Rihanna neben Audrey Hepburn. Albert Einstein an einer Wand mit Alicia Keys. Gesichter von internationalen Schauspieler*innen, Models und Musiker*innen in Öl und Acrylauf Leinwand. Seit einigen Wochen können wir diese Kunstwerke im Eingangsbereich der Mensa am Berthold-Beitz-Platz bestaunen. Und hinter den beeindruckenden Gemälden steckt niemand anders als eine 17-jährige Greifswalderin.
Obwohl Laura Saß erst seit zweieinhalb Jahren malt, ist diese Ausstellung in der „Kulturmensa“ nicht ihre erste. Zuvor hatte die Schülerin bereits ihre Bilder im „Delight“ in der Innenstadt präsentiert, nun wurde sie auf das Kulturprojekt der Mensa aufmerksam, das seit etwa drei Wochen ihre Bilder zur Schau stellt. Aus „purer Langeweile“ fing sie an, Gesichter zu malen und aus dem Hobby wurde eine Leidenschaft. Bevor Laura zu ihrer Technik kam, hat sie sich ausprobiert: „Mein Stil hat sich nach und nach entwickelt. Anfangs habe ich oft nur schlichte schwarz/weiß Bilder gemalt. Irgendwann fing ich dann an, etwas Neues zu probieren und fand dann meinen eigenen Stil. Dabei habe ich auch gemerkt, dass sich Acrylfarbe gut für den Hintergrund eignet, da sie sehr schnell trocknet und auch kräftiger wirkt als Ölfarbe. Ölfarbe hingegen eignet sich sehr gut zum Gesichtermalen“. Inzwischen malt Laura hauptsächlich mit Acryl und Öl auf Leinwand.
Gesichter sind das Hauptmotiv von Lauras Bildern. Gesichter von deutschen Rappern, internationalen Musiker*innen, Germany’s Next Topmodels und US-amerikanischen Schauspieler*innen. Vor allem wählt sie dabei Gesichter, die sie inspirieren und ansprechen, aber auch die von Personen des öffentlichen Lebens, die gerade „im Trend sind“. Damit scheint sie den Puls der Zeit zu treffen: Nicht nur in studentischen Gebäuden finden ihre Bilder Anklang, auch in den sozialen Medien wächst ihre Bekanntheit.
Kunst inspiriert und beschäftigt Laura und neue Ideen findet sie über Pinterest und Instagram. Dort teilt sie auch ihre neuesten Werke mit inzwischen über 10.000 Abonnent*innen, die sie und ihre Kunst bewundern. „Ich hätte auch nie gedacht, dass ich mit meiner Kunst mal so viele Menschen erreichen würde. Es ist wirklich ein sehr schönes Gefühl, so viele Menschen hinter mir stehen zu haben, die meine Kunst mögen und mich unterstützen“, sagt Laura. Nicht selten kommt es dabei vor, dass eine der gezeichneten Personen ihr Werk kommentiert. Diese Momente seien immer wieder unbeschreiblich: „Als Michele Morrone kommentiert hat, musste ich zuerst anfangen zu weinen, weil ich mich so gefreut habe. Sowas gibt einem nochmal einen kleinen Push und motiviert, immer weiter zu machen.“
Zur Zeit besucht Laura die 12. Klasse des Jahn-Gymnasiums und plant nach dem Abitur einen Auslandsaufenthalt in Australien mit ihrer besten Freundin. Was danach kommt, ist noch unklar. Fest steht aber: „Viele fragen mich immer, ob ich später Kunst studieren möchte. Dies wird denke ich nicht der Fall sein, weil ich hauptberuflich auch nicht unbedingt Künstlerin werden möchte. Ich liebe das Malen und wenn ich das Malen zu meinem Beruf machen würde, wäre das Ganze auch immer mit sehr viel Druck verbunden und dabei hätte ich Angst, dass diese Leidenschaft und der Spaß dabei irgendwann verloren geht.“
Die Gemälde von Laura Saß sind bis auf Weiteres in der Mensa am Berthold-Beitz-Platz ausgestellt. Ab dem 04. Januar ist die Mensa wieder zugänglich. Auch auf ihrem Instagram-Profil könnt ihr euch einen Eindruck über Laura Saß‘ Kunst verschaffen.
Wir vermissen es, uns gemeinsam mit anderen sportlich zu betätigen, zu schwimmen und zu tanzen, und zwar nicht allein mit Kopfhörern im Wohnzimmer oder als Eisbaden in Wampen. Wehmütig denken wir an den Geruch von Chlorwasser und das Quietschen von Tanzschuhen auf Parkettboden zurück und schätzen umso mehr, was wir hatten. Wir zehren von der Hoffnung, dass nächsten Sommer vielleicht alles wieder so wie „vor Corona“ ist. Doch wir dürfen nicht vergessen, dass viele dieser Einrichtungen zur Zeit um ihre Existenz kämpfen und ein gemeinsames Tanzen und Schwimmen nach der Coronakrise vielleicht nicht mehr so selbstverständlich sein wird. Wir haben mit der Tanzschule D&D und dem Freizeitbad/den Stadtwerken gesprochen und gefragt, wie es ihnen in der jetzigen Situation geht.
Die Interviews stammen vom 23. und 26. November 2020.
Wie geht es Ihrer Einrichtung?
Tanzschule D&D: Ehrlich gesagt, ist unsere Situation bescheiden. Unser Beruf ist es, die Freizeit unserer Tanzschüler*innen zu gestalten und sie zu motivieren. Während wir im Frühjahr ganz schnell reagiert haben und nach 2 Tagen ein Alternativ-Programm erstellt hatten, ist es jetzt niederschmetternd, die Situation wieder hinnehmen zu müssen. Wir sind mit einem Berufsverbot belegt. Es gibt für uns keine Ansprechpartner*innen, aber auch keine Stelle, die sich dafür interessiert, wie in einer qualifizierten Tanzschule der Alltag aussieht und welche Auflagen wie umgesetzt werden. Wir haben keine Lobby – Kunst und Kultur hat allgemein keine Lobby!
Freizeitbad/SW: Den Stadtwerken Greifswald geht es gut, alle wichtigen Arbeiten und Investitionen laufen planmäßig und das Kundenzentrum ist dienstags für Besucher*innen geöffnet. Der Verkehrsbetrieb hat weniger Fahrgäste und erhebliche Einnahmeverluste. Das Freizeitbad ist zum zweiten Mal in diesem Jahr geschlossen, nur der Schulsport (Schwimmen) kann stattfinden, da die meisten Mitarbeiter*innen seit Anfang November in Kurzarbeit sind und die Verbliebenen das Schulschwimmen gesichert haben. Ab dem 16.12.2020 schließt das Bad nun komplett. Wir nutzen die Schließung, um nach der Komplettsanierung der Duschen jetzt auch die Damen WC-Anlage komplett zu erneuern. Wir hoffen, dass wir im neuen Jahr bald wieder öffnen können und die Infektionszahlen sinken.
Was ist die derzeit größte Herausforderung?
Tanzschule D&D: Derzeit sind wir bemüht, unsere Tanzschüler*innen, die Eltern und das Team weiterhin zu motivieren und den Betrieb mit den laufenden Kosten am Leben zu erhalten. Wir lassen uns immer wieder etwas für die Kinder (z.B. zum Vorlesetag, Nikolausüberraschung) und Erwachsenen (wir haben einen disTANZindenMai veranstaltet) einfallen. Eigentlich halten wir gerade die Hoffnung am Leben.
Freizeitbad/SW: Unsere Mitarbeiter*innen zu schützen und umfassende Quarantänemaßnahmen zu verhindern, um den reibungslosen Betriebsablauf zu gewährleisten und unserem Versorgungsauftrag gerecht zu werden. Dazu schränken wir unsere Kontakte erheblich ein. Das heißt, wir vermeiden Zusammenkünfte, die nicht unbedingt erforderlich sind. Unsere Mitarbeiter*innen arbeiten in kleinen festen Teams, die möglichst nicht zusammenkommen.
Was konnten Sie aus dem ersten Lockdown lernen?
Tanzschule D&D: Wir haben im ersten Lockdown sehr schnell alle Maßnahmen umgesetzt, die Tanzschule aufgerüstet und konnten den Kontakt zu allen Tanzschüler*innen halten. Die Umsetzung hat sehr gut geklappt. Zudem haben wir unheimlich viel Zuspruch von unseren Schüler*innen (Briefe, Videos) bekommen und von einigen Unternehmen, die in der gleichen Situation waren. Die Motivation und Treue unserer Schüler*innen hat uns sehr aufgebaut. Die offiziellen Anfragen/Anschreiben zur Situation wurden leider nicht beantwortet.
Freizeitbad/SW: Seit dem ersten Lockdown hat unsere Führungsmannschaft die Corona-Situation regelmäßig beobachtet und Maßnahmen für das Unternehmen konkret abgeleitet. Unser Notfall- und Pandemieplan wurde regelmäßig angepasst und unsere Gefährdungsbeurteilungen erfuhren mehrfache Aktualisierungen. Schutzausrüstungen, Desinfektionsspender und Masken wurden angeschafft und die Einhaltung aller Hygieneregeln wird kontrolliert, denn besonders schützenswert ist die Gesundheit unserer Mitarbeiter*innen.
Welche Unterstützung wünschen Sie sich von der Regierung?
Tanzschule D&D: Wir wünschen uns natürlich eine Wahrnehmung als Branche, Unternehmen und als relevante Institution. Kultur ist eben kein Luxus, sondern ein Grundbedürfnis des Menschen. Wir sind davon überzeugt, dass zu einem gesunden Dasein eben auch der Ausgleich zum Beruf gehört. Die Auswirkungen der Isolation haben wir nach dem ersten Lockdown ganz deutlich bei den Kindern und besonders den Senior*innen gemerkt. Und damit wir das überstehen können, wünschen wir uns auch eine schnelle und unkomplizierte Vergabe der angekündigten staatlichen Unterstützungen für November/Dezember.
Welche Lockdown-konformen Angebote gibt es bei Ihnen zur Zeit?
Tanzschule D&D: Wir haben, wie im Frühjahr, wieder Video-Unterricht eingeführt. Besondere Anlässe wie der Tanz in den Mai wurden zum disTANZindenMai in den eigenen Wohnzimmern. Unser Verband hat auch in Eigenregie ein TANZ-Radio auf die Beine gestellt – so können unsere Schüler*innen zuhause im Wohn-/Tanzzimmer mit der passenden Musik weitertanzen.
Freizeitbad/SW: Ausweitung der mobilen Arbeit: Alle Mitarbeiter*innen, die organisatorisch und technisch in der Lage sind, von zuhause aus zu arbeiten, können dies tun. Mitarbeiter*innen, die einer Risikogruppe angehören, können separiert werden. Für sie stehen fast immer Einzelbüros oder Einzelarbeitsplätze zur Verfügung.
Was wünschen Sie sich von den Greifswalder*innen?
Tanzschule D&D: Zuerst wünschen wir uns, dass alle Greifswalder*innen gesund durch diese Zeit kommen: Unsere Tanzschüler*innen mit ihren Familien, unsere Geschäftspartner*innen und natürlich die Künstler*innen, mit denen wir zusammenarbeiten. Unsere Schüler*innen werden mit Sicherheit weiterhin tanzfreudig und treu sein und sich auf die wöchentliche Tanzstunde/Zeit zu zweit freuen. Wir hoffen, dass es im neuen Jahr wieder GRUND zum TANZEN gibt. Auf jeden Fall wird es ZEIT für KULTUR sein. Wir freuen uns auf alle Neukund*innen, Hochzeitspaare und Abschlussklassen, die wir dann wieder zum Tanzen bringen können.
Freizeitbad/SW: Wir wünschen allen Greifswalder*innen: Bleiben Sie gesund und gehen Sie verantwortungsvoll miteinander um.
Das Freizeitbad hält euch über Facebook und ihre Website auf dem Laufenden. Die Stadtwerke informieren euch ebenfalls über Facebook und ihre Website. Auch die Tanzschule erreicht ihr über Facebook, Instagram und ihre Website.
Wer sich an die lauen Sommerabende am Museumshafen diesen Jahres erinnern kann, oder in der letzten Zeit trotz Wind und Wetter einen Spaziergang unternommen hat, wird bestimmt schon festgestellt haben, dass die maritime Idylle des Hafens einer großen Baustelle gewichen ist. Schon seit Monaten waren dort anstelle der alten Segelschiffe Bauzäune, Fahrzeuge und ein Ponton im Wasser samt der Arbeiten zu beobachten, inzwischen sind einige Straßenabschnitte gesperrt, ein neues Ampelsystem eingerichtet und die Bodenbefestigung bereits geöffnet. Doch was hat es damit eigentlich auf sich?
Die Bauvorhaben
Eine Pressemitteilung im Mai diesen Jahres kündigte bereits den Beginn der Bauarbeiten am Museumshafen an. Grund dafür sind die Umgestaltung des Hanserings und in diesem Zuge auch die Erneuerung der denkmalgeschützten Spundwand (Uferbefestigung des Rycks). Diese ist teilweise noch original aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erhalten und hat dementsprechend nicht mehr die Standfestigkeit, wie noch 200 Jahre zuvor. Die Bauarbeiten werden etwa 14 Monate – bis Mitte nächsten Jahres – andauern und in zwei Abschnitten durchgeführt. Der erste Abschnitt ab der Steinbecker Brücke in Richtung Fußgängerbrücke soll bereits im Frühjahr 2021 fertig gestellt werden, der zweite Abschnitt hinter der Fußgängerbrücke bis hin zum Fangenturm im Sommer 2021. Dabei wird auch wasserseitig von dem Ponton aus gearbeitet, was bereits bei vielen Hafenbesuchen und Brückenüberquerungen zu Rätseln geführt hat. Des Rätsels Lösung und Fun Fact für die nächste Führung eures Familienbesuchs: Es mussten Bohrungen zur Vorbereitung der Rammung durchgeführt werden, da der feste, gewachste Boden des Flussbetts noch aus der Eiszeit besteht und dementsprechend Findlinge erhalten sein können. Wie aktuell zu sehen ist, wurde etwa einen halben Meter vor die alte Wand eine Stahlspulwand gesetzt, die 10 Meter tief in den Boden gerammt wird.
„Mit der Sanierung der Spundwand im Bereich des Museumshafens schaffen wir beste Voraussetzungen für unsere Traditionsschiffe. Wir tätigen jetzt eine große Investition für die Zukunft.“
Oberbürgermeister Stefan Fassbinder, Pressemitteilung Greifswald 20.11.2020
1. Abschnitt
2. Abschnitt
Mit der Umgestaltung des Hanserings, über die jahrelang diskutiert und verhandelt wurde, wird die allgemeine Aufwertung des südlichen Museumshafens angestrebt. Dafür sind mehrere Projekte in Planung, wie etwa eine dreireihige Baumallee, die die beiden Fahrbahnen voneinander trennen und den Hansering mit einem grünen Dach beschatten soll. Die Bausenatorin Jeanette von Busse erklärte, dass die Bäume Abgase und Lärm schlucken sollen; generell ist eine Geschwindigkeitsbeschränkung von 30 km/h vorgesehen. Die Allee soll außerdem an den Charakter der historischen Wallanlagen anschließen und den Hafen mehr an die Innenstadt anschließen. Darüber hinaus wird die Promenade entlang der Kaikante verbreitert und die Fahrbahn schmaler, wodurch die Attraktivität sowohl für Fußgänger*innen als auch für Radfahrende entlang des Ostseeküstenradweges gesteigert werden soll. Genauere Vorhaben und eine Visualisierung der Allee sind der 2. Bauentwurfsplanung aus Mai 2018 zu entnehmen. Die Bauarbeiten werden in sechs Baufeldern durchgeführt, das letzte wird voraussichtlich im Januar 2023 fertig gestellt sein.
Auf was für einem Stand sind die Bauarbeiten?
Bei der Erneuerung der Spundwand sind die Austauschbohrungen im 1. Abschnitt bereits abgeschlossen, momentan wird am 2. Abschnitt zwischen der Fußgängerbrücke über den Ryck und dem Platz am Fangenturm gearbeitet. Im 1. Abschnitt sind ebenfalls die neuen Spundwände in den Boden gerammt worden, wodurch aktuell die dahinterliegende Gurtung (zur Lastabtragung, Aussteifung und Ausrichtung der Spundwand) eingebaut und die Rückverankerung hergestellt wird. Für Trubel im Juli sorgte der Fund einer etwa 100 kg schweren, menschenhohen Gasflasche, die von einem nassen Sandberg abgedeckt werden musste. Die Begutachtung einer Spezialfirma ergab allerdings, dass die Flasche nicht mehr unter Druck steht und deshalb ungefährlich sei.
Die Umgestaltung des Hanserings begann wie geplant am 02. November mit den Vorbereitungsarbeiten. Dazu gehörten die Verlegung der Bushaltestelle, die Absenkung des Bordsteines und die Einführung des Ampelsystems. Außerdem wurden einige Straßen(abschnitte) gesperrt oder in ein Einbahnsystem umgewandelt, Genaueres zur Verkehrslage könnt ihr in der Pressemitteilung vom 30. Oktober nachlesen. Nachdem die Bodenbefestigung geöffnet wurde, wurde im Abschnitt der Steinbecker Straße mit der Arbeit an einer neuen Regenwasserleitung begonnen.
Die Finanzierung
Die Gesamtkosten für die Spundwand wurden zunächst auf 4 Millionen Euro geschätzt und belaufen sich inzwischen auf 6,6 Millionen Euro. Grund dafür sind zusätzliche Kosten und höhere Preise nach dem Ausschreibungsprozess. Von den 6,6 Millionen werden 5,7 Millionen Euro aus Städtebaufördermitteln bezogen, an denen Greifswald zu einem Drittel beteiligt ist. Hinzu kommt eine Sonderbedarfszuweisung des Innenministeriums von 900.000 Euro
Die Baukosten für die Umgestaltung des Hanserings belaufen sich auf rund 8 Millionen Euro. Der Europäische Fonds für regionale Entwicklung beteiligt sich mit einer Förderung von 4,24 Millionen Euro, vom Land kommen 1,2 Millionen Euro als Sonderbedarfszuweisung und 1,67 Millionen Euro stammen aus dem städtebaulichen Sondervermögen.
Aufgrund der bundesweit anhaltend hohen Covid-19-Inzidenz (Stand 14.12.2020 über 100 Neuinfektionen pro 100.000 Personen in 7 Tagen in Vorpommern-Greifswald) hat die Bundesregierung in Absprache mit den Ministerpräsident*innen der Länder am Sonntag (13.12.2020) neue Beschlüsse für einen zweiten „Lockdown“ verabschiedet. Bereits am Freitag (11.12.2020) hatte das Rektorat der Universität Greifswald neue Regelungen für den Zeitraum vom 14.12.2020 bis zum 10.01.2021 verkündet. Was sich verändert hat und welche Regelungen aktuell gelten, haben wir für euch hier zusammengefasst.
Regelungen an der Universität Greifswald
Das hat sich geändert:
Die bisher bestehenden Ausnahmeregelungen zur Präsenzlehre für Studierende im ersten Semester und für Veranstaltungen, deren Durchführung digital nicht möglich ist, werden ab dem 14.12.2020 außer Kraft gesetzt.
Auch die Ausnahmeregelungen für Lehrveranstaltungen, die Labor- oder Arbeitsräume der Universität erfordern, sowie Prüfungen werden zwischen dem 18.12.2020 und 11.01.2021 ausgesetzt. Diese Veranstaltungen werden auf digitale Alternativformate umgestellt oder entfallen.
Aufgrund des 7-Tages-Inzidenzwertes von über 100 Neuinfektionen pro 100.000 Personen müssen die Lesesäle und Aufenthaltsbereiche der Hochschulbibliotheken ab sofort geschlossen werden. Diese Regelung gilt zunächst bis zum 03.01.2021. Die Ausleihe ist noch bis einschließlich 23.12.2020 möglich.
Die Selbstlernräume für Studierende müssen geschlossen werden.
Ab dem 16.12.2020 wird empfohlen, dass Mitarbeitende der Universität ihre Arbeit im Home Office durchführen.
Das gilt vom 14.12.2020 bis (voraussichtlich) 10.01.2021:
Selbstverständlich sind auch weiterhin Mund-Nasen-Bedeckungen in allen Unigebäuden zu tragen, auch am Arbeitsplatz (ausgenommen sind Einzelbüros), bei Veranstaltungen oder zum Beispiel in der Bibliothek.
Lehrveranstaltungen finden wie bisher digital statt. Ausnahmen gelten noch bis zum 18.12.2020 in Abstimmung mit den Gesundheitsbehörden für Labortätigkeiten, Praktika, praktische und künstlerische Ausbildungsabschnitte und Prüfungen. Voraussetzung ist jedoch jeweils, dass die Hygienevorschriften des RKI eingehalten werden können. Lehrveranstaltungen, für die bisher Ausnahmeregelungen galten und die nicht digital durchgeführt werden können, entfallen.
Für die medizinische Fakultät gilt, dass Praktika und Prüfungen in Präsenz durchgeführt werden (dürfen), Vorlesungen und Seminare jedoch ausschließlich digital stattfinden sollen.
Die Nutzung der Lesesäle und Aufenthaltsbereiche der Hochschulbibliotheken und -archive ist (zunächst) bis zum 03.01.2021 nicht mehr möglich. Eine Ausleihe ist noch bis zum 23.12.2020 möglich.
Die Selbstlernräume für Studierende müssen geschlossen bleiben.
Die Mensen und Cafeterien bieten weiterhin nur einen Außer-Haus-Verkauf an. Ihr könnt also in der Mensa am Beitzplatz und am Loeffler-Campus nun die Mensa-to-go nutzen. Nur die Cafeteria am Klinikum darf weiterhin einen Verzehr vor Ort anbieten, um die Mitarbeiter*innen des Klinikums zu versorgen. Umfüllstationen für einen nachhaltigeren Transport des Essens in eigenen Mehrwegbehältern sind in den Mensen eingerichtet.
Gremiensitzungen finden in digitaler Form statt.
Sprechstunden finden nicht in Präsenz statt, stattdessen sind Telefon-/Video-Sprechstunden und E-Mails zu nutzen.
Wenn umsetzbar, sollen Vorgesetzte an der Universität ab dem 16.12.2020 die Betätigung im Home Office ermöglichen.
Die Kurse des Hochschulsports finden weiterhin nur digital statt.
Chorproben und Proben von Musikensembles müssen weiterhin ausgesetzt werden.
Studentische Clubs müssen weiterhin geschlossen bleiben.
Das Studierendenwerk führt persönliche Beratungen derzeit weiterhin nicht vor Ort durch, sondern nur noch telefonisch, per Mail oder oder über die Video-Sprechstunde. Das gilt für alle Bereiche (BAföG, Wohnen, Sozialberatung, psychologische Beratung, Kasse, Mietbuchhaltung, KfW-Sprechstunde).
Der Einzelhandel wird auf die lebensnotwendigen Bereiche reduziert, die konkreten Regelungen werden derzeit von der Landesregierung ausgearbeitet.
Nicht-medizinische Dienstleitungseinrichtungen im Bereich der Körperpflege werden geschlossen.
Auch der Präsenzunterricht an Schulen soll spätestens ab dem 16.12. wieder auf digitale Formate umgestellt werden. Es werden jedoch zum Teil unterschiedliche Regelungen für die Schüler*innen verschiedener Jahrgänge getroffen. Zudem sollen Notfallbetreuungen eingerichtet werden. Die konkrete Umsetzung kommunizieren die jeweiligen Schulen gegenüber den Schüler*innen und deren Eltern. Für Kindertagesstätten soll analog verfahren werden.
Arbeitgeber*innen sollen prüfen ob, z.B. durch Home Office oder Betriebsferien die Einhaltung der Kontaktbeschränkungen auch im Arbeitsbereich ermöglicht werden kann und dies ggf. umsetzen.
Das gilt ab dem 16.12.2020:
Es gilt weiterhin eine Kontaktbeschränkung. Das heißt, in der Öffentlichkeit darf sich nur noch mit Personen aus dem eigenem und höchstens einem weiteren Haushalt aufgehalten und die Gesamtanzahl von fünf Personen (ausgenommen Kinder unter 14 Jahren) nicht überschritten werden. Die Maskenpflicht bleibt zudem ausgeweitet: In Einkaufscentern, auf Märkten und auf belebten Plätzen wie in der Langen Straße ist ein Mundschutz zu tragen.
Nach aktuellem Stand gelten vom 24.12. bis zum 26.12.2020 leichte Lockerungen der Kontaktbeschränkungen. In diesem Zeitraum darf ein Hausstand von bis zu 4 Personen besucht werden, auch wenn das mehr als zwei Haushalte sind. Kinder bis 14 Jahren werden hierbei nicht mitgezählt. Die Ausnahmeregelung gilt jedoch nur für geradlinig Verwandte (also (Ur-)Großeltern, Eltern und Kinder) sowie deren Haushaltsangehörige. Zudem appelliert die Regierung zur Einhaltung einer „Schutzwoche“ mit minimalen Kontakten vor den Familienbesuchen über die Feiertage.
Geschäfte des Einzelhandels, die nicht der Versorgung mit Produkten des täglichen Bedarfs dienen, müssen ab spätestens 16.12.2020 schließen. Ausnahmen gelten unter anderem für Tankstellen, Auto- und Fahrradwerkstätten, sowie für medizinisch notwendige Einrichtungen wie Optik- und Hörgeräteakustik-Geschäfte, Sanitätshäuser, Apotheken, Physiotherapie-, und medizinische Fußpflegepraxen.
Der Gastronomiebetrieb bleibt ebenfalls stark eingeschränkt. Das bedeutet, Restaurants, Cafés und Bars dürfen ausschließlich Speisen zum Mitnehmen ausgeben oder liefern. Der Verzehr von alkoholischen Getränken im öffentlichen Raum ist für die Dauer des Lockdowns untersagt und wird mit einem Bußgeld belegt.
Auch Freizeiteinrichtungen bleiben geschlossen. Theater-, Kino- oder Museumsbesuche sind zurzeit nicht möglich. Gleiches gilt für Schwimmbäder und Fitnessstudios. Auch die Stadtbibliothek bleibt geschlossen, bietet aber einen Abholservice und sogar einen Bringdienst an.
Zudem gilt in ganz M-V weiterhin ein Tourismusstop, durch den touristische Betriebe wie Hotels keine Urlaubsgäst*innen annehmen dürfen. Die Einreise in das Bundesland ist nur für Personen mit Haupt- oder Nebenwohnsitz in Mecklenburg-Vorpommern gestattet (oder Personen, die einen Vertrag über mindestens sechs Monate mit einer Ferienwohnungsvermietung etc. geschlossen haben oder einen Kleingarten besitzen). Das heißt, auch private Reisen und Verwandtenbesuche sollen eingeschränkt bleiben, solange keine Dringlichkeit besteht. Dabei sollte sich außerdem auf die Kernfamilie beschränkt werden.
Gottesdienste und Versammlungen von Religionsgemeinschaften sind unter Einhaltung der Abstandsregeln und ohne Gemeindegesang möglich. Bei hoher Auslastung der räumlichen Kapazitäten der Glaubensstätten ist eine vorherige Anmeldung zur Veranstaltung notwendig. Das wird insbesondere für die Gottesdienste an Heiligabend und den Weihnachtsfeiertagen relevant werden.
An Silvester und Neujahr gilt ein An- und Versammlungsverbot. Feuerwerk wird auf bestimmten öffentlichen Plätzen ebenfalls verboten. Zudem ist der Verkauf von Pyrotechnik im Einzelhandel untersagt.
Etwas verloren sitzt der kleine Messingklotz zwischen den Pflastersteinen. Die goldene Farbe glänzt aus dem matten Grau hervor, das gleiche Grau wie das des trüben Dezemberhimmels. Wer mit dem Fahrrad die Robert-Blum-Straße entlang kommt, fährt wohl leicht an dem Stein vorbei und auch als Fußgänger stolpert man eher über den noch leicht staubigen Fleck drum herum, der durch das Aufbrechen des Bodens entstanden sein muss. Aber es ist eine Anerkennung, so ein Stolperstein. Er erzählt von einem Menschen, der gelebt und gelitten hat, nur aufgrund dessen, was er ist. Kurt Brüssows „Verbrechen“ ist unter seinem Namen, seinem Geburtsdatum und Beruf angegeben: verurteilt nach §175.
So unauffällig wie der Stolperstein war für die breite Allgemeinheit wohl auch Kurt Brüssows Leben. Als Jürgen Wenke im Zuge seiner Nachforschungen zu dem Greifswalder Schauspieler 2020 auch auf Brüssows Enkelkinder trifft, sind selbst diese überrascht von dem Leben, das ihr Großvater geführt hat. Überrascht, überwältigt, aber auch stolz. Stolz, eine so starke Persönlichkeit in der Familienlinie zu haben.
Stärke spricht auch aus allen Lebensabschnitten, die Wenke in seiner Recherche über Kurt Brüssow zu Tage fördern konnte. Kurt Brüssow wurde am 9. Dezember 1910 in Stettin geboren. Er erlernte zuerst das Konditorhandwerk, bevor er sich ab 1931 am Theater Greifswald seiner wahren Leidenschaft widmete und Schauspiel studierte. Bis 1937 arbeitete er hier als Schauspieler, Sänger und Statistenführer. Dann, am 27. Juni 1937, die erste Verhaftung. Das Urteil: „widernatürliche Unzucht“. Kurt Brüssow ist für 6 Monate im Gefängnis und gilt ab jetzt als vorbestraft. Auch seine Anstellung am Theater verliert er, und da er zudem aus der Reichstheaterkammer ausgeschlossen wird, ist ihm auch die Option verweigert, eine weitere Anstellung als Schauspieler zu finden.
Der Ausschluss aus dem Berufsleben hat bereits 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialist*innen jüdische Menschen getroffen, die im öffentlichen Dienst angestellt waren. Den Anti-Schwulen-Paragraphen 175 gibt es bereits seit der Kaiserzeit, 1935 wird er aber noch weiter verschärft: Strafbar sind nicht nur sexuelle Kontakte, sondern auch Küsse und sogar „wollüstige Blicke“. Die Strafe wird von Gefängnis auf bis zu 10 Jahre Zuchthaus erweitert. Treffpunkte von Homosexuellen werden durch Gestapo und Polizei bespitzelt, Razzien werden durchgeführt, Listen von namentlich bekannten Homosexuellen angelegt, Zeitschriften verboten, Vereine zerschlagen. Auch in der Presse wird öffentlich gegen Homosexuelle gehetzt, um die Vorurteile, die in der deutschen Bevölkerung ohnehin vorherrschen, weiter zu befeuern und Schwule zu „Volksfeinden“ zu erklären. Das Sonderdezernat Homosexualität der Gestapo, das 1934 geschaffen wird, bekommt 1936 Unterstützung durch die Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung. Das Ziel: die Zucht „arischer“ Menschen. Wer zu dieser Zucht nicht beitragen kann oder will, hat keinen Platz in der Gesellschaft.
Kurt Brüssow wird der Verbrecher-Klasse „homosexuell“ zugeordnet. Als er wieder aus dem Gefängnis entlassen wird, fängt er bei einer Versicherungsgesellschaft an, doch die Arbeit ist nicht von Dauer. Bereits 1938 wird er wieder verhaftet, diesmal wegen „fortgesetzten Verbrechens“ zu anderthalb Jahren Zuchthaus. Während dieser Zeit werden Brüssow und Kontakte von ihm so lange befragt, bis sie weitere Namen preisgeben. Dass Brüssow noch öfter „straffällig“ geworden ist, veranlasst das Landesgericht Stettin 1939 zu einer erneuten Strafe: In seinem „kriminellen Lebenslauf“ werden die Straftaten festgehalten, denen er sich schuldig gemacht hat, darunter homosexuelle Kontakte seit seiner Jugend. Er ist für die nationalsozialistische Regierung ein zu großer Dorn im Auge. 1939 wird Brüssow zu weiteren zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, doch er wird anschließend nicht entlassen. Stattdessen bringt man ihn ins Konzentrationslager Auschwitz. Der Polizeibericht vom 11. April 1941 hält fest:
„Aus seinem ganzen Verhalten ist zu schließen, dass er auch nach Strafentlassung nicht von seiner anormalen Neigung lassen wird. Es ist daher angebracht, Brüssow bei Entlassung aus der Strafhaft wieder festzunehmen und in polizeiliche Vorbeugungshaft zu bringen.“
Heinrich Himmler, SS-Reichsführer und Chef der deutschen Polizei, hatte im Jahr zuvor erklärt, dass er homosexuelle „Mehrfachtäter“ nach dem Absitzen ihrer Strafe nicht mehr entlassen würde. Stattdessen werden sie unmittelbar in ein KZ deportiert, finden anstelle von Freiheit höchstens den Tod. Kurt Brüssow überlebt – als einer der wenigen. Die meisten kommen durch Erschießung, durch Folter oder durch langsame Auszehrung um, und wenn sie die Unterernährung überstehen, bringen es die schlechten hygienischen Bedingungen oder die schwere Sklavenarbeit zu Ende. Die Opfer des Nationalsozialismus sind nicht nur Homosexuelle und Jüd*innen. Es sind politische Gegner*innen und Kritiker*innen, Intellektuelle, Künstler*innen oder Wehrdienstverweigerer, Sinti und Roma und Behinderte. Das Prinzip ist simpel und gerade deshalb vielleicht so effektiv: „Teile und herrsche“, das betont Wenke in seiner biografischen Abhandlung über Kurt Brüssow immer wieder. Teile eine Gesellschaft in Gruppen mit unterschiedlichen Privilegien, unterschiedlichem Wert. Sorge so dafür, dass sie sich gegenseitig misstrauen, dass Uneinigkeit und Hass herrscht. Deine Macht ist gesichert.
Kurt Brüssow erhält die Häftlingsnummer 16642. Er bekommt zuerst den rosa Winkel, der ihn als Homosexuellen brandmarkt, später den roten Winkel der politischen Häftlinge, womit er zumindest darauf hoffen kann, bei den anderen im Ansehen zu steigen. Am 31. Januar 1942, nachdem Brüssow sich bereits drei Mal geweigert hat, freiwillig zuzustimmen, wird er zwangskastriert. Nicht sterilisiert, kastriert. Die Entfernung der Hoden geht nicht nur mit psychischen Schäden einher, vor allem auch die hormonellen Funktionen des Körpers leiden darunter. Brüssow ist von nun an auf eine hormonelle Behandlung angewiesen. Die freiwillige Kastration ist für viele Homosexuelle im KZ der letzte Hoffnungsschimmer auf Freiheit. Vom Arzt wird auf Brüssows Akte vermerkt, er habe sich gegen die Operation geweigert, da er glaube, bereits durch den Aufenthalt im KZ „geheilt“ zu sein. Vielleicht rettet ihm dieser Kommentar, gemeinsam mit den Bemühungen seiner Eltern, am Ende das Leben.
Im Februar 1944 wird Kurt Brüssow ins KZ Flossenbürg gebracht, im März 1944 entlassen und in Stettin unter Polizeiaufsicht gestellt. Die Reichstheaterkammer nimmt ihn zunächst nicht wieder auf, doch mit dem Ende der NS-Diktatur 1945 kehrt Brüssow nach Greifswald und damit auch ans Theater zurück. Hier heiratet er 1946, seine verwitwete Frau Margarete Gutjahr bringt zwei Kinder mit in die Ehe. Gemeinsam ziehen sie nach Putbus, wo Brüssow versucht, als neuer Leiter das Theater wieder aufzubauen, doch auch hier bleiben sie nur bis 1947, bevor sie aus der sowjetischen in die amerikanische Zone nach München ziehen. Hier wird Brüssow zuerst im Bayerischen Staatsministerium für Sonderaufgaben als Ermittler angestellt, wo er sich mit NS-Täter*innen befasst, dann steigt er zum öffentlichen Kläger auf und macht sich nach der Auflösung der Spruchkammern mit einem eigenen Kurierunternehmen selbstständig.
In seinen Bewerbungen, sowohl an den Theatern in Greifswald und Putbus als auch später in München, erwähnt Brüssow in seinem Lebenslauf zwar seine Gefängnis-, Zuchthaus- und KZ-Aufenthalte, nennt als Grund aber immer nur „staatsfeindliches Verhalten“. Denn bis auf die Abschaffung der Konzentrationslager hat sich kaum etwas getan im Nachkriegsdeutschland. Der von der nationalsozialistischen Regierung erweiterte §175a wird sogar bis 1969 unverändert in der BRD fortgeführt. Bis zu diesem Tag hätte Brüssow auch hier verfolgt und bestraft werden können, wegen der ihm angeborenen Art zu lieben, und hätte kaum eine Anstellung gefunden.
Auch die Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus wird ihm verweigert. Durch seine unerbittlichen Bemühungen und die Unterstützung durch seine Frau wird ihm zwar in der sowjetischen Zone schließlich der Status des OdF (Opfer des Faschismus) gewährt (als „aus Mecklenburg der einzige, der wegen Vergehen nach §175 bestraft ist und als O.d.F. anerkannt wurde“), in München laufen all seine Versuche aber ins Leere. Für vier lange Jahre kämpft Brüssow um Gerechtigkeit. In einem Schreiben von 1949 erklärt er, es ginge ihm nicht „um die Ehre und nicht um materialistische Vorteile […] Aus meinem Ehrgefühl heraus kann ich nicht einfach meine Nicht-Anerkennung hinnehmen“. Die Sympathien zur KPD, auf die Brüssow beharrt, genügen nicht, um als politischer Gegner anerkannt zu werden, denn die Behörden bestehen allein auf seine Verurteilung nach §175, an der sie nichts Falsches zu erkennen scheinen. Brüssow war und bleibt Straftäter und somit steht ihm keine Anerkennung des erfahrenen Unrechts zu. Während sozialdemokratische und kommunistische Inhaftierte, Jüd*innen und Zeugen Jehovas auf eine „Entschädigung“ hoffen können, bleibt diese Schwulen, „Asozialen“, Sinti und Roma, Behinderten und Kleinkriminellen verwehrt. Als deutlich wird, dass seine Bemühungen scheitern, schreibt Brüssow in einem Brief an die staatliche Ausführungsbehörde für Unfallversicherung:
„Meine Herren, es ist traurig, dass man als Heimatvertriebener und langjähriger KZ-Insasse den Gedanken hat, wärst du doch bloß im Lager umgekommen. So hättest du doch noch einen guten Zweck erfüllt, indem die Asche deiner Leiche als Felddünger Verwendung gefunden hätte.“
1969 wird der Paragraph 175 zwar nicht aufgehoben, aber abgeschwächt. Einvernehmliche sexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern stehen zwar juristisch nicht mehr unter Strafe, doch es folgen auch weiterhin Berufsverbote und Stigmatisierungen. Von der Anerkennung Homosexueller als vollwertiger Teil der Gesellschaft und der Würdigung ihrer Leiden im Nationalsozialismus bekommt Brüssow nichts mehr mit. Er stirbt am 14. März 1988, dem 13. Geburtstag seiner Enkeltochter. Sechs Jahre später wird §175 endlich aus dem Strafgesetzbuch der BRD gestrichen. Die Urteile nach §175 werden erst 2002 aufgehoben, 57 Jahre nach dem Ende der NS-Zeit. Es wurde „die biologische Lösung abgewartet“, schreibt Wenke mit zynischem Unterton in seiner Brüssow-Biografie, „fast alle Männer, die in der NS-Zeit als Homosexuelle verfolgt und zu Unrecht verurteilt worden sind und überlebt haben, erfahren von der Einstellungsveränderung und der Aufhebung nicht mehr. Sie sind verstorben.“
Auch heute sind wir noch weit entfernt von einer gleichberechtigten Stellung in unserer Gesellschaft. Juristisch dürfen wir heiraten und adoptieren, werden von Teilen der Bevölkerung aber dafür belächelt oder verurteilt. Politiker*innen wie der Greifswalder Sascha Ott bezeichnen uns als „mikroskopische Randgruppe“, nennen die Toleranz, die uns und anderen Minderheiten zurecht entgegengebracht wird, so groß, dass es „bald bis zur Selbstverleumdung reicht“, und verbieten uns ein einfaches Stück Stoff zu zeigen, um nicht nur uns, sondern auch Menschen wie Kurt Brüssow gebührend zu ehren. Auch Jürgen Wenke stößt 2005 auf diese Ungerechtigkeit. Als er durch seine Heimatstadt Bochum geht, findet er zum damaligen Zeitpunkt etwa 70 Stolpersteine für die Opfer des Nationalsozialismus, keiner davon ehrt einen homosexuellen Verurteilten. Er beschließt, dass er sich über diesen Zustand entweder beschweren oder etwas tun könne, um ihn zu ändern: „Ich habe mich für ‚was tun‘ entschieden.“
Kurt Brüssows Stolperstein ist der 46., den Wenke für schwule Männer hat verlegen lassen. Am 9. Dezember, Brüssows 110. Geburtstag, wurde der Stein vor dem Theater verlegt, in dem Brüssow den Beruf ausgeübt hat, der ihn in seinem Leben wohl am meisten bewegen konnte. Gefördert wurde die Verlegung von der Stadt Greifswald, dem Theater und der evangelischen Studierendengemeinde, die auch die Kosten für den vom Künstler Gunter Demnig erstellten Stolperstein übernommen hat. Die Website Stolpersteine Homosexuelle, auf der Wenke die Biografien der gewürdigten schwulen Männer festhält, betreibt er gemeinsam mit Mediengestalter Dirk Konert. Die Website und die Stolpersteine sind nicht nur eine Möglichkeit, um sich der Vergangenheit bewusst zu werden. Denn Erinnerungskultur wirft ihre Schatten immer auch auf die Gegenwartskultur. Sie ist wichtig, um heute aktiv zu werden,
„[g]egen das Vergessen [und] für die Erinnerung niemals wieder barbarische Willkür zu tolerieren, die die Welt schon einmal in Trümmern zurückgelassen und unzählige Leben zerstört hat.“
Dirk Konert
Ein Artikel kann auf etwas aufmerksam machen, aber er ist immer nur eine verkürzte Darstellung des Erzählten und neigt in seinem selektierten Charakter schnell dazu, die Person auf ihre Opferrolle zu reduzieren. Wer also mehr über Kurt Brüssow erfahren möchte, kann dies durch Jürgen Wenkes Biografie „Was bleibt, wenn der Vorhang fällt?“ tun, hier auch einsehbar als PDF.
Ebenso lesenswert ist das Buch aus diesem Jahr: Erinnern in Auschwitz: Auch an sexuelle Minderheiten (Querverlag Berlin), von Joanna Ostrowska, Joanna Talewicz-Kwiatkowska und Lutz van Dijk.
Auf der Website von Jürgen Wenke findet ihr außerdem Tipps, wie auch ihr etwas zu dem Projekt beitragen könnt (inklusive einer Putzanleitung für Stolpersteine).
Beitragsbilder: Julia Schlichtkrull und das Amt für Bildung, Kultur und Sport
Wir vermissen es, gemütlich an Ausstellungsstücken vorbeizuschlendern, im Freundeskreis vor einem alten Gemälde zu stehen und über die Bedeutung der Pinselführung zu philosophieren. Wehmütig denken wir an die vielen in Museen verbrachten Stunden zurück und schätzen umso mehr, was wir hatten. Wir zehren von der Hoffnung, dass nächsten Sommer vielleicht alles wieder so wie „vor Corona“ ist. Doch wir dürfen nicht vergessen, dass viele kulturelle Einrichtungen zur Zeit um ihre Existenz kämpfen und Veranstaltungen und Ausstellungen nach der Coronakrise vielleicht nicht mehr so selbstverständlich sein werden. Wir haben mit dem Pommerschen Landesmuseum und dem Caspar-David-Friedrich-Zentrum gesprochen und gefragt, wie es ihnen in der jetzigen Situation geht.
Wie geht es Ihrer Einrichtung?
Landesmuseum: Das Pommersche Landesmuseum war, wie alle Museen, von Mitte März bis Mitte Mai acht Wochen geschlossen, jetzt wiederum seit Anfang November bis mindestens zum 20. Dezember. Das Ende der Schließung ist noch nicht absehbar.
Vieles musste in diesem Jahr ausfallen, hier die größten Veranstaltungen: Eine Feininger-Sonderausstellung musste komplett abgesagt werden; die Croy-Feier, die gemeinsam mit der Universität alle zehn Jahre stattfindet, musste aufs kommende Jahr verschoben werden. Dieses Wochenende, am ersten Advent, hätte sonst der Kunsthandwerkermarkt „Advent am Grauen Kloster“ stattgefunden. Letztes Jahr kamen dafür über 3000 Besucher*innen, diesmal fällt er aus. Im Dezember wollten wir den letzten Teil unserer Dauerausstellung „Pommern im 20. Jahrhundert“ eröffnen. Nun sind wir in den letzten Zügen der Ausstellungsvorbereitung, aber ob zumindest ab Weihnachten geöffnet werden darf, ist noch unklar.
Natürlich musste auch sonst viel abgesagt werden: Führungen, Vorträge, Museumspädagogik, Kino… Auch während das Museum geöffnet war, konnten Veranstaltungen nur in kleinerem Rahmen stattfinden, wenn überhaupt. Zum Stadtfest „Ein Tag mit Caspar David Friedrich“ kamen rund 400 Besucher*innen, das war weniger als die Hälfte der sonst üblichen Gäste.
Caspar-David-Friedrich-Zentrum: Die Situation in unserem von einem gemeinnützigen Verein (der Caspar-David-Friedrich-Gesellschaft e.V.) getragenen Kultureinrichtung ist wie bei allen Kultureinrichtungen angespannt. Dabei gehört das Caspar-David-Friedrich-Zentrum zu den öffentlichen Institutionen, die von Stadt und Land gefördert werden. Dazu muss gesagt werden, dass seitens der dort Zuständigen eine enge Kooperation und soweit möglich unbürokratische Lösungen geschaffen wurden, sodass die Förderungen trotz coronabedingter Projektänderungen weiter Bestand hatten. Dafür sind wir sehr dankbar. Nichtsdestotrotz haben zwei Lockdowns für eine prekäre Lage gesorgt. Besonders frustrierend dabei ist, dass wir als kleines Haus mit nur wenigen Mitarbeitenden sehr hart gearbeitet haben, um Hygienekonzepte zu entwickeln und einzuhalten, nach Möglichkeiten zu sparen und ökonomisch zu agieren. Gleichwohl müssen wir nun feststellen, dass wir aufgrund des zweiten Lockdowns unsere geringfügig Beschäftigten und unsere Honorarkräfte nicht beschäftigen können. Das sind die selben Menschen, die, während eine Öffnung noch möglich war, besonders hart gearbeitet haben. Es fühlt sich an, als ließe man sie dafür nun im Stich. Das macht bisweilen wütend, traurig und frustriert, auch wenn rational völlig klar ist, dass die Pandemie eingedämmt werden muss.
Was ist die derzeit größte Herausforderung?
Landesmuseum: Schwierig ist, dass man nicht richtig planen kann – viele Planungen werden immer wieder über den Haufen geworfen. Aber das geht momentan wohl nicht anders, da Entscheidungen eben nur kurzfristig getroffen werden können. Natürlich sind die Verluste dieses Jahr groß – weniger Veranstaltungen, weniger Besucher*innen usw.
Caspar-David-Friedrich-Zentrum: Die größte Herausforderung ist genau die – die Existenz der Institution sicherzustellen und dabei nach Möglichkeit auf die Beschäftigten zu achten. Dabei hoffen wir, die angebotenen Förder- und Hilfsmittel der Bundes- und Landesregierung nutzen zu können. Gerne würden wir mehr aus eigener Kraft dazu beitragen, zumal das Interesse, ich möchte fast sagen, der Bedarf an Kunst und Kultur innerhalb der Gesellschaft deutlich zu spüren ist. Zwar dürfen wir zur Zeit keine Museumsbesucher*innen empfangen, unser Museumsladen darf jedoch glücklicherweise seit letzter Woche wieder öffnen, sodass wir hierüber zumindest einen kleinen Beitrag leisten können.
Was konnten Sie aus dem ersten Lockdown lernen?
Landesmuseum: Im ersten Lockdown haben wir uns gut auf die Öffnung vorbereitet – sobald es uns erlaubt war, haben wir wieder geöffnet. Alles war coronakonform ausgestattet worden: mit Spuckschutz an der Kasse, Abstandsmarkierungen, Maximalzahlen von gleichzeitigen Gästen, Listen zur Kontakterfassung; der Hygieneplan musste umgestellt werden, da alles nun in engeren Abständen gereinigt werden muss. Trotz einiger Einschränkungen waren die Einträge im Besucherbuch ganz überwiegend sehr positiv – die Menschen haben sich gefreut, dass sie überhaupt wieder Museen besuchen konnten!
Gleichzeitig haben wir gemerkt, dass sich die Nutzung der sozialen Medien stark erhöht hat. Einen vollwertigen Ersatz für den Museumsbesuch können wir digital aber nicht bieten.
Caspar-David-Friedrich-Zentrum: Grundsätzlich war der erste Lockdown im Frühjahr ein Novum; eine Situation in der man jeden Tag auf die neuesten Erkenntnisse und Beschlüsse warten und dann sehr schnell reagieren musste, Planung kaum möglich war und dennoch erwartet wurde – und letztlich auch stattgefunden hat. 2020 haben sehr viele Menschen aus der Not heraus neue Fähigkeiten erlernt – seien es Zoom-Konferenzen, die Einrichtung von Onlineshops oder sonstigen Angeboten in diesem Bereich – aber auch der Umgang mit Unsicherheiten, Ängsten und Isolation. Da bilden wir ganz sicher keine Ausnahme, dennoch stehen wir nach wie vor vor Herausforderungen. Da wir eben nur wenige Mitarbeitende haben und zur Zeit beschäftigen können, fällt es uns als kleiner Einrichtung besonders schwer, wie selbstverständlich attraktive Online-Angebote zu generieren. Wir geben jedoch unser Bestes.
Welche Unterstützung wünschen Sie sich von der Regierung?
Landesmuseum: Wie vermutlich alle im Kulturbereich hoffen wir auf finanzielle Unterstützung. Zum Glück gibt es bereits Förderprojekte: Beispielsweise wird der Ausbau des WLAN in unseren Ausstellungsräumen gefördert, damit die Besucher*innen den Audioguide zukünftig per App von ihrem Smartphone abspielen können, statt gemeinsame Leihgeräte mit Infektionsrisiko zu nutzen.
Auch wenn die Entscheidungen der Politik für uns harte Einschnitte bedeuten: Ich möchte momentan mit keinen politischen Entscheidungstragenden tauschen!
Caspar-David-Friedrich-Zentrum: Wir würden uns wünschen, dass Kultureinrichtungen und Museen nicht gänzlich pauschal behandelt und rigoros geschlossen würden. Wir sind nicht der Louvre. Was normalerweise schade ist, ist in dieser Situation unser Vorteil – oder könnte es sein, wenn man uns ließe! Als kleines Personalmuseum mit entsprechendem Hygienekonzept und auch der Bereitschaft und Kapazität, dieses noch anzupassen und notfalls zu verschärfen, könnten wir ganz sicher öffnen, ohne zum Gefahrenort für Übertragungen und Ansteckungen zu werden. Es erschließt sich nicht, wieso 77 Personen zeitgleich in eine Discounterfiliale hinein dürfen, die sich über nur eine Ebene und einen Raum erstreckt und in der man gezwungen ist, Einkaufswägen anzufassen, die zuvor schon durch viele andere Hände gingen, aber 40 oder auch nur 20 Personen dürfen nicht zeitgleich in ein Museum, das sich über vier Etagen und elf Räume verteilt und wo man ohnehin kaum etwas anfasst.
Welche Lockdown-konformen Angebote gibt es bei Ihnen zur Zeit?
Landesmuseum: Das Museum ist geschlossen. Der Museumsshop ist geöffnet (Einzelhandel darf ja öffnen), ebenso die neue Museumsgastronomie nebenan, Natürlich Büttners (dort aber natürlich nur zum Mitnehmen).
Caspar-David-Friedrich-Zentrum: Zur Zeit können wir nur die Öffnung unseres Museumsladens vermelden. Es dürfen zeitgleich zwei Kund*innen in den Laden hinein. Wir können also nur über den Verkauf von Kunstliteratur, Postkarten, Kunstdrucken etc. und dem Angebot unserer in eigener Handarbeit hergestellten Produkte aus der Friedrichschen Kerzen- und Seifenmanufaktur ein bisschen (Kunst-)Genuss und spannende Information zu den Menschen nach Hause bringen. Das ist insofern wörtlich zu verstehen, als wir auch die Möglichkeit für telefonische und Online-Bestellungen eingerichtet haben und die Waren auch auf Rechnung versenden. Hier ist ebenfalls zu erwähnen, dass die neuen Greifswald-Gutscheine auch bei uns im Caspar-David-Friedrich-Zentrum eingelöst werden können.
Was wünschen Sie sich von den Greifswalder*innen?
Landesmuseum: Wir hoffen, dass wir uns bald alle gesund wiedersehen! Viele Greifswalder*innen (und auch darüber hinaus) sind bestimmt schon gespannt auf unsere neue Ausstellung zum 20. Jahrhundert!
Caspar-David-Friedrich-Zentrum: Wir wünschen uns von den Greifswalder*innen natürlich, dass sie uns die Treue halten, dass sie unsere momentan so stark eingeschränkten Angebote nutzen und sich hoffentlich, wie wir, auf die Zeit freuen, in denen eine Öffnung und das Ausschöpfen des vollen Potentials unseres Hauses wieder möglich sein wird. Und wir wünschen uns, dass alle Greifswalder*innen vernünftig und verantwortungsbewusst handeln, ihre Masken tragen und die Mindestabstände einhalten, damit wir gemeinsam die Infektionszahlen schnell senken können.
Das Landesmuseum hält euch unter anderem auf seiner Website und Facebook-Seite auf dem Laufenden. Das Caspar-David-Friedrich-Zentrum könnt ihr zum Beispiel auf der Website oder Facebook-Seite finden.
Zu unserem ersten Interview-Teil mit den Greifswalder Studierendenclubs kommt ihr hier.