Am Sonntag sind wir dran!

Am Sonntag sind wir dran!

Dran zu wählen. Bitte nehmt euch die Zeit und geht wählen! Eine niedrige Wahlbeteiligung hat direkten Einfluss auf die nächste Regierungsbildung und der Ausgang der Wahl kann sowohl das universitäre Leben als auch die Hochschulpolitik maßgeblich beeinflussen.

Was sagt die AfD?

Im Wahlprogramm der AfD steht: „Über fächerweite Eignungsfeststellungsprüfungen ist nachzudenken, damit Hochschulen ihren wissenschaftlichen Nachwuchs gezielter auswählen können. Unser Ziel ist ein Absolventenbild, das Fachkompetenz und charakterliche Reife verbindet.” Zukünftig setzt sie sich für einen selektiveren Zugang zu den Hochschulen in MV ein. Das kann in Zukunft den Studierenden-Alltag direkt beeinflussen.

Ein Blick über die Ländergrenzen

In Sachsen-Anhalt hat die AfD die Möglichkeit erwirkt, aus der verfassten Studierendenschaft auszutreten. Den Gesetzesentwurf für MV dazu legte die AfD im Februar letzten Jahres vor, erhielt dafür jedoch bisher keine Mehrheiten. Nachzulesen im webmoritz.-Artikel. 

Für Sachsen-Anhalt sieht die AfD die Universität als eine Institution, die „Erkenntnis und Bildung vermittelt und damit etwas, was nicht demokratisch verhandelt werden kann, und wo der am meisten zu sagen hat, der über die größte Erfahrung verfügt: die Professoren.“

Die Idee, dass alle Gruppen der Institution Universität Mitbestimmung erhalten, findet die AfD Sachsen-Anhalt falsch und will sie beenden. Eine Universitätsreform in Sachsen-Anhalt soll auch dafür sorgen, dass die demokratischen Gremien der Mitbestimmung abgeschafft werden. Das könnte in MV an unserer Universität das StuPa, den AStA, die studentische Vollversammlung und auch uns als studentische Medien betreffen. 

Natürlich sind es zwei verschiedene Länder, Landesverbände und Wahlprogramme. Aber dass sich die AfD-MV bei ihren Parteikolleg*innen zu schärferen Maßnahmen an Hochschulen inspirieren lässt, sollte sie sichere Mehrheiten im Landtag bekommen, ist denkbar.

Wenn Vielfalt zur Störung wird – Über die Pathologisierung menschlicher Varianz

Wenn Vielfalt zur Störung wird – Über die Pathologisierung menschlicher Varianz

Synchronität ist institutionalisiert; wer aus dem Raster fällt, wird als Störfaktor betrachtet. Der moderne Mensch lebt in einer Welt, die Gleichförmigkeit zum Ideal erhoben hat. Dabei ist der Mensch kein normiertes Wesen. Biologische, soziale und kognitive Varianz ist seit jeher Teil der biologischen und kulturellen Entwicklung.

Wie funktional solche Unterschiede sein können, zeigt zumindest ein Blick auf heutige Jäger- und Sammler-Kontexte. Der Mensch ist weder das stärkste Lebewesen noch das größte. Weder riecht er besonders gut, noch hat er das beste Gehör. Und auch die Nachtsicht ist nicht besonders ausgeprägt. Wer sich schon einmal die Frage gestellt hat, wie es sein kann, dass der Mensch, lange bevor er sesshaft wurde, nicht bereits des Nachts den zumeist nachtaktiven Raubtieren vollständig zum Opfer gefallen ist, bekommt hier eine mögliche Antwort auf die Frage.

Synchronität wider die biologische Uhr

In einer 2017 erschienenen Studie wurde das Schlafmuster von 33 erwachsenen Angehörigen der Hadza untersucht, einer indigenen Gruppe aus Tansania, deren Lebensweise bis heute stark von Jagd und Sammeln geprägt ist. Dabei wurde festgestellt, dass die unterschiedlichen Chronotypen, also vereinfacht gesagt die Spanne zwischen Morgen- und Nachtmenschen, dazu führen, dass es unter den gemessenen Personen nur eine Zeitspanne von 18 Minuten gab, in der alle untersuchten Personen als schlafend klassifiziert wurden. Während die einen besonders früh schlafen, sind andere besonders lange wach, was dazu führt, dass zu fast jeder Zeit auch ohne Nachtwache Wachheit und potenzielle Reaktionsfähigkeit in der Gruppe vorhanden ist.1

Betrachtet man diese Unterschiede und vergleicht sie mit der heutigen Zeit, drängt sich einem unweigerlich die Frage auf, wie gesund unsere erzwungene Synchronität, von der Schul- bis zur Arbeitswelt, für den Einzelnen wie für die Gesellschaft als Ganzes sein kann. Studien, die bei Schichtarbeitenden durchgeführt wurden, zeigen dabei, dass eine Fehlanpassung an den zirkadianen Rhythmus das Risiko für viele der heutigen Krankheitsbilder erhöhen kann. Hierbei werden unter anderem Stoffwechselerkrankungen wie Adipositas und Diabetes genannt sowie Bluthochdruck und Entzündungen im Körper, welche Herz-Kreislauf-Risiken erhöhen.2
Auch wird in vielen Studien von einem ‚Social Jetlag‘ gesprochen; wer unter der Woche gegen seinen eigenen Chronotyp arbeitet, beispielsweise durch frühes Aufstehen, ist übermüdet, geht am Wochenende wieder später schlafen und steht später auf. Dadurch fühlt sich Montag wie ein ‚Mini-Jetlag‘ an.3

Das Prinzip reicht jedoch über Schlaf hinaus: Auch andere Formen menschlicher Varianz werden heute vor allem sichtbar, wenn sie mit institutionellen Normalformen kollidieren. In den letzten Jahrzehnten sind Diagnosen wie ADHS oder Autismus häufiger geworden. Entgegen mancher populärer Verkürzungen, die Autismus vor allem als Folge äußerer Schädigungen oder moderner Umweltfaktoren deuten, gibt es auch evolutionäre Erklärungsansätze, nach denen bestimmte autistische Merkmalsprofile nicht bloß als Defizit, sondern als Teil menschlicher kognitiver Varianz verstanden werden können.4 Detailfokus, Spezialwissen oder technische
Präzision waren oft Motoren für die technologische und kulturelle Entwicklung des Menschen. Weiterhin wird die Stigmatisierung als Krankheitsbild auch dadurch aufgebrochen, dass heute vermehrt auch im Erwachsenenalter Diagnosen ausgesprochen werden, bei Menschen, die gelernt haben, die typischen Auffälligkeiten zu maskieren. Hier sind besonders Frauen und Mädchen betroffen.5; 6

Das Gleiche gilt für ADHS, welches ebenfalls als diagnostische Störung geführt wird. Bei der kenianischen Bevölkerungsgruppe der Ariaal wurde in einer Studie verglichen, wie sich eine mit ADHS-assoziierten Merkmalen in Verbindung gebrachte Genvariante bei nomadisch lebenden und sesshaft gewordenen Männern auswirkt. Dabei zeigten sich Unterschiede im Ernährungs- und Körperstatus: In der sesshaften Gruppe schnitten Träger dieser Variante etwa beim BMI (Body Mass Index) ungünstiger ab, während derselbe genetische Faktor im nomadischen Kontext offenbar weniger nachteilig oder sogar funktional eingebettet war.7 Auch hier spricht einiges dafür, dass unsere moderne Lebensweise zum Teil unserer Biologie widerspricht und Krankheitsbilder begünstigen kann. Weiterhin führt eine andere Studie die Theorie ins Feld, dass diese Individuen durch verstärktes exploratives Verhalten eine wichtige Funktion innerhalb von Gruppen erfüllt haben, als Tester und Grenzgänger.8

Die Kosten der Anpassung

Viele dieser Beispiele zeigen, dass menschliche Varianz nicht automatisch ein Defekt ist. Viele dieser Merkmale könnten in der Evolution der Menschheit funktionale Rollen gespielt haben, welche uns möglicherweise erst zu dem Punkt gebracht haben, an dem wir heute sind. Heute werden viele dieser Varianzen jedoch vor allem als dysfunktional wahrgenommen. Somit sollten wir
uns an dem Punkt die Frage stellen: Wenn Individuen in einem System dysfunktional erscheinen, ist das Problem das Individuum, oder ist es unsere Lebensweise, die uns zunehmend von unserer evolutionären Ausgangslage und damit von uns selbst entfremdet?
Ist es korrekt, den natürlichen Bewegungsdrang von Kindern in 20-Minuten-Pausen zu pressen oder jedem Menschen dieselbe soziale Zeitstruktur aufzuzwingen? Wenn wir uns die sogenannten ‚Zivilisationskrankheiten‘ anschauen und den Anstieg derselben betrachten, drängt sich einem eine gewisse Absurdität in der Ignoranz gegenüber dieser Problematik auf.

Damit wird Gesundheitspolitik jedoch schnell paradox: Sie behandelt zunehmend die Folgen einer Lebensweise, deren Grundstruktur kaum infrage gestellt wird. Wenn Schlafrhythmen, Bewegungsbedürfnisse, neurokognitive Varianz und soziale Zeitordnungen systematisch gegeneinander arbeiten, entstehen Kosten nicht nur durch individuelle Erkrankungen, sondern auch durch institutionelle Normalitätsannahmen. Betrachtet man zudem die aktuellen politischen Debatten in Deutschland zu der finanziellen und strukturellen Überlastung in unserem Gesundheitssystem, stellt sich die Frage, ob der Mensch heutzutage noch als Teil der Gesellschaft gilt, oder ob sich der politische Begriff von Gesellschaft vom konkreten Individuum vollkommen gelöst hat. Wenn wir darüber reden, dass es in Deutschland zu viele Krankheitstage gibt, aber nicht darüber, dass die Arbeitsbedingungen selbst Menschen krank machen, dann zeigt sich genau an dieser Stelle diese Losgelöstheit. Der Mensch wird lediglich als Teil einer Maschinerie und Produktionskette gesehen, die möglichst störungsfrei funktionieren soll. Und die Frage ‚wozu?‘ wird nur noch mit dem Bruttoinlandsprodukt beantwortet.


Quellenverzeichnis:

1 Samson, David R., Crittenden, Alyssa N., Mabulla, Ibrahim A., Mabulla, Audax Z. P. & Nunn, Charles L. (2017). Chronotype variation drives night-time sentinel-like behaviour in hunter-gatherers. DOI: 10.1098/rspb.2017.0967 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28701566/

2 Scheer, Frank A. J. L. , Hilton, Michael F., Mantzoros, Christos S. & Shea, Steven A. (2009). Adverse metabolic and cardiovascular consequences of circadian misalignment. DOI: 10.1073/pnas.0808180106
https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.0808180106

3 Parsons, Michael J., Moffitt, Terrie E., Gregory, Alice M., Goldman-Mellor, Sidra, Nolan, Patrick M., Poulton, Richie & Caspi, Avshalom (2014). Social jetlag, obesity and metabolic disorder: investigation in a cohort study. DOI: 10.1038/ijo.2014.201
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4422765/

4 Reser, Jared E. (2011). Conceptualizing the autism spectrum in terms of natural selection and behavioral ecology: the solitary forager hypothesis. DOI: 10.1177/147470491100900209
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22947969/

5 Quinn, Patricia O. & Madhoo, Manisha (2014). A review of attention-deficit/hyperactivity disorder in women and girls: uncovering this hidden diagnosis. DOI: 10.4088/PCC.13r01596
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25317366/

6 Russell, Ginny, Stapley, Sal, Newlove-Delgado, Tamsin, Salmon, Andrew, White, Rhianna, Warren, Fiona, Pearson, Anita & Ford, Tamsin (2022). Time trends in autism diagnosis over 20 years: a UK population-based cohort study. DOI: 10.1111/jcpp.13505
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34414570/

7 Eisenberg, Dan T. A., Campbell, Benjamin, Gray, Peter B. & Sorenson, Michael D. (2008). Dopamine receptor genetic polymorphisms and body composition in undernourished pastoralists: An exploration of nutrition indices among nomadic and recently settled Ariaal men of northern Kenya. DOI: 10.1186/1471-2148-8-173
https://link.springer.com/article/10.1186/1471-2148-8-173

8 Williams, Jonathan & Taylor, Eric (2006).The evolution of hyperactivity, impulsivity and cognitive diversity.
DOI: 10.1098/rsif.2005.0102
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16849269/


Beitragsbild: cottonbro studio; Link zum Bild

Unbezahlbare Reform

Unbezahlbare Reform

Als Verbesserung gemeint bereitet das »Gesetz zur Reform der Psychotherapeutenausbildung« der Psychologie sieben Jahre nach Verabschiedung Kopfzerbrechen.
Wie kam es dazu und was sind die Aussichten?

Der gut gemeinte Ursprung

Der Ausgangspunkt der Diskussion ist das »Gesetz zur Reform der Psychotherapeutenausbildung« von 2019, welches die Ausbildungssituation der angehenden Psychotherapeut*innen grundlegend ändert. Bis dato war die Regel, dass Psychologiestudierende erst einen Bachelor und einen Master ablegen, um dann den Status als ›Psychotherapeut*in in Ausbildung‹ (PiA) zu erlangen. Diese Ausbildung war für viele mit erheblichen finanziellen Belastungen verbunden: Neben hohen Ausbildungskosten wurden die praktischen Tätigkeiten häufig nur unzureichend vergütet, sodass das System vielfach als strukturell ungerecht und ausbeuterisch kritisiert wurde. Die Ausbildung schloss mit der Approbation ab.

Mit der Reform wurde die Ausbildung an die anderer Heilberufe, insbesondere der Fachärzt*innen, angepasst. Seitdem erhalten Absolvent*innen die Approbation bereits nach dem Masterstudium und der ›Psychotherapeutischen Prüfung‹. Daran schließt sich eine in der Regel fünfjährige Weiterbildung als ›Psychotherapeut*in in Weiterbildung‹ (PtW) an. Erst nach deren erfolgreichem Abschluss erwerben sie die Qualifikation als Fachpsychotherapeut*in.

In dieser Zeit dürfen approbierte Absolvent*innen unter Supervision einer Fachpsychotherapeut*in bereits behandeln. Die Weiterbildung umfasst diesen praktischen, aber auch einen theoretischen Teil. Erst nach Abschluss der Weiterbildung erfolgt die Eintragung ins Arztregister, was die Voraussetzung für die Abrechnung der Leistungen bei Krankenkassen ist. 

Das Gesetz wurde im Herbst 2019 unter dem damaligen Gesundheitsminister Jens Spahn mit einer 12-jährigen Übergangsfrist beschlossen und gilt seit dem 1. September 2020. Im Jahr 2026 befindet sich die Reform damit mitten in der Umsetzungsphase. Die Reform war intendiert, um den Status der Psychotherapeut*innen und die Patient*innenversorgung zu verbessern.

Der Dreiklang der Krisen

Die Reform selbst war 2020 längst überfällig, erklärt Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier. Sie ist Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Greifswald, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs), Mitglied im Wissenschaftsrat sowie Initiatorin und Vize-Präsidentin des Vereins Gemeinsam für psychische Gesundheit e.V.. Zudem betont sie, dass die Reform nicht zu Ende gedacht wurde. Schon damals sei absehbar gewesen, dass die Finanzierung der Weiterbildung nicht ausreichend geklärt sei.

Sie spricht von einem ›Dreiklang der Krisen‹. Zunächst eröffnet die Reform selbst eine große Finanzlücke. Die approbierten Psychotherapeut*innen in Weiterbildung müssen nun nach Tarifvertrag bezahlt werden – ein wichtiger Fortschritt, denn die frühere Ausbildung sei für viele mit erheblichen finanziellen Belastungen verbunden gewesen. Viele Absolvent*innen mussten sich die Ausbildungszeit selbst finanzierenund sich verschulden. Gleichzeitig führt die tarifliche Vergütung zu deutlich höheren Kosten für Weiterbildungseinrichtungen.

Da sich diese Kosten nicht allein über die Einnahmen aus der ambulanten Patient*innenversorgung decken lassen, entstehen bislang bundesweit zu wenige Weiterbildungsstellen. Auch an der Universität Greifswald gibt es bislang keine Weiterbildungsstelle.

Die zweite Ebene ist die Kürzung der Honorare für Psychotherapeut*innen, die durch den Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) zum 1. April 2026 beschlossen wurde. Das geschah auf Grundlage des Sozialgesetzbuchs, welches die jährliche Bewertung psychotherapeutischer Vergütungen durch einen Bewertungsausschuss festlegt. Dieser entschied, die Honorare um 4,5 Prozent zu kürzen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung legte dagegen Klage ein und beantragte dazu einen Eilrechtsschutz, der am 9. Juli gewährt wurde. Dadurch kann die Kürzung der Honorare nicht in Kraft treten, bis das Gericht rechtskräftig über die Klage entschieden hat.

Die dritte Schwierigkeit kam Anfang Juli mit dem Beschluss des ›GKV-Beitragsstabilisierungsgesetzes‹, welches eine Reaktion auf die Erhöhungen der Abgaben an die gesetzlichen Krankenkassen durch Versicherte in den letzten Jahren darstellte. Um die Versicherten nicht mit weiter steigenden Beiträgen zu belasten, schlug die Ex-Bundesgesundheitsministerin Nina Warken vor, die Beiträge zu stabilisieren, indem unter anderem kassenärztliche Leistungen budgetiert werden. Hiervon sind nun auch die psychotherapeutischen Kassenleistungen betroffen, was die Stellung der Vergütung weiter schwächt.

Dennoch gibt es auch hier Bewegung. Mit dem Beschluss des Gesetzes am 10. Juli 2026 verabschiedete der Bundestag zugleich einen von den Fraktionen von CDU/CSU und SPD eingebrachten Entschließungsantrag. Darin wird die Bundesregierung aufgefordert, zeitnah gesetzliche Regelungen vorzulegen, die die Fortführung bereits begonnener Psychotherapien sicherstellen, die Durchführung psychotherapeutischer Sprechstunden bei dringendem Behandlungsbedarf weiterentwickeln und offene Fragen bei der Umsetzung des Gesetzes klären. Der Entschließungsantrag greift damit zentrale Anliegen auf, die von der Profession im Gesetzgebungsverfahren wiederholt eingebracht wurden.

Prof. Brakemeier blickt den kommenden Monaten mit vorsichtigem Optimismus entgegen. Gemeinsam mit den psychologischen Fachgesellschaften, Berufsverbänden, den Studierendenvertretungen und Psychotherapeutenkammern möchte sie sich als Präsidentin der DGPs dafür einsetzen, dass die angekündigten gesetzlichen Nachbesserungen zügig umgesetzt und die offenen Fragen im Dialog mit der Politik konstruktiv gelöst werden. Gerade in dieser sensiblen Situation sei eine enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Profession, Studierenden und Politik entscheidend: »Das ist für uns jetzt eine wichtige Chance. Wenn nicht jetzt – wann dann?«

Durch die studentische Brille

Trotz dieser aufmunternden Worte herrscht Anspannung unter Studierenden. Eine dieser Studierenden ist Miriam Reimers. Sie studiert Psychologie an der Universität Greifswald und befindet sich am Ende ihres Bachelors. 

Sie erzählt, der Druck sei nicht nur mit Blick auf die Weiterbildungsplätze gestiegen. Der neue Masterstudiengang ›Klinische Psychologie und Psychotherapie‹, der im Rahmen der reformierten Struktur entstanden ist, sei einerseits eine tolle Möglichkeit der Spezialisierung, bilde aber andererseits eine extreme Zuspitzung unter Studierenden. Der Notendruck sei für viele gestiegen, weil der hohe NC in vielen Städten den Zugang  zum Master erschwere und der Weg in die psychologische Psychotherapie dadurch bereits vor der Weiterbildungszeit enden könne.

»Psychologie-Studierende kämpfen viel und sie kämpfen auch schon lange«

Miriam Reimers betont außerdem, dass ihr nicht nur die Unsicherheit bezüglich der Finanzierung Kopfschmerzen bereitet. Natürlich gäbe es auch die Möglichkeit, als Psycholog*in zu arbeiten, ohne Fachpsychotherapeut*in zu sein. Aber darum gehe es nicht nur:

»Wir wollen ja auch dieses fachliche Wissen, wir wollen ja auch die Weiterbildung, weil wir noch tiefer wollen und noch mehr erfahren wollen über das, wofür wir brennen. Wir dürfen uns dann ja auch in einem Verfahren unserer Wahl spezialisieren. Und das ist für viele extrem interessant, nachdem sie fünf Jahre lang schon sehr viel Theorie darüber gesammelt haben, dann endlich in die Praxis starten zu dürfen.«

Auf die Frage, was sie sich von der Politik wünscht, erwidert sie:

»Ich wünsche mir, dass die Politik hinschaut, unsere Probleme anerkennt und sich die Politiker*innen langfristig, nicht nur kurzfristig durch eine Reform, die nicht zu Ende gedacht wurde, für uns einsetzen und uns die Finanzierungslücke schließen. Und dass sie uns ein Stück weit die Anerkennung schenken, dass Psychotherapeut*innen einen extrem wichtigen Job leisten, der Menschenleben rettet.«

Sie nimmt ihr Schicksal nicht einfach hin. Die Greifswalder Demonstration im Juni hat sie mit organisiert. Dass sich inzwischen erste positive Entwicklungen abzeichnen, führt Prof. Brakemeier auch auf die zahlreichen Demonstrationen und weiteren Aktionen der vergangenen Monate zurück. Besonders wichtig sei dabei das Engagement der Studierenden gewesen. Die Beteiligten der Demonstration unterschrieben außerdem Postkarten mit Wünschen und Forderungen an Politiker*innen. Die Resonanz bisher sei ermutigend gewesen.

Auch Patient*innen sind betroffen

Natürlich haben die Kürzungen auch Effekte auf Patient*innen. Die Verunsicherung ist groß, erzählt Prof. Brakemeier. Es habe bereits erste Nachfragen gegeben, ob die Therapie weiter angeboten werden kann. Hier nimmt die Professorin auch ihre Fachkolleg*innen in die Pflicht, die Situation differenziert einzuordnen. Wer von einem ›Todesstoß für die Psychotherapie‹ spreche, verunsichere Patient*innen ebenso wie Studierende – ohne zur Lösung der bestehenden Probleme beizutragen. Die geplanten Regelungen stellten die ambulante psychotherapeutische Versorgung vor erhebliche betriebswirtschaftliche Herausforderungen. Gleichzeitig sieht Prof. Brakemeier die Gefahr, dass sich soziale Ungleichheiten weiter verschärfen könnten. Wenn wirtschaftlicher Druck zunimmt, könnten Privatpatient*innen oder Selbstzahlende bevorzugt werden, da ihre Behandlung nicht von den Honoraren der gesetzlichen Krankenversicherung abhängt.

»Das halte ich für hochproblematisch. Ob ein Mensch eine notwendige Psychotherapie erhält, darf keine Frage des Geldbeutels sein. Gerade Menschen in sozioökonomisch belastenden Lebenslagen tragen ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen und für ungünstigere Krankheitsverläufe. Wenn ausgerechnet für sie der Zugang zu einer evidenzbasierten Behandlung erschwert wird, verstärken wir bestehende gesundheitliche Ungleichheiten, statt sie abzubauen.«

Neben der finanziellen Komponente sieht Prof. Brakemeier auch eine gesellschaftspolitische Dimension. 

»Unbehandelte psychische Erkrankungen können dazu beitragen, dass sich Menschen zurückziehen, soziale Kontakte verlieren und Einsamkeit zunimmt. Gerade Gefühle des Ausgeschlossenseins und der Perspektivlosigkeit können Menschen anfälliger für vereinfachende Weltbilder und extremistische Ansprachen machen. Antidemokratische und extremistische Akteur*innen können solche Erfahrungen gezielt aufgreifen, indem sie einfache Erklärungen, vermeintlich klare Feindbilder und vor allem Zugehörigkeit anbieten. Psychische Gesundheit ist deshalb nicht nur eine individuelle Ressource, sondern auch eine wichtige Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und Zusammenhalt.«

Eine verlässliche psychotherapeutische Versorgung sei daher nicht nur gesundheitspolitisch, sondern auch gesellschaftspolitisch von Bedeutung.

Und wie geht es weiter?

Die Verunsicherung bei Patient*innen und Studierenden ist groß. Prof. Brakemeier rät insbesondere Studierenden, sich von den aktuellen Entwicklungen nicht entmutigen zu lassen. Wichtig sei nun: »gut informieren und sich jetzt nicht von dem Weg durch diese aktuellen Entwicklungen abbringen lassen. Wenn Sie Psychotherapeut*in werden möchten, dann verfolgen Sie diesen Weg weiter.« 

Realistisch betrachtet komme man um Sparmaßnahmen und ihre Auswirkungen nicht herum. Das gehöre zur politischen Aufgabe des Staatshaushaltens. Wichtig sei jedoch, mit Weitblick zu sparen.  

»Wenn man bei der Psychotherapie spart, zeigen viele Studien, dass das langfristig höhere Kosten verursacht. Ein in Psychotherapie investierter Euro zahlt sich zwei bis drei Mal aus. Werden Menschen nicht frühzeitig ambulant behandelt, steigt das Risiko schwererer Krankheitsverläufe und damit auch deutlich kostenintensiverer stationärer Behandlungen.«

Hinzu kämen die erheblichen volkswirtschaftlichen Folgen psychischer Erkrankungen, etwa durch Arbeitsunfähigkeit, Frühverrentung oder verminderte Erwerbsfähigkeit. Eine gut ausgebaute psychotherapeutische Versorgung sei deshalb nicht nur gesundheitspolitisch sinnvoll, sondern auch ökonomisch eine nachhaltige Investition. 

Für Prof. Brakemeier bedeutet die aktuelle Situation vor allem eines: aktiv zu bleiben, miteinander im Gespräch zu bleiben und sich gemeinsam für gute Lösungen einzusetzen. 

»Jetzt ist nicht die Zeit, den Mut zu verlieren. Es ist die Zeit, sich einzubringen, miteinander im Gespräch zu bleiben und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.« 

Als Professorin der Universität Greifswald und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie setzt sie dabei insbesondere auf Dialog, Vernetzung und den Austausch mit Politik, Profession und Studierenden. »Brücken bauen und Netzwerke stärken – gerade auch im Austausch mit der Politik – ist jetzt wichtiger denn je.«

Fotos: Namid Joschko

Aus Ton wird Kunst: Töpferkurs auf Burg Klempenow

Aus Ton wird Kunst: Töpferkurs auf Burg Klempenow

So langsam wird es dunkel über der Burg Klempenow. Doch der Spaß fängt gerade erst an! Lasst eurer Kreativität und Handwerkskunst im Rahmen eines Töpferkurses freien Lauf. Ganz nach dem Motto: „(Aus-)probieren geht über studieren!“.

Kurz & Knapp

Datum: 24.07.2026 (18-20Uhr);
weitere Termine: 07.08. / 14.08. / 21.08.

Ort: Burg Klempenow, 17089 Klempenow
Veranstalter: Kultur-Transit-96 e.V.
Alle Links auf einen Blick:
Hier gehts zum Veranstaltungseintrag auf der Webseite
Hier gehts zum Veranstaltungskalender der Burg Klempenow
Hier gehts zum Instagram-Account der Burg Klempenow

Foto: Burg Klempenow 2018 06 von Frank Schwichtenberg, lizenziert unter CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Töpferangebot

Der Kurs findet in entspannter Atmosphäre auf dem Burghof statt und es werden euch sowohl Modellierwerkzeuge als auch Anleitungen und Tipps an die Hand gegeben.
Für 5€ könnt ihr eure Kreation direkt im Anschluss mit nach Hause nehmen. Wenn ihr euer Kunstwerk gebrannt haben wollt, damit es etwas länger hält, könnt ihr dies für weitere 6€ „dazubuchen“ und es nach 2-3 Wochen abgeholen und zu Hause dekorieren. Zudem gibt es die Möglichkeit die Töpferware mit Keramikfarben zu bemalen und transparent glasiert zu bekommen. Für weitere 7€ könnt ihr dann sowohl Tassen als auch Schalen nach circa 4 Wochen fertig abholen.

Historie der Burg Klempenow

Die erste urkundliche Erwähnung als landesherrliche Burg pommerscher Herzöge geht bereits auf das Jahr 1231 zurück. Nachdem die Burg Klempenow 1631 durch die Schweden erobert wurde, erhielt Dodo von Knyphausen, ein bedeutender Feldherr der protestantischen Konfliktpartei im Dreißigjährigen Krieg, vom schwedischen König Gustav Adolf IV. Klempenow als Pfandlehen. Etwa 90 Jahr später wurde Klempenow Preußisch Königliches Amt und Domäne. Nach einigen weiteren Halter- und Nutzungswechseln der Burg, gründete sich 1991 die Bürgerinitiative Kultur-Transit-96 e.V., deren Aufgabe es bis heute ist, den Verfall der Burg zu stoppen und Instandsetzungsarbeiten durchzuführen. Durch ihr Engagement kann die Burg bereits seit 1998 besichtigt werden. Ebenso sind eine Galerie und ein Café für Besucher zugänglich.

Burg Klempenow (Breest) von Jörg Blobelt, lizenziert unter CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Im Web Weekly stellen wir euch jede Woche ein neues Kultur-Ereignis in Greifswald und Umgebung vor.
Wir wünschen viel Spaß bei allen Veranstaltungen! (Text & Design: David Langner)

Aus Ton wird Kunst: Töpferkurs auf Burg Klempenow

Leinen los: Das Fischerfest Gaffelrigg ist zurück

Das Fischerfest Gaffelrigg ist eines der absoluten Highlights in jedem Jahr. Es gehört zu den größten Veranstaltungen in Vorpommern und lockt sowohl große als auch kleine Gäste mit tollem Programm in das gediegene Wieck. Erlebt vom 17. – 19. Juli ein vollgepacktes Programm mit sportlichen Highlights, Spaß und Musik!

Kurz & Knapp

Datum: 17. bis 19. Juli 2026
Ort: Wieck – Stadtteil, 17493 Greifswald
Veranstalter: Universitäts-und Hansestadt Greifswald

Alle Links auf einen Blick:
Hier gehts zum Beitrag auf der Webseite der Stadt
Hier gehts zum Instagram-Account des Fischerfestes
Hier gehts zum vollständigen Programmheft
Hier gehts zum Beitrag aus dem Kulturkalender

Bildnachweis: Franziska Vopel

Tickets

Das gesamte Event ist grundsätzlich öffentlich und ohne Tickets zugänglich. Es gibt jedoch die Möglichkeit eine einzigartige Segelerfahrung bei einer Ausfahrt auf der „Vorpommern“ mitzumachen. Die „Vorpommern“ ist ein traditioneller Segelschoner aus Greifswald. An Bord können seemännisches Handwerk und maritime Romantik erlebt werden und wer möchte, kann sogar selbst mit anpacken.
Den Link zu den Tickets findet ihr hier:
Ausfahrt „Vorpommern“ – Fischerfest

(c) Bild: Sozialwerk Vorpommern e.V.

Programm

Das Fischerfest Gaffelrigg erstreckt sich insgesamt über drei Tage und drei Nächte. Es begeistert mit einem vielfältigen Programm bei dem für jeden etwas dabei ist. Auf gleich drei Bühnen erwartet die Gäste ein vielfältiges musikalisches Programm. Zudem ist in den kleinen Fischerdorf Wieck ein bunter Jahrmarkt mit einem Riesenrad aufgebaut, auf dem auch für das leiblich Wohl mit einigen regionalen Köstlichkeiten gesorgt ist. Einer der Höhepunkte und auch Namensgeber des Fischerfests dürfte allerdings die Gaffelrigg sein. Liebhabende von Traditionsschiffen können sich auf rund 40 Museumsschiffe und moderne Yachten freuen, welche am Samstag die Wiecker Brücke durchlaufen. Auch Sportbegeisterte kommen an dem Wochenende auf ihre Kosten. Von den Weltmeisterschaft im Ryckhangeln, über die Regatta der ZK10-Kutter bis hin zum Kanu-Polo ist für jeden etwas dabei.
Den Link zum vollständigen Programm findet ihr hier:
Programmheft Fischerfest 2026

Im Web Weekly stellen wir euch jede Woche ein neues Kultur-Ereignis in Greifswald und Umgebung vor.
Wir wünschen viel Spaß bei allen Veranstaltungen! (Text & Design: David Langner)

Dr. Alfons Maria Wachsmann: Greifswalder Widerstandskämpfer im Nationalsozialismus

Dr. Alfons Maria Wachsmann: Greifswalder Widerstandskämpfer im Nationalsozialismus

Am 21. Februar 1944 wurde der katholische Greifswalder Priester Doktor Alfons Maria Wachsmann von den Nationalsozialisten in Brandenburg an der Havel ermordet. Er hatte den Nationalsozialismus von Beginn an öffentlich kritisiert und diese Position als Hochschulseelsorger auch regelmäßig den Studierenden erläutert. Hintergründe über das Leben und Denken des Widerstandskämpfers und katholischen Märtyrers liefert dieser Artikel.

Kindheit, Jugend und 1. Weltkrieg

Wachsmann wurde 1896 in Berlin geboren, wuchs aber nach dem Tod seines Vaters 1887 unter wirtschaftlich bescheidenen Verhältnissen in Schlesien auf. Nur durch die Unterstützung seines lokalen Pfarrers war es ihm möglich, eine höhere schulische Bildung zu erlangen und 1914 das Abitur zu absolvieren. Er nahm 1914 zunächst als Kriegsfreiwilliger am Ersten Weltkrieg teil. 1915 wurde er wegen einer Fußverletzung aus dem Kriegsdienst entlassen. 1916 zog man ihn jedoch dennoch wieder ein und er musste trotz Fieberanfällen, hervorgerufen durch eine Malaria-Erkrankung, bis 1919 Soldat bleiben. Durch seine traumatischen Erfahrungen im Kriegsdienst wurde er zum Pazifisten und trat im Jahr seiner Entlassung aus dem Militärdienst dem Friedensbund Deutscher Katholiken bei, der sich seit 1917 für ein Ende des Ersten Weltkriegs und nach dem Kriegsende 1918 für eine dauerhafte Friedensordnung einsetzte.

Beruflicher Werdegang

Wachsmanns Theologiestudium endete 1921 mit seiner Priesterweihe. Danach wirkte er in Görlitz und Berlin, bevor er 1929 als Pfarrer nach Greifswald zog. In dieser Funktion war er auch als Studierendenseelsorger tätig. Die bis heute bestehende Katholische Studierendengemeinde entstand in dieser Zeit. Bei regelmäßigen, etwa 14-tägigen Treffen, hielt der intellektuell gebildete Wachsmann Vorträge zu verschiedenen religiösen Themen. Neben seiner Tätigkeit als Pfarrer, begann er an der Philosophischen Fakultät zu promovieren. Abschließen konnte er sein Promotionsstudium 1934. Im Zuge dessen wurde sein Pfarrhaus zu einem intellektuellen Gesprächspunkt für Akademiker*innen verschiedener Disziplinen und Religionen. Gerade vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus, stand er dem Protestantismus für seine Zeit ungewöhnlich offen gegenüber. Die hasserfüllte Botschaft des Nationalsozialismus war für ihn der große Feind des Katholizismus, nicht die anderen christlichen Konfessionen.

Friedlicher Widerstand im Nationalsozialismus

Seine Ablehnung des Nationalsozialismus zeigte Wachsmann auch nach der Machtübernahme offen durch Kleinigkeiten. So begrüßte er beispielsweise mit „Grüß Gott“ oder „Guten Tag“ anstelle von „Heil Hitler“ oder gab bei Spendensammlungen der NSDAP nichts und erklärte bereits für die Caritas, ein katholisches soziales Hilfswerk, gespendet zu haben. Zudem verspottete er das Regime in persönlichen Gesprächen mit Witzen. Des Weiteren argumentierte er offensiv gegen die nationalsozialistische Ideologie und die staatlichen Restriktionen gegenüber der katholischen Kirche. Bei seinen regelmäßigen Vorträgen und Diskussionsrunden mit Studierenden und Akademiker*innen animierte er sein Publikum subtil dazu, die nationalsozialistische Ideologie zu hinterfragen. Noch etwas deutlicher tat er dies in persönlichen Gesprächen. Um sich unabhängig informieren zu können, las er eine vatikanische Tageszeitung und hörte verbotenerweise ausländische Radiosender. Auffallend ist hierbei, dass er dies im Gegensatz zu vielen anderen bei offenen Fenstern in starker Lautstärke tat, sodass es allgemein bekannt war. Überlieferte Aussagen von ihm hierüber lassen darauf schließen, dass er die Gefahr, in die er sich hierdurch begab, nicht wirklich wahr- oder ernst nahm.

Politisch motivierte Verfolgung

Aufgrund seiner regimekritischen Positionen wurde Wachsmann von den Nazis schon früh bespitzelt. Ab 1934 kontrollierte die NSAP seine Predigten, etwas später auch sein Telefon. Aufgrund seiner kritischen politischen Einstellung wurden ihm zudem mehrfach Auslandsaufenthalte verweigert. Am 23. Juni 1943 wurde er von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) verhaftet. Bereits im Februar 1943 waren mehrere regimekritische katholische Priester aus Pommern und einer aus Parchim verhaftet und zum Teil hingerichtet worden. Diese wurden zuvor durch einen Spitzel in den katholischen Kirchengemeinden Stettins belastet. Die Haftbedingungen waren hart. Er musste die meiste Zeit in Einzelhaft verbringen und regelmäßig körperliche Arbeit verrichten. Eine Linderung war es, dass ihm zumindest eingeschränkt das Lesen der Bibel sowie theologischer und geschichtswissenschaftlicher Bücher erlaubt wurde. Gleiches galt für das Schreiben und Lesen von Briefen, Besuche und kurze Spaziergänge. All das war allerdings ebenfalls nur restringiert und zweitweise gar nicht möglich. Am 03. Dezember 1943 wurde Wachsmann nach mehreren Prozessterminen, die keinen fairen rechtsstaatlichen Standards entsprachen, vom „Volksgerichtshof“ wegen „Wehrkraftszersetzung“, also kritischen Äußerungen zur deutschen Armee, und „Defätismus“, also der (militärtaktisch offensichtlichen, aus Sicht der Nazis illegitimen) Erklärung, der Zweite Weltkrieg sei für Deutschland nicht mehr zu gewinnen, zum Tode verurteilt. Als besonders schwerwiegend galt, dass er auch andere Personen mit diesen Haltungen geprägt habe. Die Hinrichtung mittels Guillotine erfolgte am 21. Februar 1944. In der Haftzeit zwischen Verurteilung und Hinrichtung war Wachsmann nahezu konstant an Händen und Füßen gefesselt. Auch brannte nachts eine Lampe an seinem Bett und erschwerte sein Schlafen. Besuche waren jedoch weiterhin eingeschränkt möglich.

Beisetzungen

Kurz nach der Hinrichtung wurde Wachsmann in sehr stiller Weise in Brandenburg bestattet. Die Information, dass er gestorben war, konnte nur verklausuliert und ohne Kritik weitererzählt werden, um keine weiteren Ermittlungen der Gestapo zu provozieren. Nach dem Ende des Nationalsozialismus wurde Wachsmanns Leichnam noch zwei Mal feierlich umgebettet: zunächst auf den Alten Friedhof und später neben die katholische Kirche in Greifswald. Dort liegt er noch heute begraben.

Bedeutung für die Gegenwart

Wachsmann war ein Mensch, der sich in einem menschenfeindlichen Systems seine Menschlichkeit und seine Überzeugungen bewahrt hat. Dies tat er vielfach durch Kleinigkeiten. Dass das bereits ausgereicht hat, um getötet zu werden, zeigt die Brutalität des Nationalsozialismus deutlich. Zugleich kann sein Beispiel aber auch als Vorbild dienen, sich autoritären und extremistischen Bewegungen nicht zu beugen, sondern sich mutig in alltäglichen Handlungen dagegen zu stellen, so wie er es getan hat.

Bibliographie: Herberhold, Franz: A. M. Wachsmann. Ein Opfer des Faschismus, Leipzig 1963.