Umgekrempelt: Eine Woche lang jeden Tag Frühsport

Umgekrempelt: Eine Woche lang jeden Tag Frühsport

Kennt ihr das, wenn man mal was Neues ausprobieren will, aber am Ende alles beim Alten bleibt? Uns jedenfalls kommt das sehr bekannt vor, deswegen haben wir uns für euch auf einen Selbstoptimierungstrip begeben. In dieser Kolumne stellen wir uns sieben Tage als Testobjekte zur Verfügung. Wir versuchen für euch mit unseren alten Gewohnheiten zu brechen, neue Routinen zu entwickeln und andere Lebensstile auszuprobieren. Ob wir die Challenges meistern oder kläglich scheitern, erfahrt ihr hier.

Das Experiment

Eine Woche lang jeden Morgen Frühsport treiben – als ich mich in der Redaktion für dieses Selbstexperiment meldete, befand sich Greifswald noch mitten in einem goldenen Oktober und ich mich offensichtlich nicht ganz bei Verstand. Hinter mir lag ein Sommer, in dem ich tatsächlich als Ausgleich zu meiner Bachelorarbeit ab und zu gerne morgens Sport gemacht hatte. Bei warmem Sonnenschein durch die Credner-Anlagen zu joggen, vorbei an entspannt herumstaksenden Störchen, kann einem aber auch ein bisschen den Kopf verdrehen. Im November dagegen ist es wettertechnisch morgens eher unappetitlich und so war ich drei Wochen später, als mein Experiment startete, schon nicht mehr ganz so überzeugt davon. Um nicht gleich nach zwei Tagen erbärmlich zu scheitern, entschied ich großzügig, dass alles vor 11 Uhr morgens für mich als Frühsport durchgehen würde. Über die genauen Sporteinheiten machte ich mir vorher tatsächlich noch nicht allzu viele Gedanken. Ich wollte einfach das, was ich sonst so an Sport machte öfter und eben morgens machen. So schwer konnte das ja wohl nicht sein …

Tag 1: Mittwoch

Der erste Tag meines Selbstexperimentes ist ein Mittwoch, da ich mir die anstrengendsten Tage meiner Woche für den Schluss aufheben will. Ich bilde mir gutgläubig ein, dass ich dann bestimmt schon an den Frühsport gewöhnt sei. Nach dem Frühstück gegen halb neun mache ich mich zu einer lockeren Laufrunde um den Wall und ein Stück den Ryck entlang auf. Insgesamt laufe ich etwa eine halbe Stunde und komme aufgrund des sonnigen Herbstmorgens gut gelaunt wieder zuhause an. Nach dem Duschen fühle ich mich zunächst super. Ein Gefühl, als hätte ich bereits echt etwas geschafft an diesem Tag. Als ich jedoch gegen 14 Uhr in der Uni sitze, fällt mir dann doch etwas Seltsames auf. Ich sitze einfach total zufrieden und leicht schläfrig im warmen Seminarraum und habe nicht das geringste Bedürfnis, mich an den Diskussionen zu beteiligen. Mein Körper ist anscheinend mit seiner Tagesleistung bereits zufrieden und findet es vollkommen ausreichend im Ruhemodus zuzuhören. Okay, mir ist schon klar, dass still und schläfrig in der Uni sitzen jetzt keine Besonderheit unter Studierenden darstellt, auch ich kenne das nur zu gut, aber diese Zufriedenheit dabei ist mir definitiv neu.

Tag 2: Donnerstag

Heute Morgen habe ich mich für ein Yoga-Tutorial auf YouTube entschieden, da ich am Nachmittag bereits zum Bouldern verabredet bin, und mich nicht schon vorher verausgaben möchte. Man sieht, ich habe aus dem gestrigen Tag gelernt. Da ich kein Yoga-Profi bin, gebe ich bei Youtube einfach „Yoga für Anfänger“ ein und wähle das erste Video, in dessen Beschreibung irgendwas mit „Morgenroutine“ vorkommt. Ich habe Glück und bin sehr zufrieden mit meiner Wahl. Innerhalb von 17 Minuten absolviere ich in meinem Wohnzimmer auf der Yogamatte ein kurzes, aber durchaus anstrengendes Training, das mich aufgrund meiner vollkommenen Ungeübtheit ordentlich fordert. Zum Abschluss werde ich in der Entspannungsphase noch aufgefordert, mir ein kleines Ziel für den Tag zu überlegen. Ich fühle mich tatsächlich wach und mental bereit für den Tag, etwas mehr als sonst. Der verläuft danach auch relativ entspannt. Ich bin jedoch heilfroh, dass ich mich morgens für eine so kraftsparende Sportvariante entschieden habe, da ich sonst wahrscheinlich meine Boulderverabredung hätte sausen lassen. Warum sollte man auch abends im Dunkeln nochmal raus in den Regen, wenn bereits ein anstrengendes Sportprogramm hinter einem liegt? Da hätte ich definitiv ein Motivationsproblem gehabt.

Tag 3: Freitag

Heute wird es ernst. Ich habe tatsächlich zwei Freundinnen, die Lust haben, mit mir um 8 Uhr morgens zum Sport zu gehen. Die ambitionierte Uhrzeit kommt dabei allerdings nicht ganz freiwillig zustande. Da wir dieses Semester Teilnehmerinnen des Kraftsportkurses im Rahmen des Hochschulsports sind, wollen wir in den Kraftraum der Uni und der hat morgens leider einen sehr begrenzten Zeitrahmen von 8 bis 9.30 Uhr. Ein guter Plan, doch natürlich sind auch wir nur Menschen und allem Anschein nach nicht ganz so verrückt wie gedacht, denn als ich morgens um 7 Uhr verschlafen auf mein Handy schaue, sehe ich natürlich von beiden Freundinnen eine Absage. Das daraufhin logischerweise einsetzende Motivationstief betäube ich mit ganz viel Kaffee und mache mich tapfer alleine auf den Weg.

Schon der Weg mit dem Rad über den Wall weckt meine Lebensgeister und ich bin positiv überrascht, dass ich nicht die einzige Person im Kraftraum bin. Auf dem Rückweg ist sogar die Sonne rausgekommen und ich bin total high von dem Gefühl, vor halb zehn schon richtig was geschafft zu haben. Voller Tatendrang fahre ich noch bei der Post vorbei und mache einen Wochenendeinkauf im nächsten Supermarkt. Nach dem gemütlichen Belohnungs-Frühstück zuhause kommt jedoch das Tief. Mein Körper ist mal wieder der Meinung, genug für den Tag geleistet zu haben und geht in den Entspannungsmodus. Statt wie geplant in die Bib zu gehen hält er es für viel sinnvoller, gemütlich zuhause zu lernen, was sich leider zu einem der unproduktivsten Tage seit langem entwickelt. Auch abends bin ich absolut nicht motiviert, mich von meiner gemütlichen Couch fortzubewegen und lasse mich nur sehr ungern raus in die kalte Dunkelheit und in die meiner Wohnung am allernächsten liegende Bar mitschleppen.

Tag 4: Samstag

Mein Körper protestiert inzwischen auf ziemlich schmerzhafte Weise gegen das ungewohnte Sportpensum. Ich habe den Muskelkater meines Lebens, anscheinend bin ich echt nicht besonders fit. Auch die paar Drinks vom letzten Abend machen sich etwas bemerkbar und als ich aus dem Fenster schaue, regnet es in Strömen. Für meinen schönen Plan, mal wieder eine lange Runde am Ryck entlang zu laufen, bin ich heute definitiv nicht bereit!

Also muss wieder die Yogamatte her. Das heutige Video mit morgendlichem Yoga-Inhalt ist sehr viel langsamer und meditativer als das letzte, doch ich bin vollkommen zufrieden damit. Um ehrlich zu sein wäre heute definitiv ein Tag, an dem ich mir normalerweise immer eine Pause vom Sport gönnen würde. Muskelkater, wenig Schlaf und leichter Restalkohol, dazu noch ein verregneter Novembermorgen – das schreit ja geradezu nach einem Tag auf der Couch. Ich würde jetzt auch gerne erzählen, wie gut mir das Yoga trotz all dieser Umstände getan hat und wie vital/fit/und so weiter ich mich danach gefühlt habe, doch um ehrlich zu sein, bin ich einfach nur froh, als es endlich vorbei ist. Der restliche Tag verläuft dann ziemlich unspektakulär, mir fällt jedoch auf, dass ich langsam den Schlafrhythmus eines Grundschulkindes annehme. Ich könnte wirklich jeden Abend um 21 Uhr ins Bett gehen.

Tag 5: Sonntag

Aus irgendeinem mir unerklärlichen Grund ist mein Muskelkater heute noch schlimmer als gestern. Doch abgesehen davon starte ich komplett anders in den Tag. Aufgrund meines Grundschulkind-Schlafrhythmus war ich früh im Bett und bin noch vor meinem Wecker gegen halb acht wach. Der Himmel ist zwar eine einzige weiße Wolkendecke, doch es ist trocken und höchste Zeit für meinen gestern versäumten Lauf. Voll motiviert trete ich aus der Haustür und habe sofort das Gefühl in eine Wand aus Kälte zu laufen. Es sind knapp 4 Grad draußen und ich bin definitiv falsch angezogen. Da die Versuchung des warmen Bettes drinnen jedoch zu groß wäre, verzichte ich auf wärmere Sachen und laufe Zähne zusammenbeißend los. Dabei rede ich mir ein, ich hätte doch mal irgendwo gelesen, man solle im Herbst sowieso immer Laufkleidung anziehen, mit der man zu Beginn des Laufes friert. Ob das wirklich stimmt oder nicht, in meinem Fall scheint es zu funktionieren, denn nach den ersten fünf bis zehn wirklich nicht angenehmen Minuten hat sich mein Körper tatsächlich aufgeheizt. Trotz klirrender Kälte und anhaltendem Muskelkater absolviere ich einen meiner besten Läufe seit langem. Greifswald ist wie leergefegt und an keiner Straße muss ich stehen bleiben, um Autos abzuwarten, was definitiv ein großer Pluspunkt von Sonntagmorgenläufen ist. Die einzigen wenigen Menschen, die mir begegnen, sind andere Läufer oder Mütter mit Kinderwägen.

Obwohl ich den restlichen Tag mit Lernen verbringen muss, geht es mir eigentlich ganz gut. Dass ich bereits draußen gewesen bin und mich dazu auch noch ordentlich bewegt habe, macht sich positiv bemerkbar. Ich bin eigentlich ganz zufrieden mit mir, allerdings auch schon wieder um halb zehn im Bett.

Tag 6: Montag

Langsam muss ich mir eingestehen, dass der von mir erhoffte Effekt, nämlich eine Gewöhnung oder sogar Wertschätzung des Frühsports, wohl nicht mehr eintreten wird. Klar, auf irgendeine Weise habe ich mich daran gewöhnt. Ich stehe morgens inzwischen resigniert auf anstatt mit meinem inneren Schweinehund um 5 Minuten mehr Schlafenszeit zu feilschen, aber es nervt langsam, sich jeden Tag zu überlegen, was am nächsten Morgen für ein Sport gemacht werden könnte. Man will und kann ja nicht jeden Tag dasselbe machen. Dazu ist es etwas umständlich, dass dieser Sport dann immer morgens stattfinden muss. An vielen Tagen, wie zum Beispiel heute, würde es mir abends oder nachmittags nach der Uni nämlich viel besser passen, wenn man genug Zeit hat und den Kopf frei bekommen möchte. Aber leider heißt das Experiment nicht „Jeden Tag Sport machen“, sondern „Jeden Tag Frühsport machen“ und so hilft mir nur der Gedanke, dass es morgen vorbei sein wird.

Heute fahre ich wieder um acht in den Kraftraum der Uni. Auf dem Weg dahin fällt mir trotz meiner Genervtheit dann doch etwas Positives auf. Tatsächlich ist es im November um 8 Uhr morgens schon hell, ganz im Gegensatz zum Nachmittag oder Abend, da es bereits ab halb 5 dunkel wird. Ich kann im Hellen zum und vom Sport nach Hause fahren und habe tatsächlich mehr Licht, als wenn ich nachmittags gehen würde. Diese zugegeben sehr späte Entdeckung begeistert mich, da Dunkelheit durchaus eine große Rolle bei meiner Motivation spielt. Ich nehme mir vor, auch nach dem Experiment einmal die Woche morgens Sport zu treiben, um von dem neu entdeckten Lichtbonus zu profitieren.

Tag 7: Dienstag

Zur Feier meines letzten Tages erhöhe ich den Schwierigkeitsgrad. Da mein Stundenplan dieses Semester sehr gnädig mit mir ist und ich tatsächlich keine einzige 8-Uhr-Vorlesung habe, will ich heute ausprobieren, wie eine Frühsporteinheit aussehen könnte, wenn man Uni im ersten Block hat.

Als mein Wecker klingelt, ist es diesmal natürlich noch stockdunkel. Nicht mal der Hauch eines Sonnenaufgangs ist zu sehen und die Anziehungskraft meines Bettes verhundertfacht sich auf der Stelle. Natürlich spiele ich mit dem Gedanken, das Ganze zu verwerfen. Wer braucht bei diesem Experiment schon eine Schwierigkeitserhöhung, als ob Frühsport generell nicht schon ambitioniert genug wäre?! Doch dann schleppe ich mich trotzdem auf die zum Glück bereits am Vortag ausgerollte Yogamatte.

Zu sehen, wie es hell, wird war definitiv nett, alles andere eher mau. Ein halbstündiges Pflichtprogramm an Bewegung zu absolvieren, nur um sich danach beim Frühstück und unter der Dusche zu stressen, ist es mir auf jeden Fall nicht wert. Da würde ich immer lieber in Ruhe abends eine richtige Sporteinheit vorziehen. Auch bin ich morgens nicht besonders ehrgeizig bei der Auswahl meiner Bewegung und erwische mich dabei, wie ich eher zu den meditationsartigen Yoga-Videos tendiere als zum Beispiel zu einem anstrengenden Krafttraining. Vielleicht wäre das im Sommer anders, wenn man um die Uhrzeit bereits draußen im Hellen sein kann, aber in diese kalte Dunkelheit kriegt mich niemand raus.

Den restlichen Tag bin ich trotz acht Stunden Uni ziemlich gut gelaunt. Es ist zwar etwas traurig zuzugeben, aber der Grund dafür ist leider das Ende des Experimentes. Ich bin wirklich erleichtert. Ein bisschen so wie das Wochenendgefühl am Freitag, nur dass heute Dienstag ist.

Das Fazit

Rückblickend war es auf jeden Fall eine Woche mit Höhen und Tiefen. Ich denke meine Erleichterung am Ende kam vor allem daher, dass ich nun nicht mehr täglich Sport machen musste. Ich bewege mich eigentlich gerne, mir ist aber auch klar, dass ich nicht sieben Tage die Woche ein anstrengendes Krafttraining absolvieren kann. Da kriege ich dann nach drei Tagen vor Muskelkater die Kühlschranktür nicht mehr auf. Also musste ich mir Yoga-Regenerationstage zuhause einbauen. Die habe ich allerdings meist eher etwas schlapp abgearbeitet und mich geärgert, dass ich dafür früher aufstehen musste. Auch hatte ich danach im Gegensatz zu den Lauf- und Krafttrainingstagen selten das Gefühl, bereits wirklich etwas geschafft zu haben. Für mich persönlich kann ich daraus schließen, dass ich einfach nicht der Typ Mensch für tägliche Sportaktivitäten bin. Wenn ich es dreimal die Woche schaffe, bin ich mehr als zufrieden mit mir und ehrlich gesagt ist das auch die Anzahl der Tage, an denen ich innerhalb des Experimentes wirklich gute Trainings hatte. Mein Problem lag also eher bei den täglichen Einheiten und nicht so sehr bei dem frühmorgendlichen Sport. Trotzdem will ich nicht behaupten, dass das frühere Aufstehen mir großen Spaß gemacht hätte. Ich hatte Glück, dass in der Woche feiertechnisch wenig los war und meine Univeranstaltungen nie vor zehn Uhr begannen. Wäre das anders gewesen, hätte ich bestimmt nicht die komplette Woche durchgehalten. So aber konnte ich meinen Grundschulkind-Schlafrhythmus richtig ausleben. Die Entdeckung, dass es um 8 Uhr morgens im November deutlich heller als am Nachmittag ist, begeistert mich tatsächlich immer noch. Trotzdem war ich in den zwei Wochen seit dem Experiment natürlich nicht ein einziges Mal um diese Uhrzeit beim Sport. Ich gehe jedoch weiterhin gerne sonntagmorgens durch die menschenleere Stadt laufen und genieße danach das Gefühl, so früh am Tag schon richtig was geschafft zu haben.

Grundsätzlich erkenne ich also durchaus die Vorzüge des Frühsports, doch ich will ihn nicht machen müssen nur um des Machens Willen. Wenn es mir zeitlich nicht passt oder ich mich nicht so fit fühle, verzichte ich lieber darauf oder verschiebe ihn auf später als irgendetwas Halbherziges zu machen, aber das ist natürlich von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Vielen hilft es wahrscheinlich gerade an solchen Tagen, sich morgens kurz Zeit zu nehmen und den Körper mit Bewegung in Gang zu bringen. Abschließend will ich nur noch sagen, dass es mir durchaus einigen Stress erspart hätte, die einzelnen Sporteinheiten genauer durchzuplanen und dass dieses Experiment vermutlich in einem Sommersemester sehr viel positiver ausgefallen wäre, wenn es draußen warm und die Credner-Anlagen voller Störche gewesen wären.

Beitragsbild: Carla Koppe
Banner: Julia Schlichtkrull

Umgekrempelt: Sieben Tage ohne Smartphone

Umgekrempelt: Sieben Tage ohne Smartphone

Kennt ihr das, wenn man mal was Neues ausprobieren will, aber am Ende alles beim Alten bleibt? Uns jedenfalls kommt das sehr bekannt vor, deswegen haben wir uns für euch auf einen Selbstoptimierungstrip begeben. In dieser Kolumne stellen wir uns sieben Tage als Testobjekte zur Verfügung. Wir versuchen für euch mit unseren alten Gewohnheiten zu brechen, neue Routinen zu entwickeln und andere Lebensstile auszuprobieren. Ob wir die Challenges meistern oder kläglich scheitern, erfahrt ihr hier.

Ich muss gestehen: Ich bin abhängig. Süchtig nach meinem Smartphone. In einer festen Beziehung mit meinem Handy. Ich liebe es, dem Alltag zu entfliehen und in die Tiefen von Instagram abzutauchen; ich liebe es, jederzeit meine Freunde erreichen zu können und ich liebe die Vielfalt an Möglichkeiten, die einem die Apps bieten. Trotzdem glaube ich, dass mein Handy mir auch viel kaputt macht.

Unsere Eltern sagen doch selbst: „In eurem Alter sind wir auch ohne diese technischen Geräte ausgekommen!“ – das stimmt, selbst ich konnte vor zehn Jahren noch ohne Podcast auf den Ohren einschlafen oder mich verabreden, ohne dieses kleine elektronische Ding zu verwenden. Aber könnte ich es heute noch? In diesem ersten Teil der Selbstexperiment-Reihe möchte ich versuchen, sieben Tage auf meinen liebsten Begleiter und Helfer in der Not zu verzichten: mein Smartphone. Mich komplett von der Außenwelt abzukapseln traue ich mich aber noch nicht, deswegen habe ich ein altes Tastenhandy rausgekramt, sodass ich auch das Leben meiner Mitmenschen nicht allzu schwer mache.

Montag

Es fängt gut an. Eine Freundin soll mich aus der Heimat mit nach Greifswald nehmen. Normalerweise kriege ich kurz vorher eine WhatsApp-Nachricht mit „Fahre jetzt los“ und weiß Bescheid. Jetzt mussten wir im Vorhinein fest planen, wann sie herkommt – wie unflexibel ist das denn bitte? Die zweistündige Autofahrt kann ich nicht wie sonst damit verbringen, am Handy zu spielen. Altbackene Sachen wie aus dem Fenster zu schauen oder sich zu unterhalten sind jetzt angesagt. Aber irgendwie kann ich auch das überstehen, Mecklenburg-Vorpommern sieht ja eigentlich ganz nett aus.

Zuhause angekommen geht es mit meiner Mitbewohnerin in den Supermarkt. Normalerweise tragen wir unsere gemeinsamen Ausgaben in eine App ein, aber jetzt muss ich doch tatsächlich die Kassenbons sammeln und die Ausgaben mit einem echten Stift auf einem echten Blatt Papier festhalten … Um unsere Lebensmittel zu verbraten, würde ich jetzt normalerweise eine meiner Koch-Apps verwenden. Einfach Stichworte eingeben, durch den Feed scrollen und vor allem die Bewertungen von anderen User*innen beachten. Aber jetzt können meine eingestaubten Kochbücher zum Einsatz kommen. Und ich muss sagen, ein Buch mit vielen schönen Bildern durchzublättern ist ja auch voll inspirierend – fast so wie ein Real-Life-Koch-App-Feed!

Im Seminar am Nachmittag, in dem ich normalerweise schnell die Konzentration verliere, bin ich heute überraschend konzentriert. Ich kann nicht zwischendurch auf mein Smartphone gucken und so schneller den Faden verlieren und habe daher auch nicht die ganze Zeit die Uhr im Blick. Apropos Uhr: Ich glaube, ich muss mir für die folgende Woche angewöhnen, eine Armbanduhr zu tragen. Für mich ein Relikt aus alten Zeiten, das heute eigentlich nur noch als Accessoire dient.

Abends vorm Fernseher fällt mir auf, wie ich ganz komisch mit meinen Fingern spiele – normalerweise würde ich jetzt mein Smartphone in der Hand halten. Was sind das für unterbewusste Angewohnheiten, die mein Körper da an den Tag legt? Es tut aber irgendwie gut, meine volle Aufmerksamkeit nur einer Sache zu widmen und einen Film zu gucken ohne nebenbei Instagram zu checken.

Am meisten Angst habe ich vor dem Einschlafen. Einschlafprobleme hatte ich schon immer und ich weiß auch, dass elektronische Geräte abends ein Tabu sein sollten. Trotzdem wiege ich mich immer in den Schlaf, indem ich so lange am Handy bin, bis mir die Augen zufallen. Und dann ist trotzdem noch nicht Schluss, dann höre ich immer einen Podcast, um endgültig wegzunicken. Jetzt lese ich seit Ewigkeiten mal wieder ein Buch vorm Zubettgehen und denke einfach nach. Aber ohne diese gewohnte Dauerunterhaltung einzuschlafen kostet mich zwei Stunden.

Dienstag

Heute bin ich nach dem Weckerklingeln (ich musste mir doch tatsächlich einen analogen Wecker stellen!) sofort aufgestanden und habe nicht wie üblich eine halbe Stunde am Handy verdattelt. So viel Zeit am Morgen zu haben ist ungewohnt, was fange ich damit an?

Im Spanischunterricht würde ich eigentlich die ganze Zeit meine Übersetzer-App benutzen. Jetzt muss ich Vokabeln im Buch nachschlagen. Klar ist das auch kein Problem (mit einem Wörterbuch kann ich gerade so noch umgehen), aber es ist deutlich zeitaufwändiger.

Später sitze ich in einer Vorlesung ganz alleine da. Meine Freunde (die auch meine Motivation waren, überhaupt zu erscheinen) tauchen einfach nicht auf. Später höre ich: „Ich hab‘ dir doch ’ne SMS geschrieben!“ – die ist aber leider nie angekommen … Ich selber verschicke im Laufe des Tages auch die eine oder andere SMS. Für 20 Zeichen brauche ich circa fünf Minuten (ohne Zeichensetzung).

Mittwoch

Heute habe ich super geschlafen und bin wieder gut aus dem Bett gekommen. Ich hatte wieder ein langweiliges Seminar, aber bin durch die fehlende Versuchung der Ablenkung erneut am Ball geblieben. Und zwischen den Veranstaltungen bin ich gezwungen, mich zu unterhalten – sogar das überstehe ich ganz gut. Schon öfter ist mir vorher aufgefallen, dass es sehr schwierig ist, in den Minuten vor Beginn einer Lehrveranstaltung Gespräche anzufangen, weil sich alle in ihr Handy flüchten. Es ist schwer, Unterhaltungen aufzubauen, wenn jede*r ihren*seinen Fokus auf das Smartphone legt. Diese Möglichkeit, sich gewissen Situationen zu entziehen, kann zwar auch echt praktisch sein, aber ich glaube, dass die sozialen Kontakte im echten Leben dadurch häufig zu kurz kommen.

Später verabrede ich mich persönlich mit einer Freundin zum Mensaessen. Normalerweise hätten wir das ganz spontan per WhatsApp geklärt. Jetzt müssen die Uhrzeiten wieder genau festgelegt werden. Diese Spontanität vermisse ich ein bisschen. Und was wäre, wenn ich unzuverlässige Freund*innen hätte?

Donnerstag

Kleines Zwischenfazit: Mein Handy fehlt mir gar nicht, denn wenn die Versuchung nicht da ist, spiele ich gar nicht erst mit dem Gedanken, es zu benutzen. Allerdings erwische ich mich dabei, mein Tastenhandy öfter anzuklicken, in der Hoffnung, mal eine „Mitteilung von draußen“ zu bekommen.

Trotzdem beschäftigt mich die komische Frage, was man früher eigentlich in „Überbrückungszeiten“ gemacht hat. Zum Beispiel: Die Dusche ist besetzt, in fünf Minuten kann ich ins Badezimmer. In der Zeit kurz mal die News oder Facebook checken geht nicht. Mein Zimmer ist aufgeräumt, ein neues Kapitel im Buch möchte ich jetzt auch nicht anfangen. Was macht man jetzt? Aus dem Fenster gucken? Nachdenken? Oder einfach mal nichts tun? Ich glaube, das mache ich eigentlich viel zu wenig. Vielleicht ist das auch mal ganz gesund.

Heute erwische ich mich dabei, wie ich meine Freund*innen frage, was denn so Interessantes in den sozialen Medien abgeht. Welche Memes verpasse ich und welche*r Blogger*in hat eine neue Duschbadkollektion rausgebracht? Richtige Breaking News bekomme ich höchstens in der Tagesschau mit und bin dann super überrascht, während alle anderen in ihrer News-App schon zwölf Stunden vorher davon erfahren haben.

Freitag

Am Freitag ist eines der ersten Dinge, die ich normalerweise tue, auf Spotify die neuen Musikerscheinungen zu checken. So sehr haben mir Musik-Apps bis jetzt nicht gefehlt: Ich höre einfach die ganze Zeit CD oder ein bisschen Radio. Aber für unterwegs und zwischendurch lobe ich mir doch meine Streamingdienste.

Ich gehe einkaufen und schreibe mir eine echte Einkaufsliste. Wieder mit Papier und Stift und so. Unterwegs fällt mir ein, dass ich eine Tarte backen wollte, aber mir gar kein Rezept rausgesucht habe. Mal schnell googeln kann ich jetzt nicht, also muss ich Zutaten auf gut Glück kaufen und hoffen, dass das hinkommt. Zuhause fehlt mir dann auch noch eine Tarteform. Eigentlich würde ich schnell meine Nachbarin per WhatsApp fragen, ob sie eine hat. Jetzt muss ich doch tatsächlich persönlich klingeln.

Wenn es Dinge zu klären gibt, schreibe ich jetzt öfter Mails am Laptop oder überwinde teilweise meine Telefonierphobie. Das macht auch mehr Spaß: weniger sinnlose Kurznachrichten, sondern ein kleiner Text, der das Wichtigste enthält oder ein Telefonat von zwei Minuten, anstatt über mehrere Stunden zehnsekündige Sprachnachrichten und Emojis zu verschicken.

Später bin ich am Ryck verabredet. Ich komme ein paar Minuten zu spät und kann das nicht mal eben per WhatsApp mitteilen. „Hoffentlich glaubt sie nicht, ich hatte einen Unfall, nur weil ich nicht da bin oder mich nicht melde“, denke ich mir.

Samstag

Ich gehe mit einer Freundin Sport machen. Vorher war ich schon echt produktiv, denn dieses „Ich bleib noch kurz liegen und check Social Media“-Ding fällt weg. Deshalb stehe ich inzwischen direkt auf und überlege mir etwas Sinnvolles, was ich stattdessen tun kann.

Beim Sport stehe ich vor einem Problem: Wie tracke ich meine sportlichen Ergebnisse? Wie viele Kilometer waren das jetzt? Wie lange waren wir unterwegs und wie viele Kalorien habe ich verbrannt? Muss ich jetzt echt einfach nach Gefühl gehen und nicht darauf achten, wie eine kleine Maschine mich einschätzt?

Sonntag

Ich brauche eine Taschenlampe! Wer hat denn heutzutage in einem Studierendenhaushalt noch eine Taschenlampe? Das macht doch sonst mein Smartphone! Muss ich jetzt echt mit einer Kerze unter das Regal leuchten?

Ich muss trotzdem zugeben: Mir fehlt mein Smartphone gar nicht so sehr. Ich, die normalerweise drei bis vier Stunden Bildschirmzeit am Tag hat, bin erstaunt, wie leicht mir der Verzicht fällt. Noch erstaunter bin ich, wie einfach es sich ohne Instagram und Co. lebt. Ich hätte gedacht, dass das eine größere Hürde für mich wird. Aber eigentlich ist es ja auch nur eine Beschäftigung, die ich mir suche, wenn ich nichts Besseres zu tun habe.

Am meisten hat mich gestört, dass die Kommunikation so schwierig war. Das hat nicht nur mich selbst, sondern auch mein Umfeld genervt. Schließlich war es auch für alle anderen eine Umstellung, mich nicht auf dem gewohnten Wege erreichen zu können. Klar muss man nicht immer 24/7 am Smartphone hängen, aber es ist schön zu wissen, erreichbar zu sein. WhatsApp und Gruppenchats können die Organisation einfach ungemein erleichtern.

Außerdem haben mir Podcasts zum Einschlafen gefehlt. Ja, es ging irgendwann auch ohne. Und wenn ich länger üben würde, könnte ich mich auch daran gewöhnen, so einzuschlafen. Aber ob ich dieser Versuchung länger widerstehen kann, weiß ich nicht.
Und dann hat mir mein Handy einfach in den alltäglichsten Situationen gefehlt. Es ersetzt so viele Dinge, die man nicht mehr bei sich tragen muss: Taschenrechner, Wörterbuch, Taschenlampe, Stoppuhr, Laptop, Karten, Uhr, Tickets, Bücher etc.

Trotzdem hat mir diese Woche gezeigt: Es geht auch ohne. Wenn ich will, kann ich auf mein Smartphone verzichten. Dann hätte ich mehr Zeit, wäre konzentrierter und würde mich mehr mit dem Nichtstun und meinen eigenen Gedanken beschäftigen.

23.59 Uhr: Okay – ich bin schon ein bisschen aufgeregt, wenn ich daran denke, mein Handy wieder einzuschalten. Meine Hände zittern und meine Herzfrequenz ist erhöht. Wer hat mir geschrieben? Welche Bilder wurden geliked? Welche Trends hab ich verpasst? Ist neue Musik rausgekommen? Gibt es eine neue Challenge im World Wide Web? Und ehe ich mich versehe, bin ich wieder von meinem festem Freund, dem Smartphone verführt worden …

Photo von Марьян Блан auf Unsplash
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