von Archiv | 22.06.2006
Auf der perfekten Welle braucht Thorsten Wingenfelder nicht mitzureiten. Mit über 20 Jahren Bühenerfahrung in den Beinen schüttelt der Fury-Gitarrist lässig „360° Heimat“ aus dem Ärmel. Das zehnteilige Wintermärchen versammelt aufrichtige Lieder über die Liebe, ist das Befühlen von durchlebter Geschichte und die Ode eines pochenden Herzens auf die allgegenwärtige Heimat.
Weder ist Thorsten Wingenfelder dabei der deutsche Bruce Springsteen, noch übertrumpft er einen sprachlich komplexeren Herbert Grönemeyer. Manch einer mag sich an Wolf Maahn erinnert fühlen. Wingenfelder setzt sich dennoch ab, schafft mit Gitarren, Schlagzeug, Klavier und Hammondorgel seine mal melancholische, mal eingängige Klangwelt. Zwischen „Die Unperfekten“ bis hin zu „Von Anfang an zu Ende“ verweben sich schöne Riffs, eingängige Melodien und eine wohltuende Portion Wortwitz.
Geschrieben von Ulrich Kötter
von Archiv | 22.06.2006
Ein charismatischer Comic-Glatzkopf grinst vom silbernen Umschlag des 430 seitenstarken Buchs, das Tipps zum Flirten verspricht, die Gold wert sein sollen. „Die perfekte Masche – Bekenntnisse eines Aufreissers“ ist der verheißungsvolle Titel, der Feministinnen stöhnen und Männerhoffnungen aufkommen lässt. Ohne lange Abschweife steigt Autor Neil Strauss, der bis dahin seine Brötchen mit Biografien für Jenna Jameson oder Marilyn Manson verdient hat, in die Materie ein. Ein frustrierter Loser sei er gewesen, der von Frauen mehr Körbe bekam, als eine Basketballmanschaft in der ganzen Saison.
Doch all dies änderte sich, als er durch Zufall auf eine Flirtcommunity im Internet gestoßen wurde, dessen Guru „Mystery“ sich seiner annahm. Mit amerikanisch legerem Stil und stellenweise zynischem Witz beschreibt er, wie man ihn Stück für Stück in die Kunst der „Speed Seduction“ einführte. Von auswendig gelernten Sprüchen, bis hin zu Hypnose arbeitet Strauss, der sich nunmehr „Style“ nennt und von da an akribisch an seinen Aufreißermaschen arbeitet. Und er hat tatsächlich Erfolg: Eine Frau nach der anderen liegt ihm zu Füssen. Dies mögen Methoden sein, die man als Idealist mit gesundem Selbstbewusstsein für unnötig erachten mag, wenn es um Liebe geht. Trotzdem scheint etwas dran zu sein, am Prototyp Mensch, beim dem man manchmal nur die richtigen Schalter umlegen muss, um zu bekommen, was man will. Dennoch: auch der aufkommende neue Flirtguru „Style“ muss irgendwann erkennen, dass wahre Liebe keine Tricks braucht. Dem der hofft mit diesem Buch von heute auf morgen bei jeder Frau anzukommen oder umgekehrt jeden Mann durchschauen zu können, sei gesagt, dem ist nicht so. Lockere Sprüche machen das Buch zwar zu einem angenehmen Lesevergnügen, doch den Stein der Weisen in Sachen Liebe bietet es nicht. Kann es nicht und soll es auch nicht. Vor allem betont Strauss auch immer wieder, dass in der Liebe Erfolg zu haben hart an sich zu arbeiten bedeutet. Charme, Selbstvertrauen und Charisma lernt man, wenn überhaupt, nicht von heute auf morgen.Und wie heißt es bei Mark Twain: Was braucht man, um erfolgreich zu sein? Unwissenheit und Selbst-
vertrauen.
Geschrieben von Joel Kaczmarek
von Archiv | 22.06.2006
Wer war der Bruder, der 1943 auf einem Russland-Feldzug zunächst beide Beine und dann das Leben verlor? Warum hat er sich freiwillig zur SS-Totenkopfdivision gemeldet? Was waren seine Motive? Und wie hat letztlich die Familie mit der Gesinnung und dem frühen Tod des 19-jährigen Sohnes umzugehen gelernt? Diesen und anderen Fragen stellt sich Uwe Timm. Er macht sich auf die Suche nach seinem 16 Jahre älteren Bruder Karl-Heinz, der nicht zuletzt durch das trauernde Nicht-Vergessen-Wollen der Mutter und das zornige Nicht-Vergessen-Können des Vaters ab- und zugleich anwesend ist.
Dank des Kriegstagebuches des Bruders, weniger persönlicher Erinnerungen und den Erzählungen von Schwester und Eltern, weiß der Autor, sich dem fremden Bruder, der eigenen sowie der gesamtdeutschen Vergangenheit zu nähern. Darüber hinaus schildert Uwe Timm das Schicksal und den Zustand einer Familie in Zeiten des Krieges. Der Vater versucht als Soldat, Pelzmantelhersteller, Präparator und Familienvater glücklich zu werden, doch scheitert er letztlich an eigenen Ansprüchen und gesellschaftlichen Bedingungen. Die Mutter, stets treu und ergeben, unterstützt Vater und Sohn in allen Belangen. Obwohl sie an der Richtigkeit des Krieges zweifelt, fügt sie sich dem Schicksal stumm und kritiklos. Die wirklichen Ausmaße des nationalsozialistischen Terrors werden ihr schließlich erst durch den Tod des ältesten Sohnes bewusst. Schwester und Bruder des Verstorbenen wachsen indes mit einem Bild des Bruders auf, das zwischen Bewunderung und Verachtung, Fragwürdigkeit und Schuldzuweisung schwankt. Uwe Timm als einzig noch lebendes Mitglied dieser Familie hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, diese Widersprüchlichkeit zu ergründen. Behutsam und zugleich schonungslos zeichnet Uwe Timm ein alltagsnahes Bild der Kriegs- und Nachkriegswirklichkeit in Deutschland und analysiert, ohne anzuklagen, Motive, menschliche Abgründe sowie die Frage nach Schuld und Verantwortung. Dem älteren Bruder hingegen blieben diese Worte einst verwehrt, denn er beendete seine Tagebucheinträge mit einem für seine Generation bezeichnenden Satz: „Hiermit schließe ich mein Tagebuch, da ich es für unsinnig halte, über so grausame Dinge, wie sie manchmal
geschehen, Buch zu führen.“
Geschrieben von Grit Preibisch
von Archiv | 22.06.2006
Wenn eine Partei Bilanz über ihre Regierungszeit zieht, horcht sie in sich hinein, inwieweit die Interessen „derer da unten“ umgesetzt wurden. Die SPD-PDS-Koalition in M-V war 1998 ein Novum, bis heute wird sie skeptisch beäugt. Die Herausgeber haben Texte und Interviews von und mit PDS-Parteimitgliedern und linken Sympathisanten versammelt, die ehrlich mit Versäumnissen und Erfolgen umgehen. Allgemeine Betrachtungen zu sozialistischen Parteien in Regierungen werden durch Spezialbeiträge zu den einzelnen Politikfeldern in M-V ergänzt.
Wer sich mit einem Geleitwort von Hans Modrow nicht anfreunden kann, dem sei die weitere Lektüre nicht empfohlen. Fast alle Autoren haben DDR-Biographien und in den Texten wimmelt es zum Teil von Marx- und Engels-Fußnoten. Deren Sprache scheint aber wieder höchst aktuell, um die gesellschaftliche Wirklichkeit zu beschreiben. Die Texte sind jedoch nicht ideologisch verbrämt, sondern überraschend
pragmatisch.
Von dem hehren Ziel der „Transformation“ der „real existierenden kapitalistischen Gesellschaft“, das Modrow zum Geleit ausruft, blieb in den vergangenen sieben Jahren Regierungsbeteiligung nicht viel. Obwohl beispielsweise Hartz IV dem großen, arbeitslosen Bevölkerungsteil in M-V beinahe die Bürgerrechte entzieht, schaffte es die Linkspartei.PDS nicht, dem Gesetz einhellig zu widersprechen. Die Gründe dafür sind vielfältig, angefangen mit dem Kompromißzwang als Koalitionär und endend mit der immer geringer werdenden Gesetzgebungskompetenz der Länder.
Nach wie vor Ländersache ist die Hochschulpolitik. Doch Gerhard Bartels, Hochschulexperte der Partei aus Greifswald, zieht in seinem Beitrag eine ernüchternde Bilanz. Dass die Hochschulautonomie im Januar 2006 ad acta gelegt werden würde, ahnt er voraus.
Das Fazit der Herausgeber ist nach knapp 300 Seiten durchwachsen: Auf jeden Fall müsse wieder auf die „kleinen Leute“ gehört werden und notfalls auch eine Koalition aufgekündigt werden. Als Leser vermisst man die Erinnerung an 40 Jahre SED-Herrschaft, die nicht nur in der Linkspartei.PDS ihre Spuren hinterließ, sondern auch in der Gesellschaft, und die für viele der aktuellen Probleme verantwortlich ist. Der offene und streitbare Umgangston des Buches
läßt aber hoffen.
Geschrieben von Ulrich Kötter
von Archiv | 22.06.2006
Die St. Petersburg-Reportage im moritz – Teil 3
St. Petersburg im Juni: Regen, Regen, Regen, Sonne und wieder Regen.
Das habe ich mir etwas anders vorgestellt – wo sind die warmen und sonnigen Tage geblieben, an denen ich in Sommerklamotten den Newski Prospekt entlang schlendern konnte?
Zwar haben die Weißen Nächte begonnen, nur leider ist es teilweise so kalt, dass der Genuss dieses Naturphänomens in einem Straßencafe keine besondere Freude ist, sondern immer nur von drinnen aus zu beobachten ist. Aber die Wetterprognosen geben Hoffnung. Schliesslich moechte ich noch in der Newa schwimmen gehen. Nein, zum Baden ist dieser dreckige Fluss, der nicht nur durch St. Petersburg fliesst, nun gar nicht geeignet.
Faszinierend ist es schon, wenn es in der Fünf-Millionen-Metropole im Norden Russlands nachts nicht mehr richtig dunkel wird. Wobei die Stadt durch das Lichtermeer auch im Winter kaum zu übersehen ist.
Zwei Sommermonate lang befindet sich St. Petersburg in einer Art Ausnahmezustand. Wegen der Lage der Stadt am hohen Breitengrad ist in dieser Zeit keine vollkommene Dunkelheit möglich, so dass der Himmel in der Nacht rotgolden leuchtet. Das lockt nicht nur die Touristen in die Stadt, sondern auch die Einheimischen auf die Straße, denn 20 Stunden Licht am Tag erheitern das Gemüt der Russen. Gott sei Dank, denn den St. Petersburgern ist der harte Winter noch immer anzumerken. Das spüre ich jedenfalls täglich, wenn ich mit der Metro zur Uni fahre. So viele graue und müde Gesichter. Und allgemein habe ich so viele Obdachlose oder benachteiligte Menschen zuvor in keiner Stadt gesehen. Das Leben in St. Petersburg geht an niemanden spurlos vorbei. Anfangs wollte ich dies nicht glauben, aber jetzt merke ich es selbst: St. Petersburg kann ziemlich anstrengend sein.
Mein kleiner Wochenendtrip nach Helsinki, den ich vor kurzem unternommen habe, hat mir die Intensität des Lebens in Petersburg noch einmal extrem vor Augen geführt. Frische Luft, Ruhe, entspannte Finnen und eine saubere Dusche und Toilette haben bei mir Eindruck hinterlassen. Erst dort wurde mir bewusst, in was für einem facettenreichen und diskrepanten Land ich die letzten vier Monate gelebt habe. Dennoch freute ich mich während der Rückfahrt aus Finnland auf Russland, auf mein kleines Zimmer im Wohnheim und die netten Mitbewohner und ich meine nicht nur auf die Kakerlaken in der Küche.
Ich bin wohl doch schon ein wenig zu Hause in Russland, wenn auch nur vorübergehend.
Und da St. Petersburg stets und ständig Ablenkung bietet, hat Heimweh glücklicherweise kaum Platz. So vieles gibt es noch zu entdecken und kennen zu lernen.
Im letzten Monat stand unter anderem das bekannte Ballett Schwanensee und das Konzert des Buena Vista Social Clubs auf dem Programm. Die faszinierende Ballettkunst, die Musik Tschaikowskis und die verrueckten Touristen, die wie wild während der Aufführung fotografierten, haben Schwanensee als berühmtesten aller Ballettklassiker für mich wirklich unvergesslich gemacht.
Ungewohnt war es, beim Konzert der mehrfach ausgezeichneten Kubanischen Band bei karibischen, sommerlichen Klängen mit dem Po auf dem Stuhl zu bleiben und einfach nur der Musik zu lauschen, denn es herrschte „Sitzpflicht“. Dennoch ist es ihnen gelungen, heisse Rhythmen ins kühle Russland zu bringen und uns mit einem strahlenden Gesicht wieder nach Hause zu verabschieden.
In der nächsten Zeit geht es gemeinsam mit den Mädels aus Österreich für einen kleinen Ausflug in die Hauptstadt Russlands: Moskau als politisches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum des Landes mit dem Kreml und dem Roten Platz im Stadtkern, der Lomonossow-Universität, Hochschulen und Fachschulen sowie zahlreichen Kirchen, Theatern, Museen, Galerien und dem 540m hohen Fernsehturm können wir uns einfach nicht entgehen lassen. Mit neun Kopfbahnhöfen, vier internationalen Flughäfen und drei Binnenhäfen ist die Stadt wichtigster Verkehrsknoten und größte Industriestadt Russlands.
Die Hin- und Rückfahrt mit dem Zug für ungefähr 30 Euro und ein Aufenthalt in einer Jugendherberge für etwa 20 Euro pro Nacht schaden nicht unbedingt dem Geldbeutel und bieten uns weiterhin die Möglichkeit St. Petersburg und Moskau miteinander zu vergleichen. Der Dualismus St. Petersburg-Moskau prägt die russische Geschichte schon über mehrere Jahrhunderte hinweg. Während sich Petersburg schon immer „europäischer als Europa“ gab, war Moskau schon immer „russischer als Russland“.
Wir werden den direkten Vergleich für einige Tage haben.
Ich bin gespannt auf die naechsten Wochen in Russland, werde mich von Moskau überzeugen und im nächsten moritz von meinen Erlebnissen in der grössten Stadt Russlands berichten.
Geschrieben von ina Kubbe