„Ich frag doch nur“

„Ich frag doch nur“

Ich bin schon lange in einem Konflikt mit mir selbst, bin mir unschlüssig. Ich finde es schwer, Position zu beziehen im Angesicht der Frage: „Diskutierst du eigentlich gerne?“. Lange war meine Antwort intuitiv „Nein!“ – Wenn ich an Diskussionen denke, sehe ich ein fantastisches Theater – wie zwei Politiker*innen, die unbeeindruckt vom Ausgang des Fernsehduells weiterhin starr ihrer Partei Position vertreten – ein Auswendiglernen von Argumenten, von Kontern, Strategien – ein Fokus auf Kampf und Ego statt Selbst- und Fremdkonversion. Ich sehe leere Hüllen, die fremdes Feuer spucken.

Auf der anderen Seite finde ich Freude daran, mit Freund*innen zu „philosophieren“. Über Abstraktes und Konkretes, historisches und aktuelles, amüsantes oder spaltendes zu sprechen – im Tandem zwischen lernen und lehren zu schwingen. Was unterscheidet also solche zwei Diskussionen?

Vor allem glaube ich, sind das zwei Sachen: Einmal die Offenheit gegenüber der Gesprächspartner*innen – Offenheit gegenüber ihren Erfahrungen, ihren Meinungen, gegenüber der Möglichkeit, die eigenen Ansichten abzuändern. Andererseits und darin verwachsen sind die dringend vorauszusetzenden, guten Intentionen beider.
Aber wie erkennt man diese – und wie kann man sich gegen schlecht Intentionierte wehren? In diesem Artikel werden vor allem die im Fragen verankerten rhetorischen Fallen behandelt, und erörtert warum wir auf diese regelmäßig hereinfallen.

Alte Muster

Fragen stellen – und andere beantworten – gehört genau so zum Menschsein wie sein aufrechter Gang oder eine einzigartige Schädelstruktur. Wir lieben Fragestunden, Krimis, Sudokus – lesen Interviews und Fachliteratur – wir spionieren, fragen ein heiteres „wie geht´s?“ und sind enttäuscht von einer abschlagenden Antwort. Wir gehen durchs Leben, werfen unterbewusst Fragezeichen – und fangen Antworten – lehren den Kleinsten sofort das strukturierte Fragen, und nutzen „Wer, Was, Wann, Warum?“ auch noch später beim Verfassen von Texten oder dem Halten wichtiger Telefonate.

Vor allem die automatische und schnelle Verarbeitung von Fragen war schon immer für das Menschsein essenziell. Wer sich vor einem Bären verteidigen muss, hat keine Zeit, sorgfältig Verteidigungsstrategien zu durchdenken. Er kann nicht sein exaktes Gewicht, Prankenreichweite und potenzielle Höchstgeschwindigkeit kalkulieren – er hat keine Zeit, um jeden Fluchtweg zu analysieren oder die beste Position zum Totstellen auszutesten. Wir überschlagen Zahlen, schätzen grob ab – und nehmen die erstbeste Körperhaltung ein. Ein Umstand, der uns – auch in Abwesenheit von bedrohlichen Beutegreifern – eine hohe Anfälligkeit für Heuristiken und andere Denkfehler verleiht.

Unser routiniertes Lösungsmuster im Frage-Antwort-Spiel – inklusive der eben genannten Abkürzungen – wird impulsiv auf jede Situation angewandt. Vernehmen wir nur eine zum Satzende höher werdende Stimme oder erkennen im Augenwinkel schemenhaft die krumme Struktur eines Satzzeichens, gehen die Gedanken vom Standpunkt der Frage aus auf Jagd – suchen nach Begründungen, Rechtfertigungen, Lösungen – ohne einmal die Legitimität der Mission selbst kritisch zu hinterfragen.

Die Gesellschaft und der Wortabtausch

„Das Fragen“ oder auch „die Frage“ haben neben der Nezessität als Überlebensreflex auch eine sehr hohe gesellschaftliche Wertschätzung inne. Nicht fragen zu dürfen füllt uns mit Abschätzigkeit – hinter jedem Verbot vermuten wir etwas Fauliges – Demokratie ohne Frage wird zur Diktatur. Denn „fragen“ ist Wissen sammeln, und Wissen ist schließlich gut. Warum würde man abblocken, wenn nicht, um etwas Zwielichtiges zu verbergen? Die Abwesenheit einer Auskunft wird zur Antwort selbst.

Andererseits, trotz aller „Heiligkeit“ der Frage, wird dem Antwortgeben selten mit selbigem Respekt und Verständnis begegnet. Das liegt ganz in seiner komplizierteren Natur – und der Ungeduld des Gegenübers. Auskunft geben erfordert mehr Arbeit und Präzision als das Infragestellen – aber wirkt auf den ersten Blick so einfach. Man muss vorsichtig sein, sich gut artikulieren – am besten nicht zu lange brauchen, denn warum hast du denn die Antwort nicht parat? Es wird viel und häufig gefragt, von derselben oder anderen Personen – dieselbe oder Variationen im Kern identischer Fragen. Man wird im Moment der Betrachtung an den Pranger gestellt und mit Obst beworfen, ohne etwas schuldig sein zu müssen. Nicht ohne Grund empfinden viele Eltern die „Warum?“-Phase ihres Kindes als besonders nervtötend. Gemeinhin Offensichtliches zu erklären und dann mit Zweifel statt Dankbarkeit begegnet zu werden, ist frustrierend. Kontinuierlich mit Schmutz gestreift zu werden, wertet die Stimmung ab.

Es gibt also ein Ungleichgewicht zwischen dem Fragenden und dem Antwortenden. Nicht nur in der mangelnden Balance ihres Aufwands, auch der Blick ist auf den Einen schärfer gerichtet – während der Fragende keinem Rechenschaft schuldig ist. Aus diesem Ungleichgewicht folgt eine Varietät an Kniffen und Tricks, welche findige Populist*innen verdeckt auf breite Massen loslassen – und Laien ungemerkt dem eigenen Sprachgebrauch unterjubeln.

Destruktion statt Debatte

Das Unwetter

Direkt aus dem ungleichen Aufwand folgt eine ganz simple rhetorische Verteidigung: Das Fragenstellen. Klingt vielleicht erstmal langweilig – sind Diskussionen nicht einfach Abtausche von Fragen und Antworten? – ist aber ganz unangenehm effektiv. Wenn Kandidatin A bemerkt, dass Kandidat B tatsächlich gute Argumente vorlegt – oder die eigenen eindeutig entkräftet hat, kann der*die Gegenüber in einem Ansturm von Fragen ertränkt werden. Fragen stellen ist ja gerechtfertigt – also warum das? Woher stammt die Info? Welche Autor*innen waren beteiligt, wie groß die Stichprobe? Welches Land, welches Jahr, welche Sicherheit? Wie kommst du drauf? Warum, weshalb, wieso? Alles in sich durchaus berechtigte Fragen, aber in ihrer Ziellosigkeit und Masse können schlechte Intentionen sichtbar werden.

Auf den Fragenhagel folgt die Desorientierung – mögliche Zuhörer*innen, oder der „Gegner“ selbst, werden erschöpft – vergessen ihren ursprünglichen Punkt und stimmen einem Fortfahren zu weiteren Argumenten zu. Wir nehmen uns ja nicht die Zeit zu entscheiden, ob wir eine Frage akzeptieren – sondern setzen automatisch sofort zum Antworten an. Das tatsächliche Ziel einer Debatte geht dabei verloren. Es ist ja das Finden von Erkenntnissen der eigentliche Sinn – und nicht das k.o. des Gegners oder der Gegnerin im intellektuellen Wattestäbchenboxkampf. Der Fragenstellende behält hier aber seine aufgesetzte Fassade, und kommt ohne verletztes Ehrgefühl durch mangelhafte Argumentation davon.

Die Ölbohrung

Eine andere Version des Fragenansturms – nennen wir sie „Tiefenbohrung“ – wird gerne bei Gesprächen über Begriffe und ihre Definitionen genutzt. Matt Walsh beispielsweise bohrt in seiner Dokumentation „What is a woman?“ zahlreiche Menschen nach der Titelfrage aus, welche er selbst auch nicht zureichend beantworten kann – es unter dem Deckmantel des aufrecht interessierten Bürgers aber auch nicht muss. Dabei hofft er selbstverständlich nicht auf einleuchtende Erkenntnisse, die das Verständnis der Gesellschaft für Transmenschen revolutionieren – sondern gedenkt, seiner Zuschauer*innenschaft Menschen zu präsentieren, welche sich in den sprachlichen Fischernetzen des Journalisten verheddern und aufgrund der Zirkulation von Definitionen nie bei einer ihm zureichenden Erklärung angelangen. Der Journalist fragt, der Befragte kann mangels Existenz einer „unhinterfragbaren Antwort“ nie der Bohrung – dem Ouroboros – entkommen – und gibt auf. Der Journalist steht als letzter, der Zuschauende applaudiert – und sieht sich in seiner oder ihrer Sicht auf die Dinge bestätigt. Das der ganze Spaß andersherum, bei einer Befragung von Matt Walsh genauso abgelaufen wäre, interessiert keine*n.

Unabhängig davon muss natürlich auch immer die dominante Position des*der Journalist*in gegenüber seines*r Interviewpartner*in bedacht werden. Nicht nur verfügt erstere Person über das finale Wort im Schnitt. Sie kann auch das Interview mit dem*der Opponent*in in unbekannte Gebiete führen und – mangels Recherchemöglichkeiten im Gespräch – im Dunkeln tappen lassen, diese Unsicherheit aber im Endprodukt der Zuschauer*innenschaft als Zeichen der eigenen intellektuellen Überlegenheit präsentieren.

Der Borkenkäfer

Ähnlich und anders geht es auf vereinzelten Demonstrationen, Youtube-Kommentaren oder dem amerikanischen Nachrichtensender Fox-News zu. Das Fragenstellen selber dient hier wieder als Schutzschild: Man unterstellt ja nichts! Aber führt Zuhörende direkt auf den Weg des sorgenvollen Misstrauens von vollkommen normalen Sachverhalten.

Alleine, dass jemand fragt, suggeriert ja schon, dass etwas nicht ganz stimmen kann. Ein Haufen Fragen, die man sich selbst nicht beantworten kann – oder mangels tatsächlichem Interesse will – führen zu dem Abbau von Grundvertrauen. Der dauernde Zweifel ,das Ausgesetztsein gegenüber nagenden Fragen, modert und durchgräbt Fundamente, wie es zwischenmenschlich nur Neid und Eifersucht tun. Verstärkt wird das Ganze durch die Ambiguität der Frage selbst. Es sind meist „die da oben“, „andere“, einfach „die“, vielleicht sogar „die Eliten“ – in jedem Fall „nicht wir“. Es baut sich ein sumpfiges Misstrauen auf – und eine verstärkte Abneigung gegen alles, was fremd ist – alles, was man mit „nicht wir“ assoziiert.

Hier wird wieder das Fragenstellen zum politischen Werkzeug. Eine solche Nachrichtensendung hat zwar das Kapital zur Beantwortung der eigenen simplen Fragen – kann sich ein Rechercheteam leisten – sie will aber keine Antworten. Denn ein brüchiges Vertrauen des*der Zuhörenden zu anderen Sendern, zum „Mainstream“, bindet mediale Aufmerksamkeit außerordentlich. Frustrierte und misstrauische Menschen teilen außerdem eher die Sprache eines Sensationssprechenden – jemandem, der in Superlativen spricht – als solche, die formelle Vermittlung von Informationen suchen.

Die Antwort

Es zeigt sich: wichtig ist, nachvollziehen zu können, warum Fragen gestellt werden. Wird von der Person gegenüber erwartet, dass Zeit und Aufwand in Erklärung fließen, so sollte zumindest der Hintergrund der Frage – die eigentliche Motivation dargelegt werden. Seid ihr euch unklar über die Absichten eurer Gesprächspartner*innen? Fühlt ihr euch eingeengt? Dann stellt die Gegenfrage – klärt auf, was hinter euer beiden Fassaden steckt! Welche fundamentalen Ansichten führen euren Diskurs? Sucht ihr tatsächlich nach Antworten oder standen diese schon, bevor das Fragewort den Mund verließ?

Warum fragst du eigentlich, was eine Frau ist? Hast du tatsächliches Interesse an gesellschaftlichen Entwicklungen? Interessierst du dich für den Wandel und Herkunft von Definitionen? Bist du eher verwirrt, möchtest lernen? Oder hast du einfach Angst vor dem Unbekannten? Geht es dir um den Einfluss von Transfrauen auf den Sport? Dann sprechen wir doch darüber, klären wir auf – und lass uns nicht realitätsferne Definitionen, Wortgebilde, das Zentrum unseres Gespräches sein.

Natürlich ist das Fragen stellen selbst, ob im privaten, universitären oder politischen Kontext wichtig – ohne Fragen wäre Lernen unmöglich, und eine Verbesserung der Umstände außerhalb unserer Reichweite. Dennoch müssen wir uns klar werden, welche Privilegien wir dem*der Fragestellenden zusprechen und empathisch dem*der Antwortenden gegenüber sein. Wir müssen uns trauen zu hinterfragen, was tatsächlich Sinnvolles von Fallen und trojanischen Pferden unterscheidet. Auf die Qualität und das Motiv hinter Fragen zu achten, erspart Ungerechtigkeiten – und schafft mehr Raum für qualitativ Hochwertiges.


Beitragsbild: Karolina Grabowska auf pexels

Barbie: und was hätte sein können

Barbie: und was hätte sein können

Am 20. Juli 2023 kam der Film Barbie in die deutschen Kinos. Bereits einen Monat später spielte der Film über eine Milliarde US-Dollar weltweit ein und überholte Batman: The Dark Knight (2008) als erfolgreichsten Film der Warner Bros. Studios. Wieder einen Monat später wurde Barbie zum umsatzstärksten Film des Jahres 2023 und reihte sich auf Platz 15 der erfolgreichsten Filme aller Zeiten ein. Doch ist Barbie wirklich so bahnbrechend und gewagt, wie er oft beschrieben wird?

Was wir bekamen

Ich, wie viele andere, habe den Film im Kino gesehen und bin mit gemischten Gefühlen herausgekommen. Einigen anderen ging es ähnlich, doch viele Freund*innen von mir konnten sich mit der Message identifizieren und haben den Film sehr genossen. Gemischte Gefühle waren jedoch abzusehen. So gab Hauptdarstellerin Margot Robbie an, das Ziel des Films sei es, die Erwartungen zu untergraben und dem Publikum „das zu geben, von dem es nicht wusste, dass es das wollte“.

Barbie (der Film) zeichnet sich dabei besonders durch den Anspruch aus, mit einer mal mehr, mal weniger subtilen patriarchatskritischen Nachricht die Zuschauer*innen in den Kinos zum Nachdenken und zur Selbstreflektion anzuregen. Über weite Teile schafft der Film dies auch und thematisiert auf eine angebrachte Art und Weise unsere männlich-dominierte und vom Konsum getriebene westliche Kultur in verschiedenen Aspekten.

Jedoch gibt es auch viele Passagen, in welchen der Film über seine Mission, unserer Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten hinausschießt und es … nun ja … ein wenig übertreibt. So hatte ich manchmal das Gefühl, dass sich der Film selbst nicht so ganz ernst nimmt in seiner Intention. Das liegt vor allem daran, dass scheinbar in jedem Dialog die Zerschlagung des Patriarchats thematisiert wird, bevor andere Themen ins Gespräch kommen – als müsste man zuerst die Fronten klären und schauen, ob man auf einen gemeinsamen Nenner kommt.
Auch der starke Kontrast zwischen der weniger aggressiv thematisierten antikapitalistischen Haltung der Protagonistin und einer sehr prominenten Abbildung von Markenlogos tut dem Gefühl, was der Film vermitteln soll, nicht gut. Marken wie Chevrolet, Chanel oder allen voran natürlich Mattel sind zwar in gewisser Weise Teil der Barbie-Welt, der Film wäre aber auch gut ohne diese Form der Schleichwerbung ausgekommen.

Wird Barbie unsere Gesellschaft retten?

Kurz und knapp: Ich habe leider die Befürchtung, dass Barbie nicht viel am Status quo unserer Gesellschaft ändern wird. Die Zielgruppe des Film vertritt vermutlich bereits ein vergleichsweise antipatriarchales Weltbild, noch bevor der Film geschaut wurde. Entsprechend wird man hier zwar in seinem Weltbild bestätigt, jedoch erfolgt kein Umdenken. Auf der anderen Seite werden Menschen, die kein Problem an unserer aktuellen Gesellschaftsstruktur sehen – so leid es mir auch tut – vermutlich nicht den Film anschauen. Und wenn sie es doch tun, dann mit einem gehörigen Mangel an Selbstreflektion und einer eher ironischen Einstellung. Ein Schutzmechanismus, welcher vor Dissonanzen zwischen den Aussagen des Films und dem eigenen Weltbild schützen soll.

Aus diesen Gründen hat der Film einiges an Potenzial ungenutzt gelassen und die Chance verpasst, wirklich bahnbrechend zu sein – ein Statement zu setzen. Mittlerweile ist die Kinophase von Barbie vorbei und die Streamingphase beginnt. Beliebte Anbieter wie Amazon und iTunes erlauben es bereits, den Film (Stand Mitte Oktober 2023) für 15 bis 20 Euro zu leihen und für begrenzte Zeit zu Hause zu genießen. Hier werden die Prioritäten ganz klar erkenntlich und die eigentlichen Interessen offengelegt.

Ist so viel Kritik gerechtfertigt?

Auf der anderen Seite soll dieser Artikel nicht dazu dienen, den Film ausschließlich dafür zu kritisieren, was er alles versäumt hat umzusetzen. Ich möchte an dieser Stelle lobend hervorheben, welche Themen der Film sich getraut hat anzusprechen, vor denen andere große Hollywood-Produktionen nach wie vor zurückschrecken. Eine solch offensichtliche Kritik des Patriarchats und einer entgegengesetzten Darstellung eines Matriarchats ist vielen Filmstudios potenziell zu heikel. Nach einem solch bahnbrechenden Erfolg wiederum ist denkbar, dass sich auch die generelle Filmlandschaft an diesen positiven Trend anpasst. Barbie könnte quasi als Pionierin von feministischen Filmen bezeichnet werden oder zumindest als der Film, der Feminismus im Kino massentauglich gemacht hat.

Wie kontrovers die Inhalte des Film in einigen Kulturen aufgefasst wurden, lässt sich auch ganz gut am Verbot des Films in diversen Ländern, wie etwa in Algerien, Kuwait, Katar oder im Libanon, gut erkennen. Zum Schutz der öffentlichen Moral und der guten Sitten wurde hier der Film entweder kurz nach Kinostart oder wie im Falle von Katar direkt verboten.

Die Rolle von Mattel

Ein Aspekt, welcher mir vor allem den Film und insbesondere das Marketing drum herum etwas madig gemacht hat, ist die Rolle von Mattel. Explizit die Instrumentalisierung einer positiven Bewegung in unserer Gesellschaft, die vermehrt die offensichtlich männlich-dominierten, kapitalistischen Strukturen in der westlichen Welt hinterfragt. Mit dem Film und der Einordnung der Marke Barbie in dieser Welt hat Mattel versucht, sich an die Speerspitze dieser Bewegung zu manövrieren. Unter einem Deckmantel, ein besonders feministisch ausgerichtetes Unternehmen zu sein, hat Mattel versucht, sich moralisch von Konkurrenzunternehmen abzugrenzen und den Anschein zu erwecken, unter einem anderen Standard zu agieren. Wie gut das funktioniert hat, lässt sich durch einen kurzen Blick auf den Aktienkurs von Mattel vor und nach dem Kinostart von Barbie erkennen.

Aktienkurs von Mattel in den letzten Monaten

Zusätzlich sollte das Spielzeug Barbie selbst im Film, wie auch in der Realität, einen Imagewandel vollziehen. Barbie sollte nicht mehr nur die Freundin aus Plastik im Kinderzimmer sein, sondern darüber hinaus eine Inspiration für Frauen auf der ganzen Welt bedeuten, in einer Welt, welche gegen sie ausgerichtet ist, alles werden zu können, was sie wollen. Dass das Spielzeug Barbie als solches gar nicht vermarktet wurde, wird außen vor gelassen. Auch kontroverses Aussehen der Barbie, welches Kindern in jungen Jahren unerreichbare Schönheitsideale suggeriert, wird kaum thematisiert oder aufgearbeitet. Vielmehr versucht man dieses Image aus der Vergangenheit zu ignorieren und abzustreifen

Beitragsbild: Sean Bernstein auf Unsplash

Reaktualisierung von John Rawls zivilem Ungehorsam am Beispiel der Letzten Generation

Reaktualisierung von John Rawls zivilem Ungehorsam am Beispiel der Letzten Generation

Von Maya Elinor Miller

Im Kontext der Klimakrise ist ziviler Ungehorsam wieder ins Zentrum der politischen Debatten geraten. Heute fragen wir uns, wie Proteste im Angesicht untragbarer Zustände aussehen dürfen und wie wir als Gesellschaft mit ihnen umgehen sollten. Wie diese aktuellen Fragen am Beispiel der Letzten Generation mit der berühmten Definition des Philosophen John Rawls vereinbar sind, erfahrt ihr in einer ausführlichen Version in diesem Artikel, der den gleichnamigen Artikel aus der Ausgabe 163 des moritz.magazins ergänzt.

In diesem Artikel werden wir die politische Theorie des zivilen Ungehorsams von John Rawls auf die Klimaproteste der Letzten Generation anwenden und sie so gesehen reaktualisieren. Das Ziel dabei ist es, zu schauen, ob die Proteste der Letzten Generation der Rawls’schen Definition des zivilen Ungehorsams entsprechen, wo sich Fragen oder Lücken ergeben.

Doch warum soll in diesem Artikel ausgerechnet Rawls‘ Definition des zivilen Ungehorsams auf aktuelle Klimaproteste angewandt werden und nicht Hannah Arendts, Howard Zinns oder Jürgen Habermas‘ Definition von zivilem Ungehorsam? Die Antwort lautet schlicht: Weil man an der Rawls’schen Definition des zivilen Ungehorsams nicht vorbeikommt. Sie ist besonders populär. So oder so werden sich daher die Proteste der Letzten Generation an dieser messen lassen müssen.

Die moritz.medien freuen sich auf eine Zusammenarbeit mit den Teilnehmer*innen des Seminars „Ziviler Ungehorsam“, bei der ausgewählte Inhalte gemeinsam aufbereitet und präsentiert werden. So wird es Studierenden der Politikwissenschaft beispielsweise möglich sein, selbst erarbeitete Texte oder Interviews zu veröffentlichen oder Podcastfolgen für moritz.uncut zu produzieren. Das Ziel der Zusammenarbeit ist es, dem Thema des zivilen Ungehorsams eine Plattform zu bieten und noch mehr Diskussionsraum zu schaffen.

Gerechtigkeit und ziviler Ungehorsam

John Rawls gilt als bedeutendster Philosoph des 20. Jahrhunderts und beschäftigt sich in seinem Denken mit Gerechtigkeit. Hierbei entwickelt er zwei fundamentale Gerechtigkeitsgrundsätze, die erfüllt werden müssen, um von einer gerechten Gesellschaft sprechen zu können. Der erste Grundsatz bezieht sich hierbei auf rechtlich-politische Freiheiten. Der zweite Grundsatz betrachtet hingegen die soziale und ökonomische Grundstruktur einer Gesellschaft. In seiner Theorie der Gerechtigkeit befasst sich Rawls aber auch mit zivilem Ungehorsam.

Hierbei definiert Rawls grundlegende Rahmenbedingungen, unter welchen er zivilen Ungehorsam überhaupt erst als mögliche, sinnvolle und legitime Protestform betrachtet. Außerdem entwickelt er konkrete Kriterien darüber, wie der Protest selbst konzipiert sein sollte beziehungsweise wie sich die Aktivist*innen, die zivilen Ungehorsam praktizieren, zu verhalten haben. Nach Rawls findet ziviler Ungehorsam in einer fast gerechten Gesellschaft statt: Für ihn meint das immer eine Demokratie. Die fast gerechte Gesellschaft beinhaltet, dass die Gesetze, die in dieser Gesellschaft gelten, ebenfalls fast gerecht sind. Rawls sieht vor, dass sich die Gesellschaftsmitglieder bis zu dem Punkt an die Gesetzte halten müssen, in dem eine Ungerechtigkeit so groß wird, dass nur der zivile Ungehorsam einen letzten Ausweg aus der Ungerechtigkeit darstellt. Durch die Aktionen des zivilen Ungehorsams soll dann die fast gerechte Gesellschaft erhalten oder noch gerechter werden. Dafür sollen für Rawls die legalen Mittel zur Bekämpfung der Ungerechtigkeit weitestgehend ausgeschöpft sein. Was ebenfalls deutlich wird ist, dass Rawls im zivilen Ungehorsam eine Stabilisierungsfunktion sieht, um gerechte Institutionen und Gesetze zu stärken.

Ganz konkret definiert Rawls zivilen Ungehorsam als öffentlichen, gewaltlosen, gewissensbestimmten, politischen Verstoß gegen Gesetze mit dem Ziel eine Veränderung der herrschenden Gesetze oder eine konsequente Umsetzung bereits herrschender Gesetze zu erwirken. Öffentlich, weil die Protestaktionen für alle sichtbar stattfinden und die Aktivist*innen sich zu ihren Aktionen bekennen und die Konsequenzen für den Gesetzesverstoß auf sich nehmen. Gewaltlos, da man erstens im Protest eine grundlegende Gesetzestreue ausdrücken will und zweitens, weil sich ein Widerspruch entwickeln würde, wenn man im Kampf für mehr Gerechtigkeit Ungerechtigkeit in Form von Gewalt praktizieren würde. Auffällig ist hier, dass Rawls ein sehr breites Verständnis von Gewalt hat, da auch Drohungen und Zwang für ihn indirekte Gewaltanwendung bedeuten. Gewissensbestimmt insofern, als dass man sich vom Sinn für Gerechtigkeit leiten lässt. Hierbei nimmt Rawls an, dass es in der Gesellschaft einen geteilten Gerechtigkeitssinn gibt. Und politisch insofern, als dass die Aktivist*innen mit einem politischen Anliegen oder Grundsätzen an den Gerechtigkeitssinn der Mehrheit appellieren.

Gesetzestreue und die Letzte Generation

Wendet man diese Rahmenbedingungen und Kriterien der Rawls’schen Definition des zivilen Ungehorsams auf die Proteste der Letzten Generation an, so zeichnet sich ein geteiltes Bild. Zuerst einmal kann man eine weite Übereinstimmung der Praxis des zivilen Ungehorsams durch die Letzte Generation mit der theoretischen Definition von John Rawls feststellen. Die Protestaktionen finden im Lichte der Öffentlichkeit statt und es wird, seitens der Aktivist*innen, Rechenschaft abgelegt. Man handelt gewissensbestimmt mit dem Ziel eine bereits herrschende und darüber hinaus zukünftige Ungerechtigkeit abzuwenden. Die Aktionen selbst sind häufig gesetzeswidrig und zielen auf die notwendige Einhaltung bereits herrschender nationaler und internationaler Gesetze und Abkommen, wie die Pariser Klimaziele, und auf notwendige Gesetzesänderungen ab. Nach Angaben der Aktivist*innen der Letzten Generation wird im Protest selbst durch besondere Höflichkeit und die Inkaufnahme der Strafe die grundlegende Gesetzestreue ausgedrückt, welche immer wieder auch durch den Bezug auf das Grundgesetz und das Verfassungsgerichtsurteil vom 29. April 2021 untermauert wird. Zuletzt schwingt in ihren Aktionen immer ein Appell an die Gesellschaft – an uns Bürger*innen – mit.

Eine Frage der Stabilisierung

Es gibt jedoch auch Rawls’sche Kriterien, die nur in Teilen zutreffen oder deren Übereinstimmung mit den Aktionen der Letzten Generation mindestens strittig sind. Ambivalent ist beispielsweise die Frage nach der Stabilisierungswirkung, die Rawls dem zivilen Ungehorsam zuschreibt. Man könnte argumentieren, dass diese im Fall der Letzten Generation eintritt, da etwas gegen die drohenden extremen Folgen der Klimakrise zu unternehmen, als ultimative Rettung vor daraus resultierenden politischen Folgen gewertet werden kann. Dagegen spricht, dass momentan im gesellschaftlichen Diskurs eher eine Polarisierung anhand der Klimaproteste sichtbar wird, also ein Instabilerwerden des gesellschaftlichen und politischen Zusammenhalts. Für mich schließt sich hier allerdings die Frage an, ob und inwieweit man dies der Letzten Generation vorhalten kann. Denn die stabilisierende Wirkung zeigt sich auch bei Rawls erst im letztendlichen Erfolg der zivilungehorsamen Proteste.

Auch die Gewaltlosigkeit ist in Teilen strittig. Nach Selbstaussagen ist die Letzte Generation komplett gewaltfrei. Nie werden Sicherheitskräfte oder Zivilisten angegriffen oder beschimpft. Jedoch liest die deutsche Justiz Aktionen, wie die Blockade von Straßen, als Nötigung, also gewissermaßen als Zwang, was nach Rawls ebenfalls eine Form von Gewalt darstellt. Hier tut sich, wie es scheint, eine fundamentale Frage auf: Denn baut nicht jede Form von Protest einen für das Anliegen meist notwendigen Druck auf, welchen man stets auch als Drohung, Zwang oder Nötigung lesen könnte?

Ein anderer Apell?

Was den Appellcharakter des zivilen Ungehorsams angeht, tut sich ein anderes Problem auf, nämlich die Frage, was zu tun ist, wenn der Appell der Aktivist*innen fehlschlägt.

Momentan scheint es der Letzten Generation nicht zu gelingen, den Gerechtigkeitssinn der Mehrheit und der Regierenden erfolgreich zu adressieren und auf die bereits herrschende und zukünftige Klimaungerechtigkeit, sowie für ungleiche Partizipationschancen der jungen Generation aufmerksam zu machen. Aus Sicht der Letzten Generation manifestieren die aus dem Klimawandel resultierenden Ungleichheiten daher auch ein Demokratieproblem. Der zielführende Charakter der Aktionen des zivilen Ungehorsams stellt auch für Rawls einen wichtigen Aspekt dar. Dieser Punkt könnte in Anbetracht der aktuellen Entwicklungen die Achillesverse des zivilen Ungehorsams der Letzten Generation darstellen, da es dieser, wie beschrieben, nicht gelingt die Mehrheit der Gesellschaft, den Gerechtigkeitssinn der Mehrheit und der Regierenden erfolgreich anzusprechen.

Vielleicht liegt an dieser Stelle das Problem in der Artikulation des Protestes der Letzten Generation, welche immer wieder auch mit einer Angst-Rhetorik arbeitet, statt nach dem Vorbild vorhergegangener Protestbewegungen die Debatte um ungleiche Freiheiten aufzunehmen. Es wäre folglich empfehlenswert, die Anliegen der Klimaproteste in die Sprache ungleicher Freiheiten zu überführen. Auch Rawls sieht zivilen Ungehorsam eigentlich nur in Verletzungen von individuellen Freiheitsrechten, d. h. in Verletzungen des ersten Gerechtigkeitsgrundsatzes und von fairer Chancengleichheit, als gerechtfertigt. Außerdem scheinen Protestbewegungen, die sich auf ein Freiheitsproblem bezogen, historisch gesehen erfolgreicher.

moritz.playlist – Vini Baby

moritz.playlist – Vini Baby

Musik – Töne mit Zusammenhang, oder gerne auch ohne. Im Prinzip systematischer Krach. Jede*r hat schon mal Musik gehört, aber was ist die Geschichte hinter den einzelnen Stücken, auch Lieder genannt, und womit verbinden wir sie? Was lösen sie in uns aus und wer hat sie erschaffen? webmoritz. lässt die Pantoffeln steppen, gibt vor, was angesagt ist und buddelt die versteckten Schätze aus. Unsere Auswahl landet in eurer moritz.playlist.

Habt ihr schon einmal von Vini Baby gehört? Nein? Nicht schlimm, denn das hat bisher kaum jemand. Auf Soundcloud hat sein meistgehörter Track gerade einmal 1.800 Plays, auf Youtube um die 2.000 Aufrufe. Ihr fragt euch bestimmt, warum ein bisher so unbekannter Künstler in der legendären moritz.playlist einen Platz bekommt. Ganz einfach: das Bauchgefühl des Autors ist der festen Überzeugung, dass der Berliner Rapper 2023 ziemlich steilgehen wird. Dieses Bauchgefühl manifestiert sich allein aus der heftigen Zuneigung, welche er dem Stil und den Texten des Künstlers gegenüber empfindet.

Vini Baby besitzt eine gute Beobachtungsgabe, sowie ein phantastisches Gespür für chillige Beats, welche in ihrer Lo-Fi-Ästhetik einen verdammt kühlen (im Sinne von „cool“) Vibe erzeugen. Wenn diese Lo-Fi-Beats mit der sonoren Stimme des Rappers vermischt werden, entsteht eine spannungsgeladene Melange, welche die Message des Künstlers erkennbar werden lässt.

Aber worin besteht diese Message? Lieder wie „Kiffer“ oder „Jedes Mal“ sind explizite Kritik an der Berliner Drogenkultur. In „Kiffer“ singt er aus der Perspektive einer Person, die versucht vom Gras loszukommen. Er schildert Entzugserscheinungen und kritisiert die Verherrlichung der Droge, beispielsweise mit einer Referenz zu Sammy Deluxe’s Song „Grüne Brille“, in welchem ebenfalls ein ambivalentes Verhältnis zu Weed erkennbar ist.

Vini Baby grenzt sich vom hemmungslosen Konsum, der um ihn herum stattfindet, ab. Er kritisiert in „Toilette #3“ die Gleichgültigkeit dieser Szene gegenüber Politik und Gesellschaft. Der Lieblingstrack des Autors – „Love in Berlin“ – schlägt in diesselbe Kerbe. Der Rapper erzählt einen Schwank aus seiner Berliner Datingerfahrung der tief blicken lässt. Die Frauen, mit denen er sich im Song trifft, sind typische Berlin-Klischees; sexuell freizügig, Partydrogen nicht abgeneigt und mit einem fragwürdigen Verständnis von gesellschaftlichem Engagement. Sie sind Menschen, die vom hedonistischen Sog Berlins mitgerissen wurden und so jegliche eigene Identität abgelegt haben. Vini Baby ist unterschwellig angewidert von dieser homogenen Berliner Partyidentität seiner Dates. Im Refrain fleht er beinahe: „Ich will doch nur einen Mensch, der mich liebt…“.

Vini Baby steht noch ganz am Anfang seiner Rapkarriere, aber das was er in den letzten Monaten abgeliefert hat, macht ihn zu einem der vielversprechendsten Cloud- und Consciuosrapper im deutschsprachigen Raum. Falls euer Interesse geweckt ist, dann schaut gerne mal bei unserer moritz.playlist vorbei. Dort findet ihr eine erlesene Auswahl der Künstler*innen, welche die Redaktion des webmoritz. bewegt.

Beitragsbild: Elsa Olofsson (Unsplash)

Weihnachtsmarkt Ade

Weihnachtsmarkt Ade

Weihnachtsmarkt12-12-2013_CorinnaSchlun 1 Nun erlöschen wieder die blinkenden Lichter am Markt, nun verstummt wieder die weihnachtliche Musik, verstummen die fröhlichen Kinderlachen. Wortkarge norddeutsche Typen laden ihre Buden auf Lastwagen, schrauben die Hubschrauber, Delfine und Feuerwehrautos von Karussellen, ziehen die Stecker bunter Lichterketten. Der Greifswalder Weihnachtsmarkt wird an diesem Sonntagabend nach 25 Tagen schließen. Dann wieder wird der Marktplatz leer und grau sein. Eine leblose Pflastersteinfläche.  (mehr …)