von Luise Markwort | 05.06.2024
Am Samstag hat der Pride Month begonnen, und somit auch der erste Greifswalder Queere Informations- und Aktionsmonat. Es gibt Parties, Filmabende, Vorträge, einen Trans*-Thementag der Unimedizin, Aktionen und jede Menge Informationen.
Queeres Leben in Greifswald
Am Dienstag, den 4. Juni, fand bereits die Auftaktveranstaltung statt. Auf einer Art queerem Mini-Markt der Möglichkeiten haben sich verschiedene Organisationen und Anlaufstellen für queere Personen (v.a. Studierende) vorgestellt, außerdem wurden die Ergebnisse der Umfrage zu queerem Leben an der Universität Greifswald vorgestellt. (Dazu kommt aber auch noch ein separater Artikel.) Diese erste Veranstaltung lieferte Antworten auf Fragen wie „Wo finde ich Hilfe?“ und „Wo kann ich mich engagieren?“.
Doch falls ihr diese Veranstaltung verpasst habt, keine Sorge, es gibt noch viele weitere Veranstaltungen, sowohl aus dem wissenschaftlichen als auch aus dem kulturellen Bereich. Zu den nichtwissenschaftliche Veranstaltungen gehört der Gender Trouble AG Stammtisch am Freitag, den 07. Juni ab 18 Uhr in ELP3, SR 1.03, der Filmabend zum Film „Pride“ in der Kiste an Donnerstag, dem 13. Juni, Einlass 19:30, der FLINTA* Selbstverteidigungskurs am Samstag, den 15. Juni (hier ist der Anmeldungslink), der Alternative Pride am Sonntag, den 23. Juni, und schließlich die 25 Jahre Gender Trouble AG Jubiläumsparty am Samstag, den 29. Juni im C9.
Vorträge zu Queerness und Gender
Beginnend am Mittwoch, den 5. Juni (18:00, Ernst-Lohmeyer Platz 3, Seminarraum 1.06) gibt es jede Woche mindestens einen Vortrag zu queeren Themen oder Gender. Bei dem ersten Vortrag von Carolin Müller-Spitzer und Samira Ochs geht es um „Gender-inklusive Sprache im Deutschen: Linguistischer Hintergrund, empirische Studien, aktuelle Diskurse“, und Laura Strelow erklärt, wie es mit geschlechtergerechter Sprache an der Uni Greifswald aussieht. Spannendes zum Thema Gender gibt es übrigens auch bei der 24h-Vorlesung am 7./8. Juni (und ein bisschen was Queeres ist bestimmt auch mit dabei, vor allem wenn’s um Vampire geht.)
In der nächsten Woche gibt es gleich zwei Vorträge: „Queer und (Anti-)Kapitalismus“, Vortrag und Diskussion zum Thema des Buches von Heinz-Jürgen Voß und Salih Alexander Wolter am Montag, den 10. Juni ab 19 Uhr im Ernst-Lohmeyer Platz 6, Hörsaal 3 und “’There and Back Again‘: West German queer activism in a transatlantic perspective“ von Dr. Sébastien Tremblay am Dienstag, den 11. Juni ab 18:00 im ELP 3, SR 1.06.
Am Mittwoch, den 19. Juni ab 19:00 hält Prof. Dr. Kathrin Horn (Anglistik) einen Vortrag zu „Camp – Kommerz und Kritik in Queeren Medien“ im ELP 6, HS 1, und am Tag darauf gibt es um 20 Uhr im ELP 6, HS 1einen Vortrag mit dem vielversprechenden Titel „Trangender Marxism“, allerdings noch ohne Vortragende*n.
In der letzten Juniwoche gibt es noch einen Workshop von Innawa Bouba zum Thema: „Diversity und Vielfalt: Fassade oder tatsächliche Realität“ am Mittwoch, den 26. Juni um 18 Uhr im ELP 3, SR 1.06, und einen Vortrag über Sexualität und Kolonialismus von Prof. Dr. María do Mar Castro Varela mit dem Titel „Heteronormativität als Zivilisationsprojekt?“ am Donnerstag, den 27. Juni um 18 Uhr im ELP 6 HS 1.
Themen Tag Trans* der Unimedizin
Am Freitag, den 28. und Samstag, den 29. Juni bietet die Universitätmedizin im C_DAT-Center der Universitätsmedizin Seminarraum 1&2 Vorträge zu verschiedenen Aspekten rund um Trans*ness in der Medizin an, mit den Vorträgen „Expert by experience“ (Freitag, 16 Uhr, Daniel Masch), „Trans*affirmative medizinische Begleitung – Bedarfe und Perspektiven“ (Samstag, 12:30 Uhr, Dr. Martin Viehweger) und „Trans* Chirurgie“ (Samstag, 14:30 Uhr, Prof. Dr. Markus Küntscher).
Viel Spaß diesen Monat und happy Pride! 🏳️🌈🏳️⚧️🥳
Das Wichtigste auf einen Blick:
Was? Der Queere Informations- und Aktionsmonat
Wann? 04. – 29. Juni
Wo? In den Unigebäuden sowie an verschiedenen Orten in Greifswald
Mehr Infos? Eine Übersicht über alle Veranstaltungen, sowie Updates findet ihr hier und auf dem Instagram des AStAs.
Beitragsbild: AStA Uni Greifswald, Gender Trouble AG, Gleichstellung Uni Greifswald
Zur Person der*des Autor*in
Angelockt von nordischen Klängen ist Luise für einen Master in Skandinavistik und Kulturwissenschaften aus dem flachen Münsterland ins flachere Vorpommern gezogen. Sie weiß viel zu viel über norwegischen Hiphop und prokrastiniert, indem sie zu Hochschulpolitik recherchiert. On all levels except physical ist sie ein Waschbär.
von Adrian Siegler | 25.07.2023
Diskriminierung ist für viele Angehörige der LGBTQI+-Community auch im Jahr 2023 Alltag. Diese Tatsache wird sich nicht von heute auf morgen ändern. Was wir tun können, ist Zeichen zu setzen, wie beispielsweise mit dem CSD Greifswald oder den Tagen der Akzeptanz. Doch genauso wichtig ist es ein offenes Ohr für marginalisierte Gruppen zu haben. Entsprechend führen der AStA in Zusammenarbeit mit der GenderTrouble AG eine Umfrage zu queerem Leben an der Uni Greifswald durch.
Hintergrund der Umfrage war ein Antrag von Raphael Scherer und Henry James Heinrich im StuPa, der eine entsprechende Umfrage fordert. Der Antrag wurde in der Sitzung am 23.05. vom StuPa beschlossen. Anschließend hat die AStA-Referentin für soziale Aspekte und Gleichstellung (Hanna Schifter) in Zusammenarbeit mit der GenderTroubleAG den Fragebogen erstellt. Die Befragung richtet sich vor allem an Studierende, die sich als Teil der LGBTQI+-Community identifizieren.
Der Beschluss:
„Das AStA Referat für Soziales und Gleichstellung soll in Zusammenarbeit mit der GenderTrouble AG, der Gleichstellungsbeauftragten und der Anlaufstelle zum Schutz vor Diskriminierung eine Umfrage innerhalb der Studierendenschaft zu queerem Leben im universitären Raum durchführen. Die Befragung soll unter anderem die jetzige Situation zu Lehrinhalten mit Bezug auf Diversität und Vielfalt in den verschiedenen Studiengängen abdecken sowie auch etwaige Diskriminierungserfahrungen. Außerdem soll spezifisch darauf eingegangen werden, inwiefern INTA* (intergeschlechtlich, nicht-binär, trans*ident und agender) Studierende die Möglichkeit erhalten, die gewünschten Pronomen und Namen im universitären Raum zu nutzen. Auch der Zugang und die Inklusivität des Hochschulsports sollen bewertet werden. Mit der endgültigen Ausarbeitung der Umfrage wird das AStA Referat für Soziales und Gleichstellung sowie die GenderTrouble AG beauftragt.“
„Wir wollen mit der Umfrage die Wünsche und Bedürfnisse der queeren Studierenden erfahren. Die Befragung deckt das Wohlbefinden an der Universität sowie Diskriminierungserfahrungen im Unikontext ab. Außerdem sollen die Zugänglichkeit und Qualität von Lehr-, Beratungs- und Unterstützungsangeboten bewertet werden. Zudem wird spezifisch darauf eingegangen, inwiefern INTA-Studierende die Möglichkeit erhalten, die gewünschten Pronomen und Namen im universitären Raum zu nutzen. Auch nach der Zugänglichkeit von Unisextoiletten wird gefragt und die Studierenden können Verbesserungswünsche angeben.“
Hanna Schifter über die Inhalte der Umfrage
Die Umfrage startete gestern und läuft noch bis zum 06.08. Durch die Umfrage soll ein besseres Verständnis für die Interessen queerer Personen an der Uni gewonnen werden. Ziel ist es aus den Ergebnissen abzuschätzen, wie sich die Uni und die studentischen Gremien weiterhin für die Interessen von queeren Personen einsetzen können.
Das Wichtigste auf einen Blick:
Was? Umfrage zum queeren Leben an der Uni Greifswald
Wann? Vom 24.07. bis zum 06.08.
Dauer? 10 Minuten
Link? https://evasys-online.uni-greifswald.de/evasys/online.php?p=UNI1456
Beitragsbild: Steve Johnson auf Unsplah
von webmoritz. | 12.04.2023
Die Menstruation ist eine teure Angelegenheit und nicht jede*r kann sich die nötigen Periodenprodukte leisten. Damit der Zugang zu den Universitätsgebäuden trotz der monatlichen Blutung für alle gewährleistet ist, wurden nun insgesamt 15 Spender für kostenlose Menstruationsprodukte in den Damentoiletten der Zentralen Universitätsbibliothek, der Bereichsbibliothek, dem Hörsaalgebäude „Neues Audimax“ sowie in den Mensen angebracht. Bis zum Ende des Semesters läuft nun die Testphase für deren Nutzung.
Ein Beitrag von Adrian Siegler und Juli Böhm
Ein nicht kleiner Anteil der Studierenden ist womöglich von der sogenannten Menstruationsarmut betroffen und kann sich die nötigen Menstruationsartikel nicht leisten. Bei einer Studie, welche von der Kinderrechtsorganisation Plan International im Jahr 2022 durchgeführt wurde und an der bundesweit je 1.000 Frauen und Männer zwischen 16 und 45 Jahren teilnahmen, haben 25 % der Frauen angegeben, Probleme bei der Finanzierung von Menstruationsprodukten zu haben. Betroffene Studierende bleiben daher unter anderem Lehrveranstaltungen oder Mensen- und Bibliotheksbesuchen fern. Dem sollen die kostenlosen Menstruationsprodukte auf den Universitätstoiletten entgegenwirken. Aber auch wenn die Periode überraschend eintrifft oder aus anderen Gründen gerade keine Binden oder Tampons zur Hand sind, können die Spender genutzt werden. In diesen befinden sich Tampons der Größen normal und klein sowie Binden.
An anderen Hochschulen in Deutschland wurden solche oder ähnliche Projekte bereits umgesetzt und die Universität Greifswald könnte nun die erste Hochschule in Mecklenburg-Vorpommern mit kostenlosen Menstruationsprodukten für Studierende werden. Vorerst läuft aber eine sechsmonatige Testphase, in der die Kosten und die Nutzung evaluiert werden sollen. In dieser Zeit wird das Projekt vom AStA durch Wohnsitzprämienmittel finanziert. Eine Weiterfinanzierung ist noch nicht geklärt, aber Ziel ist es, dass nach erfolgreicher Testphase mit der Zeit auf allen Universitätstoiletten Spender angebracht werden.
Bereits bei der studentischen Vollversammlung im Wintersemester 2021/22 wurde von Ellen Wittenberg, Tina Andrasch und Felix Willer ein Antrag gestellt und angenommen, der den AStA damit beauftragen sollte, Spender mit Menstruationsprodukten auf den Universitätstoiletten anzubringen. Seitdem wurde sich immer wieder mit dem Projekt auseinandergesetzt. So hatte Ellen Wittenberg, die damalige Referentin für Soziales und Gleichstellung, im letzten Sommersemester einen Wohnsitzprämienmittel-Antrag für die Finanzierung des Projekts gestellt, welcher im Mai 2022 bewilligt wurde. Im Januar hatte Hanna Schifter das Referat für Soziales und Gleichstellung übernommen und bereits in ihrer Bewerbung angekündigt, dem Projekt etwas „Feuer unter dem Hintern“ zu machen. Gemeinsam mit Robert Gebauer (Referatsleitung Administration & Geschäftsführung) hat sie das Projekt nun umgesetzt.
Auch die Senatsgleichstellungskommission sowie die Zentrale Gleichstellungsbeauftragte der Universität Greifswald und die Gleichstellungsbeauftragten der Universitätsmedizin unterstützen das Projekt des AStA. In ihrem Schreiben heißt es, dass Menstruationsprodukte als Teil des grundsätzlichen Hygienebedarfs, genauso wie Seife und Toilettenpapier, den Studierenden kostenlos zur Verfügung gestellt werden sollten. Zudem sehen sie in diesem Projekt eine Möglichkeit zur Verbesserung der Bildungsgerechtigkeit, Chancengleichheit, sozialer Ungleichheit und zur Anerkennung von Vielfalt. Sie setzen sich außerdem dafür ein, dass das Projekt künftig aus dem Haushalt der Universität finanziert wird.
Hanna und Robert sind sehr glücklich, dass das Projekt umgesetzt werden konnte und sich ihre Arbeit auch ausgezahlt hat, da der Aufwand dahinter schon recht groß war. Eine Gefahr darin, dass das Angebot missbraucht werden könnte, sehen die beiden übrigens nicht. Sie sind zuversichtlich, dass die Studierenden mit dem Angebot verantwortlich umgehen werden und selbst wenn jemand ein paar Tampons mitnimmt, werden sie wahrscheinlich trotzdem für den richtigen Zweck eingesetzt.
Nun bleibt abzuwarten, wie das Projekt angenommen wird und ob eine Anschlussfinanzierung möglich ist. Wenn es Feedback, Fragen oder Sonstiges bezüglich der Spender gibt, kann man sich gerne bei Hanna Schifter per E-Mail melden: asta_soziales@uni-greifswald.de
Das Wichtigste auf einen Blick:
Was? Spender mit kostenlosen Menstruationsprodukten (Tampons in normal und klein sowie Binden)
Wann? Die Testphase läuft vom 11.04. für sechs Monate bis zum Ende des Semesters
Wo? Alle Damentoiletten in der Zentralen Universitätsbibliothek, der Bereichsbibliothek, der Mensa Loefflerstraße, der Mensa Beitzplatz und dem Hörsaalgebäude „Neues Audimax“
Beitragsbild: Adrian Siegler
von webmoritz. | 05.02.2023
Eine Antidiskriminierungsstelle soll für jeden Menschen, der von Diskriminierung betroffen ist, eine unabhängige Anlaufstelle darstellen. Egal, ob es erst einmal um reine Informationen oder eine direkte Beratung geht – Betroffene sollen hier Unterstützung und Schutz erhalten. Die zu schützenden Merkmale werden laut Website von der Universität Greifswald breit gefasst und gehen über die im deutschen Bundesgesetz, dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG, 2006 in Kraft getreten), festgehaltenen Merkmale weit hinaus. Sexismus, Rassismus, Ableismus, Diskriminierung aufgrund von sexueller Identität, sozialem Status oder Religion – die Liste der Probleme ist in dieser schrecklich schönen Welt sehr lang. Gut also, dass wir eine Antidiskriminierungsstelle an der Universität haben, oder?
Ein Beitrag von Caroline Rock
Stellen wir uns eine rein fiktive Studentin vor, sie heißt Jana. Jana ist zum Sommersemester 2022 an die Universität Greifswald gekommen und studiert nun hier. Sie hat einen wunderschönen Greifswalder Sommer genossen und war ein paar Mal mehr am Strand in Wampen als in der Bib. Wer will ihr das schon verübeln? Als sie sich doch wieder etwas mehr auf ihr Uni-Leben zu konzentrieren beginnt und regelmäßig ihre Vorlesungen besucht, fängt es an. Ein rein fiktiver Professor spricht ihr regelmäßig die Fähigkeit ab, in dem Studienfach mithalten zu können. Frauen hätten tendenziell andere Interessen, wie zum Beispiel Männer oder Zalando. Als Jana ihm entgegnet, dass er sich da keine Sorgen zu machen bräuchte, da sie auf Frauen stehe, lächelt der Professor sie gnädig an und bittet sie, mit dem Unsinn aufzuhören. Homosexualität wäre Unsinn. Er fährt mit seiner Vorlesung fort und macht die Studierenden darauf aufmerksam, dass er nicht gendern würde, die Leute wüssten schließlich, was gemeint ist. Außerdem würden seine Beispiele nur heterosexuelle Menschen einschließen. Es sei ja wohl offensichtlich, weshalb.
Fiktion oder Realität?
So fiktiv waren die Situationen übrigens nicht, sie fanden genauso an unserer Universität statt. Nur geschahen sie nicht einer Person, sondern mehreren, die sich daraufhin Hilfe gewünscht haben. Aber machen wir mit Jana weiter. Sie informiert sich daraufhin auf der Website der Universität. Zumindest bis zum 18. Oktober 2022 konnte sie dort keine direkten Kontaktdaten von einer*m Ansprechpartner*in finden, der*die für Antidiskriminierung von Studierenden zuständig ist. Jana fragt einen fiktiven Kommilitonen, der schon länger an der Universität ist. Er ist überrascht. Schließlich konnte er sich die letzten Jahre regelmäßig an diese Stelle wenden und wurde jedes Mal mit offenen Armen und Taschentüchern empfangen. Die Antidiskriminierungsstelle der Universität Greifswald hatte es über viele Jahre geschafft, großes Vertrauen aufzubauen, indem die Mitarbeitenden sich aktiv auch für Studierende einsetzten. Das AGG (Allgemeines Gleichstellungsgesetz) schützt nämlich die Mitarbeitenden der Universität, nicht aber die Studierenden. Deshalb hat die letzte Antidiskriminierungsbeauftragte gemeinsam mit Mitarbeitenden die Richtlinie der Universität Greifswald gegen Diskriminierung erarbeitet, auf die sie zurecht stolz sein kann. Sie schließt nämlich vor allem Studierende mit ein und erweiterte das AGG entsprechend. Laut diesem und dieser Richtlinie muss ein*e Antidiskriminierungsbeauftragte*r aktiv sein.
Die Frage der Zuständigkeit
Jana hat eine Anfrage an das Antidiskriminierungsbüro gestellt, aber bis heute keine Antwort erhalten. Damit ist sie nicht die Einzige. Unterschiedlichen Quellen zufolge gibt es zahlreiche Anfragen, seit die letzte Antidiskriminierungsbeauftragte ihr Amt zum 31. März 2022 niedergelegt hat. Das Prorektorat lässt verlauten, dass dies nicht der Fall sei, denn eine studentische Hilfskraft habe die Mailadresse betreut, an welche die Anfragen gerichtet werden. Die ehemalige Antidiskriminierungsbeauftragte hätte außerdem angeboten, sich um Notfälle zu kümmern. Zu dieser Notwendigkeit sei es aber glücklicherweise nicht gekommen. Neue Leute würden eingearbeitet werden. Auf meine Anfragen hin wurde ich von unterschiedlichen Stellen mehrfach um noch etwas Zeit gebeten. Ich gebe gerne die Zeit, aber ich habe sie auch. Denn ich bin momentan nicht von Diskriminierung betroffen. Die Betroffenen werden jedoch nicht entsprechend betreut und das aufgrund von Überlastung, die bereits seit Jahren besteht. Die Aussage, dass eine studentische Hilfskraft die Mailadresse der Antidiskriminierungsstelle betreue und Personal eingearbeitet werden würde, ist ein Hohn für alle, die gerade an der Universität studieren sowie arbeiten und wirklich Hilfe bräuchten.
Überlastung ist immer ein Problem und es besteht bereits seit Jahren. Es wird schon länger um Unterstützung und Hilfe seitens der Antidiskriminierungsstelle gebeten. Sie fordern unter anderem mehrere finanzierte studentische Hilfskräfte sowie weitere kompetente Unterstützer*innen, sodass ein Amt von mehreren Personen getragen werden kann. Die Trennung von Ämtern ist ein Vorgehen, das übrigens an anderen Universitäten relativ normal ist. Ein Beispiel für die Notwendigkeit der Trennung von Ämtern waren in den vergangenen Jahren die Ämter der Gleichstellungsbeauftragten und der Antidiskriminierungsbeauftragten. Es braucht mehr als zwei Schultern, um diese Ämter zu tragen. Mehr Schultern gab es aber nicht. Die Unterstützung von Studierenden ist nur eine der vielen Aufgaben, die zu erledigen sind. Der Beginn einer langen Liste ist unter anderem auch aktive Präventionsarbeit, die jahrelang trotz Überlastung geleistet wurde und nun laut den Beschäftigten ausbleibt.
Wie geht’s weiter?
Das Ziel dieses Artikels ist keine Diffamierung, sondern ein Diskussionsanstoß. Wie kann die Universität Greifswald den überall kommunizierten Ansprüchen von Weltoffenheit und Diversität gerecht werden, wenn die dafür erforderliche Unterstützung fehlt? Momentan erfährt die Antidiskriminierungsstelle zurecht einen erheblichen Vertrauensverlust. Vertrauen, dass in den vergangenen Jahren so hart erarbeitet wurde. Einige Studierende berichten davon, diese Stelle nicht ernsthaft als Möglichkeit wahrzunehmen, um Hilfe zu erhalten. Was ist notwendig, um das verloren gegangene Vertrauen wieder aufzubauen und wieder eine ernstzunehmende Anlaufstelle für Betroffene zu schaffen?
Offiziell ist diese Arbeit grundlegend für ein funktionierendes Miteinander. Um dieses Miteinander zu gewährleisten, braucht es aber definitiv mehr Kapazitäten. Es kann durch die Repräsentation der Universität nach außen davon ausgegangen werden, dass dieses Thema von Wichtigkeit ist. Sollte dies ernst gemeint und essenziell für die Universität Greifswald sein, dann benötigt es mehr – mehr Stellen, mehr Geld, aber vor allem mehr Unterstützung und Bereitschaft der verantwortlichen Personen. Diejenigen, die nämlich gerade an vorderster Stelle stehen und tun, was sie nur können, brauchen Rückhalt und der ist vor allem durch langfristige Entlastung und ein gutes Team zu gewährleisten. Die Praxis zeigt uns sehr deutlich, dass eine oder zwei Stellen einfach nicht ausreichen, um diese Arbeit mit all ihren Facetten wirklich dauerhaft durchführen zu können.
Trotz alledem wird sich momentan sehr bemüht, Studierende und Mitarbeitende in Not aufzufangen und die Anlaufstelle neu zu organisieren und aufzubauen. Die Personen, die momentan an der Entwicklung der Anlaufstelle zum Schutz vor Diskriminierung arbeiten, tun, was sie können, um euch und Ihnen Unterstützung anzubieten. Sie signalisierten mir während meiner Recherchen wiederholt Ansprechbarkeit für Betroffene. Die Hoffnung besteht, dass dieses Team von der Universität zukünftig ernsthaft den Rücken gestärkt bekommt, sodass es den Anforderungen einer Antidiskriminierungsstelle vollumfänglich gerecht werden kann.
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von Maret Becker | 13.04.2022
Kennt ihr das, wenn man mal was Neues ausprobieren will, aber am Ende alles beim Alten bleibt? Uns jedenfalls kommt das sehr bekannt vor, deswegen haben wir uns für euch auf einen Selbstoptimierungstrip begeben. In dieser Kolumne stellen wir uns sieben Tage als Testobjekte zur Verfügung. Wir versuchen für euch mit unseren alten Gewohnheiten zu brechen, neue Routinen zu entwickeln und andere Lebensstile auszuprobieren. Ob wir die Challenges meistern oder kläglich scheitern, erfahrt ihr hier.
Eine Woche lang versuchte ich, nur Sachen von Frauen zu konsumieren. Dieses Vorhaben brauchte viel Vorbereitung. Das lässt erahnen, wie schwierig das Umkrempeln meiner Gewohnheiten wurde. Ich wollte bei Büchern, Filmen/Serien, Musik, Podcasts und wissenschaftlichen Texten darauf achten, dass es sich um Autorinnen, Interpretinnen und Moderatorinnen handelte.
Hinweis: Zum Zeitpunkt des Experiments befand ich mich in häuslicher Isolierung. Wenn ich schreibe, dass ich mich an dem Tag auf eine Sache konzentriert habe, stimmt das auch tatsächlich. Ich hatte einfach nichts anderes zu tun.
Erster Tag: Fokussierung auf Serien/Filme
Als ich eine Serie gucken wollte, musste ich erst einmal nachschauen, von wem diese ist. Ich konzentrierte mich auf die Autorinnen oder Regisseurinnen. Falls das bei dem Streaming-Dienst nicht angegeben wurde, musste ich recherchieren, wer die Idee zu der Serie hatte. Meine ursprüngliche Serie, die ich vor dem Experiment geschaut habe, war damit erst einmal vergessen. Auch viele andere Serien, die auf meiner Watchlist standen, fielen weg. Schade. Also schaute ich eine Serie, auf die ich nicht die größte Lust hatte: „Gossip Girl“. Als ich meine Watchlist durchforstete, fiel mir auf, dass Frauen noch nicht einmal an den „typischen“ Frauenserien teilnahmen. Es war so verdammt schwierig, Filme und Serien zu finden, an denen zumindest eine Frau als Autorin oder Regisseurin beteiligt war. Das hat mich so aufgeregt.
Frauen sind stark unterrepräsentiert, was die Film-Branche angeht. Das sollte jetzt den meisten klar sein. Hier einige Beispiele: Regisseurinnen gibt es nur bei 16 % der Filme, Produzentinnen schneiden mit 28 % am besten ab, während der Anteil der Autorinnen 12 % beträgt. In Deutschland sind es um die 20 % Regisseurinnen, obwohl an deutschen Filmhochschulen das Verhältnis zwischen männlich und weiblich ausgeglichen ist. Der spätere Berufseinstieg für Frauen sei jedoch schwerer.
Zweiter Tag: Fokussierung auf Bücher
Da ich fast ausschließlich feministische Lektüre lese und in diesem Feld die meisten Bücher von Frauen sind, stellte es für mich kein Problem dar, nur von Autorinnen zu lesen. Ich führe ein Bücher-Tagebuch, wo ich festhalte, wann ich welches Buch gelesen oder gehört habe. In den letzten vier Monaten las oder hörte ich zwölf (Hör-) Bücher. Genau eines dieser Bücher war von einem Autoren. Ich lebe also in einer großen feministischen Blase. Dass Autorinnen im deutschen Verlagswesen stark unterrepräsentiert sind, war mir aufgrund meines Konsumverhaltens nicht wirklich bewusst. Ich wurde eines Besseren belehrt.
Die Studie #frauenzählen der Universität Rostock (2018) bestätigt ein klares Ungleichgewicht in der medialen Repräsentation von Autorinnen und Autoren. In Print standen 65 % besprochene Autoren 35 % Autorinnen gegenüber. Auffällig war, dass Kritiker mit 74 % überproportional oft Autoren besprachen, während Kritikerinnen sich beinahe gleichwertig Autorinnen und Autoren widmeten. Die Studie kommt zu dem folgenden Fazit:
Autoren und Kritiker dominieren den literarischen Rezensionsbetrieb: Zwei Drittel aller
Rezensionen würdigen die Werke von Autoren, Männer schreiben weit überwiegend über Männer
und ihnen steht ein deutlich größerer Raum für Kritiken zur Verfügung. Einzig das Kinder- und
Jugendbuchgenre erscheint als ausgeglichenes Genre; die als intellektuell oder „maskulin“
empfundenden Genres wie Sachbuch und Kriminalliteratur werden von Autoren wie Kritikern
vereinnahmt.
Dritter Tag: Wissenschaftliche Lektüre für die Universität lesen
Wie sich die meisten vorstellen können, war das die größte Herausforderung. Und ich konnte daran nur scheitern, obwohl ich positiv überrascht war. Ich hatte nur zwei (sehr lange) Texte zur nächsten Woche vorzubereiten. Einer war von einer Frau. Eine Seltenheit, wenn man nicht gerade ein Seminar zu Gender Studies oder Feminismus belegt. Für meine Studienfächer lese ich oft Texte von „sehr alten weißen Männern“. Das fiel mir nicht erst zu Beginn des Versuches auf. Den Anteil von Autoren in meiner Lektüre würde ich auf ca. 90 % schätzen. Abgesehen von meiner Lektüre sehe ich das auch bei meinen Dozierenden. Zu 70 % scheinen es Männer zu sein. Nur weil es (oft alte) Männer sind, heißt es nicht, dass ihr Unterricht schlecht ist. Ganz im Gegenteil. Ich hatte oft mit Dozenten zu tun, deren Seminare perfekt vorbereitet waren und die außerdem genderten. Ich habe aber auch andere Erfahrungen gemacht. Manche blieben im Mittelalter hängen, dementsprechend gestalteten sie auch ihr Seminar. Immerhin werde ich dieses Semester von drei Männern und zwei Frauen unterrichtet, es ist also fast ausgeglichen.
Vierter Tag: Fokussierung auf Musik
Ich wollte Musik hören, und zwar von Interpretinnen. Ich dachte, das wäre einfach. Schließlich höre ich nach Gefühl viele Interpretinnen. Ich täuschte mich und musste ganz schön viel scrollen, um Interpretinnen meiner Wiedergabeliste hinzuzufügen. Das war etwas enttäuschend. Diese Lieder wären in Bezug auf meine Lust an Musik nicht meine erste Wahl gewesen, dementsprechend hörte ich an diesem Tag eigentlich gar keine Musik.
Auch in der Musikbranche bleiben Frauen stark unterrepräsentiert. Das fand die University of Southern California Annenberg (USC) in ihrem jährlichen Report zu Frauen in der Musikindustrie heraus. Hier ein paar Facts aus dem Report des Jahres 2020:
- 21,6 Prozent der Top-Songs sind von ausführenden Künstlerinnen,
- Songwriterinnen: 12,6 %,
- 2,6 % Produzentinnen #wtf.
Fünfter Tag: Fokussierung auf Podcasts
Die ganze Woche hörte ich Podcasts zum Einschlafen. Als Regel stellte ich mir für die Podcasts auf, dass ich nur welche hören würde, wo ausschließlich Frauen die Moderatorinnen sind.
Wer macht heutzutage keinen Podcast? Sei das Oliver Pocher, Axel Bosse, Rezo oder die Geissens. Sogar Freunde von mir haben einen Podcast gestartet. Als ich mich informieren wollte, wie viele Podcast-Moderator*innen weiblich sind, wurde ich nicht fündig. Was mir aber während meiner Recherche auffiel, war, dass bei den Spotify Top-Podcasts in Deutschland bei den ersten zehn Plätzen kein rein weibliches Moderationspaar dabei ist. Die ersten vier waren reine Männerpaare: Kaulitz Brüder, Gemischtes Hack und Co. Erst Platz 14 mit ‚Mordlust‘ war rein weiblich. Erschreckend.
Sechster und siebter Tag: Halte ich durch?
Am sechsten Tag scheiterte ich an dem Experiment. Das dauerhafte Verzichten, vor allem auf Filme und Serien, bereitete mir sehr, sehr schlechte Laune. Ich stellte mir das Experiment einfacher vor. Da hat mir das patriarchale System allerdings einen Strich durch die Rechnung gemacht. Meine Recherche zu den jeweiligen Themen hob meine Laune nicht gerade. Die Ergebnisse hätte ich nicht erwartet. Ich war und bin sauer, traurig und wahnsinnig enttäuscht. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Menschen, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zuordnen, es noch viel schwerer in all den Branchen haben. In meiner feministischen Blase sehe ich, dass sich unsere Gesellschaft verbessert hat. Die Ergebnisse meines Experiments haben mich dann allerdings auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Daher fällt mir zum Schluss für alle Frauen und diversen Personen nur ein: Kämpft dafür, die Bücherregale, Universitäten und Podcastcharts zu erobern. Damit man für dieses Experiment eine größere Auswahl an Filmen, Serien, Büchern und Podcasts hat.
Beitragsbild: Maret Becker