von Archiv | 29.01.2007
Ein Buch aus letzter Hand mag Reinhard Baumgarts „Damals“ nicht sein. Zu plötzlich, so scheint es, verstarb der einstige Lektor, Schriftsteller, Filmemacher und Rezensent im Sommer 2003, um dem Manuskript einen letzten Schliff zu geben. Ja, der sprachlich so schöne Stil ist da, die Szenen fügen sich und beim Lesen fühlt es sich dennoch gut – denn es menschelt. Die posthum erschienene Autobiographie, das letzte Buch schmückt sich mit dem eleganten Untertitel „Ein Leben in Deutschland“.
Der in Breslau Geborene stellt sich in „Damals“ als Kind seiner Zeit vor, als einer vom Jahrgang 1929, der für den Nationalsozialismus zwar zu jung, doch dessen Folgen im Nachkriegsdeutschland, die Zeit der Gruppe 47 und den Fall der Berliner Mauer begleitet, reif genug war. Nicht als Literaturpapst, auch weniger als Protagonist schreibt sich Baumgart in seiner Vita fest, sondern gibt den Blick frei auf einen aufmerksamen Beobachter. Die Entdeckung der Literatur als Spiegel des eigenen Ichs, die der Frage des neuen Theaters nachgehenden Besprechungen und die verspätete Durchdringung des Fall Wagners geben vorsichtige und behutsam ausgewählte Eindrücke des Familienvaters Reinhard Baumgarts. Vielmehr sollen einige persönliche Anekdoten die Szenen von Gesellschaften (Ingeborg Bachmann, Rudolf Augstein, Gruppe 47) mit feinen Federstrich nachzeichnen. Baumgart war ein Hingeborener, ein Liebender und Lesender, der Trümmer sah und Glück leben konnte. „Damals“ skizziert eine Bilanz und setzt einen Punkt. Manchen mag (danach) Baumgarts Stimme fehlen.
Baumgart, Reinhard: Damals – Ein Leben in Deutschland. dtv. 383 Seiten. 12,50€
Geschrieben von Uwe Roßner
von Archiv | 29.01.2007
Vier mal neun Geschichten ergeben einen Kosmos gefüllt mit Mythen und Sagen, Chroniken und Zeitungsartikeln, Flaschenpost und E-Mails, Liebesgeschichten und Märchen.
Kann man ein Buch zu Ende lesen, das aus 36 einzelnen Heften besteht, die sich in der Reihenfolge beliebig mischen lassen?
Der georgische Schriftsteller Aka Morchiladze erzählt von einer eigentümlichen, melancholischen Insel namens Santa Esperanza, die, umgeben vom Schwarzen Meer, der Handlungsort dieser Episoden ist. Sie handeln von Sitten und Gebräuchen verschiedener familiärer Clans, deren handlungstragende Elemente aus Kartenspielen, Pfeife rauchen, Stolz, Wein und essen bestehen. Des Weiteren bilden die 36 Hefte ein interessantes Kartenspiel.
Jedes Heft enthält eine abgeschlossene Geschichte. Zusammen ergeben sie einen Sinn. Die zumeist melancholisch endenden Episoden ranken sich wie eine Melodie um den Erzähler. Das eigentümliche Leben wird mit warmen Worten beschrieben, auf denen langsam ein unerwarteter Stimmungswandel folgt. Der Charme der einfachen kurzen Sätze weicht einem unausweichlichen Sog voller Ereignisse und zieht immer tiefer in einen Sumpf aus Liebe, Tod, Sehnsucht, Wunsch und Wirklichkeit.
Dazwischen erscheinen Sätze wie Perlen, stoppen den raschen Lesefluss und wirken lange nach. Die schmerzliche Sehnsucht nach Zufriedenheit und Ruhe, Struktur und Halt spiegelt sich in teilweise sehr berührenden Passagen wieder. Struktur geben auch nicht die Hefte, die in beliebiger Reihenfolge lesbar sind. Es gibt lediglich Hinweise, wie sie gelesen werden können.
Sie alle laufen auf ein Schlusskapitel hinaus. Die schleichend ernsthaft werdende Erzählweise bewahrheitet sich im letzten Heft. Die zuvor poetisch aufgebaute Welt bleibt nur noch als Fragment in der Erinnerung bestehen. Der schweizer Pendo-Verlag hat mit Santa Esperanza einen Schatz gehoben.
Morchiladze, Aka: Santa Esperanza. Ein Kosmos aus vielen Romanen. Pendo Verlag. 850 Seiten. 27,50€
Geschrieben von Judith Küther
von Archiv | 29.01.2007
Iny Lorentz schreibt seit Jahren zusammen mit ihrem Mann historische Romane, mit abenteuerlichen und erotischen Elementen. In „Die Pilgerin“, geht es um eine junge Frau in den wirren Zeiten des Hundertjährigen Krieges, die durch eine Pilgerreise versucht, das Seelenheil ihres verstorbenen Vaters zu retten. Wie auch schon in vorhergegangenen Werken ist die Protagonistin eine wohlhabende Frau, die durch Unheil in die Unterschicht gelangt. Doch im Gegensatz zu ihren anderen Romanen wird die Titelheldin Tilla untergehen.
Die Wallfahrt beginnt in der fiktiven Stadt Tremmlingen des 14. Jahrhunderts und findet ihr Ende am Grab des Heiligen Jakobus in der Stadt Santiago de Compostela. Um ans Ziel zu kommen, verkleidet sich Tilla als Mann, erliegt des öfteren den menschlichen Trieben und versucht, sich aus dem ihr von der Gesellschaft aufgezwungenen Verhaltenskorsett zu befreien. Parallelen zur „Kastratin“ und „Wanderhure“ sind unverkennbar und gleichzeitig ein großes Manko. Dadurch, dass immer wieder die gleichen Schemata vorkommen, ist der Roman durchschaubar und langweilig. Das Werk „Die Pilgerin“ gibt mehr historische Fakten und politische Hintergründe als bisherige Romane von Iny Lorentz wieder. Obwohl der Wälzer ein wenig trivial daherkommt, ist er dennoch für Historien-Liebhaber zu empfehlen.
Lorentz, Iny: Die Pilgerin. Knaur. 702 Seiten. 16,90€
Geschrieben von Anne Regling
von Archiv | 29.01.2007
Eric Clapton und J.J. Cales „The Road To Escondido“ (Reprise)
Eric Clapton nahm sein letztes Album „Riding With The King“ gemeinsam mit B.B. King auf. Das Resultat konnte sich damals sehen lassen. Bewährtes soll man beibehalten, muss „Slowhand“-Eric sich gedacht haben und lud auch für seine jüngste Platte eine der alten Blues-Koryphäen zu sich ins Studio ein. Nachdem er schon länger den Wunsch dazu hegte, kam es für „The Road To Escondido“ zu einer Zusammenarbeit mit niemand geringerem als J.J. Cale.
Es ist, als ob der Prophet zu seinem Berge kommt. Immerhin verdankt Clapton seinem alten Kumpel einige seiner größten Erfolge: „Cocaine“ und „After Midnight“ stammen ursprünglich aus Cales Feder, nur blieb diesem der ganz große Durchbruch versagt. Dabei setzten auch andere Größen des Bluesgeschäfts wie zum Beispiel John Mayall auf seine Songs. Clapton und noch vielmehr Cale sind für ihre lässige Spielweise, den „laid back“-Stil, bekannt. Liebhaber dessen werden auf „The Road To Escondido“ ganz viel davon finden: Die Platte klingt so entspannt, als ob die beiden Gitaristen sie direkt in J.J. Cales Wohnwagen aufgenommen hätten. Völlig stressfrei gondelt man mit knapp 50 Meilen in der Stunde durch die 15 Nummern des Albums und wird dabei nur von wenigen, etwas flotteren Titeln („Dead End Road“) aufgerüttelt. Für einigermaßen temperamentvoll Veranlagte ist das dann aber doch nichts. Zwar wechseln sich Clapton und Cale fleißig bei Soli und Gesang ab, aber die Aufnahme kommt dennoch ein wenig zu unspektakulär daher. Die betonte Lässigkeit zweier Bluesmusiker sorgt hier leider nicht für doppelte Coolness, sondern eher für einfache Langeweile.
Geschrieben von Robert Heinze
von Archiv | 29.01.2007
Daniel Schmahl und Johannes Gebhardts „Back to Bach“ (Ao-Nrw)
Ohne Felix Mendelssohn-Bartholdy wäre Johann Sebastian Bach in Vergessenheit geraten. Bereits gegen Ende seines Lebens galt der Stil des Thomaskantors als veraltet. Allein seine Klavier- und Orgelwerke besaßen eine kontinuierliche Rezeption durch die späteren Zeiten hindurch.
Erst durch die Berliner Aufführung der Matthäus-Passion am 11. März 1829 durch Mendelssohn-Bartholdy wurde Bachs Musik, wenn nicht sogar erstmalig, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich.
Die Kenntnis seiner Werke beschränkte sich zu dessen Lebzeiten auf die Leipziger Hauptkirchen, die eigenen instrumentalen Ensembles und die handschriftlichen Überlieferungen seiner Schüler. Die Wiederentdeckung hallte gewaltig nach.
Der Musikkritiker Robert Schumann forderte in einem Artikel nach dem Konzert in Leipzig, die Gesamtedition des bis dahin nur teilweise publizierten Werkes. Friedrich Hegel stellte hingegen Bachs Genialität in seinen Ästhetikvorlesungen heraus und reihte das Oeuvre in das Repertoire der großen Musik ein.
Allgemeine Fragen der historischen Aufführungspraxis Alter Musik und bei Bach wie auch kompositorische Anknüpfungspunkte bestimmten neben der Suche nach einem einheitlichen Bachbild das 20. Jahrhundert.
Stellte sich beim kanadischen Pianisten Glenn Gould noch die Frage, ob es korrekt sei, die Goldbergvariationen auf einem modernen Konzertflügel zu spielen, so suchten Musiker wie Komponisten in der Auseinandersetzung mit Bach neue Wege.
Der in Greifswald lehrende Organist Johannes Gebhardt und der Trompeter Daniel Schmahl begaben sich auf musikhistorische Spurensuche. Für die kompositorische Rezeption im 19. und 20. Jahrhundert wurden beide fündig. Miles Davis „Four“, Johannes Brahms „Elf Choralvorspiele“, Astor Piazollas „Tangolibre“ oder Dmitri Schostakowitsch (Film-) „Walzer Nr.2“ versammeln sie auf der in der Neubrandenburger Johanneskirche entstandenen Aufnahme zum scheinbar harmlosen Programm „Back to Bach“.
Ob Tango, Jazz oder moderne Kompositionsmusik – das Duo stellt die Einflüsse Bachs spielend heraus, werkelte hier und da für Trompete, Corno da Caccia und Flügelhorn.
Vom Contrapunctus 1 aus der Kunst der Fuge bis hin zur Improvisation „Base for Bach“ von Johannes Gebhardt liefern sie den hörenswerten Beweis, dass das Schaffen des Thomaskantors nicht ein Endpunkt in der Musik sei. Den Ausspruch Albert Schweitzers widerlegt die Kombination des herrlich bescheidenen Orgelklangs zusammen mit kantilenen Bläserlinien beharrlich.
Geschrieben von Uwe Roßner