahen könnt, dann habe ich jetzt eine kleine Übung für euch. Sie dauert täglich nur wenige Minuten und kann sehr dabei helfen, positiver zu denken. Heute lernen wir, Dankbarkeit aktiver zu empfinden.
Vorher sollte gesagt werden, dass ich davon durch das Video „Ein Mittel gegen Unzufriedenheit“ des Youtube-Kanals Dinge Erklärt – Kurzgesagt erfahren habe und das unbedingt ausprobieren wollte. Dieser gehört zum Funk-Netzwerk und ist definitiv immer einen Blick wert!
Aber zurück zum Thema. Das Dankbarkeitstagebuch ist (wie sollte es bei dem Namen auch anders sein?) eine Auflistung verschiedener Dinge, für die man dankbar ist. Und dabei kommt es nicht darauf an, was genau man aufschreibt. Sei es das Wetter, der Geruch der Blumen draußen, das Lieblingsessen oder einfach, dass man den Bus doch gerade noch bekommen hat. Mein Fokus liegt außerdem auf kleinen Schlussfolgerungen am Ende mancher Tage, da die Dinge, die ich aufgeschrieben habe, bei jedem Menschen anders aussehen werden. Dieser Selbstversuch erstreckt sich bei mir über einen längeren Zeitraum, deswegen habe ich bestimmte Tage ausgewählt, die besonders erwähnenswert sind. Aber starten wir jetzt erstmal mit:
Tag 1
Die ersten Notizen fallen recht knapp aus. Dinge zu finden, die mich gerade stören, ist aber auch viel einfacher. Natürlich musste es seit um 6 Uhr schon taghell sein und die Temperatur auf um die 35°C in meinem Zimmer steigen. Zum Glück habe ich ja erst um 12 Uhr Uni und könnte noch länger schlafen. Nervt mich alles. Doch der Regen gestern hat die Pollen aus der Luft gewaschen. Keine tränenden Augen oder eine laufende Nase am Morgen – das muss notiert werden! Über den Tag hinweg finden insgesamt drei Punkte ihren Weg auf das Papier. Um das Konzept aus dem Video noch etwas weiter zu entwickeln habe ich mir vorgenommen wenn möglich am Ende des Tages ein kleines Feedback zu entwickeln. Also beende ich den Tag damit, dass ich herausgefunden habe, dass ich wohl noch zu sehr auf negative Punkte fokussiert bin.
Tag 2
Dieses Mal wache ich nicht so früh auf. So ein Laken hat doch seine Vorteile im Sommer. Das sollte ich gleich aufschreiben! Doch ein Rückschlag an dem Tag sorgt dafür, dass wieder negative Gedanken aufkommen. Zum Glück bin ich mit meinem besten Freund verabredet und mit ihm zu reden hebt meine Stimmung extrem. Gut, dass ich mein Tagebuch jetzt immer dabei habe – also gleich notieren! Das Fazit: Es fällt mir direkt am zweiten Tag schon viel einfacher, sich auf positive Dinge zu besinnen! Erstaunt, wie schnell das doch ging, gehe ich ins Bett.
Tag 3
Der dritte Tag ist ein Donnerstag. Woher ich das weiß? Die Redaktionssitzung vom Web ist vermerkt. Und erneut erfreue ich mich an der von Pollen befreiten Luft. Doch viel wichtiger: Schon jetzt fallen mir positive Rückmeldungen von meinen Mitmenschen viel schneller auf. Komplimente werden nicht mehr einfach als falsch abgetan, sondern es gibt die Überlegung, ob da nicht doch etwas dran sein könnte.
Tag 4
Der Fokus auf positivere Gedanken wird stärker. Und auch weitere Nebeneffekte werden schon jetzt spürbar: Ich bin energiereicher, entspannter und offener gegenüber spontanen Einladungen meiner Freund*innen. Früher hätte ich einiges davon abgesagt – doch jetzt nicht mehr. Und das wichtigste ist, dass das Einschlafen jetzt viel einfacher fällt. Dieses ewige Hin- und Herwälzen und in Gedanken versinken. Ein kurzer Blick in die bisherigen Einträge sorgt schnell für ein schönes Gefühl.
Tag 5
Insgesamt sind jetzt bereits neun Tage seit dem Beginn der Aufzeichnungen vergangen. Nicht nur fallen mir jetzt Komplimente häufiger auf, es fällt mir auch leichter sie anzunehmen. Gleichzeitig steigt meine bewusste Dankbarkeit für die Menschen in meinem Umfeld. Und neben dem Das bereichert mein Leben-Gedanken, möchte ich das den gemeinten Menschen auch viel lieber mitteilen.
Fazit
Soweit zu den groben Eindrücken aus meinen Aufzeichnungen.Die Verzweiflung, mit der dieses Projekt anfing, hat sich schnell zu Begeisterung entwickelt. Je mehr man sich darauf einlässt, desto schneller scheint es auch Wirkung zu zeigen. Gleichzeitig ist man viel dankbarer für alles, was im Umfeld passiert. Man nimmt weniger als einfach so gegeben hin. Genauso möchte ich den Menschen, die mir trotz aller schlechten Phasen beistehen, einfach dafür danken.
Dinge wie kleine Zwischenfazits und auch das erneute Lesen in Phasen, in denen es euch nicht so gut geht, helfen ungemein um sich selbst zu reflektieren und aufzumuntern. Wenn ihr also mal wieder einen schlechten Tag habt und ihr euch zu nichts motivieren könnt, dann fangt dieses Tagebuch an. Am Ende nimmt man das Leben eben nur so wahr, wie man es einordnet. Also lasst euch von einem Prinzip der positiven Psychologie „umprogrammieren“. Und vergesst niemals:
Kennt ihr das, wenn man mal was Neues ausprobieren will, aber am Ende alles beim Alten bleibt? Uns jedenfalls kommt das sehr bekannt vor, deswegen haben wir uns für euch auf einen Selbstoptimierungstrip begeben. In dieser Kolumne stellen wir uns sieben Tage als Testobjekte zur Verfügung. Wir versuchen für euch mit unseren alten Gewohnheiten zu brechen, neue Routinen zu entwickeln und andere Lebensstile auszuprobieren. Ob wir die Challenges meistern oder kläglich scheitern, erfahrt ihr hier.
Ich starte mein Selbstexperiment am Mittwoch. Nicht, weil es da besser passt, sondern einfach, weil ich es vorher vergessen habe. Planung und Zeitmanagement gehören einfach nicht zu meinen Stärken. Tatsächlich halte ich mich nicht besonders gern an Uhrzeiten. Wenn es wirklich wichtig ist, bei Prüfungen, Arztterminen, schaffe ich es sogar oft, ein wenig früher zu kommen. Aber davon abgesehen? Manchmal nehme ich mir vor, mein Leben mehr zu strukturieren. Erstelle mir einen genauen Plan für den Tag, was ich um welche Uhrzeit erledigen möchte. Der letzte Plan hängt noch angepinnt an der Wand, die Zahlen starren traurig auf mich hinab. Nicht ein einziges Mal habe ich mich an sie gehalten.
Um die verschiebbaren Dinge kümmere ich mich eher nach dem Prinzip: Was erledigt werden muss, wird erledigt. Vielleicht ist es das kreative Chaos. Und es funktioniert. Warum also ändern? Aus irgendeinem Grund sehe ich mich dadurch auch prädestiniert, das Experiment anzupacken und zu meistern.
Mittwoch
Oh, how fast the turns table.
Der erste Punkt auf der Tagesordnung: Aufwachen. Heute mal ohne Wecker. Funktioniert ganz gut, vielleicht auch, weil meine Schwester schon früh zu einem Termin muss und ich mit ihr aufwache, als sie aufsteht. Das wäre erledigt. Der erste Schritt des Tages führt zu meinem Handy. Über Nacht ist es ausgestellt und jeden Morgen wird erst einmal gecheckt, was in den letzten Stunden so passiert ist. Ich drücke den Knopf, das elektrische Licht strahlt mir ins Gesicht, mein erster Blick geht automatisch zur Uhrzeit. Nicht nur, weil sie so dominant im Zentrum des Screens steht, sondern aus Interesse. Wie spät ist es jetzt eigentlich? Wie viel Zeit habe ich noch bis … bis wann eigentlich?
Es ist nicht so, als würde heute irgendetwas anstehen. Aber es ist dieser Gedanke, die Zeit sinnvoll einzuteilen. Auch ohne feste Planung habe ich den Tag immer zumindest grob gegliedert – Mittag, Nachmittag, Abend, Nacht. Alles mit ungefähren Uhrzeiten versehen, nach denen ich mich richten kann. Es sind noch zwei Stunden bis zur vermeintlichen Abendbrotzeit? Perfekt, um noch ein neues Kapitel anzufangen. Ohne Uhrzeit entfällt diese Planung. Ich bin ziellos. Wie, wenn man weiß, dass man in wenigen Augenblicken zu einem wichtigen Termin los muss und die Zeit nicht reicht, um noch etwas anzufangen. Nur dass kein Termin ansteht. Trotzdem fühlt es sich so an, den ganzen Tag lang.
Donnerstag
Für heute nehme ich mir vor, von vornherein einen Plan zu erstellen. Keine Uhrzeiten, nur Ziele. Nach Wichtigkeit gegliedert, falls ich die Zeit nicht richtig einschätze und einige Punkte nicht mehr erledigen kann. Und ich recherchiere. Früher gab es doch auch keine Uhrzeit und trotzdem konnten die Menschen funktionieren. Ich tippe meine Frage in die Suchmaschine: „Wie teilten die Menschen ihre Zeit ein, als es noch keine Uhrzeit gab?“ Wie konnten die Menschen überhaupt existieren, trifft die völlige Ratlosigkeit in meinem Kopf vielleicht besser, aber das ist nicht das, was ich eigentlich wissen möchte. Ein wenig später habe ich zwölf Tabs geöffnet – die Süddeutsche, Bayerischer Rundfunk, Welt, Die Zeit (hehe).
Ich widme mich heute erst einmal den Videos. Es gibt wirklich schon einige Freaks, die das gleiche Experiment ausprobieren wollten wie ich, ihr Leben ohne Uhrzeit gestaltet und das Ganze aufgezeichnet haben. Nur wirklich helfen tut mir keines davon. Die einen ziehen das Experiment nur für einen Tag durch und nutzen es, um mal alles zu erledigen, für das sie sonst keine Zeit haben. Die anderen orientieren sich an den Menschen in ihrem Umfeld – oh, du gehst nach Hause? Dann ist es wohl Feierabendzeit. Es beruhigt mich zwar, dass auch sie von diesem Gefühl der Ziellosigkeit erzählen, aber was nützt es mir, wenn ich am Ende wieder nach der Uhr lebe, nur eben nicht nach meiner eigenen? Mir fällt auch zunehmend auf, dass die Uhrzeit überall um uns herum ist. Auf dem Thermometer sticht sie mir noch vor der Temperatur selbst ins Auge, sie steht unter jeder abgeschickten Nachricht oder Mail, ich verliere ein Leben in einem Spiel und eine Uhr beginnt abzulaufen – die Sekunden rinnen wie Sand davon, zeigen mir an, wann das Leben wieder aufgefüllt ist.
Für die Redaktionssitzung am Abend, der einzige Termin, der heute ansteht, mache ich es mir leicht: Ich schalte einfach schon mal den Laptop an und warte. Etwa eine Stunde lang. Irgendwann trudeln die anderen auch ein und ich weiß, dass es jetzt los geht. Aber es funktioniert eben auch nur, weil ich mich nach der Uhrzeit anderer richte – ein Leben für alle ohne Uhrzeit? Nicht wirklich vorstellbar.
Freitag
Im Sommer 2019 machte tatsächlich eine Schlagzeile die Runde. Die nordnorwegische Insel Sommarøy will die Uhrzeit abschaffen. Die braucht nämlich niemand mehr, wenn es sowieso für ein Viertel des Jahres nie dunkel wird, und man alles, was man sonst tagsüber erledigt, auch genauso gut nachts erledigen kann. Im Interview zeigt sich Zeitforscher Prof. Dr. Karlheinz Geißler tatsächlich optimistisch. Die Uhr sei immerhin auch erst 600 Jahre alt und davor haben sich die Menschen nur nach der Natur gerichtet – nach der inneren (habe ich Hunger, bin ich müde?) und nach der äußeren (ist es hell oder dunkel, Winter oder Sommer?). Das sei auch viel entspannter, die durch den Kapitalismus verstärkte Hektik ginge dadurch verloren. Ich durchforste ein wenig das Internet und stelle fest, dass das so nicht ganz richtig ist. In doppelter Hinsicht. Uhren gibt es schon weitaus länger, im nicht-westlichen Teil der Welt – wie im arabischen und chinesischen Raum – auch schon in mechanischer Form. Selbst während der Eiszeit haben sich Menschen schon Kalender angelegt, um zu wissen, wann die beste Zeit für bestimmte Früchte oder für die Jagd ist, um produktiver zu sein. Und: Sommarøy wollte nicht wirklich die Uhrzeit abschaffen. Das war nur ein Werbegag. Man freut sich aber, dass man mit der Aktion auf das große Thema Entschleunigung aufmerksam machen konnte.
Zeitforscher Geißler selbst lebt übrigens auch schon seit 30 Jahren ohne Uhrzeit. Aber auch nicht wirklich. Denn auch er richtet sich nach der Uhrzeit anderer, die im Gegensatz zu ihm wissen wie spät es ist. Und verurteilt gleichzeitig Menschen, die mit der Hektik der Zeit leben und nicht wie er aus ihrem Trott ausbrechen. Meiner Meinung nach ein etwas egoistischer Gedanke. Denn was wäre, wenn wirklich alle Menschen ohne Uhr leben würden? Wenn Läden keine wirklichen Öffnungszeiten mehr hätten, weil die Mitarbeiter*innen einfach kommen und gehen müssten, wann sie es für richtig halten? Wenn Zugführer*innen nach ihrem Bauchgefühl entscheiden müssten, wann es Zeit ist, loszufahren? Wenn Ärzt*innen und Pflegekräfte nicht mehr wüssten, wann sie sich zu einer wichtigen OP einfinden müssen?
Ich selbst stelle mir heute morgen tatsächlich einen Wecker, denn ich habe einen Termin, den ich nicht verschieben kann. Das anschließende Treffen mit einer Freundin ist schnell und ohne Uhrzeit organisiert: Ich bin fertig, holst du mich ab?
Samstag
Diese Art der Terminvereinbarung behalte ich vorerst bei. Natürlich ist das nur möglich, weil nichts Dringliches ansteht. Aber trotzdem merke ich, dass mich das nicht mehr auf die Uhr schauen, das nicht wissen, wie spät es ist, nicht mehr so viel stresst wie am Anfang. Ich bin mit einem Freund zum Skypen verabredet und biete ihm einfach an, dass er mir schreibt, sobald er fertig ist. Und ich merke, dass es mir leichter fällt, nicht an die Zeit zu denken, wenn ich beschäftigt bin. Dann sind meine Gedanken fokussiert und ich weiß, dass ich bereits etwas Sinnvolles mit meiner Zeit anfange und muss nicht krampfhaft darüber nachdenken, wie viel Zeit mir eigentlich noch bleibt, um etwas anzufangen. Aber was ist überhaupt sinnvoll? Wann hat man Zeit sinnvoll verbracht?
Sonntag
Schon Seneca (geb. 65 n. Chr., also lange vor der Erfindung der mechanischen Uhr und damit der Wegbereitung für die Hektik des bösen Kapitalismus) sagte: „Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen.“ Zumindest erzählt mir das eine Internetseite mit den 111 schönsten Zitaten über Zeit. Das Bedürfnis, die Zeit sinnvoll zu nutzen, keine Zeit zu „verschwenden“, scheint also schon immer da gewesen zu sein. Arthur Schopenhauer (1788–1860, also vielleicht schon Sklave der teuflischen mechanischen Uhr) soll ebenfalls behauptet haben: „Gewöhnliche Menschen überlegen nur, wie sie ihre Zeit verbringen. Ein intelligenter Mensch versucht, sie auszunutzen.“ Gleiche inspirierende Website. Und noch ein Zitat sticht mir ins Auge, eins von Marie von Ebner Eschenbach (eine ehemalige Germanistik-Dozentin von mir würde sich freuen): „Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorüber, in der man kann.“
Ich nehme mir heute die Zeit, in der ich kann, um das zu tun, was ich mit der Zeit machen könnte. Treffe mich mit einer Freundin, gehe raus in den Regen, verbringe mit ihr eine Stunde dicht an dicht gekauert unter einem Regenschirm an einer Häuserwand. Rede, lache und vergesse dabei die Zeit. Denn dabei stimme ich Geißler zumindest zu: Die Zeit ist hektischer geworden. Aber nicht, weil sich die Zeit selbst geändert hat, sondern, weil wir immer mehr Möglichkeiten gefunden haben, mit der wir sie füllen können und füllen wollen. Ein Überangebot an Potential, das uns konstant unter Stress hält, unter dem Druck, etwas „Sinnvolles“ mit der Zeit anzufangen. Und genau solche Momente – unter dem Schirm im Sturzregen, mit nichts anderem im Kopf als den Themen, zu denen das Gespräch hinführt, mit keinem anderen Gefühl als dem durchnässten Shirt und der Wärme des anderen und definitiv ohne Zeitstress – solche Momente kommen dabei viel zu oft zu kurz.
Montag
Jonas Geißler, Sohn von Karlheinz Geißler und ebenfalls Zeit-Nachgrübler, erklärt in einem Interview mit dem Institut für Zeitberatung „Times and More“, dass das dauerhafte Überangebot an Möglichkeiten und der Drang, alles gleichzeitig zu erledigen – zu multitasken – unsere Aufmerksamkeitsspanne zunehmend beeinträchtige. Zwar scheint schon Martin Luthers Aufmerksamkeitsspanne etwas begrenzt gewesen zu sein („Ihr könnt predigen, über was ihr wollt, aber predigt niemals über vierzig Minuten“, wieder einmal die gleiche Website), aber diese „Zeitverdichtung“, wie Geißler senior sie gerne nennt, ist in unserer heutigen Zeit definitiv spürbar. Jede Sekunde muss genutzt werden. Jeder Augenblick des Wartens, der Stille wird sofort mit etwas anderem gefüllt.
Ich nehme mir heute etwas vor, bei dem ich meine Aufmerksamkeit für einen langen Zeitraum fokussieren muss. Ich male. Für etwa vier Stunden knie ich in meinem Zimmer auf dem Boden und tue kaum etwas anderes, als den Pinsel in Farbe zu tauchen, die Farbe auf der großen Leinwand zu verteilen, die vor mir liegt. Gut, etwas anderes tue ich schon noch: Ich habe eine Sendung nebenbei laufen, lausche den Gesprächen, der Musik, stelle mir das vor, was ich die meiste Zeit über nicht sehen kann, weil meine Aufmerksamkeit auf das Bild gerichtet ist. Damit komme ich zwar nicht gänzlich vom Multitasking weg, aber zumindest bleibe ich fokussiert. An die Zeit denke ich dabei nicht einen Augenblick lang.
Dienstag – Zeit für ein Fazit
An das Aufstehen ohne Wecker hat sich mein Körper mittlerweile gewöhnt. Was natürlich auch dadurch begünstigt wird, dass ab etwa 9 Uhr morgens die Sonne dort steht, wo sie unbarmherzig auf meinen Kopf brennt und das Bett in eine Sauna verwandelt. Abends werde ich früher müde als sonst. Vielleicht, weil sich mein Körper ohne Uhrzeit nur an der untergehenden Sonne orientieren kann, um zu wissen, wann die Schlafenszeit gekommen ist, vielleicht auch einfach, weil ich zurzeit viel zu tun habe.
Zurzeit. Da ist sie wieder, die Zeit. In einer etwas pessimistischen, aber doch spannenden Doku, die ich in dieser Woche für meine Recherche geschaut habe, erklärt der Moderator fasziniert, dass „Zeit“ das zweithäufigste Wort in unserem Sprachgebrauch wäre. Direkt nach „Mama“. Als Linguist weiß ich: Was wir sagen, beeinflusst unser Denken und damit auch unser Handeln. Karlheinz Geißler, der ältere der beiden zeitlosen Zeitmenschen, erklärt der Süddeutschen ZEITung, dass es ihn störe, wenn wir „hetzen, wo es gar nicht nötig ist, und wenn es nur Worte sind, die Druck machen. Schnell den Radiergummi rübergeben, die Oma eben besuchen, mal kurz wohin.“
Vor drei Wochen etwa habe ich mich in einer Redaktionssitzung zu diesem Selbstexperiment bereiterklärt, eigentlich als Joke und um es mal auszuprobieren. Dass ich bei dem Versuch, die Zeit wegzulassen, so viel über sie nachdenken würde, hätte ich nicht gedacht. Vielleicht ist es genau dieses Weglassen, die Tatsache, dass etwas „fehlt“, das uns dazu bringt, darüber nachzudenken, was dieses fehlende Etwas eigentlich bedeutet. Und dass die Zeit eben nicht fehlt, nur weil wir keine Uhrzeit zur Verfügung haben.
An der hellgrau gestrichenen, sonst völlig kahlen Wohnzimmerwand meiner Großeltern hängt eine Uhr. Ihr Sekundenzeiger läuft nicht schrittweise voran, sie gibt kein monotones Ticken von sich, wie die meisten anderen Uhren es tun würden. Der Zeiger bleibt nie stehen. Er erinnert einen nicht nur jede Sekunde, sondern jeden einzelnen minimalen Augenblick daran, dass die Zeit kontinuierlich voranschreitet. Aber macht es einen Unterschied? Denn auch auf dieser Uhr vergeht die Zeit nicht schneller, es wird einem nur stärker bewusst. Voranschreiten tut die Zeit immer, ob mit oder ohne Uhr. Wirklich wichtig ist nur, dass wir etwas daraus machen. Die Website mit den 111 Zitaten über Zeit hat auch dazu einen passenden Spruch parat, dieses Mal von George Orwell: „Die Zeit vergeht nicht schneller als früher, aber wir laufen eiliger an ihr vorbei.“
Kennt ihr das, wenn man mal was Neues ausprobieren will, aber am Ende alles beim Alten bleibt? Uns jedenfalls kommt das sehr bekannt vor, deswegen haben wir uns für euch auf einen Selbstoptimierungstrip begeben. In dieser Kolumne stellen wir uns sieben Tage als Testobjekte zur Verfügung. Wir versuchen für euch mit unseren alten Gewohnheiten zu brechen, neue Routinen zu entwickeln und andere Lebensstile auszuprobieren. Ob wir die Challenges meistern oder kläglich scheitern, erfahrt ihr hier.
Obwohl viele Menschen ein klares Bild vor Augen haben, wenn man von einem Zauberwürfel spricht, sind nur wenige von ihnen im Stande die durcheinander gebrachten Farben des Würfels wieder zu ordnen. Auch mir war immer bewusst, was es mit dem Zauberwürfel auf sich hat, ihn zu lösen habe ich als Kind allerdings nie hinbekommen. Irgendwann landete das Ding vor lauter Frust in der Ecke des unaufgeräumten Kinderzimmers und ich frage mich bis heute, wo es denn eigentlich hin ist.
Für mein Vorhaben, nach knapp 15 Jahren nun endlich die richtige Lösung des Rätsels zu lernen, kaufe ich mir deshalb einen nagelneuen Zauberwürfel, der übrigens auch als Rubik’s Cube bezeichnet wird, weil er von dem aus Ungarn stammenden Architekten Ernő Rubik in den siebziger Jahren erfunden wurde. Mittlerweile findet man auf dem Markt nicht nur den klassischen 3×3 Würfel, sondern auch größere Varianten mit außergewöhnlichen Farbkombinationen oder Formen. Für meine Zwecke wird erstgenannter wohl aber völlig ausreichen, schließlich möchte ich mein gestecktes Ziel, den Würfel nach sieben Tagen mit je 30 bis 45 Minuten Übungszeit lösen zu können, auch erreichen. Eine bestimmte Zeit für die eigentliche Lösung des Würfels, auf die es beim immer beliebter werdenden sogenannten Speedcubing ankommt, setze ich mir allerdings nicht.
Montag
Zehn Minuten überlege ich, aus Angst den neuen Würfel nie wieder in sein geordnetes Dasein zurück bringen zu können, ob ich ihn überhaupt zerstören soll. Ich tue es dann doch und versuche eine halbe Stunde durch unkoordiniertes Drehen die Farben wieder zu sortieren. Das gelingt mir leider nicht wirklich. Insgeheim hatte ich gehofft, wie auf wundersame Weise ein Naturtalent zu sein und den Würfel auf Anhieb lösen zu können. Der Zauberwürfel landet jedoch nach einer weiteren viertel Stunde in der Ecke meines Zimmers und wird aus Frust bis zum nächsten Tag ignoriert.
Dienstag
Weil es ohne nicht klappen will, versuche ich es mit einer Anleitung aus dem Internet. In der Ansicht, dass es damit bestimmt ganz einfach und schnell geht, habe ich mich allerdings getäuscht. Zumindest weiß ich jetzt, dass ein Zauberwürfel über 43 Quintillionen verschiedene Kombinationsmöglichkeiten besitzt und aus sechs festen Mittelstücken, acht Eck- und 12 Randteilen besteht. Ich erfahre, dass man für seine Lösung, verschiedene Algorithmen auswendig lernen muss. An meine Grenzen komme ich bereits bei der Erklärung, in welche Richtung man welche Seite wie oft drehen muss und bin verwirrt. Dennoch versuche ich die weiße Seite des Würfels zu lösen und schaffe es immerhin ein weißes Kreuz zu erzeugen. Die Anleitung verlangt dann von mir, die restlichen weißen Ecken nach Intuition zu lösen. Diese scheint bei mir schlichtweg nicht vorhanden zu sein. Ich bin abermals frustriert und deshalb landet der Würfel wieder in der Ecke meines Zimmers.
Mittwoch
Ich versuche mich mit dem Gedanken aufzumuntern, dass vielleicht nicht ich, sondern einfach die Anleitung doof war. Auf Empfehlung eines Freundes versuche ich es deshalb mit einem Erklärvideo auf Youtube. Und tatsächlich funktioniert das wie am Schnürchen. Ich schaffe es, die weiße Seite komplett und zusätzlich dazu die ersten beiden Schichten des Würfels zu lösen. Vielleicht besitze ich ja doch mehr Intuition als ursprünglich angenommen.
Donnerstag
Ich mache dort weiter, wo ich mit dem Youtube-Video aufgehört hatte. Nach einigen Fehlschlägen, weil ich bei den Algorithmen anscheinend etwas falsch gemacht habe, muss ich ganz von vorne anfangen den Würfel zu lösen. Ich brauche fünf Anläufe bis ich es tatsächlich schaffe, den kompletten Zauberwürfel zu lösen. Eigentlich wäre mein Ziel damit ja schon erreicht, aber irgendwie fühlt sich das wie Schummeln an, weil der Würfel weniger durch mich, sondern durch höhere Mathematik (die ich wohl nie verstehen werde) gelöst wird. Einfach nur ablesen, in welche Richtung man zu welchem Zeitpunkt drehen muss, kann ja eigentlich jede*r. Ich setze mir deshalb das neue Ziel, den Würfel ohne weitere Hilfsmittel lösen zu können, mir die Algorithmen in den übrigen Tagen also einzuprägen.
Freitag
Ich übe weiterhin den Würfel zu lösen. Ohne Anleitung klappt das mittlerweile zumindest bis zur Hälfe sehr flüssig. Die längeren Algorithmen, die ich brauche um den Würfel vollständig zu sortieren, kann ich mir aber einfach nicht merken und brauche einen Spickzettel. Mit diesem löse ich aber einen Würfel nach dem anderen und komme mir vor, wie das größte Genie aller Zeiten.
Samstag
Dass ich aber nicht das größte Genie aller Zeiten bin, weiß ich längst und wird mir auch dadurch wieder bewusst, weil ich mir die langen Algorithmen immer noch nicht merken kann. In den letzten Zügen zur Lösung des Würfels mache ich Fehler und kann dann immer wieder von vorne beginnen. Das macht mich verrückt und abermals macht sich Frustration bei mir breit. Der Würfel landet wie so oft in dieser Woche in der Ecke meines Zimmers.
Sonntag
Trotz harter Bemühungen habe ich die langen Algorithmen immer noch nicht wirklich drauf. Den Würfel mit meinem selbstverfassten Spickzettel zu lösen, fällt mir allerdings immer leichter.
Fazit
Letztendlich hat es geklappt die Frustration aus Kindheitstagen zu überwinden und den Zauberwürfel zu lösen. Ein kleines bisschen stolz bin ich irgendwie schon, wenn ich es auch leider nicht geschafft habe, den Zauberwürfel komplett ohne meinen Spickzettel zu lösen. Ich bin zuversichtlich, dass ich es mit ein wenig mehr Zeit schaffen werde, mir die Algorithmen zu merken. Zum Schluss bleibt zu sagen, dass mit der richtigen Anleitung und dem nötigen Durchhaltevermögen, jede*r in der Lage ist, den Zauberwürfel zu lösen. Zwar werden nur die wenigsten unter uns mit Rekordzeiten von unter fünf Sekunden mithalten oder den Würfel einhändig lösen können, aber das sollte euch nicht davon abhalten, selbst einmal zu versuchen das Rätsel des Zauberwürfels zu entschlüsseln. Das wohltuende Gefühl einen wieder geordneten Würfel in der Hand zu halten ist die Mühe auf jeden Fall wert.
Kennt ihr das, wenn man mal was Neues ausprobieren will, aber am Ende alles beim Alten bleibt? Uns jedenfalls kommt das sehr bekannt vor, deswegen haben wir uns für euch auf einen Selbstoptimierungstrip begeben. In dieser Kolumne stellen wir uns sieben Tage als Testobjekte zur Verfügung. Wir versuchen für euch mit unseren alten Gewohnheiten zu brechen, neue Routinen zu entwickeln und andere Lebensstile auszuprobieren. Ob wir die Challenges meistern oder kläglich scheitern, erfahrt ihr hier.
Ich würde mich selbst eigentlich als nicht so abhängig vom Handy bezeichnen und hatte „früher“ schon immer mal Phasen, in denen ich das Handy um 21 Uhr oder den ganzen Sonntag lang ausgemacht habe. Nach einiger Reflexion fällt mir aber doch auf, dass ich es ständig mit mir durch die Wohnung schleppe und viel zu oft als „Pause“ nutze oder abends noch irgendwo rumscrolle und mich danach nur reizüberflutet und gammelig fühle. Vor allem habe ich das Gefühl, dass ich dadurch noch später schlafen gehe und zu keinem Ende finde. Deswegen versuche ich also eine Woche lang, wie sich eine Handyauszeit auf meine Abendgestaltung auswirkt und wie sehr mir das Fehlen auffällt, wenn ich es etwa drei Stunden vor der (geplanten) Schlafenszeit ausschalte.
Montag
Ich habe mich irgendwie schon den ganzen Tag darauf gefreut, abends mein Handy auszumachen, als wäre ich sonst dazu verpflichtet, es bis zum Schlafen anzuhaben und erreichbar zu sein. Im Laufe des Abends und der Nacht fielen mir aber immer wieder (echt lustige) Sachen ein, die ich anderen hätte schreiben wollen und dann für mich behalten musste. Die ständige Erreichbarkeit ist also schon vollkommen normal. Andererseits möchte ich auch nichts konservieren und dann erst am nächsten Tag verschicken, das wäre ja auch nicht Sinn der Sache. Bei einem nächtlichen Spaziergang habe ich es dann irgendwie doch eingesteckt, just in case.
Dienstag
Da habe ich doch im StuPa-Fieber direkt vergessen, mein Handy auszumachen. Muss ich jetzt noch drei Stunden wach bleiben, damit ich mich an meine Regeln halte? 😀 Nachdem ich es dann schnell ausgeschaltet hatte, fiel mir eine wichtige Sache ein, die ich noch an diesem Abend loswerden MUSSTE und brach mein Gebot also zum zweiten Mal – dem Drang der direkten Mitteilung ist also doch nicht so leicht zu widerstehen. Nachts hatte ich noch ein sehr schönes Gespräch mit meiner Mitbewohnerin, wonach ich ihr normalerweise eine kleine Nachricht von Herzen bei WhatsApp geschickt hätte, so habe ich ihr einen Zettel unter der Tür durchgeschoben – hatte dann auch direkt mehr Bedeutung.
Mittwoch
Heute aber endlich mal rechtzeitig – doch nicht! Ich wollte meine Mitbewohnerin von der Redaktionssitzung abholen und danach mit ihr spazieren gehen, musste also noch warten, bis sie fertig ist und mir noch schreiben kann. Bevor ich los bin, hatte ich es ausgeschaltet und mich richtig „frei“ gefühlt, als ich wieder kam – als wäre das ein richtiger Abschluss vom Tag und danach auch viel einfacher zu entspannen. Zwar habe ich zwei Stunden des Abends mit Netflix verbracht, war also nicht wirklich offline, aber immerhin nur für mich und dann auch viel motivierter, jetzt einfach ins Bett zu gehen und noch zu lesen, anstatt mich „ungewollt“ weiter aufzuhalten.
Donnerstag
Was so gar nicht klappt im digitalen Semester? Nächtliche Gruppenarbeiten in Verbindung mit handyfreien Abenden. Also morgen auf ein Neues …
Freitag
Nach der Abgabe heute Abend hatte ich irgendwie gar keine Lust, mein Handy direkt auszumachen und nicht einfach wohlverdient daran rumzugammeln – gehört es also zu meinem abendlichen Entspannungsgefühl? Ich habe stattdessen (einige Stunden, hoppla) mit einer Freundin telefoniert und es dann so weggelegt, dass ich immerhin noch eineinhalb Stunden ohne Handy wach war. Auf Sachen, die ich mir bei handyfreier Zeit eigentlich vorgenommen hatte (malen, meditieren, Yoga, joggen) hatte ich dann trotzdem keine Lust – gewonnen hat wie so häufig die Couch, daran ändert das Handy anscheinend auch nichts. Schlussendlich hat es dann an dem Abend also doch nicht gefehlt und irgendwie bin ich froh, diesem anfänglichen Bedürfnis nicht nachgegeben zu haben, viel gebracht hätte es mir nämlich nicht.
Samstag
Abends hatten wir Besuch und da wäre ich sowieso nicht wirklich am Handy gewesen. Allerdings gab es ein paar Momente, in denen ich den anderen etwas zeigen wollte oder direkt etwas, das im Gespräch aufkam, bei der Suchmaschine des Vertrauens nachgucken wollte – der gewohnte Griff zum Handy hat mich dann doch ein wenig stutzig gemacht. Das Handy lag übrigens neben mir, weil ich darüber Musik angemacht hatte, ist das innerhalb der Regeln? Mir fällt auf, dass ich mit dem „Handy“ irgendwie eher Internet und soziale Medien verbinde und die üblichen Funktionen gar nicht so in meine Verbote einbeziehe.
Sonntag
Heute war es schon ganz normal, das Handy einfach auszumachen, auch wenn ich jedes Mal die Zeit verpeile. Ich habe den Abend genutzt, um ein wenig Tagebuch zu schreiben (etwas, wofür ich mir meistens auch nicht die Zeit nehme). Da ich das Handy nicht mehr neben mir habe, wusste ich auch wieder nicht, wie spät es danach war und habe dann so nach Gefühl gelesen, bis ich müde geworden bin. Ob das nicht ein neues Experiment sein könnte, ein Leben ohne Uhrzeit? 8)
Fazit
Ganz selbstkritisch musste ich feststellen, dass es doch nicht so einfach ist, sich abends einfach abzuschirmen. Gerade dann schreibt oder telefoniert man ja eigentlich gerne nochmal mit Freund*innen und es ist so normal, ständig erreichbar zu sein und auch alle anderen verfügbar zu wissen. Sobald das Handy aber aus war, habe ich viel mehr innegehalten. Wenn ich die Zeit für einen freien Abend hatte, habe ich richtig überlegt, nach was mir jetzt ist und mich dann viel mehr nach meinen eigenen Bedürfnissen gerichtet. So konnte ich mir mal Zeit für die Sachen nehmen, zu denen ich sonst häufig nicht komme. Rückblickend habe ich das Gefühl, viel mehr „quality time“ erlebt zu haben und mir mehr freie Zeit neben Uni und Arbeit gegönnt zu haben; als stünde das offline-Experiment automatisch für Entspannung. Ich bin auf jeden Fall wieder auf den Geschmack gekommen und nehme all das als Anregung mit, mein Handy auch weiterhin immer mal an ein paar Abenden pro Woche einfach auszumachen.
Beitragsbild: Annica Brommann Banner: Julia Schlichtkrull
Kennt ihr das, wenn man mal was Neues ausprobieren will, aber am Ende alles beim Alten bleibt? Uns jedenfalls kommt das sehr bekannt vor, deswegen haben wir uns für euch auf einen Selbstoptimierungstrip begeben. In dieser Kolumne stellen wir uns sieben Tage als Testobjekte zur Verfügung. Wir versuchen für euch mit unseren alten Gewohnheiten zu brechen, neue Routinen zu entwickeln und andere Lebensstile auszuprobieren. Ob wir die Challenges meistern oder kläglich scheitern, erfahrt ihr hier.
Yoga ist in meiner „social bubble“ überall. Auf Instagram backen nicht nur alle Bananenbrot und machen Smoothie-Bowls – nein, es machen auch alle Yoga. Auch ich gehe ab und zu der angesagten indischen Lehre nach. Ich kann zustimmen, dass es sich dabei um keinen vermeintlichen Öko-Blödsinn handelt, sondern um richtig anstrengenden Sport, der auch beinahe eine Therapiestunde mit sich selbst sein kann. Doch wie es die meisten sicherlich kennen, beschränkt sich mein Yoga-Dasein zur Zeit auf ein sporadisches „alle-paar-Wochen-mal“. Gerade jetzt, da der Corona-Virus unser Leben ganz schön einschränkt, aber der Unistoff gefühlt mehr als vorher ist, merke ich, dass ich einen Ausgleich brauche. Anstatt zu verschiedenen Vorlesungen zu radeln, sitze ich den ganzen Tag am Schreibtisch. Nicht nur mein Rücken tut langsam weh, ich bin zusätzlich gestresst und unter Druck. Da kommt Yoga doch gerade richtig, oder? Es bietet schließlich Übungen für Körper und Geist, also beginne ich das Selbstexperiment und mache eine Woche lang täglich Yoga. Mal sehen, ob ich in sieben Tagen völlig ausgeglichen, flexibel und voller Selbstliebe bin.
Montag
Es ist 18 Uhr und mir fällt auf, dass ich im ganzen Stress noch gar kein Yoga gemacht habe. Nachdem ich mich also ein paar Minuten mit Sport gequält habe, belohne ich mich mit Anti-Stress-Yoga auf YouTube. Das 30-minütige Video ist wirklich das, was ich gebraucht habe: kaum anstrengend und ohne komplizierte Übungen. Der Schwerpunkt liegt auf dem Entspannen, Runterkommen und gleichmäßigen Atmen. Bei einigen Übungen knackt es befreiend in Schultern und Rücken und nachdem ich kurz daran gezweifelt habe, dass ich wirklich erst 22 Jahre alt bin, schlafe ich bei der Schlussentspannung fast ein. Wirklich angenehm, dass das Video mich „zwingt“, nichts zu tun, einfach nur dazuliegen und zu entspannen. Nach der Yoga-Einheit fühle ich mich gut und mein Rücken fühlt sich besser an, aber sie hat mich auch ganz schön müde gemacht.
Dienstag
Bevor ich meinen Abend entspannt beginne, endet auch der heutige Tag mit Yoga. Auf dem Plan steht ein 20-minütiges Yoga für einen „healthy body “. Die zwanzig Minuten gehen schnell rum, viel besser fühle ich mich danach aber irgendwie nicht. Die Session war einerseits irgendwie langweilig und eintönig, andererseits fiel es mir auch schwer, genau so zu atmen, wie es meine Yoga-Lehrerin vorgibt. Das ist so ein Ding beim Yoga: langsam eeeeeein, während man sich streckt und wieder auuuuus, wenn man sich fallen lässt. Und dabei möglichst laut keuchen. Naja, ich fühl mich ein bisschen seltsam dabei und auch ein wenig wie beim alternativen Rentnersport. Aber gut – ich weiß, dass die richtige Atmung mit der Zeit kommt. Aber vielleicht muss ich doch mal eine frischere Form des Yogas ausprobieren.
Mittwoch
Nach dem gestrigen Yoga wähle ich heute etwas – hoffentlich – Sportlicheres aus. Einen Yoga-Summerbody-Flow. Klingt doch erstmal vielversprechend. Und ich muss zugeben: Übungen wie der Yoga-Liegestütz, „die Heuschrecke“ oder „das Boot“ bringen mich durch ihre Namen erst zum schmunzeln und dann ordentlich zum schwitzen. Ich kann auch nicht alle Übungen vollständig ausführen, aber meine digitale Yoga-Lehrerin weiß: „Wenn nicht heute, dann beim nächsten Mal“. Mit dem Atmen komme ich auch heute nicht so mit, wie sie es ansagt. Während sie in Ruhe einen Atemzug nimmt, hänge ich nur hechelnd da. Aber naja. Wenn nicht heute, dann beim nächsten Mal.
Donnerstag
Anstatt meinen Tag mit Yoga abzuschließen, beginne ich heute damit. Meine Yoga-Einheit verspricht „fit und wach“ in den Tag zu starten. Also mal sehen, wie fit ich in meine 10-Uhr-Online-Vorlesung gehen kann. Die 17 Minuten gehen zwar schnell vorbei, aber sind auch überraschend anstrengend. Ich bin zwischendurch ziemlich außer Atem aber direkt danach – zumindest körperlich – ziemlich wach. Ich fühle mich gut, schon so früh am Morgen (… um halb zehn) etwas für meinen Körper getan zu haben. Ich muss aber auch zugeben, dass ich ein paar Minuten später richtig müde werde und am liebsten wieder ins Bett kriechen würde. Die Menschen in meinem Umfeld finden außerdem, dass ich am heutigen Tag nicht besonders ausgeglichen wirke – also hat Yoga am Morgen zumindest in der Hinsicht seinen Zweck nicht erfüllt.
Freitag
Heute vergesse ich meinen Vorsatz. Erst im Bett fällt mir ein, dass ich täglich Yoga machen wollte. Aber nicht weiter schlimm, denn selbst für den Abend gibt es einige Yoga-Sessions. Also wähle ich für heute ein kurzes Gute-Nacht-Yoga aus. Ich muss nicht mal aus meinem Bett aufstehen. Ich bleibe im Schlafanzug und kann bei ruhiger Musik entspannt für zehn Minuten runterkommen, mich ein bisschen dehnen und danach auch direkt einschlafen.
Samstag
Nachdem ich den ganzen Tag im Auto gesessen habe, freue ich mich richtig auf meine Yoga-Einheit. Endlich mal ordentlich räkeln, strecken und dehnen. Zwar habe ich nicht viel Zeit, aber für eine zehnminütige Pause reicht es. Das finde ich sowieso total praktisch: Es gibt online so viele verschiedene Yoga-Videos und je nachdem, wie viel Zeit man hat, wählt man sein Video aus. Und wenn es nur ein klitzekleiner Sonnengruß ist – irgendwie kann man das immer in den Alltag integrieren. Und auch diesmal bin ich froh, meine Matte ausgerollt zu haben: Es tut total gut und ist genau das, was ich nach diesem Tag brauche. Obwohl ich mich bewege, sind diese Abläufe zu einer kleinen Pause geworden und oft habe ich danach bessere Laune und Energie für den restlichen Tag.
Sonntag
Der letzte Tag mit Yoga. Ich widme mich am Abend einer ausgiebigen Session für Beweglichkeit und Entspannung. Ich muss mich teilweise ganz schön verknoten und fühle mich wie die billige Version eines Schlangenmensches. Es ist aber eine Wohltat für den ganzen Körper. Dabei fällt mir auf, dass es nirgendwo mehr knackt – die letzten Tage scheinen mir sehr gut getan zu haben. Jetzt, wo ich drüber nachdenke, hatte ich in der vergangenen Zeit auch gar keine Rückenschmerzen mehr (Spoiler: Die vielen Übungen haben allerdings dazu geführt, dass ich am nächsten Tag ganz schön Muskelkater hatte).
Fazit
Mich täglich aufzuraffen hatte ich als größte Herausforderung angesehen. Das war allerdings gar kein Problem – ich habe höchstens mal vergessen, dass ich ja eine Challenge hatte. Da ich die meisten Yoga-Übungen eher als Bereicherung und nicht als Qual angesehen habe, fiel mir das „Aufraffen“ gar nicht schwer. Außerdem hat das tägliche Yoga meinen Alltag nicht gestört, weil ich es gut in meine Planung integrieren konnte. Es war ein schöne Routine, um den Uni-Tag zu beenden, zu starten oder zwischendurch eine Pause zu machen, und dabei etwas für den Körper zu tun – ohne sich völlig verausgaben zu müssen. Ich muss aber noch lernen, dabei mehr abzuschalten. Bei den unkommentierten Ruhesequenzen bin ich manchmal fast eingeschlafen, manchmal hatte ich aber auch den Drang, vor Langeweile auf mein Handy zu gucken. Ich denke, sowohl körperlich also auch geistig braucht Yoga eine Menge Übung. Ich finde aber schön, dass man auch ohne jahrelange Erfahrung die meisten Einheiten mitmachen kann. Außerdem habe ich innerhalb der einen Woche gemerkt (oder mir eingebildet), dass die täglichen achtsamen Bewegungen meinem Körper sehr gut getan haben. Vor allem in der durch Corona beeinflussten Zeit glaube ich, dass Yoga eine gute Möglichkeit ist, eine wohltuende Routine für Körper und Geist in den Alltag einzubauen. Ihr merkt schon: Nach diesen sieben Tagen klinge ich schon wie eine Yoga-Fanatikerin, die nach einem zweiwöchigen Selbstfindungstrip aus Asien wiederkehrt. Und damit: Namasté, ich mache mir jetzt eine Smoothie-Bowl.
Beitragsbild: Lilli Lipka Banner: Julia Schlichtkrull