Lasst mich euch mitnehmen in eine Welt von elitären College-Student*innen, exzentrischen Professor*innen und exklusiven Gruppierungen. In der Welt des Hampden College in Vermont scheint dies zur Normalität zu gehören – bis ein Student tot aufgefunden wird. Die Welt steht still. Die Außenseiter rücken ins Rampenlicht. Und Ordnung zerfällt ins Chaos.
„The Secret History“ (dt. Titel „Die geheime Geschichte“) ist der Debütroman der amerikanischen Autorin Donna Tartt. Sie begann das Buch zu schreiben, während sie noch Kreatives Schreiben an einem kleinen, exklusiven College – welches später auch als Vorlage für „The Secret History“ diente – studierte. Es brauchte etwa zehn Jahre bis zur Fertigstellung des Romans. Ein Muster, welches sich auch bei ihren beiden nachfolgenden Romanen „The Little Friend“ (2002) und „The Goldfinch“ (2013) wiederholte. Im Jahr 1992 wurde der Roman dann schlussendlich veröffentlicht und statt der üblichen Anzahl von 10.000 Ausgaben in der Erstausgabe wurden 75.000 gedruckt. Bereits vor Veröffentlichung galt das Buch in den Medien als Topseller. Mittlerweile wurde es in 24 Sprachen übersetzt und über 5 Millionen Mal verkauft. Vor allem in den letzten Jahren gewann es durch die steigende Popularität des Subgenres Dark Academia wieder eine hohe Aufmerksamkeit.
Die düstere Welt des Hampden College
Die Ereignisse im Roman werden von Richard Papen geschildert, einem der Hauptcharaktere der Geschichte. Er kommt nach Vermont um Altgriechisch zu studieren und um seine Vergangenheit und Familie in Kalifornien zurückzulassen. Doch in Vermont angekommen sieht er sich mit der Tatsache konfrontiert, dass es schier unmöglich scheint, in den Kurs für Altgriechisch zu kommen. Das liegt jedoch nicht daran, dass dieser überlaufen ist. Nur eine Gruppe von fünf Leuten studiert unter den exzentrischen Professor Julian Morrow und dieser hat die Entscheidungsmacht, wen er unter seine Fittiche nehmen will. Schlussendlich entscheidet er sich dann aber doch dazu Richard aufzunehmen. Und so lernt er eine Gruppe von scheinbar extravaganten und höchst merkwürdigen Studierenden kennen: Henry, Bunny, Francis und die Zwillinge Camilla und Charles. Er freundet sich mit ihnen an, doch schon bald machen sich Spannungen bemerkbar und ihm wird bewusst, dass er längst nicht alles über seine neuen Freunde weiß. Nach ereignisreichen Ferien wird das angespannte Verhältnis zwischen Bunny und Henry, dem charismatischen Anführer der Gruppe, immer deutlicher. Das ganze Geschehen gipfelt darin, dass die Gruppe Bunny schlussendlich umbringt.
Up until the very end there was always, always, Sunday-night dinner at Charles and Camilla’s, except on the evening of the murder itself, when no one felt like eating and it was postponed until Monday.
The Secret History, S. 93
Präzision und Tiefe
Das Besondere an dem Roman ist, dass man von Beginn an weiß, dass der Mord geschehen ist, denn Richard erzählt davon schon in der Einleitung. Im Verlaufe des Buches werden dann durch Richard rückblickend alle Ursachen die zu diesem Punkt geführt haben aufgeschlüsselt und alles was nach dem Mord geschehen ist erzählt. Man merkt dem Roman definitiv an, wie viel Arbeit und Zeit darin steckt. Es ist wohl eines der detailreichsten Bücher, das ich je gelesen habe. Teilweise hat man das Gefühl, dass Tartt während ihres Schreibprozesses über jedes Wort intensiv nachgedacht hat und über dessen Wirkung auf das Ganze. Es ist ein Kunstwerk der Literatur und die Buchstaben sind präzise Pinselstriche. Akkurat gesetzt, mit viel Bedeutung und anspruchsvoll.
„The Secret History“ steht und fällt mit den Figuren. Der Roman besticht mit starker Charaktertiefe. Sie sind merkwürdig, exzentrisch, extravagant und rätselhaft. Man kann sie nicht als liebenswert beschreiben, dafür sind sie zu abtrünnig. Sie sind faszinierend und elitär. Man möchte dazugehören und gleichzeitig Abstand von ihnen halten. Die Gruppe zeigt beinahe sektenähnliche Verhaltensweisen auf. Es ist keine gesunde Freundschaft zwischen ihnen – ich persönlich würde es nicht einmal Freundschaft nennen, sondern es besteht eine Art Abhängigkeit zwischen den einzelnen Charakteren, vor allem nach dem Mord. Außenstehende werden mit Skepsis betrachtet. In die Gruppe einzutreten ist beinahe unmöglich. Innerhalb der Gruppe muss man sich gut in das Bild einfügen. So hat Richard das Bedürfnis, so zu tun, als wäre er reich und verheimlicht, dass er arbeiten gehen muss. Bunny wird von allen aufgrund seiner geringeren Intelligenz eher abschätzig betrachtet.
Kultisch oder elitär?
Auslöser der elitären Gruppendynamik ist zweifelsfrei Julian Morrow, ihr Professor. Er verfolgt eine Art Ideologie, bei der es nur einen sehr guten Lehrenden bedarf, und keiner Vielfalt. Die Sechs folgen Julians Worten, was er sagt gilt. Man buhlt um seine Anerkennung, möchte an Julians Leben teilhaben. In einem Absatz reflektiert Richard Julians Verhaltensweisen nachträglich (meine liebste Stelle im Buch – S. 575–578). Dabei sagt er, dass Julian eine Begabung dafür hätte, das Gefühl der Minderwertigkeit bei jungen Menschen in Überlegenheit zu verwandeln. Außerdem wird erwähnt, dass er sich nur auf bestimmte Aspekte konzentriert und diesen mehr Bedeutung verleiht als sie verdienen, und dafür andere wichtige Dinge völlig auslässt.
„I believe that having a great diversity of teachers is harmful and confusing for a young mind, in the same way I believe that it is better to know one book intimately than a hundred superficially,“ he said. (Julian)
The Secret History, S.32
Vor allem Henry folgt beinahe obsessiv dem Gedanken, Julian zu gefallen und bricht vollends zusammen, als Julian ihn im späteren Verlauf des Buches fallen lässt. Es wird deutlich, dass Julian es geschafft hat ihn vollends von der aktuellen Zeitgeschichte zu lösen, als er völlig schockiert über die Mondlandung ist.
Once over dinner, Henry was quite startled to learn from me that men had walked in the moon. „No,“ he said, putting down his fork. […] „I don’t believe it.“
The Secret History, S. 93
Neben Julian ist Henry wohl der interessanteste Charakter. Zu Beginn möchte man als Leser*in am liebsten die Aufmerksamkeit von Henry erhalten. Er ist der perfekte Charakter. Immer ordentlich gekleidet, intelligent und strahlt eine Art Autorität aus, die aber nicht abschreckend ist. Seine Freunde folgen ihm. Es ist klar auszumachen, dass er eine Stufe über ihnen steht. Während des Buches zerfällt dieser perfekte Schein immer mehr. Es kommt immer und immer mehr die verrückte Seite Henrys zum Vorschein. Er beginnt nicht nur seinen Freunden Angst zu machen, sondern auch man selbst bekommt beim Lesen Angst vor ihm und entwickelt eine Abneigung. Seine Ansichten sind wirr. Er wirkt völlig ignorant zu allem, was um ihn herum geschieht.
„It’s a terrible thing, what we did,“ said Francis abruptly. „I mean, this was not Voltaire we killed. But still. It’s a shame. I feel bad about it.“ „Well, of course I do too,“ said Henry matter-of-factly. „But not bad enough to want to go to jail for it.“
The Secret History, S. 220
„It was an unfortunate incident and I am sorry that it happened, but frankly I do not see how well either the taxpayers‘ interests or my own would be served by me spending sixty or seventy years in a Vermont jail.“ (Henry)
The Secret History, S.194
Im späteren Verlauf wird dieser Zerfall seines Charakters dann auch visuell verdeutlicht, als er sich selbst mit Dreck beschmiert. Auch die anderen Charaktere zerbrechen an den Geschehnissen, doch ist es hier nicht so erschreckend wie bei Henry, da sie auch vorher schon Fehler aufwiesen und diese auch sichtbar waren.
Then, with terrible composure, he stepped back and absently dragged the hand across his chest, smearing mud upon his lapel, his tie, the starched immaculate white of his shirt. […] He seems not to realize he had done anything out of the ordinary.
The Secret History, S. 474
Lügen oder Realität?
Der Roman fokussiert auf die Dynamiken innerhalb dieser Freundesgruppe. Die Folgen eines Mordes werden Wort für Wort herausgearbeitet und dargestellt. Man erlebt beim Lesen den Eintritt einer Person in eine beinahe diktatorische, elitäre Gruppe und welche Auswirkungen diese haben kann. Richard wird vom unsichtbaren Außenseiter Teil einer exzentrischen Gruppe und findet sich am Ende als Mörder wieder. Während des Lesens fragt man sich, war das Böse immer schon da? Wurde es freigesetzt? Was wäre passiert, wenn alles anders gelaufen wäre? Wäre Bunny trotzdem gestorben? Und schlussendlich: Ist das alles überhaupt passiert? Denn Richard ist ein unzuverlässiger Erzähler. Er erzählt aus seiner Perspektive, was er wahrgenommen hat. Gleichzeitig erzählt er zu Beginn auch, dass er ein hervorragender Lügner ist. Und er lügt immer. Er belügt seine Freunde über seine Herkunft, seinen finanziellen Status und teilweise sogar über seinen Verbleib. Am Ende muss man sich also fragen, ob das alles wirklich so passiert ist?
If there is one thing I’m good at, it’s lying on my feet. It’s sort of a gift I have.
The Secret History, S. 26
Ein Kunstwerk aus Buchstaben
„The Secret History“ ist definitiv eines der besten Bücher, wenn nicht sogar das beste Buch, was ich bisher gelesen habe. Es ist packend, zieht einen in seinen Bann und lässt einen mit offenen Fragen zurück. Es sind die Details, die besonders herausstechen. Selbst die noch so kleinsten Handlungen haben große Bedeutung, die man entschlüsseln will. Und vor allem sind es die Charaktere, die man am liebsten analysieren möchte und ihre Psyche ergründen will. Was hat zu alldem geführt? Es ist ein Meisterwerk der Literatur. Wer dieses Buch liest, erkennt, das das Schreiben eine Kunstform ist. Für mich ist es bereits ein Klassiker und Donna Tartt steht auf einer Stufe mit den großen Autor*innen vergangener Epochen.
Beitragsbild: Vanessa Finsel
Zur Person der Autorin
Vanessa (sie/ihr) ist für das Lehramtsstudium 2023 nach Greifswald gekommen und seit dem Studienbeginn bei den moritz.medien. Sie begeistert sich für Bücher und Filme. Ihr Lieblingstier ist der rote Panda.
Ein Kribbeln im Bauch, ein unverhoffter Glücksmoment, ein wohlig warmes Gefühl. Dafür braucht es nicht immer ein großes Ereignis, vielmehr liegen diese magischen Momente oft verdeckt unter einem Mantel der Gewohnheit und der Selbstverständlichkeit. „Eine Liebeserklärung“ ist unsere neue Kolumne, in der es darum gehen soll, die vermeintlich einfachsten Dinge dieser Welt wertzuschätzen. Mit ihr bauen wir euch eine zynismusfreie Nische, in die sich hineingekuschelt werden kann, wenn der Alltag einem mal wieder die Daunendecke der guten Laune zu klauen versucht. In diesem Beitrag soll es um die Liebe zu Ausmalbüchern gehen.
Wir müssen es immer mit dranhängen: für Erwachsene. Ausmalbücher für Erwachsene.
Ausmalbücher sind für Kinder, oder waren es zumindest einmal. Mittlerweile gibt es sie zu verschiedensten „erwachsenen“ Themen: Als Begleiter für die Arbeit, inklusive Flüchen, weil Arbeiten frustriert. Mit kleinen feinen Designs, die Kinderhände noch nicht gut ausfüllen können – dazu fehlen die feinmotorischen Fähigkeiten. Mit Fantasiewelten, die … die sich wie genau von Kinderausmalbüchern unterscheiden? Vielleicht dadurch, dass die Linien nicht an allen Stellen perfekt abschließen, oder einzelne Motive zu klein sind. Vielleicht sind auch nicht alle Motive für Kinder geeignet.
Letztendlich unterscheidet sich unser Gebrauch von Ausmalbüchern jedoch kaum von dem eines Kindes. Meiner zumindest nicht. Im Kindergarten war eine meiner Lieblingsbeschäftigungen, stapelweise lose DIN A4 Blätter zu bekrakeln, am liebsten mit gut funktionierenden Filzstiften, noch lieber, wenn mir schon Formen zum Ausfüllen vorgegeben waren. Dabei fand ich mich in einen geradezu meditativen Zustand versetzt, bevor ich wusste, was Meditation ist. Wenn ich dabei kein Hörspiel hörte, erfand ich selbst Geschichten, die nie ein Ende hatten.
Die meisten kennen sicherlich das Phänomen, Kindheitshobbys nach einigen Jahren abzulehnen, weil sie zu „kindisch“ sind. Irgendwann fiel mir auf, dass das sinnlos war – ich besaß zwar keine Ausmalbücher, aber sämtliche farblosen Illustrationen in Arbeitsheften oder vielleicht sogar einem Buch waren fair game.
Mitte der 2010er waren sie plötzlich überall. Ausmalbücher für Erwachsene, zur Stressbewältigung. Alle, die das Gefühl kennen, ein vergessenes Hobby nach ein paar Jahren wiederzuentdecken, wissen, was nun auf mich zukam. Dieser meditative Escapism, dieses Mal mit weniger Feen und Prinzessinnen, stattdessen mit Tieren und Pflanzen, zusammengesetzt aus geometrischen Formen. Kleinteilige, filigrane Motive, für die ich jeweils mehrere sehr entspannende Stunden brauchte. Statt Hörspielen ließ ich Serien und Filme im Hintergrund laufen, später auch Podcasts und Hörbücher. Und dann digitale Vorlesungen. Ich stellte fest, dass ich mich viel besser auf Inhalte konzentrieren und sie hinterher viel leichter abrufen konnte, wenn ich das ausgemalte Motiv später wieder sah. Diese Information nutzte ich nicht so viel, wie man hätte annehmen können – aber gut zu wissen.
Ich zeichne auch sehr gerne selber, male fast noch lieber. Linien sind manchmal einschüchternder als Farbflächen. Ausmalen ist wie eine harmlose Vorstufe: Die einzige exekutive Entscheidung, die du treffen musst, lautet „Welche Farbe kommt in welches Feld“. Für jemanden mit Entscheidungsproblemen und Startschwierigkeiten ein gefundenes Fressen. Es lässt mich mein Hobby öfter ausleben, als wenn ich mich auf eigenständiges Malen beschränken würde und jedes Mal eine Idee haben müsste, wenn ich etwas in die Richtung machen möchte. Manchmal ist es einfach gut zum Aufwärmen.
Ich habe es auch mit digitalen Kunstprogrammen und sehr kurz mit digitalen Ausmalmotiven versucht. Immerhin ist es praktisch, Hobbys leicht abrufbar auf dem Handy zu haben, oder? Naja. Es gibt sicherlich eine Zielgruppe dafür. Ich gehöre da nicht zu. Einer der besten Aspekte von Ausmalbüchern ist, zumindest für mich, dass ich dabei nicht auf einen Bildschirm gucken muss. Insbesondere seit Beginn der Pandemie. Wenn man mich fragt, ist es zudem wesentlich zufriedenstellender, mit Stiften auf Papier zu arbeiten. Taktiles ASMR.
Ein weiterer Punkt, den ich an Ausmalbüchern wertschätze, ist die Diversität der Stile verschiedener Ausmalbuchautor*innen. Natürlich habe ich meine Lieblinge, aber je nach Präferenzen – klare Formen oder flexiblere Gestaltung, dickere/dünnere Linien, mehr oder weniger abstrahierte Motive, u.v.m – ist für alle etwas dabei.
An dieser Stelle: Eine Mini-Rezension meiner Top 3 Ausmalbücher.
Kerby Rosanes: Colourmorphia 7/10 Zugegeben – ein Liebling in Theorie. Sehr fantasievoll. Tiere verschmelzen mit ihrer Umgebung oder anderen kleineren Elementen, und die Motive geben alle kreative Freiheit, kleine Meisterwerke aus den Seiten zu machen. Das funktioniert am besten, wenn man tatsächlich z.B. Schattierung nutzt, und wird schwieriger, wenn deine Go-To-Stifte zum Ausmalen das 36-Farben-Set Filzstifte für 2€ von Tedi o.ä. sind. Ich habe es auch mit Wasserfarbe versucht, hatte aber zu viel Angst um das Papier, um dem Versuch eine faire Chance zu geben. Kann mit viel Geduld trotzdem cool werden, aber nicht so entspannend, wie ich es gerne hätte.
Millie Marotta: Wundervolles Tierreich 9/10 Ich bin sicher, es war eins von Millie Marottas Ausmalbüchern, das mein Interesse wiedererweckt hat. Die Motive sind sehr detailliert, etwas abstrahiert und geometrisch. Ein großer Pluspunkt ist, dass man dadurch stundenlang an einem Motiv sitzen kann und ein Buch sehr lange vorhält. Die Muster sind etwas repetitiv, was einerseits eine meditative Wirkung hat – andererseits kann das nach einer Weile etwas langweilig werden. Falls man genug Zeit hat, um diesen Punkt zu erreichen.
Johanna Basford: Mein geheimnisvoller Dschungel 9,5/10 Ich habe zwei Ausmalbücher von Johanna Basford sowie ein Anleitungsbuch: How to Draw Inky Wonderlands. Ihre Zeichnungen haben natürliche Formen, keine geometrischen Elemente. Jedes Buch hat einen Hauch Magie in den Motiven. Ähnlich wie in Marottas Ausmalbüchern kann man sich hier gut in den Details verlieren, aber die Details sind keine winzigen Blattformen, die zusammen den Hals eines Vogels bilden, sondern ein Gestrüpp, ein Regal voller Krimskrams, oder eine Szenerie, die eine Doppelseite ausfüllt. Anders als bei Marotta gibt es jedoch Gelegenheit zum Schattieren und Farben ineinanderfließen lassen. Anders als bei Rosanes ist es kein Verlust, nur mit billigen Filzstiften zu arbeiten. Die 0,5 Punkte Abzug sind rein subjektiv – besagte Doppelseiten können leicht zu Entscheidungsmüdigkeit führen.
Angelina Boerger ist freie Journalistin. Sie arbeitet unter anderem für das Format Mädelsabende von funk. Sie hatte schon lange das Gefühl, dass irgendetwas in ihrem Gehirn anders funktioniert als bei anderen Menschen. Mit Ende zwanzig erhielt sie dann die – für sie sehr befreiende – Diagnose: ADHS.
In ihrem Buch „Kirmes im Kopf – Wie ich als Erwachsene herausfand, dass ich AD(H)S habe“ beschreibt Angelina Boerger den Weg zu ihrer Diagnose und vor allem die Probleme, die es auch in unserer Gesellschaft noch gibt. Es geht um Stigmata, den aktuellen Forschungsstand, Schwierigkeiten bei der Diagnosefindung (besonders bei Erwachsenen) und auch Komorbiditäten. Kurz: Man erhält einen kompletten Überblick über das Thema ADHS. Boerger hat dabei den Anspruch, mit ihrem Buch sowohl betroffenen ADHS-Gehirnen als auch Interessierten einen guten Überblick zu geben.
Sie beleuchtet die oben genannten Aspekte dabei nicht nur oberflächlich, sondern teilweise wirklich tiefgründig und bringt Anekdoten aus ihrem eigenen Leben ein. Eine Stelle, die wohl immer in meinem Kopf bleiben wird, ist die Beschreibung von einer Unterhaltung zwischen Personen mit ADHS:
„Interessant zu beobachten ist aber die Kommunikation zwischen zwei Menschen mit ADHS, die ähnliche Kommunikationsmuster haben: Hier wirkt es manchmal so, als befände man sich in einem olympischen Pingpongturnier. Die Gedanken sprudeln, Sätze springen hin und her, die Themen wechseln in Sekundenschnelle und trotzdem liegt die Konzentration oft bei 110 Prozent, denn es fällt ihnen unglaublich leicht, den Worten des anderen zu folgen und gleichzeitig die eigenen Gedanken zu formen.“
Angelina Boerger über die Kommunikation von ADHS-Gehirnen (S. 103)
Spannend zu betrachten sind auch die Kosten, die ADHS verursacht – von Medikamenten und Therapie zu Kosten, die die Gesellschaft trägt. Welche Angststörungen mit ADHS verbunden sein können, war mir zumindest auch so gar nicht klar. Boerger zeigt, wie wichtig es ist, dass Diagnosen mit Hilfe einheitlicher Diagnosekriterien gestellt werden. Außerdem auch, welche Probleme es mit dem DSM-5 und dem noch verwendeten ICD-10 gibt. Diese umschreiben Systeme zum Codieren von Krankheiten. Das ICD-11 wurde bereits freigegeben, befindet sich in Deutschland jedoch noch in der Prüfung. Bis dieses aktualisierte System verwendet werden wird, vergehen wahrscheinlich noch Jahre.
Boerger geht auf die (noch) lückenhafte Forschung ein und hofft sogar, dass ihr Buch früher oder später einmal veraltet ist. Für sie wäre dies der Beweis, dass die Forschung vorankommt. Als Leser*in kann man diesen Anspruch sehr nachempfinden.
Das Buch regt zum Nachdenken an. An einem Punkt im achten Kapitel stellte ich mir die Frage, wie fatal es eigentlich für betroffene Kinder sein kann, wenn die Erziehungsberechtigten sich gegen eine Diagnostik sowie eine Therapie aussprechen. Zumal dies nicht nur bedeutet, dass das Kind keinen Zugang zu entsprechender Hilfe erhält, sondern auch sein Leben lang stigmatisiert werden wird.
Persönlicher Eindruck
Ich habe wenig an dem Buch auszusetzen. Wirklich jetzt. Ganz im Gegenteil: Ich möchte es loben. Bevor ich Boergers Buch gelesen habe, hatte ich ein wenig über ADHS gelesen gehabt. Dennoch war ich neugierig, wollte mehr erfahren und mein Wissen ausbauen. Nicht zuletzt, weil ich mich oft gefragt habe, ob ich nicht auch Symptome zeige. Besonders in Kapitel sechs habe ich mich an einigen Stellen selbst erkannt.
Angelina Boerger schafft es mit ihrem Buch, die Thematik ADHS gut verständlich und dennoch wissenschaftlich belegt an den*die Leser*in zu bringen. Der Wechsel zwischen ihrer eigenen Geschichte und den Ergebnissen ihrer Recherche ist sehr angenehm zu lesen und zu verfolgen.
Was ich besonders hervorheben möchte: Kirmes im Kopf ist das erste Buch, das ich lese, welches durchgängig gegendert ist. Vielleicht liegt es an meinem Gehirn, welches diese Texte mittlerweile vollkommen gewohnt ist. Vielleicht ist es aber auch einfach ein Fakt, dass dieses Buch wirklich angenehm zu lesen ist. Auch wenn es zu komplizierteren Formulierungen kommt, wurde das sehr gut gelöst. Ein Beispiel hierfür befindet sich auf Seite 160, wo es heißt: „Jede*r sollte sich trauen dürfen, bei seinem*ihrem Arzt oder seiner*ihrer Ärztin bestimmte Behandlungsmethoden anzusprechen oder Medikamente im Rahmen einer ärztlichen Behandlung auszuprobieren (…)“. Damit ist die dreimal hintereinander gegenderte Textstelle wirklich logisch und einfach umgesetzt und der Text weiterhin lesbar gehalten.
Wichtig sind vor allem auch die letzten Seiten des Buches: Boerger gibt hier (Folge-)Empfehlungen für Instagram-Kanäle, die sich mit dem Thema ADHS, aber auch mit mentaler Gesundheit auseinandersetzen – sortiert nach den verschiedenen Themen. Außerdem folgen ihre verwendeten Quellen. Wer also noch mehr wissen will, bekommt Studien und (wissenschaftliche) Artikel direkt mitgeliefert.
Ich könnte diese Rezension noch ausweiten, weil es wirklich viele interessante Punkte und Inhalte gibt. Viele davon waren mir zuvor nicht klar. Wenn euch das Thema ADHS interessiert, dann lest dieses Buch. Ich habe es definitiv nicht zum letzten Mal in die Hand genommen.
„Das ist die einzige Antwort, die ich Menschen geben kann, wenn sie mich fragen, was eine Diagnose im Erwachsenenalter überhaupt bringt. Sie hilft mir dabei zu verstehen, wer ich wirklich bin, meine Maske abzulegen und endlich ICH zu sein.“
Angelina Boerger über ihre ADHS-Diagnose (auf S. 105)
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Lesbarkeit
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Nicht mehr weglegen wollen
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Layout
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Weiterempfehlung
Wir möchten uns an dieser Stelle beim KiWi-Verlag bedanken, der uns ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Das Buch gibt es überall, wo es Bücher gibt, für 18 € (Taschenbuch), 16,99 € (eBook) oder 5,99 € (Hörbuch).
Kennt ihr das, wenn man mal was Neues ausprobieren will, aber am Ende alles beim Alten bleibt? Uns jedenfalls kommt das sehr bekannt vor, deswegen haben wir uns für euch auf einen Selbstoptimierungstrip begeben. In dieser Kolumne stellen wir uns sieben Tage als Testobjekte zur Verfügung. Wir versuchen für euch mit unseren alten Gewohnheiten zu brechen, neue Routinen zu entwickeln und andere Lebensstile auszuprobieren. Ob wir die Challenges meistern oder kläglich scheitern, erfahrt ihr hier.
Eine Woche lang versuchte ich, nur Sachen von Frauen zu konsumieren. Dieses Vorhaben brauchte viel Vorbereitung. Das lässt erahnen, wie schwierig das Umkrempeln meiner Gewohnheiten wurde. Ich wollte bei Büchern, Filmen/Serien, Musik, Podcasts und wissenschaftlichen Texten darauf achten, dass es sich um Autorinnen, Interpretinnen und Moderatorinnen handelte.
Hinweis: Zum Zeitpunkt des Experiments befand ich mich in häuslicher Isolierung. Wenn ich schreibe, dass ich mich an dem Tag auf eine Sache konzentriert habe, stimmt das auch tatsächlich. Ich hatte einfach nichts anderes zu tun.
Erster Tag: Fokussierung auf Serien/Filme
Als ich eine Serie gucken wollte, musste ich erst einmal nachschauen, von wem diese ist. Ich konzentrierte mich auf die Autorinnen oder Regisseurinnen. Falls das bei dem Streaming-Dienst nicht angegeben wurde, musste ich recherchieren, wer die Idee zu der Serie hatte. Meine ursprüngliche Serie, die ich vor dem Experiment geschaut habe, war damit erst einmal vergessen. Auch viele andere Serien, die auf meiner Watchlist standen, fielen weg. Schade. Also schaute ich eine Serie, auf die ich nicht die größte Lust hatte: „Gossip Girl“. Als ich meine Watchlist durchforstete, fiel mir auf, dass Frauen noch nicht einmal an den „typischen“ Frauenserien teilnahmen. Es war so verdammt schwierig, Filme und Serien zu finden, an denen zumindest eine Frau als Autorin oder Regisseurin beteiligt war. Das hat mich so aufgeregt.
Frauen sind stark unterrepräsentiert, was die Film-Branche angeht. Das sollte jetzt den meisten klar sein. Hier einige Beispiele: Regisseurinnen gibt es nur bei 16 % der Filme, Produzentinnen schneiden mit 28 % am besten ab, während der Anteil der Autorinnen 12 % beträgt. In Deutschland sind es um die 20 % Regisseurinnen, obwohl an deutschen Filmhochschulen das Verhältnis zwischen männlich und weiblich ausgeglichen ist. Der spätere Berufseinstieg für Frauen sei jedoch schwerer.
Zweiter Tag: Fokussierung auf Bücher
Da ich fast ausschließlich feministische Lektüre lese und in diesem Feld die meisten Bücher von Frauen sind, stellte es für mich kein Problem dar, nur von Autorinnen zu lesen. Ich führe ein Bücher-Tagebuch, wo ich festhalte, wann ich welches Buch gelesen oder gehört habe. In den letzten vier Monaten las oder hörte ich zwölf (Hör-) Bücher. Genau eines dieser Bücher war von einem Autoren. Ich lebe also in einer großen feministischen Blase. Dass Autorinnen im deutschen Verlagswesen stark unterrepräsentiert sind, war mir aufgrund meines Konsumverhaltens nicht wirklich bewusst. Ich wurde eines Besseren belehrt.
Die Studie #frauenzählen der Universität Rostock (2018) bestätigt ein klares Ungleichgewicht in der medialen Repräsentation von Autorinnen und Autoren. In Print standen 65 % besprochene Autoren 35 % Autorinnen gegenüber. Auffällig war, dass Kritiker mit 74 % überproportional oft Autoren besprachen, während Kritikerinnen sich beinahe gleichwertig Autorinnen und Autoren widmeten. Die Studie kommt zu dem folgenden Fazit:
Autoren und Kritiker dominieren den literarischen Rezensionsbetrieb: Zwei Drittel aller Rezensionen würdigen die Werke von Autoren, Männer schreiben weit überwiegend über Männer und ihnen steht ein deutlich größerer Raum für Kritiken zur Verfügung. Einzig das Kinder- und Jugendbuchgenre erscheint als ausgeglichenes Genre; die als intellektuell oder „maskulin“ empfundenden Genres wie Sachbuch und Kriminalliteratur werden von Autoren wie Kritikern vereinnahmt.
Dritter Tag: Wissenschaftliche Lektüre für die Universität lesen
Wie sich die meisten vorstellen können, war das die größte Herausforderung. Und ich konnte daran nur scheitern, obwohl ich positiv überrascht war. Ich hatte nur zwei (sehr lange) Texte zur nächsten Woche vorzubereiten. Einer war von einer Frau. Eine Seltenheit, wenn man nicht gerade ein Seminar zu Gender Studies oder Feminismus belegt. Für meine Studienfächer lese ich oft Texte von „sehr alten weißen Männern“. Das fiel mir nicht erst zu Beginn des Versuches auf. Den Anteil von Autoren in meiner Lektüre würde ich auf ca. 90 % schätzen. Abgesehen von meiner Lektüre sehe ich das auch bei meinen Dozierenden. Zu 70 % scheinen es Männer zu sein. Nur weil es (oft alte) Männer sind, heißt es nicht, dass ihr Unterricht schlecht ist. Ganz im Gegenteil. Ich hatte oft mit Dozenten zu tun, deren Seminare perfekt vorbereitet waren und die außerdem genderten. Ich habe aber auch andere Erfahrungen gemacht. Manche blieben im Mittelalter hängen, dementsprechend gestalteten sie auch ihr Seminar. Immerhin werde ich dieses Semester von drei Männern und zwei Frauen unterrichtet, es ist also fast ausgeglichen.
Vierter Tag: Fokussierung auf Musik
Ich wollte Musik hören, und zwar von Interpretinnen. Ich dachte, das wäre einfach. Schließlich höre ich nach Gefühl viele Interpretinnen. Ich täuschte mich und musste ganz schön viel scrollen, um Interpretinnen meiner Wiedergabeliste hinzuzufügen. Das war etwas enttäuschend. Diese Lieder wären in Bezug auf meine Lust an Musik nicht meine erste Wahl gewesen, dementsprechend hörte ich an diesem Tag eigentlich gar keine Musik.
Auch in der Musikbranche bleiben Frauen stark unterrepräsentiert.Das fand die University of Southern California Annenberg (USC) in ihrem jährlichen Report zu Frauen in der Musikindustrie heraus. Hier ein paar Facts aus dem Report des Jahres 2020:
21,6 Prozent der Top-Songs sind von ausführenden Künstlerinnen,
Songwriterinnen: 12,6 %,
2,6 % Produzentinnen #wtf.
Fünfter Tag: Fokussierung auf Podcasts
Die ganze Woche hörte ich Podcasts zum Einschlafen. Als Regel stellte ich mir für die Podcasts auf, dass ich nur welche hören würde, wo ausschließlich Frauen die Moderatorinnen sind.
Wer macht heutzutage keinen Podcast? Sei das Oliver Pocher, Axel Bosse, Rezo oder die Geissens. Sogar Freunde von mir haben einen Podcast gestartet. Als ich mich informieren wollte, wie viele Podcast-Moderator*innen weiblich sind, wurde ich nicht fündig. Was mir aber während meiner Recherche auffiel, war, dass bei den Spotify Top-Podcasts in Deutschland bei den ersten zehn Plätzen kein rein weibliches Moderationspaar dabei ist. Die ersten vier waren reine Männerpaare: Kaulitz Brüder, Gemischtes Hack und Co. Erst Platz 14 mit ‚Mordlust‘ war rein weiblich. Erschreckend.
Sechster und siebter Tag: Halte ich durch?
Am sechsten Tag scheiterte ich an dem Experiment. Das dauerhafte Verzichten, vor allem auf Filme und Serien, bereitete mir sehr, sehr schlechte Laune. Ich stellte mir das Experiment einfacher vor. Da hat mir das patriarchale System allerdings einen Strich durch die Rechnung gemacht. Meine Recherche zu den jeweiligen Themen hob meine Laune nicht gerade. Die Ergebnisse hätte ich nicht erwartet. Ich war und bin sauer, traurig und wahnsinnig enttäuscht. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Menschen, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zuordnen, es noch viel schwerer in all den Branchen haben. In meiner feministischen Blase sehe ich, dass sich unsere Gesellschaft verbessert hat. Die Ergebnisse meines Experiments haben mich dann allerdings auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Daher fällt mir zum Schluss für alle Frauen und diversen Personen nur ein: Kämpft dafür, die Bücherregale, Universitäten und Podcastcharts zu erobern. Damit man für dieses Experiment eine größere Auswahl an Filmen, Serien, Büchern und Podcasts hat.
Wir, die Redakteur*innen der moritz.medien, machen uns natürlich auch weiterhin Gedanken über unsere Umwelt und berichten daher in einem zweiten Teil unserer Nachhaltigkeitskolumne über weitere Themen, Tipps und Gedanken, damit ihr euer Leben (noch) nachhaltiger gestalten könnt.
Der Geruch, wenn man ein Buch öffnet, ist unverkennbar. Genauso das Gefühl, die Seiten umzublättern und diese Wehmut, wenn man das Buch zuklappt, weil man es durchgelesen hat. Sich genauer das Cover angucken zu können und ein Gefühl dafür zu haben, wie viel man schon gelesen hat und mit Vorfreude zu sehen, was einen noch alles erwartet. All das kann nur das klassische Buch. Wie soll bei diesen charmanten Eigenschaften ein E-Reader mithalten können?
Vor einigen Jahren habe ich einen dieser sagenumworbenen E-Reader geschenkt bekommen. Anfangs war ich skeptisch, aber weil ich ihn nun mal hatte, hab ich dieser modernen Alternative eine Chance gegeben. Je mehr ich mit der digitalen Form des Buches vertraut wurde, desto mehr habe ich es lieben gelernt. Neben den smarten Features, die das Gerät inzwischen anbietet, sind E-Reader nicht nur angenehmer zu handhaben. Man kann auch überall auf der Welt fast jedes existierende Buch lesen. Sie sind leicht und passen in jeden Koffer, auch wenn die Sonne scheint, kann man die Schrift angenehm entziffern, im Dunkeln wird das Display beleuchtet und inzwischen gibt es sogar wasserfeste Versionen.
Doch können E-Reader das klassische Buch auch im Aspekt Nachhaltigkeit schlagen? Das Ökoinstitut Freiburg hat vor ein paar Jahren eine Untersuchung zur Umweltverträglichkeit von E-Book-Readern vorgenommen. Faktoren wie Herkunft, Transportwege, Nutzung, Stromverbrauch und Entsorgungsmöglichkeiten spielen zwar auch eine Rolle bei der Frage nach der Nachhaltigkeit eines Produktes, aber bei der Untersuchung ist vor allem eins deutlich geworden: Die Herstellung der beiden Buchtypen ist der umweltschädlichste Teil des Lesevergnügens. 99 % des Energieverbrauchs und der Treibhausgasemissionen eines E-Readers entstehen durch den Herstellungsprozess. Allerdings werden durch das elektronische Buch bestimmte Ressourcen gespart, denn für 80 % der klassischen Bücher werden Bäume gefällt. Dafür fließen in den E-Reader verschiedene Edelmetalle wie Kupfer, Gold oder Palladium, also Rohstoffe, deren Abbau die Freisetzung von Giften und Schwermetallen zur Folge hat. Je nach Beschaffenheit und Herstellungsprozess der beiden Lesemöglichkeiten kommt man zu unterschiedlichen Ergebnissen der Umweltschädlichkeit durch die Produktion. Vergleicht man den durchschnittlichen CO2-Austoß bei der Herstellung eines Buches mit dem eines E-Readers, fällt die Rechnung zunächst ganz eindeutig aus. Während in einen E-Reader bis zu 8 kg Kohlenstoffdioxid fließen, hat ein Buch, selbst gedruckt auf Frischfaser, nur eine CO2-Bilanz von bis zu 1,1 kg.
So einfach bleibt es mit der Rechnung dann aber doch nicht. Ein Buch kann man zwar mehrmals lesen, weitergeben, in Bibliotheken ausleihen; der E-Reader kann jedoch unzählige Bücher laden und „wiederverwendet“ werden. Je öfter ein E-Book auf einem elektronischen Gerät gelesen wird, desto besser wird die Ökobilanz. Hinzu kommt, dass es selbst bei intensiver Nutzung wenig Energie verbraucht. Das Ökoinstitut kam deshalb zu diesem Ergebnis: Wer mehr als zehn Bücher jährlich liest und den E-Reader mindestens drei Jahre besitzt, für den*die wäre ein digitaler Reader eine nachhaltige Alternative. Das Institut hat übrigens auch ausgerechnet, dass der Akku des Geräts jährlich, je nach Nutzungsintensität, 20-100 mal aufgeladen werden muss. Da Akkus insgesamt eine Lebensdauer von 500-1000 Ladezyklen haben, sieht man, dass ein E-Book-Reader eine langfristige, nachhaltige Investition sein kann.
Für diejenigen, die eher selten zu einem Buch greifen und Wert auf Haptik, Optik und „das Erlebnis“ legen, ist aber wohl doch das klassische Buch die bessere Option. Um trotzdem etwas für den ökologischen Fußabdruck zu tun, könnte man das Buch kaufen, indem man zum Beispiel mit dem Fahrrad in die Innenstadt fährt undin lokalen Buchhandlungen nach nachhaltig gedruckten Exemplaren fragt. Diese werden beispielsweise mit dem „Blauen Engel“ gekennzeichnet. Alternativ gibt es auch nachhaltige Online-Handlungen, die zum Beispiel Baumpflanzungen unterstützen. Eine weitere Möglichkeit, den Lesegenuss möglichst umweltfreundlich und gleichzeitig kostengünstig zu gestalten, ist, sich Bücher aus der Bibliothek auszuleihen. Gebrauchte Bücher sind ebenfalls eine tolle Alternative, die man auf Flohmärkten oder über verschiedene Internetportale finden kann. Oder ihr fragt mal in eurem Bekanntenkreis nach: Es gibt bestimmt Leseratten, die euch gerne Bücher ausleihen oder mit euch tauschen. Das ist nicht nur umweltfreundlich, sondern sorgt auch für tolle Gespräche.
Hier könnt ihr das aktuelle Video von moritz.tv sehen.
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