moritz.playlist – Cro

moritz.playlist – Cro


Musik – Töne mit Zusammenhang, oder gerne auch ohne. Im Prinzip systematischer Krach. Jede*r hat schonmal Musik gehört, aber was ist die Geschichte hinter den einzelnen Stücken, auch Lieder genannt, und womit verbinden wir sie? Was lösen sie in uns aus und wer hat sie erschaffen? webmoritz. lässt die Pantoffeln steppen, gibt vor, was angesagt ist und buddelt die versteckten Schätze aus. Unsere Auswahl landet in eurer moritz.playlist.

„Ich liebe Cro“. Ein Satz, von dem ich noch vor circa 10 Jahren nie gedacht hätte, ihn so über die Lippen zu bringen. Aber Cro? Ist das nicht dieser Pop-Rapper mit der Pandamaske, der immer nur in musikalischem Einheitsbrei über Frauen rappt? Mit einer pessimistischen Engstirnigkeit könnte man das vielleicht behaupten. Jedoch ist der Rapper so viel mehr, wenn man nur richtig hinschaut. Oder eben hinhört.

Höchstwahrscheinlich ist Cro kein Künstler, der einer umfangreichen Vorstellung bedarf. Solltet ihr allerdings die letzten zehn Jahre jeglicher Beschallung von Popmusik entgangen sein, hier einmal im Schnelldurchlauf:
Cro (bürgerlich Carlo Waibel) wuchs in Mutlangen in der Nähe von Stuttgart auf und begann mit zehn Jahren Musik aufzunehmen. Schon im Jahr 2011 erreichte er im Alter von 21 Jahren mit der Single Easy und dem dazugehörigen Mixtape seinen Durchbruch. Beides veröffentlichte er kostenlos. Ein Jahr später kam sein erstes Album Raop heraus, welches an den Erfolg anknüpfte. Und dann hatte Cro es auch schon geschafft. Innerhalb eines Jahres wurde er zum erfolgreichsten Rapper Deutschlands, indem er dem Genre und seiner Musik den nötigen Style und Leichtigkeit verlieh. In den darauffolgenden Jahren brachte er weitere Alben heraus, tourte durch Deutschland und produzierte Musik bis zum Umfallen.

Doch was macht Cros Musik eigentlich so besonders?
Es ist die Unbeschwertheit in den einen Songs und es sind die Gefühle und die Emotionen in den anderen Songs. Dabei hat Cro die „ist mir scheißegal“-Attitüde perfektioniert, zeigt aber auch in späteren Songs und Releases, dass es eben nicht immer so ist. Deutlich wird dies vor allem in seinem vorletzten Album tru., welches künstlerisch und musikalisch einen starken Richtungswechsel darstellt, aber auch einen Wendepunkt in Cros ganzer Karriere. Er hat hier zu sich gefunden und ist ein Stück weit erwachsen geworden. Demnach lässt er in diesem Album auch einen Blick in sein Privatleben zu und schafft so auch sehr intime Momente in der Musik.

„Früher wollt‘ ich ja nicht anecken. Ich wollte aalglatt durch die Mitte und in jedes Herz der Welt einfach rein.“

Dieser von ihm beschriebene „Schub an Stil und Ästhetik“ brachte auch eine ganz neue künstlerische Dimension außerhalb der Musik hinzu. Denn Cro produziert neben seinen Strophen auch die Beats, die Texte, das Musikvideo dazu, Kunst, Mode und so ziemlich alles, was er veröffentlicht selbst. Bis heute.

Die moritz.playlist wird um zwei Songs von Cro erweitert. Der Erste ist eine der Single-Auskopplungen des besagten dritten Albums tru. mit dem Titel Unendlichkeit. Dieses Lied ist eines seiner bekanntesten, aber auch ein Sinnbild für seinen künstlerischen Werdegang und die Entwicklung seiner Musik. Hier stellt sich Cro die großen Fragen, die sich jede*r Künstler*in an einem gewissen Punkt in seiner*ihrer Karriere stellt und dessen Antworten mit Geld nicht zu kaufen sind. Als zweites haben wir den Song NICE vom letzten Album trip, welches erst im April dieses Jahres erschienen ist. Hier ist der Sound aus den ersten zwei Alben wiederzuerkennen, mit dem viele Menschen Cro verbinden. Allerdings ist er nun verfeinert, mit einer neuen emotionaleren Herangehensweise, ohne dass es schnulzig oder unecht klingt. Ganz im Gegenteil.
Als Drittes und Letztes kommt der Song X von Danju in die Playlist. Danju ist ein Künstler, der musikalisch eng an Cro anliegt, aber einen ganz eigenen Stil in die Sache bringt und an die älteren Cro-Songs erinnert.

Alles in Allem ist Cro ein Künstler, welcher leider viel zu lange unter meinem Radar blieb. Es ist die Einfachheit und die Unbeschwertheit in der Musik, aber auch in der Person dahinter, die ihn als Künstler ausmachen. Er traut sich immer wieder Innovation nicht nur ins Genre, sondern in die Musik generell zu bringen, wobei Grenzen verschwimmen und die Kunst hinter der Musik zum Vorschein kommt.
Natürlich ist Cro nicht der Underground-Rapper mit dem fast schon klischeebehafteten Straßenimage, tru. ist er dennoch geblieben und nach wie vor einer der interessantesten Musiker*innen, die Deutschland zu bieten hat.

Titelbild: Paulette Wooten
Beitragsbild: Adrian Siegler

moritz.playlist – Måneskin

moritz.playlist – Måneskin

Musik  Töne mit Zusammenhang, oder gerne auch ohne. Im Prinzip systematischer Krach. Jede*r hat schonmal Musik gehört, aber was ist die Geschichte hinter den einzelnen Stücken, auch Lieder genannt, und womit verbinden wir sie? Was lösen sie in uns aus und wer hat sie erschaffen? webmoritz. lässt die Pantoffeln steppen, gibt vor, was angesagt ist und buddelt die versteckten Schätze aus. Unsere Auswahl landet in eurer moritz.playlist.

Fünf Freund*innen vier Menschen und ein Hund. Nein, die Rede ist nicht von Enid Blytons Kinderbuch, sondern von der italienischen Rockband Måneskin. Und zugegeben, die kleine Hundedame der Bassistin Victoria ist auch nicht immer dabei, obwohl sie zwischenzeitlich sogar als neue Managerin der Band im Gespräch war. Am Ende wurde es ein alter Freund der Band und die Firma Exit Music Management quasi extra für sie gegründet. Freundschaft ist ohnehin das Grundrezept für Måneskin und sicherlich auch eine ganz besondere Geheimzutat bei ihrem derzeitigen weltweiten Erfolg, gerade in Zeiten von Corona und sozial belastender, wenn auch notwendiger, Isolation.

Als vier Freund*innen beginnen Måneskin ihre Karriere 2015 zunächst auf der Straße, mit gerade einmal 14, 15 und 16 Jahren. Anderthalb Jahre streiten sie mit anderen Nachwuchskünstler*innen um die besten Plätze in Roms Einkaufspassagen, bis sie irgendwann genug Geld für ihr erstes Album verdient haben, auch wenn das mit dem Bezahlen nicht ganz so einfach ist, wenn man die 300 Euro nur in gespendetem Münzgeld vorweisen kann. In Italien erreichen sie bereits 2017 durch ihre Teilnahme bei der Castingshow X Factor Bekanntheit, europaweit dann 2021 mit dem Gewinn beim ESC und schließlich auch global durch ihre Coverversion von Beggin‘. Aber Måneskin sind weit mehr als ein vier Jahre altes, für eine Castingshow nachgesungenes Lied. Ihre eigenen Songs zeigen nicht nur in der instrumentellen Komposition eine enorme Tiefe, sondern auch in den Texten, vor allem in den italienischen. 

Das zentrale Element: Der Wunsch nach Freiheit, nach gleichen Rechten und Akzeptanz, unabhängig von Geschlecht, Sexualität, Ethnizität. Eine Message, die gerade dem jungen, queeren Publikum viel Identifikationspotenzial liefert, so wie bereits in den 1970ern und 80ern bei Queen, David Bowie und Co. Ein kleiner Wermutstropfen, dass diese eigentlich doch so banale Botschaft der Wunsch sein zu dürfen, wer man eben ist auch 40 Jahre später noch so berührt und so relevant ist. Aber ein umso schöneres Zeichen, wie es dieser queeren Freund*innengruppe mit italienischen Liedern und an den 70ern orientiertem Stil derzeit gelingt, die Charts der Welt zu erobern.

Auf die moritz.playlist kommt jeweils ein Lied der beiden eigenen Alben von Måneskin sowie zwei Lieder von Bands, die als Vorbilder der Gruppe gesehen werden können. Morirò da Re (Ich werde als König sterben) handelt wie fast jedes Lied auf Il Ballo Della Vita von Marlena, der Personifizierung von Kunst, Inspiration, Freiheit, mit deren Hilfe sich jedes noch so unüberwindbar scheinende Hindernis besiegen lässt. Im zweiten, aktuellsten Album Teatro d’Ira – Vol. I wird es noch persönlicher, dadurch aber auch nur noch ergreifender, weil nachvollziehbarer. Was mache ich aus meinem Leben, jetzt wo ich Vent’Anni, zwanzig Jahre alt, bin? Wie wähle ich den richtigen Weg, auf dem ich nicht nur mir selbst, sondern auch meinen Mitmenschen helfen kann?

Iggy Pop ist nicht nur der Godfather of Punk, sondern auch eine große Inspiration von Måneskin. Für die italienische Version des Disney-Films Cruella durften die vier I Wanna Be Your Dog von The Stooges covern, während Iggy zuletzt I Wanna Be Your Slave von Måneskin covern durfte. Eine schöne gegenseitige Anerkennung. Zum Schluss darf auch noch etwas Deutsches auf die moritz.playlist: Mit He’s a Woman – She’s a Man werden die Scorpions 1977 etwas punkiger, als man es sonst von ihnen gewohnt ist, sowohl in den Klängen als auch in der Botschaft des Liedes, die ihrer Zeit ein paar Jahrzehnte voraus gewesen sein durfte, aber voll in Måneskins Mentalität liegt.

Måneskin sind jung, aber retro – der Sound eine Mischung aus modernen Rockbands mit 70er-Jahre Classic Rock, dazu die raue und trotzdem gefühlvolle Stimme von Sänger Damiano. Måneskin sind provokativ, aber nicht um zu provozieren sie sind einfach nur ehrlich, ohne etwas beschönigen zu wollen, inspirierend, indem sie es nicht darauf anlegen, inspirierend zu sein, Kontroversen gehen nicht von ihnen aus, sondern sind Antworten der Gesellschaft auf eine Jugend, die sie selbst sein will, ohne sich verstellen zu müssen. Måneskin allein sind sicherlich keine Lawine, die die Ungerechtigkeit in der Welt umstürzen kann, aber doch ein netter kleiner bunter Stein und auch über den kann man stolpern.

Titelbild: Mikes-Photography auf Pixabay
Beitragsbild: Luana Azevedo auf Unsplash 

Ist die Sommersonne zu hell? Dann ab in die dunkelsten Minen in Deep Rock Galactic!

Ist die Sommersonne zu hell? Dann ab in die dunkelsten Minen in Deep Rock Galactic!

Ihr wolltet euch schon immer mal so fühlen wie die Zwerge Mittelerdes? Großen bösen Spinnentieren mal zeigen wer der Herr der Mine ist? Und das Ganze in der Zukunft und im Weltraum? Dann habe ich ein großartiges Spiel für euch gefunden: Deep Rock Galactic.

Ein Beitrag von Tom Siegfried und Felix Michau

Deep Rock Galactic ist ein kooperativer First-Person-Shooter, entwickelt vom dänischen Indie-Team von Ghost Ship Games. Veröffentlicht wurde es vom schwedischen Entwicklerstudio Coffee Stain Studios, welche durch Titel wie Satisfactory und Goat Simulator bekannt geworden sind. Beide Entwickler*innenstudios zeichnen sich durch Nähe zur Community aus, indem gemeldete Fehler behoben und auch Wünsche der Spielenden aufgenommen werden.

Das Spiel ist in der fernen Zukunft angesiedelt, in der Zwerge immer noch das tun, was sie am besten können: Bei der Minenarbeit Gold und andere Erze schürfen. Doch das sind nicht die einzigen Aufgaben des Zwergs von morgen. Auch das Sichern einer riesigen Bohrraupe in einer Begleitmission sowie der Raub der Eier der Insektenschwärme gehören nun dazu. Das haben die einheimischen und übergroßen Insekten genauso ungern wie Brigadeoffizier Dall Beschwerden über sich. Deswegen tun sich alle unterschiedlichen Arten von Krabblern und fliegenden Insekten zusammen, um die Zwerge – in bester Starship Trooper Manier – als Schwarm aufzuhalten.

Zur Bekämpfung von Prätorianer*innen ist ein Flammenwerfer gut geeignet.

Dabei sehen die Höhlen sehr unterschiedlich und einzigartig aus. Von rötlichen Salzminen zu riesigen wuchernd grünen Untergrunddschungeln über Magmatunnel bis hin zu wunderschönen Orten voller biolumineszenter Pflanzen ist alles dabei. Letztere erinnern so sehr an die Nachtszenen von Pandora, dass man große blaue Eingeborene hinter jeder Ecke vermutet. Viele der unterschiedlichen Biome sind so schön, dass man dort glatt Urlaub machen könnte. Vorausgesetzt die Einheimischen wären nicht so unfreundlich. Doch es gibt nicht nur unfreundliche, sondern auch friedliche Bewohner*innen, zum Beispiel schwebende Rochen, die Höhlenengel, die man quasi sogar reiten kann. Hier mal ein paar Beispiele der Biome:

Alle einzelnen Regionen auf der Missionsauswahlkarte.

Aber die Zwerge sind nicht nur hart im Nehmen, sondern auch im Austeilen. Neben der Minenarbeit, der professionellen Bartpflege und dem Verzehr der außergewöhnlichsten Biere, kennen sie sich nämlich auch mit Waffen aus. Als Gruppe von 1 bis 4 Zwergen mit bis zu vier unterschiedlichen Spezialisierungen erledigt man so die Aufgaben, die das Kontrollzentrum für einen bereit hält. Da wäre zum Beispiel der Bohrer, der mit dem Leitsatz „Was nicht passt, wird passend gemacht“ für die rapide Umstrukturierung von außerirdischen Höhlen zuständig ist und auch sonst mit Flammenwerfer und Sprengladung selten zimperlich agiert. Der Schütze, der mit seiner Minigun gerne mal den Überblick über die Munitionsvorräte verliert, aber dank Seilrutsche und Schildgenerator auch seinen Beitrag fürs Team leistet. Der Ingenieur, der dank Schrotflinte zwar nah ranmuss, aber dafür Rückendeckung von seinem Geschützturm erhält. Auch sein Granatwerfer ist nicht zu unterschätzen, außerdem hat er ein Gewehr, welches sehr schnell aushärtenden Schaum verschießt und so begehbare Plattformen erschafft. Last but not least wäre da noch der Späher. Mit seinem Sturmgewehr ist er eher der Zwerg für die Schwachstellentreffer an den übergroßen Spinnentieren. Er erleuchtet mit seiner Leuchtpistole große Bereiche der Höhle für sich und die Gruppe und ist dank Enterhaken schnell drin und auch wieder fort. Dabei hat jeder Zwerg je zwei Primär- und Sekundärwaffen zur Auswahl, die für die verschiedenen Aufträge angepasst werden können und jeweils unterschiedlich gut geeignet sind. Im dritten Quartal 2021 soll mit einem Update noch jeweils eine dritte Alternativen dazukommen.

Aber was macht denn nun so ein Zwerg, wenn der Einsatz geschafft ist? Wenn das ganze grüne Alienblut aus dem Bart gewaschen und die Ausrüstung gesäubert ist? Na, er gibt seinen Lohn und gesammelte Mineralien für Ausrüstungsupgrades, neue Waffen, Übertaktungen, die die Waffen noch stärker machen oder noch edlere Bartfrisuren aus. Schließlich kommt der nächste Auftrag sicherlich schon bald nach den nächsten paar Runden Bier an der Bar und einigen flotten Tänzen zu den Liedern der Jukebox rein.

Der atemberaubende Ausblick von der Raumstation auf den aufgesprengten Planeten Hoxxes 4.

Also, worauf wartet ihr noch? Bart kämmen, Helm aufsetzen und Leuchtfackeln einpacken. Es geht ab nach unten in die Mine! Wir sehen uns dort, oder wie man bei uns Zwergen sagt: Rock and Stone!

PS: Man kann, sehr zum Unmut des Kontrollzentrums, für Chaos auf der Raumstation sorgen, indem man dort die Fässer durch die Gegend tritt. Außerdem kann man kleine, dickliche Maden, sogenannte Lootbugs, streicheln. Diese geben daraufhin sehr putzige Geräusche von sich und teilen direkt ein paar ihrer Rohstoffe mit euch. Oder man hat genug Munition dabei, um ihnen sämtliche Rohstoffe zu nehmen. Der … naja … Unfalltod eines Lootbugs wird dann auch meist von eurem Zwerg kommentiert.

Beitragsbilder: Screenshots aus dem Spiel, von Tom Siegfried

Slapstick, Seuchen und Sopran – Haydns „Apotheker“ im Theater Vorpommern

Slapstick, Seuchen und Sopran – Haydns „Apotheker“ im Theater Vorpommern

Nach Normalität fühlt es sich (noch) nicht wirklich an: Wie eine zusätzliche Karte zeigen die maskierten Menschen am Eingang ihr negatives Testergebnis oder ihre Impfbescheinigung vor. Trotzdem ist es möglich: Gesang in einem geschlossenen Raum. Genauer: Ein Gastspiel in Form einer Oper im Theater Vorpommern zeigt „Der Apotheker“ („lo Speziale“) von Joseph Haydn.

Eine Rezension von Veronika Isolde Wehner und Anne Frieda Müller

In einer kurzen Einführung in die Handlung und Inszenierung des Stücks wird erklärt, dass dieses im 18. Jahrhundert auf Schloss Esterhàzy uraufgeführt wurde. Doch ist es unvollständig überliefert: der dritte Akt musste teilweise von Thomas Leininger rekonstruiert und durch Arien aus Haydns „Il mondo della Luna“ ergänzt werden. Auch durch Hürden wie diese dauerte die Vorbereitung der Inszenierung unter der Regie von Nils Niemann und der musikalischen Leitung von Wolfgang Katschner drei Jahre.

Kostüme und Bühnenbild, die teilweise im Theater Vorpommern entstanden, orientieren sich stark am 18. Jahrhundert, wirken solide, wenn auch ein bisschen experimentierscheu. Die Übersetzung für die italienischen Arien liegt dem Publikum ausgedruckt auf dem Schoß.

Wenn drei sich streiten…

Das wohlhabende Mündel Grilletta ist heiß umschwärmt. Da ist zum einen ihr Vormund, der Apotheker Sempronio, der sich wenig ums Alltagsgeschäft kümmert und sich stattdessen den boulevardesken Zeitungen hingibt, die nicht nur Falschmeldungen, sondern auch rassistische Stereotypen verbreiten, die auch in die Inszenierung ihren Eingang finden. Er, gespielt von Cornelius Uhle mit der eindrucksvollsten Gesangsleistung, erhofft sich eine finanzielle Verbesserung durch eine Ehe mit ihr.

Publikumsliebling Countertenor Georg Bochow lässt den zweiten Heiratsanwärter Volpino mit viel Slapstick und Komik durch das Bühnenbild hopsen. Der kann zwar Grilletta nicht beeindrucken, überlegt sich aber mehrere Betrugsmaschen, die ihm wenigstens die Erlaubnis ihres Vormunds einbringen sollen.

Überhaupt sind die männlichen Figuren eine Studie von toxischer Maskulinität und Narzissmus. Sempronio, der alte weiße Mann, dem es völlig egal ist, was seine Aktionen auslösen, solange es seinen Status nicht erschüttert, konkurriert gegen Volpino, einen trumpesken Narzisten, dem jedes Mittel recht ist, sich Reichtum und Prestige zu erschleichen. Der Dritte in dieser Konstellation ist Mengone, ein Nice Guy, wie er im Buche steht. Gespielt wird er von Christian Pohlers und ist stimmlich wie auch figürlich die schwächste Figur auf der Bühne. Er hat von Pharmazie keine Ahnung, stellt aber die Medikamente für den Apotheker Sempronie zusammen. Auch er schmachtet Grilletta hinterher. Es ist tatsächlich erfrischend, dass man ihn in keinem Moment als Helden der Geschichte wahrnimmt, sondern als passiven Jammerlappen, der ebenso gut in Onlinekommentaren darüber weinen könnte, dass sich Frauen nicht für ihn interessieren.

Grilletta, das Ziel aller Begierde, wurde immerhin mit Agency und Fehlern ausgestattet, die gegen ihre eigenen Interessen Spiele spielt. Alessia Schumacher spielt solide und glaubwürdig, wenn auch ohne die stimmliche Brillanz von Cornelius Uhle. Im Hintergrund der Handlung bahnt sich eine Seuche an, die das Leben in Europa bedroht. Das ergibt sich aus den immer wieder vorgelesenen Falschmeldungen aus den Zeitungen, die der alte Sempronio aktiver verfolgt als das Geschäft seiner Apotheke.

Das Ende des Plots kommt reichlich überraschend und unlogisch daher. Es ist deswegen erstaunlich, dass sich die Darstellung, die eigentlich durchweg kurzweilig ist, beginnt zu ziehen. Auch in einer Komödie, oder im Opernsprech Opera buffa, verdienen es die Figuren, einen Abschluss zu finden, der in sich geschlossen ist.

Sexismus, Rassismus und Fake News

Aus Haydns sexistischer Darstellung kann den Kompanien, die sich an diesem Stück beteiligen, kein Vorwurf gemacht werden. Das Ganze ist eindeutig eine Satire auf patriarchale Strukturen und Genderrollen und wird insgesamt auch so dargestellt. Außerdem besticht die Inszenierung durch die großartige Verhunzung von Boulevard-Schlagzeilen, die klar Falschnachrichten verbreiten – passender denn je. Trotzdem führt vor allem die Darstellung der „Türken“, auch wenn es die Vorurteile der Protagonist*innen gegenüber den osmanischen Gesandten darstellen soll, zu starker Fremdscham – ganz ohne komödiantischen Aspekt. Wer noch nie von Orientalismus gehört hat, bekommt ihn im „Apotheker“ vor Augen geführt. Hier wäre, wenn es schon dieses Stück sein soll, die Wahl, eine klassische Inszenierung zu machen, bedenkenswert gewesen. Bei weniger Vorurteilen, wenn auch überspitzt dargestellt, blieben eher die großartigen Leistungen Uhles und Bochows im Gedächntnis und nicht die riesigen „Türkenschnauzerbärte“.

Das Gastspiel wird noch zwei Mal extra für das 200-jährige Jubiläum des Theater Putbus im Theater Vorpommern auf Rügen aufgeführt: am 09. und 10. Juni. Beide Vorstellungen sind jedoch schon ausverkauft.

Beitragsbild: Maik Schuck

Theaterrezension: „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“

Theaterrezension: „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“

Das Theater Vorpommern hat die Türen zu seinen heiligen Hallen geöffnet und der Betrieb läuft wieder. So auch das Drama „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, eine Tragikomödie über die Beziehungen zweier Pärchen, bei denen die berühmte rosa-rote Brille schon ordentliche Knackse erlitten hat.

Verbale Boxkämpfe und rhetorische Leberhaken

„Ich schwör’s dir…wenn du existieren würdest, ich würde mich scheiden lassen…“ Uff. Schon im ersten Akt fliegen bei Martha (Claudia Lüfftenegger) und George (Mario Gremlich) ordentlich die Fetzen. Es fühlt sich an wie ein verbaler Boxkampf, bei dem beide Figuren versuchen, einen rhetorischen Leberhaken möglichst schmerzhaft beim Gegenüber zu platzieren. Die Gemeinheiten finden im Laufe des Stücks ihren Höhepunkt, als Martha anfängt, mit Nick (Tobias Bode) vor den Augen ihres Mannes zu flirten (siehe Bild). Wie bei einem Boxkampf gibt es aber auch die kleinen Ruhephasen. Bei Martha und George spiegelt sich das in gemeinsamem Gelächter wider und man hat das Gefühl, dass das einzige, was diese beiden in ihrer Beziehung noch gemeinsam haben, Niederträchtigkeit sei. Das sonst so leichtlebige Studierendengehirn fragt sich bei diesem Stück auf einmal, ob Vodka vielleicht der einzige Treibstoff einer langjährigen Beziehung ist.

Wer hat Angst, sein Leben ohne Illusionen zu Leben?

Das Stück hatte seine Uraufführung 1962 in New York und wurde von dem Dramatiker Edward Albee verfasst. 1966 erhielt es sogar den Ritterschlag einer Verfilmung (5 Oscars), in welcher sich Elisabeth Taylor und Richard Burton in den Hauptrollen einen Geschlechterkampf liefern. In der Darstellung der Perfidität und Boshaftigkeit stehen die Schauspieler*innen des „Theater Vorpommern“ den Hollywoodgrößen in nichts nach und schaffen es, großes Theater in Greifswald zu etablieren. Die Interpretation von Reinhard Göber beschönigt nichts und trotzdem bewerkstelligt es die Inszenierung, das ein oder andere befreiende Gelächter aus dem Publikum herauszukitzeln. Das ganze Stück hält sich an die aristotelische Einheit von Zeit, Ort und Handlung, was dem geschulten Möchtegern-Germanisten, wie dieser Autor einer ist, natürlich sofort auffällt. So findet die ganze Handlung an einem einzigen Abend im Wohnzimmer von Martha und George statt. Sie kommen gerade von einer Party und während George eigentlich ins Bett möchte, erwartet Martha noch Gäste. Das junge Paar Nick (Tobias Bode) und Süße (Friederike Serr) kommen auf einen Mitternachtstrunk bei dem „Liebespaar“ vorbei. Zunächst werden die beiden nur in den Konflikt von George und Martha eingebunden, woraufhin jedoch auch ihre eigenen Probleme zum Vorschein kommen, die es ordentlich in sich haben. Es ist wirklich schwierig, nicht selbst verbittert zu werden bei einer so großartigen Darstellung der Hassliebe von allen vier Darsteller*innen. Aber was zur Hölle hat das mit Virginia Woolf zu tun? Edward Albee beantwortet die Frage wohl folgendermaßen: „Wer hat Angst, sein Leben ohne Illusionen zu leben?“ Virginia Woolf war bekannt dafür, der Gesellschaft einen Spiegel vorzusetzen, der die ungeschönte Realität unserer geistigen Zustände gnadenlos aufzeigt. Mit dieser Perspektive wird der Name des Stücks, das eigentlich „Excorzism“ heißen sollte, nachvollziehbar. Alle Charaktere spielen sich selbst auf die eine oder andere Art und Weise etwas vor und kommen somit in Konflikt mit ihrem Umfeld, vor allem mit dem unmittelbaren: „Dem*r Ehepartner*in“.

Zyniker*innen sind nur enttäuschte Romantiker*innen

Der Zynismus tröpfelt durch jeden Akt dieses Stückes. Insbesondere der Selbsthass, den die Figuren in sich tragen, wird, wie bereits erwähnt, auf die Umwelt projeziert und vorallem auf den*die Partner*in. Deswegen bekommt eine besondere Szene auf einmal sehr viel Bedeutung. Martha und George erinnern sich daran, wie sie sich kenngelernt haben. Dieser kleine Schnipsel des Romantischen zeigt, wie ehrlich sich die beiden einmal geliebt haben. Der kurze Einblick in die Vergangenheit ist jedoch schnell vorbei, als Martha schreit: „Da wusste ich noch nicht, was für ein VERSAGER er ist“. Wie es so oft bei Romantiker*innen der Fall ist, konnten beide den gegenseitigen romantischen Vorstellungen nicht gerecht werden und so haben sie in ihrer Enttäuschung den Zynismus als Schutzschild gewählt, um nie wieder so ernüchtert zu werden. Man könnte also ganz pathetisch aus dem Drama die Lebenslektion ziehen, dass die Zyniker*innen unserer Gesellschaft vielleicht nichts weiter sind als enttäuschte Romantiker*innen. Schlussendlich lässt sich sagen, dass dieser sezierende Blick in die kleinste Zelle einer Gesellschaft, die Familie, überaus gelungen ist und zum Nachdenken anregt. Die Gemeinheiten sind zum Teil bestürzend, zum Teil unterhaltsam und man hat danach viel Gesprächsstoff für die nächsten Tage. Für ein erstes Date wäre dieses Stück wahrscheinlich nicht gerade optimal gewählt, aber für den*die leidenschaftliche*n Theatergänger*in oder auch nur Kulturinteressierte*n ist das Drama ein absolutes Muss.

Beitragsbild: Peter van Heesen