All Hallows‘ Verwirrung

All Hallows‘ Verwirrung

Die Ursprünge des Halloween-Festes sind beinahe genauso umstritten wie die Fragen, wie man es überhaupt feiern sollte, was die perfekte Kürbis-Schnitztechnik ist und welche Süßigkeiten unbedingt in den Beutel hineingehören. In zwei Punkten sind sich die verschie­denen Theorien über die Anfänge des Feiertages aber einig: Es hat etwas mit den Toten zu tun. Und Pyroman*innen lieben diesen Trick (or Treat).

Die einen halten Halloween für ein keltisches Fest, die anderen für ein römisches oder christliches, alle glauben sie, dass ihre Theorie die einzig richtige ist und am Ende war es wahrscheinlich eine gesunde Mischung aus allem. So wie Jesus laut Bibel wohl nicht an Weihnachten geboren ist und der 24.12. daher gar nicht sein großer Tag sein dürfte, stattdessen aber der von Mithras (zwar ohne Geburtstag, aber mit weit zurückreichender Party-Tradition). Das christliche Fest verschlingt das heidnische, und heute haben wir Geschenke, einen Weihnachtsbaum, Adventskränze und leuchtende Weih­nachtssterne. Völkerverständigung at its finest. Oder religiöser Imperialismus, je nachdem.

Mit Halloween ist es wohl sehr ähnlich gewesen. Die ersten Hinweise auf ein Fest, das zu dieser Zeit Ende Oktober oder Anfang November gefeiert wurde, gehen auf die Kelten zurück. „Samhain“, übersetzt so viel wie Ende des Sommers (oder November oder Versammlung oder zurückgehend auf irgendeinen Sommergott, je nachdem, wen man fragt), wurde traditionell am 31. Oktober ge­feiert (oder zuerst nur an jedem 11. Vollmond im Jahr, bis zur Einführung des gregorianischen Kalenders in keltischen Gebieten). Das Fest existiert wohl seit dem 5. Jahrhundert (oder seit 2500 Jahren), aber im 5. Jahrhundert zumindest scheint es sich mit einem römischen Fest zu Ehren von Pomona, der römischen Göttin der Baumfrüchte, zu vermischen. Anfangs war Samhain ein Fest zu Ehren des Neujahrstags (oder des Jahresendes), denn da die Kelten nur mit zwei Jahreszeiten – Sommer und Winter – rechneten, begann ab dem 1. November der Winter und damit das neue Jahr.

Dem keltischen Glauben nach war in der Nacht vom 31. Oktober zum 1. November der Schleier zwischen den Welten besonders dünn (womöglich weil Sommer als Zeit des Lebens und Winter als Zeit des Todes angesehen wurde und hier beide aufeinander trafen). Dieser dünne Schleier trennte die Welt der Lebenden von der Welt der Toten (oder die Welt der Sterblichen von der der Götter). Wie es auch heute noch im mexikanischen und ebenfalls am 31. Oktober beginnenden Día de Muertos gehandhabt wird, fürchtete man sich anfangs nicht vor den Toten. Im Gegenteil. Man lud sie zu sich nach Hause ein, speiste mit ihnen oder legte kleine Geschenke für die Geister vor die Häuser. Doch die Nacht war dunkel und voller Schrecken, denn nicht nur die Seelen der Verstorbe­nen, sondern auch böse Geister (und Dämonen und eventuell auch die Streiche spielenden Götter) konnten durch den Schleier in unsere Welt gelangen. Also wurden Feuer entzündet – man stellte sie in die Fenster, um den Verstorbenen den Weg zu weisen (oder um die bösen Geister zu vertreiben, nachdem sie zuerst von den Geschenken vor den Häusern beschwichtigt wurden). Unabhängig von den kleinen Feuern in den Häuserfenstern wurden wohl auch auf den Hügeln Feuer entzündet – Bon- oder Bonefire, also Knochenfeuer, zu Ehren des Sommers (oder zur Abschreckung der bösen Geister, oder um den Göttern Opfer darzubringen, damit sie den Menschen in der kommenden kal­ten und gefährlichen Zeit beiseite stünden).

Und dann sind da noch die Masken (oder Verkleidungen). Sie dienten der Tarnung, damit die bösen Geister die Lebenden nicht als solche erkannten (oder sich im besten Fall sogar vor ihnen fürchte­ten), und die Menschen somit vor Besessenheit verschont blieben (oder die Masken sollten an Tote erinnern, damit die Geister dem Irrtum verfielen, die Menschen seien bereits tot, oder aber sie sollten den Geistern selbst ähneln, als clevere Verwirrungstaktik). Obwohl über die Zeit der Glaube an Besessenheit allmählich abnahm, nahm die Angst vor den Toten zu, und so nutzte man das Fest, um verkleidet und lärmend durch die Straßen zu ziehen und Geister zu vertreiben.

Fast forward a few hundred years, und damit zur Verschmelzung mit dem Christentum. Im frühen Mittelalter verspürten die Christ*innen große Lust, Samhain ebenfalls zu feiern, was aber durch den heidnischen Ursprung nicht ganz so einfach vor den lokalen Priestern zu begründen war. Also verlegte die katholische Kirche im 8. Jahrhundert (oder Ludwig der Fromme 835 oder Papst Gregor IV. 837) den Feiertag Allerheiligen spontan vom Mai auf den 1. November, sodass beide Feste aufeinander fielen. So wurde der Abend davor zu einem geheiligten, also „hallowed“ eve, wo­durch auch der Name Halloween langsam Gestalt annahm (oder er stammt direkt von dem früheren Namen für den All Saint’s Day Vorabend „All Hallows‘ Eve“).

Aber auch das keltische Fest konnte von der Verschmelzung mit Allerheiligen profitieren, denn das Christentum brachte ebenfalls seine Bräuche mit in die Ehe. An Allerseelen am 2. November, also nur einen Tag nach Allerheiligen, zogen christliche Erwachsene (oder Kinder oder Bettler) in ganz Europa (oder nur in Irland) durch die Dörfer und erbaten an den Haustüren Seelenkuchen. Dabei handelt es sich um ein kastenförmiges süßes Brot, das mit Johannisbeeren verfeinert wird. Wenn die Bittenden ein Brot bekamen, versprachen sie im Gegenzug für die verstorbenen Verwandten ihrer gastfreund­lichen Mitmenschen zu beten.

Zuletzt kam auch noch der Brauch der ausgehöhlten, leuchtenden Kürbisse dazu. Ignoriert man die wenigen Quellen, die glauben, dass bereits die Geisterfeuer in den Fenstern in Rüben und Kürbisse gesteckt wurden, findet sich der Ursprung der Gemüselaterne in einer irischen Sage. Namensgebend für den Jack O’Lantern ist ein Mann namens Jack (oder Stingy Jack, oder Jack Oldfield, was das „O“ im Namen erklären könnte, wenn man nicht davon ausgehen will, dass es einfach für „Jack of Lantern“ steht). Jack war nicht unbedingt als tugendhaftester Mensch der Welt bekannt (oder er trank einfach nur gerne mal einen mehr, was in der christlichen Gesellschaft auch nicht unbedingt besser war), und so stand er auf der VIP-Liste des Teufels. Als dieser Jacks Seele irgendwann holen wollte, lockte Jack ihn aber auf einen Baum, ritzte in den Stamm schnell ein Kreuz, wodurch der Teufel nicht mehr hinunter konnte, und zwang ihn zu einem Deal. Entweder bekam Jack noch einmal 10 Jahre gutgeschrieben oder aber der Teufel musste ihn für immer verschonen, hier gehen die Legenden wieder auseinander. In jedem Fall aber ließ der Teufel Jack nicht in die Hölle hinein, als dieser irgendwann starb (um sich an seinen Teil der Abmachung zu halten oder einfach nur, weil er die beleidigte Grillwurst spielen wollte). In den Himmel konnte Jack aber auch nicht, denn dafür hatte er einfach nicht fromm genug gelebt. So war er dazu verdammt, bis in alle Ewigkeit zwischen Himmel und Hölle umher zu wandeln. Aus Schadenfreude (oder Mitleid) warf der Teufel Jack noch ein paar glühende Kohlen zu, die dieser in eine ausgehöhlte Rübe steckte (die er entweder selbst besorgte oder ebenfalls vom Teufel geschenkt bekam). In Irland waren die ersten Jack O’Lanterns daher auch noch Rüben und keine Kürbisse.

Im 19. Jahrhundert, da ist man sich wiederum relativ einig, kam das Fest schließlich durch irische Immigrant*innen in die USA, wo es zunehmend kommerzialisiert wurde und vor allem durch die Beliebtheit bei Kindern zu einem wichtigen Feiertag aufstieg. Hier zog sich auch die Jack-O’Lantern-Rübe ein Kostüm an und wurde kurzerhand zu einem Kürbis – der wurde damals in den USA als Schweinefutter in großer Zahl angebaut und war daher einfach leichter verfügbar, gerade zu seiner Erntezeit von September bis Oktober. Auch hier sollten die eingeritzten Gesichter übrigens ur­sprünglich böse Geister vertreiben, auch wenn daran heute wahrscheinlich kaum mehr jemand denkt bei den großen runden Augen, dem breiten Lächeln oder dem einen schiefen Zahn, die manche Kürbisse zieren.

Seinen Weg zurück nach Europa fand Halloween erst mit dem Ende des 2. Weltkriegs (oder in den 80er oder 90er Jahren durch die Karnevalsindustrie). Von der christlichen Kirche eher missmutig beäugt, weil es die Ernsthaftigkeit des Totenfestes nimmt (oder weil Luther unbedingt genau zu Halloween der katholischen Kirche mit seinen Thesen einen Schrecken einjagen musste, sodass der Reformationstag heute auf das gleiche Datum fällt), konnte es sich trotzdem immer weiter durch­setzen. Über die Jahre kamen auch noch mehr Bräuche hinzu. Waren die ursprünglich zu Halloween abgehaltenen Rituale eher pyromanischer Natur (Früchte mit bloßen Händen aus brennendem Alkohol fischen, die Zukunft deutende Nüsse ins Feuer schmeißen, Leben und Tod in der ausgetre­tenen Asche lesen), wurden sie zunehmend harmloser. Von Apple Bobbing über bunte Faschings­kostüme bis hin zu Europameisterschaften im Kürbiswiegen (der derzeitige Rekord liegt bei knapp über 1000 Kilogramm).

Trotzdem scheinen über die vergangenen Jahre die kleinen Geister, Hexen und Mumien auf den Straßen ein wenig abgenommen zu haben. Immer weniger ausgehöhlte Kürbisse grinsen von Fens­terbänken glänzenden Kinderaugen entgegen und die Süßigkeitenarsenale leeren sich kaum, so selten klingelt es am Abend des 31. Oktobers an der Tür. Nicht bei uns. Über die nächsten Tage wollen wir mit euch Halloween wieder ein wenig aufleben lassen und unsere eigenen, wenn auch mittlerweile älter gewordenen, Kinderaugen wieder zum Glänzen bringen.

Beitragsbilder: freestocks und Dan Gold auf Unsplash

Zappen oder clicken: Wie nachhaltig ist Streaming?

Zappen oder clicken: Wie nachhaltig ist Streaming?

Wir, die Redakteur*innen der moritz.medien, machen uns natürlich auch weiterhin Gedanken über unsere Umwelt und berichten daher in einem zweiten Teil unserer Nachhaltigkeitskolumne über weitere Themen, Tipps und Gedanken, damit ihr euer Leben (noch) nachhaltiger gestalten könnt.

Spätestens seit den ersten Kontaktbeschränkungen im März ist die Frage um die Umweltverträglichkeit von Streamingdiensten auch in Deutschland angekommen. Keine Treffen im großen Freun­deskreis, keine Partys, zum Teil keine oder „nur“ digitale Lehre heißt vor allem eins: mehr Zeit zum Füllen. Natürlich gibt es dafür viele verschiedene Möglichkeiten – eine Radtour zum Strand oder ein Spaziergang in den Wald, wenn nicht sogar Pilze sammeln. Aber gerade jetzt, wenn die Tage immer kürzer, grauer und regnerischer werden, wird eine andere Alternative immer attraktiver. Pornos gucken. Oder Serien streamen.

Tatsächlich unterscheiden sich Pornhub und Netflix nicht sonderlich, jedenfalls was ihre Umweltverträglichkeit angeht. Damit wir die Filme auf unseren Endgeräten ansehen können, wird nicht nur unser privater Strom verbraucht, sondern auch jede Menge Rechnerleistung in dem Rechenzentrum, das wir dafür gerade anzapfen. Dieser Strom wird auch heute noch zu einem großen Teil aus fossilen Brennstoffen gewonnen, wobei CO freigesetzt wird. Eine Studie des französischen Unternehmens The Shift Project, die 2019 für großes Aufsehen sorgte, schätzte die dabei verursachte Emission auf 4 Prozent des globalen Wertes – im Vergleich zu 2,5 Prozent, die durch Flugzeuge verursacht werden. Mit 80 Prozent liegt die deutliche Mehrheit an über das Internet konsumierten Daten in Videoform vor: 34 Prozent als Videos on Demand (gestreamt über Plattformen wie Netflix oder Amazon Prime), 21 Prozent auf YouTube, Vimeo und ähnlichen Anbietern, 18 Prozent als Videos in sozialen Netzwerken, Video-Konferenzen und Co. und ganze 27 Prozent – und hier schließt sich der Kreis – durch Pornos. Insgesamt berechnete The Shift Project für die Emissionen durch Videos 300 Millionen Tonnen für das Jahr 2018, also etwa so viel wie ganz Spanien emittiert hat.

Die französische Studie ist aber nicht unumstritten. Anfang des Jahres wurde eine neue Studie veröffentlicht: „Recalibrating global data center energy-use estimates“ (oder auf Deutsch: Wir rechnen alles noch mal um), geführt von einem Forschungsteam der Northwestern University, des Lawrence Berkeley National Laboratory und von Koomey Analytics. Die Studie zweifelt die von The Shift Project aufgestellten Rechnungen an und nutzt dafür neuere Daten, unter anderem zu energieeffizienteren Möglichkeiten in den Rechenzentren. Beispielsweise führt eine Umstellung im Storage-Bereich von sich drehenden Platten zu All-Flash-Arrays zu einer Einsparung an Kilowattstunden. Das spart nicht nur an Strom für die Rechner selbst, sondern auch für deren Kühlungssysteme. Unter Einberechnung der neuen energieeffizienteren Methoden kommt die amerikanische Studie damit auf etwa 1 Prozent an weltweiten Emissionen, die durch Videos verursacht werden.

Erst vor einem Monat veranlasste das deutsche Umweltbundesamt eine erneute Untersuchung, dieses Mal auf „realen Messwerten“ statt auf „Annahmen“ beruhend, wie aus der Pressemitteilung hervorgeht. Berücksichtigt werden dabei die verschiedenen Servertypen und deren Auslastung sowie die tatsächlich genutzten Arten der Datenübertragung. Wer zum Streamen mobile Daten und eine UMTS bzw. 3G-Verbindung nutzt, produziert demnach 90 Gramm CO2 pro Stunde, wobei sowohl Datenübertragung als auch Rechenleistung, nicht aber der eigene Stromverbrauch am Endgerät einberechnet sind. Mit 5G sind es nur noch 5 Gramm, und mit Glasfaser oder einem WLAN Anschluss gerade noch 2 Gramm CO2 pro Stunde. Umweltministerin Svenja Schulze sagt deutlich, dass Streaming also nicht das neue Fliegen ist. Wichtig ist aber vor allem die Art, wie gestreamt wird.

Die Alternative: Fernsehen

Auf der Seite des Umweltbundesamts sind die verschiedenen Umweltbilanzen für Haushaltsgeräte aufgeschlüsselt, darunter auch die des Fernsehers. Grundsätzlich gilt: Umso größer der Bildschirm, desto mehr steigt auch der Stromverbrauch. Flachbildfernseher emittieren theoretisch deutlich weniger, als es ein alter Röhrenfernseher getan hat, es kommt aber auf die Größe an (wo sich der Kreis ein zweites Mal schließt). Ein Gerät mit über einem Meter Bildschirm-Diagonale verbraucht bei durchschnittlicher Nutzung etwas über 200 kWh im Jahr, also so viel wie zwei effiziente Kühlschränke.

Daneben sind sie voller wertvoller Metalle, seltener Erden und Schadstoffen wie Quecksilber. Ein weiterer wichtiger Punkt ist deshalb die richtige Entsorgung. Seit dem Elektrogesetz von 2015 bzw. 2018 ist eine Entsorgung über dafür vorgesehene Sammelstellen Pflicht. Welche kommunalen Wertstoffhöfe es dafür gibt, findet ihr im Abfallkalender oder direkt auf der Seite der VEVG (der Ver- und Entsorgungsgesellschaft des Landkreises Vorpommern-Greifswald). In Greifswald liegen die beiden Wertstoffhöfe übrigens im Eckhardsberg und in der Ladebower Chausee. So banal es klingt, aber die richtige Entsorgung ist immer noch ein Problem, wenn auch weniger auf privater als auf gewerblicher und staatlicher Ebene. So musste vor drei Tagen, am internationalen E-Waste-Day, die Bilanz gezogen werden, dass immer noch nur knapp 17 Prozent des Elektromülls richtig erfasst und recycelt werden. Über 44 Millionen Tonnen hingegen wurden 2019 deponiert, verbrannt oder illegal ins Ausland exportiert.

Achtet also beim Kauf eines Fernsehers auf die Größe und die Energieeffizienz. Bei der Größe gilt grundsätzlich, dass die Diagonale nur etwa halb so groß sein sollte wie eure Entfernung zum Fern­seher, das schont nicht nur die Umwelt, sondern auch die Augen. Zusätzlich könnt ihr nach dem Kauf Bildschirmhelligkeit und Kontrast anpassen. Bei der Energieeffizienz hilft euch beim Kauf auch das EU-Energieetikett, bei dem die besten Stufen derzeit A++ und A+++ sind. Der „Blaue Engel“ kennzeichnet zusätzlich nicht nur Geräte, die einen geringen Energieverbrauch versprechen, sondern auch quecksilberfrei sind. Gleiches trifft übrigens auch auf Computer zu. Laptops verbrauchen im Allgemeinen bei gleicher Nutzung nur etwa 30 Prozent des Stroms eines PCs und enthalten zudem weniger Kunststoff, Glas und Edelmetalle. Und natürlich ist sowohl bei Fernsehgeräten als auch Computern wichtig, sie nach der Nutzung richtig auszuschal­ten, denn auch im Stand-by-Modus wird Energie verbraucht.

Wirklich eine Alternative?

Leider nein. Das Broadcasten von Filmen und Serien über den Fernseher oder von Musik übers Radio mag zwar besser sein, als die entsprechenden Filme und Lieder zu streamen, aber wie viele der Sendun­gen und Filme, auf die wir über die Streamingdienste zugreifen, laufen schon im Fernsehen? Und sie auf DVD zu kaufen, ist ebenfalls keine klimafreundliche Option, denn hier spielen wiederum hohe Produktions- und Transportemissionen mit rein. Davon abgesehen, ist – wie die neueren Studien zeigen – das Streamen an sich nicht das größte Problem, wenn die Technik mit­spielt, und die liegt nun einmal nicht in den Händen der Konsument*innen. Umweltmi­nisterin Schulze fordert deshalb den Ausbau des WLAN- und des Glasfasernetzes sowie eine größere Transparenz auf Verbraucher*innenseite beim Einsehen der Stromgewinnung der genutzten Rechenwerke.

Denn es geht auch „sauberer“: Die Studie „Clicking Clean“ von Greenpeace verlieh zum Beispiel YouTube die Note A in Sachen Umweltfreundlichkeit, da die Plattform bereits 56 Prozent ihres Stroms aus „clean energy“ bezieht. Oder wie wäre es mit einer nachhaltigen Nutzung der Rechnerleistung übers Internet hinaus? Ein Rechenzentrum in Stockholm bezieht beispielsweise seine Energie aus erneuerbaren Quellen und speist die Abwärme sofort ins Fernwärmenetz ein, das freut die Umwelt also gleich doppelt.

Und bis solche Methoden auch bei uns in Deutschland angekommen sind, gilt für uns als Streaming-Nutzende erst einmal ein Bewusstsein für das Thema Streaming und Umwelt zu entwickeln, und sich die kleinen alternativen Möglichkeiten vor Augen zu führen, die auch wir haben. Die Qualität zu reduzieren und auf kleineren Bildschirmen zu schauen. Nicht unterwegs, sondern nur Zuhause im WLAN zu streamen, oder alternativ die Videos schon einmal herunterzuladen, wo es denn legal ist. Weniger und achtsamer zu streamen und Stranger Things und Game of Thrones nicht nur als Hintergrund­geräusche zu missbrauchen. Oder einfach mal statt eines Filmabends einen Spieleabend einzulegen oder sich ein Buch zu schnappen – ob dort die digitale oder die analoge Alternative die bessere ist, könnt ihr übrigens in unserem letzten Nachhaltigkeitsartikel nachlesen.

Noch mehr Infos für euch:
Die Energieberatung steht euch mittlerweile mit mehr als 500 Beratungsstellen und kommunalen Stützpunkten zur Verfügung und berät über alles, was Stromsparen im eigenen Haushalt angeht. Seit den 70er Jahren wird das Unternehmen durch die Bundesregierung gefördert.

Beitragsbild: CardMapr auf Unsplash
Banner: Jonathan Dehn

DemokraTisch gegen Rassismus

DemokraTisch gegen Rassismus

Die Ermordung von George Floyd durch einen Polizisten war der letzte Tropfen auf ein bereits bis zum Rand gefülltes Fass des institutionellen Rassismus. Seit dem Tod des Afro-Amerikaners kämpfen Demonstrierende auf den Straßen unablässig für eine offene und gleichberechtigte Welt. Rassismus ist nicht nur Thema für die da drüben, sondern ein globales Problem, das auch vor Greifswald nicht Halt macht. Heute Abend möchte das Bündnis Greifswald für alle deshalb zu einer Gesprächsrunde über Rassismus einladen.

Unter dem Motto „Rassismus gibt es überall, auch hier – reden wir darüber!“ sollen an diesem Abend ab 19 bis voraussichtlich 21 Uhr Interessierte in den Pfarrgarten der Jacobi-Kirche (Karl-Marx-Platz 4) eingeladen werden. Auch Vertreter*innen aus verschiedenen Bereichen der Zivilgesellschaft, die in ihrem Lebensalltag mit Rassismus konfrontiert werden, sollen als Dis­kussionsteilnehmer*innen anwesend sein. Die DemokraTische, die von der Partnerschaft für Demokratie Greifswald veranstaltet werden, laden immer wieder zu neuen Gesprächsrunden über unterschiedliche gesellschaftliche Probleme ein. Ziel ist es, Betroffenen zuzuhören und gemeinsam über Lösungen nachzudenken: Was kann unsere Gesellschaft gegen Rassismus tun und wie können wir Betroffenen helfen?

Anlässe für eine solche Gesprächsrunde sind zahlreich und aktuell. Im Juli wurde mehrmals ein Schweinekopf vor dem Islamischen Kulturzentrum in Greifswald abgelegt. Im August wurde der FC Al Karama Greifswald, der überwiegend aus syrischen Bürgerkriegsgeflüchteten besteht, nach einem Spiel so sehr angefeindet und körperlich bedroht, dass der Club vorerst seinen Rückzug aus der Kreisliga bekanntgeben musste. Schon vor einer Woche fand eine Gesprächsrunde zum Thema „Integration im Sport“ statt, zu der auch Spieler des FC Al Karama eingeladen waren. Einer von ihnen, Tarik Malandi, äußerte hier bereits den Wunsch, mehr über Rassismus zu reden und aufzuklären. Das müsse bereits in Schulen und Sportvereinen passieren, um auch Kindern schon das Gewicht ihrer Taten zu vermitteln. Im Sport sollten sowohl Mannschaften als auch Zuschauer*innen härter bestraft werden – wer diskri­miniert, dürfe nicht mehr an einem Spiel teilnehmen. „Man muss dieses Problem sofort lösen“, fordert Tarik Malandi. „Kinder, die so etwas erleben, vergessen das niemals.“

In der „Greifswalder Erklärung für Vielfalt, Weltoffenheit und Demokratie“, die am 31. August 2020 von der Bürger*innenschaft beschlossen wurde, heißt es: „Die Universitäts- und Hansestadt Greifswald fördert das friedliche Zusammenleben aller Menschen, unabhängig von Herkunft, Religion, Weltanschauung, Geschlecht, sexueller Orientierung, äußeren Merkmalen, Bildungs- oder finanziellem Hintergrund und spricht sich insbesondere gegen Antiislamismus, Antiziganismus und Antisemitismus aus.“ Wie jede*r einzelne von uns einen Teil gegen Rassismus beitragen kann, soll die Gesprächsrunde heute Abend zeigen.

Das Wichtigste auf einen Blick:

Was: DemokraTisch „Rassismus gibt es überall, auch hier – reden wir darüber!“
Wann: heute Abend, 22. September, 19 Uhr
Wo: Pfarrgarten der St.-Jacobi-Kirche, Karl-Marx-Platz 4
Wer: veranstaltet vom Bündnis Greifswald für alle, offen für alle Interessierten
Wie: Kommt einfach vorbei! Und denkt an einen Mund-Nasen-Schutz.

Zum Veranstaltungshinweis auf Facebook
Website und Facebook-Seite des Bündnisses Greifswald für alle

Beitragsbild: Ehimetalor Akhere Unuabona auf Unsplash

Fakten und Daten, alles wissen, nicht raten – Eure Ansprüche auf Ausbildungsförderung

Fakten und Daten, alles wissen, nicht raten – Eure Ansprüche auf Ausbildungsförderung

Das letzte Semester erscheint einem gleichzeitig wie eines der kürzesten und längsten bisher. Die Corona-Pandemie hat sowohl die Lehrveranstaltungen als auch die Freizeitgestaltung dazwischen für mehrere Monate auf die eine oder andere Weise lahmgelegt. Gleichzeitig kamen viele neue Herausforderungen auf die Studierenden zu, gerade wenn es um finanzielle Fragen ging. Mittlerweile ist September, das neue Semester steht kurz bevor, aber noch immer gibt es viele Fragezeichen, bei einigen von euch sind vielleicht sogar gerade erst neue dazugekommen. Um ein paar davon aufzulösen, haben wir euch hier die wichtigsten aktuellen Infos rund um BAföG, Überbrückungshilfe und Kredite zusammengestellt.

BAföG

  • Das wichtigste zuerst: Seit einiger Zeit ist das BAföG-Amt nun wieder für persönliche Termine geöffnet. Unter bafoeg@stw-greifswald.de könnt ihr ein Gespräch vereinbaren.
  • Es gibt zwar keine speziellen Fristen für euren BAföG-Antrag, das Studierendenwerk weist aber darauf hin, dass Gelder erst ab dem Monat ausgezahlt werden können, in dem ihr euren Antrag stellt. Solltet ihr also bereits mit Beginn des neuen Semesters euer Geld beziehen wollen, denkt unbedingt daran, den Antrag noch diesen Monat oder spätestens im Oktober einzureichen! Bis das Geld da ist, dauert es außerdem auch ein wenig, also besser früher als später.
  • Falls ihr erst im November ins neue Semester startet: Auch in pandemiebedingt verlängerten Semesterferien habt ihr Anspruch auf Förderung.
  • Wenn ihr für euren BAföG-Antrag, einen Kredit oder ähnliches auf einen Leistungsnach­weis angewiesen seid, aber die entsprechenden Leistungspunkte im Sommersemester 2020 nicht erbringen konntet, gibt es gute Neuigkeiten für euch: Die Regelstudienzeit wurde offiziell verlängert, ihr habt also noch mindestens ein Semester länger Zeit.
  • Wer gerade nicht in Greifswald ist und seinen BAföG-Antrag daher nicht persönlich einreichen kann, hat auch immer die Möglich­keit, das per Post zu erledigen. Die Anträge findet ihr auf der Seite des Studierendenwerks oder auf der BAföG-Seite des Bundesmi­nisteriums für Bildung und Forschung. Hier wird euch auch aufgeschlüsselt, welche Formblätter konkret für euch wichtig sind.
  • Im Corona-FAQ des Studierendenwerks werden noch mehr Fragen geklärt. Beachtet aber, dass vieles davon bereits seit April nicht mehr aktualisiert wurde! Solltet ihr euch also unsicher sein, fragt gerne noch einmal direkt vor Ort im Studierendenwerk nach oder schreibt eine Mail an kommunikation@stw-greifswald.de. Von dort werden eure Fragen an die entsprechenden Stellen weitergeleitet.
  • Weitere Infos liefern euch die Internetseiten http://www.bafög.de und www.das-neue-bafög.de.

Zusätzliche Unterstützung

  • Die Überbrückungshilfe des Bundesministeriums für Bildung und Forschung:
    • Die BMBF-Überbrückungshilfe sollte ursprünglich nur für Juni, Juli und August gelten, am 20.08. gab Bildungsministerin Karliczek aber die Verlängerung bis September bekannt.
    • Die Hilfe gilt für alle, die nachweislich pandemiebedingt in Geldnot sind (falls also entweder eure Arbeit, die eurer Eltern oder eurer Ehe-/Lebenspartner*innen direkt be­troffen ist).
    • Der Förderungsbetrag liegt zwischen 100 und 500 €. Die Höhe hängt von eurem Kontostand ab.
    • Die Überbrückungshilfe kann über das Studierendenwerk beantragt werden.
  • Der KfW-Studienkredit:
    • Je nach Bedarf stehen euch bis zu 650 € im Monat zu.
    • Ab Mai 2020 bis einschließlich März 2021 entfallen die Zinsen für den Kredit. Seit Juni gilt das auch für ausländische Studierende.
    • Hier geht’s zum Online-Antrag.
  • Die Corona-Nothilfe für Studierende
    • Hierfür stellten die Hochschulen Stralsund und Neubrandenburg und das Greifswal­der Studierendenwerk 10.000 € aus Eigenmitteln zur Verfügung. Mittlerweile sind noch mehr Spenden dazugekommen.
    • Die Nothilfe orientiert sich an den gleichen Bedarfssätzen wie das BAföG. Ihr geltet also nicht als bedürftig, wenn ihr mehr als 744 bzw. 853 € (wenn ihr eure Krankenversicherung selbst tragt) zur Verfügung habt.
    • Die Nothilfe ist nur für Studierende gedacht, die speziell durch Corona in Notlage geraten sind.
    • Bei Fragen steht euch jederzeit die Sozialberatung unterstützend zur Seite.

Beitragsbild: Arek Socha auf Pixabay

Insekten: kleine Lebensretter in Lebensgefahr

Insekten: kleine Lebensretter in Lebensgefahr

Ich lausche dem Summen einer Fliege, die gerade durch das offen stehende Fenster hinein gekommen ist. Lautstark stößt sie gegen das andere Fenster im Raum, kreist an der Decke, zieht dann noch ein paar Runden vor dem Fenster, bevor sie ihren Weg wieder hinaus findet. Sie wirkt ein bisschen benommen – vielleicht, weil auch sie merkt, dass es um sie schlecht steht, vielleicht aber auch nur, weil sie auf ihrem entspannten Flug durch die Natur plötzlich in ein für ihre Verhältnisse ziemlich pflanzenleeres und stickiges Zimmer geraten ist.

Insekten sind faszinierende Tiere. Es gibt wohl kaum eine andere Art auf der Welt, deren Ansehen bei uns Menschen und eigentliche Relevanz für uns so weit auseinander gehen. Wir sind genervt von der zehnten Wespe, die an einem heißen Sommerabend versucht, sich ihren Weg in unser Weinglas zu erschleichen, ekeln uns vor den Fruchtfliegen und Maden, die sich an dem herun­tergefallenen Apfel gütig tun, den wir gerade vom Boden aufgehoben haben. Wir sprühen unsere Pflanzen und sogar unsere eigenen Körper mit Anti-Insektenspray ein, um die Tiere möglichst weit von uns fernzuhalten. Und das alles, obwohl wahrscheinlich keine Tierart wichtiger für das Öko­system ist als die der Insekten.

6 Gründe, Insekten zu lieben:

  1. Es gibt verdammt viele von ihnen: Auf der Erde leben etwa 1,38 Millionen uns bekannter Tierarten. Knapp eine Million, also mehr als zwei Drittel davon, sind Insekten. In Deutschland allein kann man rund 30.000 verschiedene Arten antreffen. Die meisten davon sind Haut­flügler wie Bienen und Wespen, Zweiflügler wie Fliegen und Mücken, Käfer und Schmet­terlinge.
  2. Wir können von ihnen lernen: Ein ganzes Forschungsfeld, die Bionik, beschäftigt sich mit der Frage, wie man die Eigenschaften der Natur möglichst effektiv auf unsere Technik über­tragen kann. Dass die Funktionsweise von Helikoptern im Flug der Libellen Inspiration fand, ist relativ bekannt. Aber auch das Potential zur Bekämpfung von multiresistenten Keimen und sogar die Heilung von Krebs könnte in Insekten stecken.
  3. Sie öffnen uns die Augen: Nährstoffe für unser Nervensystem, unseren Stoffwechsel, sogar für unser Sehvermögen ziehen wir aus der Nahrung, die wir zu uns nehmen – und die stammt zum größten Teil von Pflanzen, die von den Insekten bestäubt wurden. Selbst um uns warm zu halten, sind wir auf Insekten angewiesen: Die Materialien für unsere Kleidung stellen wir aus bestäubten Baumwoll­pflanzen her, oder wir gewinnen die Wolle von Tieren, deren Nahrung wiederum durch die Bestäubung von Insekten wachsen konnte.
  4. Ihr Kot ist Gold wert: Mit ihrer Ausscheidung können Insekten maßgeblich den Nährstoff- und Energiehaushalt des Ökosystems aufrechterhalten. Sie verarbeiten ihre Nahrung zu verwertbaren Stoffen, deren Nährstoffe wiederum von Mikroorganismen freigelegt und wieder nutzbar gemacht werden. So tragen sie zur Fruchtbarkeit des Bodens bei.
  5. Kein Sterben ohne Insekten: Nicht nur Nektar, Baumrinde oder lebende Blätter stehen auf ihrem Speiseplan, sondern auch totes Material. Rinde, Holz und abgestorbene Blätter werden von ihnen zerkleinert, was es den Mikroorganismen wiederum erleichtert, sie zu zersetzen. Aber auch geschwächte Pflanzen und Tierkadaver werden von ihnen heimgesucht, wodurch sie die Ausbreitung von Krankheiten stark reduzieren.
  6. Kein Leben ohne Insekten: Insekten tragen direkt oder indirekt zu einem Großteil der Nah­rungsgrundlage bei, die diese Welt zu bieten hat. Sie sind nicht nur Futter für Frösche, Schwalben, Fledermäuse und co., sondern in erster Linie Bestäuber. Ihr Hunger nach Nektar treibt sie von einer Pflanze zur nächsten, wodurch sie deren Pollen weiter tragen – und so maßgeblich deren Erhalt und Ausbreitung verursachen. Dadurch sorgen sie nicht nur für eine stabile Biodiversität (rund 88 Prozent der Pflanzen werden weltweit durch Fremdbe­stäubung vermehrt): Auch unsere Nutzpflanzen sind von ihnen abhängig. Insgesamt sind Insekten an der Bestäubung von 91 der 107 weltweit am häufigst angebauten Kultur­pflanzen beteiligt. Ohne ihren Beitrag hätten wir kaum Getreide oder Obst, keinen Raps, keine Zwiebeln oder Möhren, nicht einmal Kaffee.

Wir lieben sie scheinbar doch nicht …

Führt man sich vor Augen, wie wichtig Insekten für unser gesamtes Ökosystem sind, erscheint es absurd, wie schlecht es gleichzeitig um sie steht. Seit 2016 hat das Stichwort „Insektensterben“ seine eigene Wikipedia-Seite. In den letzten 10 Jahren haben verschiedene Studien bewiesen, dass es einen eindeutigen Rückgang in der Insektenvielfalt gibt, sowohl in Deutschland als auch international. Vor allem Schmetterlinge und Hautflügler sind betroffen, also Ameisen, Wespen oder Bienen. Eine der wohl bekanntesten und einschneidendsten Studien stammte 2017 aus Krefeld in Nordrhein-Westfalen. „More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas“ hieß die Studie, die sich vor allem auf den Bestand in NRW bezog. Drei Viertel der Insekten in nur 27 Jahren.

Der Hauptgrund für diese drastische Entwicklung wird in erster Linie im Menschen gesehen. 66 Hektar an asphaltiertem und betoniertem Boden zerstören jeden Tag natürliche Lebensräume. Artenreiche Kulturlandschaften weichen monokulturellen, industriellen Landwirtschaftsflächen. Nicht alle Insektenarten können die großen Flächen überwinden, um zu ihrer benötigten Nahrung zu kommen. Die strukturarmen Felder und die angebauten Hochleistungssorte fördern außerdem die Ausbreitung von Schädlingen, die dann durch Glyphosat, Neonicotinoide und ähnliche giftige Pflanzenschutz­mittel bekämpft werden. Diese treffen aber nicht nur Schädlinge, sondern auch Insekten wie Bienen und deren Nahrungsgrundlagen. Neonicotinoide schwächen sogar nachweislich das Immunsystem von Bienen und beeinträchtigen ihren Orientierungssinn.

An anderen Orten führt eine Überdüngung des Bodens dazu, dass Pflanzen, die auf nährstoffarme Erde angewiesen sind, nicht länger wachsen können. In vielen Wäldern werden alte Bäume und moderndes Holz, von denen sich Insekten ernähren, sofort beseitigt. Eine Studie der Universität Mainz weist nach, dass jede Nacht etwa eine Milliarde Insekten an Straßenlaternen in Deutschland verenden, weil sie verbrennen oder durch die Störung, die das künstliche Licht in ihrem Tag-Nacht-Rhythmus verursacht, vor Erschöpfung sterben. Auch der Klimawandel trägt seinen Teil bei: Wenn Pflanzen früher (ver)blühen, finden Insekten, die je nach Tageslichtlänge aus ihrem Winterschlaf erwachen, womöglich nicht mehr die Pflanzen, die sonst ihre Nahrungsgrund­lage bilden.

Wie wir ihnen Liebe zeigen können

Auf politischer Ebene soll durch Projekte wie das 2018 beschlossene „Aktionsprogramm Insekten­schutz“ dem Insektensterben entgegengewirkt werden. Die Gelder, die für solche Unternehmungen bereitgestellt werden, kommen dabei zum Beispiel dem Ausbau der Landschaft oder der Pflege besonderer Schutzgebiete zugute, aber auch besseren Optionen und damit einem weitreichenden Rückgang von Unkrautvernichtungs- und Schädlingsbekämpfungsmitteln.

Aber auch im Privaten kann jede*r einzelne von uns einen Teil beitragen. Die wohl einfachste Möglichkeit besteht darin, beim eigenen Konsumverhalten genau aufzupassen. In der ökologischen Landwirtschaft sind chemisch-synthetische Pestizide verboten. Es ist also ratsam, auf regionale und saisonale Bioprodukte zu achten oder Obst und Säfte von Streuobstwiesen zu bevorzugen. Oft wird in der Bio-Landwirtschaft auch auf Fruchtwechsel sowie Brachflächen geachtet, die Insekten einen vielfältigeren Lebensraum bieten.

Für alle, die einen eigenen Garten oder zumindest einen Balkon besitzen, sind auf den Websites des NABU (Naturschutzbund Deutschland) oder des WWF verschiedene Tipps zusammengestellt, die euch Anregun­gen geben, wie ihr euren Pflanzenanbau möglichst insektenfreundlich gestalten könnt. Wichtig ist dabei, dass ihr auf einheimische Pflanzen achtet und einen möglichst breiten Mix anbieten könnt, der von Frühling bis Herbst wenigstens mit der einen oder anderen Blüte parat steht. Worauf genau ihr dabei achten müsst, damit eure Saatpflanzen möglichst nachhaltig und tierfreundlich sind, werden wir euch in einem zukünftigen Artikel vorstellen.

Neben den Pflanzen könnt ihr außerdem flache Trinkwasserschalen aufstellen, an denen die Insekten ihren Durst stillen können, oder ihr richtet sogar einen kleinen Cocktail aus Zuckerwasser, Fruchtsaft oder reifen Früchten an, der vor allem Schmetterlinge anzieht. Auch kleine Steinhaufen oder Stapel aus totem Holz können verschiedenen Insektenarten Unterschlupf bieten. Solltet ihr neben all den Pflanzen, Schalen und Steinen noch etwas Platz auf dem Balkon oder in eurem Garten haben, könnt ihr vielleicht auch über ein Insektenhotel nachdenken. Kleine Betriebe wie der Knastladen, dessen Produkte von Insassen der Justizvollzugsanstalten Nordrhein-Westfalens hergestellt werden, bieten selbstgebaute Insektenhotels für einen kleinen Preis an. Wenn ihr euch selbst im Basteln versuchen wollt, stehen euch online die verschiedensten Bauanleitungen zur Seite.

Für diejenigen, die keinen eigenen Garten oder Balkon, aber vielleicht ein wenig Geld oder zeitliche Kapazität zur Verfügung haben, gibt es verschiedene Organisationen, die sich für den Schutz von Insekten einsetzen. In einem früheren Nachhaltigkeitsartikel haben wir euch zum Beispiel von Bienenpaten­schaften erzählt, bei denen ihr mit etwas Geld Organisationen unterstützen könnt, die sich für den Erhalt der Bienen einsetzen.

Die Fliege ist während des Schreibens dieses Artikels noch ein, zwei Mal zu mir hinein geflogen. Es ist leicht, von ihr genervt zu sein, wenn sie einem mit lautem Brummen um den Kopf schwirrt oder sich kitzelnd auf dem nächstgelegenen Arm niederlässt. Und das ist auch in Ordnung. Nur ist es dabei auch wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, wie sehr wir von ihr und all ihren kleinen nahen und entfernten Verwandten abhängig sind. Mit wie viel Hartnäckigkeit wir ihren Lebensraum trotzdem bedrohen. Und wie leicht es eigentlich ist, ihr zu helfen.

Weiterführende Links:
Über die Wichtigkeit der Insektenbestäubung: https://www.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/oekologisch-leben/balkon-und-garten/tiere/insekten/22683.html
Weitere Fun Facts zu Insekten: https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/info/22674.html
Mehr Gründe für das Insektensterben: https://www.bund.net/themen/tiere-pflanzen/tiere/insekten/bedrohung/
Zu Neonicotinoiden und anderen Gründen für das Insektensterben: https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/20997.html
FAQ: Insektensterben in Deutschland: https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/insektensterben/23580.html
So könnt ihr helfen: https://www.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/oekologisch-leben/balkon-und-garten/tiere/insekten/index.html
So könnt ihr noch mehr helfen: https://www.wwf.de/aktiv-werden/tipps-fuer-den-alltag/tipps-fuer-den-garten/so-helfen-sie-insekten

Beitragsbild: Franziska Schlichtkrull
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