Ein schwerhöriger Pflanzenfresser zu Besuch in Greifswald

Ein schwerhöriger Pflanzenfresser zu Besuch in Greifswald

Vor 80 Millionen Jahren lebte ein gut gepanzerter Dinosaurier im Gebiet des heutigen Österreichs. Dass sein Schädel mal in Greifswald untersucht wird, hätte er wohl nicht gedacht. Der Greifswalder Paläontologe Marco Schade hat dem Pflanzenfresser in den Kopf geschaut und dabei interessante Erkenntnisse gewonnen.

Struthiosaurus ist der Name des Tieres. Er bedeutet so viel wie „Straußenechse“ und das, obwohl der Vogel Strauß und der Struthiosaurus nur ganz entfernt verwandt sind. Der Schädel des Reptils wurde bereits in den 1860er Jahren südlich von Wien entdeckt. Wenige Jahre später hat man ihn dann beschrieben und untersucht. Mit einem sogenannten Micro-CT-Gerät ist es nun aber möglich, feinste Strukturen im Knochen sichtbar zu machen. „Es ist jedes Mal ein erhabenes Gefühl etwas zu finden, was vor mir noch niemand gesehen hat“, erzählte Marco Schade mir in unserem Gespräch.

Wie schon bei seinen vorherigen Arbeiten hat er sich auch hier besonders auf das Innenohr des Tieres konzentriert. Der Teil, der für das Hören zuständig ist, ist beim Struthiosaurus sehr kurz. Der Greifswalder Paläontologe stellt fest: „Das ist das kürzeste Hörteil von allen mir bekannten Dinosauriern.“ War der Pflanzenfresser also schwerhörig? Vermutlich. Zwar hängt die Hörleistung auch von anderen Faktoren ab, aber man geht davon aus, dass der Dino nur Frequenzen zwischen 300 und 2.200 Hertz hören konnte. Im Vergleich: Wir Menschen hören Frequenzen zwischen 20 und 20.000 Hertz. Mit Hilfe des Innenohrs kann man auch rekonstruieren, wie wendig das Tier war: Der Struthiosaurus war wohl eher träge.

„Kognitiv hatte er wohl auch eng gesteckte Limits.“

Marco Schade

Doch die große Stärke des Reptils, das zur selben Gruppe wie der Stegosaurus gehört, war seine Panzerung: Durch stabile Panzerplatten auf seinem Rücken war es gut vor Gefahr geschützt. Diese Gefahr kam von den Raubsauriern, die sich den Lebensraum mit dem Struthiosauraus geteilt haben. Europa war zu seinen Lebzeiten ein subtropisches bis tropisches Inselreich. Es gab bereits Krokodile und Schildkröten und die Lüfte wurden von Flugsauriern beherrscht. Die Vegetation war dicht und üppig, sodass der kleine Pflanzenfresser auf vier Beinen seine Nahrung in Bodennähe finden konnte.

Mit zwei bis vier Metern Länge ist das Tier für heutige Verhältnisse vielleicht groß, doch damals war es eher ein Zwerg. Es gibt Theorien, dass es sich um einen sogenannten Inselzwerg gehandelt hat. Also eine Tierart, die durch ihren Lebensraum auf einer Insel besonders klein ist, im Vergleich zu ihren Verwandten auf dem Festland.

Klein, schwerhörig und träge – so könnte man den Struthiosauraus zusammenfassen. Doch Marco Schade gibt zu bedenken: „Sein Verhalten war immerhin komplex genug, um gut an die Umwelt angepasst zu sein […] Außerdem war er ganz niedlich“, fügt er mit einem Schmunzeln hinzu. Auch wenn er mit seiner Forschung nicht alle Fragen klären kann, am Ende ist Marco Schade doch immer wieder begeistert: „Das ganze Wissen ist wie ein Kieshaufen und man selbst legt ein Sandkorn dazu. Diese Anhäufung von Sandkörnern ist jedes Mal eine Bereicherung.“

Beitragsbild: Fabrizio De Rossi (über Medieninformation der Uni Greifswald)

Mit moderner Technik auf den Spuren der Toten

Mit moderner Technik auf den Spuren der Toten

Einmal in eine Zeitkapsel steigen und in die Vergangenheit reisen – darüber haben bestimmt viele schon einmal nachgedacht. Einer würde vermutlich gerne ganz weit zurück reisen: der Greifswalder Paläontologe Marco Schade. Wir haben mit ihm über die Faszination von Knochen und die Schwierigkeiten des Lebens als Wissenschaftler*in gesprochen.

Marco Schade ist Greifswalder, Doktorand und seit Geburt Dinosaurier-Fan. Mit fünf Jahren haben ihn seine Eltern den Film „Jurassic Park“ schauen lassen. Seitdem hat ihn die Begeisterung für die prähistorischen Echsen nicht mehr losgelassen.

„Als ich älter wurde, haben mich nicht nur die Tiere begeistert, sondern auch die unglaublichen zeitlichen Maßstäbe mit denen wir uns beschäftigen“, sagt er heute rückblickend. Die Zeit, mit der er sich beschäftigt, liegt über 66 Millionen Jahre zurück. Damals lagen die Kontinente anders auf dem Erdball als heute und sie waren von Pflanzen und Tieren bevölkert, die einem Fantasy-Roman entsprungen sein könnten.

Nach seinem Master-Studium in München kehrte Marco Schade nach Greifswald zurück, um seine Doktorarbeit am Lehrstuhl für Paläontologie und Historische Geologie zu beginnen. In seiner Promotion erforscht er die Schädel von mesozoischen Dinosauriern multimethodisch. Das klingt zwar erst einmal trocken, doch dahinter verbirgt sich spannende Forschung: Mit Hilfe von CT-Scannern, die Einigen vielleicht aus der Medizin bekannt sind, untersucht er Dinosaurier-Schädel und erstellt dreidimensionale Computer-Modelle. Dabei hat er es besonders auf einen Teil des Ohres abgesehen: „Die Orientierung des seitlichen Bogenganges im Innenohr der Tiere kann uns eine Vorstellung davon geben, wie ihre Kopfhaltung war.“ Daraus ließen sich Rückschlüsse auf die Ernährung ziehen. Während der fleischfressende Tyrannosaurus rex die Schnauze eher gerade hielt, um die Umgebung zu überblicken, hielt der von Marco Schade untersuchte Irritator challengeri den Kopf nach unten geneigt. Vermutlich war er auf der Suche nach relativ kleiner Beute wie Fischen, die er mit einer schnellen Bewegung der Schnauze packen konnte.

„Als ich das Fossil [des Irritator challengeri] zum ersten Mal in Stuttgart gesehen habe, war das ein magischer Moment, weil es so wahnsinnig gut erhalten ist. Ich konnte dieses Fossil nie vergessen.“

Marco Schade

Neben diesem geschickten Jäger beschäftigt er sich zurzeit auch mit einem Vegetarier. Der Knochen eines etwa 80 Millionen Jahre alten Pflanzenfressers wurde bereits Mitte des 19. Jahrhunderts in Österreich gefunden und befindet sich nun als digitales Modell auf Marco Schades Computer. Im Gegensatz zu einigen seiner Kolleg*innen zieht der Greifswalder Paläontologe die Arbeit am Schreibtisch den Grabungen im Gelände vor. „Es gibt viele alte Stücke, die noch nicht umfassend untersucht sind und aus denen noch viele Erkenntnisse gewonnen werden können. Natürlich ist es auch wichtig weiter zu graben, aber momentan arbeite ich etwas ressourcenschonender.“

Wie es nach der Promotion weiter gehen soll, steht für Marco Schade noch nicht fest. Die wenigen Stellen in der Wissenschaft, aber auch der Leistungsdruck machen ihm zu schaffen. Er habe Sorge, sich in der akademischen Welt zu verlieren: „Irgendwann forscht man nur noch, um im Spiel zu bleiben, seinen Job zu behalten und dann rückt die eigentliche Motivation in den Hintergrund.“ Sein Ziel sei es, Menschen zu begeistern – so wie er damals von Dinosauriern begeistert war und es noch immer ist. Dankbar sei er für jedes Jahr, in dem er sich weiter mit Fossilien beschäftigen könne, um seine Erkenntnisse mit der Öffentlichkeit zu teilen.

Beitragsbilder: Marco Schade