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Elli Smula wird 1914 geboren. Am 23. Juli 1940 beginnt sie ihre Arbeit als Schaffnerin bei den Berliner Verkehrsbetrieben. Nicht einmal zwei Monate ist sie dort tätig, bevor sie während der Arbeit festgenommen wird. Am 30. November wird sie ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert.

Unter den Gründen der Verhaftung ist neben „politisch“ auch der Hinweis „lesbisch“ vermerkt. Ihr wird Geschlechtsverkehr mit ihren Arbeitskolleginnen vorgeworfen, die Ermittlungen werden geleitet von der Dienststelle IV B 1 c, die sich mit dem Sachgebiet ‘Homosexualität’ beschäftigt. Laut dem Paragrafen 175 im deutschen Strafgesetzbuch sind gleichgeschlechtliche Handlungen seit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 verboten. Im Nationalsozialismus wird der Artikel 1935 verschärft, selbst ein Kuss oder ein begehrlicher Blick können jetzt ausreichen. Am 8. Juli 1943 verstirbt Elli Smula „ganz plötzlich“ im Konzentrationslager Ravensbrück, mit nur 28 Jahren. Obwohl es schon im Kaiserreich Bemühungen gegen Paragraf 175 gibt, bleibt dieser noch bis 1968 in der DDR, und bis 1994 in der BRD (und damit auch, seit der Wiedervereinigung, in der DDR wieder eingeführt) bestehen. Der 1990 gegründete Schwulenverband in der DDR (SVD) trägt mit politischen Aktionen aktiv zur Streichung bei. Erst 2002 beschließt der Deutsche Bundestag die Aufhebung der 175er-Urteile während des Nationalsozialismus, und noch weitere 15 Jahre dauert es, bis auch die Urteile der Nachkriegszeit aufgehoben und Entschädigungszahlungen an die noch lebenden Betroffenen entrichtet werden.

Die Ausstellung „Wir* Hier!“ soll genau auf solche Geschichten und Themen aufmerksam machen. Unter dem Beinamen „Lesbisch, schwul und trans* zwischen Hiddensee und Ludwigslust“ werden hier die Geschichten von LSBT* in Mecklenburg-Vorpommern erzählt, angefangen bei der Kaiserzeit bis heute. Der Verein „Lola für Demokratie in Mecklenburg-Vorpommern“ rief die Ausstellung ins Leben. Ziel war es, auf die Geschichten der Betroffenen durch deren Augen aufmerksam zu machen, und vor allem die Empowerment Perspektive hervorzuheben. In einer Vielzahl von auf Holzaufstellern aufgedruckten Texten, unterstützt mit Bild- und Tonbeispielen, sollen so die Regionalgeschichte von LSBT* vorgestellt und gleichzeitig im pädagogischen Sinn vor allem der jungen Generation positive, inspirierende Vorbilder aufgezeigt werden. So beweist die Ausstellung, dass es möglich ist, da zu sein, offen zu leben, glücklich zu sein, und dass es sich lohnt, auf sich aufmerksam zu machen – wenn auch noch immer viel getan werden muss.

Die Ausstellung reist seit Sommer 2018 durch verschiedene Orte MVs. Bis zum 28.03. ist sie noch im St. Spiritus in Greifswald zu besichtigen.

Bei der feierlichen Eröffnung am 16.02. waren u.a. auch Mitglieder der studentischen Gender Trouble AG und des Aktionsbündnisses Queer in Greifswald e.V. anwesend, die hier vor Ort nicht nur Veranstaltungen und Projekte planen, sondern auch als direkte Ansprechpartner zur Verfügung stehen.

Beitragsbild: Gestaltung: BAR PACIFICO/, Etienne Girardet. Fotos: Portrait »Gret Palucca« SLUB Dresden / Deutsche Fotothek / Hans Robertson; Portrait »Käthe Löwenthal« unbekannt, common sense wikipedia; Portrait »Richard Kley«Th-04-330, Stadtarchiv Stralsund; »Geburtshaus Sibylla Schwarz« Christian Rödel.

Bild: Julia Schlichtkrull

Kommentare

  1. Schwesternherz    

    Sehr guter Artikel. Leider immer noch aktuell.

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