Digitales Theater: Bist du fake oder T.R.U.E.?

Digitales Theater: Bist du fake oder T.R.U.E.?

Am 20.05. feierte der zweite Teil der digitalen Theaterreihe „Customerzombiefication“ seine Premiere. Wie schon der erste Teil beschäftigt sich auch „DATA-Land“ mit den großen Fragen unserer Zeit. Im Fokus stehen besonders die Selbstoptimierung und die Rolle der Menschen im Ökosystem unserer Erde. Dennoch hat sich gegenüber dem Vorgängerstück „Mein fremder Wille“ einiges geändert.

T.R.U.E. ist für uns alle Neuland

Das Wichtigste zuerst: Der zweite Teil der Trilogie knüpft in der Geschichte nicht an den ersten an. Alle interessierten Nachzügler*innen können also problemlos mit einsteigen. In der futuristischen Welt des Stückes hat sich das Startup „T.R.U.E.“ aus Berlin-Kreuzberg als Anbieter für körperloses Leben in der digitalen Welt bereits einen Namen gemacht. Nun sollen auf einer Kennenlern-Veranstaltung neue Kund*innen für das wunderbare, vollkommen virtuelle Leben akquiriert werden. Für dieses exklusive Produkt kommen allerdings selbstverständlich auch nur die erlesensten Personen infrage. Daher müssen alle Interessierten zunächst ein Coaching absolvieren und in einer Reihe von Prüfungen ihre „Human Essence Units“ (H.E.U.) verbessern, bevor sie einen Blick auf T.R.U.E. werfen und vielleicht sogar die Erfinderin der scheinbar perfekten Welt selbst treffen können.

Vorsprung für Technik

Zeile 1 der Anweisungen auf dem (natürlich) digitalen Theaterticket lautet: „Bitte bereiten Sie sich circa 15 Minuten vor Beginn des Streamings vor“. Das gilt auch für alle Veteran*innen des digitalen Theaters, die in „Customerzombiefication Teil 1/Mein fremder Wille“ die ersten Schritte dieses Projektes mitgegangen sind und wie ich die TotoGo-App aus Platzgründen danach wieder deinstalliert haben. Außerdem gab es da ja auch noch ein Passwort… das man aber zum Glück auch zurücksetzen kann. Die Zeit zur Vorbereitung sollte also in jedem Fall eingeplant werden, da neben der App auch der Stream gestartet werden muss. Der ist übrigens nach Teil 1 von YouTube auf Twitch umgezogen. Der Countdown im Stream tickt herunter, während auf anderen Channels Fortnite gespielt oder gechattet wird. Aber keine Zeit, um bis zum Vorstellungsbeginn nochmal kurz umzuschalten, denn die T.R.U.E.-Gründerin hat eine Videobotschaft in die App hochgeladen. Sie möchte, dass ich meinen H.E.U.-Basiswert bestimme. 51,3% – alles klar.

20:01 Uhr – die Frisur sitzt, das Mikro noch nicht ganz

Als der Countdown auf 00:00 springt, passiert… nichts. Technische Probleme? Haaaallloooo?? Geht die App zu, wenn ich nochmal kurz auf Insta gucke? Spoiler: Nein, tut sie nicht. Aber kaum habe ich das Sofa verlassen, um mir noch etwas zu trinken zu holen, erscheinen die beiden Coaches auf meinem Bildschirm. Erwischt! Auch wenn sie mich nicht sehen können, will ich trotzdem einen guten ersten Eindruck hinterlassen, um mir optimale Chancen auf einen Platz in T.R.U.E. zu sichern. Stimmungsvoll ist es also schon mal. In einem längeren Dialog stellen die Coaches Ella und Inga nun das Abendprogramm vor. Gemeinsam möchten Sie mit uns an der Verbesserung unserer H.E.U.-Werte arbeiten, denn ein guter Wert ist Voraussetzung für den Upload. Schon jetzt ist klar, dass der Abend arbeitsintensiv wird und tatsächlich sind es am Ende des Stücks etwa 30 Eingaben, die wir geleistet haben werden. Inklusive Photoshooting und Gesangseinlage. Und auch so manche (zum Beispiel meine) Internetverbindung wird bei der schnellen Abfolge an Videos wohl zwischendurch mal etwas in die Knie gehen (danke, Vodafone). Aber was tut man nicht alles für einen Platz im digitalen Paradies…

Fragen über Fragen

Anders als noch im ersten Teil der Trilogie geht es in „DATA-Land“ nicht darum, Entscheidungen zur Fortsetzung einer Geschichte demokratisch zu treffen, sondern durch die individuelle Beantwortung von Fragen einen möglichst guten Platz in der Rangliste für den Upload zu erkämpfen. Dabei geht es um alles, was uns als Menschen ausmacht, die besten Eigenschaften, die schlechtesten, geheime Wünsche und vieles mehr. Den eigenen H.E.U.-Score können die Zuschauer*innen/Kontrahent*innen jederzeit in der App nachlesen, die Werte der anderen werden immer wieder in Zwischensequenzen eingeblendet. So intensiviert sich nach und nach ein Konkurrenzkampf um die besten Plätze. Recht schnell wird zwar deutlich, dass gesellschaftlich akzeptiertes Verhalten mehr Punkte einbringt. Aber bin das wirklich ich? Und ist das tatsächlich besser, um sich die besten Chancen für den Upload zu sichern? Schließlich gilt ja immer noch: „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommst du ohne ihr…“

Ein Abend wie ein Horoskop

„DATA-Land“ ist sehr anders als ich es nach dem ersten Teil der Trilogie erwartet hatte. Durch die große Anzahl an, auch durchaus intimen, Fragen und Informationen, fühlt es sich an manchen Stellen eher wie eine Therapiesitzung als wie ein Theaterbesuch an. Fans des klassischen Geschichten-Erzählens werden daher vermutlich eher enttäuscht sein, denn das Stück ist durch den Fokus auf die Persönlichkeiten seiner Zuschauer*innen recht statisch. Auch wenn die Coaches nach und nach einige Hintergründe der Entwicklung des Uploads und ihrer eigenen Funktion im futuristischen Universum preisgeben, passiert auf dem Bildschirm nicht besonders viel. An manchen Stellen wirken außerdem Details noch ein wenig unausgereift, beispielsweise gibt es ein Credit-System, für das Zuschauer*innen Eigenschaften kaufen können, was aber auch bei negativem Credit-Score noch ohne Konsequenzen möglich ist. Trotz solcher Kleinigkeiten ist das Stück gerade durch das hohe Maß an Interaktion sehr kurzweilig und schöpft die Möglichkeiten der App gut aus. Wie schon im ersten Teil geht es um Fragen, die uns als Menschheit insgesamt, aber vor allem auch individuell immer mehr beschäftigen: Wie möchten wir leben und wie lässt sich das mit den Kapazitäten unserer Gesellschaft und unseres Planeten in Einklang bringen? Ist die Aufgabe des realen Lebens und der Transfer in eine digitale Parallelwelt die ultima ratio? Das Stück dürfte besonders interessant für die immer größer werdende Gruppe der selbstoptimierenden Yogis und Küchentischpsycholog*innen sein. Aber Vorsicht, ein bisschen fühlt sich der Ausblick wie ein Horoskop an: Egal zu welcher Gruppe ihr am Ende gehört, irgendwie sind die Vorhersagen doch immer die gleichen.

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Unterhaltungsfaktor

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Innovationsfaktor

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(Angst)Schweißfaktor

Das Wichtigste auf einen Blick:
Wann? (Fast) täglich bis zum 30.05.
Wo? Digital über Twitch und die TotoGo-App
Anmeldung? Über die Webseite des Borgtheaters

Titelbild: Igor Ovsyannykov auf Pixabay
Video: Borgtheater

Einfach mal die Zeit nehmen und abtauchen in Subnautica

Einfach mal die Zeit nehmen und abtauchen in Subnautica

In Zeiten der dritten Welle und auch Schnee im April sehnt man sich doch auch mal wieder an einen warmen Ort. Nach dem Meer? Sonnenschein? Einem wohligen Gefühl der Entspannung? Dann schaut euch doch mal Subnautica an. Hier erwarten euch aber nicht nur fantastische Urlaubsgefühle…

Bevor es aber um das eigentliche Spiel geht, erst einmal ein paar Hintergrund-Infos: Das Survival-Spiel Subnautica wurde vom US-amerikanischen Entwicklerstudio Unknown Worlds Entertainment entwickelt und 2014 erstmals im Early Access Programm von Valve auf der Plattform Steam veröffentlicht. Seit 2018 ist das Spiel in der Vollversion verfügbar.
Jetzt, wo das geklärt ist, stürzen wir uns mal in das Spiel.

Schwärze umgibt euch. Das leise Dröhnen einer Alarmsirene wird hörbar. Ihr öffnet die Augen. Eine in rotes Warnlicht getränkte Rettungskapsel erscheint. Wo bin ich? Was ist passiert? Um diese Frage zu beantworten schaut ihr euch als erstes in der Kabine um. Euer Reparaturwerkzeug wird direkt benötigt, um die Elektronik der Kapsel zu reparieren. Sofort fahren die Scanner wieder hoch und teilen euch mit, dass ihr auf einem Planeten mit einer atembaren Atmosphäre seid. Also nichts wie auf mit der Luke und umschauen!

Endlose Weiten. Blauer Himmel. Strahlender Sonnenschein. Und nichts als Wasser umgeben euch, soweit eure Augen reichen. Doch da ist noch etwas: Das Raumschiffwrack. Gerade war man noch auf einer Baumission für die Altera Corporation. Phasentore sollten gebaut werden, um diesen Teil des Universums zu erschließen. Aber was genau ist passiert? Ein Fehler? Ein Angriff? Oder vielleicht Sabotage? Doch die Antworten müssen noch warten, denn um dahin zu kommen, wird es noch etwas dauern. Der atombetriebene Antrieb ist beschädigt worden und nun tritt radioaktives Wasser aus, informiert euch der Scanner.

Der Ausblick von der Rettungskapsel auf das Raumschiffwrack

Also erstmal zurück in die Kapsel und sammeln: Trinkwasser, Nahrung, Energiegewinnung, Aufklärung der Umgebung. Auch eine Erkundungstour lohnt sich. Direkt nach dem Sprung ins Wasser wird klar: eine fantastische Flora und Fauna umgeben euch. Überall sind bunte Fische und Pflanzen zu entdecken. Das Sonnenlicht schimmert durch die Wasseroberfläche und lässt wunderschöne Lichtspiele zu. Doch natürlich sind diese Meeresbewohner nicht alle friedlich. So tummeln sich an den dicht bewohnten Riffen auch kleinere Räuber. Diese stellen aber keine wirkliche Gefahr dar und die ersten Minuten des Spiels füllen sich mit der Beschaffung grundlegender Materialien in der ruhigen Umgebung.

Der erste Abschnitt des Spiels fühlt sich also durchaus so an, wie eine moderne Zukunftsversion von Robinson Crusoe. Jedoch bemerkt man schnell, dass auf dem Ozeanplaneten nicht alles mit rechten Dingen läuft. Schnell fallen mysteriöse Details des Absturzes auf und man begibt sich buchstäblich immer tiefer in unsichere Gefilde während der Spurensuche. Mit Upgrades, weiteren Werkzeugen (und auch Fahrzeugen!) wird die Erkundung der tieferen Unterwasserlandschaften zwar etwas einfacher, aber trotzdem kein Spaziergang. Doch behaltet bloß eure Sauerstoffanzeige im Auge! Nicht nur der fehlende Sauerstoff ist euer Feind unter Wasser: Je tiefer ihr taucht, desto düsterer werden die Gefilde und desto lauter werden die Geräusche. Selbst mit dem größten konstruierbaren, 54 m langen Tauchboot „Cyclops“ und genug Ausrüstung werden die Tauchgänge sehr gruselig. Taucht man in die verschiedenen Biome herab, beispielsweise in die als „Dunes“ bezeichnete Region, werden selbst die Tage sehr düster. Schaltet man dann auch noch den Motor und alle Lichter des U-Boots aus, um keine ungewollte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und lauscht einfach den Geräuschen, dann kann das gut und gerne auch mal die ein oder andere Gänsehaut mit sich bringen. Nur mit dem eingeschalteten Radar im dunklen Wasser zu treiben, um größere (und sich bewegende!) Objekte zu orten, bietet selbst in sicheren Gefilden ein gewisses Unwohlsein. Ich persönlich bin ja ein Freund der Seemotte. Ein kleines, wendiges und schnelles Ein-Personen-U-Boot, mit dem sich schnell Erkundungstouren durchführen lassen. Ein Upgrade dafür ist das Sonar. Damit kann man alle paar Sekunden einen 3D-Umgebungsscan durchführen, der auf das eigene HUD (Head Up Display) übertragen wird. Nur wenige Momente lassen dann das Herz so in die Hose rutschen, wie wenn man durch den Scan in sichtbarer Reichweite vor einem den Umriss eines „Reaper Leviathans“ erblickt. Dieser 55 m lange Räuber ist nämlich sehr aggressiv und wird euch ohne Vorwarnung angreifen. Alle Gefahren in dem Spiel legen dabei eine sehr eigene Art des Angriffes an den Tag, was das Einschätzen von diesen umso wichtiger macht.

Lockt euch also die Aussicht auf ein schönes kleines Abenteuer? Ein Erlebnis, bei dem ihr einmalige Umgebungen entdecken, euch schöne wohnliche Unterwasserbasen bauen aber auch gruselige Begegnungen bewältigen könnt? Dann solltet ihr euch das Spiel unbedingt mal anschauen! Ich persönlich habe es auf dem PC gespielt und bin einfach begeistert. Auch ein Nachfolger auf demselben Planeten steht mit „Below Zero“ bereits bereit zur Verfügung und bietet neue Umgebungen zum Erkunden.

Alle Bilder sind selbst aufgenommene Screenshots des Autors.

“Mailand oder Madrid? Hauptsache Italien!”

“Mailand oder Madrid? Hauptsache Italien!”

Auch wenn Ausgangssperren und 15-km-Radien in Greifswald vorerst Geschichte sind und gerade auch frisch in Baden-Württemberg gerichtlich gekippt wurden, dürften inzwischen selbst die größten Reisemuffel die eigenen vier Wände satt haben und einen gewissen Freiheitsdrang und Fernweh verspüren. Also aufgepasst, denn hier geht es zur virtuellen Weltreise – für eine Person oder ganze Reisegruppen*!

Geographie war nie wirklich mein Lieblingsfach – im Gegenteil! Ich war ausgesprochen froh, mich nach der zehnten Klasse mit rudimentären Kenntnissen der deutschen Landeshauptstädte (ist Berlin die Hauptstadt von Brandenburg?) und Flüsse endlich davon verabschieden zu können und wieder planlos immer der Nase nach durch die Lande zu streifen. “Iller, Lech, Isar, Inn, aus den Augen, aus dem Sinn!” lautete damals mein Motto und es wäre wohl dabei geblieben, hätte es eine gewisse Pandemie nicht gegeben. Was für ein Glück, dass die fahrenden Kameras eines Suchmaschinen-Konzerns, der mit “G” anfängt und mit “oogle” aufhört, inzwischen weite Teile der Welt besucht und ihre Aufnahmen für die Allgemeinheit verfügbar gemacht haben! Diesen Umstand nutzt auch das Spiel “Geotastic”. Das Prinzip ist sehr simpel, aber gleichzeitig ausgesprochen spannend: Die Spieler*innen werden innerhalb des “Google Street View”-Bildmaterials ausgesetzt und müssen erkunden, wo sie sich gerade befinden. Wenn sie glauben, zu wissen wo sie sind, markieren sie den Ort auf der Weltkarte.

Das Spielprinzip von “Geotastic” ist übrigens nicht komplett neu. Die große Schwester “Geoguessr” gibt es bereits seit 2013. Während bei Geoguessr zum gemeinsamen Spielen allerdings für alle Spieler*innen ein kostenpflichtiger (und relativ teurer) Account nötig ist, finanziert sich Geotastic auf Spendenbasis. Nur die Person, die das Spiel leitet, benötigt einen (kostenlosen) Account, alle weiteren Mitspieler*innen können ganz einfach über einen Link beitreten.

Das Spiel bietet vier unterschiedliche Modi, die jeweils alleine oder gemeinsam mit bis zu 32 Personen gespielt werden können (ob mit- oder gegeneinander bleibt euch selbst überlassen). Der Modus “Popular Landmarks” eignet sich besonders für Anfänger*innen und Fans spektakulärer Ausblicke und Architektur, denn hier gilt es (relativ) bekannte Orte wiederzuerkennen. In “Fun with Flags” versuchen die Spieler*innen, anhand von Flaggen das virtuelle Reiseland herauszufinden, während es in “Country Battle” um Schnelligkeit geht – wer errät das Land zuerst?

Fun with flags: Welches Land könnte das bloß sein?

Für Abenteuerlustige eignet sich besonders der Modus “Random Drop”. Namensgebend ist hier wenig überraschend, dass die Spieler*innen irgendwo an zufälligen Street-View-Koordinaten abgesetzt werden. Dabei kann es durchaus passieren, dass ihr auf einer einsamen Straße mitten im Outback strandet, 30 Kilometer vom nächsten Ort entfernt. Oder in einer schwedischen Kleinstadt. Oder in Tokyo. Insgesamt stehen aktuell Bilder aus 72 Ländern zur Verfügung und die Ortsbestimmung ist bis auf wenige Meter genau möglich. Aber Vorsicht! Lässt man sich in die Irre führen, kann es auch passieren, dass die Nadel mit eurem Namen am Ende der Runde im falschen Kontinent steckt. Ohnehin bietet das Spiel viel Raum für Kuriositäten: Von der mit der Mistgabel über der Schulter durch das rumänische Dorf streunenden Oma bis hin zum Lastkraftfahrer, der mitten in der Einsamkeit einer brasilianischen Landstraße seinen liegen gebliebenen LKW repariert, wurde vom Street-View-Auto so ziemlich alles Erdenkliche bis in alle Ewigkeit für die Nachwelt abgelichtet.

Selbst ist der Mann, wenn die nächste Werkstatt Meilen entfernt ist.

„Geotastic“ bietet von zu Hause aus erstaunliche neue Einblicke in den Alltag fremder Kulturen. Und jedes Detail kann für die Orientierung wichtig werden: Von der Sprache über die Farben der Straßenschilder, die Straßenseite auf der die Autos fahren, die Vegetation und Landschaftsgestalt über die Kleidung der Menschen bis hin zu offensichtlichen Hinweisen, wie etwa Landesflaggen und Internetadressen auf Werbeschildern. Wichtig sind vor allem scharfe Augen und die Fähigkeit, vielseitige Informationen aus den Bildern und aus dem eigenen Gedächtnis (gibt es z.B. Google Street View in China?) miteinander zu einem stimmigen Gesamteindruck zu verknüpfen. Das Schöne ist dabei, dass viele unterschiedliche Taktiken gleichermaßen zum Erfolg führen können. Und wie immer im Leben, gehört auch hier ein Quäntchen Glück dazu. All diejenigen, denen die Welt zu groß ist, können das Gebiet übrigens von vornherein eingrenzen, zum Beispiel auf Europa oder auch auf Deutschland.

Womit wir wieder am Ursprung angelangt wären: “Iller, Lech, Isar, Inn, wir reisen virtuell dorthin.”
Wenn wir Geotastic damals im Geographie-Unterricht genutzt hätten, hätte ich bestimmt auch besser aufgepasst!
Zum Abschluss noch ein heißer Tipp: Wer auf den Zielort hereinzoomt, kann sehen, wo die Spieler*innen entlanggefahren sind. Auf diese Weise könnt ihr viel über eure Freund*innen (und deren Internetverbindung) lernen!

Du kriegst gar nicht genug von digitalen Abenteuern? Wer sich die Sehenswürdigkeiten nicht nur von außen, sondern gerne auch von innen ansehen möchte, findet im Artikel „Zuhause was erleben“ eine Übersicht virtueller Museumsführungen!

*Gepäck nicht inbegriffen!

Titelbild: athree23 auf pixabay.com
Beitragsbilder: roosites auf pixabay.com; Screenshot aus Google Street View

„Customerzombiefication 1/Mein fremder Wille“ – Erste Schritte auf den Motherboards, die die Welt bedeuten!

„Customerzombiefication 1/Mein fremder Wille“ – Erste Schritte auf den Motherboards, die die Welt bedeuten!

Am 19.01. feierte mit „Customerzombiefication 1/Mein fremder Wille“ das erste digitale Stück des Theater Vorpommern seine Premiere. Damit passt das Theater seinen Spielplan, in Zusammenarbeit mit dem „BORGTHEATER – cyborg performing theatre“, an den andauernden harten Lockdown an und ermöglicht Theaterbegeisterten die Teilnahme an Aufführungen von zu Hause aus. Und Teilnahme ist tatsächlich auch die richtige Formulierung, denn genau genommen handelt es sich nicht um ein klassisches Theaterstück, sondern um ein Programm, das die aktive Beteiligung der Zuschauer*innen erfordert. Die Verantwortlichen haben diesem Konzept den Titel „Digitales Game-Theater“ gegeben. Also nichts wie hineingestürzt ins neue, digitale Theater-Erlebnis!

Worum geht es in dem Stück?

Im gar nicht mehr allzu fernen Jahr 2030 landen wir ohne Vorwarnung genau in der Welt der Influencerin Alice (Christiane Waak), die sich auf der Suche nach den Daten ihrer Zwillingsschwester in den Kern des offenbar allumfassenden „DATA-Systems“ begeben hat. Alices Ziel ist es, die Daten ihrer Schwester, die durch einen Fehler im gesellschaftlichen Belohnungssystem auf den niedrigsten Rang eines „Customerzombie“ eingestuft wurde, zu löschen, um diesen Irrtum rückgängig zu machen.

Screenshot aus „Customerzombiefication 1/Mein fremder Wille“

Wie kann ich an „Customerzombiefication1/Mein fremder Wille“ teilnehmen?

Vor allem müsst ihr schnell sein, denn das Stück ist zum einen mit etwa 25 Plätzen pro Vorstellung streng limitiert und außerdem heiß begehrt. Bereits jetzt (Stand 26.01.) ist es bis zum 04.03. ausverkauft. Für die Veranstaltungen im März gibt es aber noch Restkarten! Bevor ihr euch Tickets besorgt, solltet ihr sichergehen, dass ihr über die technischen Voraussetzungen verfügt, um am Stück teilnehmen zu können, allerdings sind diese in Zeiten der digitalen Lehre inzwischen eigentlich Standard. Ihr braucht: so viele Smartphones (iOS oder Android) wie Personen, die (aktiv) teilnehmen wollen und zusätzlich noch ein Gerät mit großem Display (im besten Fall ein Fernseher oder sogar ein Beamer), auf dem ihr den Livestream verfolgen könnt. Und eine stabile Internetverbindung für alle Geräte! Mit dem Kauf der Tickets erhaltet ihr jeweils zwei Zugangscodes. Der eine ist der Link zum Livestream des Stückes auf YouTube. Mit dem anderen (ein QR-Code) erhaltet ihr über die App „TotoGo“ die Möglichkeit, euch am Stück zu beteiligen. Aber Vorsicht: Wenn der QR-Code einmal eingelöst wurde, könnt ihr euch auch kein zweites Mal damit einloggen! Deshalb solltet ihr ihn wirklich erst kurz vor Beginn der Vorstellung aktivieren.

Theater vom Sofa aus, daran kann man sich durchaus gewöhnen!

Ganz ehrlich: Wer hat nicht heimlich immer schon davon geträumt, mit Jogginghose ins Theater zu gehen und während der Vorstellung hemmungslos Snacks in sich hineinzuschaufeln? Und das ganz ohne die verachtungsvollen Blicke der anderen Zuschauer*innen, für die wir „zu laut kauen“ und „schlimmer als die Assis mit den Bluetooth-Boxen“ sind.
Ich habe oft das Gefühl, dass Menschen eher für das „Sehen und Gesehenwerden“ ins Theater gehen als für das Stück selbst. Und das ist schade, denn genau dafür gibt es doch die Bib, in der man sich über jede Ablenkung freut und die man ja ehrlicherweise auch und vor allem für die Gesellschaft der Freund*innen besucht und natürlich, um die süße Sitznachbarin wiederzusehen, die man irgendwann bestimmt mal ansprechen wird (garantiert!). Das ist im Theater anders, dort möchte man sich ja wirklich auf das Stück konzentrieren und nicht von banalem Smalltalk abgelenkt werden. Insofern ist das digitale Theater eine Chance für all diejenigen, die sich tatsächlich für die Aufführung selbst interessieren. Durch die neuen Instrumente der digitalen (Schau-)Spielwelt erleben wir quasi Theater in Reinform.

„Du solltest doch gerade noch gar nicht in den Chat schreiben!“

Leider aber noch nicht ganz so rein, wie erhofft. Die interaktive Steuerung, die dem Stück eigentlich den besonderen Reiz geben soll, wirkt über weite Strecken noch ein wenig unbeholfen, vergleichbar mit den ersten Adventure-Computerspielen auf Textbasis. Dass man extra eine App herunterladen muss, ist aus organisatorischer Sicht zwar verständlich, aber dennoch eigentlich eine unnötige technische Hürde, denn alle Funktionen hätten sich auch über eine klassische Internetseite im Browser implementieren lassen. Zudem ist es anfangs gar nicht so einfach, in die Steuerung hineinzufinden. Tücken birgt insbesondere der Chat, der sich nach einer Nachricht automatisch bis zur nächsten Szene sperrt (also Obacht, wann und was ihr schreiben wollt!). Außerdem muss man im Verlauf des Stückes aufpassen, um nicht den Anschluss zu verlieren, weil sich die App nicht automatisch auf den neuesten Stand der Geschichte aktualisiert. „Digitales Game-Theater & Chill“ ist also leider absolut keine Option, wenn man nichts verpassen möchte.

Schnell sein, sonst bringt es nichts mehr, auf den Knopf zu drücken! – via GIPHY

Was macht einen Menschen in einer digitalisierten Gesellschaft aus?

Das wäre allerdings sehr schade, denn „Customerzombiefication1/Mein fremder Wille“ erzählt eine spannende Geschichte mit hoher gesellschaftlicher und aktueller Relevanz. Aufgrund der Entscheidungsmöglichkeiten ist die Erzählung modular aufgebaut, dadurch fehlt ihr aber leider ein wenig der rote Faden. Das merkt man umso mehr, weil eben die Ablenkung fehlt, die zum Beispiel furchtbare Outfits anderer Zuschauer*innen in Präsenz erzeugen könnten. Gemeinsam müssen wir während unserer „Mission Datenlöschung“ immer wieder reflektieren, was unsere persönlichen Daten für uns und die Gesellschaft eigentlich bedeuten. Wollen wir die Daten wirklich löschen? Und was passiert überhaupt, wenn sie plötzlich nicht mehr da sind? Das Spiel wird so auch zum demokratischen Spiegelbild des Umgangs mit unseren eigenen Daten und der Rolle einer einzelnen Person in der digitalen Gesellschaft. Und wer weiß, vielleicht führt es am Ende, je nachdem wie wir uns gemeinsam entscheiden, sogar zu Erkenntnissen, die einen Einfluss auf unser echtes Leben haben könnten. Wir haben es selbst in der Hand.

Basisdemokratie im kleinen Rahmen

Der interaktive und demokratische Aspekt der Vorführung ist ausgesprochen spannend und das Stück lässt ab und an mal aufblitzen, was in so einer digitalen und interaktiven Vorführung alles möglich sein könnte, wenn sowohl das Theater als auch das Publikum mit dem Konzept schon besser vertraut wären und den Mut entwickeln würden, auch mal verrückte Entscheidungen zu treffen, um dem Stück noch mehr Würze und Individualität zu verleihen. Schön wäre es, wenn das Publikum zusätzliche kreative Entscheidungsfreiheit erhalten und die Charaktere und die Spielumgebung im Stück so auch stärker miteinander interagieren würden, als es bisher der Fall war. Das Stück leidet aktuell trotz der Interaktivität noch ein wenig an Eindimensionalität. Das wird sich vermutlich aber mit den Erfahrungen aus dieser Spielzeit in der Zukunft weiter entwickeln und man kann sehr gespannt darauf sein, wohin die Reise geht!

Noch etwas mehr kreative Optionen im Spiel wären wünschenswert! – via GIPHY

Etwas Neues wagen und Innovationen unterstützen! Auf jeden Fall angucken!

Trotz der Anlaufschwierigkeiten ist das Grundkonzept der Aufführung jedoch auch jetzt schon ausgesprochen liebevoll gestaltet und garantiert einen schönen Theaterabend mit Potential für anschließende couchpsychologische Diskussionen! Das ist gerade in Anbetracht der geringen Vorlaufzeit wirklich bewundernswert und weckt große Erwartungen für künftige Stücke im „digitalen Game-Theater“. Spannend ist sicher auch, dass Theater auf diesem digitalen Wege leichter „konsumierbar“ wird, was Liebhaber*innen der alten Schule vielleicht mit einem weinenden Auge sehen werden, aber natürlich auch viele Möglichkeiten bietet, gerade wenn es darum geht, neue und insbesondere jüngere Zielgruppen zu erschließen. Dazu tragen auch die mit etwa einer Stunde relativ kurze Spieldauer und der mit 3 Euro wirklich ausgesprochen günstige Preis bei, sowie die Tatsache, dass man keine Angst davor haben muss, im maroden Theater von der einstürzenden Decke erschlagen zu werden.

Mein Premieren-Fazit lässt sich also wohl am elegantesten mit den Worten einer sehr liebevollen, aber etwas überforderten 23-jährigen Mutter in einem Satz zusammenfassen:

„Was für ein Theater mit den Kinderkrankheiten!“
Und das meine ich sehr positiv und bin gespannt auf die Stücke, die noch kommen werden!

Weitere Informationen zum Stück, sowie die Möglichkeit Tickets zu kaufen, findet ihr auf der Internetseite des Theaters Vorpommern. Eine Teilnahme an der Aufführung ist quasi von überall aus möglich (mit Ausnahme von Ländern, in denen YouTube gesperrt ist).

Titelbild: Capri23auto und WikimediaImages auf pixabay.com

Montagsdemo: Alopecia Teil 2

Montagsdemo: Alopecia Teil 2

Keine Sorge, das hier ist keine Politik-Reihe, im Gegenteil. Aber in der aktuellen Situation, in der das Demonstrationsrecht leider vielerorts missbraucht wird, um Unwahrheiten und Hass zu verbreiten, ist es an der Zeit, dem Wort „Demo“ wieder zu neuem Glanz zu verhelfen. Und zwar mit guter Musik.

Habt ihr die Feiertage alle gut überstanden? Dann weiter mit dem zweiten Teil des „Alopecia“-Reviews! Nachdem wir uns vor zwei Wochen mit dem Besingen einer fremden Beziehung in “Fatalist Palmistry” in die wohlverdienten Weihnachtsferien verabschiedet hatten, geht es jetzt zum Jahresabschluss nochmal um’s Ganze.

Der achte Song des WHY?-Albums heißt “The Fall of Mr. Fifths” und er bietet in diesem Jahr ungewollt eine spannende Bühne für die Aufarbeitung der Feiertage. Das schöne an lyrischen Texten ist ja, dass sie oft so wunderbar mehrdeutig sind. Aber in diesem Fall und in der aktuellen Situation ist die Nebenbedeutung so offenkundig und fast schon prophetisch, dass es sich lohnt, sie in diesem einen Jahr zur Hauptbedeutung zu erheben. Zur Erinnerung, der Song stammt aus dem Jahr 2008:

“Oh I’ve stayed scarce this last year yes,
but be assured and unrest
I’m unavoidable like death this Christmas
is this twisted?
Why be upset?
I never said I didn’t have Syphilis, Miss listless.”

Tauscht man “Syphilis” mit “Covid” aus, hätte dieses Zitat in diesem Jahr wortwörtlich so in einem Streitgespräch unter dem Weihnachtsbaum gefallen sein können. Und dazu der Titel “The Fall Of Mr. Fifths” (eigentlich ein alias von Yoni), der sich einen Tag nach dem “fünften Advent” wie eine Aufforderung zur Abrechnung mit dem Jahr und den Feiertagen anfühlt. In der Demo wird das Ganze noch etwas schüchtern vorgetragen: Erst steigt Yoni viel zu früh ein und muss dann nochmal einen zweiten Versuch unternehmen, der aber ebenfalls unsicher klingt. Der Beat ist hier noch sehr provisorisch mit einem schlichten Schlagzeug-Rhythmus, einer Rassel, einer hohen Synthesizer-Spur und einer Bassline. In der fertigen Studioversion ist der Sound viel voller, der Grundbeat ist zwar immer noch simpel, füllt die Kopfhörer aber ganz aus. Und hat mit den jetzt zusätzlich eingebundenen Glocken auch einen weihnachtlichen Beigeschmack, fast pompös, gar protzig, wie um die Ankunft des (besseren) Königs anzukündigen:

“If I remain lost and die on a cross
at least I wasn’t born in a manger.”

Die ganze Stimmung des Liedes möchte an Weihnachten provozieren, im Streit ein reinigendes Feuer entfachen. Und dazu passt auch das Ende der Studio-Version, in der man das Knistern der Flammen hört, sowie das abschließende Statement:

“I’m sorry, I’m just being crazy, I know
Don’t pay attention to me
Look at the fire.
Everything’s totally fine
I feel a lot better now!”

Keine Sorge, die Feiertage sind überstanden!

Der Übergang zum neunten Titel des Albums, “Brook & Waxing”, verläuft nahtlos durch ein Stimmgewirr (das wohl die Gedankenkonstellation beim Grübeln darstellen soll) am Ende von „The Fall of Mr. Fifths“. Der Titel befasst sich damit, dass es sich manchmal leichter lebt, wenn man sich nicht zu viele Gedanken um die Konsequenzen des eigenen Handelns macht. “Waxing” ist dabei ein schönes Wortspiel, das einerseits das Wachs der halb ausgebrannten “Lebenskerze” des Protagonisten aufnimmt, aber gleichzeitig auch das emotionale “Wachsen” des Baches (Brook) zu einem Fluss beschreibt, nachdem die Hauptperson nicht mehr so viel nachdenkt. Musikalisch wird dieser plötzliche Wandel aufgegriffen, als der eigentliche, sehr träge, weil auf Schlag 1 und 3 betonte, Song in einer schrägen Klaviermelodie ausklingt und dann plötzlich eine neue, sehr viel fröhlichere Melodie das Outro übernimmt. Dieser Teil ist in der Demo-Aufnahme noch nicht vorhanden, dafür endet der Song in einer schrägen, ausgelassenen Gesangsmelodie.

Dass es manchmal gar nicht so einfach ist, alte Denkmuster zu verlassen, zeigt der zehnte Titel “A Sky for shoeing horses under”, der sich gedanklich mit verschiedensten metaphorischen Niederlagen im Leben des Protagonisten beschäftigt. Und mit einer wortwörtlichen, die den Abschluss der Strophe bildet: “I only played chess in my life once and I lost (at such a cost)” Auffällig ist, dass aus den Niederlagen nicht der Wunsch zu entstehen scheint, es noch einmal versuchen zu wollen. In der Demo ist der Song hier schon nach 49 Sekunden zu Ende. Die Aufnahme wirkt sehr spontan, ein “Beat aus der Dose”, eine Xylophon-Melodie und der traurige Text, das war’s. In der Studioversion klingt es voller, aber trotzdem gedämpft. Das Lied endet textlich auch hier wenig fröhlich in einem abgewandelten Mantra des Songtitels mit “Looks like a good sky to die under.” Dabei fühlt sich das Ende aber nicht wirklich traurig an, sondern eher gleichgültig, etwas betäubt, vielleicht durch das Khat, von dem vorher im Song die Rede war. Musikalisch wird das Gefühl durch das hohe, durchgängige, sehr monotone Glockenspiel, das das Xylophon aus der Demo ersetzt hat, unterstützt. Das Lied wirkt in der Studioversion insgesamt fast verträumt und von der Realität losgelöst, so als ob das Studio eine Parallelwelt wäre.

Der elfte Titel “Twenty-eight” ist eine 44-sekündige Intermission. In der Demoversion sind es sogar nur 29 Sekunden und es ist weniger ein Lied als ein, in ein Diktiergerät vorgetragenes, Gedicht, vollkommen ohne Instrumentalbegleitung. Es geht eindeutig um eine unglückliche Liebe, inhaltlich bietet der Text aber dennoch einige Interpretationsmöglichkeiten. Das beginnt schon beim Titel, der am Anfang aus dem Off hereingerufen wird und entweder als die Anzahl der laufenden Takes oder als eine Altersangabe gesehen werden kann. Variante 1 ermöglicht die Interpretation, dass der Protagonist einen Song nach dem anderen schreibt, weil er die andere Person einfach nicht aus dem Kopf bekommt. Variante 2 eröffnet eine ganz andere Sichtweise. Vielleicht haben der Protagonist und die Besungene einen “Beziehungspakt” geschlossen, nach dem sie zu einem bestimmten Zeitpunkt zusammenkommen, wenn beide single sein sollten. Zu dieser Interpretation passt die erste Line “Tell me, are you single yet?”, allerdings wird der restliche Text dann sehr düster, in der die schließlich tödlichen Qualen einer männlichen Person beschrieben werden. In Variante 1 der Protagonist selbst, in Variante 2 der Partner der Angebeteten.

Der creepy Vibe wird in “Simeon’s Dilemma” nahtlos aufgegriffen, wenn der schüchterne, wenn nicht sogar feige, Protagonist seine romantischen Tagträume vorträgt: “Stalker’s my whole style and if I get caught I’ll deny, deny, deny.” Hier und im Titel (Petrus’ Name war eigentlich Simon) findet sich mit der dreifachen Verleugnung von Jesus durch Petrus einer der vielen biblischen Bezüge in den Texten dieses Albums, in dem religiöse Motive insgesamt eine zentrale Rolle spielen. Einerseits quasi als Gegenpol zu den düsteren Alltagsgeschichten, aber andererseits durch falsche Versprechungen auch als Ursache für diese. In diesem Song wird die andere Person zum Messias erhoben, nur um diese Rolle danach direkt wieder in Frage zu stellen, weil sie gerade in einem Umzugswagen sitzt und ihn hinter sich lässt. Die weltfremde Stimmung der Tagträume, in denen Möglichkeiten einer gemeinsamen Zukunft durchgesponnen werden, wird durch eine monotone Xylophon-Melodie (in der Demo ein Klavier) untermalt und insgesamt ist der ganze Song nach den textlastigen vorherigen Titeln ungewohnt melodisch, fast schon ein Popsong (der in der Demo aber so schräg gesungen ist, dass er kaum zu ertragen ist). Im Verlaufe des Erzählung hadert der Protagonist damit, ob er seine Gefühle offenlegen oder für sich behalten sollte. Er entschließt sich erst dagegen, tut es am Ende aber doch (auf eine sehr eigenartige Art und Weise): “Twenty-five carved with a butter knife on the palm of my new hand. It’s out, you’re mostly what I think about.”

Der 13. und vorletzte Titel “By Torpedo or Crohn’s” ist aus zwei Gründen sehr interessant. Zum einen ist die Demo noch ziemlich anders als die Studioversion und eröffnet so Einblick in die Entwicklung des Liedes. Die Demo enthält noch eine zusätzliche Strophe gegenüber der Studioversion, nämlich die zweite Strophe aus dem achten Song “The Fall of Mr. Fifths”, von dem auch das Knistern des Feuers am Ende in der Studioversion übernommen wurde. Außerdem endet die finale Version auf dem Refrain des neunten Titels “Brooks & Waxing”. In der Zusammenschau lässt die Band hier also das Album noch einmal Revue passieren. Interessant ist der Song aber zum anderen auch deshalb, weil er das Leben mit der chronischen Erkrankung Morbus Crohn aufgreift und dabei auf viele Aspekte eingeht, in denen die Krankheit Einfluss auf das Leben des Protagonisten nimmt. Dadurch erhält das Album neben den diversen Liebesgeschichten eine ganz neue inhaltliche Ebene und Tiefe.

Den Abschluss von “Alopecia” bildet der 14. Track “Exegesis”, also die Auslegungsfrage und als religionswissenschaftlicher Begriff damit wieder ein zentrales Motiv des Albums. Im Song wird von einem Suizid durch Erhängen berichtet, dem vorangestellt wird, dass der Protagonist es so tun würde, wenn er es tatsächlich tun wollte. Ist das jetzt ein Abschiedsbrief oder eben gerade nicht? Ein sehr spannender Song, weil er die vorherigen, teilweise sehr negativen, Titel des Albums aus Sicht der Band etwas in Relation setzt. Für mich ist der Song auf eine absurde Weise sehr lebensbejahend. Das zeigt zum Abschluss noch einmal das interessante Songwriting dieses besonderen Albums, denn wie vielen Bands gelingt schon ein solcher Effekt in einem Song, in dem mantraartig dreimal (in der Demo zweimal) von einem Suizid berichtet wird? Musikalisch ist der Titel ebenfalls spannend, denn während in der Demo eine einfache Klavierbegleitung das Mantra untermalt und der Titel abrupt beginnt, wird die “Exegesis” in der Studioaufnahme akustisch sanft mit Klanghölzern und Tiergeräuschen im Hintergrund in ein Dschungel-Feeling eingeführt. Beide Versionen erzeugen auf ganz unterschiedliche Weise eine meditative Atmosphäre, die uns als Hörer*innen nach dem Ausklingen der letzten Töne in einer schwerelosen Stille zurücklassen. Wie war das noch gleich mit der Auslegung?

“Alopecia” ist ein besonderes Album, an dem sich die Geister scheiden werden. Für die einen wird es zu viele Grenzen überschreiten und tatsächlich ist es an manchen Stellen so grafisch und/oder schwermütig, dass es nur schwer zu ertragen ist. Gleichzeitig sind aber die Texte so außergewöhnlich brillant geschrieben, dass es mit etwas emotionalem Abstand zu den Inhalten eine Freude ist, die lyrischen Meisterstücke einfach auf sich wirken zu lassen und die Wortspiele, Reime und die besondere Metrik aufzusaugen. Vielleicht sollte man zugegebenermaßen manchmal aber nicht zu sehr darüber nachdenken, was man sich da gerade eigentlich angehört hat. Darauf macht das Album aber auch selbst schon deutlich.

Beitragsbilder: (alle Künstler*innen auf pixabay.com)
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Jo-B