von webmoritz. | 19.07.2026
So langsam wird es dunkel über der Burg Klempenow. Doch der Spaß fängt gerade erst an! Lasst eurer Kreativität und Handwerkskunst im Rahmen eines Töpferkurses freien Lauf. Ganz nach dem Motto: „(Aus-)probieren geht über studieren!“.
Töpferangebot
Der Kurs findet in entspannter Atmosphäre auf dem Burghof statt und es werden euch sowohl Modellierwerkzeuge als auch Anleitungen und Tipps an die Hand gegeben.
Für 5€ könnt ihr eure Kreation direkt im Anschluss mit nach Hause nehmen. Wenn ihr euer Kunstwerk gebrannt haben wollt, damit es etwas länger hält, könnt ihr dies für weitere 6€ „dazubuchen“ und es nach 2-3 Wochen abgeholen und zu Hause dekorieren. Zudem gibt es die Möglichkeit die Töpferware mit Keramikfarben zu bemalen und transparent glasiert zu bekommen. Für weitere 7€ könnt ihr dann sowohl Tassen als auch Schalen nach circa 4 Wochen fertig abholen.
Historie der Burg Klempenow
Die erste urkundliche Erwähnung als landesherrliche Burg pommerscher Herzöge geht bereits auf das Jahr 1231 zurück. Nachdem die Burg Klempenow 1631 durch die Schweden erobert wurde, erhielt Dodo von Knyphausen, ein bedeutender Feldherr der protestantischen Konfliktpartei im Dreißigjährigen Krieg, vom schwedischen König Gustav Adolf IV. Klempenow als Pfandlehen. Etwa 90 Jahr später wurde Klempenow Preußisch Königliches Amt und Domäne. Nach einigen weiteren Halter- und Nutzungswechseln der Burg, gründete sich 1991 die Bürgerinitiative Kultur-Transit-96 e.V., deren Aufgabe es bis heute ist, den Verfall der Burg zu stoppen und Instandsetzungsarbeiten durchzuführen. Durch ihr Engagement kann die Burg bereits seit 1998 besichtigt werden. Ebenso sind eine Galerie und ein Café für Besucher zugänglich.
Im Web Weekly stellen wir euch jede Woche ein neues Kultur-Ereignis in Greifswald und Umgebung vor.
Wir wünschen viel Spaß bei allen Veranstaltungen! (Text & Design: David Langner)
von webmoritz. | 12.07.2026
Das Fischerfest Gaffelrigg ist eines der absoluten Highlights in jedem Jahr. Es gehört zu den größten Veranstaltungen in Vorpommern und lockt sowohl große als auch kleine Gäste mit tollem Programm in das gediegene Wieck. Erlebt vom 17. – 19. Juli ein vollgepacktes Programm mit sportlichen Highlights, Spaß und Musik!
Bildnachweis: Franziska Vopel
Tickets
Das gesamte Event ist grundsätzlich öffentlich und ohne Tickets zugänglich. Es gibt jedoch die Möglichkeit eine einzigartige Segelerfahrung bei einer Ausfahrt auf der „Vorpommern“ mitzumachen. Die „Vorpommern“ ist ein traditioneller Segelschoner aus Greifswald. An Bord können seemännisches Handwerk und maritime Romantik erlebt werden und wer möchte, kann sogar selbst mit anpacken.
Den Link zu den Tickets findet ihr hier:
Ausfahrt „Vorpommern“ – Fischerfest
(c) Bild: Sozialwerk Vorpommern e.V.
Programm
Das Fischerfest Gaffelrigg erstreckt sich insgesamt über drei Tage und drei Nächte. Es begeistert mit einem vielfältigen Programm bei dem für jeden etwas dabei ist. Auf gleich drei Bühnen erwartet die Gäste ein vielfältiges musikalisches Programm. Zudem ist in den kleinen Fischerdorf Wieck ein bunter Jahrmarkt mit einem Riesenrad aufgebaut, auf dem auch für das leiblich Wohl mit einigen regionalen Köstlichkeiten gesorgt ist. Einer der Höhepunkte und auch Namensgeber des Fischerfests dürfte allerdings die Gaffelrigg sein. Liebhabende von Traditionsschiffen können sich auf rund 40 Museumsschiffe und moderne Yachten freuen, welche am Samstag die Wiecker Brücke durchlaufen. Auch Sportbegeisterte kommen an dem Wochenende auf ihre Kosten. Von den Weltmeisterschaft im Ryckhangeln, über die Regatta der ZK10-Kutter bis hin zum Kanu-Polo ist für jeden etwas dabei.
Den Link zum vollständigen Programm findet ihr hier:
Programmheft Fischerfest 2026
Im Web Weekly stellen wir euch jede Woche ein neues Kultur-Ereignis in Greifswald und Umgebung vor.
Wir wünschen viel Spaß bei allen Veranstaltungen! (Text & Design: David Langner)
von Allan Kant | 04.07.2026
Am 21. Februar 1944 wurde der katholische Greifswalder Priester Doktor Alfons Maria Wachsmann von den Nationalsozialisten in Brandenburg an der Havel ermordet. Er hatte den Nationalsozialismus von Beginn an öffentlich kritisiert und diese Position als Hochschulseelsorger auch regelmäßig den Studierenden erläutert. Hintergründe über das Leben und Denken des Widerstandskämpfers und katholischen Märtyrers liefert dieser Artikel.
Kindheit, Jugend und 1. Weltkrieg
Wachsmann wurde 1896 in Berlin geboren, wuchs aber nach dem Tod seines Vaters 1887 unter wirtschaftlich bescheidenen Verhältnissen in Schlesien auf. Nur durch die Unterstützung seines lokalen Pfarrers war es ihm möglich, eine höhere schulische Bildung zu erlangen und 1914 das Abitur zu absolvieren. Er nahm 1914 zunächst als Kriegsfreiwilliger am Ersten Weltkrieg teil. 1915 wurde er wegen einer Fußverletzung aus dem Kriegsdienst entlassen. 1916 zog man ihn jedoch dennoch wieder ein und er musste trotz Fieberanfällen, hervorgerufen durch eine Malaria-Erkrankung, bis 1919 Soldat bleiben. Durch seine traumatischen Erfahrungen im Kriegsdienst wurde er zum Pazifisten und trat im Jahr seiner Entlassung aus dem Militärdienst dem Friedensbund Deutscher Katholiken bei, der sich seit 1917 für ein Ende des Ersten Weltkriegs und nach dem Kriegsende 1918 für eine dauerhafte Friedensordnung einsetzte.
Beruflicher Werdegang
Wachsmanns Theologiestudium endete 1921 mit seiner Priesterweihe. Danach wirkte er in Görlitz und Berlin, bevor er 1929 als Pfarrer nach Greifswald zog. In dieser Funktion war er auch als Studierendenseelsorger tätig. Die bis heute bestehende Katholische Studierendengemeinde entstand in dieser Zeit. Bei regelmäßigen, etwa 14-tägigen Treffen, hielt der intellektuell gebildete Wachsmann Vorträge zu verschiedenen religiösen Themen. Neben seiner Tätigkeit als Pfarrer, begann er an der Philosophischen Fakultät zu promovieren. Abschließen konnte er sein Promotionsstudium 1934. Im Zuge dessen wurde sein Pfarrhaus zu einem intellektuellen Gesprächspunkt für Akademiker*innen verschiedener Disziplinen und Religionen. Gerade vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus, stand er dem Protestantismus für seine Zeit ungewöhnlich offen gegenüber. Die hasserfüllte Botschaft des Nationalsozialismus war für ihn der große Feind des Katholizismus, nicht die anderen christlichen Konfessionen.
Friedlicher Widerstand im Nationalsozialismus
Seine Ablehnung des Nationalsozialismus zeigte Wachsmann auch nach der Machtübernahme offen durch Kleinigkeiten. So begrüßte er beispielsweise mit „Grüß Gott“ oder „Guten Tag“ anstelle von „Heil Hitler“ oder gab bei Spendensammlungen der NSDAP nichts und erklärte bereits für die Caritas, ein katholisches soziales Hilfswerk, gespendet zu haben. Zudem verspottete er das Regime in persönlichen Gesprächen mit Witzen. Des Weiteren argumentierte er offensiv gegen die nationalsozialistische Ideologie und die staatlichen Restriktionen gegenüber der katholischen Kirche. Bei seinen regelmäßigen Vorträgen und Diskussionsrunden mit Studierenden und Akademiker*innen animierte er sein Publikum subtil dazu, die nationalsozialistische Ideologie zu hinterfragen. Noch etwas deutlicher tat er dies in persönlichen Gesprächen. Um sich unabhängig informieren zu können, las er eine vatikanische Tageszeitung und hörte verbotenerweise ausländische Radiosender. Auffallend ist hierbei, dass er dies im Gegensatz zu vielen anderen bei offenen Fenstern in starker Lautstärke tat, sodass es allgemein bekannt war. Überlieferte Aussagen von ihm hierüber lassen darauf schließen, dass er die Gefahr, in die er sich hierdurch begab, nicht wirklich wahr- oder ernst nahm.
Politisch motivierte Verfolgung
Aufgrund seiner regimekritischen Positionen wurde Wachsmann von den Nazis schon früh bespitzelt. Ab 1934 kontrollierte die NSAP seine Predigten, etwas später auch sein Telefon. Aufgrund seiner kritischen politischen Einstellung wurden ihm zudem mehrfach Auslandsaufenthalte verweigert. Am 23. Juni 1943 wurde er von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) verhaftet. Bereits im Februar 1943 waren mehrere regimekritische katholische Priester aus Pommern und einer aus Parchim verhaftet und zum Teil hingerichtet worden. Diese wurden zuvor durch einen Spitzel in den katholischen Kirchengemeinden Stettins belastet. Die Haftbedingungen waren hart. Er musste die meiste Zeit in Einzelhaft verbringen und regelmäßig körperliche Arbeit verrichten. Eine Linderung war es, dass ihm zumindest eingeschränkt das Lesen der Bibel sowie theologischer und geschichtswissenschaftlicher Bücher erlaubt wurde. Gleiches galt für das Schreiben und Lesen von Briefen, Besuche und kurze Spaziergänge. All das war allerdings ebenfalls nur restringiert und zweitweise gar nicht möglich. Am 03. Dezember 1943 wurde Wachsmann nach mehreren Prozessterminen, die keinen fairen rechtsstaatlichen Standards entsprachen, vom „Volksgerichtshof“ wegen „Wehrkraftszersetzung“, also kritischen Äußerungen zur deutschen Armee, und „Defätismus“, also der (militärtaktisch offensichtlichen, aus Sicht der Nazis illegitimen) Erklärung, der Zweite Weltkrieg sei für Deutschland nicht mehr zu gewinnen, zum Tode verurteilt. Als besonders schwerwiegend galt, dass er auch andere Personen mit diesen Haltungen geprägt habe. Die Hinrichtung mittels Guillotine erfolgte am 21. Februar 1944. In der Haftzeit zwischen Verurteilung und Hinrichtung war Wachsmann nahezu konstant an Händen und Füßen gefesselt. Auch brannte nachts eine Lampe an seinem Bett und erschwerte sein Schlafen. Besuche waren jedoch weiterhin eingeschränkt möglich.
Beisetzungen
Kurz nach der Hinrichtung wurde Wachsmann in sehr stiller Weise in Brandenburg bestattet. Die Information, dass er gestorben war, konnte nur verklausuliert und ohne Kritik weitererzählt werden, um keine weiteren Ermittlungen der Gestapo zu provozieren. Nach dem Ende des Nationalsozialismus wurde Wachsmanns Leichnam noch zwei Mal feierlich umgebettet: zunächst auf den Alten Friedhof und später neben die katholische Kirche in Greifswald. Dort liegt er noch heute begraben.
Bedeutung für die Gegenwart
Wachsmann war ein Mensch, der sich in einem menschenfeindlichen Systems seine Menschlichkeit und seine Überzeugungen bewahrt hat. Dies tat er vielfach durch Kleinigkeiten. Dass das bereits ausgereicht hat, um getötet zu werden, zeigt die Brutalität des Nationalsozialismus deutlich. Zugleich kann sein Beispiel aber auch als Vorbild dienen, sich autoritären und extremistischen Bewegungen nicht zu beugen, sondern sich mutig in alltäglichen Handlungen dagegen zu stellen, so wie er es getan hat.
Bibliographie: Herberhold, Franz: A. M. Wachsmann. Ein Opfer des Faschismus, Leipzig 1963.
von Meryem Kocabas | 30.06.2026
Sie sind in fast jeder deutschen Stadt zu finden und genießen
einen durchwachsenen Ruf. Plattenbauten und ihre Stellung
in Gesellschaft, Kunst und Geschichte unter der Lupe.
Jeder hat beim Wort Plattenbau ein Bild vor Augen. Irgendwo zwischen grauen Betonwiesen, Armut, Ostdeutschland und Ästhetik, versteckt sich eine Geschichte, die uns viel über Nachkriegsdeutschland erzählt. Ost wie West. Das Wort ›Plattenbau‹, bezeichnet umgangssprachlich aus Betonfertigteilen hergestellte Massenwohnkomplexe. Der Begriff ist selbst nicht unumstritten. Manche Stimmen aus Ostdeutschland plädieren aufgrund der negativen Konnotation für die Bezeichnung Neubau. Das Wort ›Platte‹ bezieht sich hier auf die fertigen Wand- und Deckenplatten, die auf Baustellen montiert werden können. Das damals neue und innovative Verfahren wurde vor allem in der DDR und anderen Ländern Osteuropas als Zeugnis einer positiven Zeitenwende gelobt. Im Westen gewann sie auch stetig an Bedeutung, wenngleich mit anderer Konnotation. Heutzutage werden Plattenbausiedlungen oft mit negativen Schlagzeilen assoziiert. Wie es dazu kam, dass die Platte heutzutage einen so schlechten Ruf bedient und was sie heute noch so relevant macht, bedarf einem Blick in die Vergangenheit.
Westdeutschland befand sich am Ende des Zweiten Weltkrieges in einer ebenso prekären Wohnlage wie die DDR. Die Bevölkerung wuchs rapide an und der Wohnraum fehlte. Auch viele westdeutsche Innenstädte wie beispielsweise jene in Köln wurden zerstört. Was zum Bevölkerungswachstum des Westens ebenfalls stark beitrug, waren die Wellen an Gastarbeiter*innen in den 70er Jahren, die die Demographie von Industrieorten wie dem Ruhrgebiet stark prägten. So wurden die meisten westdeutschen Plattenbauten weniger nach dem sozialistischen Ideal vom gemeinschaftlichen Wohnen gebaut, sondern als soziale Wohnprojekte für diejenigen, die im Zentrum der Stadt keinen Platz fanden. Später nannten gewisse Expert*innen westdeutsche Plattenbauten »Enklaven sozial Benachteiligter«. Besonders bekannte Beispiele sind das Märkische Viertel oder die Gropiusstadt in West-Berlin. Heute sind sie oft Schauplätze von Berichten über Gewalt und vermeintlich gescheiterter Integration.
Plattenbauviertel haben einen schlechten Ruf als angebliche ›Problemviertel‹, erleben eine starke Abwanderung und haben so mit hohen Leerstandsquoten zu kämpfen. Den schlechten Ruf haben Platten in Ost und West gemeinsam. Doch wie viel ist an den Aussagen und Überschriften tatsächlich dran? Die Berichte in Foren oder Videobeiträgen gehen auseinander, einige loben die Gemeinschaft unter Nachbar*innen – es herrscht eine unausgesprochene Verbundenheit gegen alle, die auf das Viertel herabschauen. Andere Stimmen bemängeln die sanierungsbedürftigen Gebäude, fühlen sich im Stich gelassen und wollen wegziehen. Ohne Kontext könnte es in den Berichten um Neuköllns ›Weiße Siedlung‹, oder Hohenschönhausen gehen.
Das Greifswalder ›Problemviertel‹
Greifswald ist von der größeren Debatte auch nicht ausgeschlossen. Das Plattenbauviertel Schönwalde fällt immer wieder in örtlichen Nachrichten mit negativen Schlagzeilen auf. Auch unter Studierenden kann der Ton gegenüber dem Wohnviertel verächtlich sein. Das Viertel am Rande der Stadt ist für manche fern vom romantisierten Bild der Hansestadt. Schönwalde und seine Geschichte sind ein Paradebeispiel für die Geschichte des deutschen Plattenbaus. Im Stadtteil wurden in den 1970er Jahren viele Plattenbauten errichtet, hauptsächlich für Arbeiter*innen und Angestellte der Großbetriebe wie im Kernkraftwerk Lubmin. Mit der Zeit wurden die Blöcke saniert und das Viertel mit Grünanlagen aufgewertet. So weit so Plattenbau. Trotzdem kommt man nicht um die negative Konnotation herum. Es lohnt sich, Schönwalde exemplarisch zu betrachten, um zu analysieren, wie viele Vorurteile über das vermeintliche Problemviertel wahr sind.
Um die Voreingenommenheit gegenüber dem Viertel zu verstehen, muss man sich vor Augen führen, mit welchen Anekdoten die Siedlung assoziiert wird. Die Berichterstattung der Ostsee-Zeitung verweist in mehreren Artikeln auf Gewalt, Vandalismus und Alkoholmissbrauch. Schönwalde wird als Brennpunkt dargestellt, in dem regelmäßig Einsätze stattfinden. Der NDR berichtet von der Perspektivlosigkeit junger Leute vermerkt mit Migrationshintergrund. Ein Bild, wie es auch in anderen Plattenbausiedlungen bekannt ist. Der Darstellung entgegen wirkt ein Forschungsbericht aus dem Jahre 2016 der Universität Greifswald. Dieser setzt sich mit Kriminalität und ihrer Wahrnehmung in verschiedenen Stadtteilen auseinander. Die Idee der Kriminalitätsfurcht wird vorgestellt, also die Angst eine Straftat mitzubekommen oder selbst Opfer zu werden. Diese soll in den Randvierteln Schönwalde I und II besonders hoch sein. Dabei liegen beide Stadtteile bei ihrer Kriminalitätsstatistik noch unter der Innenstadt. Vor allem Schönwalde II wird immer wieder als Gebiet mit Handlungsbedarf erwähnt. Die Probleme, so die Studie, wären aber auch teils dem Ruf zuzuschreiben. Was diesem Ruf nicht hilft, ist die schlechte Anbindung in Greifswald. Der selten fahrende öffentliche Verkehr macht es einfach, das Stadtviertel zu meiden. Infrastrukturelle Isolation ist ein Muster, das sich durch viele Plattenbausiedlungen und ärmere Viertel zieht. Das führt unter anderem dazu, dass sich eine Stadt in ihrer Demographie immer mehr aufteilt. Der Austausch zwischen der bürgerlichen Mitte und Arbeiter*innen schwindet und das Plattenbauviertel hat unter Studierenden ein niederes Ansehen.
Der Plattenbau hat auch in der Popkultur seinen Platz eingenommen. Er wird als eine Säule des Deutschraps beschrieben, Filme wie Sonne und Beton oder Goodbye Lenin sowie die Geschichten von Christiane F. und Co. festigen dieses Bild. Auch das Internet hat sein ästhetisches Auge auf die brutalistische Architektur am Rand vieler Städte geworfen. So findet man unter Suchwörtern wie ›Plattenbauromantik‹ unzählige Videos und Bilder, die versuchen, eine Faszination für die Gebäude darzustellen. Inwieweit diese ein Produkt von ›Problemvierteltourismus‹ sind, ist nicht immer erkennbar. Der Plattenbau ist vielleicht wieder cool geworden. Und handelt es sich nicht jetzt um die perfekte Zeit für die große Plattenbau-Renaissance? Der Wohnungsmarkt in Deutschland ist in Groß- und Universitätsstädten besonders angespannt, da Material teuer und nur limitiert verfügbar ist. Man könnte fast denken, die Umstände, die den Plattenbau vor über 70 Jahren so attraktiv gemacht haben, sind heute immer noch da. Platten zu bauen, gehört mit zu den effizientesten und schnellsten Baumethoden und ein bisschen mehr Gemeinschaft würde uns doch guttun, oder?
So einfach ist das leider nicht. Laut einer Studie des WWF ist der für die Betonherstellung benötigte Zement für acht Prozent der globalen Treibhausemissionen verantwortlich, was die große Produktion von Platten zumindest nachhaltig fragwürdig macht. Nicht zu vergessen sind die Gründe, warum so viele Plattenbauviertel, Ost wie West, heute von Armut und vermeintlicher Kriminalität gebrandmarkt sind. Billig bauen ohne Geld und Pläne für Sanierungen. Marginalisierte Gruppen an den Rand der Stadt vertreiben ohne ausreichend Infrastruktur. Wer verspricht, dass sich die Geschichte nicht wiederholt? Der Plattenbau gehört nicht verteufelt, sein historischer Hintergrund wahrgenommen, aber auch nicht romantisiert. Ob in Kunst oder Politik, heute über die Platte zu reden, wirft immer Themen von Armut, Ungleichheit und der Kluft zwischen Ost und West in den Raum. Diskussionen, die seit Jahrzehnten gehalten werden und so zeitlos sind wie die eindrucksvollen Betonriesen selbst.
Fotos: Jakub Weiner & Namid Joschko
von webmoritz. | 28.06.2026
Zwischen alten Mauern und neuen Klängen: Die Eldenaer Jazz Evenings am 03. und 04. Juli verbinden Geschichte mit moderner Musik. Wenn die ersten Jazzklänge durch die alten Ruinen ziehen, dann entsteht eine ganz einzigartige Atmosphäre. Die Jazz Evenings gehören seit vielen Jahren zu einem besonderen Kulturereignis in Greifswald und locken immer wieder Jazzfans von nah und fern an.
Kurz & knapp
Datum:
03. und 04. Juli 2026
Tickets und Uhrzeit:
Einlass und Abendkasse ist jeweils um 18:15Uhr. Beginn ist jeweils um 19Uhr.
Ort:
Klosterruine Eldena; Wolgaster Landstraße 41, 17493 Greifswald
Veranstalter:
Amt für Bildung, Kultur und Sport (Greifswald) in Kooperation mit dem Kunstverein art SIEBEN Greifswald/Vorpommern e. V.
Medienpartner: NDR Kultur
Weitere Informationen und Tickets findet ihr hier: www.eldenaer-jazz-evenings.de
Ein Festival mit Geschichte
Die Geschichte des Festivals beginnt im Jahr 1981. Gegründet wurde das Festival von Studierenden der Universität Greifswald, welche die Jazzmusik auch in der damaligen DDR sichtbarer machen wollten. Schon die erste Ausgabe bestach durch die Verbindung aus musikalischen und gesellschaftlichen Hintergründen. Musiker aus Ost und West trafen aufeinander und machten das Festival zu einem besonderen Ort des Austausches. Genau wie in diesem Jahr erneut, verwandeln die Eldenaer Jazz Evenings seit über vier Jahrzehnten die ehrwürdige Klosterruine Eldena in einen der stimmungsvollsten Jazzspielorte Deutschlands.
Jazzprogramm in einzigartiger Kulisse
Die Besonderheit des Festivals entsteht aus der Verbindung aus Musik und Ort. Die historische Klosterruine bildet eine einzigartige Bühne, die den Konzerten eine besondere Stimmung verleiht. Zwischen den Backsteinmauern treffen internationale Künstler*innen, bekannte Größen der Jazzszene und neue Talente aufeinander. Dabei ist die Atmosphäre mindestens genauso wichtig wie die Konzerte und deren Erleben.
Auch in diesem Jahr erwartet euch wieder ein abwechslungsreiches Programm. An zwei Konzertabendenden könnt ihr zahlreiche Acts bestaunen. Ein Highlight ist dabei der Auftritt der NDR Bigband gemeinsam mit dem Trompeter und Komponisten Frederik Köster.
Hier ist eine Programmübersicht:
Programm am Freitag (03. Juli):
Björn Lücker Berlin Ensemble, NuHussel Orchestra, Julian Maier-Hauff
Programm am Samstag (04. Juli):
Soundrise Quartet, SirBradley, Frederik Köster & NDR Bigband
Im Web Weekly stellen wir euch jede Woche ein neues Kultur-Ereignis in Greifswald und Umgebung vor.
Wir wünschen viel Spaß bei allen Veranstaltungen! (Text: Melanie Ehrhardt; Design: David Langner)
von webmoritz. | 18.06.2026
Auf dem Feld wird mit dem Ball, und außerhalb mit Politik gespielt.
Und trotzdem sollen Politik und Sport getrennt stehen. Ist das überhaupt möglich?
Von: David Langner, Lara Meyerdierks, Marek Schlösser
(Stand: 31. Mai 2026)
Nur noch wenige Wochen, dann ist es soweit: Vom 11. Juni bis zum 19. Juli 2026 findet die 23. Fußball-Weltmeisterschaft der Männer statt. Die 48 qualifizierten nationalen Fußball-Teams kämpfen bei dem Turnier in den USA, Kanada und Mexiko um die höchste Auszeichnung im internationalen Fußball. Neben der deutschen Nationalmannschaft messen sich auch erstmals die vier Debütanten Kap Verde, Curaçao, Jordanien und Usbekistan mit den anderen Nationalmannschaften. Das Turnier knackt dabei zahlreiche Bestmarken: niemals zuvor haben so viele Mannschaften teilgenommen, niemals zuvor gab es 104 Partien, niemals zuvor waren gleich drei Länder Gastgeber und dann nimmt mit Curaçao auch noch der gemessen an der Einwohnerzahl kleinste WM-Teilnehmer aller Zeiten an dem Großereignis teil. Gleichzeitig gab es wohl auch nur wenige Sportereignisse, die so umstritten sind und öffentlich diskutiert werden wie das Turnier im kommenden Sommer.
Ein globales Turnier mit Grenzen
In den USA, wo rund drei Viertel aller Spiele stattfinden, trifft ein Turnier für Fans aus aller Welt auf ein politisches Klima, in dem Einreise, Migration und Zugehörigkeit immer stärker kontrolliert werden. Verschärfte Grenzkontrollen, hunderttausende Abschiebungen und die wachsende Rolle der Einwanderungsbehörde ICE prägen die Debatte. Besonders umstritten ist deshalb die Frage, welche Rolle US-Behörden im Sicherheitsapparat der WM spielen werden.
ICE steht seit Jahren in der Kritik. Menschenrechtsorganisationen werfen der Behörde Racial Profiling, willkürlicher Razzien, unrechtmäßiger Inhaftierungen und Abschiebungen vor. Gerade deshalb fordern Kritiker*innen klare Garantien von den US-Behörden oder der FIFA, dass internationale Fans nicht selbst in Gefahr laufen, ins Visier migrationspolitischer Maßnahmen zu geraten.
Besonders deutlich wird dieser Konflikt bei den Einreisebeschränkungen. Für Fans aus Ländern wie Iran, Senegal, Haiti und der Elfenbeinküste wird der Besuch von Spielen in den USA verboten, obwohl sich diese Nationen sportlich für das Turnier qualifiziert haben. Damit entscheidet nicht mehr nur der Fußball darüber, wer bei einer WM dabei sein kann. Auch Pass, Herkunft und Visa Status werden zu Faktoren, die über Teilhabe bestimmt werden.
Fotos: U.S. Immigration and Customs Enforcement
(Public Domain)
Noch deutlicher zeigt sich dies im Fall der iranischen Nationalmannschaft. Diese hat sich sportlich für die WM qualifiziert, zugleich steht ihre Teilnahme in den USA im Schatten geopolitischer Spannungen. Die USA weigern sich unter anderem, die iranische Nationalmannschaft im eigenen Land unterzubringen, weshalb diese nun spontan in Mexiko ihr Quartier aufschlagen wird. Die Gruppenspiele muss sie derweil trotzdem in Los Angeles und Seattle in den USA austragen, da die FIFA einen Antrag des Irans, die Gruppenspiele nach Mexiko zu verlegen, ablehnte. Berichten zufolge wurde zeitweise sogar die Idee ins Spiel gebracht, Iran durch Italien zu ersetzen, ein Land, dass die sportliche Qualifikation verpasst hatte. Auch wenn dieser Vorschlag keine wirkliche Durchsetzungschance hatte, zeigt allein die Debatte, dass sportliche Zugehörigkeiten von politischen Interessen überlagert werden.
Mexiko steht vor einer anderen, aber nicht weniger schweren Herausforderung. Das Land ist seit Jahren von Gewalt durch organisierte Kriminalität geprägt. Mehr als 125.000 Menschen gelten als verschwunden und immer wieder werden Sicherheitskräfte selbst mit Menschenrechtsverletzungen in Verbindung gebracht. Für Journalist*innen und Aktivist*innen zählt Mexiko seit Jahren zu den gefährlichsten Ländern weltweit. Dies unterstreichen ebenfalls die erst kürzlich gefundenen Massengräber in der Nähe einiger Spielorte. Letztendlich stellt sich deshalb mit Blick auf die in Mexiko stattfindenden Spiele die Frage, unter welchen Bedingungen ein globales Sportereignis stattfinden kann und ob Sicherheitsrisiken und Gefährdungen ausgeschlossen werden können. Als Lösung setzt der Staat auf massive Sicherheitsmaßnahmen, darunter zehntausende Einsatzkräfte und Soldat*innen. Ein großer Kontrast zwischen einer auf die Weltöffentlichkeit vorbereiteten Infrastruktur und Menschen, die vergebens nach ihren verschwundenen Angehörigen suchen, bleibt dennoch.
Das letzte Gastgeberland, Kanada, wirkt im Vergleich zunächst wie der ruhigste Austragungsort unter den drei Gastgeberländern. Doch auch dort zeigen sich typische Schattenseiten großer Sportevents. Städte sollen während des Turniers sauber, geordnet und präsentabel wirken. Für obdachlose Menschen oder andere marginalisierte Gruppen kann das Verdrängung bedeuten. Auch hier bedeutet die Austragung einer WM dementsprechend zu entscheiden, welche Realität sichtbar sein darf, und welche man lieber von der globalen Weltöffentlichkeit fernhält.
So entsteht insgesamt ein deutlicher Widerspruch. Die WM 2026 präsentiert sich als größtes, offenes und globales Fußballturnier. Gleichzeitig wird an ihren Rändern sichtbar, wie stark Grenzen, Behörden und Sicherheitsapparate darüber entscheiden, wer wirklich teilnehmen kann, auf dem Platz und auf den Rängen.
Donald Trump
45. und 47. Präsident der Vereinigten Staaten
Mit diesen Worten kommentierte der amtierende US-Präsident die Ticketpreise für das Auftaktspiel der USA gegen Paraguay. Er gibt damit wohl auch die Sorgen vieler Fans wieder, wenn sie überlegen, ob sie für über 1000 Dollar eine Eintrittskarte für das Spiel kaufen sollen. Vor allem für ausländische Gäste wird die kommende WM, zusätzlich zu den drastischen Einreisebeschränkungen und -vorkehrungen, sowieso bereits ein kostspieliges Unterfangen. Flüge, Hotels und öffentliche Verkehrsmittel kosten bereits eine große Summe Geld und sind bei weitem nicht für jeden Fußballfan ohne Probleme finanzierbar.
Hinzu kommen dann noch die hohen Ticketpreise für die WM-Partien. Bereits kurz nach dem Verkaufsstart kritisierten viele Fans die dynamische Preisgestaltung der FIFA, bei der die Ticket-Kosten je nach Nachfrage steigen oder fallen. Hinzu kommt der neu eingeführte FIFA-Zweitmarkt, bei dem erworbene Tickets weiterverkauft werden können. Dieser stellt einen Versuch dar, den teils illegalen Handel mit Tickets auf dem Zweitmarkt, wie man ihn bei Sportevents oder Konzerten häufig sieht, in eine legale und offizielle Bahn zu lenken. Die Probleme bleiben jedoch auch hier die gleichen. So gibt es ebenso keine Preisobergrenze für Tickets, weshalb die Preise ausschließlich von den Verkäufer*innen selbst bestimmt werden. Dadurch werden teils horrende Summen für die Eintrittskarten aufgerufen. Hinzu kommt, dass die FIFA eine 15 prozentige Provision für jedes auf dem Zweitmarkt verkaufte Ticket erhält.
Im Klartext bedeutet das, dass viele Fußballfans auf eine Reise zur WM verzichten müssen, da die anfallenden Kosten zu hoch wären. Eine weitere Grenze, die vielen Menschen einen direkten Zugang zu dem Großereignis verwehrt.
Der WM-Vergabeprozess unter der Lupe
Die WM-Vergabe der FIFA ist ein Prozess, der in der Vergangenheit selten unumstritten und ohne politische Machtspiele verlaufen ist. Dies gilt nicht nur für die kommende Weltmeisterschaft in den USA, sondern ebenso für die zwei vergangenen WMs in Russland und Katar.
Foto: U.S. Department of State via Wikimedia Commons (Public Domain)
Russland erhielt bereits 2010 den Zuschlag für die Gastgeberschaft bei der WM 2018. Diese Entscheidung geriet spätestens 2014 in die Kritik, als das Land mit der gewaltsamen Krim-Annexion begann.
Zudem kritisierten viele Journalist*innen das starke restriktive Vorgehen der Behörden, um die Versammlungs-, Vereinigungs- und Meinungsfreiheit zu unterdrücken. Unter anderem verweigerte man dem Sportjournalisten Hajo Seppelt das Visum, um zur WM reisen zu können. Dieser hatte zuvor in Zusammenarbeit mit der ARD ausführlich über den russischen Doping-Skandal berichtet.
Die Weltmeisterschaft in Katar im Jahr 2022 wurde ebenfalls 2010 vergeben, als sich das Land gegen die Mitbewerber USA, Südkorea, Japan und Australien durchsetzte. Im Zentrum der Kritik standen vor allem die zahlreichen aufgedeckten Menschenrechtsverletzungen und die Situation der Gastarbeiter auf den WM-Baustellen (mehr dazu in “Rückblick auf Katar”). Zudem hinterfragte man die rein sportlichen Absichten des Gastgeberlandes und warf Katar, ähnlich wie bereits Russland 2018, vor lediglich von der Situation im eigenen Land ablenken zu wollen und das eigene Image aufzupolieren.
In beiden Fällen wurde im gleichen Atemzug auch die Rolle der FIFA bei den WM-Vergaben hinterfragt und kritisiert. Unter anderem “Human Rights Watch” kritisierte 2018, dass sich die FIFA zu wenig für die Einhaltung der Menschenrechte einsetze. Sie habe eine gewisse Machtposition und solle diese noch stärker nutzen, um Menschenrechtsprobleme klar zu benennen und anzugehen.
Ob diese Forderung seitdem eingehalten wurde, ist zumindest mal zu hinterfragen. Bereits im Dezember 2024 stand fest, dass die übernächste Weltmeisterschaft 2034 in Saudi-Arabien stattfinden wird. Um diese Vergabe nachvollziehen zu können, lohnt es sich einen Blick in den tatsächlichen, formalen Prozess der WM-Vergabe zu werfen.
Es gilt generell das Rotationsprinzip, welches besagt, dass nie zwei Endrunden hintereinander auf einem Kontinent (von einer Konföderation) ausgetragen werden dürfen.
Nationalflagge Saudi-Arabiens
In der Praxis bedeutet das, dass die Weltmeisterschaft 2030 von Spanien, Portugal, Marokko, Argentinien, Uruguay und Paraguay ausgetragen werden wird. Die gemeinsame Kandidatur führte dazu, dass Europa, Afrika und Südamerika bei einer einzigen Weltmeisterschaft abgedeckt wurden. In den drei südamerikanischen Ländern findet dabei jedoch jeweils nur ein einziges Spiel statt. Für die WM 2034 bedeutete dies, dass lediglich die Verbände aus Asien, Ozeanien oder der nord-und mittelamerikanische Verband als Austragungsorte in Frage kamen. Letzterer wurde vom FIFA-Rat jedoch für die Bewerbung ausgeschlossen, was man mit der Rotation zwischen den Konföderationen begründete. Neben Saudi-Arabien (als Vertreter Asiens) war auch Australien ambitioniert, zusammen mit CO-Gastgeber Indonesien die WM auszutragen. Als sich Indonesien jedoch von dem Unterfangen zurückzog, verfielen diese Ambitionen, weshalb letztendlich nur noch Saudi-Arabien als einziger Bewerber für die WM 2034 feststand. Zum Abschluss dieses Prozesses erfolgte ein weiteres Novum in der FIFA-Vergabegeschichte. Es gab eine Doppelabstimmung für die WM 2030 und die WM 2034, welche quasi als “ein Paket” behandelt wurden. Dadurch hatten die Verbände beispielsweise nicht die Möglichkeit, nur die Weltmeisterschaft 2030 zu befürworten und die WM in Saudi-Arabien abzulehnen. Lediglich ein einziges Mal zuvor, im Jahr 2010 bei der Abstimmung zu den WMs in Russland und Katar, wurden zwei WMs am selben Tag vergeben. Damals stimmte man jedoch in jeweils einzelnen Abstimmungen für die Gastgeberländer ab und nicht im Rahmen einer einzigen Abstimmung.
Neben diesem viel kritisierten Vergabeverfahren, wird ähnlich wie in Katar und Russland auch in Saudi-Arabien die Menschenrechtssituation aufs schärfste kritisiert. Amnesty International spricht in diesem Zusammenhang von 200 Hinrichtungen im Jahr 2024. Auch die Presse- und Meinungsfreiheit ist zum jetzigen Zeitpunkt immer noch stark eingeschränkt. Auch hier wird die FIFA wieder dafür kritisiert, die WM 2034 in ein Land vergeben zu haben, dem regelmäßig Verschleierungen von Menschenrechtsverletzungen und ein reines Image-Interesse an dem Großereignis vorgeworfen wird.
Dennoch bleibt abzuwarten, ob sich die Menschenrechtslage im Zuge der WM verändert, oder ob sich die Kritik letztendlich bewahrheitet.
Dass die Austragung großer Sportereignisse für das eigene Image und die eigene Präsentation genutzt werden, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Trotzdem scheint die kommende WM alle bisherigen Standards in dieser Hinsicht noch einmal übertreffen zu wollen. Dieses Bestreben scheint vor allem ganz im Interesse von Donald Trump zu stehen, der nicht nur die USA, sondern auch seine eigene Person vor dem globalen Publikum inszeniert.
Einen ersten Eindruck, konnte man bereits Mitte Juli letzten Jahres im Finale der Klub-WM bekommen. Das globale Vereinsturnier wurde ebenfalls von der FIFA organisiert und in den USA ausgetragen. Auf dem Siegerpodest überreichte der US-Präsident die Trophäe dem Turnier-Sieger FC Chelsea und entschied sich daraufhin auf der Bühne zu bleiben und inmitten der Spieler für das Sieger-Foto zu posieren. Diese Geste sorgte unter anderem bei dem Chelsea-Kapitän Reece James für Verwirrung.
Foto: Official White House Photo (Public Domain)
Das vorläufige WM-Highlight für Trump schien die Verleihung des „FIFA-Friedenspreis – Fußball vereint die Welt” gewesen zu sein. Diesen erhielt er von FIFA-Präsident Gianni Infantino bei einer feierlichen Zeremonie im Dezember 2025 im Rahmen der Gruppenauslosung für die WM. Da der Preis neu eingeführt wurde und von nun an jährlich vergeben wird, wurde Trump damit zum ersten Friedens-Preisträger in der FIFA-Geschichte. Eine interessante Ehrung mit Blick auf die politische Neutralitätspflicht in den selbst auferlegten Statuten der FIFA. Man behält sich nach eigenem Ermessen zwar Ausnahmen von dieser Regelung vor, unklar sind jedoch die Entscheidungsprozesse und die Ermessensmaßstäbe, die zu solch einer Ausnahme führen.
Diese Unklarheiten wurden auch in der vergangenen WM in Katar deutlich, bei der die FIFA unter anderem der deutschen Mannschaft verbot die sogenannte „One Love“-Binde zu tragen, da sie sie als ein politisches Symbol wertete. Dass dieses Symbol unter anderem als Zeichen für Toleranz und Vielfalt im Rahmen sexueller Orientierung dienen sollte, einem Grundsatz, dem sich auch die FIFA explizit verschreibt, schien dabei keine Berücksichtigung zu finden. Nebst der Debatte um politische Symbole hingen der letzten WM auch einige weitere Kontroversen an.
Seit der Vergabe im Jahr 2010 war die vergangene Fußball-Weltmeisterschaft im November und Dezember 2022 in Katar aus diversen Gründen umstritten. Zum einen wurden Vorwürfe aufgrund schwerwiegender Menschenrechtsverletzungen gegenüber Frauen und LGBTQ+-Menschen und umfassende Kritik an den ökologischen Auswirkungen des Turniers geäußert. Zum anderen standen Korruptionsvorwürfe innerhalb der FIFA im Rahmen des Vergabeprozesses im Raum. In Frage gestellt wurde der Austragungsort auch aufgrund der mangelnden Tradition des Fußballs im Gastgeberland und dem geringen Faninteresse an dem Turnier.
Im Zentrum der Kritik stand die Situation der beschäftigten Gastarbeiter auf den Baustellen an den WM-Stadien und der WM-Infrastruktur. Zahlreiche Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International kritisierten das Vorgehen in Katar in der Vorbereitung auf die WM. So hätten die Arbeiter häufig stundenlang bei bis zu 50° C Hitze ohne ausreichende Pausen, medizinische Versorgung, ausreichend Lebensmitteln und Trinkwasser arbeiten müssen. Mangelnder Arbeitsschutz und körperliche Gewalt durch Arbeitgeber seien keine Seltenheit auf den Baustellen gewesen.
Allein im Jahr 2013 seien innerhalb von zwei Monaten, zwischen Juni und August, rund 40 Arbeiter als Folge dessen ums Leben gekommen. Des Weiteren wurde den Angestellten der Lohn häufig zu spät, zu niedrig oder auch gar nicht ausgezahlt. Darüber hinaus sei es gängige Praxis gewesen, dass die Arbeitgeber den Gastarbeitern ihre Pässe abnahmen, was eine vorzeitige Ausreise oder auch nur einen Arbeitsplatzwechsel erschwerte bis unmöglich machte.
Im Zuge des Klimaschutzes wurden ebenso die ökologischen Konsequenzen der WM im Winter kritisiert. In insgesamt acht Stadien, wovon sieben Stadien extra neu gebaut und klimatisiert wurden, spielte man Fußball. Um annehmbare Temperaturen zwischen 18 und 23 Grad zu erreichen, erforderte es einen extremen Energiebedarf alleine für die Klimatisierung der Stadien. Hinzu kam ein immenser Wasserverbrauch, da neben den Stadionplätzen auch 136 Trainingsplätze fortlaufend gewässert werden mussten. Jeder einzelne Fußballplatz verbrauchte circa 10.000 Liter Wasser am Tag im Winter und sogar bis zu 50.000 Liter Wasser täglich während des Sommers. Da Katar zudem über keine natürlichen Wasserressourcen wie zum Beispiel Grundwasser verfügt, musste das Wasser über die thermische Entsalzung von Salzwasser gewonnen werden. Dieser Vorgang ist ebenfalls mit einem hohen Energieverbrauch verbunden.
All diese Kritiken änderten letztendlich nichts daran, dass man das Turnier in Katar stattfinden ließ. Einem Land, das viel Geld und einen immensen Aufwand investierte, um sich auf einer der größten sportlichen und politischen Bühne präsentieren zu können.
Blick in eine andere Sportart – Olympische Spiele 1936
Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-P017073 / Frankl, A. / CC-BY-SA 3.0 DE
Dass große Sportereignisse zur politischen Bühne werden, ist jedoch kein neues Phänomen. Ein besonders prägnantes historisches Beispiel sind die Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Nachdem die Spiele bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten an Deutschland vergeben worden waren, nutzte das NS-Regime die internationale Aufmerksamkeit gezielt, um sich vor der Weltöffentlichkeit als leistungsfähiges, friedliches und modernes Deutschland zu präsentieren. Die Realität im Inneren des Landes sollte dabei möglichst unsichtbar bleiben. Antisemitische Schilder wurden zeitweise aus dem Berliner Stadtbild entfernt, offene Gewalt und Hetze wurden zurückgedrängt, und die Verfolgung von Jüd*innen Sinti und Roma sowie politischen Gegner*innen wurde während des Turniers nach außen hin verschleiert. Die Spiele wurden so zu einem sorgfältig inszenierten Gegenbild der tatsächlichen nationalsozialistischen Herrschaft.
Gleichzeitig waren die Olympischen Spiele 1936 weit mehr als ein sportliches Großereignis. Sie waren ein Propagandaprojekt, in dem Architektur, Massenchoreographien, Medienbilder und sportliche Höchstleistungen miteinander verbunden wurden. Stadien, Fahnen, Zeremonien und die internationale Berichterstattung sollten den Eindruck eines geordneten, starken und bewundernswerten Deutschlands erzeugen. Schon vor Beginn der Spiele wurde deshalb international über einen Boykott diskutiert. Kritiker*innen sahen in der Teilnahme die Gefahr, einem rassistischen und autoritären Regime Legitimität zu verleihen. Letztlich fanden die Spiele dennoch statt, und genau darin zeigte sich bereits damals ein Grundproblem des internationalen Sports: Die Berufung auf politische Neutralität kann selbst politisch werden, wenn sie dazu führt, bestehende Machtverhältnisse, Gewalt oder Ausgrenzung auszublenden.
Besonders häufig wird in diesem Zusammenhang auf Jesse Owens (rechts im Bild) verwiesen. Der afroamerikanische Leichtathlet gewann in Berlin vier Goldmedaillen und widerlegte damit sichtbar die rassistische Ideologie der Nationalsozialisten von einer angeblichen “arischen Überlegenheit”. Sein sportlicher Erfolg wurde zu einem der bekanntesten Gegenbilder zur nationalsozialistischen Propaganda. Trotzdem änderte dies nichts daran, dass das Regime die Spiele insgesamt erfolgreich für seine Selbstdarstellung nutzen konnte. Gerade deshalb bleiben die Olympischen Spiele von 1936 ein zentraler Bezugspunkt, wenn über Sport und Politik gesprochen wird. Sie zeigen, dass internationale Turniere nicht außerhalb gesellschaftlicher Konflikte stehen. Sie können sportliche Begegnung ermöglichen, aber zugleich auch dazu dienen, Unterdrückung zu verdecken, Herrschaft zu legitimieren und politische Botschaften in scheinbar unpolitische Bilder zu übersetzen.
„Der Mythos vom unpolitischen Sport“
Immer wieder wird von Fußballfans gefordert, Sport und Politik zu trennen. Dieser Grundsatz erscheint jedoch in Anbetracht der Realität und den gegebenen Umständen als unrealistisch. Bereits vergangene Events haben gezeigt, dass globale Sportereignisse zwangsläufig einen politischen Charakter aufweisen. Auch die WM 2026 zeichnet sich noch vor ihrem Beginn überwiegend durch politische Konflikte, Skandale und Debatten und nicht durch sportliche Vorfreude aus. Turnier-Rekorde und Debütauftritte geraten in den Hintergrund. Die Politik überlagert den Sport!
Beitragsbild: SachinDaluja via Wikimedia Commons, CC BY 2.0
Beitragsdesign: David Langner
Info: Artikel wurde bereits Ende Mai (ca. 2 Wochen vor der WM) geschrieben