moritz 105 – Mai 2013 – Kein einfacher Weg

moritz 105 – Mai 2013 – Kein einfacher Weg

2O3Q--P7ruUpqxzd9AjUl49u6K7tGyTX14OkbJ2hHUQ (425x640)Mir wird häufig gesagt, dass ich mich viel zu sehr ablenken lasse und mich auf das Wesentliche konzentrieren soll. Doch was ist das Wesentliche im Leben? Wer entscheidet, was wichtig ist und was nicht? Sicher ist die Schule wichtig, damit man nicht vollkommen ungebildet durchs Leben geht; Studium, Ausbildung, Job – alles hat einen hohen Stellenwert, verständlicherweise. Aber ist dies wirklich das Wesentliche?

In den Zeitungen, in den Nachrichten, im Internet, überall liest man von Unglück, Missstand, Ungerechtigkeit: Rund 750 Millionen Menschen haben kein sauberes Trinkwasser, mehr als eine Million Aidswaisen leben allein in Südafrika, weltweit gibt es etwa 250 000 Kinder, die zu Soldaten ausgebildet werden – ist die Vorlesung über Textsorten dagegen nicht eigentlich viel zu banal, um wesentlich zu sein?

Sollte man nicht lieber etwas tun, statt im Halbschlaf Dozenten zuzuhören, wie sie über längst verstorbene Schriftsteller philosophieren? Manchmal kam es mir wie eine Verschwendung von Ressourcen vor, die man sinnvoller einsetzen könnte. Um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, bin ich dann zu den Treffen von Amnesty International gegangen.

Aber auch nach zwei Semestern hatte ich nicht das Gefühl, dass ich durch das Schreiben von Briefen oder Unterschriftensammlungen irgendetwas bewegen würde. Man kann mir jetzt vorwerfen, dass es immerhin besser sei, als nichts zu tun. Und das mag wahrscheinlich auch zutreffen. Leider habe ich mich dennoch für letzteres entschieden. Statt wie sonst zu Amnesty zu gehen, habe ich mich mehr oder weniger breitschlagen lassen, zum ersten Mal in meinem Leben „Germany’s Next Topmodel“ zu gucken – ein Sendungsformat, das ich bis jetzt für überflüssig und in gewisser Hinsicht auch sexistisch gehalten habe – und paradoxerweise denke ich das auch immer noch. Aber mit Freundinnen vorm Fernseher zu sitzen, Sekt zu trinken und Schokolade zu naschen, während irgendwelche Sechzehnjährige, ausgestattet mit Push-up-BHs oder hoch rutschenden Kleidern, vor der Kamera Grimassen schneiden, war einfach nur unglaublich unterhaltsam! Es war weder vernünftig, noch moralisch wertvoll oder karriereförderlich, aber mittlerweile glaube ich, dass es manchmal wichtiger ist, einfach mal das zu tun, worauf man Lust hat, ohne sich darüber Gedanken zu machen, was man in der Zeit Sinnvolleres hätte anstellen können – in dem Sinne: viel Spaß beim Lesen des Hefts!

Sabrina von Oehsen

Das aktuelle Magazin findet ihr überall in der Uni oder hier zum Download.

Lohmanns Lunch #6 – Tagliatelle mit Orangen-Chili-Soße

Es gibt einige Sorten von Gemüse, die immer stiefmütterlich behandelt werden. Niemand kann etwas mit ihnen anfangen, niemand kennt sie, und wenn es sie mal zu kaufen gibt, übersieht man sie oft. Mangold ist eine dieser Sorten. Mang… was? Genau, habe ich mir auch gedacht, als ich zum ersten Mal einen Bund in den Händen hielt. Mangold sieht aus wie eine Mischung aus Chicorée und Spinat, ist ein Verwandter der Zuckerrübe und schmeckt wie süßer Spitzkohl. Richtig zur Geltung kommt er kurz gegart mit einer frisch-fruchtigen Soße.

Als erstes schneidet ihr das Fleisch in schmale Streifen, so dass es schnell gar wird. Frühlingszwiebeln und Paprika in Rauten schneiden, den Mangold quer in Streifen zerteilen. Die Orangen abwaschen, die Schale abreiben und den Saft auspressen. Dann noch die halbe Chilischote zerkleinert, schon sind die Vorbereitungen erledigt.

Sobald das Wasser für die Nudeln kocht, lasst ihr sie baden gehen. Zwischendurch immer fleißig rühren, sonst klumpen sie zusammen und garen nicht gleichmäßig. Zeitgleich erhitzt ihr reichlich Öl in einer großen Pfanne und bratet das Fleisch ordentlich an. Etwas Salz und reichlich Pfeffer dazu, sowie die Orangenhaut und die Chili. Wenn das Fleisch fast durch ist, gebt ihr die Paprika, den Mangold und die Frühlingszwiebeln dazu. Rührt ordentlich um und gart alles auf mittlerer Stufe so lange, bis der Mangold etwas zusammenfällt. Dann noch den Orangensaft dazu und noch einmal auf höchster Stufe aufkochen. Nudeln abgießen, alles auf einem tiefen Teller anrichten und schmecken lassen. Passt auf, dass ihr wirklich nur eine halbe Chili nehmt, sonst überdeckt deren Schärfe den frischen Orangengeschmack!

Dazu passt ein fruchtiger Rotwein, ein warmer Sommer und ein strahlend blauer Himmel.

 

Um vier satt zu kriegen braucht ihr:

3 Bio-Orangen

2 rote Paprika

400g Mangold

1 Bund Frühlingszwiebeln

½ Chili

500g Tagliatelle

300g Geflügel

Öl, Pfeffer

Ein Rezept von Erik Lohmann mit Fotos von Milan Salje

Lohmanns Lunch #5 – Tomatensuppe mit Limette

Juhu, das Sommersemester steht vor der Tür: Frühstücken auf dem Balkon, Kaffee im Freien, Lernen am Hafen statt in der UB, im Anschluss lecker Grillen – wenn es nur nicht so warm wäre, dass man eigentlich gar keinen Hunger hat. Also bleibt nur der Griff zum Salat, wenn man schon nach einem Snack nicht gleich gefühlte drei Tonnen wiegen will.

Oder aber ihr macht euch eine leichte und erfrischende Tomatensuppe; Bringt Abwechslung und wird nicht so schnell matschig wie ein Salat. Das Rezept ist denkbar einfach: Knoblauch, Zwiebel und Chili/Jalapeno werden kleingehackt, die  Tomaten gewürfelt, wobei ihr die Stielansätze entfernt. In einen großen Topf, der 2,5 Liter oder mehr fasst, gebt ihr so viel Olivenöl, dass der Boden leicht bedeckt ist. Sobald das Öl heiß ist, kommen Knoblauch, Zwiebel und Chili/Jalapeno dazu. Dreht die Kochplatte etwas runter und dünstet so lange, bis die Zwiebel leicht glasig wird, würzt mit den Kräutern und Kummin.

Dann kommen die  gewürfelten Tomaten dazu und werden aufgekocht, bis sie ihren Saft freigeben. Gießt die Gemüsebrühe dazu, würzt mit etwas Pfeffer und Salz nach und dann lasst die Suppe etwas mehr als eine Viertelstunde köcheln. Kurz vor dem Servieren presst ihr noch den Limettensaft hinein, damit die Suppe ein bisschen sauer und damit wunderbar erfrischend wird. Jetzt könnt ihr euch sattessen, ohne gleich dieses Völlegefühl zu kriegen.

Falls ihr mal mehr Hunger habt oder es einfach noch nicht wirklich sommerlich ist, passt ein ofenwarmes Ciabatta zur Suppe sowie ein Tee aus frischen Minzblättern mit reichlich Zucker. Insgesamt seid ihr mit vier Euro dabei, im Winter etwas mehr.

Für 4 Personen braucht ihr:

1,5 kg Tomaten

500 ml Gemüsebrühe

1 Chili oder Jalapeno

1 große Zwiebel

1 Knoblauchzehe

2 TL gemahlenes Kummin (Kreuzkümmel)

Italienische Kräuter, am besten frisch

Saft von 4 Limetten

Olivenöl

Salz

Pfeffer

ein Rezept von Erik Lohmann; mit  Fotos von Milan Salje

TITEL: Einsam und allein

TITEL: Einsam und allein

mm104_14_Universum_SeminarVolle Seminarräume, unzählige Menschen in den Gängen und kein Platz mehr im Hörsaal – diese Situation kennen viele Studenten an unserer Universität. Es geht aber auch anders. Bei einzelnen Exoten unter den Studiengängen steht der Dozent vor fast leeren Vorlesungssälen.

Von den 11 736 derzeitigen Studenten an der Universität Greifswald studieren 755 in Masterprogrammen, das sind 6,6 Prozent aller Studierenden. Gerade die Philosophische Fakultät hat einige Studiengänge, die von weniger als zehn Studenten besucht werden. So zum Beispiel der Master of Arts (M.A.) Baltistik, den zurzeit nur eine Studentin anstrebt. Scheinen diese Zahlen doch eher negativ, sprechen sich die betroffenen Professoren positiv über ihre Studiengänge und deren Nachfrage aus. Professor Amei Koll-Stobbe, vom Lehrstuhl für Englische Sprachwissenschaft und Ansprechpartnerin des M.A. Intercultural Linguistics, meint, dass es ein Massenstudium in Greifswald noch nicht gäbe und sie dieses mit der deutschlandweiten Personalmindestausstattung auch nicht anbieten könnten. „Wir setzen auf eine gute, individualisierbare Studienförderung und eine persönliche Betreuung“, so Koll-Stobbe. Auch einige ihrer Kollegen sprechen von der besonderen Ausbildung, die den Masterstudenten zuteil wird.  Bei kleineren Gruppen können Lernende und Lehrende besser aufeinander eingehen. Professor Stephan Kessler, Lehrstuhl für Baltistik, sieht eine Stärke darin, dass „man in einem größeren Studiengang nur einzelne Studenten besser kennt, während wir in unserem Masterstudiengang eigentlich alle gut kennen.“

Seminare werden fachübergreifend besucht

Der Besuch einiger Seminare ist nicht nur für fachinterne Studenten offen, sondern auch für Studenten anderer Fächer, die diese Seminare als General Studies oder zum Beispiel für die „Kulturkompetenz Osteuropa“ nutzen, die von den Fächern Deutsch als Fremdsprache, Geografie und Betriebswirtschaftslehre angeboten werden. Deshalb betrifft einige Professoren das Problem der leeren Hörsäle nicht. Ihnen fällt es einfacher, den wenigen Studenten eine umfassende und interessante Ausbildung zu ermöglichen. „Wir besprechen mit ihnen mögliche komplementäre Studienaufenthalte im Ausland, binden sie ein in Forschungsprojekte, betreuen sie bei der Suche nach berufsrelevanten Praktika und Masterarbeiten. Es entstehen keine Probleme, sondern Vorteile der Intensivierung des Studiengangs. Unsere Absolventen erhalten attraktive Positionen in Kultur, Wirtschaft und im Bildungssektor“, fasst Koll-Stobbe zusammen. Für sie würden höhere Studierendenzahlen im Master eine Verschlechterung der Bildungsqualität bedeuten. Die Professoren beschweren sich auch dahingehend nicht über die Studierendenzahlen, da sie nicht nur den lehrenden Teil ihres Berufs ausüben können, sondern auch genügend Zeit für ihre Forschungsprojekte haben. Professor Geo Siegwart, Lehrstuhl für Philosophie, erkennt einen klaren Vorteil bei den wenigen Studierendenzahlen: „Die Korrekturarbeiten sind weniger.“

Dekan will Masterstudiengänge fördern

Doch die niedrigen Studentenzahlen in den Masterprogrammen Greifswalds sehen nicht alle Professoren positiv. Der Dekan der Philosophischen Fakultät Professor Alexander Wöll spricht sogar davon, dass alle fremdsprachlichen Philologien der Philosophischen Fakultät ein Problem haben würden. Dieses Problem beziehe sich auf das Angebot von Masterstudiengängen in Greifswald, das auf Studenten nicht attraktiv wirke. Deshalb wird zurzeit an „einigen integrierten literatur- wie auch sprachwissenschaftlichen M.A.-Studiengängen wie auch an einem M.A.-Ostsee-Studiengang gearbeitet“, berichtet Wöll. Der erste Vorläufer dieser Entwicklung ist der gerade entstehende M.A. Kultur-Interkulturalität-Literatur (moritz berichtete im Heft 103). Beispiele für die Beliebtheit solcher Programme gibt es in München im M.A. Elitestudiengang Osteuropa und Regensburg im M.A. Ost-West-Studien. Nicht nur die mangelnde Attraktivität des Angebots lässt die Studenten nach abgeschlossenem Bachelor in die Großstädte Deutschlands schwärmen. „Greifswald hat generell das Problem, dass Studierende nach sechs Semestern Bachelorstudium in einer familiären und gut betreuten Atmosphäre ihren M.A. in einer Großstadt mit breitem Kulturangebot und vielfältigen Studentenjobs weiterstudieren wollen“, erklärt Wöll. Wobei Greifswald durch die Nähe zu den baltischen und skandinavischen Staaten einen Vorteil gegenüber Berlin oder München hat. Diesen muss man noch besser ausbauen. Ansätze zeigen sich in der Kooperation mit dem Alfried-Krupp-Kolleg, mit dem die Universität eine ukrainistische und polonistische Sommerschule anbietet. Wöll betont, dass gerade die fremdsprachlichen Institute national sowie international einen guten Ruf genießen.

Die meisten Studenten verspüren den Drang, während ihres Studium für eine gewisse Zeit ins Ausland zu gehen. Doch da ein Master in der Regel zwei Jahre dauert, ist das Zeitfenster sehr klein und viele Studenten aus dem gleichen Semester gehen gleichzeitig weg. „Wenn man in einem Jahrgang sechs oder sieben Studierende hat und davon gehen dann womöglich drei oder vier zeitgleich ins Baltikum, dann wird es in den Lehrveranstaltungen schon knapp“, beschreibt Kessler dieses Problem in Bezug auf die Verteilung von Gruppenprojekten oder Referaten. Die Arbeit verteilt sich in so einem Falle immer „auf dieselben wenigen Schultern“.

Ein Problem stellen auch die hohen hochschulpolitischen Erwartungen dar. Statistisch gesehen studieren nur 0,3 Prozent aller Masterstudenten Deutschlands in Greifswald. Die Professoren müssen sich damit auseinandersetzen. „Dekanate kommen leicht in die Versuchung, aus wenig besuchten Studiengängen eine akademische Ratatouille zu mischen“, meint Siegwart. Kritisch äußert sich der Dekan über die generelle Unbeliebtheit der Philosophischen Fakultät. „Allen wird eingeredet, dass sie eine konkrete Ausbildung und keine umfassende Lebensbildung benötigen“, beklagt Wöll. Der Umgang mit anderen Kulturen ist in unserer heutigen Zeit besonders wichtig. Wöll sieht gerade in den baltischen Staaten großes Potenzial, dass die Masterstudiengänge in den nächsten Jahren immer weiter ausbauen werden. Als besonderes Beispiel nennt er dabei Polen. Mecklenburg-Vorpommern könne eine solche Entwicklung nicht vorweisen. Um die Verbesserung der Masterstudiengänge in Greifswald zu erreichen, hat Wöll dieses als Schwerpunkt seiner zweiten Amtszeit als Dekan der Philosophischen Fakultät gesetzt. Er sieht den Schlüssel dafür „in einer breiten interdisziplinären Vernetzung“.

Aber nicht nur philosophische Masterstudiengänge haben eine geringere Studierendenzahl, auch einige Bachelor-Studiengänge weisen wenig Studenten auf. Hierbei handelt es sich aber um besondere Ausnahmen. Im Bachelor Biomedical Science studieren dieses Semester rund 21 Studenten. „Ich finde, dass das völlig in Ordnung ist, handelt es sich doch um einen Studiengang, der zusätzlich zum zeitintensiven Medizinstudium belegt wird“, erzählt Professor Barbara Bröker von der Abteilung für Immunologie. Dabei soll der Studierende nach seinen Neigungen und den Erfordernissen seiner Arbeit sein Studium planen. Die Veranstaltungen finden dann übergreifend mit den Veranstaltungen der Biologie, Biochemie oder Biomathematik statt. „Das ist eine wunderbare Bereicherung, denn jeder Studiengang legt natürlich andere Schwerpunkte, sodass die Studierenden in meinen Veranstaltungen insgesamt aus einem sehr breiten Wissensgebiet schöpfen können“, so Bröker. Die Debatten sollen dadurch noch lebhafter und konstruktiver werden. „Zusätzlich zum Medizinstudium Biomedical Science zu studieren, bedeutet ein ganz ungewöhnliches Engagement.“

Die Hürde der Eignungsprüfung

Auch an der Philosophischen Fakultät gibt es Bachelorstudiengänge, die unterbesetzt sind. Hierbei handelt es sich zum Beispiel um den Bachelor in Musik. Die Bewerber für diesen Studiengang müssen sich einer Eignungsprüfung unterziehen. „Die Eignungsprüfung muss feststellen, ob die Bewerber die Voraussetzungen haben, ein erfolgreiches Studium absolvieren zu können“, erklärt Professor Jochen Modeß, Direktor des Instituts für Kirchenmusik. Durch diese Prüfung soll einem Scheitern der Studierenden entgegengewirkt werden. Aber nicht nur das Scheitern wird zu verhindern versucht, auch die Seminargrößen werden klein gehalten. „Das fest angestellte Lehrpersonal ist bei uns ausgelastet, bei geringeren Studierendenzahlen brauchen wir weniger Lehrbeauftragungen“, meint Modeß. Aber ein Rückgang der Studierendenzahlen ist, genau wie im restlichen Deutschland auch, an diesem Institut zu merken. Gerade deshalb scheint die Eignungsprüfung eine Barriere zu sein, die aber durch Intensivkurse vor der Prüfung entschärft werden soll.

Wie es mit den genannten Studiengängen und ihren geringen Studierendenzahlen in den nächsten Semestern weitergeht, dass konnte niemand so recht vorhersagen. „Einen Propheten zu haben, wäre gut“, so Kessler.

Ein Bericht von Anne Sammler & Corinna Schlun

TITEL – Wenn das Geld nicht reicht

TITEL – Wenn das Geld nicht reicht

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Die Universität Greifswald hat zurzeit ein Defizit von 7,8 Millionen Euro. Wie die Möglichkeit für eine Lösung aussehen, fasst moritz zusammen.

Was könnte die Universität mit 7,8 Millionen Euro für die Studenten machen?

Mit 7,8 Millionen Euro könnte jeder Student das neue Iphone 5 von der Uni gesponsert bekommen, 1,7 Jahre auf Kosten der Uni in der Mensa essen gehen oder elf Semester an der Universität Greifswald studieren ohne die Rückmeldegebühr zu bezahlen. Dieses Geld steht der Universität aber nicht zur Verfügung, sondern das Gegenteil ist der Fall: Die Universität Greifswald hat ein Haushaltsdefizit von fast 7,8 Millionen Euro zu bewältigen. Gründe dafür sind vielseitig. Auf der einen Seite sind die Steigerungen der Energie- und Personalkosten. Die Gewerkschaft ver.di erhöhte die Beitragskosten um ungefähr drei Prozent, das Land glich aber nur mit circa 1,5 Prozent des Etats an, wodurch ein Minus von 1,5 Prozent entstand. Im letzten Jahr kam es zusätzlich zu einer Überarbeitung der Richtlinien zur Eingruppierung von Mitarbeitern, die knapp 300 Mitarbeiter betrifft. Diese wurden in eine höhere Lohngruppe einsortiert. Auch die Energiepreise sind angewachsen. Zusätzlich muss die Universität durch die EEG-Umlage weitere 200 000 Euro zahlen. Auf der anderen Seite ist die Energierechnung aus dem letzten Jahr noch vorhanden. Diese wurde zu niedrig berechnet und somit muss die Universität nun Nachzahlungen tätigen.

Drei Lösungsmöglichkeiten

Wie können die Lösungsmöglichkeiten dafür aussehen? Bis jetzt wurden drei Lösungsansätze entwickelt, die jedoch auch kombiniert werden könnten. Die erste Variante wäre eine Förderung durch das Land Mecklenburg-Vorpommern (MV). Diese jedoch wäre schwierig umzusetzen, da das Land nicht nur die Greifswalder Geldsorgen beheben muss. Auch Rostock hat ein Defizit, das aber deutlich höher als das in Greifswald liegt. Dort muss ein Loch von 17 Millionen Euro gestopft werden. Aber auch die anderen Hochschulen im Land brauchen Hilfe. Ende März entscheidet das Finanzministerium nach Sondierungsgesprächen mit dem Bildungsministerium darüber, ob etwaige überschüssige Finanzmittel zur Verfügung gestellt werden können. Gleichzeitig gibt das Finanzministerium eine Tendenz zu den unterschiedlichen Fördermöglichkeiten. Die endgültige Entscheidung trifft dann der Landtag in Schwerin.

Eine weitere Möglichkeit wäre die Förderung durch den Bund. Diese scheidet im Moment aus, da das vorhandene Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern dies unterbindet. Durch das Verbot darf der Bund sich in Bildungsfragen nicht einmischen. Wenn dieses durch eine Änderung des Grundgesetzes aufgehoben werden würde, müssten die Länder aber nicht nur mit der finanziellen, sondern auch mit der inhaltlichen Unterstützung rechnen. Der Bund hätte aber die Mittel, um die ausstehenden Summen zu begleichen.

Universität müsste Geld sparen

Die letzte Alternative wäre, dass die Universität selbst zahlt. Diese wäre die schmerzlichste, da die Summe im Haushalt 2014 eingespart werden müsste. Dabei wären Strukturanpassungen, wie Institutsschließungen und Personalabbau, unumgänglich. Gerade die finanziell schwächeren Institute könnte es bei dieser Lösung treffen. „Ich will jetzt nicht den Tod der Philosophischen Fakultät voraussagen, aber es könnte auf ein langsames Sterben hinauslaufen“, erklärt Erik von Malottki, Vorsitzende der Landskonferenz der Studierendenschaften (LKS).

Nun geht es darum, dass sich die drei Parteien – Bund, Land und Universitätsleitung – einigen. Doktor Wolfgang Flieger, der Kanzler der Universität, wollte erst mal keine Aussage bezüglich der Problemlösung machen. Ohne Druck solle das Bildungsministerium von MV eine Entscheidung treffen können. Dagegen äußerte sich Professor Hannlore Weber, Rektorin der Universität Greifswald, gegenüber moritzTV zu diesem Thema.  Sie erklärt, dass die Universität keine Schulden, sondern nur Mehrbedarf hätte. Dieser Mehrbedarf müsse im neuen Haushalt eingerechnet werden, damit die 7,8 Millionen Euro auch gezahlt werden können. Für die Bezahlung muss aber das Land diese Summe bereitstellen. Im Moment sei es kein großes Problem für die Studierendenschaft, da es bislang keine Institutsschließungen geben soll. Auch Mathias Brodkorb, Minister für Bildung in MV, möchte den Mehrbedarf der Universitäten decken. Er sieht es aber nicht nur als Problem der Universitäten und des Landes, sondern auch der Bund muss in der Finanzierung mit berücksichtigt werden. „Mit dem Hochschulpakt hat der Bund bereits deutlich gemacht, dass auf Dauer gar nichts anderes sinnvoll denkbar ist“, erklärt Brodkorb. Nicht nur der Bildungsminister, sondern auch die neue Bundesbildungsministerin Johanna Wanka spricht sich für eine Förderung durch den Bund aus. Hierfür hat der Bund den Ländern den Ländern einen Gesetzesentwurf zur Änderung des Kooperationsverbots im Grundgesetz vorgelegt. „Die Länder müssen nur zustimmen“, so eine Sprecherin des Bildungsministeriums.

Mischmöglichkeit wäre beste Lösung

Die Beteiligten gehen aber davon aus, dass es nicht nur auf eine der drei Lösungen hinauslaufen wird. Eine Mischmöglichkeit wird es wohl eher werden. „Dass Bund und Land beide investieren, wäre für mich die beste Möglichkeit“, erklärt Erik. Bevor es jedoch zu dieser Möglichkeit kommen kann, muss das Kooperationsverbot mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit in Bundesrat und Bundestag gekippt werden. Es gibt bereits Bundesländer, die sich schon für die Abschaffung des Kooperationsverbots ausgesprochen haben, wie Schleswig-Holstein, Hamburg, Berlin und Brandenburg. Dem gegenüber stehen Bayern und Hessen, die gegen den Antrag zur Änderung des Grundgesetzes  gestimmt haben. Schon einmal wurde der Versuch unternommen, das Kooperationsverbot zu kippen. Damals brachte Annette Schavan den Antrag im Bundesrat ein. Am 21. September 2012 wurde dieser Entwurf vom Bundesrat abgelehnt. Grund für diese Ablehnung war, dass der Antrag nur eine Förderung der Hochschulen mit überregionaler Bedeutung unterstützen sollte. Die anderen Parteien, beispielsweise die Grünen, sehen aber auch eine Förderung des Schulwesens als nötig an.

Das Finanzproblem wird sich weiter verschärfen, wenn 2017 die Exzellenz-initiative ausläuft. Durch diese Initiative werden herausragende Forschungen an den deutschen Universitäten von Bund und Ländern gefördert. Das Ziel dieser Förderung ist es, im internationalen Vergleich besser abzuschneiden. Von 2006 bis 2017 stehen insgesamt 4,6 Milliarden Euro zur Verfügung. Gerade Projekte und Universitäten, die die Forschung als Schwerpunkt haben, werden durch die finanzielle Förderung gestärkt. Universitäten, die sich dagegen eher um die Lehre kümmern, werden benachteiligt.

Exzellenzinitiative läuft 2017 aus

Gerade wegen des Auslaufens der Exzellenzinitiative bilden sich Interessenvereinigungen der Universitäten. Allen voran die „German U15“, die sich für die Abschaffung des Kooperationsverbots ausspricht, um nach 2017 weiter Förderungen zu erhalten. Die Idee einer Universitätsvereinigung ist nicht neu. Musterbeispiele bilden dabei Frankreich mit den „grandes écoles“ und die „Russell-Group“ in Großbritannien. Doch auch in Deutschland gibt es schon Vorbilder, so zum Beispiel die „TU9“, die neun Technischen Universitäten mit großer Einflussmacht und Tradition, oder die „UAS7“, ein Zusammenschluss von sieben deutschen Hochschulen zur Förderung ihrer Lehr- und Forschungsaktivitäten.

Um den Druck seitens der Studierenden auf die Bildungsminister zu verschärfen, hat sie die LKS entschieden, einen Termin Anfang April mit dem Bildungsminister von MV zu organisieren, um auf die Forderung nach einer Ausfinanzierung der Hochschulen hinzuweisen. Wenn die Verhandlungen zwischen dem Finanzminister und dem Bildungsminister keinen Erfolg zeigen, plant die LKS mehrere gemeinsame Aktionen der Studierendenschaften des Landes und eine bundesweite Kampagne gegen die Unterfinanzierung des Bildungssystems, um eine höhere Geldsummen für Bildung zu erhalten.

Wenn es zur keiner Einigung zwischen der Universität, dem Land und dem Bund kommt, muss die Universität dieses Geld im Haushalt 2014 einsparen und bekommt keine Unterstützung. Dies könnte zur Folge haben, dass Greifswald weniger Studiengänge in den Folgesemestern haben wird. Da kann man nur hoffen, dass sich die Beteiligten einig werden.

KOMMENTAR: von Anne Sammler

Unsere Universität liegt in einem Bundesland mit begrenzten finanziellen Möglichkeiten und der Bund verteilt sein Geld lieber an elitäre Universitäten, die Deutschland international vertreten sollen. Im Jahr 2017 läuft ein Sonderprogramm des Bundes aus: die Exzellenzinitiative. Doch um sicherzugehen, dass der Geldstrom nicht versiegt, schließen sich die begünstigten Universitäten schon jetzt zu Vereinen zusammen, die sicherstellen, dass sie auch weiterhin bevorzugt werden. „German U15“, „TU9“ und „UAS7“: Das sind die Vereine der unterschiedlichen deutschen Hochschulen. Wer sich die Mitglieder ansieht, wird feststellen, dass die Universität Greifswald auf keiner dieser Listen vertreten ist.

Wie soll es also in Zukunft mit den kleineren Hochschulen Deutschlands weitergehen? Gerade die ärmeren Bundesländer kämpfen für den Erhalt eines präsentierbaren Bildungssystems. Da stellt sich also die Frage, warum der Bund nicht eingreift, wenn er sieht, dass Geld benötigt wird und die Universitäten keinen passablen Standard mehr gewährleisten können. Gerade jetzt kommt diese Debatte wieder auf den Tisch. Nicht nur die Universität Greifswald steht vor großen finanziellen Problemen, da könnte der Bund doch mit ein paar Millionen aushelfen. Aber das verbietet das Kooperationsverbot. Dagegen wird gekämpft. Doch da wir im Sommer Bundestagswahlen haben, möchte sich niemand festlegen und das lieber die kommende Legislatur entscheiden lassen. Man möchte sich auch bei den Wählern nicht unbeliebt machen. Studenten machen ja nur vier Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung aus.

Das Geld wird aber jetzt gebraucht. Die Politiker wehren sich dagegen. Für diese Änderung muss man die Grundstatuten unseres Staates angreifen: das Grundgesetz. Die Tradition der föderalen Bildungspolitik besteht schon seit 1871 und diese wurde nur zu Zeiten des Dritten Reiches und der DDR missachtet. Doch wäre es nicht besser, wenn alle Menschen in Deutschland dieselbe Grundbildung genießen könnten? Und auch die weiterführende Bildung sollte einigermaßen gleich sein. Die Politiker können die Qualität der Bildung nicht davon abhängig machen, wie reich das Bundesland ist. Das bedeutet den intellektuellen Tod für die ärmeren Bundesländer. Mecklenburg-Vorpommern ist schon ein gutes Beispiel dafür. Heißt es nicht immer: „Die Jugend ist die Zukunft“? Warum investieren die Politiker dann nicht in ihre Zukunft?

Die Länder wehren sich gegen diese Änderung, da der Bund bei Gesetzesänderung nicht nur den prallen Geldbeutel zücken, sondern auch inhaltlich mitreden wollen würde. Wozu haben wir denn eine Frau Wanka, wenn diese auch nicht eingreifen kann? Fakt ist, wir brauchen Geld. Wenn das nicht irgendwer aus dem Hut zaubert, dann muss die Universität selbst bluten. Wie das aussehen wird, bleibt abzuwarten, aber klar sollte jedem sein, dass 7,8 Millionen Euro nicht an weniger Schokopudding in der Mensa gespart werden. Dafür müssen strukturelle Kürzungen her, die ganz besonders die Philosophische Fakultät betreffen werden. Das würde auch eine Kürzung der Vielfältigkeit Greifswalds bedeuten.

 

Hintergrundinfo: German U15

Im Oktober 2012 haben sich 15 große forschungsorientierte und medizinführende Universitäten aus Deutschland zur „German U15“ vereinigt, um zusammen ihre Forderungen der Politik, Wissenschaft und Gesellschaft besser verständlich zu machen.

Vorsitzender des in Berlin eingetragenen Vereins ist der Rektor der Universität Heidelberg, Professor Bernhard Eitel. Sein Stellvertreter ist Professor Peter-André Alt, Rektor der Freien Universität (FU) Berlin.

Der Hauptschwerpunkt ist die Finanzierung der Universitäten, von denen 13 Gewinner der Exzellenzinitiative sind, die 2017 ausläuft. Die Politik soll das Kooperationsverbot noch in dieser Legislaturperiode abschaffen, sodass Bund und Länder dauerhaft Forschung und Lehre unterstützen können. Forschung und Lehre sollen weiterhin auch eine „untrennbare Einheit“ bilden, so die offizielle Internetpräsenz der „German U15“. Die Begründung für die Forderung nach mehr Geld ist der Wunsch, der Weltspitze anzugehören. Außerdem sehen sich die Universitäten den immer stärker ansteigenden Studentenzahlen nicht mehr gewachsen.

Weitere Schwerpunkte sind die Förderung der Spitzenforschung, die verstärkte Zusammenarbeit mit außeruniversitären Einrichtungen zur Nachwuchsförderung, die Steigerung der Attraktivität des Wissenschaftsstandortes Deutschland international und national, die Verbesserung der Karrierechancen für Absolventen und die Bewahrung der Autonomie der Universitäten.

Kritiker wie der Eliteforscher Michael Hartmann führen an, dass Universitäten mit „überproportional verfügbaren Finanzmitteln aus staatlichen und privatwirtschaftlichen Quellen“ noch mehr Geld auf sich vereinen wollen und dabei aber der immer größer werdenden Studentenanfängerquote entgegenwirken, indem sie „irgendwelche Barrieren hochziehen und über die Gefährdung der Qualität von Lehre und Forschung lamentieren.“ Wenn die „German U15“ ihre Ziele erreiche, dann wäre das Resultat: „Nicht mehr Qualität für alle, sondern mehr Geld für die Spitze – eben noch mehr Elite.“

Die 15 Mitglieder sind die FU Berlin, die Humboldt-Universität Berlin, die Universitäten Bonn, Frankfurt/Main, Freiburg, Göttingen, Hamburg, Heidelberg, Köln, Leipzig, Mainz, Münster, Tübingen und Würzburg sowie die Ludwig-Maximilians-Universität München.

Ein Feature von Anne Sammler & Corinna Schlun; mit Grafik von Daniel Focke