Unbezahlbare Reform

Unbezahlbare Reform

Als Verbesserung gemeint bereitet das »Gesetz zur Reform der Psychotherapeutenausbildung« der Psychologie sieben Jahre nach Verabschiedung Kopfzerbrechen.
Wie kam es dazu und was sind die Aussichten?

Der gut gemeinte Ursprung

Der Ausgangspunkt der Diskussion ist das »Gesetz zur Reform der Psychotherapeutenausbildung« von 2019, welches die Ausbildungssituation der angehenden Psychotherapeut*innen grundlegend ändert. Bis dato war die Regel, dass Psychologiestudierende erst einen Bachelor und einen Master ablegen, um dann den Status als ›Psychotherapeut*in in Ausbildung‹ (PiA) zu erlangen. Diese Ausbildung war für viele mit erheblichen finanziellen Belastungen verbunden: Neben hohen Ausbildungskosten wurden die praktischen Tätigkeiten häufig nur unzureichend vergütet, sodass das System vielfach als strukturell ungerecht und ausbeuterisch kritisiert wurde. Die Ausbildung schloss mit der Approbation ab.

Mit der Reform wurde die Ausbildung an die anderer Heilberufe, insbesondere der Fachärzt*innen, angepasst. Seitdem erhalten Absolvent*innen die Approbation bereits nach dem Masterstudium und der ›Psychotherapeutischen Prüfung‹. Daran schließt sich eine in der Regel fünfjährige Weiterbildung als ›Psychotherapeut*in in Weiterbildung‹ (PtW) an. Erst nach deren erfolgreichem Abschluss erwerben sie die Qualifikation als Fachpsychotherapeut*in.

In dieser Zeit dürfen approbierte Absolvent*innen unter Supervision einer Fachpsychotherapeut*in bereits behandeln. Die Weiterbildung umfasst diesen praktischen, aber auch einen theoretischen Teil. Erst nach Abschluss der Weiterbildung erfolgt die Eintragung ins Arztregister, was die Voraussetzung für die Abrechnung der Leistungen bei Krankenkassen ist. 

Das Gesetz wurde im Herbst 2019 unter dem damaligen Gesundheitsminister Jens Spahn mit einer 12-jährigen Übergangsfrist beschlossen und gilt seit dem 1. September 2020. Im Jahr 2026 befindet sich die Reform damit mitten in der Umsetzungsphase. Die Reform war intendiert, um den Status der Psychotherapeut*innen und die Patient*innenversorgung zu verbessern.

Der Dreiklang der Krisen

Die Reform selbst war 2020 längst überfällig, erklärt Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier. Sie ist Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Greifswald, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs), Mitglied im Wissenschaftsrat sowie Initiatorin und Vize-Präsidentin des Vereins Gemeinsam für psychische Gesundheit e.V.. Zudem betont sie, dass die Reform nicht zu Ende gedacht wurde. Schon damals sei absehbar gewesen, dass die Finanzierung der Weiterbildung nicht ausreichend geklärt sei.

Sie spricht von einem ›Dreiklang der Krisen‹. Zunächst eröffnet die Reform selbst eine große Finanzlücke. Die approbierten Psychotherapeut*innen in Weiterbildung müssen nun nach Tarifvertrag bezahlt werden – ein wichtiger Fortschritt, denn die frühere Ausbildung sei für viele mit erheblichen finanziellen Belastungen verbunden gewesen. Viele Absolvent*innen mussten sich die Ausbildungszeit selbst finanzierenund sich verschulden. Gleichzeitig führt die tarifliche Vergütung zu deutlich höheren Kosten für Weiterbildungseinrichtungen.

Da sich diese Kosten nicht allein über die Einnahmen aus der ambulanten Patient*innenversorgung decken lassen, entstehen bislang bundesweit zu wenige Weiterbildungsstellen. Auch an der Universität Greifswald gibt es bislang keine Weiterbildungsstelle.

Die zweite Ebene ist die Kürzung der Honorare für Psychotherapeut*innen, die durch den Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) zum 1. April 2026 beschlossen wurde. Das geschah auf Grundlage des Sozialgesetzbuchs, welches die jährliche Bewertung psychotherapeutischer Vergütungen durch einen Bewertungsausschuss festlegt. Dieser entschied, die Honorare um 4,5 Prozent zu kürzen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung legte dagegen Klage ein und beantragte dazu einen Eilrechtsschutz, der am 9. Juli gewährt wurde. Dadurch kann die Kürzung der Honorare nicht in Kraft treten, bis das Gericht rechtskräftig über die Klage entschieden hat.

Die dritte Schwierigkeit kam Anfang Juli mit dem Beschluss des ›GKV-Beitragsstabilisierungsgesetzes‹, welches eine Reaktion auf die Erhöhungen der Abgaben an die gesetzlichen Krankenkassen durch Versicherte in den letzten Jahren darstellte. Um die Versicherten nicht mit weiter steigenden Beiträgen zu belasten, schlug die Ex-Bundesgesundheitsministerin Nina Warken vor, die Beiträge zu stabilisieren, indem unter anderem kassenärztliche Leistungen budgetiert werden. Hiervon sind nun auch die psychotherapeutischen Kassenleistungen betroffen, was die Stellung der Vergütung weiter schwächt.

Dennoch gibt es auch hier Bewegung. Mit dem Beschluss des Gesetzes am 10. Juli 2026 verabschiedete der Bundestag zugleich einen von den Fraktionen von CDU/CSU und SPD eingebrachten Entschließungsantrag. Darin wird die Bundesregierung aufgefordert, zeitnah gesetzliche Regelungen vorzulegen, die die Fortführung bereits begonnener Psychotherapien sicherstellen, die Durchführung psychotherapeutischer Sprechstunden bei dringendem Behandlungsbedarf weiterentwickeln und offene Fragen bei der Umsetzung des Gesetzes klären. Der Entschließungsantrag greift damit zentrale Anliegen auf, die von der Profession im Gesetzgebungsverfahren wiederholt eingebracht wurden.

Prof. Brakemeier blickt den kommenden Monaten mit vorsichtigem Optimismus entgegen. Gemeinsam mit den psychologischen Fachgesellschaften, Berufsverbänden, den Studierendenvertretungen und Psychotherapeutenkammern möchte sie sich als Präsidentin der DGPs dafür einsetzen, dass die angekündigten gesetzlichen Nachbesserungen zügig umgesetzt und die offenen Fragen im Dialog mit der Politik konstruktiv gelöst werden. Gerade in dieser sensiblen Situation sei eine enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Profession, Studierenden und Politik entscheidend: »Das ist für uns jetzt eine wichtige Chance. Wenn nicht jetzt – wann dann?«

Durch die studentische Brille

Trotz dieser aufmunternden Worte herrscht Anspannung unter Studierenden. Eine dieser Studierenden ist Miriam Reimers. Sie studiert Psychologie an der Universität Greifswald und befindet sich am Ende ihres Bachelors. 

Sie erzählt, der Druck sei nicht nur mit Blick auf die Weiterbildungsplätze gestiegen. Der neue Masterstudiengang ›Klinische Psychologie und Psychotherapie‹, der im Rahmen der reformierten Struktur entstanden ist, sei einerseits eine tolle Möglichkeit der Spezialisierung, bilde aber andererseits eine extreme Zuspitzung unter Studierenden. Der Notendruck sei für viele gestiegen, weil der hohe NC in vielen Städten den Zugang  zum Master erschwere und der Weg in die psychologische Psychotherapie dadurch bereits vor der Weiterbildungszeit enden könne.

»Psychologie-Studierende kämpfen viel und sie kämpfen auch schon lange«

Miriam Reimers betont außerdem, dass ihr nicht nur die Unsicherheit bezüglich der Finanzierung Kopfschmerzen bereitet. Natürlich gäbe es auch die Möglichkeit, als Psycholog*in zu arbeiten, ohne Fachpsychotherapeut*in zu sein. Aber darum gehe es nicht nur:

»Wir wollen ja auch dieses fachliche Wissen, wir wollen ja auch die Weiterbildung, weil wir noch tiefer wollen und noch mehr erfahren wollen über das, wofür wir brennen. Wir dürfen uns dann ja auch in einem Verfahren unserer Wahl spezialisieren. Und das ist für viele extrem interessant, nachdem sie fünf Jahre lang schon sehr viel Theorie darüber gesammelt haben, dann endlich in die Praxis starten zu dürfen.«

Auf die Frage, was sie sich von der Politik wünscht, erwidert sie:

»Ich wünsche mir, dass die Politik hinschaut, unsere Probleme anerkennt und sich die Politiker*innen langfristig, nicht nur kurzfristig durch eine Reform, die nicht zu Ende gedacht wurde, für uns einsetzen und uns die Finanzierungslücke schließen. Und dass sie uns ein Stück weit die Anerkennung schenken, dass Psychotherapeut*innen einen extrem wichtigen Job leisten, der Menschenleben rettet.«

Sie nimmt ihr Schicksal nicht einfach hin. Die Greifswalder Demonstration im Juni hat sie mit organisiert. Dass sich inzwischen erste positive Entwicklungen abzeichnen, führt Prof. Brakemeier auch auf die zahlreichen Demonstrationen und weiteren Aktionen der vergangenen Monate zurück. Besonders wichtig sei dabei das Engagement der Studierenden gewesen. Die Beteiligten der Demonstration unterschrieben außerdem Postkarten mit Wünschen und Forderungen an Politiker*innen. Die Resonanz bisher sei ermutigend gewesen.

Auch Patient*innen sind betroffen

Natürlich haben die Kürzungen auch Effekte auf Patient*innen. Die Verunsicherung ist groß, erzählt Prof. Brakemeier. Es habe bereits erste Nachfragen gegeben, ob die Therapie weiter angeboten werden kann. Hier nimmt die Professorin auch ihre Fachkolleg*innen in die Pflicht, die Situation differenziert einzuordnen. Wer von einem ›Todesstoß für die Psychotherapie‹ spreche, verunsichere Patient*innen ebenso wie Studierende – ohne zur Lösung der bestehenden Probleme beizutragen. Die geplanten Regelungen stellten die ambulante psychotherapeutische Versorgung vor erhebliche betriebswirtschaftliche Herausforderungen. Gleichzeitig sieht Prof. Brakemeier die Gefahr, dass sich soziale Ungleichheiten weiter verschärfen könnten. Wenn wirtschaftlicher Druck zunimmt, könnten Privatpatient*innen oder Selbstzahlende bevorzugt werden, da ihre Behandlung nicht von den Honoraren der gesetzlichen Krankenversicherung abhängt.

»Das halte ich für hochproblematisch. Ob ein Mensch eine notwendige Psychotherapie erhält, darf keine Frage des Geldbeutels sein. Gerade Menschen in sozioökonomisch belastenden Lebenslagen tragen ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen und für ungünstigere Krankheitsverläufe. Wenn ausgerechnet für sie der Zugang zu einer evidenzbasierten Behandlung erschwert wird, verstärken wir bestehende gesundheitliche Ungleichheiten, statt sie abzubauen.«

Neben der finanziellen Komponente sieht Prof. Brakemeier auch eine gesellschaftspolitische Dimension. 

»Unbehandelte psychische Erkrankungen können dazu beitragen, dass sich Menschen zurückziehen, soziale Kontakte verlieren und Einsamkeit zunimmt. Gerade Gefühle des Ausgeschlossenseins und der Perspektivlosigkeit können Menschen anfälliger für vereinfachende Weltbilder und extremistische Ansprachen machen. Antidemokratische und extremistische Akteur*innen können solche Erfahrungen gezielt aufgreifen, indem sie einfache Erklärungen, vermeintlich klare Feindbilder und vor allem Zugehörigkeit anbieten. Psychische Gesundheit ist deshalb nicht nur eine individuelle Ressource, sondern auch eine wichtige Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und Zusammenhalt.«

Eine verlässliche psychotherapeutische Versorgung sei daher nicht nur gesundheitspolitisch, sondern auch gesellschaftspolitisch von Bedeutung.

Und wie geht es weiter?

Die Verunsicherung bei Patient*innen und Studierenden ist groß. Prof. Brakemeier rät insbesondere Studierenden, sich von den aktuellen Entwicklungen nicht entmutigen zu lassen. Wichtig sei nun: »gut informieren und sich jetzt nicht von dem Weg durch diese aktuellen Entwicklungen abbringen lassen. Wenn Sie Psychotherapeut*in werden möchten, dann verfolgen Sie diesen Weg weiter.« 

Realistisch betrachtet komme man um Sparmaßnahmen und ihre Auswirkungen nicht herum. Das gehöre zur politischen Aufgabe des Staatshaushaltens. Wichtig sei jedoch, mit Weitblick zu sparen.  

»Wenn man bei der Psychotherapie spart, zeigen viele Studien, dass das langfristig höhere Kosten verursacht. Ein in Psychotherapie investierter Euro zahlt sich zwei bis drei Mal aus. Werden Menschen nicht frühzeitig ambulant behandelt, steigt das Risiko schwererer Krankheitsverläufe und damit auch deutlich kostenintensiverer stationärer Behandlungen.«

Hinzu kämen die erheblichen volkswirtschaftlichen Folgen psychischer Erkrankungen, etwa durch Arbeitsunfähigkeit, Frühverrentung oder verminderte Erwerbsfähigkeit. Eine gut ausgebaute psychotherapeutische Versorgung sei deshalb nicht nur gesundheitspolitisch sinnvoll, sondern auch ökonomisch eine nachhaltige Investition. 

Für Prof. Brakemeier bedeutet die aktuelle Situation vor allem eines: aktiv zu bleiben, miteinander im Gespräch zu bleiben und sich gemeinsam für gute Lösungen einzusetzen. 

»Jetzt ist nicht die Zeit, den Mut zu verlieren. Es ist die Zeit, sich einzubringen, miteinander im Gespräch zu bleiben und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.« 

Als Professorin der Universität Greifswald und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie setzt sie dabei insbesondere auf Dialog, Vernetzung und den Austausch mit Politik, Profession und Studierenden. »Brücken bauen und Netzwerke stärken – gerade auch im Austausch mit der Politik – ist jetzt wichtiger denn je.«

Fotos: Namid Joschko

»Für uns ist der Lockdown nicht vorbei«

»Für uns ist der Lockdown nicht vorbei«

Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue Syndrom. Kurz: ME/CFS. Von Bagatellisierung und medizinischer Ignoranz. Und vom Studium ohne die Möglichkeit, in den Hörsaal zu kommen.


1969 klassifizierte die Weltgesundheitsorganisation ME/CFS als neurologische Krankheit. Weitaus früher, seit den 1930er Jahren war die Symptomatik bekannt. Jetzt ist es 2026 und medizinische Studien gibt es kaum, in etwa so viele wie schon in den 1980ern.  

Die Krankheit ME/CFS schränkt Menschen schwer ein und führt teilweise zu vollständiger Isolation. Ein Großteil der Betroffenen ist arbeitsunfähig, etwa ein Viertel nicht mehr in der Lage, das Haus zu verlassen. Neben dem individuellen Leiden kostet die Erkrankung die Deutsche Gesellschaft jährlich viele Milliarden durch Arbeitsunfähigkeit, Pflegebedürftigkeit und Steuereinbußen. Wie kann es sein, dass noch immer kaum Forschung betrieben wird? 

Mit den Augen von Betroffenen

Ich spreche mit drei erkrankten Menschen. Joy ist 30 Jahre alt und lebt in Greifswald, Sandra ist 31 und ebenfalls Greifswalderin und Simon ist 21 Jahre alt und lebt in Stralsund. Sie geben uns Einblick, was die Krankheit mit ihnen macht und was sie für ihr Leben bedeutet. 

ME/CFS tritt in der Regel nach einer Infektion auf. Im Zusammenhang mit COVID-19 erkranken immer mehr Menschen. Die Diagnose ist umfangreich und es müssen viele Parameter getestet werden. Obwohl eine Diagnose nicht mehr nur durch Ausschluss anderer Krankheiten gestellt werden kann, ist das häufig noch immer bezeichnend für den Prozess. Das kann sich über Jahre ziehen und ist körperlich und geistig extrem belastend, wie Simon mir erzählt. Er muss wegen der Schwere der Krankheit sein Studium pausieren.

Es gibt konkret definierte Symptomkomplexe, die für die Diagnose herangezogen werden können. Beispielhaft dafür sind die Kanadischen Kriterien von 2003, die offen zugänglich auf der Internetseite der Charité als Fragebogen zu finden sind. Die Informationen liegen also vor. Die Krankheit wird hauptsächlich charakterisiert durch ihr Leitsymptom, die Post-Exertionelle Malaise, kurz PEM. Das bedeutet, nach körperlichen oder geistigen Anstrengungen – das können je nach Schwere bereits ein Gang zur Toilette, bloßes Kopfheben, ein Gespräch oder emotionale Aktivität sein – kommt es zum »Crash«. Der äußert sich durch Symptome wie Fieber, Fatigue, Schwellungen, Schmerzen, kognitive Störungen, Schlafstörungen, Schwindel, extreme Schwäche und Herzrasen. Das ist nur eine Auswahl. Die Symptome können sich bei einem Crash verschlimmern oder es können neue hinzukommen.

Es gibt ein zentrales Problem. Alle Betroffenen erzählen mir im Gespräch, dass die einen wahren Ärzt*innenmarathon hinter sich haben, weil ihre ursprünglichen Hausärzt*innen die Erkrankung nicht kannten und sich auch mit der Krankheit nicht auseinandersetzen wollten, als sie darauf aufmerksam gemacht wurden. Auf die verzweifelte Nachfrage, wie es nun weitergehen solle, bekam Sandra die Antwort: »Wird schon, warten Sie ab, Sie sind jung. Machen Sie weiter Sport.« Das ist eine häufig getroffene Empfehlung, die für Betroffene lebensgefährlich sein kann. Sandra ist diesen Empfehlungen erst gefolgt und ihr Zustand hat sich stark verschlechtert, sodass sie mittlerweile ab Gehstrecken von etwa 1,5 Kilometern auf einen Rollstuhl angewiesen ist, auf kurze Strecken und öffentlichen Nahverkehr.

Joy erzählt mir, dass ihr Hausarzt ihr erklärt hätte, ihr Zustand müsse psychisch bedingt sein. Bei vielen Ärzt*innen wird ihre Symptomatik nicht ernst genommen. Erst als ihre Psychotherapeutin sie zu einer neuen Ärztin begleitete und klarstellte, dass die Ursachen nicht psychosomatisch sein können, wird ihr ME/CFS diagnostiziert. Auch hier kommen die erwähnten Kanadischen Kriterien zum Einsatz. Dass die Psychotherapeutin erkannt hat, dass die Ursachen körperlich sind, ist allerdings eher ein Glücksfall. Auch unter Therapeut*innen ist die Krankheit noch nicht ausreichend bekannt.

Forderungen an Institutionen

Ein medizinisches Problem muss in erster Linie medizinisch gelöst werden. Dafür ist es nötig, das Leitsymptom PEM verbindlich anzuerkennen und in Forschung und Behandlung zu berücksichtigen. Das klingt banal, ist aber nach wie vor nicht vollständig geschehen. Ist das geschehen, muss die Forschung an ME/CFS höhere Priorität bekommen. Zum Ausbau der Forschung werden Fördergelder benötigt, die transparent und zweckgebunden vergeben werden.

Damit das passieren kann, muss die Krankheit sichtbar werden. Ärzt*innen müssen umfassend informiert und Kompetenzzentren mit Schwerpunkt auf ME/CFS eingerichtet werden. 

Ohne Anerkennung der Krankheit ist auch die Versorgung der Betroffenen mit großen Hürden verbunden. Anträge auf Nachteilsausgleiche, Schwerbehindertenfeststellung und Pflegegeld bedürfen einem hohen Aufwand, weil dafür Atteste nötig sind, die Ärzt*innen ausstellen müssen.

»Die Zeit läuft ab – unser Leben zerrinnt!«
Motto der #LiegendDemo 2026 
in Greifswald

Hilfe zur Selbsthilfe

In einem System, in dem institutionelle Hilfe den Bedarf nicht deckt, bleibt Betroffenen vor allem die Vernetzung untereinander. Alle Betroffenen erzählen mir, dass sie viele diagnostische Schritte auf ihrem Weg selbst initiieren mussten. Das geht aber nur, wenn sie sich selbst intensiv mit der Krankheit auseinandersetzen und Tipps von anderen Betroffenen bekommen, wie es in Selbsthilfegruppen möglich ist. Ich frage mich, wie die Arbeit in diesen Selbsthilfegruppen aussieht. Beate Bobsin hat eine Antwort für mich. Sie begleitet die für Menschen mit Long Covid in Stralsund.

Der Fokus der Selbsthilfe liegt auf Austausch untereinander, wie sie erzählt. Ein wichtiger Anlaufpunk für Informationen und gegenseitige Hilfe aus der Erfahrung mit der Krankheit. Aber auch der Austausch mit Ärzt*innen und Therapeut*innen ist Teil der Arbeit, um sie auf die Erkrankung aufmerksam zu machen. Im Rahmen der Selbsthilfegruppen können Betroffene an medizinisches Fachpersonal vermittelt werden. Ein unterschätzter Faktor sind bürokratische Hürden, etwa Anträge auf Nachteilsausgleiche, Schwerbehindertenfeststellung und Pflegegeld, die zum Teil vor Gericht landen. Hier versucht die Selbsthilfe, Barrieren zu bekämpfen.

So ist es bezeichnend, dass der stille Protest gegen die Bagatellisierung und die Unsichtbarkeit der Krankheit unter höchster Anstrengung durch Betroffene selbst organisiert wird. Die Initiative #LiegendDemo setzt sich ein für Sichtbarkeit in der Gesellschaft und Forschungsausbau. Beate Bobsin stemmt die Arbeit in der Selbsthilfegruppe ebenso als Betroffene der Erkrankung.

ME/CFS ist aktuell nicht heilbar. Alle Behandlung erfolgt symptomorientiert. Das wichtigste Hilfsmittel aktuell für Betroffene ist das »Pacing«. Das Konzept ist, sich die Kraft langfristig einzuteilen und konsequent durchzuhalten. Das schont die Kapazitäten und bereitet auf Anstrengungen vor, bedeutet aber, langfristig unter der schon herabgesetzten Belastungsgrenze bleiben zu müssen. Ohne Pacing wäre es vielen nicht möglich, einkaufen, zu Ärzt*innen oder Prüfungen zu gehen. 

»Keiner sieht, dass wir, wenn wir jetzt nach Hause kommen, ins Bett müssen
oder für die nächsten Tage gar nicht mehr raus oder aufstehen können.«

Beate Bobsin

Ein Blick in die Greifswalder Universitätsmedizin

Ich frage mich, wie es kommt, dass viele Ärzt*innen eine so häufig auftretende Erkrankung nicht kennen. Die Antwort ist eine Gegenfrage: Woher? Es gibt zu wenig Forschung und zu wenig Lehre zu ME/CFS. Ein struktureller Mangel, den es grundlegend zu lösen gilt. Ich setze bei der Universitätsmedizin Greifswald an und frage, wie diese mit der Erkrankung umgeht. 

»Das Krankheitsbild ME/CFS ist ein wichtiges Thema, das wir im Kontext postviraler Erkrankungen und chronischer Erschöpfungszustände ernst nehmen.« – so die Pressestelle der Universitätsmedizin. Aber was heißt das konkret?

Für Patient*innen hat das Klinikum eine Post COVID Sprechstunde, die allerdings hoch frequentiert ist. Mittlerweile haben Menschen mit ME/CFS die Möglichkeit aufgenommen zu werden, das Angebot richtet sich aber primär an Menschen mit Post COVID. 

Das neu gestartete Projekt Comprehensive Long COVID Center an der Universitätsmedizin ist durch den Bund gefördert und adressiert unter anderem ME/CFS. Das Ziel sei, in dieser Struktur eine qualifizierte Diagnostik und Behandlung gewährleisten zu können und mit dem Informieren über die Krankheit Forschung und Lehre zu verknüpfen, wie mir die Pressestelle der Universitätsmedizin versichert. Betroffene wie Sandra legen ihre Hoffnung in dieses Projekt. 

All eyes on us

Was können wir tun, um unseren Teil als Zivilgesellschaft beizutragen? Auch das habe ich meine Gesprächspartner*innen gefragt. Die Antworten sind so groß wie grundlegend. Solidarität, Empathie, aktives Interesse und großflächige Aufklärung. Bei einer Krankheit, die so unbekannt ist, ist jedes Gespräch ein Schritt in Richtung Sichtbarkeit. Sichtbarkeit, die es braucht, um Förderung für Forschungsprojekte zu und eine adäquate medizinische Versorgung zu ermöglichen. Eine Bitte von Sandra ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: 

»Zu verstehen, dass ME/CFS Leben raubt, ohne dafür vorher sterben zu müssen und dass es jeden von uns treffen kann.«


Fotos: Namid Joschko

Sweetless & Restless 

Sweetless & Restless 

NAMID JOSCHKO & MINNA LASCH 

Zucker ist eine Gesellschaftsdroge, wir wissen und ignorieren es. Welche Auswirkungen es hat, ganz auf Industriezucker zu verzichten, haben wir zwei Wochen lang für euch ausprobiert. 

TRIGGERWARNUNG: Im Folgenden geht es um vollständigen Zuckerverzicht. Bitte beachtet, dass restriktive Ernährung zu ungesundem Essverhalten führen kann.


Dass der Körper, vor allem Muskeln und Gehirn, Energie braucht und diese aus Kohlenhydraten gewinnt, ist allseits bekannt.  
Kohlenhydrate, das sind Einfach-, Zweifach-, Mehrfach-, und Vielfachzucker. Fruchtzucker (Fructose) und Traubenzucker (Glucose) gehören zu den Einfachzuckern, können also sehr schnell vom Körper aufgenommen werden. Milchzucker (Lactose) und Haushaltszucker (Saccharose) sind Zweifachzucker.  Zu den Vielfachzuckern gehört unter anderem Stärke. Sie schmeckt in Lebensmittel nicht süß und muss vom Körper in Einfachzucker gespalten werden, bevor sie aufgenommen werden kann. Vielfachzucker lassen also den Blutzuckerspiegel deutlich langsamer ansteigen.  

Der Blutzuckerspiegel im Körper wird über die Hormone Insulin und Glukagon geregelt. Steigt er, wird Insulin ausgeschüttet. Der Zucker wird von den Zellen aufgenommen oder in Speicherzucker (Glykogen) umgewandelt. Sinkt der Blutzuckerspiegel, wird Glukagon ausgeschüttet und der gespeicherte Zucker wird wieder freigegeben.   

Wie sehr ein Lebensmittel den Blutzuckerspiegel ansteigen lässt, legt der Glykämische Index (GI) fest. Mit einem Wert zwischen 0 (sehr langsam) und 100 (extrem schnell). Avocados und Agavensirup befinden sich mit einem Wert von rund 15 im absolut unteren Bereich. Naturreis und Trauben etwa haben einen Wert von 50. Bier liegt im absolut oberen Bereich bei bis zu über 100. Hierbei spielt auch eine Rolle wie die Lebensmittel verarbeitet sind. Frische, rohe Lebensmittel haben immer den niedrigeren GI. Je länger man beispielsweise Nudeln kocht, desto höher wird ihr GI. Um möglichst lange satt zu bleiben und Heißhungerattacken zu vermeiden, sollte man Lebensmittel mit möglichst niedrigem GI konsumieren.  

Studien zeigen, dass Zucker das Mikrobiom in unserem Darm beeinflusst. Was wiederum Auswirkungen auf die gesamtkörperliche Gesundheit hat. Dabei geht’s um erhöhtes Krebs- und Diabetesrisiko, Begünstigung von Entzündungsreaktionen und ganz simpel: unsere Stimmung. 

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE)empfiehlt, dass maximal zehn Prozent der täglichen Gesamtenergiezufuhr aus ›Freien Zuckern‹ kommen sollte. Freie Zucker sind zugesetzte Zucker wie Haushaltszucker, Sirup, Honig oder Fruchtsaft. Nicht dazu zählt Zucker aus frischem Obst und Gemüse und Milchzucker. Zehn Prozent entsprechen etwa 50 Gramm Zucker pro Tag und sind die absolute Obergrenze.  

Fructose als alleinige Zuckerzufuhr ist im Übrigen auch nicht gesund. Der Einfachzucker wird in der Leber abgebaut und sammelt er sich dort zu viel an, wird er in Fett umgewandelt. Das kann zur sogenannten Fettleber und Übergewicht führen. Ausgewogenheit ist also der Schlüssel. 

Für unser Selbstexperiment haben wir uns dazu entschieden, auf zugesetzte Zucker sowie Sirup und Honig zu verzichten. Fruchtsäfte sind nur als Direktsaft und in der Menge erlaubt, die auch die entsprechende Frucht hergegeben hätte. Ein halbes Glas O-Saft für eine Orange also. Lest selbst, wer von uns das Experiment jederzeit wiederholen würde und wer auf seine tägliche Portion Zucker nicht verzichten möchte. 


Namids Tagebuch 

Tag 1  

Alles dreht sich nur darum: Was kann ich essen und vor allem was nicht? Kann ich in die Mensa gehen? Leider nicht, es wird in aller Regel mit ein bisschen Zucker gekocht. Außerdem wird Zucker als Zusatzstoff nicht ausgewiesen und ist praktisch überall mit dabei. Also muss ich vorkochen. Ich starte schlecht vorbereitet in den ersten Tag, ich esse wenig, habe aber noch nie so viel über Essen nachgedacht. Ich scheitere prompt und esse doch in der Mensa. Ich konnte den vorbereiteten Salat nicht essen. Also muss ich besser vorkochen.  

Tag 2 

Der Tag beginnt besser, es gibt das restliche Ofengemüse zum Mittag, dazu Salat mit Olivenöl. Wer Dressing möchte, muss sich den von zuhause mitbringen. Ich bekomme erste Schwindelmomente am frühen Nachmittag und explizit Appetit auf Kohlenhydrate. 

Abends koche ich für die nächsten Tage vor. Es gibt Linsen-Curry, Ofengemüse und zum Frühstück Rührtofu. Letzteren aus Naturtofu, denn sogar Räuchertofu enthält häufig Rohrzucker. 

Tag 3 

Frühstück gibt es vorgekocht, die gesparte Zeit nutze ich, um Reis für das Mittag der nächsten 2 Tage vorzukochen. Dabei fällt mir auf, dass Kochen einen höheren Stellenwert einnimmt, weil ich viel mehr drauf angewiesen bin.  

Ich merke, mir geht es gut, ich bin gut gelaunt.  

Mittags gibt es das vorgekochte Essen, bei einer Prüfung habe ich genug Energie und kann mich gut konzentrieren. Ich habe keinen Heißhunger und trinke sehr viel Wasser.  

Abends beim Essen fällt mir auf, dass ich ein ungekannt sensibles Sättigungsgefühl habe. Mir fällt es leichter als sonst, nur das erforderliche Maß zu essen. 

Tag 4 

Heute esse ich stressbedingt sehr wenig, meine erste Mahlzeit ist gegen 17 Uhr. Allerdings bin ich schnell überfordert mit der Menge an Essen, mein Bauch braucht viel Zeit. Abends bekomme ich plötzlich Lust auf Süßes, ich widerstehe, aber muss es dann mit herzhaftem Essen kompensieren.  

Tag 5 

Heute esse ich ein spätes Frühstück und dann erst wieder abends. Ich empfinde dazwischen keinen Hunger oder Appetit. Ich habe Spaß am produktiven Schaffen und vorausplanen.  

Tag 6 

Heute ist der erste Tag, an dem ich explizit kein Mittagstief zu verzeichnen habe, dafür ganztägig ein gleichbleibend hohes Energieniveau. Ich kann mich gut konzentrieren und habe einen klaren Kopf. Abends bin ich bei einer Party. Ein alkoholfreies Vergnügen, denn alle Arten von Alkohol treiben den Blutzucker stark nach oben. Ob das schadet? Ich habe keine Wahl und vermisse erstaunlich wenig. 

Tag 7 

Mein heutiger Tag ist von Kopfschmerzen durchzogen. Ob das am »fehlenden« Zuckerkonsum oder am späten Schlafengehen liegt, kann ich nicht sagen. 

Mein Hunger tritt mittlerweile sehr strukturiert auf mit etwa 6 Stunden zwischen den Mahlzeiten. Beim Messen meines Bauchumfangs fällt mir auf, dass er um etwa 2 cm geringer ist als zu Beginn des Experiments. 

Tag 8 

Morgens fällt mir auf: Mein Hautbild ebnet sich. Heute esse ich das erste Mal seit Beginn des Experiments Obst und merke eindeutig die Wirkung des Fruchtzuckers. Außerdem stelle ich fest: Langwierige Entzündungssymptome im Zahnfleisch sind nicht mehr spürbar. 

Tag 9 

Langsam denke ich auch weniger über das Essen an sich nach. Beim Abendessen schmeckt Paprika so süß wie nie. Die Geschmacksknospen scheinen wie neu kalibriert.  

Tag 10 

Ich beginne, mich mit der Situation einzurichten, es kehrt Routine ein. Ich backe Bananenbrot, nur mit Banane gesüßt. Die Süßkraft reicht mir aus, was mich glücklich macht.  

Tag 11 

Mittlerweile pendelt sich alles ein, die Neuerungen im Körpergefühl manifestieren sich. Ich erwische mich bei dem Gedanken, dass ich mich daran gewöhnen könnte.  

Tag 12 

Heute kommt doch wieder Hunger auf Süßes. Dabei lerne ich Tofu als Snack noch mehr schätzen. Tofu und Vollkornbrot schlagen jeden Heißhunger. 

Tag 13 

Heute gibt es Brot und Curry, das Mittagstief bleibt weiterhin aus und langes konzentrieren ist kein Problem, fällt mir sogar leichter als gewöhnlich.  

Tag 14 

Es gibt wieder meine etablierten zwei Mahlzeiten, heute ist der letzte Tag. Auch wenn ich weiß, dass mir ab morgen die Welt wieder völlig offensteht, fällt mir nichts konkret ein, was ich besonders vermisse. 

Rückblickend finde ich, mir hat der Verzicht sehr gutgetan. Die geschmackliche Entfernung von stark gesüßten Lebensmitteln und das Ausbleiben von ständigen Ausschlägen im Blutzucker hat mir ein besseres Gefühl gegeben. Außerdem ist mein Bauchumfang letztendlich um vier Zentimeter gesunken. Das kommt mir viel vor, aber es hat sich definitiv etwas verändert. Meine Haut ist ausgeglichener und ich habe wieder ein angenehmes Gefühl für Sättigung entwickelt. Bis zum Ende spüre ich keine Entzündungssymptome mehr. Ich empfehle den Zuckerverzicht also sehr, aber die organisatorischen Hürden sind hoch. Man hat nicht die Möglichkeit, unterwegs einfach irgendwo etwas zuckerfreies zu finden, das erfordert Suche, Zeit und Kopf dafür. Ich halte das für ein strukturelles Problem. Zucker ist selbstverständlich überall mit drin und das oft ohne, dass es nötig wäre.  

Mein heißester Tipp für Abwechslung, Snacks und Appetitzügelung: Tofu. Er enthält viel Protein und bietet wahnsinnig viele Zubereitungsarten, man kann sich durch viele Texturen, Geschmacksrichtungen und Konsistenzen probieren. 

Und für alle, die es probieren wollen: Versucht nicht, Zucker zu ersetzen und zuckerhaltige Speisen anzupassen. Wer Lust auf Schokolade hat, möchte selten  

Möhrensticks essen. Wenn ihr Heißhunger mit einer anderen Geschmacksrichtung stillt, die ihr liebt, dann verschwindet der Heißhunger nach und nach. Sucht euch für den Wocheneinkauf am besten vorher Ideen zusammen und kocht und kauft Lebensmittel, die sowieso zuckerfrei ist, so muss man nicht auf teure, als zuckerfrei angepriesene, verarbeitete Lebensmittel suchen. Zuckerfreie Ernährung bietet eine Chance, auf hochverarbeitete Lebensmittel zu verzichten und so auch wieder mehr relevante Nahrungsmittel und insbesondere Ballaststoffe zu sich zu nehmen. 


Tag 1 

Meine Gedanken nachdem ich mich zu diesem Selbstexperiment verpflichtet habe: Zum Glück gibt es wenig Lebensmittel, die ich nicht esse. Ich brauche aber dringend einen zuckerfreien Snack-Ersatz. Und schon beim Wappnen für die nächsten zwei Wochen fällt mir beim Einkaufen eines auf: Vegane und Bio-Produkte sind meist eher frei von Zuckerzusatz.  

Während ich vormittags lerne, würde ich nebenbei gerne etwas knabbern, doch dunkle Schokolade oder Haferkekse sind nicht drin. Also muss es ohne gehen. 

15 Uhr, mein Körper schreit nach einem Energiebooster, ich greife doch zum Glas Orangensaft und esse eine Handvoll Datteln. 

Tag 2 

Diesmal trinke ich nach dem Frühstück mein obligatorisches Glas Organgensaft und stelle beim Belegen eines herzhaften Eierkuchens erschrocken fest, dass jegliche Art von Scheibenwurst Glukose zugesetzt hat.  

Auf der Suche nach zuckerfreien Snacks lande ich in der Kleinkindabteilung bei DM: winzige Tütchen mit zu hohen Preisen. Und schmecken tun die Kichererbsenmehl-Cashew-Dattel-Kekse auch nicht. Ich bin entsetzt, als ich feststelle, dass meine organische Erdnussbutter Zucker enthält. 
Den gesamten Tag über habe ich das Gefühl, keine Energie zu haben.  

Tag 3 

Endlich finde ich taugliche Snacks. Apfelchips und Erdnussflips. Für süßlichen Geschmack trinke ich literweise Früchtetee. 

Tag 4 

Das ständige Hungergefühl geht seit Montag nicht weg. Mir fällt auf, dass ich viel größere Portionen als normal esse. Ich besorge mir ein zuckerfreies Spaßgetränk, um meine Lust auf Schokokekse zu stillen.  Zum Frühstück esse ich Haferflocken mit Tiefkühlbeeren und Mango-Apfelmark.  

Tag 6 

Mir fällt auf, dass ich weniger über Snacks nachdenke. Die Hauptmahlzeiten reichen mir, auch wenn ich davon mindestens zwei große brauche. Trotzdem inhaliere ich eine weitere Tüte Apfelchips. Ich kann definitiv sagen, dass ich keine Nachmittags-Tiefs mehr habe. Sonst brauchte ich zwischen 15 und 17 Uhr immer eine Pause und Schlaf. Den Nachmittag durchpowern zu können ist genial, weil ich viel mehr schaffe.  

Tag 7 

Ich bin ein bisschen am Verzweifeln, weil ich meine Heißhungerattacken während der Regelblutung nicht stillen kann. Große Gnocchi-Pfannen retten mir das Leben, mit Tomatensoße, Gemüse, veganer Kochsahne und Käse. Keine Überraschung mehr: Räuchertofu enthält Zucker, Naturtofu nicht.  

Tag 8 

Ich entdecke Bananen-Pancakes. Für den Rest der Woche gibt’s nichts anderes mehr zum Frühstück, mal mit Apfelmus, Dattel-Haselnuss-Creme oder Sojajoghurt und zerkochtem Tiefkühlobst. Das Pancakes-Braten morgens ist mir nur möglich, weil ich keine Univeranstaltungen mehr habe. Normalerweise hätte ich nicht die Zeit dafür.  

Tag 9 

Nach einem langen Spaziergang an der frischen, kalten Luft bin ich so ausgehungert, dass ich nach meinem Abendbrot noch eine halbe Tüte Erdnussflips esse. Mein Gefühl sagt mir, ein Schokohaferkeks hätte es auch gemacht. 

Tag 10 

Ich merke, wie ich mich an den zuckerfreien Alltag gewöhne. Mittlerweile sind alle meine Vorräte und der Kühlschrank zuckerfrei. Ich kann mir also einfach etwas greifen, ohne nachzudenken. Ich weiß, dass ich größere, ausgewogenere Mahlzeiten essen muss und koche dementsprechend. Den Rest der Woche habe ich keine Probleme mehr mit Heißhungerattacken.  

Tag 13 

Ich bekomme Besuch und wir machen Pizza selbst: garantiert zuckerfrei. Beim Abstecher zum Bäcker fürs Kaffeetrinken gehe ich allerdings leer aus.  

Tag 15 – Rückblick 

Zwei Wochen sind herum. Wenn ich es mir nicht nur einbilde, komme ich morgens tatsächlich besser aus dem Bett. Kein Nachmittags-Tief mehr. Ich habe den ganzen Tag Energie. Meine Haut wird wieder besser, aber das liegt vermutlich an meinem sich ändernden Hormonspiegel in der Follikelphase. Laut Bindfaden-Vergleich habe ich auch einen Zentimeter Bauchumfang verloren. Das kann aber auch an meiner aktuellen Zyklusphase liegen, in der ich natürlicherweise weniger und gesünder Esse. Was sich auch verändert hat: Ich habe mehr und abwechslungsreicher Obst gegessen. An meinem Gemüsekonsum hat sich allerdings nichts geändert. Zur Redaktionssitzung am Abend wird Kuchen mitgebracht, ich stürze mich begeistert auf ein Stück und stelle nach zwei Gabeln fest, dass mein Bedürfnis nach Zucker mehr als befriedigt ist. 

In den ersten Wochen des Zuckerverzichtes wird in vielen Quellen von erhöhter Nervosität, Unruhe, ständigem Hungergefühl, Müdigkeit, Kopfschmerzen etc. berichtet. Ein paar dieser Merkmale konnte ich auch bei mir feststellen. Jedoch kommen bei mir noch einige andere Faktoren dazu, die ebenfalls diese Symptome auslösen können. Ich befinde mich zur Zeit des Experiments in der Lutealphase meines Zyklus. Natürlicherweise habe ich ein gesteigertes Hungergefühl und andere Symptome des Prämenstruellen Syndroms (PMS). Außerdem befinde ich mich in der Prüfungsphase. Stress und kein geregelter Schlaf- und Essrhythmus sind bei mir alltäglich. Das alles kann die Symptome des Zuckerverzichtes verstärken und meine Ergebnisse des Selbstexperiments beeinflussen. Ich denke das Experiment war besonders hilfreich dafür, mir bewusst zu machen, wo wirklich überall Zucker drinsteckt. Ich meine, im Hinterkopf habe ich das auch schonmal gehört, aber sich wirklich damit auseinanderzusetzen, ist eine andere Nummer. Und ich freue mich danach wieder, die selbstgemachte Marmelade auf meinem Frühstücksbrot essen zu können, oder die Schokolade beim Spieleabend, oder ohne Bedenken Mensen zu gehen.  Bei diesem Selbstexperiment geht es uns nicht darum, Zucker zu verteufeln oder eine bestimmte Ernährungsweise anzuprangern. Zuckerfrei zu Essen ist ein Privileg: man braucht die Zeit zum Planen, Vorbereiten und Kochen und das Geld. Denn zuckerfrei einzukaufen ist deutlich teurer. Auch bei mir gilt nach dem Selbstexperiment wieder: Ernährung sollte ausgewogen sein und Essen Spaß machen. 🙂 


Beitragsbild: Namid Joschko & Lea Wendt

Adventskalender Türchen 7: Unsere Weihnachtswünsche

Adventskalender Türchen 7: Unsere Weihnachtswünsche

Einige machen ihren Wunschzettel schon Monate im Voraus und andere erst kurz vor Heiligabend. Für manche fällt die Entscheidung, etwas zu finden, was man sich wünscht, ziemlich einfach und für andere ist es eine Mammutaufgabe. So oder so, der eigene Wunschzettel muss am Ende stehen. Was sich unsere Redakteur*innen so dieses Jahr wünschen, erfahrt ihr in Türchen Nummer sieben unseres Adventskalenders.

Der Wunschzettel des webmoritz.

Lucas:
Da die Suche nach möglichen Weihnachtsgeschenken bei mir selbst meistens länger dauert, als für meine Familie, hab ich tatsächlich gar nicht so viel zu bieten für diesen Wunschzettel. Was sich jetzt zuletzt ergeben hat, aber vielleicht auch etwas öde ist, ist der Wunsch nach einer neuen Pfanne, da meine jetzige so langsam aber sicher davor ist, ihre letzten Fischstäbchen zu braten und das Zeitliche zu segnen. Darum bräuchte ich tatsächlich eine neue. Außerdem brauchen wir beim webmoritz. ja auch immer Top-Equipment, um weiterhin schmackhafte Artikel für euch kochen zu können 🙂

Ida:
Eigentlich macht mir das Beschenken immer viel mehr Spaß, als Materielles geschenkt zu bekommen. Dieses Jahr habe ich aber tatsächlich eine Idee für meinen „Wunschzettel“. Eine Wärmflasche. Ich bin grade nach Greifswald gezogen und eine Wärmflasche stand nicht auf meiner Packliste, hätte aber dringend drauf gemusst.

Simon:
Für mich persönlich würde ich mir wünschen, dass die Ideen für materielle Wünsche mir mal vor Weihnachten anstatt wie sonst im März oder August in den Sinn kommen. Jetzt sitze ich wie jedes Jahr grübelnd da und weiß nicht, was ich dem Christkind mitgeben soll. Dabei hatte ich im Laufe des Jahres sicherlich schon viele Ideen…

Im Rückblick auf dieses Jahr fällt mir noch ein zweiter Wunsch ein. Für das Miteinander im ganzen Land würde ich mir wünschen, dass wir viel häufiger so ein Miteinander wie während der Fußball-Europameisterschaft im Sommer haben. Der Fokus auf das Positive, Ermutigen statt zu meckern, sowie der Zusammenhalt on großen Teilen der Gesellschaft: Es wäre doch schön, wenn es dafür nicht einen Ball und 22 Millionäre auf dem Platz bräuchte. Diese Wochen im Juni und Juli haben jedenfalls ein Beispiel gegeben, an dem man sich stimmungstechnisch in Deutschland orientieren sollte. 

Allan:
Ich habe momentan keine wirklichen Weihnachtswünsche, da ich eigentlich nicht wirklich etwas brauche. Insofern lasse ich mich einfach überraschen und hoffe, dass ich etwas bekommen werde, was mir gefällt.

Ida:
Ganz standardisiert und auch aus persönlichen Gründen wünsche ich mir und euch, dass alle eure Liebsten gesund bleiben bzw. es werden. Oft unterschätzt im Alltag, ist Gesundheit eines der größten Reichtümer, die es gibt. Weihnachten ist ein Fest der Freude und des Zusammenkommens, da kann so ein kleines Weihnachtswunder Leben verändern.

Nessa:
Ich wünsche mir, ein schönes Weihnachtsfest mit wenig Stress und vielen schönen Momenten mit der Familie. Es gibt wenig Materielles was ich mir wünsche. Eigentlich bin ich auch recht zufrieden gerade. Ein bisschen weniger Stress wäre schon aber das okay.

Lucas:
Ich wünsche mir, dass alle ein besinnliches und frohes Weihnachtsfest mit ihrer Familie oder mit ihren Liebsten feiern können. Ein friedliches Weihnachtsfest ist das beste Geschenk, was man sich wünschen kann. Niemand möchte die Festtage alleine oder im Zwiespalt mit der Familie verbringen müssen, daher wünsche ich allen, die diesen Artikel lesen ein fröhliches und liebevolles Weihnachtsfest.

Unsere Redaktion scheint nicht wirklich materialistisch sein, wenn man mal so über die ganzen Wünsche rüber liest. Wer hier noch auf der Suche war nach eigenen Ergänzungen für den Wunschzettel, wird hier glaube ich nicht fündig. Was wir aber zu Genüge bieten können, sind ganz viel Liebe, Wohlsein, Gesundheit und Ruhe für die kommenden Festtage. Vielleicht haben einige von euch ja noch andere kreative Weihnachtswünsche. Schreibt uns diese gerne in einem Kommentar.

Beitragsbild: Vanessa Finsel

 

Adventskalender Türchen 16: Ein Brief gegen die Einsamkeit

Adventskalender Türchen 16: Ein Brief gegen die Einsamkeit

Weihnachten ist die Zeit der Besinnlichkeit und vor allem des Zusammenkommens. Einige von uns werden bereits den studentischen Trubel, die überfüllten Mensen und die Bibliotheken voller rauchender Köpfe hinter sich gelassen haben. Der Rest von uns wird sich wahrscheinlich spätestens im Laufe der kommenden Woche ganz der Familie widmen können und den Alltag hinter sich lassen dürfen. Doch nicht alle Menschen können auf die Weihnachtszeit mit solch schönen Aussichten blicken.

So traurig es klingen mag, aber einige Menschen werden die Weihnachtszeit in Einsamkeit verbringen müssen. Insbesondere ältere Menschen blicken dieser deprimierenden Tatsache Jahr für Jahr aufs Neue entgegen. Dass das nicht nur der Psyche, sondern auch der Gesundheit schadet, steht längst außer Frage. Umso wichtiger ist es, darauf zu achten, dass einsame Menschen nicht in Vergessenheit geraten.

Eine gute Freundin hat mich vor ein paar Tagen auf genau eine solche Initiative aufmerksam gemacht und diesen Artikel inspiriert. Die Organisation heißt Post mit Herz und hat es sich zum Ziel gemacht, dass jeder einsame Mensch „Post mit lieben Worten bekommt“. Die Idee dahinter ist dabei ganz einfach. Soziale Einrichtungen melden sich bei der gemeinnützigen Organisation an und erhalten dann Postkarten von freiwilligen Postkartenschreiber*innen.

Ihr habt auch Lust eine Postkarte zu schreiben? Dazu müsst ihr euch zuerst auf der Seite anmelden, dann wird euch eine soziale Einrichtung zugeteilt, an die ihr eine Karte schreibt. Nun besorgt ihr euch einfach eine Karte und schmückt sie mit lieben Worten (diese müssen auch nicht zwangsläufig weihnachtlich sein) aus. Briefmarke drauf und abgeschickt. Das war’s. Alle weiteren Infos gibt es im FAQ auf der Seite.

„Wir engagieren uns dafür, dass sich einsame Menschen nicht vergessen fühlen. Wir wollen Kontakt herstellen, den Betroffenen Freude schenken und Mut machen.“

postmitherz.org („Über uns„-Abschnitt)

Glücklicherweise sind zum jetzigen Zeitpunkt bereits so viele Karten eingegangen, dass die Initiative vor allem auf der Suche nach weiteren sozialen Einrichtungen ist, die Karten empfangen. Solltet ihr in einer solchen Einrichtung arbeiten oder euch engagieren, könnt ihr euch ebenfalls einfach anmelden.

Beitragsbild: Laura Schirrmeister