Staatsexamen, Praktika, Berufseinstieg: All das liegt für Jura-Erstis in weiter Ferne. Trotzdem lohnt sich ein früher Ausblick auf das Thema. In der Oktober-Ausgabe zum Wintersemester 2026/27 des moritz.magazin beschäftigt sich der Artikel „Was kommt nach dem Abschluss?“ mit der Frage, warum sich Studierende sorgen um ihre Zukunft machen, obwohl die Arbeitslosenquote unter Akademiker*innen tatsächlich gerade einmal bei 3,3 Prozent liegt. Mögliche Erklärungsansätze für die Unsicherheit sind demnach eine instabile Wirtschaftslage, der Aufstieg von KI in nahezu alle Berufsfelder, politische Krisen und der generelle Druck, nach dem Studium sofort den passenden Job finden zu müssen. Der Artikel verdeutlicht zudem, dass nur wenige Studierende die Beratungsangebote der Universität nutzen und Orientierung vor allem dann entsteht, wenn man früh Praxiserfahrung sammelt und selbst aktiv wird.


Das Jurastudium gilt als ein Fach mit klaren Berufsperspektiven. Wie sich das für jemanden anfühlt, der gerade mittendrin steckt, erzählt Levent Bingöl in einem Interview. Seit drei Jahren studiert er in Greifswald, engagiert sich bei ELSA (European Law Students’ Association) und wollte bereits zu Beginn seines Studiums ins Auswärtige Amt. Wichtig sei ihm, sich den späteren beruflichen Weg grundsätzlich offenzuhalten, denn bis zum Zweiten Staatexamen seien es noch ganze vier Jahre, in denen insgesamt viel passieren kann. Als Backup für seinen Berufswunsch beim Auswärtigen Amt bleibe ihm Anwalt oder Richter, sowie Medienrecht in den Rechtsabteilungen von Rundfunk- oder Medienanstalten. Im Jura-Studium selbst gebe es generell einen eher geringen Praxisbezug, denn Praktika, Moot Courts und Netzwerke müsse man sich selbst suchen. Seine berufliche Unsicherheit habe vor allem mit der Frage zu tun, wie die Welt in vier Jahren aussieht. Zentral sei dabei die Entwicklung und Einbindung von KI in den Berufsalltag. Seine Antwort darauf: Man muss lernen mit KI umzugehen, statt sie als berufliche Konkurrenz anzusehen.

Das vollständige Interview mit Levent Bingöl findet ihr hier:

m.m: Warum hast du dich ursprünglich für ein Jurastudium entschieden und mit welchen Vorstellungen bist du ins Studium gestartet?
Levent: Nach dem Abitur stand ich erst einmal da und habe mich gefragt: Was tut man jetzt? Mir war relativ schnell klar, dass ich studieren möchte, einfach weil ich Lust hatte, mich noch ein bisschen in Hörsäle zu setzen. Dann begann die Suche: Was möchte ich später machen, was möchte ich studieren? So ist Jura in den Blick geraten, vor allem weil ich die Idee hatte, zum Auswärtigen Amt zu gehen. Dort hieß es, tendenziell nehme man alle, bevorzugt suche man aber Juristen und Wirtschaftswissenschaftler. Wirtschaftswissenschaften waren nie eine Option, und da ich mit Jura ohnehin schon geliebäugelt hatte, war das der ausschlaggebende Faktor dann.

m.m: Hast du inzwischen eine konkrete Vorstellung davon, was du nach dem Studium machen möchtest, oder lässt du dir noch verschiedene Möglichkeiten offen?
Levent: Wie gesagt, das Auswärtige Amt war die Idee, mit der ich das Studium begonnen habe. Sie steht auch noch, aber inzwischen ist mir klar geworden, was alles möglich ist. Ich brauche noch zwei Jahre bis zum ersten Staatsexamen und dann noch einmal zwei Jahre bis zum zweiten. Wirklich fertig bin ich also in vier Jahren. Da ich erst seit drei Jahren studiere, bin ich, wenn man den Zeitraum bis zum zweiten Staatsexamen nimmt, noch nicht einmal bei der Hälfte. Mir ist deshalb klar, dass ich mich vielleicht noch stark weiterentwickle, und diese Offenheit will ich mir selbst zugestehen. Wenn ich in drei oder vier Jahren Lust habe, doch Richter oder Strafverteidiger zu werden, dann geht es eben in diese Richtung. Da bin ich entspannt.

m.m: Machst du dir Gedanken darüber, später keinen passenden Job zu finden, und wenn ja, was genau bereitet dir dabei Sorgen?
Levent: Eine Sorge, die das Jurastudium und gerade auch das spätere Berufsfeld begleitet, ist, dass sich zumindest für Berufseinsteiger alles sehr auf das Staatsexamen konzentriert. Ein erfolgreicher Studienabschluss setzt dieses Examen schlicht voraus. Auch das Bestehen ist nicht garantiert, aber das ist nicht die größte Sorge, die mich umtreibt. Wenn die Examensnote nicht
gut genug ist, verschließt das allerdings viele Türen. Die Sorge, arbeitslos zu werden, hat man nicht, wenn man das erste und das zweite Staatsexamen geschafft hat. Aber wenn man wirklich möchte, dass einem alle Türen offen stehen, muss man ein gutes Staatsexamen schreiben. Das erzeugt durchaus Druck und ist vielleicht auch die größte Sorge: dass das Ergebnis nicht so gut
ist, wie man es sich selbst erhofft. Man muss einfach immer weitermachen. Ich glaube, man kann es schaffen. es ist natürlich sehr zeitaufwendig, aber es geht auf jeden Fall. Ich hänge mich hinein und bin überzeugt: Wenn man sich hinsetzt, kriegt man das hin.

m.m: Wie gut fühlst du dich durch das Jurastudium auf das tatsächliche Berufsleben vorbereitet? Fehlt dir dabei Praxisbezug oder Berufsorientierung?
Levent: Ja, mit der Frage bist du bei mir direkt am richtigen Ansprechpartner gelandet, nein. Das Erste, was ich mir immer denke, ist vielleicht eine idealisierte Vorstellung, aber ich wünsche mir, dass man etwas studiert, das einem schon im Studium selbst Freude bereitet. Praxisbezug und das Gefühl, gut auf das Berufsleben vorbereitet zu sein, sind für mich eher ein Add-on. Ich sage: Studiert bitte etwas, das euch schon beim Studieren wirklich Freude macht. Ich weiß, dass das gerade bei Jura oft anders ist und viele nicht studieren, weil sie richtig Lust haben, fünf Jahre lang Gesetzestexte zu lesen, sondern weil sie dahin wollen, wo man mit Jura hinkommt.
Wir haben verpflichtende Praktika: drei Monate, was in der Regel auf drei Praktika hinausläuft. Wie gut sie auf das spätere Berufsleben vorbereiten, hängt sehr davon ab, was man daraus macht. Man darf sie überall absolvieren, wo ein Volljurist arbeitet. Wenn man drei Monate lang zur Anwaltskanzlei um die Ecke in Greifswald geht, sieht man vermutlich relativ wenig davon, was alles möglich ist. Wenn man sich aber die Mühe macht, auch ungewöhnliche Praktikumsstellen zu suchen oder verschiedene zu machen, kann man durchaus Einblicke gewinnen. Inhaltlich ist das Jurastudium sehr theoretisch. Bis zum ersten Staatsexamen lernen wir fast nur theoretisches Recht und haben kaum etwas damit zu tun, was man in der Praxis macht. Zu lernen, wie man einen Schriftsatz schreibt, kommt im Pflichtprogramm überhaupt nicht vor. Solche Fähigkeiten muss man sich in Eigeninitiative zusätzlich beibringen. Die Möglichkeiten gibt es, aber man wird nicht dazu gezwungen.
Ich persönlich habe noch keine Praktika gemacht. Ich habe dennoch schon praktische Erfahrung gesammelt – „praktisch“ in Anführungszeichen: Ich habe an einem Moot Court, also einer Prozesssimulation, teilgenommen. Das sind Gelegenheiten, bei denen man sich Fähigkeiten aneignen kann, etwa wie man wirklich einen Schriftsatz schreibt. Das ist auch gut. Kontakte sind
in Jura das A und O; ein gutes Netzwerk ist Gold wert. Dafür sollte man die Praktika nutzen, und je nachdem, wie groß und namhaft sie sind, auch Moot Courts. Aus meiner Sicht spielt all das eine große Rolle für die berufliche Orientierung. Man muss es sich aber größtenteils proaktiv selbst suchen, es ist sehr viel Eigeninitiative gefragt.

m.m: Welche Auswirkungen erwartest du durch Künstliche Intelligenz auf juristische Berufe und auf deine eigenen beruflichen Chancen?
Levent: KI ist ein großes Thema bei uns. Wir merken das im Studium, aber auch im Berufsalltag. Letzte Woche war ich erst bei einem Workshop, den eine Kanzlei veranstaltet hat und in dem sie berichtet hat, was sie mit KI macht. Nach dem, was sie derzeit tun, habe ich noch keine Sorge, dass KI uns Anwälte irgendwann ersetzen wird; die Kanzlei setzt sie eher unterstützend ein. Andererseits hat sie klar gesagt, dass sie sich derzeit fast monatlich nach den neuesten KI-Modellen und -Produkten am Markt umschaut. Daran, dass sie jeden Monat neu prüft, welche Produkte sie nutzen will, sieht man schon, wie schnell sich das entwickelt.
Deshalb versuche ich, so viel wie möglich aus dem Studium mitzunehmen. Aber in vier Jahren bin ich fertig, und was die KI bis dahin mit unserem Beruf gemacht haben wird, kann ich mir nicht anmaßen zu beurteilen. Ich kann hoffen, dass es uns dann noch braucht. Um ehrlich zu sein: Wissen kann ich es nicht.

m.m: Welche beruflichen Wege außerhalb der klassischen juristischen Berufe, etwa Unternehmen, NGOs, Politik oder Beratung, könntest du dir für dich vorstellen?
Levent: Das ist das Gute: Juristen werden eigentlich immer und überall gesucht. Du hast es schon gesagt, NGOs stellen Juristen ein. Letztendlich braucht alles juristische Beratung. Unternehmens-Juristerei finde ich ganz schrecklich, aber das ist vielleicht eine persönliche Vorliebe. Was ich mir gut vorstellen kann, ist Medienrecht, und zwar in der Rechtsabteilung von Rundfunk- oder Medienanstalten. Das ist eine Option, die vielleicht auch nicht ganz klassisch ist. Ansonsten bin ich mit dem Auswärtigen Amt vielleicht ohnehin schon auf einem nicht ganz so klassischen Pfad. Wenn es damit nichts wird, bleibe ich persönlich vermutlich eher auf dem klassischen Weg. Das muss aber nichts heißen, denn mit Jura kann man tatsächlich ganz viel machen.

m.m: Wenn du heute an deinen Studienabschluss denkst: Überwiegt bei dir eher Vorfreude auf das Berufsleben oder Unsicherheit – und was könnte dir dabei mehr Sicherheit geben?
Levent: Das ist eine gute Frage. Ich habe es vorhin schon gesagt: Ich studiere gerne, was ich studiere. Ich mache das nicht nur, weil ich am Ende den Abschluss haben will, sondern es macht mir tatsächlich Freude. Es ist also nicht so, dass ich meinem Studienabschluss entgegenfiebere und die ganze Zeit denke: „Hoffentlich habe ich bald den Abschluss und kann endlich
arbeiten.“ Ob Unsicherheit überwiegt, weiß ich nicht. Es ist schon eine Unsicherheit da, die ich aber weniger auf Jura im Speziellen zurückführe. Wie wir vorhin bei der KI besprochen haben, ist es eher eine generelle Unsicherheit: Wie sieht die Welt in vier Jahren überhaupt aus?
Was mir mehr Sicherheit geben könnte? Ich fürchte, die bittere Wahrheit ist, dass es zurzeit ganz schwierig ist, Sicherheit zu erzeugen. Was an unserer Fakultät meiner Meinung nach noch ein bisschen vernachlässigt wird, ist der Umgang mit KI. Wobei mir gerade beim Sprechen einfällt, dass ich unsere Fakultät in Schutz nehmen muss: Eine der letzten Hausarbeiten in diesem Semester war tatsächlich eine ganz andere Aufgabe, bei der es explizit darum ging, KI anzuwenden. Wir haben ein KI-generiertes Gutachten bekommen, und unsere Aufgabe war es, dieses zu korrigieren, also einzuschätzen, welche Bewertungen richtig und welche falsch sind. Ich finde es sehr cool, dass unsere Fakultät bereit ist, diesen Schritt zu gehen. Und ich glaube, genau das kann uns Studierenden Sicherheit geben: zu lernen, mit der KI umzugehen und sie als Hilfe statt als Konkurrenz anzuerkennen.

m.m: Bist du eigentlich bei ELSA Greifswald aktiv oder Mitglied bei ELSA? Und wenn ja, spielt ELSA für deine berufliche Orientierung eine Rolle?
Levent: Wir veranstalten vor allem Moot Courts. Bisher richten wir einen Zivilrechts-Moot- Court aus, dazu soll jetzt auch noch ein Strafrechts-Moot-Court kommen. Das Schöne daran ist, dass wir ihn zwar in Greifswald veranstalten, das Gewinnerteam aus Greifswald aber, weil wir einen Dachverband haben, ELSA Deutschland, zum Nationalentscheid fahren darf. Dort tritt es
auf nationaler Ebene gegen die besten Teams der anderen Fakultäten an. Für die Berufsorientierung ermöglichen wir noch etwas, das sehr cool ist, und auch dafür sind wir auf unseren Dachverband angewiesen, in diesem Fall sogar auf ELSA Europa: Wir
vermitteln Praktikumsstellen, und zwar auch international. Da wir Fakultätsgruppen in allen europäischen Ländern haben, verfügen wir über einen sehr großen Pool an Praktikumsstellen, aus dem wir schöpfen können. Das eröffnet natürlich ganz viele Möglichkeiten. Und hier sind wir wieder bei dem, was ich vorhin angerissen hatte: Man muss sich Eigeninitiative-Plätze selbst
suchen, aber ELSA macht das relativ leicht. Es ist möglich, auch mal im Ausland zu schauen. Zu bedenken ist nur: Wenn man sich ein Praktikum im Ausland anrechnen lassen möchte, muss man das vorher mit der Fakultät absprechen, damit sie es auch wirklich anerkennt. Möglich ist es aber über ELSA. Ich denke, man kann das sehr gut nutzen, um sich berufsorientierend weiterzubilden,
wenn man das möchte.

m.m: Ich bedanke mich sehr herzlich für das Gespräch.
Levent: Sehr gerne.


Interview vom 28.09.2026; Interviewer: Matteo Strauss; Danke an Levent Bingöl für die Einblicke!