Brexit meets „Erasmus+“ – Ein Interview mit dem International Office

Brexit meets „Erasmus+“ – Ein Interview mit dem International Office

Am letzten Tag des Jahres 2020 ist das Vereinigte Königreich aus der Europäischen Union ausgetreten. Ende des Jahres wurde damit auch bekannt gegeben, dass Großbritannien aus dem Programm „Erasmus+“ aussteigen wird. Die bisher wenig konkreten Folgen der Brexit-Abstimmung von 2016 wurden damit plötzlich zur greifbaren Realität, vor allem für Studis, die einen „Erasmus+“-Aufenthalt in Großbritannien geplant hatten.

Bei „Erasmus+“ handelt es sich um ein „EU-Programm für allgemeine und berufliche Bildung, Jugend und Sport“, das unter Studierenden vor allem als Möglichkeit bekannt ist, einen Auslandsaufenthalt innerhalb der EU fördern zu lassen. Das Projekt wurde 1987 ins Leben gerufen und Großbritannien war von Beginn an dabei. Doch weil „Erasmus+“ zu teuer für die UK sei, trat das Land mit dem Brexit aus dem Programm aus. Die Uni Greifswald ist seit 1997 Teil des Programms und hat seitdem rund 280 Partnerverträge mit europäischen Universitäten geschlossen. Darunter sind auch sechs Universitäten in England mit insgesamt 15 Plätzen für Studierende bestimmter Fachbereiche wie beispielsweise dem Studiengang Anglistik/Amerikanistik.

Die aktuelle Situation rund um „Erasmus+“ im Vereinigten Königreich wirft bei vielen Studierenden Fragen auf: Kann der lang ersehnte Auslandsaufenthalt noch absolviert werden? Ab wann gilt die Regelung? Gibt es Alternativen für Greifswalder Studierende? Wir haben bei Nadine Voigt, der Beauftragten für „Erasmus+“ im International Office der Uni Greifswald, nachgefragt, um die Fragezeichen über den Köpfen der Studis zu aufzulösen.

Vor welche Probleme stellt der Austritt Großbritanniens aus dem „Erasmus+“-Programm das International Office?

Als International Office sind wir dafür zuständig, Studierende zu beraten, wohin sie ins Ausland gehen können und die Partnerschaften mit den entsprechenden Universitäten zu pflegen. Das bedeutet, wenn Großbritannien aus dem „Erasmus+“-Programm ausscheidet, gibt es natürlich die Verträge mit den verfügbaren Plätzen nicht mehr und wir müssen nach neuen Austauschmöglichkeiten suchen, die wir interessierten Studierenden anbieten können.

Haben Sie damit gerechnet, dass Großbritannien durch den Brexit aus dem „Erasmus+“-Programm aussteigen wird? Was denken Sie über diese Entscheidung?

Ja, es war abzusehen. Langfristig gesehen stimmt es natürlich, dass Großbritannien aus dem „Erasmus+“-Programm ausscheidet, jedoch wird dies nicht von heute auf morgen passieren. Die gegenwärtigen „Erasmus+“-Verträge werden noch bis maximal März 2023 gültig sein. Studierende können sich also immer noch auf die vorhandenen Austauschplätze bewerben.

Aus meiner Sicht wäre es fatal für Großbritannien, wenn keine Alternativen entwickelt werden, um internationalen Austausch beizubehalten und voranzutreiben. Großbritannien muss darauf achten, die Möglichkeit zu haben, an internationalen Projekten teilzunehmen und somit Teil des internationalen Forschungsnetzwerks zu bleiben.

Sind Studienreisen in die UK bald nicht mehr möglich?

Wie beliebt war das Vereinigte Königreich als Austauschziel bei den Greifswalder Studis?

Das Vereinigte Königreich gehörte zu den begehrtesten Ländern, die Studierende für Auslandsaufenthalte wählten. Aufgrund der Brexit-Situation gingen schon im Jahr 2019 nur noch halb so viele Studierende nach Großbritannien wie in den Jahren zuvor, einfach weil die Situation vielen zu unsicher war.

Kann man sich jetzt noch einen „Erasmus+“-Platz sichern?

Wie schon gesagt, bleiben die Verträge noch bestehen. Das hat den Vorteil, dass alle Studierenden sich jetzt noch für ein „Erasmus+“-Semester in Großbritannien bewerben können.

Wer im kommenden Wintersemester einen Studienaufenthalt beginnen möchte, kann sich im Januar noch schnell im Fachbereich bewerben. Oder man bewirbt sich dann im Juni auf die ggf. frei gebliebenen Restplätze für das Sommersemester 2022. Für Aufenthalte ab dem akademischen Jahr 2022/23 kann man sich dann im Wintersemester 2021/22 im Fachbereich bewerben.

Haben diejenigen, die bereits eine Zusage vom Programm haben, noch die Möglichkeit, ihren Aufenthalt in Großbritannien wahrzunehmen?

Ja, das haben sie und sie können ihren Aufenthalt wie geplant durchführen. Natürlich müssen hier alle für sich entscheiden, ob sie den Aufenthalt unter den Umständen der Corona-Pandemie durchführen wollen. Großbritannien ist hier quasi gleich zweimal betroffen: Brexit zum einen und Covid-19 zum anderen. Das schafft für die Studierenden natürlich eine große Unsicherheit. Hier empfehlen wir die Informationen des Auswärtigen Amtes zu berücksichtigen und sich auch auf der Website der jeweiligen Wunschuniversität über die aktuelle Lage zu informieren.

Wie kann ich sonst für meinen Studium in die UK reisen?

Gibt es neben dem „Erasmus+“-Programm noch andere Möglichkeiten, einen Auslandsaufenthalt in Großbritannien vorzunehmen?

Glücklicherweise ja! Welche Optionen es genau gibt, hängt natürlich von der Art des Vorhabens ab.

Wenn Studierende einen Studienaufenthalt planen, besteht im besten Fall eine Kooperation zwischen den Universitäten oder man schreibt sich direkt bei einer Hochschule als Free Mover ein. Derzeit sind wir noch dabei mit den Partnereinrichtungen zu klären, ob wir bilaterale Hochschulverträge schließen können. Das wird sich noch etwas hinziehen. Hier wird es dann auch demnächst die Möglichkeit geben, den Aufenthalt über das Jahresstipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) zu finanzieren.

Eine weitere Möglichkeit sind Praktikumsaufenthalte. Hier können Studierende sich entweder auf eine finanzielle Förderung durch das PROMOS-Stipendium bei uns im International Office bewerben. Wird das Praktikum bei einer Deutschen-Außenvertretung (z. B. Botschaft, Goethe Institut) durchgeführt, bewirbt man sich für ein Kurzstipendium beim DAAD. Lehramtsstudierende, die an einer britischen Schule ein Praktikum machen, können sich für das Lehramt.international-Stipendium des DAAD bewerben.

Daneben können sowohl Studiums- als auch Praktikumsaufenthalte über Auslands-BAföG finanziert oder mit anderen Stipendien kombiniert werden. Dies ist besonders praktisch, wenn man an einer Universität studieren möchte und ggf. Studiengebühren anfallen, da Auslands-BAföG bis zu 4.600 Euro übernimmt. Generell sollte jede*r für sich prüfen lassen, ob Anspruch auf Auslands-BAföG besteht, da die Bemessungsgrenzen sich hier zum Inlands-BAföG unterscheiden.

Wird es Alternativen oder einen Ersatz für „Erasmus+“ in Großbritannien geben?

Dazu kann ich leider noch nichts Genaues sagen. Ich gehe davon aus, dass es ein Programm geben wird, wodurch die Umsetzung von Auslandsaufenthalten finanziell unterstützt werden kann. So ist es bspw. auch im Moment mit der Schweiz, wo die Förderung über das Swiss European Mobility Programme läuft. Die Finanzierung kommt hier also vom Zielland und nicht wie bei „Erasmus+“ vom Heimatland.

Wird es in Zukunft weiterhin Kooperationen zwischen der Uni Greifswald und britischen Universitäten geben, um dort einen Auslandsaufenthalt zu ermöglichen?

Ja, ich denke schon. Wie gesagt, wir arbeiten derzeit daran. Wir haben definitiv großes Interesse und auch unsere Partnereinrichtungen haben schon ihr Interesse bekundet. Sobald wir da neue Informationen haben, werden wir natürlich auf unseren sozialen Kanälen und auch auf unserer Website berichten.

Welche englischsprachigen Regionen gibt es, in denen man als Greifswalder Studi noch seinen Auslandsaufenthalt absolvieren könnte?

Also es gibt im Rahmen von „Erasmus+“ natürlich noch die Möglichkeit nach Irland zu gehen. Es gibt zwar derzeit keine Studienmöglichkeiten, aber Praktika lassen sich natürlich ganz einfach über „Erasmus+“ fördern.

Daneben haben wir Hochschulpartnerschaften in Amerika, Kanada und Australien. Am besten einfach mal in unserer Austauschdatenbank stöbern. Auch hier gibt es Finanzierungsmöglichkeiten durch das Jahresstipendium des DAAD, PROMOS oder Auslands-BAföG.

Die Recherche nach Alternativen lohnt sich.

Da jetzt „Erasmus+“-Plätze wegfallen und viele Studis in letzter Zeit aufgrund von Corona nicht die Möglichkeit hatten, einen Auslandsaufenthalt wahrzunehmen: Ist es in Zukunft schwieriger, an einen Platz zu gelangen?

Das kann natürlich sein, dass sich das Bewerber*innen-Aufkommen erhöht und damit die Chancen etwas sinken. Aber das sehen wir dann erst, wenn es soweit ist. Viele schauen sich schon jetzt nach Alternativen um. Hier müsste man die Fühler vielleicht einfach etwas weiter ausstrecken und sich nicht zu sehr auf das Auslandsstudium konzentrieren, auch wenn das natürlich auch einen ganz besonderen Reiz hat. Studierende sollten für sich überlegen, ob nicht auch ein Praktikumsaufenthalt für sie in Frage kommen würde.

Einige Studis müssen für ihr Studium einen Aufenthalt in einem englischsprachigen Land vorweisen und haben fest damit geplant, diesen in Großbritannien absolvieren zu können. Was raten Sie in solchen Fällen?

Wie schon oben erwähnt, müsste man eben auf andere Optionen ausweichen. Studium als Free Mover oder Praktika an Unternehmen oder anderen relevanten Einrichtungen. Es gibt einige Möglichkeiten. Studierende können sich gern bei uns im International Office melden und sich beraten lassen. Derzeit leider nur telefonisch, aber bald dann hoffentlich auch wieder in unserem Büro. 😊

Beitragsbilder: Christian Lue, Nejc Soklič, Blake Guidry und Daniel Romero auf Unsplash

Bologna: „Bildungs- und wissenschafts-politische Katastrophe“

Prorektor Professor Micheal Herbst

„Prüfungsstress, Überforderung, Ökonomisierung, Verschulung. Studierende sind nicht nur Studierende, sondern auch Menschen, die sich engagieren, Kinder haben oder arbeiten müssen.“ Diese Klagen werden regelmäßig von Bachelor- und Masterstudenten geäußert. Jene Kritik an der ökonimisierten Studienart wurde am Dienstagnachmittag vor etwa 60 Teilnehmern jedoch nicht von einem Studenten, sondern von Prorektor Professor Dr. Michael Herbst geäußert. Das Publikum, Studenten und Professoren, diskutierte über den aktuellen Stand der Bologna-Reform, der Umstellung von Diplom- und Magisterstudiengängen in zweistufige Studiengänge mit Bachelor und Master.

„Es ist eine bildungs- und wissenschaftspoltische Katastrophe“, bündelte Herbst seine vernichtende Kritik am Bologna-Prozess. Dennoch habe Bologna einen Vorteil: „Ein schnelles straffes Studium. Wir wollen das Beste aus der Reform der Bologna-Reform machen“, verwies Herbst auf das neue Landeshochschulgesetz, die vom Senat verabschiedete Bologna-Reform und die aktuell diskutierte Rahmenprüfungsorndung: Wegfall Masterhürde, Wiedereinführung des Diplom-Titels, erleichterte Möglichkeiten zum Auslandaufenthalt, Teilzeitstudium, keine Benotungspflicht für alle Module.

Aufregung um BWL-Diplom

Walter Ried will das BWL-Diplom erhalten.

Es ging aber nicht nur um Bologna, sondern auch um den Diplom-Studiengang der Betriebswirtschaftslehre (BWL). Für Aufregung sorgte Kurt Schanné vom Landesbildungsministerium: Aus der BWL solle ein mehrstufiger Studiengang im Zeitraum der fünfjährigen Zielvereinbarung werden. Dazu werde die Uni vom Land noch aufgefordert. Dass die BWL in Greifswald einen Preis vom Verein für deutsche Sprache erhalten habe, sei „bedeutungslos und nichts wissenschaftliches“. Der Preis sei auch aufgrund der Verbindung eines Lehrenden der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät zustande gekommen.

Dekan Walter Ried ließ das nicht auf sich sitzen: „Die Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät geht – ebenso wie das Rektorat der Ernst-Moritz-Arndt-Universität –  davon aus, dass sie den Diplomstudiengang Betriebswirtschaftslehre über die gesamte Laufzeit der aktuellen Zielvereinbarung fortführen darf.“ Prorektor Herbst ergänzte, dass „wir sachliche Gründe für das Diplom in der BWL als attraktiven und konkurrenzfähigen Studiengang sehen“. Auch die Vorwürfe zum Sprachpreis wies Ried zurück: „Die Fakultät hat den Institutionenpreis Deutsche Sprache aufgrund der Entscheidung einer unabhängigen und hochkarätig besetzten Jury erhalten.“

„Ziel von Bologna wurde erreicht: einheitlicher Bildungsraum in 47 Ländern“

Marina Steinmann sieht mit dem einheitlichen Bildungsraum ein Ziel von Bologna erreicht.

Aber nun wieder zurück zu Bachelor und Master. „Das Ziel von Bologna wurde 2010 erreicht, nämlich ein einheitlicher Bildungsraum in 47 Ländern, der nach außen auch so wahrgenommen wird“, betonte Marina Steinmann, Referatsleiterin Bologna-Reform beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), der die Veranstaltung mitorganisierte. Sie räumte jedoch ein, dass „die Universitäten Fehler bei der Umsetzung gemacht haben“.

Inzwischen seien 82 Prozent aller Studiengänge in Deutschland auf Bachelor und Master umgestellt, jedoch fordere Bologna nur gestufte Studiengänge und keinen Bachelor nach sechs Semesternm, sagte sie. Von der Umstellung seien 16 Millionen Studenten an 4000 Hochschulen betroffen, fügte Professor Manfred Hampe ( TU Darmstadt) hinzu. Der Bologna-Experte des DAAD kritisierte das mecklenburg-vorpommerische Landeshochschulgesetz als „systemwridig“, weil es den Diplom-Ingenieur für den ersten (Bachelor) und zweiten Zyklus (Master) gleichzeitig vergebe. Ein Urteil über den Bachelor wollte er noch nicht treffen: „Der Arbeitsmarkt entscheidet in nächsten Jahren über die Annahme des Bachelors.“

Konkurrenz zwischen Bachelor und beruflicher Bildung?

In der anschließenden Diskussion ging es um verschiedene Fragen. Eine  war, ob der Bachelor in Konkurrenz zu den Berufsabschlüssen der dualen Ausbildung stehe. „Unternehmen bestätigen, dass der Bachelor brauchbar ist“, bezog sich Steinmann auf eine Studie von 2007, die ergab: „Es gibt keine Konkurrenz“. Dem schloss sich Schanné an, auch wenn es  in der Realität Überschneidungen wegen Kooperationen von Fach- und Hochschule gebe.

Hampe meinte, dass einige Menschen besser eine Berufsausbildung machten als auf die Uni zu gehen. Die Hochschulen sollten sich ihre Studierenden genau anschauen, denn „nicht jeder Bachelorstudent hat das Zeug zum Master“. Passend hierzu forderte eine Studentin aus dem Publikum: „Jeder Student soll entscheiden, ob er/sie einen Master machen soll oder nicht“. Dies hänge von den Ressourcen für die Masterstudiengänge ab, schränkte Schanné ein und ergänzte, dass Wechsel zwischen den Hochschulen Probleme machen könnten, was aber nicht zum System werden sollte und nicht Absicht der Hochschulen sein.

Professor Volker Gehmlich sieht den Master nicht als ein Muss.

„Der Master ist kein Muss“, machte Professor Volker Gehmlich von der Fachhochschule Osnabrück deutlich. Den Master würden auch die Bachelorstudenten machen, die nichts auf dem Arbeitsmarkt gefunden hätten. Einige Bachelorstudenten fühlen sich nach sechs Semestern noch nicht fit für den Arbeitsmarkt, wie eine Bachelorstudentin mit der Fächerkombination Geschichte und Kunstgeschichte formulierte, die fehlenden Praxisbezug in ihrem Studium kritisierte.

Dem stimmte Herbst zu: „Wir können uns nicht recht vorstellen, dass jemand, der sechs Semester Theologie studiert, befähigt ist, ein Pfarramt zu führen.“ Auf einen Bachelor könne man einen Master draufsatteln, ergänzte Schanné. „Ein Bachelorstudent sollte überall seinen Master machen können“, fügte Hampe hinzu.

Auslandsaufenthalt wichtiger als ein Semester mehr Regelstudienzeit

Absicht des Bologna-Prozesses war, die Mobilität der Studierenden zu erhöhen. Viele Bachelorstudenten klagen aber, dass sie sich einen Auslandsaufenthalt nicht leisten können. In finanzieller Hinsicht verwies Schanné auf Auslands-Bafög oder Stipendien. In zeitlicher Hinsicht sorgt ein Senatsbeschluss der Universität dafür (Bologna-Richtlinie), dass künftig ein Auslandssemester nicht mehr auf die Regelstudienzeit angerechnet werden muss.

Herbst sprach sich für ein „Mobilitätsfenster“ aus und sieht Probleme bei mehrsemestrigen Modulen. „Die Modulgröße muss so klein sein, dass sie einen Auslandsaufenthalt nicht verhindert und so groß sein, dass sich die Prüfungslast verringert“, machte Hampe deutlich, der sogar einen verlustfreien Auslandsaufenthalt durch eine bessere Abstimmung mit den Partneruniversitäten als möglich ansieht. Der verlustfreie Auslandsaufenthalt werde dadurch möglich, dass es grundsätzlich das Recht auf Anerkennung der ausländischen Leistung gebe, ergänzte Steinmann. Sie schränkte jedoch ein, dass ein Auslandssemester den Unternehmen mehr bedeutet, als die Überziehung der Regelstudienzeit um ein Semester, wenn die Anrechnung doch nicht klappt.

„Bachelor kann nur notwendiges Rüstzeug geben, aber nicht sinnvolle Anwendung des Wissens“

Kurt Schanné (Landesbildungsministerium) sieht den Masterzugang abhängig von den Ressourcen der Hochschule.

Überschreitet man die Regelstudienzeit um ein Semester, steht man manchmal vor dem nächsten Problem zum Master: Man ist im Winter fertig und kann erst im nächsten Winter mit dem gewünschten Master weiter machen. „Wir sollten die Immatrikulation für einen Master auch im Sommersemester ermöglichen“, schlug Herbst hierzu vor, schränkte allerdings ein: „Als kleine Uni stoßen wir dann an unsere Grenzen.“ Um sich für einen bestimmten Master zulassen zu können, werden bestimmte Credit Points (ECTS) in einigen Fächern gefordert. „Was mache ich, wenn ich dies nicht schaffe?“, fragte ein Student und erhielt eher ausweichende und allgemeine Antworten. „Die Credit Points sind zeitliche Orientierungspunkte und nur relevant mit dem Ergebnis“, sagte Gehmlich. „Kompetenzorientierte Prüfungen und deren Anerkennungen sind gewünscht“, fügte Schanné hinzu.

Die genaue Kompetenz eines Bachelors wurde aber nicht deutlich: Ein Physiker von Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät gab zu bedenken: „Die Industrie weiß nicht, was sie braucht. Der Bachelor kann das notwendige Rüstzeug gegeben. Er kann dem Absolventen aber nicht die sinnvolle Anwendung des Wissens geben, zum Beispiel in Form einer ausführlichen zweisemestrigen Masterarbeit“. Hampe nutzte die Gelegenheit und wies allgemein auf den Personalbedarf der Industrie hin: „Sie braucht hochqualifiziertes Personal, davon ein Drittel Master- und zwei Drittel Bachelorabsolventen.“

Wie sieht es mit Bologna 2020 aus?

Professor Manfred Hampe will die Zweistufigkeit der Bologna-Reform nicht zurückdrehen

Die letzte Frage war, wie es mit Bologna 2020 aussieht, beispielsweise ob man zu den Titeln Magister oder Diplom zurückkehren wird. „Wir wünschen uns den Titel Diplom-Ingenieur zurück, jedoch nicht einer Rückkehr zur einstufigen Struktur“, verlangte Hampe und will damit die Zweistufigkeit mit Bachelor und Master beibehalten. Hampe schloss sich auch der Forderung Gehmlichs an, wonach dann unterschiedliche Bezeichnungen notwendig seien. Auch Schammé will keine Aufgabe des gestuften Studiensystems. „Wir machen das Beste aus Bachelor und Master“, ist vielleicht ein passender Schlusssatz von Herbst zur Debatte Bologna unter der Lupe.

Fotos: David Vössing

 

Mit dem Computer nach Afrika – Ein Lehramtsstudent berichtet

Ein Gastbeitrag von Michael Seifert

„Nach Kenia!?“ – Dr. Thomas, der Leiter des Lehrerprüfungsamtes, fiel fast vom Stuhl als ich ihm meinen Wunsch mitteilte, meinen dreimonatigen, „ausbildungsrelevanten“ Auslandsaufenthalt in einem englischsprachigem Land ausgerechnet in Kenia machen zu wollen. Noch skeptischer wurde sein Blick als ich ihm schilderte, dass die Reise nach Lodwar, mitten in die Wüste der Turkana im äußersten Nordwesten des Landes, einen Katzensprung entfernt zur Grenze zum Südsuden, gehen sollte. Dennoch wurde mir die Anerkennung durch das Lehrerprüfungsamt gegeben und die Reise konnte ganz offiziell genehmigt losgehen.

Lehramtsstudent Michael Seifert in der afrikanischen Wildnis. Auch im Bild: Dromedare.

Doch der Reihe nach: Wie kommt man dazu anstatt in England oder den USA ein Semester zu studieren, wie es die Schöpfer der Prüfungsordnung für das Lehramt Gymnasium im Fach Englisch sich sicherlich eigentlich gedacht hätten, einfach nach Kenia zu fahren? Die gewisse Abenteuerlust drei Monate meines Studiums in Afrika zu verbringen hatte ich, fehlte also nur noch die Zeit und der Grund. Nach der anstrengenden Wahlorganisation für StuPa-Wahl und Urabstimmung war ich urlaubs(-semester-)reif und die Eltern des ehemaligen Juso-Kreisvorsitzendens Eric Hartmann hatten den idealen Grund:

Nach ihrem Aufenthalt als Lehrer an der deutschen Schule Nairobi hatten Brit und Jan Hartmann immer noch starke Verbindungen nach Kenia. Nach ihrem Abschied konnten sie mit Cisco und der Diözese Lodwar ein Computerprojekt verwirklichen, dass sich in den vier Jahren gut entwickelt hat. Nun sollte die nächste Stufe gezündet werden, indem die Kurse didaktisch verbessert und Lehrer einer nahegelegenen Schule zu Computerlehrern ausgebildet werden sollten. Dazu passte ich als Englisch-Lehramtsstudent mit ordentlichen Computerkenntnissen natürlich sehr gut. Vier Monate, nachdem Eric mir den Floh in den Kopf gesetzt hatte, stieg ich Anfang Mai in das Flugzeug nach Nairobi. Von dort ging es eine Woche später weiter nach Lodwar.

Strohhütte im Nirgendwo

Angekommen an meinem Praktikumsort war ich erstmal baff: Der Flugplatz – eine unbefestigte Piste mitten im Nirgendwo; der Tower – eine Strohhütte, die Straßen – Sandpisten und durch den Ort laufen Herden von Ziegen, verfolgt von Hirten in traditionellen Gewändern. Ganz so krass hätte ich mir das doch nicht vorgestellt. Auch die Info, dass sich die Trucks in Richtung Südsudan im Ort stauen, weil sie nicht über den Fluss können, da letzte Nacht die Brücke weggeschwemmt wurde, steigerte meine Laune bei Ankunft nicht unbedingt. Aber kneifen galt nicht und so musste ich mich mit der Situation abfinden.

Der Flughafen in Lodwar, "eine unbefestigte Pisten im Nirgendwo"

Der Flughafen in Lodwar, "eine unbefestigte Piste im Nirgendwo".

Doch schon am nächsten Tag begann sich meine Laune zu heben: Spontan übernahm ich zusätzlich eine Science-Schulklasse für Schüler, die ihren Schulabschluss nachholen wollen – unbezahlbare Erfahrung in der, im Studium sehr knapp bemessenen, Praxis. Für einen angehenden Lehrer ein optimales Umfeld, da man keine Hilfsmittel, aber viel Freiraum hat. Die vielbeschworene Theorie der Didaktik und Methodik fühlte sich in dem Moment so weit weg an, wie meine Uni – auf einem anderen Kontinent. Man muss sich so genauer überlegen, wie man es den Schülern am Besten beibringt. So erklärte ich den Aufbau eines Fisches am (nicht mehr lebenden) Exemplar oder mittels eines Pappstreifens und Sand das Prinzip von Aerodynamik. Dabei bin ich mit meinen 30 Schülern in einer absolut privilegierten Situation. Bei einem Besuch in einer Schule staunte ich Bauklötze, als eine Klasse besser besucht war als so manche Vorlesung im Audimax der Rubenowstraße. Im öffentlichen Schulsystem Kenias dürfen sich die Lehrer nämlich mit 120 Schülern in einer Klasse rumschlagen! Die Motivation und Disziplin ist unglaublich hoch. Während bei uns wohl die wenigsten gerne ihre Zeit in überfüllten Schulräumen verbracht hätten, laufen kenianische Schüler mehrere Kilometer, um in die Schule zu kommen und verbringen manchmal den Nachmittag freiwillig in der Bibliothek. Auch bin ich in Deutschland selten auf der Straße angebettelt worden, doch das Schulgeld für jemanden zu übernehmen, damit er weiter lernen und sich fortbilden kann…

„Zeig mir, wie der Fisch gefangen wird!“

Das bringt mich auch direkt zu den Problemen Afrikas: Die Armut ist allgegenwärtig und als „Mzungu“ (Suaheli für „Weißer Mann“) wird man sehr häufig um Geld angebettelt. Für Afrikaner sind Europäer grundsätzlich reich und man soll ihnen doch bitte direkt helfen. Wenn man bedenkt, dass man für 20 Cent eine vollwertige Mahlzeit erhält, die für die meisten meiner Schüler den ganzen Tag reichen muss, wird einem dann doch anders. Ein Turkana hat aber meine Meinung genau auf den Kopf getroffen: „Gib mir keinen Fisch, sondern zeig mir, wie der Fisch gefangen wird!“ – anders ausgedrückt: Zeig mir wie ich’s richtig machen kann, damit ich mir in Zukunft selbst helfen kann. Deshalb engagiere ich mich gerne für Brit und Jan Hartmanns Projekt, um meinen Beitrag zu leisten, den Rückstand Afrikas in der IT-Bildung zu verkleinern. Nach dem Abschied der beiden ausgebildeten Lehrer schlief das Projekt mit der Computerbildung in der Primary School (diese geht bis zur achten Klasse) nämlich vorübergehend ein. Also wählte ich direkt die große Lösung und gab gleich zwölf Lehrerinnen und Lehrern einen Computerkurs, damit diese ihr frisch erworbenes Wissen so schnell wie möglich an die Schülerinnen der St.Monica-Girl’s-School weitergeben können um so den Rückstand Lodwars so schnell wie möglich zu verringern.

Bei einer Fahrt mit dem Weihbischof der Diözese ergab sich für mich auch die Möglichkeit, einen Einblick in das Flüchtlingsproblem Afrikas zu bekommen. Bei einer Fahrt durch das UN-Flüchtlingscamp in Kakuma wurde mir ein weiteres Mal klar, wie gut wir es in Deutschland haben. Das Camp trennte die einzelnen Flüchtlinge nach ihren Herkunftsländern auf. So wie die Häuser gebaut wurden, stelle ich mir Slums vor – die Baumaterialien Pappe, Blech und Holz überwiegen im Camp. Die Infrastruktur war nicht oder kaum vorhanden: Die Straßen waren Rüttelpisten, die Elektrizität kaum vorhanden und auf 70.000 Einwohner kamen fünf Bohrlöcher, die dann in verschiedene Brunnen verteilt wurden.

Wie viele passen in ein Auto? – Einer geht noch

Wieviele passen in ein Auto? Die Antwort: Mindestens zwei, da haben aber noch 13 weitere Platz.

Doch die Bewohner des Camps und in Lodwar allgemein sind nicht, wie man sich das gedacht hätte, verzweifelt, sondern strahlen absolute Lebensfreude aus. Wenn man auf Kinder trifft, wird man mit stürmischen „Mzungu, Mzungu“-Rufen begrüßt und ständig wird mir von den Kleinen „How are you?“ entgegengerufen. Diese Begrüßung ist die wortwörtliche Übersetzung von „Habari“ und ist der erste englische Satz, den die Kinder sprechen können. Auch die etwas älteren Bewohner sind total nett und im Vergleich zu uns Europäern unkompliziert. Während man in Deutschland peinlich genau darauf achtet, wie viele Leute in ein Auto passen, gilt in Kenia die Kapazitätsgrenze „einer geht noch“. Auf der Rückfahrt von Kakuma pressten wir uns mit 15 Personen auf die Ladefläche einer Pritsche. Als Deutscher wird man zudem während der WM ständig auf das Thema Fußball angesprochen. So ergeben sich viele nette Plaudereien über die schönste Nebensache der Welt. Absolut positiv ist auch die Gastfreundschaft der Afrikaner zu erwähnen. In einem Camp für IDPs wurde ich vom quasi Bürgermeister mit den Worten „es ist uns eine Ehre“ zum Mittagessen eingeladen. Das traditionelle Ziegenfleisch mit Ugali mit ihm und seinen Kindern in der einfachen Lehmhütte zu teilen, war ein tolles Erlebnis.

Gerade die Leute machen den Aufenthalt zu einem unvergesslichen und vor allem absolut positiven Erlebnis. In den zwei Monaten in Lodwar habe ich schon viele Freundschaften knüpfen und wunderbare Erfahrungen sammeln können. Auch Dr. Thomas’ Bedenken, ob man denn für das Englischstudium so viel lernen kann, kann ich absolut positiv entgegentreten. Durch die vielen Gäste der Diözese aus aller Welt kommt man zudem mit vielen klugen Menschen aus allen Kontinenten ins Gespräch. Und dabei ist die Sprache fast immer Englisch. Die Praxiserfahrung ist also sowohl beim Sprechen da, als auch beim Unterrichten. Für das weitere Studium war das Abenteuer in Lodwar also die perfekte Wahl. Wer sich genauer über das Projekt informieren will und meinen Reiseblog lesen will, der kann unter www.computerschule-kenia.de und www.abacus-ev.de alles noch mal genauer durchlesen. Über Kommentare auf dem Blog und Mails freue ich mich immer.

Viele Grüße aus der Wüste der Turkana an die Ostseeküste Greifswald,

euer Michael.

Fotos: Michael Seifert

TITEL Dem Greifswalder Winter entfliehen – Studium im Ausland

Es gibt viele Möglichkeiten, im Ausland zu studieren. Warum werden sie so wenig genutzt?

Schnee, Eis, zweistellige Minusgrade und in der eigenen Stadt eingeschneit sein – das ist der Winter in Greifswald. Wer würde da nicht gern wie Flo in Südafrika am Strand sitzen und bei 30 Grad das Wetter genießen. Nein, Flo ist nicht im Urlaub, sondern verbringt sein Auslandssemester in Kapstadt. Er ist einer von über 200 Greifswalder Studierenden, die sich momentan im Ausland befinden. Florian ist seit August in der Metropole und erlebt jeden Tag etwas Neues. Entweder klauen die Affen auf dem Uni-Gelände ihm sein Mittagessen oder aber er geht auf Schildkröten-Rettungsmission, da diese gerade die Straße überqueren wollten. Wenn er nicht gerade in der Uni ist, geht er gern mal mit seinen Kommilitonen auf Reisen und entdeckt die Wüste oder trifft kurz vor der Stadt auf ein paar Zebras. Auch Paddeln und Wale-Beobachten stehen auf dem Freizeitplan.

Wenn man das alles hört, würde jeder wohl gern vorübergehend auswandern, aber warum tun wir es nicht? Circa 200 von 12000 Studierenden sind momentan über bestimmte Programme (zum Beispiel ERASMUS) im Ausland, aber es könnten viel mehr sein. Annette Ehmler vom Akademischen Auslandsamt (AAA) berichtet, dass nicht einmal 50 Prozent der Plätze für Greifswalder Studierende im ERASMUS-Programm genutzt werden und es kommen auch immer weniger ausländische Studierende nach Greifswald. Im Wintersemester 2009/2010 waren es erstmals seit langem unter 100. Aber woran liegt das? Haben wir Greifswalder keine Lust aus unserem schönen Städtchen wegzugehen? (mehr …)

polenmARkT: Vortrag über Studieren in Polen

Welche Möglichkeiten es für einen Auslandsaufenthalt in Polen gibt, stellen am Donnerstag MitarbeiterInnen der akademischen Auslandsämter der Universität Greifswald und Szczecin in einem Vortrag dar. Die Veranstaltung findet im Rahmen des polenmARkT statt.

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Das akademische Auslandsamt informiert.

Im Mittelpunkt stehen dabei mögliche Studien- und Stipendienmöglichkeiten. Partneruniversitäten gibt es in Kraków, Wroclaw, Poznan und Szczecin. Abschließend werden deutsche und polnische Studierende über ihre Auslandserfahrungen berichten.

Wer ein Auslandsstudium in Polen in Erwägung zieht, sollte die Faustregel beachten, mindestens ein Jahr vorher mit der Planung zu beginnen, um rechtzeitig alle Fragen klären zu können und alle Anträge auf Zuschüsse fristgemäß stellen zu können. Allgemeine Infos für die ersten Planungen hält das akademische Auslandsamt auf seinen Internetseiten bereit. Wer mit der Planung des Auslandsaufenthalts beginnt, sollte zudem eine persönliche Beratung im Auslandsamt in Anspruch nehmen.

Der Vortrag beginnt am Donnerstag, dem 26.11., um 16 Uhr im Internationalen Kultur- und Wohnprojekt IKuWo, Goethestraße 1. Der Eintritt ist frei.

Weitere Infos:

Bilder: Akad. Auslandsamt (Foto), gemeinfrei (Wappen)