WM 2026: Das große Spiel hinter dem Spiel

WM 2026: Das große Spiel hinter dem Spiel

Auf dem Feld wird mit dem Ball, und außerhalb mit Politik gespielt.
Und trotzdem sollen Politik und Sport getrennt stehen. Ist das überhaupt möglich?

Von: David Langner, Lara Meyerdierks, Marek Schlösser
(Stand: 31. Mai 2026)

Übersicht

Nur noch wenige Wochen, dann ist es soweit: Vom 11. Juni bis zum 19. Juli 2026 findet die 23. Fußball-Weltmeisterschaft der Männer statt. Die 48 qualifizierten nationalen Fußball-Teams kämpfen bei dem Turnier in den USA, Kanada und Mexiko um die höchste Auszeichnung im internationalen Fußball. Neben der deutschen Nationalmannschaft messen sich auch erstmals die vier Debütanten Kap Verde, Curaçao, Jordanien und Usbekistan mit den anderen Nationalmannschaften. Das Turnier knackt dabei zahlreiche Bestmarken: niemals zuvor haben so viele Mannschaften teilgenommen, niemals zuvor gab es 104 Partien, niemals zuvor waren gleich drei Länder Gastgeber und dann nimmt mit Curaçao auch noch der gemessen an der Einwohnerzahl kleinste WM-Teilnehmer aller Zeiten an dem Großereignis teil. Gleichzeitig gab es wohl auch nur wenige Sportereignisse, die so umstritten sind und öffentlich diskutiert werden wie das Turnier im kommenden Sommer.

Foto: Ank Kumar via Wikimedia Commons,
CC BY-SA 4.0 (Bild zugeschnitten)

Ein globales Turnier mit Grenzen

In den USA, wo rund drei Viertel aller Spiele stattfinden, trifft ein Turnier für Fans aus aller Welt auf ein politisches Klima, in dem Einreise, Migration und Zugehörigkeit immer stärker kontrolliert werden. Verschärfte Grenzkontrollen, hunderttausende Abschiebungen und die wachsende Rolle der Einwanderungsbehörde ICE prägen die Debatte. Besonders umstritten ist deshalb die Frage, welche Rolle US-Behörden im Sicherheitsapparat der WM spielen werden.

ICE steht seit Jahren in der Kritik. Menschenrechtsorganisationen werfen der Behörde Racial Profiling, willkürlicher Razzien, unrechtmäßiger Inhaftierungen und Abschiebungen vor. Gerade deshalb fordern Kritiker*innen klare Garantien von den US-Behörden oder der FIFA, dass internationale Fans nicht selbst in Gefahr laufen, ins Visier migrationspolitischer Maßnahmen zu geraten.
Besonders deutlich wird dieser Konflikt bei den Einreisebeschränkungen. Für Fans aus Ländern wie Iran, Senegal, Haiti und der Elfenbeinküste wird der Besuch von Spielen in den USA verboten, obwohl sich diese Nationen sportlich für das Turnier qualifiziert haben. Damit entscheidet nicht mehr nur der Fußball darüber, wer bei einer WM dabei sein kann. Auch Pass, Herkunft und Visa Status werden zu Faktoren, die über Teilhabe bestimmt werden.

Fotos: U.S. Immigration and Customs Enforcement
(Public Domain)

Noch deutlicher zeigt sich dies im Fall der iranischen Nationalmannschaft. Diese hat sich sportlich für die WM qualifiziert, zugleich steht ihre Teilnahme in den USA im Schatten geopolitischer Spannungen. Die USA weigern sich unter anderem, die iranische Nationalmannschaft im eigenen Land unterzubringen, weshalb diese nun spontan in Mexiko ihr Quartier aufschlagen wird. Die Gruppenspiele muss sie derweil trotzdem in Los Angeles und Seattle in den USA austragen, da die FIFA einen Antrag des Irans, die Gruppenspiele nach Mexiko zu verlegen, ablehnte. Berichten zufolge wurde zeitweise sogar die Idee ins Spiel gebracht, Iran durch Italien zu ersetzen, ein Land, dass die sportliche Qualifikation verpasst hatte. Auch wenn dieser Vorschlag keine wirkliche Durchsetzungschance hatte, zeigt allein die Debatte, dass sportliche Zugehörigkeiten von politischen Interessen überlagert werden.

Nationalflagge Mexikos

Foto: Juan Carlos Fonseca Mata
via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Mexiko steht vor einer anderen, aber nicht weniger schweren Herausforderung. Das Land ist seit Jahren von Gewalt durch organisierte Kriminalität geprägt. Mehr als 125.000 Menschen gelten als verschwunden und immer wieder werden Sicherheitskräfte selbst mit Menschenrechtsverletzungen in Verbindung gebracht. Für Journalist*innen und Aktivist*innen zählt Mexiko seit Jahren zu den gefährlichsten Ländern weltweit. Dies unterstreichen ebenfalls die erst kürzlich gefundenen Massengräber in der Nähe einiger Spielorte. Letztendlich stellt sich deshalb mit Blick auf die in Mexiko stattfindenden Spiele die Frage, unter welchen Bedingungen ein globales Sportereignis stattfinden kann und ob Sicherheitsrisiken und Gefährdungen ausgeschlossen werden können. Als Lösung setzt der Staat auf massive Sicherheitsmaßnahmen, darunter zehntausende Einsatzkräfte und Soldat*innen. Ein großer Kontrast zwischen einer auf die Weltöffentlichkeit vorbereiteten Infrastruktur und Menschen, die vergebens nach ihren verschwundenen Angehörigen suchen, bleibt dennoch.

Das letzte Gastgeberland, Kanada, wirkt im Vergleich zunächst wie der ruhigste Austragungsort unter den drei Gastgeberländern. Doch auch dort zeigen sich typische Schattenseiten großer Sportevents. Städte sollen während des Turniers sauber, geordnet und präsentabel wirken. Für obdachlose Menschen oder andere marginalisierte Gruppen kann das Verdrängung bedeuten. Auch hier bedeutet die Austragung einer WM dementsprechend zu entscheiden, welche Realität sichtbar sein darf, und welche man lieber von der globalen Weltöffentlichkeit fernhält.

So entsteht insgesamt ein deutlicher Widerspruch. Die WM 2026 präsentiert sich als größtes, offenes und globales Fußballturnier. Gleichzeitig wird an ihren Rändern sichtbar, wie stark Grenzen, Behörden und Sicherheitsapparate darüber entscheiden, wer wirklich teilnehmen kann, auf dem Platz und auf den Rängen.

Ticketpreise

„Diese Zahl war mir nicht bekannt. Ich wäre sicherlich gerne dabei, aber um ehrlich zu sein: Ich würde diesen Preis auch nicht zahlen.“
Zitat aus einem Interview mit der New York Post

Donald Trump

45. und 47. Präsident der Vereinigten Staaten

Mit diesen Worten kommentierte der amtierende US-Präsident die Ticketpreise für das Auftaktspiel der USA gegen Paraguay. Er gibt damit wohl auch die Sorgen vieler Fans wieder, wenn sie überlegen, ob sie für über 1000 Dollar eine Eintrittskarte für das Spiel kaufen sollen. Vor allem für ausländische Gäste wird die kommende WM, zusätzlich zu den drastischen Einreisebeschränkungen und -vorkehrungen, sowieso bereits ein kostspieliges Unterfangen. Flüge, Hotels und öffentliche Verkehrsmittel kosten bereits eine große Summe Geld und sind bei weitem nicht für jeden Fußballfan ohne Probleme finanzierbar.
Hinzu kommen dann noch die hohen Ticketpreise für die WM-Partien. Bereits kurz nach dem Verkaufsstart kritisierten viele Fans die dynamische Preisgestaltung der FIFA, bei der die Ticket-Kosten je nach Nachfrage steigen oder fallen. Hinzu kommt der neu eingeführte FIFA-Zweitmarkt, bei dem erworbene Tickets weiterverkauft werden können. Dieser stellt einen Versuch dar, den teils illegalen Handel mit Tickets auf dem Zweitmarkt, wie man ihn bei Sportevents oder Konzerten häufig sieht, in eine legale und offizielle Bahn zu lenken. Die Probleme bleiben jedoch auch hier die gleichen. So gibt es ebenso keine Preisobergrenze für Tickets, weshalb die Preise ausschließlich von den Verkäufer*innen selbst bestimmt werden. Dadurch werden teils horrende Summen für die Eintrittskarten aufgerufen. Hinzu kommt, dass die FIFA eine 15 prozentige Provision für jedes auf dem Zweitmarkt verkaufte Ticket erhält.
Im Klartext bedeutet das, dass viele Fußballfans auf eine Reise zur WM verzichten müssen, da die anfallenden Kosten zu hoch wären. Eine weitere Grenze, die vielen Menschen einen direkten Zugang zu dem Großereignis verwehrt.

Der WM-Vergabeprozess unter der Lupe

Die WM-Vergabe der FIFA ist ein Prozess, der in der Vergangenheit selten unumstritten und ohne politische Machtspiele verlaufen ist. Dies gilt nicht nur für die kommende Weltmeisterschaft in den USA, sondern ebenso für die zwei vergangenen WMs in Russland und Katar.

Foto: U.S. Department of State via Wikimedia Commons (Public Domain)

Russland erhielt bereits 2010 den Zuschlag für die Gastgeberschaft bei der WM 2018. Diese Entscheidung geriet spätestens 2014 in die Kritik, als das Land mit der gewaltsamen Krim-Annexion begann.
Zudem kritisierten viele Journalist*innen das starke restriktive Vorgehen der Behörden, um die
Versammlungs-, Vereinigungs- und Meinungsfreiheit zu unterdrücken. Unter anderem verweigerte man dem Sportjournalisten Hajo Seppelt das Visum, um zur WM reisen zu können. Dieser hatte zuvor in Zusammenarbeit mit der ARD ausführlich über den russischen Doping-Skandal berichtet.

Foto: Mos.ru via Wikimedia Commons, CC BY 4.0

Foto: FIFA Worldcup Ball 2022 via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Die Weltmeisterschaft in Katar im Jahr 2022 wurde ebenfalls 2010 vergeben, als sich das Land gegen die Mitbewerber USA, Südkorea, Japan und Australien durchsetzte. Im Zentrum der Kritik standen vor allem die zahlreichen aufgedeckten Menschenrechtsverletzungen und die Situation der Gastarbeiter auf den WM-Baustellen (mehr dazu in “Rückblick auf Katar”). Zudem hinterfragte man die rein sportlichen Absichten des Gastgeberlandes und warf Katar, ähnlich wie bereits Russland 2018, vor lediglich von der Situation im eigenen Land ablenken zu wollen und das eigene Image aufzupolieren.

In beiden Fällen wurde im gleichen Atemzug auch die Rolle der FIFA bei den WM-Vergaben hinterfragt und kritisiert. Unter anderem “Human Rights Watch” kritisierte 2018, dass sich die FIFA zu wenig für die Einhaltung der Menschenrechte einsetze. Sie habe eine gewisse Machtposition und solle diese noch stärker nutzen, um Menschenrechtsprobleme klar zu benennen und anzugehen.

Ob diese Forderung seitdem eingehalten wurde, ist zumindest mal zu hinterfragen. Bereits im Dezember 2024 stand fest, dass die übernächste Weltmeisterschaft 2034 in Saudi-Arabien stattfinden wird. Um diese Vergabe nachvollziehen zu können, lohnt es sich einen Blick in den tatsächlichen, formalen Prozess der WM-Vergabe zu werfen.
Es gilt generell das Rotationsprinzip, welches besagt, dass nie zwei Endrunden hintereinander auf einem Kontinent (von einer Konföderation) ausgetragen werden dürfen.

Nationalflagge Saudi-Arabiens

In der Praxis bedeutet das, dass die Weltmeisterschaft 2030 von Spanien, Portugal, Marokko, Argentinien, Uruguay und Paraguay ausgetragen werden wird. Die gemeinsame Kandidatur führte dazu, dass Europa, Afrika und Südamerika bei einer einzigen Weltmeisterschaft abgedeckt wurden. In den drei südamerikanischen Ländern findet dabei jedoch jeweils nur ein einziges Spiel statt. Für die WM 2034 bedeutete dies, dass lediglich die Verbände aus Asien, Ozeanien oder der nord-und mittelamerikanische Verband als Austragungsorte in Frage kamen. Letzterer wurde vom FIFA-Rat jedoch für die Bewerbung ausgeschlossen, was man mit der Rotation zwischen den Konföderationen begründete. Neben Saudi-Arabien (als Vertreter Asiens) war auch Australien ambitioniert, zusammen mit CO-Gastgeber Indonesien die WM auszutragen. Als sich Indonesien jedoch von dem Unterfangen zurückzog, verfielen diese Ambitionen, weshalb letztendlich nur noch Saudi-Arabien als einziger Bewerber für die WM 2034 feststand. Zum Abschluss dieses Prozesses erfolgte ein weiteres Novum in der FIFA-Vergabegeschichte. Es gab eine Doppelabstimmung für die WM 2030 und die WM 2034, welche quasi als “ein Paket” behandelt wurden. Dadurch hatten die Verbände beispielsweise nicht die Möglichkeit, nur die Weltmeisterschaft 2030 zu befürworten und die WM in Saudi-Arabien abzulehnen. Lediglich ein einziges Mal zuvor, im Jahr 2010 bei der Abstimmung zu den WMs in Russland und Katar, wurden zwei WMs am selben Tag vergeben. Damals stimmte man jedoch in jeweils einzelnen Abstimmungen für die Gastgeberländer ab und nicht im Rahmen einer einzigen Abstimmung.

Neben diesem viel kritisierten Vergabeverfahren, wird ähnlich wie in Katar und Russland auch in Saudi-Arabien die Menschenrechtssituation aufs schärfste kritisiert. Amnesty International spricht in diesem Zusammenhang von 200 Hinrichtungen im Jahr 2024. Auch die Presse- und Meinungsfreiheit ist zum jetzigen Zeitpunkt immer noch stark eingeschränkt. Auch hier wird die FIFA wieder dafür kritisiert, die WM 2034 in ein Land vergeben zu haben, dem regelmäßig Verschleierungen von Menschenrechtsverletzungen und ein reines Image-Interesse an dem Großereignis vorgeworfen wird.
Dennoch bleibt abzuwarten, ob sich die Menschenrechtslage im Zuge der WM verändert, oder ob sich die Kritik letztendlich bewahrheitet.

Foto: Alisdare Hickson via Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0

Image und Inszenierung

Dass die Austragung großer Sportereignisse für das eigene Image und die eigene Präsentation genutzt werden, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Trotzdem scheint die kommende WM alle bisherigen Standards in dieser Hinsicht noch einmal übertreffen zu wollen. Dieses Bestreben scheint vor allem ganz im Interesse von Donald Trump zu stehen, der nicht nur die USA, sondern auch seine eigene Person vor dem globalen Publikum inszeniert.

Einen ersten Eindruck, konnte man bereits Mitte Juli letzten Jahres im Finale der Klub-WM bekommen. Das globale Vereinsturnier wurde  ebenfalls von der FIFA organisiert und in den USA ausgetragen. Auf dem Siegerpodest überreichte der US-Präsident die Trophäe dem Turnier-Sieger FC Chelsea und entschied sich daraufhin auf der Bühne zu bleiben und inmitten der Spieler für das Sieger-Foto zu posieren. Diese Geste sorgte unter anderem bei dem Chelsea-Kapitän Reece James für Verwirrung.

Foto: Official White House Photo (Public Domain)

Foto: Daniel Torok / White House via Wikimedia Commons
(Public Domain)

Grafik: OneLove-Design (Public Domain)

Das vorläufige WM-Highlight für Trump schien die Verleihung des „FIFA-Friedenspreis – Fußball vereint die Welt” gewesen zu sein. Diesen erhielt er von FIFA-Präsident Gianni Infantino bei einer feierlichen Zeremonie im Dezember 2025 im Rahmen der Gruppenauslosung für die WM. Da der Preis neu eingeführt wurde und von nun an jährlich vergeben wird, wurde Trump damit zum ersten Friedens-Preisträger in der FIFA-Geschichte. Eine interessante Ehrung mit Blick auf die politische Neutralitätspflicht in den selbst auferlegten Statuten der FIFA. Man behält sich nach eigenem Ermessen zwar Ausnahmen von dieser Regelung vor, unklar sind jedoch die Entscheidungsprozesse und die Ermessensmaßstäbe, die zu solch einer Ausnahme führen.
Diese Unklarheiten wurden auch in der vergangenen WM in Katar deutlich, bei der die FIFA unter anderem der deutschen Mannschaft verbot die sogenannte „One Love“-Binde zu tragen, da sie sie als ein politisches Symbol wertete. Dass dieses Symbol unter anderem als Zeichen für Toleranz und Vielfalt im Rahmen sexueller Orientierung dienen sollte, einem Grundsatz, dem sich auch die FIFA explizit verschreibt, schien dabei keine Berücksichtigung zu finden. Nebst der Debatte um politische Symbole hingen der letzten WM auch einige weitere Kontroversen an.

Rückblick auf Katar

Seit der Vergabe im Jahr 2010 war die vergangene Fußball-Weltmeisterschaft im November und Dezember 2022 in Katar aus diversen Gründen umstritten. Zum einen wurden Vorwürfe aufgrund schwerwiegender Menschenrechtsverletzungen gegenüber Frauen und LGBTQ+-Menschen und umfassende Kritik an den ökologischen Auswirkungen des Turniers geäußert. Zum anderen standen Korruptionsvorwürfe innerhalb der FIFA im Rahmen des Vergabeprozesses im Raum. In Frage gestellt wurde der Austragungsort auch aufgrund der mangelnden Tradition des Fußballs im Gastgeberland und dem geringen Faninteresse an dem Turnier.

Im Zentrum der Kritik stand die Situation der beschäftigten Gastarbeiter auf den Baustellen an den WM-Stadien und der WM-Infrastruktur. Zahlreiche Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International kritisierten das Vorgehen in Katar in der Vorbereitung auf die WM. So hätten die Arbeiter häufig stundenlang bei bis zu 50° C Hitze ohne ausreichende Pausen, medizinische Versorgung, ausreichend Lebensmitteln und Trinkwasser arbeiten müssen. Mangelnder Arbeitsschutz und körperliche Gewalt durch Arbeitgeber seien keine Seltenheit auf den Baustellen gewesen.

Foto: Alex Sergeev via Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Allein im Jahr 2013 seien innerhalb von zwei Monaten, zwischen Juni und August, rund 40 Arbeiter als Folge dessen ums Leben gekommen. Des Weiteren wurde den Angestellten der Lohn häufig zu spät, zu niedrig oder auch gar nicht ausgezahlt. Darüber hinaus sei es gängige Praxis gewesen, dass die Arbeitgeber den Gastarbeitern ihre Pässe abnahmen, was eine vorzeitige Ausreise oder auch nur einen Arbeitsplatzwechsel erschwerte bis unmöglich machte.

Foto: Kabhi2011 via Wikimedia Commons, CC BY 4.0

Im Zuge des Klimaschutzes wurden ebenso die ökologischen Konsequenzen der WM im Winter kritisiert. In insgesamt acht Stadien, wovon sieben Stadien extra neu gebaut und klimatisiert wurden, spielte man Fußball. Um annehmbare Temperaturen zwischen 18 und 23 Grad zu erreichen, erforderte es einen extremen Energiebedarf alleine für die Klimatisierung der Stadien. Hinzu kam ein immenser Wasserverbrauch, da neben den Stadionplätzen auch 136 Trainingsplätze fortlaufend gewässert werden mussten. Jeder einzelne Fußballplatz verbrauchte circa 10.000 Liter Wasser am Tag im Winter und sogar bis zu 50.000 Liter Wasser täglich während des Sommers. Da Katar zudem über keine natürlichen Wasserressourcen wie zum Beispiel Grundwasser verfügt, musste das Wasser über die thermische Entsalzung von Salzwasser gewonnen werden. Dieser Vorgang ist ebenfalls mit einem hohen Energieverbrauch verbunden.

All diese Kritiken änderten letztendlich nichts daran, dass man das Turnier in Katar stattfinden ließ. Einem Land, das viel Geld und einen immensen Aufwand investierte, um sich auf einer der größten sportlichen und politischen Bühne präsentieren zu können.

Blick in eine andere Sportart – Olympische Spiele 1936

Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-P017073 / Frankl, A. / CC-BY-SA 3.0 DE

Dass große Sportereignisse zur politischen Bühne werden, ist jedoch kein neues Phänomen. Ein besonders prägnantes historisches Beispiel sind die Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Nachdem die Spiele bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten an Deutschland vergeben worden waren, nutzte das NS-Regime die internationale Aufmerksamkeit gezielt, um sich vor der Weltöffentlichkeit als leistungsfähiges, friedliches und modernes Deutschland zu präsentieren. Die Realität im Inneren des Landes sollte dabei möglichst unsichtbar bleiben. Antisemitische Schilder wurden zeitweise aus dem Berliner Stadtbild entfernt, offene Gewalt und Hetze wurden zurückgedrängt, und die Verfolgung von Jüd*innen Sinti und Roma sowie politischen Gegner*innen wurde während des Turniers nach außen hin verschleiert. Die Spiele wurden so zu einem sorgfältig inszenierten Gegenbild der tatsächlichen nationalsozialistischen Herrschaft.

Gleichzeitig waren die Olympischen Spiele 1936 weit mehr als ein sportliches Großereignis. Sie waren ein Propagandaprojekt, in dem Architektur, Massenchoreographien, Medienbilder und sportliche Höchstleistungen miteinander verbunden wurden. Stadien, Fahnen, Zeremonien und die internationale Berichterstattung sollten den Eindruck eines geordneten, starken und bewundernswerten Deutschlands erzeugen. Schon vor Beginn der Spiele wurde deshalb international über einen Boykott diskutiert. Kritiker*innen sahen in der Teilnahme die Gefahr, einem rassistischen und autoritären Regime Legitimität zu verleihen. Letztlich fanden die Spiele dennoch statt, und genau darin zeigte sich bereits damals ein Grundproblem des internationalen Sports: Die Berufung auf politische Neutralität kann selbst politisch werden, wenn sie dazu führt, bestehende Machtverhältnisse, Gewalt oder Ausgrenzung auszublenden.

Besonders häufig wird in diesem Zusammenhang auf Jesse Owens (rechts im Bild) verwiesen. Der afroamerikanische Leichtathlet gewann in Berlin vier Goldmedaillen und widerlegte damit sichtbar die rassistische Ideologie der Nationalsozialisten von einer angeblichen “arischen Überlegenheit”. Sein sportlicher Erfolg wurde zu einem der bekanntesten Gegenbilder zur nationalsozialistischen Propaganda. Trotzdem änderte dies nichts daran, dass das Regime die Spiele insgesamt erfolgreich für seine Selbstdarstellung nutzen konnte. Gerade deshalb bleiben die Olympischen Spiele von 1936 ein zentraler Bezugspunkt, wenn über Sport und Politik gesprochen wird. Sie zeigen, dass internationale Turniere nicht außerhalb gesellschaftlicher  Konflikte stehen. Sie können sportliche Begegnung ermöglichen, aber zugleich auch dazu dienen, Unterdrückung zu verdecken, Herrschaft zu legitimieren und politische Botschaften in scheinbar unpolitische Bilder zu übersetzen.

„Der Mythos vom unpolitischen Sport“

Immer wieder wird von Fußballfans gefordert, Sport und Politik zu trennen. Dieser Grundsatz erscheint jedoch in Anbetracht der Realität und den gegebenen Umständen als unrealistisch. Bereits vergangene Events haben gezeigt, dass globale Sportereignisse zwangsläufig einen politischen Charakter aufweisen. Auch die WM 2026 zeichnet sich noch vor ihrem Beginn überwiegend durch politische Konflikte, Skandale und Debatten und nicht durch sportliche Vorfreude aus. Turnier-Rekorde und Debütauftritte geraten in den Hintergrund. Die Politik überlagert den Sport!

Beitragsbild: SachinDaluja via Wikimedia Commons, CC BY 2.0
Beitragsdesign: David Langner
Info: Artikel wurde bereits Ende Mai (ca. 2 Wochen vor der WM) geschrieben

GrIStuF 2026 – Begegnungen über Grenzen hinweg

GrIStuF 2026 – Begegnungen über Grenzen hinweg

Greifswald wird wieder international: Vom 17. bis 21. Juni bringt das GrIStuF Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen nach Greifswald. Unter dem Motto „Shaping Spaces – Creating Communities“ lädt das Studierendenfestival dazu ein, neue Perspektiven kennenzulernen und gemeinsam darüber nachzudenken, wie Gemeinschaft gestaltet werden kann. Workshops, Vorträge und kulturelle Abendveranstaltungen schaffen dabei Begegnungen über Länder- und Kulturgrenzen hinweg – und machen Greifswald zu einem Ort des internationalen Miteinanders.

Was ist GrIStuF?

GrIStuF steht für Greifswald International Students Festival. Es ist eins von zwei großen internationalen Studierendenfestivals in Deutschland. Das Festival bildet einen bunten Rahmen zur Begegnung und Verständigung zwischen Menschen verschiedener Nationen, Kulturen und Religionen. Dabei setzen sich die Teilnehmenden unter anderem in Workshops, Vorträgen und Diskussionen mit dem jeweiligen Motto des Festivals auseinander. Zudem werden den internationalen Gästen und den Greifswalder*innen vielfältige Abendveranstaltungen angeboten, um sich in einem lockeren Rahmen kennenzulernen und auszutauschen.
Das GrIStuF ist das umfangreichste und namensgebende Event des gristuf e.V.. Der Verein gründete sich vor 25 Jahren, um der Organisation des Festivals nachzugehen. Lange fand das Festival alle zwei Jahre statt. Durch Corona und den Folgen der Pandemie auf das Ehrenamt musste der Verein eine achtjährige Festival-Zwangspause einlegen. Mit dem GrIStuF 2026 wagt der Verein nun endlich wieder den Schritt zum Festival.
Hier gehts zur Webseite des Vereins

Worum geht es in diesem Jahr?

Das diesjährige GrIStuF steht unter dem Motto „Shaping Spaces – Creating Communities“ und legt damit einen Fokus auf sogenannte Third Spaces. Diese Räume außerhalb der Arbeits- und Wohnumgebung, werden von den Teilnehmenden hinsichtlich der Gestaltung von Gemeinschaften, dem Austausch von Ideen und der Schaffung einer gesunden pluralistischen Gesellschaft diskutiert. Um tiefergehende Einblicke in dieses Thema zu ermöglichen, finden im Rahmen des Festivals fünf dreitägige Workshops statt, in den die Teilnehmenden in Gruppen angeleitet von externen Teamer*innen arbeiten. Die Workshops behandeln die Themen: Green Spaces, Lost Spaces, Reclaiming Spaces, Spaces for Democracy und Digital Spaces. Sie finden vormittags und am frühen Nachmittag statt und sind nur für Teilnehmende des Festivals zugänglich!

Angebote und Kulturveranstaltungen

An den Abenden des Festivals finden Kulturveranstaltungen statt, die offen für alle interessierten Personen zugänglich sind!

Am Donnerstag, den 18. Juni findet im klex ein Open Space statt. Der Abend wird von Teilnehmenden der Veranstaltung mitgestaltet, indem Bühnen zur Verfügung gestellt werden für Karaoke, Poetry Slam und dem Meeting oft he Cultures, bei dem Teilnehmende Aspekte (bspw. Tänze, Lieder etc.) ihrer Kultur präsentieren können.
Hier gehts zum Instagram-Account des klex

Am Freitag, 19. Juni findet der gristuf-Klassiker, das Running Dinner statt. Unter dem Motto „Pan-National: Die Welt in deiner Pfanne“ steht das 3-Gänge-Menü mit Ortswechsel ganz im Zeichen des Festivals. Ab 18 Uhr wird sich an dem Abend in Teamkonstellationen von 2 bis 3 Personen durch Greifswald geschlemmt. Anschließend findet die Running Dinner Afterparty im klex statt, die auch offen für Nicht-Teilnehmende des Running Dinners ist.

Samstag, dem 20. Juni, folgt dann Abends das KinoAufSegeln im Museumshafen. Seit ein paar Jahren unterstützt der gristuf e.V. bei der Ausrichtung der Filmabende auf Schiffssegeln, weshalb die Veranstaltung nicht im Rahmen des Festivals fehlen darf. Der Einlass startet ab 20:30 Uhr. Der Film beginnt mit Sonnenuntergang.

Abschluss des Festivals bildet am Sonntag, den 21. Juni, die zweit größte Veranstaltung des gristuf e.V.: die Fête de la Musique in Greifswald. Das Musikfestival entstand in Frankreich und findet traditionell jedes Jahr am 21. Juni, dem längsten Tag des Jahres, statt. Zur Zelebrierung des Sommerbeginns und unter dem Motto „Musik für alle, umsonst und draußen“ wird in über 1000 Orten weltweit gefeiert. Durch das Engagement und die Organisation des gristuf e.V. und verschiedener Partner*innen feiert die Fête dieses Jahr ihr 20. Jubiläum in Greifswald. Mit 10 Bühnen verteilt in der ganzen Stadt treten Musiker*innen live auf und laden zum Lauschen, Tanzen und Mitmusizieren ein.
Hier gehts zur Website Fête de la Musique Greifswald

Zu allen Veranstaltungen wird auch auf der Vereinswebsite und über Instagram informiert werden.

Eindrücke vom letzten Fête de la Musique:

Fotos: Ole Kracht, Instagram-Account

Im Web Weekly stellen wir euch jede Woche ein neues Kultur-Ereignis in Greifswald und Umgebung vor.
Wir wünschen viel Spaß bei allen Veranstaltungen! 

GrIStuF 2026 – Begegnungen über Grenzen hinweg

Tradition und Gegenwart – 110 Jahre Pommerscher Künstlerbund

Vom 11.06. bis zum 07.08. könnt ihr euch die neue Ausstellung des Pommerschen Künstlerbundes: „Tradition und Gegenwart – 110 Jahre Pommerscher Künstlerbund“ in der kleinen Rathausgalerie anschauen. Die Ausstellung findet im Rahmen des 110 jährigen Jubiläums des Künstlerbundes statt und wird sowohl malerische, als auch grafische und fotografische Werke zeigen. Zeitgleich sind auch im Pommerschen Landesmuseum sowohl Werke von den Mitgliedern als auch von einigen polnischen Künstler*innen zu sehen, welche in einem gemeinsamen Workshop entstanden sind.

Veranstalter und Künstler*innen

Veranstalter der Ausstellung ist der Pommersche Künstlerbund, welcher 1916 in Stettin gegründet wurde. Trotz einiger Schwierigkeiten und Brüche, speziell in den 12 Jahren von 1933 bis 1945, in denen die Vereinigung von der Kultur der Nationalsozialisten okkupiert wurde, fasste der Künstlerbund nach der Wiedervereinigung 1990 in Mecklenburg-Vorpommern Fuß und verlagerte seinen Schwerpunkt nach Greifswald. Die heutigen Mitglieder entstammen verschiedener Generationen und auch ihre künstlerischen Werke sind sowohl im Medium, als auch in ihren Thematiken sehr divers. Nicht nur die Malerei ist vertreten, auch Fotografien, Grafiken oder die Bildhauerei finden ihre Plätze im Rampenlicht. Mit seiner Jubiläumsausstellung möchte der Künstlerbund die Vielfalt des Vereins offenbaren, aber auch zeigen, wie Tradition und Gegenwart die Mitglieder dennoch miteinander verbindet.
Hier findet ihr weitere Infos zum Verein

Bildnachweis: Manfred Prinz, Hiddenseer Heide, © Manfred Prinz

Location

Die Kleine Rathausgalerie ist im ersten Stock des historischen Rathauses zu finden, welches sich direkt am greifswalder Marktplatz befindet. Die Ausstellungen der Galerie wechseln regelmäßig und haben zum Ziel einen besonderen Fokus auf regionale Themen und Künstler*innen zu legen. Wer sich für zeitgenössische Kunst aus der Region interessiert oder sich allgemein mit dieser befasst, ist hier genau richtig und kann sich kostenlos die verschiedenen Ausstellungen anschauen.
Eine Übersicht der kommenden Ausstellungen in der Rathausgalerie findet ihr hier:
kommende Ausstellungen Kleine Rathausgalerie

Kurz & knapp

Wann? 11.06.2026 – 07.08.2026
Öffnungszeiten:
Montag, Mittwoch & Donnerstag 8:30 – 17:30 Uhr
Dienstag 8:30 – 18:30 Uhr
Freitag 8:30 – 13:00 Uhr
Wo? Kleine Rathausgalerie; Am Markt, 17489 Greifswald
Wer? Pommerscher Künstlerbund
Der Eintritt ist kostenlos.
Veranstalter: Pommerscher Künstlerbund e.V. & UHGW
Hier gehts zum Eintrag im Kulturkalender
Hier gehts zum Instagram-Account

Bildnachweis: © Manfred Prinz

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GrIStuF 2026 – Begegnungen über Grenzen hinweg

Sommer-Impro im Botanischen Garten

Theater-und Improfreunde aufgepasst!
Am 05.06. und 19.06. finden zwei Improvisationstheater-Auftritte im Botanischen Garten Greifswald statt. Beim ersten Auftritt „Sommerspiele“ (05.06.) dreht sich alles um das Thema Sommer. Beim „Krimi“-Format (19.06.) entwickeln und lösen die Spieler*innen gemeinsam mit dem Publikum einen improvisierten Kriminalfall. Beginn ist jeweils um 19 Uhr.

Veranstalter und Künstler*innen

Veranstalter des Events ist das „StuThe“ (Kurzform für StudentenTheater). Das Studententheater der Universität Greifswald (e.V.) ist bereits seit über 20 Jahren die Anlaufstelle für Student*innen, die sich im Theaterspielen ausprobieren möchten. Im Verein werden viele verschiedene Veranstaltungen und Workshops angeboten, durch die Student*innen ihr persönliches „Theatergen“ entdecken und ausleben können.
Die beiden Impro-Auftritte werden von “Ma’Ma Ernst”, der Improvisationstheatergruppe des StudentenTheaters, gespielt. Ohne festgelegtes Drehbuch werden die Auftritte von Impulsen aus dem Publikum gelenkt. Dabei reichen bereits einzelne Worte oder Emotionen, die einen unvergesslichen und einzigartigen Abend entstehen lassen.
Weitere Infos findet ihr hier:
StudentenTheater der Universität Greifswald e.V. – Theater ist eine menschliche Eigenschaft    

Location

Der Botanische Garten Greifswald wurde bereits im Jahre 1763 als Arzneipflanzengarten der Universität Greifswald gegründet. Seit 1886 befindet er sich vor den Toren der Altstadt in der Münsterstraße. Er umfasst eine Gewächshausanlage, in der frostempfindliche Pflanzen untergebracht sind, sowie einige Tropenhäuser in denen eine Vielzahl tropischer Nutzpflanzen gedeiht. Von Kakteen über Wasserpflanzen bis hin zu Tierfallenblumen ist alles in dem historischen Garten vertreten.
Neben Veranstaltungen wie dem Improvisationstheater werden ebenfalls regelmäßige Führungen durch den Garten angeboten.
Hier sind die Öffnungszeiten der Gewächshausanlage und des Freilandbereichs:

Montag bis Freitag ganzjährig | 09:00 bis 15:45 Uhr
Feiertag, Samstag und Sonntag

Dezember bis Februar | 13:00 bis 15:00 Uhr
März, April, Oktober, November | 13:00 bis 16:00 Uhr
Mai bis September | 13:00 bis 18:00 Uhr

 

Kurz & knapp

Wann? 05.06. mit „Sommerspiele“ & 19.06. mit „Krimi“; jeweils um 19Uhr
Wo? Botanischer Garten; Münterstraße 2, 17489 Greifswald
Wer? Improvisationstheatergruppe “Ma’Ma Ernst” des StudentenTheaters der Uni Greifswald
Eintritt auf Spendenbasis
Veranstalter: StuThe Greifswald e.V
Hier geht es zur StuThe-Webseite
Hier geht es zum Instagram-Ankündiger

 

Bildnachweis: Eric Recknagel

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Wir wünschen viel Spaß bei allen Veranstaltungen! 

Wenn die Lichter ausgehen

Wenn die Lichter ausgehen

Von Charlotte Kahnke und Alessandra Petri

Unstrukturiert, wild und liebenswert. So beschreibt Murat Demirkaya die Rosa. Der Club, mit seinem Sitz beim Einkaufspark Gleis 4, ist vielen bekannt. Doch wie fing alles an? Und warum endet es nun? Murat, 48 Jahre alt, der nebenbei auch als Grundschullehrer arbeitet, gibt uns einen kleinen Einblick hinter die Kulissen, lüftet so manches Geheimnis und wirft Licht auf die Zukunft der Rosa. 

Es startete alles mit einfachen Partys in wechselnden Locations. Kostenloser Eintritt und recht bekannte Künstler, dadurch zeichneten sie sich aus. Die Idee, selbst Events zu veranstalten, kam dem Betreiber Murat Demirkaya, als er selbst an der Bar eines Clubs arbeitete, der damals im jetzigen Edekagebäude untergebracht war. Dort konnte er bereits einige Kontakte zu Künstlern und Helfern knüpfen. »Die ursprüngliche Idee war eigentlich Geld zu machen und ich glaube, ich wollte auch gesehen werden, Anerkennung bekommen. Aber das hat sich über die Zeit gewandelt. Wir wollen halt ein Ort sein, wo man sicherer feiern kann. Das ist ganz wichtig. Wo du nicht darauf achten musst, wie du aussiehst, welche Klamotten du anhast, wo du herkommst, welcher Religion du angehörst oder sonst irgendwas. Sondern du kannst einfach dahin kommen, so wie du bist und kannst feiern.« Über die Partys, die unter anderem auch in den Edeka-Hallen stattfanden, ergab sich schließlich der Kontakt zum heutigen Vermieter und damit auch der Weg zum aktuellen Standort. Das ehemalige Callcenter, in dem auch einige Studierende arbeiteten, wurde so zur Rosa WG, die allerdings nur wenige Monate bestand.

Viele Geschichten, ein Name

Die Herkunft des Namens der Rosa war für lange Zeit ein kleines, großes Mysterium. Murat beichtete uns, dass er früher viele Geschichten erzählt habe, wie ihm der Name eingefallen sei. Von in der Badewanne einfallen bis zu dem Hintergrund, dass von innen alle rosa seien, war so einiges dabei. Tatsächlich handelte es sich um eine von ihm veranstaltete Veranstaltungsreihe namens Roter Salon. Inspiriert war der heute 48-Jährige von einer gleichnamigen Veranstaltung aus Hannover. Die dortigen Veranstalter wurden allerdings durch die Buchung der gleichen Künstler auf die Inspiration aufmerksam. Abschrecken ließ er sich davon allerdings nicht. Er kürzte den ursprünglich wegen der roten Beleuchtung verwendeten Namen kurzerhand ab. Somit wurde aus dem Roten Salon, die RoSa. Dabei sind die Schreibweise und der Artikel des Namens für den Betreiber irrelevant. Jede*r könne nach eigenem Sprachgefühl gehen. Er selbst sage aber am häufigsten »die Rosa«.

Ein Club in Eigenregie

Die Anfangszeit war von Existenzsorgen und dem Minimum an Ausstattung bestimmt.Um den Club eröffnen zu können, lieh sich der Clubbetreiber Geld von Eltern und Freunden und investierte sein eigenes Erspartes, um die wichtigsten Anschaffungen zu erstehen. Alles musste vom Rosa Team selbst geregelt werden. »Wir mussten alles selbst konzipieren und uns überlegen, wie bauen wir was und dabei auch immer die Verordnungen und Gesetze im Auge behalten, die du beachten musst. Beispielsweise Brandschutz«, so erzählt Murat dem web.moritz. Neben einer eher schlechteren Anlage und schwierigen akustischen Bedingungen, fehlte es auch an Details wie Selbstschließern an den Toilettentüren. Dennoch kamen die Menschen und verbrachten ihren Abend in der Rosa, damals wie heute. Inzwischen hat sich jedoch trotz völliger Eigenregie einiges getan: So konnte nicht nur die Akustik vor zwei Jahren ausgebaut werden, sondern auch ein besseres Technikkonzept fand seinen Weg in die Rosa. Dennoch mangelt es immer noch an einem vernünftigen Boden, einem guten Lichtkonzept und einer guten Raumaufteilung.

Zwischen Kostenexplosion und Kündigung

Nach neun Jahren Clubbetrieb mit vielfältigen Veranstaltungen und Künstler*innen steht nun die Rosa, wie wir sie kennen, vor dem Aus. Das Ende des Ortes Rosa hat sich schon über längere Zeit angekündigt. Die Gründe liegen in erster Linie beim Umsatzrückgang bei gleichzeitiger Kostenexplosion. Zusätzlich erschweren Konflikte mit dem Vermieter der Rosa Location die Lage des Clubs. »Vor allen Dingen, wenn du einen Vermieter hast, der dich nicht wirklich als Kultur sieht und eher auf die Zahlen achtet. Also der dir ständig im Nacken sitzt und dich eigentlich raushaben will. Das spürst du halt«, beschrieb Murat die Situation. Fünf- bis sechsmal hatte der Vermieter dem Clubbetreiber bereits fristlos gekündigt. Dieser ließ sich davon nicht beirren und tat alles in seiner Macht Stehende, um den Club weiterhin geöffnet zu halten. Dennoch beeinflusste die Unsicherheit das Arbeitsgefühl enorm: »Also, wenn dir das Schwert so über dem Kopf schwebt, dann gehst du ganz anders an einen Club ran, als wenn du frei arbeiten und agieren kannst.«

Auch Corona forderte seinen Tribut: Das Publikum veränderte sich über die zwei Jahre voller Lockdowns und Hygienekonzepte. Der Fokus verschob sich von Konzerten und Raves vor Ort, hin zum Anschauen ebendieser als Streams auf TikTok und Instagram. Im Gegensatz dazu hatte die Clubszene durch Schließungen keine Chance, sich ebenso weiterzuentwickeln wie ihre Kundschaft. Als die Auflagen schließlich gelockert wurden, musste sich die Szene wieder völlig neu orientieren. »Wir standen mit dem alten Personal da und sind auf einmal auf ein komplett neues Publikum getroffen, dessen Geschmack und Stile wir überhaupt nicht kannten. Das hat einen großen Anpassungsschmerz bei uns verursacht« erzählt der Clubbetreiber. Die Rosa stand zwiegespalten zwischen ihrem alten Platz in der Szene und dem Anpassungsdruck der Neuentwicklungen, welche sich gerade in den Musikstilen zeigte. »Stell dir mal vor, du hast dein festes Team, du hast einen großen Freundeskreis mit vielen Künstlerinnen. Du hast ein Standing in der Szene, deutschlandweit, für eine bestimmte Musikrichtung, für einen bestimmten Stil. Und auf einmal machst du nach zwei Jahren wieder auf und dann kommt dein Publikum, das überhaupt nicht darauf steht.« Stile wie House, sophisticated Techno, Deep House und Tech House, die vor Corona die Partygänger in den Club lockten, wurden nach Corona erst von Hard-Tech und später von Bounce und Trance abgelöst. Besonders von Trance ist Demirkaya selbst Fan geworden: »Wir nehmen altes Material und machen daraus Neues. Das finde ich total witzig, wenn man zu Trance auf einmal mitsingen kann.«

Ein Abschied mit Statement

Schluss ist nun leider trotzdem. Leise wird die bevorstehende Schließung allerdings nicht. Vielmehr will das Team bewusst einen Gegenakzent setzen. Statt Resignation wolle man Positives verbreiten und zeigen, dass dieses Ende nicht zwangsläufig auch Stillstand und Schlusspunkt bedeuten muss. »Wir gehen hier zwar raus, aber da, wo eine Lücke entsteht, entsteht auch was Neues. Und das ist was Gutes. Immer Rosa ist auch langweilig.« Die Rosa verabschiedet sich damit nicht im Niedergang, sondern zeigt Haltung und das durch ein letztes, voll beladenes Programm. Geplant ist ein ganzer Monat des Abschieds, in dem jedes Wochenende einer Stilrichtung gewidmet ist, die den Club, besonders in den letzten Jahren geprägt hat: die letzte Techno-Party, die letzte Trance-Party, die letzte Disco-Party und die letzte House-Party. Ende Januar sollen schließlich die letzten beiden Veranstaltungen stattfinden. Statt auf Trauer setzt die Rosa also bewusst einen Schlussstrich.

Doch das Ende des Clubs bedeutet nicht das Ende der Rosa als kulturelles Projekt. Auch in Zukunft will das Team sichtbar bleiben. Geplant sind verschiedene Open-Air-Veranstaltungen, etwa im Rahmen des Fleischer-Vorstadt-Flohmarkts, der Fête de la Musique, der Kulturnacht oder bei Veranstaltungen direkt am Wall, wie sie bereits in den letzten Jahren stattgefunden haben. Diese Formate sollen nicht nur Musik und Begegnung fördern, sondern ganz besonders auch auf das kulturelle Vakuum aufmerksam machen. Dabei richtet sich der Blick auch klar auf die Stadtpolitik. Aus Sicht der Betreiber stehe die Kommune in der Verantwortung, gemeinsam mit Investor*innen nach Lösungen zu suchen. Dieser Kampf finde jedoch auf mehreren Ebenen statt. Einerseits gehe es darum, Räume überhaupt zu erhalten oder neue zu schaffen. Andererseits müsse man gegen tief sitzende Vorurteile in der Bevölkerung anarbeiten. Gerade Clubs werden noch immer mit Bildern aus dem zwanzigsten Jahrhundert assoziiert. Oft gelten sie als reine Konsumorte oder gar problematische Milieus. Dass zeitgenössische Clubs längst andere Verantwortung übernehmen, wird oft übersehen. Die Rosa etwa setzt seit Jahren auf ein Awareness-Konzept, das Besucher*innen ein sichereres Feiern ermöglichen soll. »Nicht sicher, sondern sicherer«, betont Murat selbst. Wenn Eltern wüssten, dass ihre Kinder in Clubs wie der Rosa in guten Händen seien, könne das Vertrauen wachsen. Genau darum gehe es: um die Anerkennung von Clubkultur als kulturellen und sozialen Raum – und nicht als bloßen Vergnügungsbetrieb.

Um die Rosa zu Ehren haben wir ein paar Personen welche in der Rosa oft aufgelegt oder sie besucht haben gefragt, ob sie einen kleinen Beitrag leisten und drei Fragen beantworten wollen. Hier sind die Fragen und was sie geantwortet haben:

  1. Wie würdest du die Rosa in drei Worten beschreiben?
  2. Was ist deine schönste Erinnerung die du mit der Rosa verbindest?
  3. Was bedeutet die Rosa konkret für dich?

Kamäleon:

  1. Zuhause. Bunt. Abgedreht.
  2. Der Abend, an dem ich Techno (mochte ich tatsächlich vorher nicht) lieben gelernt habe. Mein Nachbar und späterer Freund hat mich dort mit hin geschleppt und alles dort war einfach so anders. Alle haben zum DJ geschaut, niemand hat dich voll gequatscht, es gab keine Auseinandersetzungen oder ähnliches, das war eine völlig verändernde Erfahrung für mich. Seit diesem Abend war ich süchtig nach Techno und vor allem nach Techno in der ROSA. (das war Anfang 2019).
  3. Die ROSA bedeutet für mich Zuhause, Spielplatz, Trainingscamp und so was wie Jugendtreff.
    Zuhause weil ich mich da immer wohl gefühlt habe. Spielplatz weil ich dort immer Spaß hatte. Trainingscamp klingt vllt etwas komisch in dem Kontext, aber das meine ich, weil ich dort damals 2020 das Auflegen während Corona gelernt habe und dort auch die ersten Gigs vor richtigem Publikum hatte.

DJill:

  1. Heilend. Verbindend. Unvergesslich.
  2. Meine schönste und zugleich emotionalste Erinnerung an die Rosa, ist die von meinem letzten GIG. Während ich hinter den Decks stand, wurde mir klar, dass dies einer der letzten Momente an diesem Ort sein würde, einem Ort der so vielen Menschen etwas bedeutet. Ich war überwältigt von Gefühlen – Dankbarkeit, Freude, aber auch tiefer Trauer, weil es nun hieß Abschied zu nehmen. Die Energie und Liebe der Crowd haben diesen Moment zu etwas ganz besonderen gemacht. Es fühlte sich an wie ein gemeinsames Loslassen und Festhalten zugleich.
  3. Die Rosa war für mich weit mehr als ein Nachtclub. Sie war ein Zufluchtsort nach stressigen, gedankenreichen Wochen – ein Ort, an dem mein Kopf endlich still sein konnte und ich mich von der Musik tragen ließ. Hier habe ich Heilung gefunden, Liebeskummer verarbeitet und besondere Momente erlebt. 2025 habe ich selbst mit dem Auflegen begonnen und durfte einige Male in der Rosa spielen – eine Erfahrung, für die ich unendlich dankbar bin. Die Rosa hat Greifswald geprägt und mir Menschen geschenkt, die ich für immer in meinem Herzen tragen werde.

Diana:

  1. Offen. Warmherzig. Tolerant
  2. Ich habe eine tolle Freundin kennengelernt und habe mich direkt wohl gefühlt mit ihr zu tanzen. Man war direkt auf einer Wellenlänge
  3. Rosa bedeutet für mich Freiraum und Ich sein. In keinem anderen Club in Greifswald hat man sich so wohl gefühlt und war von Menschen umgeben die ohne Urteile andere sehen.

Nina:

  1. Cool. Verbindet. Spaß.
  2. Die Musik und die Leute.
  3. Ein Ort zum Durchtanzen, connecten und Spaß haben. Leider habe ich es nie geschafft, bis zum Ende zu bleiben. War immer zu müde, um die volle Rosa-Experience mitzubekommen.

alle Bilder: Žan Vidmar Zorc

Buchrezension: Hanne Benden – „Der Weihnachtsbrief“

Buchrezension: Hanne Benden – „Der Weihnachtsbrief“

Mit einer Faszination für Skandinavien schreibt Hobby-Autorin Hanne Benden am liebsten Bücher mit
Hyggefaktor, in deren Welt man gemütlich auf der Couch eintauchen kann. In ihrem Roman „Der Weihnachtsbrief“ widmet sie sich allerdings einem gänzlich anderen Thema: „Der zweite Weltkrieg, die durch ihn verursachten Einberufungen und wie er Familien spaltete“.


Protagonistin Jette, eine junge talentierte Journalistin, findet 2018 im Nachlass ihres kürzlich verstorbenen Opas einen Brief an eine mysteriöse Frau, die weder sie selbst noch jemand aus ihrem Umfeld kennt und ein Foto dieser Dame. Für Jette ist schnell klar, dass sie die Fremde ausfindig machen oder zumindest ihre Verbindung zu ihrem Opa erkennen möchte. Dafür nimmt sie Überstunden eigenmächtiger Recherche und Vernachlässigung ihrer eigentlichen Arbeit in Kauf.
Agnes ist eine junge Frau in den 1940ern, die damit zurechtkommen muss, dass ihr Freund an die Front geschickt wird, aber nie die Hoffnung auf ein freudiges Wiedersehen aufgibt. Sie lebt ihr Leben zwar weiter, erzieht ihre Kinder und wirkt glücklich, doch den Gedanken an ihn wird sie nie so richtig loslassen können.

Stück für Stück enthüllt sich den Leser*innen Kapitel für Kapitel der Zusammenhang zwischen den Schicksalen der beiden jungen Frauen. Von Anfang an verbindet sie jedoch der Schmerz über den Verlust von Personen, die ihnen sehr nahestanden.

Die Geschichte wechselt kapitelweise zwischen den beleuchteten Charakteren hin und her, dabei geschehen Zeitsprünge, sowohl vorwärts als auch rückwärts, bis die Handlungsstränge im finalen Szenario zueinanderfinden. Das Buch hat 80 Seiten, eingeteilt in 24 Kapitel und lässt sich damit in kurzer Zeit lesen. Die wechselnden Perspektiven steigern die Lust, am Buch dranzubleiben, und die Zeitsprünge sorgen für ein Voranschreiten der Handlung in angemessenem Tempo. Die Charaktere sind von unterschiedlichen Wesenszügen, werden emotional und sind alle nicht perfekt, was den Leser*innen die Möglichkeit bietet, sich in sie hineinzuversetzen oder sogar sich mit ihnen zu identifizieren.


Empfehlen würde ich dieses Buch Leuten, die sich allgemein für Stories über die Kriegszeit und was sie bei den Menschen anrichtet interessieren. Aber auch Leuten die sich gerade von einem dicken Schinken erholen (optional) und auf der Suche nach einer kleinen Geschichte sind, die sowohl wohlige als auch aufwühlende Momente beinhaltet, die persönliche Schicksale beleuchtet, zum Nachdenken anregen und einem auch nahegehen kann.

Ähnlich wie die Charaktere, fühlt man sich auch als Leser*in daran erinnert, die Anwesenheit der geliebten Mitmenschen aktiv wertzuschätzen. Auch wenn die Geschichte zur Weihnachtszeit spielt, ist das Buch dadurch nicht darauf beschränkt, nur in dieser gelesen werden zu können. Der Roman erschiehn bei Books on Demand und ist für 12,00 Euro als Taschenbuch oder 6,99 Euro als eBook erhältlich.

Beitragsbild: Yuliia Tretynychenko auf unsplash