von Jan-Niklas Heil | 04.05.2023
Ein Kribbeln im Bauch, ein unverhoffter Glücksmoment, ein wohlig warmes Gefühl. Dafür braucht es nicht immer ein großes Ereignis, vielmehr liegen diese magischen Momente oft verdeckt unter einem Mantel der Gewohnheit und der Selbstverständlichkeit. „Eine Liebeserklärung“ ist unsere neue Kolumne, in der es darum gehen soll, die vermeintlich einfachsten Dinge dieser Welt wertzuschätzen. Mit ihr bauen wir euch eine zynismusfreie Nische, in die sich hineingekuschelt werden kann, wenn der Alltag einem mal wieder die Daunendecke der guten Laune zu klauen versucht. In diesem Beitrag soll es um die Liebe zu Filmen mit Christian Bale gehen.
Variabel wie ein Schweizer Taschenmesser
Christian Bale ist vor allem eins: variabel. Sei es als Patrick Bateman in „American Psycho“, als Batman in Christopher Nolans Trilogie oder als Dicky Ecklund in „The Fighter“, er überzeugt. Aber das war nur ein Auszug der ikonischen Rollen des Christian Bale. Seine Darstellung als Trevor Reznik in „The Machinist“ ist vielen auch noch ein Begriff. Es liegt aber nicht nur an seinem Talent, diese unterschiedlichsten Rollen darzustellen, sondern auch an seinem unfassbaren Einsatz. Alle, die sich näher mit der Person des Christian Bale beschäftigen oder regelmäßig Filme konsumieren, in denen er mitspielt, merken schnell, dass Bale sein Äußeres beinahe chamäleonartig verändert. Je nach Rolle natürlich. Für den Part als Trevor Reznik nahm Bale in kurzer Zeit 28 Kilogramm ab. Berichten zufolge aß er in jener Zeit eine Dose Thunfisch und einen Apfel. Am Tag. Ach ja, natürlich wurde Bale auch zum Kettenraucher, um Gewicht zu verlieren, was auch sonst. Was auf diese Rolle folgte, ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme bis heute: „Batman Begins“. Zum Dreh für den Film erschien Bale ungefähr 45 Kilogramm schwerer – und das nur etwa sechs Monate nach dem Drehende von „The Machinist“. Diese Story allein ist schon krass und absolut nicht gesund. Sie hört hier aber noch nicht auf. In einem Interview sagte Bale, dass er zu viel Fett zugenommen hatte und scherzhaft von Crewmitgliedern gefragt wurde, ob sie Batman oder Fatman drehen würden. Also nahm er wieder etwas Gewicht ab und unterzog sich Krafttraining, um gezielt Muskeln aufzubauen. Christian Bale hat diese Prozedur mehrfach hinter sich. Auch beeindruckend ist der Fakt, dass er als gebürtiger Waliser das amerikanische Englisch erst erlernen musste.
Hochdekoriert und weitestgehend skandalfrei
Bale hat bis jetzt einen Oscar und zwei Golden Globes gewonnen. Insgesamt sind es über 75 Filmpreise und mehr als 120 Nominierungen. Es ist also leicht zu sagen, dass Christian Bale zu den besten Schauspieler*innen seiner Generation gehört. Aber jede*r hat ihre oder seine Leichen im Keller, so auch er. Sein Ausraster am Set von „Terminator: Die Erlösung“ hat mich beim ersten Hören der Audiospur an einen gewissen Klaus Kinski erinnert. Der große Unterschied zwischen den beiden ist aber, dass Kinski so etwas regelmäßig machte. Bales letzter „Skandal“ liegt mehr als 10 Jahre zurück, was überrascht, wenn man hört, dass er oft als schwierig, dünnhäutig oder auch unberechenbar beschrieben wird. Auch interessant ist, dass er anscheinend keine Social Media-Accounts besitzt. Er ist also Teil einer aussterbenden Art. Wir alle können wahrscheinlich gleich zehn Schauspieler*innen oder andere Künstler*innen nennen, die auf Social Media zu finden sind – mit mindestens einem Account. Aber gar keinen zu haben? In der heutigen Zeit kaum vorstellbar.
Grund des Artikels
Hier sollte es in so einem Artikel das Ziel sein, dir, die*der gerade diese Zeilen liest, Christian Bale näherzubringen. Dafür musste ich aber erstmal mein kaputtes Verhältnis zu Filmen wieder geraderücken. Das ist nicht wirklich einfach. Aber fangen wir von vorne an. Zum einen gibt es kaum Filme, die mich wirklich begeistern. Star Wars nicht komplett gesehen, Der Herr der Ringe nicht gesehen, von Harry Potter nur den ersten Teil komplett geschaut – nur um dir ein Gefühl zu geben, wie wenig ich mich für Filme begeistern konnte. Seit ich jetzt in der sogenannten vorlesungsfreien Zeit vermeintlich mehr Freizeit habe, fing ich an, mir meine Lieblingsfilme anzuschauen. Aber selbstverständlich erst abends, da ich ja noch eine Hausarbeit zu schreiben hatte. Schließlich bin ich ein pflichtbewusster Student. Es fing mit der Batman-Trilogie von Christopher Nolan an, in der Christian Bale Batman verkörpert. Aufgrund der Empfehlung von Netflix schaute ich mir den nächsten Film an: „American Hustle“. Ich merkte hier erst nach geschlagenen 35 Minuten, dass Christian Bale die Hauptrolle spielte. Von seinen chamäleonartigen Fähigkeiten erzählte ich ja bereits. Und wieder fand ich die Rolle, die er spielte, gut. Besonders macht ihn aber auch, dass er nicht in einer Rolle gefangen ist. Die gesamte Bandbreite ist dabei. Von dem schwarzen Rächer bis zum Ex-Präsidenten spielt er alle. Es gibt genügend Beispiele für Schauspieler*innen, die in einer Rolle einen so bleibenden Eindruck hinterlassen haben, dass man sie nur in dieser wahrnimmt. Ein Beispiel, das mir sofort einfällt: Daniel Radcliffe. In ihm sieht man eigentlich nur Harry Potter. Jemand, der mir bei diesem Artikel sehr geholfen hat, brachte auch noch Tom Cruise ins Spiel. Kann ich persönlich wenig zu sagen, habe ich doch selbst keinen Tom Cruise Film gesehen, für den er wirklich bekannt ist. Ich kenne niemanden, die*der sagt: „Oh, das ist ja Tom Cruise, der hat doch Stauffenberg in ‚Operation Walküre‘ dargestellt.“ Meistens wird er doch entweder mit Top Gun oder Mission Impossible assoziiert. Zumindest kommt mir das so vor. Und da ist der Charakter doch eher einfach zu beschreiben. Waghalsig und unantastbar. Ein Aspekt, der auch zentral für die Filme von Christian Bale ist (zumindest für einige), ist Zeitlosigkeit. Wir alle kennen das, wenn man sich an etwas sattgesehen hat. Bei den meisten seiner Filme ist dies aber nicht der Fall. Allein als ich für diesen Artikel „recherchiert“ habe, habe ich mir die Batman-Trilogie locker dreimal angesehen. „American Hustle“ dreimal und „The Fighter“ auch mehrmals.
Zum Glück fand ich den Weg zu Christian Bale. Seitdem kann ich mich auf mehr Filme einlassen. Er hat es mir mit den Rollen, an denen er mitwirkte, also ermöglicht, in eine ganz besondere Welt einzutauchen. Eine Welt, in der alles möglich scheint und wo Fantasie selten nicht ausgeschöpft wird. Die Welt der Filme.
Top 5
Abschließend möchte ich aber noch meine persönlichen Lieblingsfilme mit Christian Bale mit dir teilen. Viel Spaß!
5. American Psycho (wird einigen wehtun, sorry)
4. Batman Begins
3. The Fighter
2. American Hustle
1. The Dark Knight Rises
P.S.: Ich habe mit Absicht nicht den zweiten Batman-Teil in die Liste einfließen lassen, obwohl es wahrscheinlich der beste Film der Reihe ist. Ich bin nämlich der Meinung, dass dieser Film nicht von Bale, sondern von Heath Ledger, der den Joker darstellt, getragen wird.
Beitragsbild: 선인장 auf unsplash
von Maret Becker | 31.03.2022
Mickey Mouse, das letzte Einhorn oder Astronaut*innen und dann noch irgendwas mit dem „Rand“. All das spielt im gleichnamigen Theaterstück Rand eine Rolle. Das hört sich alles sehr verwirrend an und irritierte auch uns zuerst. Doch vor lauter Neugierde wollten wir uns das Stück anschauen. Auch wenn wir beide keine gängigen Theaterkritiker*innen sind, konnte uns die Aufführung nicht loslassen. Ob vor Freude oder Enttäuschung, erfahrt ihr in diesem Artikel.
Ein Beitrag von Maret Becker und Tom Siegfried
Unser persönlicher Prolog
Wir waren doch sehr skeptisch, als wir uns am 18. März auf den Weg zur Stadthalle machten. Im dortigen Rubenowsaal wurde das Stück aufgeführt. Der Raum war ziemlich gemütlich gestaltet, indem die Bühne auf einer Ebene mit dem Bereich für die Zuschauer*innen gelegt wurde, um das Ensemble und das Auditorium zu vereinen. Das klappte auch ganz gut. Wir saßen in der ersten Reihe und Maret wurde dreimal direkt angesprochen. Tom ist sich sicher, er sitzt deswegen bewusst nie wieder dort. #peinlich
Worum geht es überhaupt?
Wo ist die Mitte der Gesellschaft? Wo ihr Rand? Fragen, die sich Wissenschaftler*innen, Astronaut*innen, das letzte Einhorn, Tetrissteine und Mickey Mouse stellen und nachgehen. Absurd-komische Figuren und Gruppen, die verstehen wollen, verzweifeln, sich radikalisieren oder versuchen zu retten, was zu retten ist. Das klingt erstmal alles sehr verwirrend. Auf der Bühne scheint es allerdings Sinn zu ergeben.
Die Figuren
Angefangen hat das Stück mit Tetrissteinen. Ja, die Schauspieler*innen trugen Kostüme in Form von Tetrissteinen. So unterschiedlich sie auch aussehen, gehören sie alle zusammen und wollen immer ein Ganzes ergeben. Die Ränder des Spielfeldes bleiben auch immer die gleichen: Oben der Beginn und unten das Ende. Danach betraten zwei Wissenschaftler*innen und eine Soziologin die Bühne. Sie trugen Perücken, lange Bärte und eine dicke (Schaumstoff-)Nudel im Intimbereich. Nur der Soziologin wurde das verwehrt. Aber warum das alles?
Dann kamen die Astronaut*innen. Die wortwörtlich „höchsten“ Menschen, geografisch betrachtet, haben den Sprung über den Rand der Welt geschafft. Und nun? Was liegt vor ihnen? Das letzte Einhorn sah aus wie eine Dragqueen. Mit Perücke und High Heels wurde es gejagt, als Letztes seiner Art… Um es auszustellen. Einzupferchen. Anzufassen. Zu versklaven. Und letztendlich auch, um es als Delikatesse zu verarbeiten. In dem Moment, als die Analogie auffiel, wurde es auf einmal sehr still im Publikum. Ach ja, dann kam auch noch Mickey Mouse um die Ecke. Klingt verwirrend, passt aber voll!
Die letzte Figur, die dem Publikum vorgestellt wurde, war die Randfigur. Eine sehr allumfassende Figur. Sie kann lachen und weinen, ist zuversichtlich und hoffnungsvoll, aber im selben Moment auch gebrochen und hoffnungslos. „Warum die Mitte den Rand erst nicht betrachten will und nicht einmal hilft, wenn es bereits zu spät ist… ?“, fragt sie sich. Kann man eine Kugel noch aufhalten, wenn sie einmal abgefeuert wurde?
Irgendwann kommt der Rand und die Welt geht zu Ende. Nur weil die Mitte der Gesellschaft es nicht sehen möchte, heißt es nicht, dass es nicht passieren wird. Doch wo endet die Mitte und wo beginnt der Rand? Gibt es denn Grenzen dazwischen? Wo beginnt die Zukunft und was muss man tun, um auf sie gefasst zu sein? Und warum tut man es dann nicht? Diese Fragen verfolgten uns durch das gesamte Stück.
Wie das Leben endete auch das Stück mit dem Tod, dem „großen Gleichmacher“. Am Ende sind eben alle gleich.
Es gibt so viele Ebenen, wie man das Stück interpretieren könnte.
Tom
Kritik und Lob
In einer kleinen Ansprache sagte der Regisseur des Theaterstücks: „Es könnte etwas abstrakt wirken.“ Diese Abstraktion ist zu einem großen Teil gut erkennbar gewesen. Auch die Hoffnung, dass „das Stück etwas zum Nachdenken mit nach Hause gibt“ wurde für uns vollkommen erfüllt. Wir konnten es danach kaum erwarten, uns über das Gesehene auszutauschen. Auch wenn uns die Figuren ab und an etwas verwirrt haben — in der Abstraktion der Charaktere fielen für uns ein paar Motivationen unter den Tisch. Dennoch haben es die Darstellenden wunderbar geschafft, die Figuren zu verkörpern. Dank ihnen wurde es möglich, mit den Rollen mitzufühlen.
Mir kamen so oft die Tränen. Mich berührte vor allem der Appell, dass es meistens um das Gemeinschaftsgefühl gehen soll. Wir wollen nicht zum Rand gehören, weil wir dort ausgeschlossen werden. Wir wollen immer zur Mitte hin. Auch wenn wir das nicht gerne zugeben.
Maret
Für uns steht fest: Das Stück ist echt wunderbar! Angenehm abstrakte Gesellschaftskritik, die nicht so schnell wieder loslässt! Absolut sehenswert!
- Wo kann ich mir das Stück anschauen?
- 02.04.2022 / 20:00 Uhr // Stadthalle Greifswald: Rubenowsaal
- 13.04.2022 / 20:00 Uhr // Theater Stralsund: Gustav-Adolf-Saal
- 22.04.2022 / 20:00 Uhr // Theater Stralsund: Gustav-Adolf-Saal
- 29.04.2022 / 20:00 Uhr // Theater Stralsund: Gustav-Adolf-Saal
- 04.05.2022 // Theater Putbus (auf Rügen)
Beitragsbild: Inês Pimentel auf unsplash
von webmoritz. | 24.12.2020
Weihnachtszeit ist Vorfreude und Geheimnistuerei, Nächstenliebe und Besinnung. Sie duftet nach heißem Glühwein, frisch gebackenen Keksen und mühsam gepellten Mandarinen. Der Dezember lebt von kleinen Aufmerksamkeiten und Traditionen, wie den Adventssonntagen mit der Familie, dem mit Süßigkeiten gefüllten Schuh am Nikolausmorgen und dem täglichen Öffnen des Adventskalenders. Weißt du noch, wie du jeden Tag vor Weihnachten aufgeregt aufgestanden bist, um vorfreudig zu deinem Schokoadventskalender zu tappen? Die moritz.medien verstecken das Weihnachtsgefühl hinter 24 Fenstern. Im heutigen Fenster: Ente, Wahn, Ich.
Vom Club der Dichter*innen aus den geteilten BBB-Notizen: Annica, Frank, Lilli und Lukas.
Ihr wisst nicht, wie ihr die nächste weihnachtliche Auseinandersetzung überstehen sollt? Dann verschafft euch doch hier ein bisschen rhetorische Inspiration.
Das folgende Schauspiel findet in einem Wohnzimmer irgendwo in Deutschland statt.
In der Ferne hören wir die Glocken klingen, die Bäuche sind voll und die Familienfeier findet ihren feierlichen Höhepunkt in der großen Bescherung. Am Baum versammelt haben sich schon die Zwillinge Tim und Tom, Oma Hannelore legt am Plattenspieler feierlich die klassische Weihnachtsmusik auf, Opa Gustav muss noch den Braten verdauen und liegt schlafend auf der Couch. Onkel Immanuel hat sich während des Essens bereits etwas mit seiner Flamme Michelle entzweit, da sie so lange an ihrem Instagram-Hashtag-Weihnachtsessens-Post saß, dass Oma Hannelore dachte, ihr würde es nicht schmecken. Doch seine Aufforderung, ihren Social-Media-Konsum etwas einzuschränken, war ihr einfach zu kategorisch. Auch bei Vater Maximilian und Jutta, der Mutter, ist die Lage schon etwas angespannt, schließlich wollte Maximilian eigentlich auch alle Nachbarn einladen und ließ sich nur mit großer Mühe davon abbringen.
Ihr wisst selbst nicht mehr so genau, wie ihr eigentlich hier gelandet seid, aber nach diesem verrückten Jahr hinterfragt ihr es auch nicht mehr genauer. Und jetzt, da ihr alle Familienmitglieder kennt, lasst uns den weihnachtlichen Familiengesprächen unter dem Tannenbaum lauschen! Wir präsentieren das nicht zum Nachmachen gedachte Weihnachtsschauspiel:
Ente, Wahn, Ich.
Onkel Immanuel: *sitzt im Sessel und stützt die Arme seitlich in die Hüften, während er fragend in die Runde guckt*
„Wollen wir etwa bis morgen warten, bis wir die Geschenke auspacken?!“
Oma Hannelore: *sitzt ganz manierlich und gerade auf einem Hocker und guckt verwirrt in Immanuels Richtung*
„Was ist morgen?“
Baby: *lacht mit strahlenden Augen*
„Dada!“
Vater Maximilian:
„Tausend Jeschenke, die niemand will… Et is JEDET Jahr dat selbe!“
Jutta, die Mutter: *Steht auf und verkündet feierlich*
„Noch sind wir bei Sinnen,
lasst die Bescherung beginnen!
Doch nicht bevor wir sie hören,
die Gedichte, die uns betören.“
Vater Maximilian: *rollt mit den Augen*
Da musste nur in die Lügenpresse schauen. Da lieste sowat täglich!
Opa Gustav: *schnarchschmatzschmatzschmatzschmatz*
Michelle: *blickt Kaugummi-kauend kurz von ihrem youPhone 25 auf*
„Wow, Hashtag cringe…“
Oma Hannelore: *ängstlich und verwirrt*
„Der Grinch?“
Zwilling Tim: *voll freudiger Erwartung*
„Gustav, gib gute Geschenke.
Geschwister geben gute Gedichte.“
Zwilling Tom: *jetzt schon vollkommen genervt von allem*
„Zickezacke Hühnerkacke.“
Onkel Immanuel:
„Kann ein Gedicht NOCH kürzer sein?“
Zwilling Tom:
„Gustavs große, graue Gänse grasen gern im grünen Gras, grasen gierig gi-ga-gack, grasen den ganzen Garten ab.“
Jutta, die Mutter: *mit vollkommen schriller Singstimme*
„Oh wie schön,
jetzt kann es losgöhn!“
Vater Maximilian:
„Ja, jetzt fangen wa mal mit dem Auspacken an, sonst sitzen wa ja noch morgen hier.“
Oma Hannelore:
„Was willst du besorgen?“
Michelle: *öffnet hektisch die Kamera-App*
„Wait, diesen moment muss ich catchen!“
Baby: *rülpst*
Michelle: *dreht sich angewidert weg*
„Boah, Leute, dieses Baby ist sowas von uninstagramable. Erstmal muten und Filter drüber. Und Hashtag pummelig.“
Jutta, die Mutter: *weist mit großer Geste auf den gewaltigen Stapel an Geschenken unter dem Baum*
„So ihr lieben Kinderlein,
als erstes soll es euer Stapel sein.“
*Die Zwillinge Tim und Tom packen die Geschenke aus.*
Zwilling Tim: *dreht sich begeistert zu den Eltern um*
„Geiler Geschenkestapel, gute Gutscheine! Große Geste! Gönnjamin!!“
Zwilling Tom: *rennt wutentbrannt zu Jutta, seiner Mutter, und fuchtelt vor ihrem Gesicht mit einem Pappkarton herum*
„Ernsthaft? Eine ekelhafte Ex-PS4-Konsole? Eine endgeilomatische Epic-PS5 erwünschte er eurer, ehrenwerte Eltern.“
Onkel Immanuel: *wirft weise vom Sessel aus seinen Kommentar ein*
„Ach so, ja klar, darf es sonst noch was sein?“
Michelle: *durch den sich mutmaßlich anbahnenden Streit amüsiert*
„Savage.“
Zwilling Tom: *geht mürrisch zurück zum Geschenkestapel und murmelt vor sich hin*
„Blöde Bescherung, besser Braten brutzeln.“
Zunächst kehrt wieder Ruhe ein im Wohnzimmer und es passiert nicht viel, während die Kinder weitere Geschenke (Geld, Bücher, noch mehr Geld) auspacken. Immer mal wieder hört man von Opa Gustav: *omnomnom*
Vater Maximilian:
„Dit dauert ja wieder hunnert Jahre, bis alle mit ihren Jeschenken fertig sind.“
Jutta, die Mutter:
„Schatz, nun nimm das Päckchen hin,
ist bestimmt was schönes drin! Etwas Badesalz oder –“
Zwilling Tom: *immer noch sauer wegen des falschen Geschenkes*
„Oder Opas Ohrenschmalz!“
Opa Gustav: *Grunzt*
Jutta, die Mutter:
Tom, mein Junge,
hüte deine Zunge!
Baby:
„Dai!“
Onkel Immanuel: *mit vielsagendem Blick*
„Vielleicht ist es ja auch was Nützliches?“
Vater: *packt aus wie Attila*
„Dit kann doch jetz nich wahr sein, auch noch an Weihnachten dieser Coronaquatsch?!
N’Maulkorb oder wat soll dat?
Als nächstet verfolgt Merkel mich och noch auf’s Klo oder wie?“
Oma Hannelore: *verwundert*
„Maultaschen? Seid ihr nicht satt geworden?“
Opa Gustav: *schmatzt*
Jutta, die Mutter: *mit versöhnlichem, verständnisvollen Tonfall und einem Lächeln*
„Aber Bummi,
das schützt deine Lungi.“
Zwilling Tim: *übergibt selstgemaltes Bild*
„Für frohere Festtagsstimmung fabrizierten Tom und ich für Frau Mama fantastische Formen voll fabelhafter Farben.“
Jutta, die Mutter: *voller Freude*
„Oh schau nur diese bunten Tön‘,
wie schön, danke meine Söhn‘!
Ich danke Euch von Herzen fein,
für dieses schöne Bildelein.“
*blickt sich um zu den Großeltern*
„Für Oma und Opa haben wir
in guter alter deutscher Manier
einen Kasten glühenden Wein,
los doch ihr Lieben, haut rein!“
Oma Hannelore: *erschrocken*
„Schlägerei? Ersatzbein?“
Michelle:
„Ehrenfrau!“
Opa Gustav: *setzt im Traum die Weinflasche an*
„glugggluggglugg“
Michelle: *mit ihrem Handy beschäftigt*
„Sheeesh, lost man!“
Onkel Immanuel: *mit sarkastischem Einwurf von der Seite*
„Mensch wie wäre es dann mal wieder mit Socken?“
Jutta, die Mutter: *überreicht Onkel Immanuel sein Geschenk*
„Immanuel, damit du nicht erfrierst,
sondern stets weiter philosophierst.“
Onkel Immanuel: *verärgert*
„Wow, tatsächlich Socken, soll ich mich darüber freuen?“
Jutta, die Mutter: *entrüstet, ob der plötzlichen Beschwerde*
„Jedes Jahr dasselbe Leid,
versuche ich Euch zu machen doch eine Freud.
Es passen die Geschenke nicht,
so hau doch ab, du Wicht!
Die gute Laune zerstörst du mit all deinem Sagen,
ich kann das so langsam nicht mehr ertragen!
Wenn dir nicht passt, was wir dir gaben,
musst du dich nicht länger an unserem Weine laben!“
Michelle: *excited*
„OMG, jetzt gibt’s Hashtag Beef!“
*holt wieder die Smartphone-Kamera raus*
„Jetzt fehlt mir der Anfang, Jutta, kannst du das für meine Story nochmal wiederholen? Geht bestimmt meeega viral!“
Oma Hannelore:
„Brauchst du wat aus’n Regal?“
Onkel Immanuel: *beleidigt*
„Ihr wollt also, dass ich gehe?“
*dreht sich um zu Michelle*
„Schön, dann gehen wir. Tschüss.“
Michelle: *mit vorwurfsvollem Blick*
„Aber Manu, bei den Freaks kann man voll gut Content createn. Ich will doch die 10K!“
Onkel Immanuel:
„Dir ist dein „Fame“ also wichtiger als ich? Schön, dann gehe ich. Tschüss.“
Michelle: *winkt ihm nach, während sie ein Selfie-Video dreht*
„Ok, Boomer. Früher warst du mehr fly.“
*Onkel Immanuel verlässt wütend das Haus*
Opa Gustav: *ist durch den lauten Wortwechsel aufgewacht*
„Hmpf.“
Zwilling Tom: *sadistisch durch den Streit beglückt*
„Toller Tumult. Weiche weg, widerlicher Wüstling!“
Zwilling Tim: *im verzweifelten Versuch, die Stimmung zu beruhigen und das Fest zu retten*
Ping, pang, pong, schwing den Gong!
Ping, pong, pang, nicht zu lang!
Ping, pang, pung, –
Jutta, die Mutter: *mit beginnender Migräne nicht mehr ganz so in Festtagsstimmung wie zuvor*
Jung, nun ist’s genung!
Michelle:
„Hashtag Germanistik“
Zwilling Tim: *traurig, weil das fehlende Lob seiner Mutter, Jutta, seine tiefen Selbstzweifel wieder einmal hervorbringt*
„PS playen! Problem, Papa?“
Zwilling Tom: *streift seine Jacke über und winkt einmal sarkastisch in die Runde*
„Bis bald, Bitches. Bin bei Boris‘ bigger Baronaparty.“
Vater Maximilian: *umarmt Tom mit strahlenden Augen*
„Dit is mien Junge!“
Tim und Tom verlassen das Zimmer und Opa Gustav schläft wieder ein. Auf dem Schlachtfeld der Bescherung stehen die verbliebenen Familienmitglieder und gucken sich etwas ratlos an.
Vater Maximilian: *kratzt sich am Kopf*
„Boah guckt euch mal diese Berge von Jeschenkpapier an. So ’ne Verschwendung Da kannste ja ’nen Forst von pflanzen.“
Baby: *ballt energisch die Faust und ruft voller Überzeugung*
„Hambi bleibt!“
Vater Maximilian: *entsetzt*
„Dit is nich mein Kind! Sieht mir auch gar nicht ähnlich.“
Oma Hannelore:
„Bambi lebt?“
Jutta, die Mutter: *ganz entzückt von ihrem Baby und sehr genervt vom Vater und mit der Gesamtsituation unzufrieden*
„Die ersten Worte gut und fein
vom kleinen, lieben Babylein.
Ganz anders als der Macker,
klingst du, mein süßer Racker!“
Michelle: *verlässt den Raum*
„Leute, bin off. Gehe 20 Uhr live mit der Crowd. Hashtag bye.“
Jutta, die Mutter: *fasst sich ans Herz*
„Das war ja ein tolles Fest,
ich mach‘ jetzt ’nen Corona-Test.“
Gut gemeinter Rat der Redaktion: Please don’t try this at home.
Beitragsbild: Julia Schlichtkrull
von Jakob Pallus | 24.11.2010

Veranstaltungsplakat
Die Zone – ein unheimlicher Ort, an dem Naturgesetze außer Kraft sind. Niemand weiß, wie diese entstanden ist. War es ein Meteoriteneinschlag oder der Besuch einer außerirdischen Zivilisation? Eines aber ist sicher: Die Zone zu betreten, ist gefährlich.
Das Theater Vorpommern führt zum Jahresabschluss das Stück „Stalker“ auf. „Stalker“ ist eine Kooperation mit dem Studententheater StuThe, dem Theater Vorpommern und dem Caspar-David-Friedrich-Institut der Universität Greifswald. Angelehnt an Andrej Tarkowskis gleichnamigen Kultfilm erzählt es die Geschichte des namensgebenden Stalkers, der sein Geld als Fährtenleser innerhalb dieser „Zone“ verdient. Seine beiden ungleichen Kunden, Wissenschaftlerin und Schriftsteller, soll er tief in der Zone zum „Zimmer“ führen. Hier, so sagt man, werde der innigste Wunsch eines jeden Wirklichkeit. Die Reise dorthin wird für die drei wie für den Zuschauer jedoch zu einer Reise in das eigene Selbst.
Die Bühne im Rubenowsaal der Stadthalle ist nur spärlich mit Requisiten ausgestattet. Die Kulisse besteht aus einem Gebilde aus Gerüststangen, welche sich bis in die Publikumsreihen erstreckt. Diese befinden sich links und rechts des Gerüstes. Eine strikte Teilung zwischen Schauspiel- und Zuschauerraum gibt es nicht, das Publikum betritt mit dem Stalker die Zone, begleitet ihn und seine Gefährten während des Stückes. Wird umschwirrt von den Suchern, Schauspielern in archaisch anmutenden Kostümen, die die Zone und ihre Wechselwirkungen mit dem Stalker symbolisieren. Doch nicht nur der Zuschauerraum ist Bühne, die Schauspieler beziehen auch emporragende Gestänge mit in ihre Darbietung ein. Die Mimen klettern und hangeln sich von Stahlpfosten zu Stahlpfosten, hängen sich an die Konstruktion, springen wieder zu Boden.

Nicht nur die Bühnenkonstruktion bietet Überraschendes. Insgesamt zehn Schauspieler wirken an dem Stück mit. Neben dem Stalker und seinen Begleitern, hört man auch die Frau des Spurensuchers aus dem Off, sieht ihr Kind und die bereits erwähnten Sucher. Während ihrer Reise ersetzen zudem sogenannte Wiedergänger die Professorin und den Schriftsteller. Sie tauschen die Geschlechter und zeigen, wie in einem Flashback, Geschehnisse, die sich vor ihrem Aufbruch in die Zone ereignet haben. Die Wiedergänger bieten tieferen Einblick in die Seelen ihrer Originale, stiften aber auch beim Publikum Verwirrung. Nur langsam werden dem Zuschauer diese Wandlungen, die Etappen der Seelenreise klar.
„Stalker“ ist kein reines Theaterstück. Vielmehr ist es ein Kunstprojekt. Als solches angekündigt, wird es tatsächlich dieser Beschreibung gerecht. Die Atmosphäre, die Tarkowski in seinem Film noch mit Hilfe von Naturaufnahmen und Wechseln in der Farbigkeit aufbaute, wird hier nun mittels Bühnenkonstruktion, Videoprojektionen und den Suchern und Wiedergängern evoziert – nicht in der gleichen Weise bildgewaltig, aber ebenso eindringlich. Beladen mit Symbolen nimmt das Stück den Zuschauer mit zum Wunschzimmer, aber auch tief in die Seelen der Akteure – und in die eigene.
Fotos: Vincent Leifer