Was bleibt, wenn der Vorhang fällt? Späte Anerkennung für den Greifswalder Schauspieler Kurt Brüssow

Was bleibt, wenn der Vorhang fällt? Späte Anerkennung für den Greifswalder Schauspieler Kurt Brüssow

Etwas verloren sitzt der kleine Messingklotz zwischen den Pflastersteinen. Die goldene Farbe glänzt aus dem matten Grau hervor, das gleiche Grau wie das des trüben Dezemberhimmels. Wer mit dem Fahrrad die Robert-Blum-Straße entlang kommt, fährt wohl leicht an dem Stein vorbei und auch als Fußgänger stolpert man eher über den noch leicht staubigen Fleck drum herum, der durch das Aufbrechen des Bodens entstanden sein muss. Aber es ist eine Anerkennung, so ein Stolper­stein. Er erzählt von einem Menschen, der gelebt und gelitten hat, nur aufgrund dessen, was er ist. Kurt Brüssows „Verbrechen“ ist unter seinem Namen, seinem Geburtsdatum und Beruf angegeben: verurteilt nach §175.

So unauffällig wie der Stolperstein war für die breite Allgemeinheit wohl auch Kurt Brüssows Leben. Als Jürgen Wenke im Zuge seiner Nachforschungen zu dem Greifswalder Schauspieler 2020 auch auf Brüssows Enkelkinder trifft, sind selbst diese überrascht von dem Leben, das ihr Großvater geführt hat. Überrascht, überwältigt, aber auch stolz. Stolz, eine so starke Persönlichkeit in der Familienlinie zu haben.

Stärke spricht auch aus allen Lebensabschnitten, die Wenke in seiner Recherche über Kurt Brüssow zu Tage fördern konnte. Kurt Brüssow wurde am 9. Dezember 1910 in Stettin geboren. Er erlernte zuerst das Konditorhandwerk, bevor er sich ab 1931 am Theater Greifswald seiner wahren Leiden­schaft widmete und Schauspiel studierte. Bis 1937 arbeitete er hier als Schauspieler, Sänger und Statistenführer. Dann, am 27. Juni 1937, die erste Verhaftung. Das Urteil: „widernatürliche Unzucht“. Kurt Brüssow ist für 6 Monate im Gefängnis und gilt ab jetzt als vorbestraft. Auch seine Anstellung am Theater verliert er, und da er zudem aus der Reichstheaterkammer ausgeschlossen wird, ist ihm auch die Option verweigert, eine weitere Anstellung als Schauspieler zu finden.

Der Ausschluss aus dem Berufsleben hat bereits 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozia­list*innen jüdische Menschen getroffen, die im öffentlichen Dienst angestellt waren. Den Anti-Schwulen-Paragraphen 175 gibt es bereits seit der Kaiserzeit, 1935 wird er aber noch weiter verschärft: Strafbar sind nicht nur sexuelle Kontakte, sondern auch Küsse und sogar „wollüstige Blicke“. Die Strafe wird von Gefängnis auf bis zu 10 Jahre Zuchthaus erweitert. Treffpunkte von Homosexuellen werden durch Gestapo und Polizei bespitzelt, Razzien werden durchgeführt, Listen von namentlich bekannten Homosexuellen angelegt, Zeitschriften verboten, Vereine zerschlagen. Auch in der Presse wird öffentlich gegen Homosexuelle gehetzt, um die Vor­urteile, die in der deutschen Bevölkerung ohnehin vorherrschen, weiter zu befeuern und Schwule zu „Volksfeinden“ zu erklären. Das Sonderdezernat Homosexualität der Gestapo, das 1934 geschaf­fen wird, bekommt 1936 Unterstützung durch die Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexua­lität und Abtreibung. Das Ziel: die Zucht „arischer“ Menschen. Wer zu dieser Zucht nicht beitragen kann oder will, hat keinen Platz in der Gesellschaft.

Kurt Brüssow wird der Verbrecher-Klasse „homosexuell“ zugeordnet. Als er wieder aus dem Ge­fängnis entlassen wird, fängt er bei einer Versicherungsgesellschaft an, doch die Arbeit ist nicht von Dauer. Bereits 1938 wird er wieder verhaftet, diesmal wegen „fortgesetzten Verbrechens“ zu anderthalb Jahren Zuchthaus. Während dieser Zeit werden Brüssow und Kontakte von ihm so lange befragt, bis sie weitere Namen preisgeben. Dass Brüssow noch öfter „straffällig“ geworden ist, veranlasst das Landesgericht Stettin 1939 zu einer erneuten Strafe: In seinem „kriminellen Lebenslauf“ werden die Straftaten festgehalten, denen er sich schuldig gemacht hat, darunter homosexuelle Kontakte seit seiner Jugend. Er ist für die nationalsozialistische Regierung ein zu großer Dorn im Auge. 1939 wird Brüssow zu weiteren zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, doch er wird anschließend nicht entlassen. Stattdessen bringt man ihn ins Konzentrationslager Auschwitz. Der Polizeibericht vom 11. April 1941 hält fest:

„Aus seinem ganzen Verhalten ist zu schließen, dass er auch nach Strafentlassung nicht von seiner anormalen Neigung lassen wird. Es ist daher angebracht, Brüssow bei Entlassung aus der Strafhaft wieder festzunehmen und in polizeiliche Vorbeugungshaft zu bringen.“

Heinrich Himmler, SS-Reichsführer und Chef der deutschen Polizei, hatte im Jahr zuvor erklärt, dass er homosexuelle „Mehrfachtäter“ nach dem Absitzen ihrer Strafe nicht mehr entlassen würde. Statt­dessen werden sie unmittelbar in ein KZ deportiert, finden anstelle von Freiheit höchstens den Tod. Kurt Brüssow überlebt – als einer der wenigen. Die meisten kommen durch Erschießung, durch Fol­ter oder durch langsame Auszehrung um, und wenn sie die Unterernährung überstehen, bringen es die schlechten hygienischen Bedingungen oder die schwere Sklavenarbeit zu Ende. Die Opfer des Nationalsozialismus sind nicht nur Homosexuelle und Jüd*innen. Es sind politische Gegner*innen und Kritiker*innen, Intellektuelle, Künstler*innen oder Wehrdienstverweigerer, Sinti und Roma und Behinderte. Das Prinzip ist simpel und gerade deshalb vielleicht so effektiv: „Teile und herrsche“, das betont Wenke in seiner biografischen Abhandlung über Kurt Brüssow immer wieder. Teile eine Gesellschaft in Gruppen mit unterschiedlichen Privilegien, unterschiedlichem Wert. Sorge so dafür, dass sie sich gegenseitig misstrauen, dass Uneinigkeit und Hass herrscht. Deine Macht ist gesichert.

Kurt Brüssow erhält die Häftlingsnummer 16642. Er bekommt zuerst den rosa Winkel, der ihn als Homosexuellen brandmarkt, später den roten Winkel der politischen Häftlinge, womit er zumin­dest darauf hoffen kann, bei den anderen im Ansehen zu steigen. Am 31. Januar 1942, nachdem Brüssow sich bereits drei Mal geweigert hat, freiwillig zuzustimmen, wird er zwangskastriert. Nicht sterilisiert, kastriert. Die Entfernung der Hoden geht nicht nur mit psychischen Schäden einher, vor allem auch die hormonellen Funktionen des Körpers leiden darunter. Brüssow ist von nun an auf eine hormonelle Behandlung angewiesen. Die freiwillige Kastration ist für viele Homosexuelle im KZ der letzte Hoffnungsschimmer auf Freiheit. Vom Arzt wird auf Brüssows Akte vermerkt, er habe sich gegen die Operation geweigert, da er glaube, bereits durch den Aufenthalt im KZ „geheilt“ zu sein. Vielleicht rettet ihm dieser Kommentar, gemeinsam mit den Bemühungen seiner Eltern, am Ende das Leben.

Im Februar 1944 wird Kurt Brüssow ins KZ Flossenbürg gebracht, im März 1944 entlassen und in Stettin unter Polizeiaufsicht gestellt. Die Reichstheaterkammer nimmt ihn zunächst nicht wieder auf, doch mit dem Ende der NS-Diktatur 1945 kehrt Brüssow nach Greifswald und damit auch ans Theater zurück. Hier heiratet er 1946, seine verwitwete Frau Margarete Gutjahr bringt zwei Kinder mit in die Ehe. Gemeinsam ziehen sie nach Putbus, wo Brüssow versucht, als neuer Leiter das Theater wieder aufzubauen, doch auch hier bleiben sie nur bis 1947, bevor sie aus der sowjetischen in die amerikanische Zone nach München ziehen. Hier wird Brüssow zuerst im Bayerischen Staatsministerium für Sonderaufgaben als Ermittler angestellt, wo er sich mit NS-Täter*innen befasst, dann steigt er zum öffentlichen Kläger auf und macht sich nach der Auflösung der Spruchkammern mit einem eigenen Kurierunternehmen selbstständig.

In seinen Bewerbungen, sowohl an den Theatern in Greifswald und Putbus als auch später in Mün­chen, erwähnt Brüssow in seinem Lebenslauf zwar seine Gefängnis-, Zuchthaus- und KZ-Aufenthalte, nennt als Grund aber immer nur „staatsfeindliches Verhalten“. Denn bis auf die Abschaffung der Konzentrationslager hat sich kaum etwas getan im Nachkriegsdeutschland. Der von der nationalsozialistischen Regierung erweiterte §175a wird sogar bis 1969 unverändert in der BRD fortgeführt. Bis zu diesem Tag hätte Brüssow auch hier verfolgt und bestraft werden können, wegen der ihm ange­borenen Art zu lieben, und hätte kaum eine Anstellung gefunden.

Auch die Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus wird ihm verweigert. Durch seine unerbittlichen Bemühungen und die Unterstützung durch seine Frau wird ihm zwar in der sowje­tischen Zone schließlich der Status des OdF (Opfer des Faschismus) gewährt (als „aus Mecklenburg der einzige, der wegen Vergehen nach §175 bestraft ist und als O.d.F. anerkannt wurde“), in Mün­chen laufen all seine Versuche aber ins Leere. Für vier lange Jahre kämpft Brüssow um Gerechtig­keit. In einem Schreiben von 1949 erklärt er, es ginge ihm nicht „um die Ehre und nicht um materialistische Vorteile […] Aus meinem Ehrgefühl heraus kann ich nicht einfach meine Nicht-Anerkennung hinnehmen“. Die Sympathien zur KPD, auf die Brüssow beharrt, genügen nicht, um als politischer Gegner anerkannt zu werden, denn die Behörden bestehen allein auf seine Verurtei­lung nach §175, an der sie nichts Falsches zu erkennen scheinen. Brüssow war und bleibt Straftäter und somit steht ihm keine Anerkennung des erfahrenen Unrechts zu. Während sozialdemokratische und kommunistische Inhaftierte, Jüd*innen und Zeugen Jehovas auf eine „Entschädigung“ hoffen können, bleibt diese Schwulen, „Asozialen“, Sinti und Roma, Behinderten und Kleinkriminellen verwehrt. Als deutlich wird, dass seine Bemühungen scheitern, schreibt Brüssow in einem Brief an die staatliche Ausführungsbehörde für Unfallversicherung:

„Meine Herren, es ist traurig, dass man als Heimatvertriebener und langjähriger KZ-Insasse den Gedanken hat, wärst du doch bloß im Lager umgekommen. So hättest du doch noch einen guten Zweck erfüllt, indem die Asche deiner Leiche als Felddünger Verwendung gefunden hätte.“

1969 wird der Paragraph 175 zwar nicht aufgehoben, aber abgeschwächt. Einvernehmliche sexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern stehen zwar juristisch nicht mehr unter Strafe, doch es folgen auch weiterhin Berufsverbote und Stigmatisierungen. Von der Anerkennung Homosexueller als vollwertiger Teil der Gesellschaft und der Würdigung ihrer Leiden im Nationalsozialismus bekommt Brüssow nichts mehr mit. Er stirbt am 14. März 1988, dem 13. Geburtstag seiner Enkeltochter. Sechs Jahre später wird §175 endlich aus dem Strafgesetzbuch der BRD gestrichen. Die Urteile nach §175 werden erst 2002 aufgehoben, 57 Jahre nach dem Ende der NS-Zeit. Es wurde „die biologische Lösung abge­wartet“, schreibt Wenke mit zynischem Unterton in seiner Brüssow-Biografie, „fast alle Männer, die in der NS-Zeit als Homosexuelle verfolgt und zu Unrecht verurteilt worden sind und überlebt ha­ben, erfahren von der Einstellungsveränderung und der Aufhebung nicht mehr. Sie sind verstorben.“

Auch heute sind wir noch weit entfernt von einer gleichberechtigten Stellung in unserer Gesell­schaft. Juristisch dürfen wir heiraten und adoptieren, werden von Teilen der Bevölkerung aber dafür belächelt oder verurteilt. Politiker*innen wie der Greifswalder Sascha Ott bezeichnen uns als „mikroskopische Randgruppe“, nennen die Toleranz, die uns und anderen Minderheiten zurecht entgegengebracht wird, so groß, dass es „bald bis zur Selbstverleumdung reicht“, und verbieten uns ein einfaches Stück Stoff zu zeigen, um nicht nur uns, sondern auch Menschen wie Kurt Brüssow gebührend zu ehren. Auch Jürgen Wenke stößt 2005 auf diese Ungerechtigkeit. Als er durch seine Heimatstadt Bochum geht, findet er zum damaligen Zeitpunkt etwa 70 Stolpersteine für die Opfer des Nationalsozialismus, keiner davon ehrt einen homosexuel­len Verurteilten. Er beschließt, dass er sich über diesen Zustand entweder beschweren oder etwas tun könne, um ihn zu ändern: „Ich habe mich für ‚was tun‘ entschieden.“

Kurt Brüssows Stolperstein ist der 46., den Wenke für schwule Männer hat verlegen lassen. Am 9. Dezember, Brüssows 110. Geburtstag, wurde der Stein vor dem Theater verlegt, in dem Brüssow den Beruf ausgeübt hat, der ihn in seinem Leben wohl am meisten bewegen konnte. Gefördert wurde die Verlegung von der Stadt Greifswald, dem Theater und der evangelischen Studierendengemein­de, die auch die Kosten für den vom Künstler Gunter Demnig erstellten Stolperstein übernommen hat. Die Website Stolpersteine Homosexuelle, auf der Wenke die Biografien der gewürdigten schwulen Männer festhält, betreibt er gemeinsam mit Mediengestalter Dirk Konert. Die Website und die Stolpersteine sind nicht nur eine Möglichkeit, um sich der Vergangenheit bewusst zu werden. Denn Erinnerungskultur wirft ihre Schatten immer auch auf die Gegenwartskultur. Sie ist wichtig, um heute aktiv zu werden,

„[g]egen das Vergessen [und] für die Erinnerung niemals wieder barbarische Willkür zu tolerieren, die die Welt schon einmal in Trümmern zurückgelassen und unzählige Leben zerstört hat.“

Dirk Konert

Ein Artikel kann auf etwas aufmerksam machen, aber er ist immer nur eine verkürzte Darstellung des Erzählten und neigt in seinem selektierten Charakter schnell dazu, die Person auf ihre Opfer­rolle zu reduzieren. Wer also mehr über Kurt Brüssow erfahren möchte, kann dies durch Jürgen Wenkes Biografie „Was bleibt, wenn der Vorhang fällt?“ tun, hier auch einsehbar als PDF.

Ebenso lesenswert ist das Buch aus diesem Jahr: Erinnern in Auschwitz: Auch an sexuelle Minderheiten (Querverlag Berlin), von Joanna Ostrowska, Joanna Talewicz-Kwiatkowska und Lutz van Dijk.

Auf der Website von Jürgen Wenke findet ihr außerdem Tipps, wie auch ihr etwas zu dem Projekt beitragen könnt (inklusive einer Putzanleitung für Stolpersteine).

Beitragsbilder: Julia Schlichtkrull
und das Amt für Bildung, Kultur und Sport

24 Tage Gutes – der aktivistische Adventskalender

24 Tage Gutes – der aktivistische Adventskalender

Nicht nur der webmoritz. hat in diesem Jahr einen digitalen Adventskalender für euch zusam­mengestellt. Auch andere Greifswalder Einrichtungen und Initiativen haben sich für die Vor­weihnachtszeit etwas Besonderes überlegt, mit dem sie euch jeden Tag ein klein wenig Freude schenken können – oder, wie im Fall des digitalen „Aktivismus-Adventskalenders“ von verquer, mit dem ihr selbst jeden Tag ein klein wenig Freude schenken könnt.

Im Aktivismus-Kalender findet ihr jeden Tag bis Heiligabend eine kleine Anregung oder inspirie­rende Geschichte zum Thema globale Gerechtigkeit. Das Projekt wurde zwar von der Greifswalder Bildungsinitiative verquer organisiert, ist aber eine große Kooperation aus den verschiedensten aktivistischen Verbünden und Einzelpersonen aus ganz Deutschland. Auch die einzelnen Themen sind breitgefächert. Denn „globale Gerechtigkeit“ heißt globale Missstände aufdecken, die zu einem Großteil durch kapitalistische Interessen hervorgerufen wurden – ob es einen fairen Handel betrifft, Klimagerechtigkeit im Allgemeinen oder sogar Menschenrechte. Baustellen gibt es an jeder Ecke. Vielleicht manchmal sogar so viele, dass uns die einzelnen kleinen Straßenschäden unserer Welt-Stadt gar nicht mehr so auffallen. Der aktivistische Adventskalender ist deshalb auch eine gute Anlaufstelle, um sich einmal bewusst zu machen, was eigentlich alles noch so auf dem (Bau-)Plan steht.

Aber der Kalender deckt nicht nur Probleme auf. In erster Linie bietet er Lösungen an. Er wirft ein Licht auf bestehende Projekte und Ideen, wie ihr selbst aktiv werden könnt. So wurde im ersten Türchen der Brief einer Aktivistin aus dem Dannröder Forst geteilt, in dem sie ihre Eindrücke aus den monatelangen Protesten und der erlebten Polizeigewalt eindrücklich beschreibt. Darunter eine Aufforderung und Anregungen, wie ihr selbst etwas für den Wald tun könnt. Das zweite Türchen vom Weltladen Greifswald hat sich das Problem des fairen Handels zum Thema gemacht und sowohl ein Quiz als auch einen Kurzfilm geteilt, die über das Problem der Profitgier im Agrarbereich aufklären. Auch das dritte und vierte Türchen drehen sich um Nachhaltigkeit. Beigesteuert von der christlichen Jugendorganisation JUST (Jugend.Stadt.Turm) zu nachhaltiger Entwicklung und wie ihr selbst euren Advent in alter Fastenzeit-Tradition nachhaltiger gestalten könnt. Und vom radio 98eins und dem St. Spiritus, die gestern Abend eine Lesung des Buches „Vom Ende der Klimakrise“ von FfF-Aktivistin Luisa Neubauer und Politökonom Alexander Re­penning live gestreamt haben (das Video und einen weiteren digitalen Adventskalender findet ihr auf dem Youtube-Kanal des St. Spiritus‘.

Und der aktivistische Kalender ruft euch auch direkt zum Mitmachen auf. So wurde bereits vorab verraten, dass das Türchen des 15.12. ein offener Projekttag zum Thema Menschenrechte werden soll, zu dem jede*r eingeladen ist, teilzunehmen. Dafür ist lediglich eine Anmeldung bei verquer erforderlich, von den weiteren Schritten dürft ihr euch in weihnachtlicher Spannungsmanier überraschen lassen. Außerdem findet ihr am Ende des 1. Türchens des aktivistischen Kalenders auch noch eine Einladung zu einem Gewinnspiel. Hierfür seid ihr aufgerufen, eure eigenen Beiträge in Foto- oder Videoform zu den jeweiligen Türchen mit verquer zu teilen – entweder über die Hashtags #adventmitzukunft und #thelastchristmas auf Instagram oder direkt per Mail an info@bildung-verquer.de. Wenn ihr neugierig geworden seid, werft doch gerne mal einen Blick in den Kalender und lasst euch vom Geist der Weihnacht zu Vorhaben globaler Gerechtigkeit inspirieren!

Beitragsbild: Julia Schlichtkrull

Ihr seid gefragt: Greifswalder Studierende im Prorektorat

Ihr seid gefragt: Greifswalder Studierende im Prorektorat

Auf der 3. außerordentlichen StuPa-Sitzung vom 17.08.2020 sind die beiden Prorektor*innen Frau Prof. Dr. Riedel und Herr Prof. Dr. Fleßa zu Gast. Es geht in erster Linie um das Corona-Semester, um das Problem der Regelstudienzeit, die Schwierigkeit des Verlängern oder Aussetzens von Fristen. Doch auch der Wunsch nach einem studentischen Prorektorat wird von den StuPist*innen geäußert. Frau Riedel verspricht: Sollte sie für das bald frei werdende Amt des*r Rektor*in gewählt werden, wird die Einführung eines*r studentischen Prorektor*in an unserer Uni eines ihrer zentralen Ziele sein. Etwa zwei Monate später wird Frau Riedel zur neuen Rektorin ge­wählt. Am 20.11. erreicht eine Rundmail der studentischen Senator*innen, weitergeleitet vom AStA-Vorsitzenden Hennis Herbst, die Studierenden: Die Bewerbungen können eingeschickt werden. Ab April 2021 soll ein studentisches Mitglied im Rektorat unserer Uni sitzen.

Dass eine gute Kommunikation zwischen Rektorat und Studierendenschaft wichtig ist, hat nicht zuletzt das vergangene Semester eindrücklich gezeigt. Da der Wunsch nach einem studentischen Prorektorat immer wieder laut wurde und gerade in letzter Zeit an Wichtigkeit gewann, lud der webmoritz. am 11.10.2020 Titus Wiesner, den studentischen Prorektor aus Rostock, zum Gespräch ein. Titus sprach sich damals für das gleiche Amt an unserer Uni aus. Eine bessere weil direktere Kommunikation zwischen Studierendenschaft, studentischen Gremien und Rektorat könnte die Arbeit der Greifswalder Hochschulpolitik konstruktiv voranbringen. „Ich will gar nicht sagen, dass in Greifswald nicht konstruktiv gearbeitet wird, aber dass viele Konflikte, die eventuell jetzt noch bestehen, durch so ein Amt gelöst werden könnten.“

Am 21.10.2020 wurde Frau Riedel ins Amt der Rektorin gewählt. Als wir sie einen Monat später in einem Interview nach ihren Zielen in Hinblick auf die Studierendenschaft fragten, nennt sie als erstes großes Vorhaben die Etablierung eines studentischen Prorektorats. Entscheidungen sollten nicht ohne eine studentische Perspektive gefällt werden; Studierende sollten die Möglichkeit haben, sich direkt und mit eigenen kreativen Ideen in die Bereiche der Unistruktur einzubringen, die ihnen wirklich am Herzen liegen.

Jetzt bestätigte es auch die Mail der studentischen Senator*innen noch einmal. Es ist ihnen gelungen, das Rektorat endgültig davon zu überzeugen, ab April 2021 auch an unserer Uni ein studentisches Prorektorat einführen zu wollen. Die Position ist offen für alle Studierenden ausgeschrieben, aber natürlich gibt es dennoch einige Voraussetzungen, die ihr erfüllen solltet, wenn ihr euch auf die Stelle bewerben möchtet. So solltet ihr gewährleisten können, für die gesamte einjährige Amtszeit (also bis März 2022) an unserer Universität eingeschrieben zu sein. Hochschulpolitische Erfahrung ist keine Voraussetzung, kann aber selbstverständlich nicht schaden, in erster Linie sind aber vor allem eine offene, kommunikative Art und Mut zu eigenen kreativen Ideen gefragt.

In den Aufgabenbereich des*der studentischen Prorektor*in fällt in erster Linie die regelmäßige Beteiligung an Sitzungen und Entscheidungen des Rektorats. Gerade in sämtlichen Bereichen, die direkt die Studierendenschaft betreffen, ist der*die studentische Prorektor*in gefragt. Hier soll der*die gewählte Studierende selbstständig die von der Rektorin zugewiesenen Arbeiten erledigen, sich aber auch in eigener Verantwortung nach neuen Baustellen umsehen und an deren Problemlö­sung feilen, unter Berücksichtigung der Gesamtverantwortung und Richtlinienkompetenz der Rektorin. Besonders wichtig ist auch die Vermittlungsposition, die der*die studentische Prorektor*in einnehmen wird: Als Bindeglied zwischen Hochschulleitung und Studierendenschaft unterliegt es ihr*ihm, einen Interessensausgleich beider Parteien herzustellen.

Sollte eure Neugierde geweckt sein, bewerbt euch gerne bis zum 01.12.2020, 23:59 Uhr mit einer Mail an asta_vorsitz@uni-greifswald.de. Eure Bewerbung sollte knapp eure Motivation für das Amt darstellen, und zudem einen Lebenslauf, eure Matrikelnummer und Mail-Adresse sowie im besten Fall ein Foto enthalten. Eine Woche später, am 08.12.2020, werdet ihr dann die Möglichkeit erhalten, euch persönlich beim StuPa, der FSK und den studentischen Senator*innen vorzustellen. Die drei studentischen Gremien leiten ihre Nominierung anschließend an das Rektorat weiter. Be­reits zu Beginn des kommenden Jahres soll es dann zu einer Vorstellung im Senat und zur offiziellen Wahl kommen.

Das Wichtigste auf einen Blick:
Was? Bewerbung zum*zur studentischen Prorektor*in
Wann? Bis einschließlich zum 01.12.2020
Wie? Per Mail an asta_vorsitz@uni-greifswald.de, inklusive eines kurzen Motivationsschreibens, eurer Matrikelnummer, Mail-Adresse und eines Fotos

Beitragsbild: Lilli Lipka

#greifswaldisstzuhause – Gastronomie stärken vom eigenen Sofa aus

#greifswaldisstzuhause – Gastronomie stärken vom eigenen Sofa aus

Die Lange Straße ist wie leergefegt, und das an einem ganz normalen Wochentagsnachmittag. Unter Beachtung strenger Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln sieht man noch den ein oder anderen dick eingemummelten Schatten in ein Geschäft hinein huschen. Die Restaurants, Cafés und Bars aber mussten schließen (verständlicherweise bei einem Inzidenzwert von mittlerweile 74,7), und das macht sich auf unseren Straßen bemerkbar. Wo es sich allerdings nicht bemerkbar machen muss, ist in unseren Bäuchen und, noch viel wichtiger, in den Kassen der lokalen Gastronomien.

Wie bereits zum ersten kleinen Lockdown im April hat die Greifswald Marketing GmbH gemeinsam mit der Pressestelle der Stadt eine Kampagne (zurück) ins Leben gerufen, die unsere lokale Wirtschaft stärken soll. Denn vor allem die kleinen und mittleren Betriebe sind auf den Verkauf ihrer Produkte angewiesen, um zu überleben. Der Hashtag #greifswaldisstzuhause soll dabei helfen, auf das noch immer bestehende Angebot von Restaurants, Cafés und Co. aufmerksam zu machen. Seit dem Aus­ruf des zweiten Lockdown lights am 04.11. sind Gastronomiebetriebe aus Greifswald wieder dazu eingeladen, ihre Tagesangebote, Wochenmenüs oder Auslieferungsbedingungen auf Instagram und Facebook unter dem Hashtag zu teilen. Außerdem werden auf der offiziellen Website die teilnehmenden Einrichtungen gesammelt aufgelistet, inklusive ihrer jeweiligen Lieferzeiten und eines Links zu ihrem Menü. 28 Betriebe sind hier bereits vertreten, aber die Liste ist noch nicht ausgeschöpft. In einer Pressemitteilung ruft die Pressestelle dazu auf, sich an die Greifswald Marketing GmbH zu wenden, wenn ihr ebenfalls auf der Seite mit aufgenommen werden wollt (Adresse: presse@greifswald-marketing.de).

Wer also gerne etwas für die Greifswalder Gastronomie tun möchte, stöbert am besten einmal durch den Hashtag #greifswaldisstzuhause auf Instagram und klickt sich durch die verschiedenen Beiträge. Der Hashtag #greifswaldkauftzuhause, der ebenfalls im April eingeführt wurde, hat bisher zwar noch keine Renaissance in einer eigenen Website erfahren, auf Instagram werdet ihr aber auch hier fündig. So hat zum Beispiel erst vor 4 Tagen das Papierhaus Hartmann in einem Post unter dem Hashtag auf den Greifswald-Gutschein aufmerksam gemacht: Eine weitere Möglichkeit, um die lokalen Betriebe zu unterstützen. Mit einem kleinen Betrag von 10 Euro könnt ihr durch den Gutschein die insgesamt über 70 teilnehmenden Geschäfte, Restaurants, Kultur- und Freizeiteinrichtungen unterstützen und euch vielleicht jetzt schon einmal auf die Zeit freuen, wenn ihr ihn irgendwann in einem ausgiebigen Shoppingtrip mit anschließendem Restaurantbesuch einlösen könnt.

Beitragsbild: Zakaria Zayane auf Unsplash

Verlaufen im Wald – Du entscheidest!

Verlaufen im Wald – Du entscheidest!

Es ist Halloween, und zwar ein sozial distanziertes Halloween. Wenn dir die Ideen ausgegangen sind, was du in diesen Zeiten anstelle deines üblichen Süßes-oder-Saures-Rundgang noch machen kannst und alle unsere Vorschläge schon durchprobiert hast, hilft dir vielleicht diese Geschichte, dich richtig in Grusel-Stimmung zu bringen. Also beschreite deinen Weg, und zwar so, wie du es gern hättest. Die Zahlen zeigen dir an, wo du weiterlesen musst, los geht’s bei der (1). Kleiner Tipp: Es kann helfen, sich die jeweiligen Zahlen zu notieren, falls die eine oder andere Entscheidung doch mal etwas blutiger ausgeht. Denn diese Geschichte hat nicht immer ein Happy End für dich vorgesehen.

(1) Raschelndes, golden glänzendes Herbstlaub unter deinen Schuhen. Das Sonnenlicht fällt durchs spärliche Blätterdach, bricht sich an den Blättern, die noch vereinzelt an den Zweigen hängen, fällt wie ein Bündel dünner Silberfäden auf den Waldboden hinab. Es ist nicht zu kalt, gerade warm genug, damit du in deinem Herbstmantel nicht frierst. Es ist ein wunderschöner Tag. Aber das ändert nichts daran, dass du dich verlaufen hast. Erst viel zu spät hast du realisiert, dass du dich doch nicht so gut auf dem geschwungenen und verzweigten Waldpfad auskennst, wie du geglaubt hast. Und jetzt befindest du dich irgendwo im Nirgendwo, mit dem glitzernden Sonnenschein über dir, der zwar einen herrlichen Anblick abgibt, aber bei seinem Stand ein sicheres Zeichen dafür ist, dass der Abend langsam hereinbricht. Du bleibst stehen, dein Blick gleitet hin und her zwischen dem Weg, der vor dir liegt und dem, den du gekommen bist. Du könntest weitergehen, hoffen, einen Ausweg aus dem Wald zu finden (6) oder umdrehen und versuchen, dich daran zu erinnern, welchem Weg du gefolgt bist (14). Wie entscheidest du dich?

(2) Obwohl du am liebsten von diesen fahrlässigen Brandstiftern fernbleiben würdest, kommst du nicht umhin einzusehen, dass es wohl das Beste wäre, zu ihnen zu gehen. Immerhin kennen sie vielleicht einen Weg nach draußen und wenn nicht, haben sie zumindest ein Feuer, an dem du dich wärmen kannst. Umso näher du kommst, desto lauter werden ihre Stimmen, und als du sie schließlich fast erreicht hast, fällt dir auf, dass du sie nicht verstehen kannst. Die Sprache, die sie sprechen, klingt seltsam, ganz anders als alle Sprachen, die du je gehört hast. Du trittst noch einen Schritt näher, schiebst einen Zweig beiseite, spähst durch die Blätter. Um ein großes Lager­feuer, dessen Flammenzungen beinahe die Baumspitzen berühren, steht etwa ein Dutzend junger Frauen in langen dunklen Kleidern. Sie wenden dir ihre Gesichter zu, beginnen zu lächeln, bewegen sich im gleichen Rhythmus, als wären sie ein einziger Körper. Eine von ihnen tritt auf dich zu, ihr schwarzes Haar fällt lockig über ihre Schultern. Sie streckt ihre Hand aus. „Komm.“ Du kannst nicht widerstehen. Ihre Hand ist heiß, als du behutsam danach greifst, aber noch heißer ist das Feuer, als sie dich mit einem Ruck zu sich zieht und hinein stößt. „Für unsere Schöpferin“, rufen sie alle, kaum hörbar über das Knacken und Zischen der Scheite und über dein Schreien hinweg. (13)

(3) „Nein danke“, erwiderst du mit zittriger Stimme und wendest dich zum Gehen. Doch der unheimliche Typ lässt dich nicht. Er stellt sich zwischen dich und die Tür und hinter dir hörst du die Schritte von jemand anderem, die bedrohlich näher kommen. Du schreist. Ein lauter Schrei ist immer die beste erste Verteidigung. Dann springst du zur Seite, greifst nach einem Kerzenständer, der bei der Tür steht, und schlägst nach dem Mann. Von hinten schlingt sich eine Hand um deinen Oberarm, doch du reißt dich los, stößt den anderen um, siehst noch sein weißes Hemd und den Wein darauf, nein, das Blut. Du rennst. So schnell du kannst und ohne Ziel. Tiefer ins Haus, aber Hauptsache weg von diesen Verrückten. Du kannst nicht erahnen, was hinter den verschlossenen Türen liegt, also wählst du die Treppe, stolperst hinauf, siehst eine offene Tür vor dir. Hinein, einfach nur hinein. Dein Atem pfeift in deiner Kehle, brennt in der Brust. Du schlägst die Tür hinter dir zu und lehnst dich mit dem Rücken dagegen. Du keuchst noch immer, aber langsam fällt die erste Angst von dir ab und du kannst dich in dem Zimmer umsehen, in das du dich geflüchtet hast. Vor dir, an der gegenüberliegenden Wand, sind etwa zwanzig Bildschirme angebracht. Jeder von ihnen ist an­geschaltet, doch sie leuchten nur in dunklem Grau. Ein einzelner Kreis prangt in der Mitte der grauen Flächen, mit zwei Buchstaben darin, Initialen. Eine Jitsi-Konferenz. Eine Jitsi-Konferenz mit zwanzig ausgeschal­teten Kameras, zwanzig ausgeschalteten Mikros, keiner einzigen Nachricht im Chat. Ein Uni-Kurs. Und du bist der Dozent. (13)

(4) Als würde dich etwas magisch anlocken, entscheidest du dich für den dunklen Nadelwald. Schon nach einem kleinen Stück Weg musst du die Augen zusammenkneifen, um noch etwas erkennen zu können, aber du hoffst einfach, dass sich deine Sicht schnell an die Finsternis gewöhnt. Mit der Abwesenheit der Sonne wird es langsam auch verdammt kalt. Du rückst deinen Schal zurecht, in der Hoffnung, dass er dich so besser wärmen kann, schlingst deine Arme um den Körper – gegen die Kälte und gegen deine Angst. Die Erkenntnis, dass du den Rückweg heute nicht mehr finden wirst, schleicht sich kriechend in dein Bewusstsein. Wenn du dich nur wenigstens irgendwo ausruhen und wärmen könntest. Gerade, als dieser Gedanke durch deinen Kopf gespukt ist, bemerkst du ein Feuer ein Stück abseits vom Weg zwischen den Bäumen. Ein Feuer deutet auf andere Menschen hin, aber eigentlich hegst du eine tiefe Abscheu gegen Leute, die in Wäldern Feuer entzünden. Überwindest du dich und gehst zu ihnen (2) oder schlägst du dir deinen Weg weiter durch die Nacht (9)?

(5) Mit zitternden Händen zückst du dein Handy, das du vorher lieber in der Tasche gelassen hast, um Akku zu sparen, für den Fall, dass du in genau so einer Situation endest wie jetzt. Doch gerade, als du es anschaltest, schaltet es sich selbst aus. In der Kälte hat sich die Batterie auf einen Schlag entladen. Typisch, iPhone! Dann muss es eben ohne Licht gehen. Doch obwohl du mit der größten Sorgfalt ins Wurzelloch hinab steigst, bist du nicht darauf vorbereitet, wie schlammig die Erde hier ist und wie tief das nasse Loch hinab reicht. Als du merkst, dass du versinkst, ist es bereits zu spät. Als der Schlamm bereits deinen Hals erreicht hat und unter deine Jacke dringt, kannst nur noch daran denken, dass du sowieso eine ziemliche Arachnophobie hast und jetzt wenigstens nicht mehr die Nacht unter dem Wurzeldach verbringen musst, das sicher voller blutrünstiger Spinnen gewesen wäre. (13)

(6) Zurückzugehen erscheint dir sinnlos. Du bist viel zu weit gegangen, um noch zu wissen, welchen Weg du gekommen bist. Also weiter, durch das Laub und mit der untergehenden Sonne über dir. Du hörst das metallische Kreischen, bevor du den Schmerz spürst. Etwa schlingt sich um dein Bein, bohrt sich in den Fleisch. Du stößt einen Schrei aus und dein Blick gleitet hinab. Es dauert eine Weile, bis du die Eisenzähne zuordnen kannst, die dein Schienbein fest in ihrem Maul haben. Eine Bärenfalle. Schritte und Stimmen neben dir, mehrere Gestalten springen aus dem Unterholz hervor. Karierte Hemden, Basecaps, ausgewaschene Jeanshosen. Verdammt, bist du schon die ganze Zeit in Texas gewesen? Eine Frau mit zerzaustem, blondem Haar tritt vor. Sie hebt die Waffe, die sie in den Hän­den trägt, und obwohl du dich nicht wirklich mit Schusswaffen auskennst, weißt du, dass ein Schuss aus dem Ge­wehr, das sie hält, tödlich ist. Sie richtet den Lauf auf dein Gesicht. „Jedes Fleisch ist gutes Fleisch“, krächzt sie mit heiserer Stimme. Dann drückt sie ab und für den Bruchteil einer Sekunde hörst du noch den ohrenbe­täubenden Knall. (13)

(7) Du beschließt, dass du mit der Angelegenheit lieber nichts zu tun haben willst und gehst weiter. Aber nach einem weiteren guten Stück Weg verlieren sich deine Fußspuren im dichten Laub­teppich, und als du an der nächsten Abzweigung ankommst, weißt du nicht, welchen Weg du nehmen sollst. Der Boden gibt dir keinen Anhaltspunkt mehr und noch immer kommt kein Ende des Waldes in Sicht. Außerdem wird es langsam immer dunkler. Der rechte Weg sieht nicht beson­ders vielversprechend aus – er führt in einen Nadelwald hinein, der den Wald noch mehr vom letzten Son­nenlicht abschirmt. Der linke Weg würde dich zu einem Bach bringen, über den eine hölzerne kleine Brücke führt. Du kannst dich weder an einen Nadelwald noch an eine Brücke erinnern, irgendwo musst du bereits eine falsche Abzweigung genommen haben, aber es macht keinen Sinn, jetzt wieder zurückzugehen. Wirst du in den Wald gehen (4) oder über die Brücke (10)?

(8) Ein gruseliges altes Haus ist nie eine gute Idee, das weißt du spätestens seit Bly Manor. Außerdem hast du die Hoffnung noch nicht aufgegeben, einen Rückweg zu finden. Das Gras ist hoch und nass, du spürst die Kälte zurückkehren, als sich die Feuchtigkeit durch deine Schuhe und deine Hose frisst. Trotzdem gehst du weiter, unbeirrt und mit dem bedrohlichen Herrenhaus neben dir noch schneller als zuvor. Es muss doch einen weiteren Eingang in den Wald geben, einen Weg, der dich endlich zurück führen wird! Selbst wenn es einen gibt, du findest ihn nicht mehr. Ein Rascheln ertönt, nur wenige Schritte entfernt, doch es nähert sich dir mit hoher Geschwindigkeit und größter Präzision. Dann ein Zischeln. Und eine Schlange richtet sich vor dir auf, ihr Körper so dick wie dein Arm, das Maul aufgerissen, die gespaltene Zunge zittert bei dem kreischenden Fauchen, das sie ausstößt. Du spürst nur noch ihre Zähne, die sich in deinen Hals bohren. Wenigstens tötet sie dich sofort, sodass du nicht mehr merkst, wie sie dich in einem Biss verschlingt. (13)

(9) Deine Abneigung gegenüber Waldbrandgefährder*innen ist einfach unüberwindlich groß. Du gehst weiter, doch nach einer Stunde, zwei Stunden, drei werden deine Beine immer müder, deine Hände immer kälter, die Sicht immer schlechter. Dein Verlangen, dich irgendwo hinzulegen und auf die wieder aufgehende Sonne zu warten, wird unerträglich, aber einfach bewegungslos am Wegesrand zu liegen, könnte bei den Temperaturen den Tod bedeuten. Du bemerkst einen gro­ßen Baum neben dir, der umgestürzt ist, seine gewaltige Wurzel ragt so über den Waldboden, dass sie ein natürliches Dach bildet. Es könnte deine letzte Chance auf einen wenigstens etwas geschütz­ten Schlafplatz darstellen. Willst du weitergehen (15) oder die Nacht in dem Wurzelloch verbringen (5)?

(10) Du verzichtest gerne auf die Dunkelheit, da du hoffst, dass es dir wenigstens etwas helfen kann, wenn du einem Pfad folgst, der dir länger Tageslicht schenkt. Nach einigen Schritten hast du die Brücke erreicht, der Bach darunter ist nicht besonders breit, aber zu tief mit zu steilen Uferwänden, als dass du hinüber springen könntest. Andererseits sieht die Brücke auch nicht besonders vielver­sprechend aus. Das Holz ist dunkel und modrig und hat bereits hier und da Risse, durch die du spitze Felsen im Bach erkennen kannst, um die das Wasser rauschend herum fließt. Du versuchst es dennoch, immerhin bleibt dir kaum eine Alternative. Mit beiden Händen am Geländer wagst du dich Schritt für Schritt nach vorne. Doch der marode Boden knarrt unheilvoll und ehe deine Reflexe reagieren, um dich mit einem rettenden Sprung in Sicherheit zu bringen, gibt das Holz nach. Du kannst nichts mehr tun, nicht einmal mehr schreien. Erst kurz bevor dein Kopf auf einem Stein zerspringt, realisierst du, welcher Tag heute ist. Halloween. Und du hast nicht einmal Süßigkeiten rausgestellt. Hoffentlich putzt jemand später die Zahnpasta von deiner Türklinke, du wirst es nicht mehr tun können. (13)

(11) Du gehst zum Haus, nimmst den alten Türklopfer in der Gestalt einer gekrümmten Schlange in die Hand und klopfst auf das schwere Metall der Tür. Es dauert einige Momente, doch dann hörst du Schritte von drinnen, und wenig später wird die Tür geöffnet. Ein Mann steht vor dir, jung, gepflegt, aber seine Kleidung so spießig, dass du die Nase rümpfst. Ein BWL-Student hier draußen im Wald? Er macht eine ausholende Geste ins Haus hinein. Seine Stimme ist sanft, als er spricht. „Zu so später Stunde allein unterwegs? Kann ich dir vielleicht einen Tee anbieten?“ Eigentlich hättest du nach der ganzen Aufregung lieber einen Kaffee, aber etwas Wärmendes, egal was, täte jetzt durchaus gut. Du trittst in den Flur hinein, siehst dich um. Vier Türen zweigen von dem Raum ab, doch nur eine davon steht geöffnet, zumindest einen Spalt breit. Du glaubst, weitere Gestalten dahinter erkennen zu können, jemand erscheint in der geöffneten Tür. Ein weißes Hemd und etwas Rotes darauf. Du hoffst, dass es Wein ist. „Tee?“, wiederholt der Mann hinter dir. Nimmst du sein Angebot an (16) oder hältst du es für schlauer, zu fliehen (3)?

(12) Dein Beschützerinstinkt zwingt dich, den Fußspuren zu folgen. Du hast Mühe, die Zweige beiseite zu schieben, die sich dir in den Weg stellen, als wollten sich die warnen. Ihre War­nung ist dir egal. Du kannst nicht einfach weitergehen, wenn dort vielleicht noch jemand anderes ist, der sich ebenfalls verlaufen hat, der deine Hilfe brauchen könnte. Schließlich hast du die Büsche durch­quert und befindest dich wieder auf sicherem Laubboden. Vor dir steht ein Mann. Seine Kleidung ist zerrissen, seine Schultern gesenkt wie vor Erschöpfung. Er hat dir den Rücken zugewandt, und ob­wohl du dich bemühst, genau hinzusehen, kannst du keine Regung an ihm erkennen. Seine Arme sind steif, sein herunter hängender Kopf verharrt in der gleichen Position, nicht einmal eine Atembewegung kannst du ausmachen. Dann aber bewegt er den Kopf. Hebt ihn, dreht ihn, immer weiter, bis er über seinen Rücken hinweg sieht, als wäre es seine Brust. Seine Augen sind weiß und leer, seine Zähne verfault. Du hörst ein Knacken, es muss sein Schultergelenk sein, als er seinen Arm langsam hebt und auf dich zukommt. Du fängst an zu rennen, doch die Büsche, die du vorhin lieber nicht durchquert hättest, versperren dir den Fluchtweg. Du versuchst reinzukriechen, irgendwie Schutz zu finden, aber eine Hand schraubt sich um dein Fußgelenk und zieht dich wieder hervor. Mit noch immer verkehrt herum gedrehtem Kopf kommt er langsam auf dein Gesicht zu, das einzige, was du noch wahrnehmen kannst, ist sein fauliger Geruch, als er sich auf dich wirft. Das schiefe Kreischen, was er dabei ausstößt, ebbt erst ab, als sich seine schwarzen Zähne in dein Fleisch rammen. (13)

(13) Du schreckst auf, reißt die Trinkflasche zu Boden, die eben noch vor dir auf dem Schreibtisch stand. Es dauert einen Moment, bis du realisiert, wo du dich befindet. Zu Hause, in deinem Zimmer, an deinem Arbeitstisch, vor dem Laptop. Die Stimme, die dir plötzlich ins Ohr spricht, lässt dich ein weiteres Mal zusammenfahren, und langsam begreifst du, was geschehen ist. Du bist in einer Online-Sitzung. Die langweiligste Vorlesung, die du im ganzen Semester hast, und obwohl deine Dozentin versprochen hat, die Sitzungszeit digital immer nur auf eine Dreiviertelstunde zu beschränken, weißt du, dass sie das nicht tun wird. Sie nutzt die vollen anderthalb Stunden aus, jedes Mal. Und ein Blick auf die Uhr an der rechten unteren Seite deines Bildschirms verrät dir, dass es gerade ein­mal kurz nach halb eins ist. Stöhnend lässt du dich auf deinem Stuhl zurücksinken. Einen kurzen Augenblick lang bist du dir wirklich nicht sicher, was hier der wahre Albtraum ist.

(14) Du drehst wieder um. Zwar warst du eine ganze Weile unterwegs, viel zu lange, bis du realisiert hast, dass du schon vor einer geraumen Zeit vom Weg abgekommen sein musst. Aber irgendwie muss es doch möglich sein, den Rückweg zu finden. Du hältst den Blick auf den Boden gerichtet, folgst den Fuß­spuren dort, wo der Boden schlammiger ist. Es kann sich nur um deine eigenen handeln, denn sie scheinen frisch zu sein und du hast niemanden sonst auf dem verlassenen Waldweg gesehen. An einer etwas tieferen Schlammlache machst du jedoch verdutzt Halt. Da sind zwei Spuren zu erkennen – die einen, die dir entgegen kommen, sind deine eigenen, die anderen jedoch führen vom Weg ab und ins Dickicht hinein. Auch sie sehen frisch aus. Du spähst ins Gebüsch, um etwas zu erkennen, doch da ist nichts außer Zweigen und Gestrüpp. Dein innerer Instinkt fordert dich auf nachzusehen, für den Fall, dass jemand deine Hilfe braucht, aber unheimlich ist dir die Sache trotzdem. Wendest du dich vom Weg ab, um der Sache auf den Grund zu gehen (12) oder ignorierst du die Fußspuren und suchst weiter nach dem Rückweg (7)?

(15) Dir ist das Wurzelloch nicht geheuer, vor allem, wenn du an die ganzen Insekten denkst, die dort nachts sicher herum kriechen, und wirklich warm ist es da drin bestimmt auch nicht. Weiter­zugehen heißt wenigstens, in Bewegung zu bleiben, und das ist schon mal ein Anfang. Du weißt nicht, wie viel Zeit vergeht, traust dich nicht, dein Handy herauszuholen, um nachzusehen. Vielleicht brauchst du den Akku noch, um wenigstens einen Notruf zu tätigen, sobald du aus dem Wald und damit auch aus dem Funkloch wieder herausgefunden hast. Anfühlen tut es sich jedenfalls wie Tage. Der Weg scheint kein Ende zu nehmen, ebenso wenig die Kälte, und deine Muskeln beginnen zu brennen. Endlich siehst du vor dir einen silbernen Schimmer. Helligkeit, Mondlicht. Du beginnst zu laufen, stolperst über deine Füße, fängst dich, läufst weiter. Vor Aufregung vergisst du die Kälte und die Schmerzen. Das Ende des Weges, des Waldes, wird immer deutlicher sichtbar und schließlich hast du es erreicht. Du blinzelt ein paar Mal, um dich an die plötzliche Helligkeit des Vollmonds zu gewöhnen. Und siehst, dass du nur auf einer Lichtung stehst. Über all um dich herum ist nichts als tiefer, dichter Wald. Und vor dir, in der Mitte der kleinen runden Wiese, so fehlplatziert und trotz­dem seltsam passend, ein großes, graues Herrenhaus. Gehst du zum Haus (11) oder versuchst du, auf der anderen Seite der Lichtung einen besseren und hoffentlich etwas helleren Weg zurück in den Wald zu finden (8)?

(16) Der Tee ist vergiftet, natürlich, was hast du dir auch dabei gedacht? Du brauchst nur einen Schluck zu nehmen, bevor es dir selbst auffällt. Er hat eine süßliche Note, viel zu süß dafür, dass es sich um schwarzen Tee handeln soll. Die Tasse gleitet dir aus den Fingern, zum Teil vor Schreck, zum Teil, weil deine Kräfte bereits schwinden. Der Mann, der dich ins Wohnzimmer geführt hat, lächelt nur wissend. Hinter ihm öffnet sich die Tür, durch einen verschwommen Schleier siehst du zwei Schemen eintreten, weiße Hemden, Wein, hoffentlich Wein. Etwas blitzt in der Luft auf, Metall, ein Messer. „Blut für den Blutgott“. So sehr du dich auch bemühst, du kannst nichts mehr tun, deine Sinne lassen nach. Die Stimme ist nur noch ein verzerrtes Murmeln, du spürst nicht einmal mehr, wie die Klinge durch deinen Körper schneidet. (13)

Beitragsbilder: Rosie Fraser auf Unsplash
und Julia Schlichtkrull