Unbezahlbare Reform

Unbezahlbare Reform

Als Verbesserung gemeint bereitet das »Gesetz zur Reform der Psychotherapeutenausbildung« der Psychologie sieben Jahre nach Verabschiedung Kopfzerbrechen.
Wie kam es dazu und was sind die Aussichten?

Der gut gemeinte Ursprung

Der Ausgangspunkt der Diskussion ist das »Gesetz zur Reform der Psychotherapeutenausbildung« von 2019, welches die Ausbildungssituation der angehenden Psychotherapeut*innen grundlegend ändert. Bis dato war die Regel, dass Psychologiestudierende erst einen Bachelor und einen Master ablegen, um dann den Status als ›Psychotherapeut*in in Ausbildung‹ (PiA) zu erlangen. Diese Ausbildung war für viele mit erheblichen finanziellen Belastungen verbunden: Neben hohen Ausbildungskosten wurden die praktischen Tätigkeiten häufig nur unzureichend vergütet, sodass das System vielfach als strukturell ungerecht und ausbeuterisch kritisiert wurde. Die Ausbildung schloss mit der Approbation ab.

Mit der Reform wurde die Ausbildung an die anderer Heilberufe, insbesondere der Fachärzt*innen, angepasst. Seitdem erhalten Absolvent*innen die Approbation bereits nach dem Masterstudium und der ›Psychotherapeutischen Prüfung‹. Daran schließt sich eine in der Regel fünfjährige Weiterbildung als Psychotherapeut*in in Weiterbildung (PtW) an. Erst nach deren erfolgreichem Abschluss erwerben sie die Qualifikation als Fachpsychotherapeut*in.

In dieser Zeit dürfen approbierte Absolvent*innen unter Supervision einer Fachpsychotherapeut*in bereits behandeln. Die Weiterbildung umfasst diesen praktischen, aber auch einen theoretischen Teil. Erst nach Abschluss der Weiterbildung erfolgt die Eintragung ins Arztregister, was die Voraussetzung für die Abrechnung der Leistungen bei Krankenkassen ist. 

Das Gesetz wurde im Herbst 2019 unter dem damaligen Gesundheitsminister Jens Spahn mit einer 12-jährigen Übergangsfrist beschlossen und gilt seit dem 1. September 2020. Im Jahr 2026 befindet sich die Reform damit mitten in der Umsetzungsphase. Die Reform war intendiert, um den Status der Psychotherapeut*innen und die Patient*innenversorgung zu verbessern.

Der Dreiklang der Krisen

Die Reform selbst war 2020 längst überfällig, erklärt Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier. Sie ist Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Greifswald, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs), Mitglied im Wissenschaftsrat sowie Initiatorin und Vize-Präsidentin des Vereins Gemeinsam für psychische Gesundheit e.V.Zudem betont sie, dass die Reform nicht zu Ende gedacht wurde. Schon damals sei absehbar gewesen, dass die Finanzierung der Weiterbildung nicht ausreichend geklärt sei.

Sie spricht von einem ›Dreiklang der Krisen‹. Zunächst eröffnet die Reform selbst eine große Finanzlücke. Die approbierten Psychotherapeut*innen in Weiterbildung müssen nun nach Tarifvertrag bezahlt werden – ein wichtiger Fortschritt, denn die frühere Ausbildung sei für viele mit erheblichen finanziellen Belastungen verbunden gewesen. Viele Absolvent*innen mussten sich die Ausbildungszeit selbst finanzierenund sich verschulden. Gleichzeitig führt die tarifliche Vergütung zu deutlich höheren Kosten für Weiterbildungseinrichtungen.

Da sich diese Kosten nicht allein über die Einnahmen aus der ambulanten Patient*innenversorgung decken lassen, entstehen bislang bundesweit zu wenige Weiterbildungsstellen. Auch an der Universität Greifswald gibt es bislang keine Weiterbildungsstelle.

Die zweite Ebene ist die Kürzung der Honorare für Psychotherapeut*innen, die durch den Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) zum 1. April 2026 beschlossen wurde. Das geschah auf Grundlage des Sozialgesetzbuchs, welches die jährliche Bewertung psychotherapeutischer Vergütungen durch einen Bewertungsausschuss festlegt. Dieser entschied, die Honorare um 4,5 Prozent zu kürzen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung legte dagegen Klage ein und beantragte dazu einen Eilrechtsschutz, der am 9. Juli gewährt wurde. Dadurch kann die Kürzung der Honorare nicht in Kraft treten, bis das Gericht rechtskräftig über die Klage entschieden hat.

Die dritte Schwierigkeit kam Anfang Juli mit dem Beschluss des ›GKV-Beitragsstabilisierungsgesetzes‹, welches eine Reaktion auf die Erhöhungen der Abgaben an die gesetzlichen Krankenkassen durch Versicherte in den letzten Jahren darstellte. Um die Versicherten nicht mit weiter steigenden Beiträgen zu belasten, schlug die Ex-Bundesgesundheitsministerin Nina Warken vor, die Beiträge zu stabilisieren, indem unter anderem kassenärztliche Leistungen budgetiert werden. Hiervon sind nun auch die psychotherapeutischen Kassenleistungen betroffen, was die Stellung der Vergütung weiter schwächt.

Dennoch gibt es auch hier Bewegung. Mit dem Beschluss des Gesetzes am 10. Juli 2026 verabschiedete der Bundestag zugleich einen von den Fraktionen von CDU/CSU und SPD eingebrachten Entschließungsantrag. Darin wird die Bundesregierung aufgefordert, zeitnah gesetzliche Regelungen vorzulegen, die die Fortführung bereits begonnener Psychotherapien sicherstellen, die Durchführung psychotherapeutischer Sprechstunden bei dringendem Behandlungsbedarf weiterentwickeln und offene Fragen bei der Umsetzung des Gesetzes klären. Der Entschließungsantrag greift damit zentrale Anliegen auf, die von der Profession im Gesetzgebungsverfahren wiederholt eingebracht wurden.

Prof. Brakemeier blickt den kommenden Monaten mit vorsichtigem Optimismus entgegen. Gemeinsam mit den psychologischen Fachgesellschaften, Berufsverbänden, den Studierendenvertretungen und Psychotherapeutenkammern möchte sie sich als Präsidentin der DGPs dafür einsetzen, dass die angekündigten gesetzlichen Nachbesserungen zügig umgesetzt und die offenen Fragen im Dialog mit der Politik konstruktiv gelöst werden. Gerade in dieser sensiblen Situation sei eine enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Profession, Studierenden und Politik entscheidend: »Das ist für uns jetzt eine wichtige Chance. Wenn nicht jetzt – wann dann?«

Durch die studentische Brille

Trotz dieser aufmunternden Worte herrscht Anspannung unter Studierenden. Eine dieser Studierenden ist Miriam Reimers. Sie studiert Psychologie an der Universität Greifswald und befindet sich am Ende ihres Bachelors. 

Sie erzählt, der Druck sei nicht nur mit Blick auf die Weiterbildungsplätze gestiegen. Der neue Masterstudiengang ›Klinische Psychologie und Psychotherapie‹, der im Rahmen der reformierten Struktur entstanden ist, sei einerseits eine tolle Möglichkeit der Spezialisierung, bilde aber andererseits eine extreme Zuspitzung unter Studierenden. Der Notendruck sei für viele gestiegen, weil der hohe NC in vielen Städten den Zugang  zum Master erschwere und der Weg in die psychologische Psychotherapie dadurch bereits vor der Weiterbildungszeit enden könne.

»Psychologie-Studierende kämpfen viel und sie kämpfen auch schon lange«

Miriam Reimers betont außerdem, dass ihr nicht nur die Unsicherheit bezüglich der Finanzierung Kopfschmerzen bereitet. Natürlich gäbe es auch die Möglichkeit, als Psycholog*in zu arbeiten, ohne Fachpsychotherapeut*in zu sein. Aber darum gehe es nicht nur:

»Wir wollen ja auch dieses fachliche Wissen, wir wollen ja auch die Weiterbildung, weil wir noch tiefer wollen und noch mehr erfahren wollen über das, wofür wir brennen. Wir dürfen uns dann ja auch in einem Verfahren unserer Wahl spezialisieren. Und das ist für viele extrem interessant, nachdem sie fünf Jahre lang schon sehr viel Theorie darüber gesammelt haben, dann endlich in die Praxis starten zu dürfen.«

Auf die Frage, was sie sich von der Politik wünscht, erwidert sie:

»Ich wünsche mir, dass die Politik hinschaut, unsere Probleme anerkennt und sich die Politiker*innen langfristig, nicht nur kurzfristig durch eine Reform, die nicht zu Ende gedacht wurde, für uns einsetzen und uns die Finanzierungslücke schließen. Und dass sie uns ein Stück weit die Anerkennung schenken, dass Psychotherapeut*innen einen extrem wichtigen Job leisten, der Menschenleben rettet.«

Sie nimmt ihr Schicksal nicht einfach hin. Die Greifswalder Demonstration im Juni hat sie mit organisiert. Dass sich inzwischen erste positive Entwicklungen abzeichnen, führt Prof. Brakemeier auch auf die zahlreichen Demonstrationen und weiteren Aktionen der vergangenen Monate zurück. Besonders wichtig sei dabei das Engagement der Studierenden gewesen. Die Beteiligten der Demonstration unterschrieben außerdem Postkarten mit Wünschen und Forderungen an Politiker*innen. Die Resonanz bisher sei ermutigend gewesen.

Auch Patient*innen sind betroffen

Natürlich haben die Kürzungen auch Effekte auf Patient*innen. Die Verunsicherung ist groß, erzählt Prof. Brakemeier. Es habe bereits erste Nachfragen gegeben, ob die Therapie weiter angeboten werden kann. Hier nimmt die Professorin auch ihre Fachkolleg*innen in die Pflicht, die Situation differenziert einzuordnen. Wer von einem Todesstoß für die Psychotherapie spreche, verunsichere Patient*innen ebenso wie Studierende – ohne zur Lösung der bestehenden Probleme beizutragen. Die geplanten Regelungen stellten die ambulante psychotherapeutische Versorgung vor erhebliche betriebswirtschaftliche Herausforderungen. Gleichzeitig sieht Prof. Brakemeier die Gefahr, dass sich soziale Ungleichheiten weiter verschärfen könnten. Wenn wirtschaftlicher Druck zunimmt, könnten Privatpatient*innen oder Selbstzahlende bevorzugt werden, da ihre Behandlung nicht von den Honoraren der gesetzlichen Krankenversicherung abhängt.

»Das halte ich für hochproblematisch. Ob ein Mensch eine notwendige Psychotherapie erhält, darf keine Frage des Geldbeutels sein. Gerade Menschen in sozioökonomisch belastenden Lebenslagen tragen ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen und für ungünstigere Krankheitsverläufe. Wenn ausgerechnet für sie der Zugang zu einer evidenzbasierten Behandlung erschwert wird, verstärken wir bestehende gesundheitliche Ungleichheiten, statt sie abzubauen.«

Neben der finanziellen Komponente sieht Prof. Brakemeier auch eine gesellschaftspolitische Dimension. 

»Unbehandelte psychische Erkrankungen können dazu beitragen, dass sich Menschen zurückziehen, soziale Kontakte verlieren und Einsamkeit zunimmt. Gerade Gefühle des Ausgeschlossenseins und der Perspektivlosigkeit können Menschen anfälliger für vereinfachende Weltbilder und extremistische Ansprachen machen. Antidemokratische und extremistische Akteur*innen können solche Erfahrungen gezielt aufgreifen, indem sie einfache Erklärungen, vermeintlich klare Feindbilder und vor allem Zugehörigkeit anbieten. Psychische Gesundheit ist deshalb nicht nur eine individuelle Ressource, sondern auch eine wichtige Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und Zusammenhalt.«

Eine verlässliche psychotherapeutische Versorgung sei daher nicht nur gesundheitspolitisch, sondern auch gesellschaftspolitisch von Bedeutung.

Und wie geht es weiter?

Die Verunsicherung bei Patient*innen und Studierenden ist groß. Prof. Brakemeier rät insbesondere Studierenden, sich von den aktuellen Entwicklungen nicht entmutigen zu lassen. Wichtig sei nun: »gut informieren und sich jetzt nicht von dem Weg durch diese aktuellen Entwicklungen abbringen lassen. Wenn Sie Psychotherapeut*in werden möchten, dann verfolgen Sie diesen Weg weiter.« 

Realistisch betrachtet komme man um Sparmaßnahmen und ihre Auswirkungen nicht herum. Das gehöre zur politischen Aufgabe des Staatshaushaltens. Wichtig sei jedoch, mit Weitblick zu sparen.  

»Wenn man bei der Psychotherapie spart, zeigen viele Studien, dass das langfristig höhere Kosten verursacht. Ein in Psychotherapie investierter Euro zahlt sich zwei bis drei Mal aus. Werden Menschen nicht frühzeitig ambulant behandelt, steigt das Risiko schwererer Krankheitsverläufe und damit auch deutlich kostenintensiverer stationärer Behandlungen.«

Hinzu kämen die erheblichen volkswirtschaftlichen Folgen psychischer Erkrankungen, etwa durch Arbeitsunfähigkeit, Frühverrentung oder verminderte Erwerbsfähigkeit. Eine gut ausgebaute psychotherapeutische Versorgung sei deshalb nicht nur gesundheitspolitisch sinnvoll, sondern auch ökonomisch eine nachhaltige Investition. 

Für Prof. Brakemeier bedeutet die aktuelle Situation vor allem eines: aktiv zu bleiben, miteinander im Gespräch zu bleiben und sich gemeinsam für gute Lösungen einzusetzen. 

»Jetzt ist nicht die Zeit, den Mut zu verlieren. Es ist die Zeit, sich einzubringen, miteinander im Gespräch zu bleiben und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.« 

Als Professorin der Universität Greifswald und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie setzt sie dabei insbesondere auf Dialog, Vernetzung und den Austausch mit Politik, Profession und Studierenden. »Brücken bauen und Netzwerke stärken – gerade auch im Austausch mit der Politik – ist jetzt wichtiger denn je.«

Fotos: Namid Joschko

»Für uns ist der Lockdown nicht vorbei«

»Für uns ist der Lockdown nicht vorbei«

Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue Syndrom. Kurz: ME/CFS. Von Bagatellisierung und medizinischer Ignoranz. Und vom Studium ohne die Möglichkeit, in den Hörsaal zu kommen.


1969 klassifizierte die Weltgesundheitsorganisation ME/CFS als neurologische Krankheit. Weitaus früher, seit den 1930er Jahren war die Symptomatik bekannt. Jetzt ist es 2026 und medizinische Studien gibt es kaum, in etwa so viele wie schon in den 1980ern.  

Die Krankheit ME/CFS schränkt Menschen schwer ein und führt teilweise zu vollständiger Isolation. Ein Großteil der Betroffenen ist arbeitsunfähig, etwa ein Viertel nicht mehr in der Lage, das Haus zu verlassen. Neben dem individuellen Leiden kostet die Erkrankung die Deutsche Gesellschaft jährlich viele Milliarden durch Arbeitsunfähigkeit, Pflegebedürftigkeit und Steuereinbußen. Wie kann es sein, dass noch immer kaum Forschung betrieben wird? 

Mit den Augen von Betroffenen

Ich spreche mit drei erkrankten Menschen. Joy ist 30 Jahre alt und lebt in Greifswald, Sandra ist 31 und ebenfalls Greifswalderin und Simon ist 21 Jahre alt und lebt in Stralsund. Sie geben uns Einblick, was die Krankheit mit ihnen macht und was sie für ihr Leben bedeutet. 

ME/CFS tritt in der Regel nach einer Infektion auf. Im Zusammenhang mit COVID-19 erkranken immer mehr Menschen. Die Diagnose ist umfangreich und es müssen viele Parameter getestet werden. Obwohl eine Diagnose nicht mehr nur durch Ausschluss anderer Krankheiten gestellt werden kann, ist das häufig noch immer bezeichnend für den Prozess. Das kann sich über Jahre ziehen und ist körperlich und geistig extrem belastend, wie Simon mir erzählt. Er muss wegen der Schwere der Krankheit sein Studium pausieren.

Es gibt konkret definierte Symptomkomplexe, die für die Diagnose herangezogen werden können. Beispielhaft dafür sind die Kanadischen Kriterien von 2003, die offen zugänglich auf der Internetseite der Charité als Fragebogen zu finden sind. Die Informationen liegen also vor. Die Krankheit wird hauptsächlich charakterisiert durch ihr Leitsymptom, die Post-Exertionelle Malaise, kurz PEM. Das bedeutet, nach körperlichen oder geistigen Anstrengungen – das können je nach Schwere bereits ein Gang zur Toilette, bloßes Kopfheben, ein Gespräch oder emotionale Aktivität sein – kommt es zum »Crash«. Der äußert sich durch Symptome wie Fieber, Fatigue, Schwellungen, Schmerzen, kognitive Störungen, Schlafstörungen, Schwindel, extreme Schwäche und Herzrasen. Das ist nur eine Auswahl. Die Symptome können sich bei einem Crash verschlimmern oder es können neue hinzukommen.

Es gibt ein zentrales Problem. Alle Betroffenen erzählen mir im Gespräch, dass die einen wahren Ärzt*innenmarathon hinter sich haben, weil ihre ursprünglichen Hausärzt*innen die Erkrankung nicht kannten und sich auch mit der Krankheit nicht auseinandersetzen wollten, als sie darauf aufmerksam gemacht wurden. Auf die verzweifelte Nachfrage, wie es nun weitergehen solle, bekam Sandra die Antwort: »Wird schon, warten Sie ab, Sie sind jung. Machen Sie weiter Sport.« Das ist eine häufig getroffene Empfehlung, die für Betroffene lebensgefährlich sein kann. Sandra ist diesen Empfehlungen erst gefolgt und ihr Zustand hat sich stark verschlechtert, sodass sie mittlerweile ab Gehstrecken von etwa 1,5 Kilometern auf einen Rollstuhl angewiesen ist, auf kurze Strecken und öffentlichen Nahverkehr.

Joy erzählt mir, dass ihr Hausarzt ihr erklärt hätte, ihr Zustand müsse psychisch bedingt sein. Bei vielen Ärzt*innen wird ihre Symptomatik nicht ernst genommen. Erst als ihre Psychotherapeutin sie zu einer neuen Ärztin begleitete und klarstellte, dass die Ursachen nicht psychosomatisch sein können, wird ihr ME/CFS diagnostiziert. Auch hier kommen die erwähnten Kanadischen Kriterien zum Einsatz. Dass die Psychotherapeutin erkannt hat, dass die Ursachen körperlich sind, ist allerdings eher ein Glücksfall. Auch unter Therapeut*innen ist die Krankheit noch nicht ausreichend bekannt.

Forderungen an Institutionen

Ein medizinisches Problem muss in erster Linie medizinisch gelöst werden. Dafür ist es nötig, das Leitsymptom PEM verbindlich anzuerkennen und in Forschung und Behandlung zu berücksichtigen. Das klingt banal, ist aber nach wie vor nicht vollständig geschehen. Ist das geschehen, muss die Forschung an ME/CFS höhere Priorität bekommen. Zum Ausbau der Forschung werden Fördergelder benötigt, die transparent und zweckgebunden vergeben werden.

Damit das passieren kann, muss die Krankheit sichtbar werden. Ärzt*innen müssen umfassend informiert und Kompetenzzentren mit Schwerpunkt auf ME/CFS eingerichtet werden. 

Ohne Anerkennung der Krankheit ist auch die Versorgung der Betroffenen mit großen Hürden verbunden. Anträge auf Nachteilsausgleiche, Schwerbehindertenfeststellung und Pflegegeld bedürfen einem hohen Aufwand, weil dafür Atteste nötig sind, die Ärzt*innen ausstellen müssen.

»Die Zeit läuft ab – unser Leben zerrinnt!«
Motto der #LiegendDemo 2026 
in Greifswald

Hilfe zur Selbsthilfe

In einem System, in dem institutionelle Hilfe den Bedarf nicht deckt, bleibt Betroffenen vor allem die Vernetzung untereinander. Alle Betroffenen erzählen mir, dass sie viele diagnostische Schritte auf ihrem Weg selbst initiieren mussten. Das geht aber nur, wenn sie sich selbst intensiv mit der Krankheit auseinandersetzen und Tipps von anderen Betroffenen bekommen, wie es in Selbsthilfegruppen möglich ist. Ich frage mich, wie die Arbeit in diesen Selbsthilfegruppen aussieht. Beate Bobsin hat eine Antwort für mich. Sie begleitet die für Menschen mit Long Covid in Stralsund.

Der Fokus der Selbsthilfe liegt auf Austausch untereinander, wie sie erzählt. Ein wichtiger Anlaufpunk für Informationen und gegenseitige Hilfe aus der Erfahrung mit der Krankheit. Aber auch der Austausch mit Ärzt*innen und Therapeut*innen ist Teil der Arbeit, um sie auf die Erkrankung aufmerksam zu machen. Im Rahmen der Selbsthilfegruppen können Betroffene an medizinisches Fachpersonal vermittelt werden. Ein unterschätzter Faktor sind bürokratische Hürden, etwa Anträge auf Nachteilsausgleiche, Schwerbehindertenfeststellung und Pflegegeld, die zum Teil vor Gericht landen. Hier versucht die Selbsthilfe, Barrieren zu bekämpfen.

So ist es bezeichnend, dass der stille Protest gegen die Bagatellisierung und die Unsichtbarkeit der Krankheit unter höchster Anstrengung durch Betroffene selbst organisiert wird. Die Initiative #LiegendDemo setzt sich ein für Sichtbarkeit in der Gesellschaft und Forschungsausbau. Beate Bobsin stemmt die Arbeit in der Selbsthilfegruppe ebenso als Betroffene der Erkrankung.

ME/CFS ist aktuell nicht heilbar. Alle Behandlung erfolgt symptomorientiert. Das wichtigste Hilfsmittel aktuell für Betroffene ist das »Pacing«. Das Konzept ist, sich die Kraft langfristig einzuteilen und konsequent durchzuhalten. Das schont die Kapazitäten und bereitet auf Anstrengungen vor, bedeutet aber, langfristig unter der schon herabgesetzten Belastungsgrenze bleiben zu müssen. Ohne Pacing wäre es vielen nicht möglich, einkaufen, zu Ärzt*innen oder Prüfungen zu gehen. 

»Keiner sieht, dass wir, wenn wir jetzt nach Hause kommen, ins Bett müssen
oder für die nächsten Tage gar nicht mehr raus oder aufstehen können.«

Beate Bobsin

Ein Blick in die Greifswalder Universitätsmedizin

Ich frage mich, wie es kommt, dass viele Ärzt*innen eine so häufig auftretende Erkrankung nicht kennen. Die Antwort ist eine Gegenfrage: Woher? Es gibt zu wenig Forschung und zu wenig Lehre zu ME/CFS. Ein struktureller Mangel, den es grundlegend zu lösen gilt. Ich setze bei der Universitätsmedizin Greifswald an und frage, wie diese mit der Erkrankung umgeht. 

»Das Krankheitsbild ME/CFS ist ein wichtiges Thema, das wir im Kontext postviraler Erkrankungen und chronischer Erschöpfungszustände ernst nehmen.« – so die Pressestelle der Universitätsmedizin. Aber was heißt das konkret?

Für Patient*innen hat das Klinikum eine Post COVID Sprechstunde, die allerdings hoch frequentiert ist. Mittlerweile haben Menschen mit ME/CFS die Möglichkeit aufgenommen zu werden, das Angebot richtet sich aber primär an Menschen mit Post COVID. 

Das neu gestartete Projekt Comprehensive Long COVID Center an der Universitätsmedizin ist durch den Bund gefördert und adressiert unter anderem ME/CFS. Das Ziel sei, in dieser Struktur eine qualifizierte Diagnostik und Behandlung gewährleisten zu können und mit dem Informieren über die Krankheit Forschung und Lehre zu verknüpfen, wie mir die Pressestelle der Universitätsmedizin versichert. Betroffene wie Sandra legen ihre Hoffnung in dieses Projekt. 

All eyes on us

Was können wir tun, um unseren Teil als Zivilgesellschaft beizutragen? Auch das habe ich meine Gesprächspartner*innen gefragt. Die Antworten sind so groß wie grundlegend. Solidarität, Empathie, aktives Interesse und großflächige Aufklärung. Bei einer Krankheit, die so unbekannt ist, ist jedes Gespräch ein Schritt in Richtung Sichtbarkeit. Sichtbarkeit, die es braucht, um Förderung für Forschungsprojekte zu und eine adäquate medizinische Versorgung zu ermöglichen. Eine Bitte von Sandra ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: 

»Zu verstehen, dass ME/CFS Leben raubt, ohne dafür vorher sterben zu müssen und dass es jeden von uns treffen kann.«


Fotos: Namid Joschko