Zwischen Studium, Examen und Zukunftsplanung – Interview mit einem Jurastudenten

Zwischen Studium, Examen und Zukunftsplanung – Interview mit einem Jurastudenten

Staatsexamen, Praktika, Berufseinstieg: All das liegt für Jura-Erstis in weiter Ferne. Trotzdem lohnt sich ein früher Ausblick auf das Thema. In der Oktober-Ausgabe zum Wintersemester 2026/27 des moritz.magazin beschäftigt sich der Artikel „Was kommt nach dem Abschluss?“ mit der Frage, warum sich Studierende sorgen um ihre Zukunft machen, obwohl die Arbeitslosenquote unter Akademiker*innen tatsächlich gerade einmal bei 3,3 Prozent liegt. Mögliche Erklärungsansätze für die Unsicherheit sind demnach eine instabile Wirtschaftslage, der Aufstieg von KI in nahezu alle Berufsfelder, politische Krisen und der generelle Druck, nach dem Studium sofort den passenden Job finden zu müssen. Der Artikel verdeutlicht zudem, dass nur wenige Studierende die Beratungsangebote der Universität nutzen und Orientierung vor allem dann entsteht, wenn man früh Praxiserfahrung sammelt und selbst aktiv wird.


Das Jurastudium gilt als ein Fach mit klaren Berufsperspektiven. Wie sich das für jemanden anfühlt, der gerade mittendrin steckt, erzählt Levent Bingöl in einem Interview. Seit drei Jahren studiert er in Greifswald, engagiert sich bei ELSA (European Law Students’ Association) und wollte bereits zu Beginn seines Studiums ins Auswärtige Amt. Wichtig sei ihm, sich den späteren beruflichen Weg grundsätzlich offenzuhalten, denn bis zum Zweiten Staatexamen seien es noch ganze vier Jahre, in denen insgesamt viel passieren kann. Als Backup für seinen Berufswunsch beim Auswärtigen Amt bleibe ihm Anwalt oder Richter, sowie Medienrecht in den Rechtsabteilungen von Rundfunk- oder Medienanstalten. Im Jura-Studium selbst gebe es generell einen eher geringen Praxisbezug, denn Praktika, Moot Courts und Netzwerke müsse man sich selbst suchen. Seine berufliche Unsicherheit habe vor allem mit der Frage zu tun, wie die Welt in vier Jahren aussieht. Zentral sei dabei die Entwicklung und Einbindung von KI in den Berufsalltag. Seine Antwort darauf: Man muss lernen mit KI umzugehen, statt sie als berufliche Konkurrenz anzusehen.

Das vollständige Interview mit Levent Bingöl findet ihr hier:

m.m: Warum hast du dich ursprünglich für ein Jurastudium entschieden und mit welchen Vorstellungen bist du ins Studium gestartet?
Levent: Nach dem Abitur stand ich erst einmal da und habe mich gefragt: Was tut man jetzt? Mir war relativ schnell klar, dass ich studieren möchte, einfach weil ich Lust hatte, mich noch ein bisschen in Hörsäle zu setzen. Dann begann die Suche: Was möchte ich später machen, was möchte ich studieren? So ist Jura in den Blick geraten, vor allem weil ich die Idee hatte, zum Auswärtigen Amt zu gehen. Dort hieß es, tendenziell nehme man alle, bevorzugt suche man aber Juristen und Wirtschaftswissenschaftler. Wirtschaftswissenschaften waren nie eine Option, und da ich mit Jura ohnehin schon geliebäugelt hatte, war das der ausschlaggebende Faktor dann.

m.m: Hast du inzwischen eine konkrete Vorstellung davon, was du nach dem Studium machen möchtest, oder lässt du dir noch verschiedene Möglichkeiten offen?
Levent: Wie gesagt, das Auswärtige Amt war die Idee, mit der ich das Studium begonnen habe. Sie steht auch noch, aber inzwischen ist mir klar geworden, was alles möglich ist. Ich brauche noch zwei Jahre bis zum ersten Staatsexamen und dann noch einmal zwei Jahre bis zum zweiten. Wirklich fertig bin ich also in vier Jahren. Da ich erst seit drei Jahren studiere, bin ich, wenn man den Zeitraum bis zum zweiten Staatsexamen nimmt, noch nicht einmal bei der Hälfte. Mir ist deshalb klar, dass ich mich vielleicht noch stark weiterentwickle, und diese Offenheit will ich mir selbst zugestehen. Wenn ich in drei oder vier Jahren Lust habe, doch Richter oder Strafverteidiger zu werden, dann geht es eben in diese Richtung. Da bin ich entspannt.

m.m: Machst du dir Gedanken darüber, später keinen passenden Job zu finden, und wenn ja, was genau bereitet dir dabei Sorgen?
Levent: Eine Sorge, die das Jurastudium und gerade auch das spätere Berufsfeld begleitet, ist, dass sich zumindest für Berufseinsteiger alles sehr auf das Staatsexamen konzentriert. Ein erfolgreicher Studienabschluss setzt dieses Examen schlicht voraus. Auch das Bestehen ist nicht garantiert, aber das ist nicht die größte Sorge, die mich umtreibt. Wenn die Examensnote nicht
gut genug ist, verschließt das allerdings viele Türen. Die Sorge, arbeitslos zu werden, hat man nicht, wenn man das erste und das zweite Staatsexamen geschafft hat. Aber wenn man wirklich möchte, dass einem alle Türen offen stehen, muss man ein gutes Staatsexamen schreiben. Das erzeugt durchaus Druck und ist vielleicht auch die größte Sorge: dass das Ergebnis nicht so gut
ist, wie man es sich selbst erhofft. Man muss einfach immer weitermachen. Ich glaube, man kann es schaffen. es ist natürlich sehr zeitaufwendig, aber es geht auf jeden Fall. Ich hänge mich hinein und bin überzeugt: Wenn man sich hinsetzt, kriegt man das hin.

m.m: Wie gut fühlst du dich durch das Jurastudium auf das tatsächliche Berufsleben vorbereitet? Fehlt dir dabei Praxisbezug oder Berufsorientierung?
Levent: Ja, mit der Frage bist du bei mir direkt am richtigen Ansprechpartner gelandet, nein. Das Erste, was ich mir immer denke, ist vielleicht eine idealisierte Vorstellung, aber ich wünsche mir, dass man etwas studiert, das einem schon im Studium selbst Freude bereitet. Praxisbezug und das Gefühl, gut auf das Berufsleben vorbereitet zu sein, sind für mich eher ein Add-on. Ich sage: Studiert bitte etwas, das euch schon beim Studieren wirklich Freude macht. Ich weiß, dass das gerade bei Jura oft anders ist und viele nicht studieren, weil sie richtig Lust haben, fünf Jahre lang Gesetzestexte zu lesen, sondern weil sie dahin wollen, wo man mit Jura hinkommt.
Wir haben verpflichtende Praktika: drei Monate, was in der Regel auf drei Praktika hinausläuft. Wie gut sie auf das spätere Berufsleben vorbereiten, hängt sehr davon ab, was man daraus macht. Man darf sie überall absolvieren, wo ein Volljurist arbeitet. Wenn man drei Monate lang zur Anwaltskanzlei um die Ecke in Greifswald geht, sieht man vermutlich relativ wenig davon, was alles möglich ist. Wenn man sich aber die Mühe macht, auch ungewöhnliche Praktikumsstellen zu suchen oder verschiedene zu machen, kann man durchaus Einblicke gewinnen. Inhaltlich ist das Jurastudium sehr theoretisch. Bis zum ersten Staatsexamen lernen wir fast nur theoretisches Recht und haben kaum etwas damit zu tun, was man in der Praxis macht. Zu lernen, wie man einen Schriftsatz schreibt, kommt im Pflichtprogramm überhaupt nicht vor. Solche Fähigkeiten muss man sich in Eigeninitiative zusätzlich beibringen. Die Möglichkeiten gibt es, aber man wird nicht dazu gezwungen.
Ich persönlich habe noch keine Praktika gemacht. Ich habe dennoch schon praktische Erfahrung gesammelt – „praktisch“ in Anführungszeichen: Ich habe an einem Moot Court, also einer Prozesssimulation, teilgenommen. Das sind Gelegenheiten, bei denen man sich Fähigkeiten aneignen kann, etwa wie man wirklich einen Schriftsatz schreibt. Das ist auch gut. Kontakte sind
in Jura das A und O; ein gutes Netzwerk ist Gold wert. Dafür sollte man die Praktika nutzen, und je nachdem, wie groß und namhaft sie sind, auch Moot Courts. Aus meiner Sicht spielt all das eine große Rolle für die berufliche Orientierung. Man muss es sich aber größtenteils proaktiv selbst suchen, es ist sehr viel Eigeninitiative gefragt.

m.m: Welche Auswirkungen erwartest du durch Künstliche Intelligenz auf juristische Berufe und auf deine eigenen beruflichen Chancen?
Levent: KI ist ein großes Thema bei uns. Wir merken das im Studium, aber auch im Berufsalltag. Letzte Woche war ich erst bei einem Workshop, den eine Kanzlei veranstaltet hat und in dem sie berichtet hat, was sie mit KI macht. Nach dem, was sie derzeit tun, habe ich noch keine Sorge, dass KI uns Anwälte irgendwann ersetzen wird; die Kanzlei setzt sie eher unterstützend ein. Andererseits hat sie klar gesagt, dass sie sich derzeit fast monatlich nach den neuesten KI-Modellen und -Produkten am Markt umschaut. Daran, dass sie jeden Monat neu prüft, welche Produkte sie nutzen will, sieht man schon, wie schnell sich das entwickelt.
Deshalb versuche ich, so viel wie möglich aus dem Studium mitzunehmen. Aber in vier Jahren bin ich fertig, und was die KI bis dahin mit unserem Beruf gemacht haben wird, kann ich mir nicht anmaßen zu beurteilen. Ich kann hoffen, dass es uns dann noch braucht. Um ehrlich zu sein: Wissen kann ich es nicht.

m.m: Welche beruflichen Wege außerhalb der klassischen juristischen Berufe, etwa Unternehmen, NGOs, Politik oder Beratung, könntest du dir für dich vorstellen?
Levent: Das ist das Gute: Juristen werden eigentlich immer und überall gesucht. Du hast es schon gesagt, NGOs stellen Juristen ein. Letztendlich braucht alles juristische Beratung. Unternehmens-Juristerei finde ich ganz schrecklich, aber das ist vielleicht eine persönliche Vorliebe. Was ich mir gut vorstellen kann, ist Medienrecht, und zwar in der Rechtsabteilung von Rundfunk- oder Medienanstalten. Das ist eine Option, die vielleicht auch nicht ganz klassisch ist. Ansonsten bin ich mit dem Auswärtigen Amt vielleicht ohnehin schon auf einem nicht ganz so klassischen Pfad. Wenn es damit nichts wird, bleibe ich persönlich vermutlich eher auf dem klassischen Weg. Das muss aber nichts heißen, denn mit Jura kann man tatsächlich ganz viel machen.

m.m: Wenn du heute an deinen Studienabschluss denkst: Überwiegt bei dir eher Vorfreude auf das Berufsleben oder Unsicherheit – und was könnte dir dabei mehr Sicherheit geben?
Levent: Das ist eine gute Frage. Ich habe es vorhin schon gesagt: Ich studiere gerne, was ich studiere. Ich mache das nicht nur, weil ich am Ende den Abschluss haben will, sondern es macht mir tatsächlich Freude. Es ist also nicht so, dass ich meinem Studienabschluss entgegenfiebere und die ganze Zeit denke: „Hoffentlich habe ich bald den Abschluss und kann endlich
arbeiten.“ Ob Unsicherheit überwiegt, weiß ich nicht. Es ist schon eine Unsicherheit da, die ich aber weniger auf Jura im Speziellen zurückführe. Wie wir vorhin bei der KI besprochen haben, ist es eher eine generelle Unsicherheit: Wie sieht die Welt in vier Jahren überhaupt aus?
Was mir mehr Sicherheit geben könnte? Ich fürchte, die bittere Wahrheit ist, dass es zurzeit ganz schwierig ist, Sicherheit zu erzeugen. Was an unserer Fakultät meiner Meinung nach noch ein bisschen vernachlässigt wird, ist der Umgang mit KI. Wobei mir gerade beim Sprechen einfällt, dass ich unsere Fakultät in Schutz nehmen muss: Eine der letzten Hausarbeiten in diesem Semester war tatsächlich eine ganz andere Aufgabe, bei der es explizit darum ging, KI anzuwenden. Wir haben ein KI-generiertes Gutachten bekommen, und unsere Aufgabe war es, dieses zu korrigieren, also einzuschätzen, welche Bewertungen richtig und welche falsch sind. Ich finde es sehr cool, dass unsere Fakultät bereit ist, diesen Schritt zu gehen. Und ich glaube, genau das kann uns Studierenden Sicherheit geben: zu lernen, mit der KI umzugehen und sie als Hilfe statt als Konkurrenz anzuerkennen.

m.m: Bist du eigentlich bei ELSA Greifswald aktiv oder Mitglied bei ELSA? Und wenn ja, spielt ELSA für deine berufliche Orientierung eine Rolle?
Levent: Wir veranstalten vor allem Moot Courts. Bisher richten wir einen Zivilrechts-Moot- Court aus, dazu soll jetzt auch noch ein Strafrechts-Moot-Court kommen. Das Schöne daran ist, dass wir ihn zwar in Greifswald veranstalten, das Gewinnerteam aus Greifswald aber, weil wir einen Dachverband haben, ELSA Deutschland, zum Nationalentscheid fahren darf. Dort tritt es
auf nationaler Ebene gegen die besten Teams der anderen Fakultäten an. Für die Berufsorientierung ermöglichen wir noch etwas, das sehr cool ist, und auch dafür sind wir auf unseren Dachverband angewiesen, in diesem Fall sogar auf ELSA Europa: Wir
vermitteln Praktikumsstellen, und zwar auch international. Da wir Fakultätsgruppen in allen europäischen Ländern haben, verfügen wir über einen sehr großen Pool an Praktikumsstellen, aus dem wir schöpfen können. Das eröffnet natürlich ganz viele Möglichkeiten. Und hier sind wir wieder bei dem, was ich vorhin angerissen hatte: Man muss sich Eigeninitiative-Plätze selbst
suchen, aber ELSA macht das relativ leicht. Es ist möglich, auch mal im Ausland zu schauen. Zu bedenken ist nur: Wenn man sich ein Praktikum im Ausland anrechnen lassen möchte, muss man das vorher mit der Fakultät absprechen, damit sie es auch wirklich anerkennt. Möglich ist es aber über ELSA. Ich denke, man kann das sehr gut nutzen, um sich berufsorientierend weiterzubilden,
wenn man das möchte.

m.m: Ich bedanke mich sehr herzlich für das Gespräch.
Levent: Sehr gerne.


Interview vom 28.09.2026; Interviewer: Matteo Strauss; Danke an Levent Bingöl für die Einblicke!

Guess who’s back: Uni im Rathaus!

Guess who’s back: Uni im Rathaus!

2006 fand die erste Vortragsreihe „Universität im Rathaus“ statt, heißt es auf der Website der Universität Greifswald. Seitdem stellen Wissenschaftler*innen aus Greifswald im Bürgerschaftssaal ihre jeweiligen Arbeiten vor – aber nicht im klassischen Uniformat, sondern auf eine Weise, die allgemeinverständlich ist und kein Fachwissen erfordert. So können vor allem Nicht-Studierende einen Einblick in die Strukturen der Universität erlangen. Und das völlig umsonst!

Diesen Montag um 17 Uhr wird wieder der Beginn der alljährlichen Vortragsreihe „Universität im Rathaus“ eingeläutet. Unter dem Hashtag #wissenlocktmich … zur Universität Greifswald werden ab jetzt jeden Monat Greifswalder Wissenschaftler*innen von Oktober bis Ende Januar ihre Forschung und Forschungsergebnisse vorstellen. Dabei soll der Fokus vor allem darauf liegen, die Verbundenheit zwischen der Universität und den Bewohner*innen Greifswalds und Umland zu stärken, sowie Wissen allgemeinverständlich an alle zu vermitteln, die sich für Wissen und Wissenschaft begeistern.

Die Vortragsreihe findet auch in diesem Jahr im Bürgerschaftssaal des Rathauses statt – ein Symbol dafür, dass Forschung und Wissen nicht in den eigenen vier Wänden der Uni verbleiben, sondern Wirtschaft, Leben, Kultur und soziales Engagement auch in der Stadt stark prägt. Zudem ist der Zugang barrierefrei und somit für jede Person erreichbar, die Lust hat, vorbeizukommen. Und wer spontan Zeit hat, muss nicht bangen – eine Anmeldung ist vorher nicht nötig, ebenso wenig wie Eintrittsgeld, da die Vortragenden auf ein Honorar verzichten und die Stadt den Saal kostenfrei zur Verfügung stellt. Organisiert wird das Ganze von der Universitäts- und Hansestadt sowie der Universität Greifswald.

Dies sind die angekündigten Vorträge:

Am 16.10.2023: Ein Baustein der Verkehrswende: die Förderung des Radverkehrs – hier stehen die Möglichkeiten, nach geltendem Recht den Radverkehr zu fördern, im Mittelpunkt. Insbesondere soll es um die Frage gehen, ob und wie die Aufteilung der Straße auf verschiedene Nutzende neu gestaltet werden kann. Vortragender ist Prof. Dr. jur. Michael Sauthoff.

Am 13.11.2023: Sind medizinische Untersuchungen immer hilfreich? Diagnostik kann auch schaden! Vortragender ist Prof. Dr. rer. med. habil. Dr. phil. Carsten Oliver Schmidt.

Am 11.12.2023: Körpermodelle im Gehirn – fundamental, flexibel und fragil. In diesem Vortrag stellt sich vor allem die Frage nach der Funktion und Anpassung des Gehirns, ein „eigenes“ – stabiles – Körpermodell zu erstellen, welches sich flexibel an Umstände wie z.B. Veränderungen der Umwelt anzupassen vermag. Und wo liegen die Grenzen bei diesen neuronalen Körpermodellen? Vortragender ist Prof. Dr. Jakub Limanowski.

Am 08.01.2024: Ernst Troeltsch und die umstrittene Modernität des Christentums. Vortragender ist Prof. Dr. theol. Tobias Braune-Krickau.

Am 22.01.2024: Die Prinzessinnenbibliothek. Eine schwedisch-preußische Geschichte über Kulturaustausch, mächtige Frauen und die Welt der Bücher. Vortragender ist Prof. Dr. phil. Clemens Räthel.

Es gibt leider bisher noch nicht zu allen Vorträgen genauere Informationen. Checkt gern regelmäßig die Uni-Website zu Universität im Rathaus nach Neuigkeiten.

Was? Universität im Rathaus
Wann? Jeweils montags, um 17 Uhr
Wo? Bürgerschaftssaal des Rathauses (am Markt)
Sonstiges? Eintritt ist frei, Anmeldung vorher nicht nötig, Zugang ist barrierefrei

Beitragsbild: Juli Böhm

Streicht nicht die Ruhetage!

Streicht nicht die Ruhetage!

Sechs Prüfungen, jeweils fünf Stunden lang. In neun Tagen. Das schreit schon nach viel Stress. Immerhin gibt es hier in MV im juristischen Staatsexamen ja einen Ruhetag. Anderswo sind es sogar zwei. Aber gerade diese sollen jetzt ersatzlos gestrichen werden. Wieso die Ruhetage abgeschafft werden sollen und warum das keine gute Idee ist, erfahrt ihr hier. Ein Kommentar.

Der Anfang vom Ende der Ruhetage

Aber von Anfang an. Was ist überhaupt passiert? Im Mai 2022 beschließen die Justizprüfungsämter die Streichung der Ruhetage. Das soll zunächst schrittweise erfolgen. Im Übrigen wird das Ganze jetzt erst kritisiert, weil das erst im Januar bekanntgegeben wurde. Ganze acht Monate später. Warum das nicht die beste Idee ist, wird klar, wenn man sich den Ablauf der Prüfungen einmal genauer anschaut. Im MV gibt der vorläufige Terminplan des ersten Staatsexamens darüber genauere Informationen. Wie oben bereits beschrieben, müssen sechs Prüfungen über jeweils fünf Stunden absolviert werden. Das Ganze wird sich (zumindest vorläufig) über einen Zeitraum von neun Tagen strecken. Neun Tage deshalb, weil es einen Ruhetag in der Woche gibt und an Wochenenden keine Prüfungen geschrieben werden. Trotzdem schreit das förmlich nach Stress und vor allem einer Sehnenscheidenentzündung. Nicht unüblich ist deshalb sogar, dass Examenskandidat*innen während der Prüfungen unter dem Druck zusammenbrechen, wegen einer Sehnenscheidenentzündung die Prüfungen abbrechen müssen oder sich unter Schmerzmitteln und mit Handgelenksbandagen in die Prüfungen quälen. Ein beängstigender Zustand.

Baden-Württemberg bringt den Stein ins Rollen

Der gesamte Umstand der gestrichenen Ruhetage beruht darauf, dass das Landesjustizministerium Baden-Württemberg beschloss, dass die Ruhetage, von denen es zwei gibt, für den Prüfungsdurchgang im Herbst 2023 auf einen gekürzt und dann im darauffolgenden Durchgang komplett gestrichen werden sollen. Erst später wird klar, dass alle Bundesländer, die am sogenannten Ringtausch beteiligt sind, dies beschlossen haben. Also alle bis auf Bayern. Der Freistaat macht sein eigenes Ding. Im Übrigen schon heute ohne Ruhetage zwischen den Prüfungen. Aber zurück nach Baden-Württemberg. Hier werden die Ruhetage aus einem Grund gestrichen, von dem ich persönlich im ersten Moment dachte, dass ich hier auf den Arm genommen werde. Es liegt an der Organisation. Hier fragt man sich jetzt, was das genau bedeutet. Das ist einfach, aber auch unverständlich. Es ist nämlich üblich, dass zu den Examensprüfungen die Prüfungsräume von privaten Trägern angemietet werden. Auch soll es nach einer Auskunft der Pressesprecherin des Justizministeriums von Baden-Württemberg gegenüber jurios.de darum gehen, geeignete Räume leichter zu finden. Hier stellen sich für mich Fragen. Haben die Universitäten in Baden-Württemberg keine geeigneten Räume oder benötigt es besondere Anforderungen, damit ein Raum geeignet ist, um das Examen dort schreiben zu können? Aber wäre es nicht auch bedeutend billiger gewesen, wenn man diese Räume selbst geschaffen hätte? Und wie haben die vorher ihre Prüfungen geschrieben? An dieser Stelle möchte ich festhalten, dass mir sehr wohl bewusst ist, dass es organisatorisch nicht ganz einfach ist, die Räume, wenn vorhanden, für einen so langen Zeitraum „aus dem Verkehr zu ziehen“. Allerdings finden die Examensprüfungen auch nicht von heute auf morgen statt. Eine angenehmere Lösung für die Examenskandidat*innen wäre möglich gewesen.

Chancengleichheit im Examen

Man könnte jetzt ja auch auf die Idee kommen, dass das ein Problem von Baden-Württemberg ist und alle anderen nicht betroffen sind. Allerdings ist hier Chancengleichheit ein zentrales Thema. Und auch richtig und wichtig. Es werden schon Nachteile geschaffen, wenn beispielsweise in Hamburg die Examensprüfung einen oder sogar zwei Ruhetage beinhaltet, es in Baden-Württemberg aber keine Ruhetage gibt. Dafür habe ich auch Verständnis, aber die Begründung mit Organisationsschwierigkeiten finde ich persönlich nicht nachvollziehbar.

Chancengleichheit begegnet einem im Examenskontext aber auch in einem anderen Zusammenhang, der hier nicht ganz unwichtig ist. Das E-Examen. Hört sich fancy an, ist aber letztendlich nur die Möglichkeit, das Examen am PC oder Laptop zu tippen, statt beispielsweise 25 Seiten handschriftlich zu verfassen. Auch hier muss dann der PC oder Laptop gestellt werden, da es nicht der Chancengleichheit entspricht, wenn zum Beispiel die Bildschirme unterschiedlich groß sind oder die Technik unterschiedlich alt ist. Das E-Examen soll aber nur als Wahl angeboten werden. Es soll also weiterhin möglich sein, auch mit Stift und Papier die Prüfung anzugehen. Besonders interessant ist aus meiner Sicht auch zu sehen, dass es bei dem E-Examen keine einheitliche Route gibt, bei der Streichung der Ruhetage aber die Organisationschwierigkeiten sowie die Chancengleichheit als Begründung für die Streichung angeführt werden.

Widerstand der Fachschaften

Ich steh mit meiner Meinung aber nicht alleine da. Es gibt eine Petition, welche vom Bundesverband der rechtswissenschaftlichen Fachschaften initiiert wurde. Diese verzeichnet 14.875 Unterschriften (Stand: 14.04. um 10:49 Uhr). Gefordert werden unter anderem die Rücknahme des Beschlusses zur Streichung der Ruhetage und auch Reformen, die das Examen betreffen. Die Fachschaft Jura unserer Uni unterstützt diese Petition übrigens ebenfalls. Aber es sind nicht nur die Studierenden, die sich gegen den Beschluss wehren. So hat sich der akj Freiburg in einer gemeinsamen Stellungnahme mit den kritischen Jurist*innen Heidelberg gegen den Beschluss ausgesprochen.

Eine letzte Bemerkung

Die Streichung der Ruhetage ist bedauernswert und wäre aus meiner Sicht bei ein wenig mehr Weitsicht der Politik zu vermeiden gewesen. Hätte man sich eher um eigene Räume bemüht und sich nicht von privaten Trägern abhängig gemacht, stünde man jetzt besonders in Baden-Württemberg nicht vor derartigen Problemen mit der Organisation. Ich hätte für eine Streichung der Ruhetage Verständnis gehabt, wenn diese mit Verweis auf die einheitliche Einführung des E-Examens geschehen wäre. Hier ist dann die körperliche Belastung deutlich geringer, wenn die Prüfungen getippt und nicht mehr als 20 Seiten handschriftlich geschrieben werden müssen. Allerdings gibt es bei dem E-Examen auch noch keine einheitliche Route, geschweige denn einen wirklichen Plan. Außerdem ist dann wieder das Problem, dass die Technik wohl von externen Firmen gestellt wird. Hier begibt man sich also wieder in eine Abhängigkeit von privaten Dienstleister*innen. Wohin das führen kann, ist ja schon bei den Prüfungsräumen ersichtlich geworden. Auch ist die Art und Weise, wie der gesamte Vorgang kommuniziert wurde und bis heute kommuniziert wird, aus meiner Sicht ein Armutszeugnis. Eine so weitreichende Entscheidung zu treffen und diese über ein halbes Jahr später erst bekanntzugeben, ist dem Umstand nicht würdig. Besonders aber auch, dass diese Entscheidung getroffen wurde, ohne auch nur ein Wort mit den Fachschaften oder zumindest der Bundesfachschaft zu wechseln. Hier ist die Kommunikation doch deutlich auf der Strecke geblieben. So wird jetzt in erster Linie die körperliche und geistige Belastung der Examenskandidat*innen unnötig gesteigert, obwohl diese ohnehin schon extrem hoch ist.

Beitragsbild: Scott Graham auf Unsplash

Uni im Rathaus. Wie ist Studieren eigentlich?

Uni im Rathaus. Wie ist Studieren eigentlich?

…fragen sich wohl vor allem Nicht-Studierende. Doch um eine Antwort auf diese Frage zu bekommen, müsst ihr euch nicht umständlich immatrikulieren lassen, den Semesterbeitrag zahlen und dann auch noch am Ende des Semesters nervige Prüfungen schreiben. Stattdessen könnt ihr ganz einfach in den kommenden Wochen dem Rathaus einen Besuch abstatten.

#wissenlocktmich … zur Universität Greifswald – so der Slogan, um auf die Vortragsreihe, welche in den kommenden Wochen und Monaten im Greifswalder Rathaus stattfinden soll, aufmerksam zu machen. Ziel ist es, eine Brücke zwischen der Universität und den Greifswalder Einwohner*innen zu schlagen. Dazu haben Uni und Stadt gemeinsam ein breites Angebot an Vorträgen vorbereitet, in denen Wissenschaftler*innen und Expert*innen ihre Arbeit und Forschungsergebnisse allen Interessierten verständlich vermitteln möchten.

Barrierefreiheit spielt für die Organisator*innen aber nicht nur im Sinne der Verständlichkeit der Vorträge eine Rolle, sondern insbesondere auch bei der Raumplanung der Veranstaltungsreihe: Alle Vorträge finden im Bürgerschaftssaal des Rathauses statt, welcher barrierefrei zu erreichen ist und ohne vorherige Anmeldung allen, die neugierig sind und etwas Neues lernen wollen, offen steht. Die Referent*innen verzichten dabei auf ein Honorar und die Stadt stellt den Saal kostenfrei zur Verfügung, wodurch das Event für die Besucher*innen keinen Eintritt kostet.

Der Auftakt erfolgt dabei bereits diesen Montag, am 24. Oktober, mit Prof. Dr. Torsten Haberzettl und dem Thema „Umweltforschung auf dem Dach der Welt“. Inhaltlich soll es dabei um die Region Tibet gehen und warum diese für einen Großteil der Wasserversorgung Asiens verantwortlich ist.

Weiter geht es am 7. November mit einem Vortrag von Dr. Farid Suleiman zum Thema „Schuld und Sühne in islamischer Perspektive“, welcher sich vor allem mit dem Begriff der Sünde und seiner Bedeutung auseinandersetzen wird.

Daraufhin folgt am 28. November Prof. Dr. Kathrin Mahlau, die einen Vortrag zum Thema „Umsetzung einer inklusiven Schule“ halten wird. Nicht alle Schüler*innen und Schüler lernen auf die gleiche Art und Weise, was neue Modelle zur gerechten Förderung aller erfordert.

Nach dem ersten Advent, am 5. Dezember, folgt ein Vortrag von Prof. Dr. Olaf Hohmann mit dem Titel „Vergeltung, Abschreckung, Besserung, Schutz vor dem Täter?“ und der Frage ob die Bestrafung von Vergehen der Gerechtigkeit oder der Abschreckung dienen soll.

Zu guter Letzt beendet Prof. Dr. Andreas Stahl die Reihe am 9. Januar 2023 mit einem Vortrag zum Thema „Häufige Augenerkrankungen“. Das Sehen ist ein essentieller Sinn des Menschen, was es umso interessanter und wichtiger macht, diesen zu erhalten und Erkrankungen in einer immer älter werdenden Gesellschaft vorzubeugen.

Alle Vorträge finden jeweils am Montag um 17:00 Uhr im Bürgerschaftssaal im Rathaus (am Markt) statt. Der Eingang ist schräg gegenüber vom Hugendubel. Wer von euch etwas detailliertere Informationen für die jeweiligen Vorträge erhalten möchte, kann auf der Internetseite der Uni Greifswald vorbeischauen.

Beitragsbild: Juli Böhm

Unruhe an der Uni – Demonstration gegen Ralph Weber

Unruhe an der Uni – Demonstration gegen Ralph Weber

Am Dienstag, den 02.11., soll um 11 Uhr vor dem alten Audimax in der Rubenowstraße gegen die Rückkehr des Rechtsprofessors Ralph Weber und damit einhergehend gegen rechtes Gedankengut an der Universität demonstriert werden.

Am letzten Sonntag haben wir euch im Vorfeld der kontroversen Rückkehr des Rechtsprofessors in einem Artikel die Hintergründe zusammengefasst. Nach Ende seiner Amtszeit für die AfD im Landtag Mecklenburg-Vorpommerns soll Ralph Weber nun wieder an der Universität lehren dürfen. Diese Entscheidung sorgte vor allem unter der Studierendenschaft für Bedenken, da Weber in seiner Zeit für die AfD als rechtsaußen galt und auch in seiner Arbeit an der Universität Greifswald vermehrt auffiel, unter anderem durch das Tragen von Thor Steinar Kleidung oder das Einladen eines Reichsbürgers als Referenten in einer Vorlesung. In politischen Reden und Beiträgen auf Sozialen Medien machte Weber außerdem wiederholt von rassistischer und anderweitig diskriminierender Sprache Gebrauch, die Studierende auch in seinem Lehrbetrieb befürchten.

Um den Sorgen der Studierenden nun Ausdruck zu verleihen, plant das Kollektiv Uni ohne Nazis, welches es sich zum Ziel gemacht hat, rechtes Gedankengut und Ideologien aufzudecken, eine Demonstration gegen den Rechtsprofessor. Das Kollektiv arbeitet für die Demonstration zusammen mit den Gruppen Unteilbar MV und Greifswald für alle. Uni ohne Nazis hat sich bereits vor 7 Jahren gegen Ralph Weber aufgrund seiner politischen und ideologischen Denkweisen ausgesprochen.

„Wir als Kollektiv haben die 2014 gegründete Initiative ‚Uni ohne Nazis‘ neu aufleben lassen, weil wir heute wie damals für Offenheit und gegen rechtes Gedankengut sind.“
– Laura S., Mitorganisatorin des Kollektivs

Die Kundgebung ist auf kommenden Dienstag, den 02.11, in der Rubenowstraße 1 vor dem alten Audimax um 11 Uhr angesetzt. Das ist am gleichen Tag, an dem die erste Vorlesung von Prof. Weber (12 bis 14 Uhr) stattfinden wird. Geplant sind diverse Redebeitäge, die den Fokus auf die Vielfalt unserer Uni und das Ablehnen rechten Gedankengutes legen.

Zu diesem Anlass wird die gesamte Rubenowstraße (ja, die ganzen 235 Meter) abgesperrt sein. Die Polizei wird auch vor Ort sein und für die die nötige Sicherheit sorgen, da mit mehreren hundert Anwesenden gerechnet wird.

Das Wichtigste auf einen Blick:

Was? Kundgebung zu Ralph Weber
Wann? Dienstag, 02.11.2021, 11 Uhr
Wo? Rubenowstraße, vor dem alten Audimax

Beitragsbild: Annica Brommann