Quer durch Europa Teil III

Von Italien nach Serbien, Deutschland und Lettland

In der letzten Ausgabe…

Vom sonnigen Trento in Norditalien aus, sind wir weiter nach Novi Sad in Serbien- Montenegro gereist, um auch dort für unsere Uni zu werben. Doch zuerst der entspanntere Teil.

Trotz Weinverköstigung am Vormittag und Freibier am Abend ist der Tag noch nicht zu Ende. Weiter geht´s mit dem Bus in einen Club, wo wir zu orientalisch anmutender Musik die Hüfte schwingen. Ich kaufe mir eine Cola mit Alkohol und bezahle für Alkohol mit Cola 180 Dinar – das sind ein bisschen mehr als 2 Euro. Später unterhalte ich mich mit dem Freund von Nataša, der von Deutschland weiß, dass viele Menschen bei den Wahlen die NPD gewählt haben und Deutschland ein großes Leistungspotenzial hätte, wenn man die Sache „richtig anpackt“.
Am nächsten Tag schleppen wir uns zum Frühstück ins Rektorat der Uni in Novi Sad. Eine Stunde später sind wir an einer Diskussion beteiligt zwischen einem Vertreter der Europäischen Kommission in Serbien und der Uni-Leitung über die EU und ihre Grenzen und Möglichkeiten. Danach haben wir einen VIP-Empfang beim Präsidenten der Region – Bojan Pajtic. Ein Kamerateam ist dabei und ein Butler sagt uns, wie wir uns benehmen müssen. Aufstehen, Hand schütteln, Name und Land nennen, hinsetzen und lächeln. Als dann der Präsident eintritt und die Begrüßungsformalitäten beendet sind, erzählt er uns einiges über das Land. Zwischen den Zeilen hört man großes Interesse an den westlichen Staaten heraus. Derweil bringen uns Butler Gebäck, Küchlein, Blätterteigtaschen und Getränke. Danach sind wir mit Fragen dran. Eine Stunde später gehe ich mit Julia durch die Stadt. Hier wechseln sich Stalinbauten mit modernen Bürohäusern ab – auch die Preise in den Läden sind sehr „modern“. Beim Abendessen bringt mir Zac einen portugiesischen Werbejingle bei und Marie aus Belgien sucht verzweifelt nach der Melodie eines deutschen Kinderliedes. Was sie meint ist „Frau Holle“.

Panikmache und fast 36 Stunden ohne Schlaf

Doch lange können wir uns nicht aufhalten. Die Reise geht weiter. Abends verabschieden wir uns von Novi Sad und fahren mit dem Zug im Schlafwagen Richtung Budapest, von wo aus unser Flieger nach Berlin geht. Doch die fünf Stunden Fahrt dahin, sind die nervenaufreibensten Stunden der ganzen Tour. Im Wagen warnt uns die Servicedame ausdrücklich vor Dieben an der ungarischen Grenze. Sie gibt uns die Anweisungen, niemandem in ihrer Abwesenheit die Tür zu öffnen, auf den unter den Decken versteckten Taschen zu schlafen, die Wertsachen direkt in die Hand zu nehmen, auf keinen Fall die Fenster zu öffnen und die Tür fest zu verriegeln. Ich mache mich auf eine Fahrt voller Gefahren bereit. Die vier Ausweiskontrollen überstehe ich nur durch ständiges Kontrollieren meiner Wertsachen und als wir um fünf Uhr in Budapest aussteigen, fühlen wir uns wie gerädert. Natürlich ist niemanden irgendetwas passiert. Trotzdem, die Sightseeingtour durch Budapest unter diesen Umständen und vor allem um diese Uhrzeit ist zuviel des Guten. Um neun Uhr putzen wir uns die Zähne in einem Hotel und können endlich ausgiebig frühstücken.
Wir diskutieren über Studiengebühren und darüber, dass man in Örebro 700 Euro Studienunterstützung pro Monat bekommt, die man zu 50 Prozent zurückzahlen muss.
Am Flughafen läuft alles wie gewohnt. Jedenfalls denke ich das. Bis ich mich mit zwei Polizisten in einem separaten Raum befinde und ihnen mein Gepäck präsentieren muss. Das verdächtige, orange Ding, das sie auf dem Monitor sehen, ist letztendlich mein Fön und keine Waffe. Was für ein aufregender Tag. Auch im Flugzeug nach Berlin ist an Schlaf nicht zu denken und so landen wir erschöpft in Deutschlands Hauptstadt.
Prof. Erhardt, Organisator der Tour, begrüßt uns und führt uns in die Jugendherberge, die wie eine Kulisse für GZSZ aussieht. Abendessen gibt’s dann in einem Restaurant in der Nähe der Humboldt-Uni, bevor wir dann endlich schlafen dürfen.
Nach neun Stunden Schlaf fühle ich mich wie neugeboren. Passend dazu scheint die Sonne und es ist warm. Deshalb nutzen wir das Wetter, einige erkunden die Stadt und andere gehen Shoppen. Spätnachmittags treffen wir uns am Flughafen wieder. Und alle berichten von einem tollen Tag in einer beeindruckenden Stadt. Der Flug geht nach Riga, wo wir eine Stunde Zeitverschiebung haben. Befreit applaudieren wir nach der unsanften Landung und dem schaukeligen Flug.
Unsere Unterkunft ist zwar mitten in der Innenstadt, aber die Zimmer erinnern trotzdem stark an den Warschauer Pakt, vor allem die Duschen lassen zu Wünschen übrig. Aber die Umgebung, die Stadt und das Programm werten das Ganze wieder auf. Wir essen lecker zu Abend in einem jugendlich-modernen Selbstbedienungsrestaurant und lassen den Tag ausklingen – wie soll’s anders sein – in einem Club. Hier ist auch das Bier so billig wie nirgends.

Die schönste Stadt des Nordens

Das Frühstück am nächsten Tag gibt es in der Uni und auf dem Weg dahin und auch hinterher bekommen wir einiges von der wunderschönen Stadt zusehen. Gebäude wechseln sich in ihren Baustilen ab, stehen in Einklang mit den hanseatischen Häusern der Altstadt und harmonieren mit den gepflegten Parkanlagen, in denen man überwiegend junge Menschen trifft. Und auch die Uni steht diesem positiven Eindruck in nichts nach. Lange Korridore, eine riesige Festtagshalle, bemalte Fenster und renovierte, großzügig gestaltete Räume machen den Gang durch die Uni zu einem Gang durch ein Museum.
Nach dem Mittagessen hören wir uns in der Festtagshalle den Vortrag über die Uni und Campus Europae an. Auch danach strömen massenhaft Studenten zu uns an die Stände, die meisten interessieren sich für unsere Masterstudiengänge. Doch danach ist es Zeit für die Saunaparty.
Mit eingezogenen Bäuchen und „swimming-dress“ stehen wir im Keller eines Hotels, das aus einer großen Sauna, einem Pool und einem Ruheraum besteht. Der Ruheraum wird kurzerhand zum Partyraum umfunktioniert, wo man sich nach einer Sauna-Pool-Session mit Alkohol und belegten Broten erholen kann. Nebenbei läuft Partymusik vom PC. Wir machen die Erfahrung, dass Alkohol und Sauna keine gute Mischung ist. Schon nach zwei Stunden sind wir fix und fertig. Wir hätten es wie die lettischen Geschäftsleute machen sollen, die zuerst ihren Feierabend feiern und zum Schluss in die Sauna gehen. Aber hinterher ist man immer schlauer.
Beim „chillen“ fragt mich Zac, was „attention“ auf Deutsch heißt, und sein „Achtung“ klingt wie ein Niesen: „Aschtung“.

Der Abschied naht

Nach einer sehr langen Nacht und nur wenig Schlaf, kommen wir mittags mit dem Flieger in Hamburg an, von wo uns der CE-Koordinator von Hamburg zu unserer Unterkunft bringt. In der Jugendherberge teilen wir uns vier Bäder mit zahlreichen Vierzehnjährigen, die gerade auf Klassenfahrt sind. Mit Zucht und Strenge macht uns die Hausherrin auf die Hausregeln aufmerksam und ignoriert hartnäckig den Fakt, dass wir Studenten sind. Klischee des „disziplinierten Deutschen“ be-stätigt, denke ich mir und bin selbst peinlich berührt. Die dringend notwendige Dusche, bevor wir aufbrechen müssen, wird verhindert durch pubertäre Mädchen in Mini-röcken, die sich stundenlang im Bad schminken müssen. Kein guter Tag heute.
Der traurige Höhepunkt des Tages folgt allerdings noch, als wir kurze Zeit später in einem frisch renovierten Raum sitzen und tatsächlich die Frage beantworten müssen, ob der Vortrag in Deutsch gehalten werden soll, oder ob doch alle Englisch können. Hier scheint niemand das Wort „global language“ zu kennen. Die Präsentation ist dann nur noch ein formeller Akt für die anwesenden Professoren im Raum. Abends feiern wir den Geburtstag von Nils, der eigens dafür im Gewölbekeller einen Tisch und Bier aus dem Fass gemietet hat.
Mit dem Bewusstsein, dass der Abschied naht und sich unsere Wege trennen werden, feiern wir noch ein letztes Mal ausgelassen. Wir stehen auf den Bänken und singen „Que sera“, während uns Gäste an anderen Bänken mit deutschen Seemannsliedern zu „übersingen“ versuchen. Aber gegen 26 Mann aus 14 Ländern in Partylaune sind sie machtlos.
Am nächsten Tag stehen keine Termine an, sodass wir Zeit zum Erholen haben. Am Abend besprechen wir die Zukunft von Campus Europae und wir beschließen, uns mit einer PowerPoint-Präsentation bei den Verantwortlichen aus Luxemburg für die einmalige Tour zu bedanken.
Vier von uns machen deshalb die Nacht durch und das Ergebnis kann sich sehen lassen.
Dann treten wir unsere letzte gemeinsame Fahrt im Zug Richtung Luxemburg an. Die Stimmung ist gedrückt, Adressen und andere persönliche Daten werden ausgetauscht, wir singen unzählige Male unsere neue Hymne „Campus Europae olé olé“ und erinnern uns noch mal an die tollen Tage.
Die gediegene Abschlussfeier in Luxemburg zusammen mit „group1“ und den Organisatoren ist ein trauriges Ereignis.
Nach tränenreichen Abschieden am nächsten Morgen verlässt die „German delegation“ mit zahlreichen unvergesslichen Erlebnissen, neuen Freunden und Erfahrungen aber auch mit der Vorfreude auf das eigene Bett Luxemburg.
So endet die „Tour d´Europe 2005“.

Auch wenn es mehr nach Vergnügen und Party aussah, war die Tour mit viel Arbeit und Stress verbunden, aber unbestritten bleibt, dass Campus Europae jedem Studenten diese unbezahlbaren Erfahrungen in einer der 15 teilnehmenden Städte ermöglichen kann.

Geschrieben von Katarina Sass

Ihr Kinderlein kommet

Weihnachten ist das Fest der Kinder. Grund genug also, die Jüngsten in den Mittelpunkt zu stellen, dachten sich die Mitglieder des Rotaract-Clubs Greifswald und verkürzten mit gleich zwei Aktionen vielen Kindern in der Hansestadt das Warten auf den Weihnachtsmann.

Für die Weihnachtsfeier der „Greifswalder Tafel“ hatten die 15 Aktiven, deren Leitideen helfen, lernen und feiern sind, Päckchen für 88 Kinder mit Spielzeug, Süßigkeiten und Obst gepackt. Mit tatkräftiger Unterstützung des Weihnachtsmanns verteilten sie diese dann am 16. Dezember. „Die Kinder haben sich riesig gefreut“, strahlt Anja Groß, die Präsidentin des Rotaract-Clubs in Greifswald. Doch es soll nicht bei der einmaligen Aktion bleiben. „Wir wollen den Kontakt aufrechterhalten und werden die Tafel weiter unterstützen.“ So ist für den Frühling eine Kleidersammelaktion für die Greifswalder Tafel geplant.
Am 19. Dezember hieß es dann „Film ab!“. In Zusammenarbeit mit dem CineStar zeigte Rotaract über 100 Kindern aus zwei Greifswalder Kindergärten den Film „Der kleine Eisbär 2“ – für zwei Euro pro Nase. „Die leuchtenden Augen der Kinder sind der schönste Dank“, freute sich Anja Groß hinterher. Diese wögen den Stress der Vorbereitung mehr als auf.
Auch nach Weihnachten geht das soziale Engagement der jungen Leute weiter. „Wir engagieren uns auch 2006 in unserem Dauersozialprojekt“, erzählt Anja. Seit einigen Jahren schon besuchen die Vereinsmitglieder Bewohner der „Seniorenresidenz Kursana“ um ihnen vorzulesen oder mit ihnen Spaziergänge zu machen.
Besonders die Hilfe vor Ort ist dem Verein wichtig. Im vergangen Sommer führten sie gemeinsam mit dem Uni-Klinikum eine Aktion durch, bei der sich mögliche Stammzellen-Spender kostenlos typisieren lassen konnten, um Krebspatienten zu helfen. Statt der erwarteten 50 hatten am Ende 75 Personen so den Weg in die deutschlandweite Spender-Kartei gefunden.Um gezielt helfen zu können, sucht Rotaract stets neue Ansprechpartner und Möglichkeiten, sich zu engagieren. Doch der Verein lebt von der Mitarbeit jedes einzelnen. „Gäste sind uns deshalb jederzeit willkommen“, so Alexander Hegenbart, der Vizepräsident des Clubs.

Geschrieben von Kai Doering

Interview: „Es war ein unglaublicher Marathon“

Was verschlägt einen Greifswalder Professor für öffentliches Recht, Finanz- und Steuerrecht aus Greifswald zur Weltklimakonferenz nach Montreal? Seine wissenschaftliche Arbeit: Michael Rodi beschäftigt sich nicht nur mit Umweltsteuern, sondern der studierte Politologe und Jurist ist auch sehr an Green Politics interessiert, also einer nachhaltigen Energie-, Landwirtschafts- und Verkehrspolitik. Übrigens war Michael Rodi nicht der einzige Greifswalder Professor in Montreal: Sein Philosophie-Kollege Konrad Ott, der sich mit Umweltethik beschäftigt, war ebenfalls unter den rund 40 deutschen Delegierten.

moritz: Mit welchen Erwartungen sind Sie nach Montreal gefahren?
Professor Michael Rodi: Es war hauptsächlich Neugierde. So eine Konferenz ist eine seltene Gelegenheit, Forscher und Vertreter von Umweltorganisationen aus der ganzen Welt zu treffen. Natürlich war es auch höchst spannend, zu erleben, was auf der ersten Vertragsstaatenkonferenz nach Inkrafttreten des Kyoto-Protokolls passiert – dabei ging es um Sein oder nicht Sein.

Wie muss man sich solche Verhandlungen vorstellen: Sitzt man wirklich 24 Stunden und diskutiert?
Es sind sehr intensive Diskussionen für die Verhandlungsteilnehmer. Die Vertragsstaaten sind ja in verschiedenen Gruppen zusammengeschlossen, also die EU, die Amerikaner mit ihren Verbündeten oder die Dritte Welt-Länder. Jeder musste ständig die eigene Position mit seiner eigenen Delegation und gleich gesinnten Staaten rückversichern, was für die Teilnehmer ein unglaublicher Marathon war.

Die Amerikaner stellten sich auf der Konferenz stur. Was sind ihre Erfahrungen?
Die USA begleiteten einen Prozess, den sie politisch nicht wollten. Dennoch kamen sie mit einer großen Delegation, deren einziges Ziel es war, destruktiv zu sein und Konsens zu verhindern. Ihnen war kein Trick zu dumm und zu schade. Ihr Lieblingstrick war, bei den Diskussionen am Anfang erst einmal Geschäftsordnungsanträge zu stellen. Ging es dann endlich inhaltlich zur Sache, haben sie ständig nach wankelmütigen Staaten im Lager der Kyoto-Vertragsstaaten gesucht.

Überschatten diese unangenehmen Erfahrungen ihr Bild von den USA?
Nein, denn bei den Side-Events der Konferenz waren unglaublich viele engagierte Amerikaner aus der Wissenschaft und von den NGOs, die mein USA-Bild wieder versöhnten. Man muss sich immer vor Augen halten, dass die Bush-Regierung nur einen Teil Amerikas vertritt.

Ex-US-Präsident Clinton hat die Konferenz gerettet, indem er die Amerikaner am letzten Tag zum Umdenken bewegte?
Die Verhandlungen über die Zukunft von Kyoto werden fortgeführt – es gibt also einen Beschluss, weiter zu reden. Darauf haben sich die Amerikaner eingelassen. Allerdings bin ich persönlich Realist: Selbst wenn das Kyoto-Protokoll bis 2012 umgesetzt würde, wäre das Klimaproblem damit noch nicht gelöst.

Wie ernst haben die Medien die Konferenz genommen?
Leider war das Interesse der Medien durch die fast zeitgleichen Verhandlungen der WTO in Hongkong abgelenkt. Außerdem besteht allgemein das Gefühl, dass die internationale Klimapolitik wegen den USA stagniert. Dennoch setzt sich langsam bei Wissenschaftlern und Medien die Meinung durch, dass Klimapolitik die wichtigste Umweltpolitik überhaupt ist.

Geschrieben von Ulrich Kötter

Mecklenburg – Vorpommern: Ein Schützengraben?

Die Einführung von Studiengebühren beginnt dieses Jahr – anderswo

Die Einschläge kommen näher. Zum Oktober dieses Jahres wollen vier Bundesländer – Baden-Württemberg, Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen – allgemeine Studiengebühren einführen. Ab Oktober sollen Studenten in diesen Ländern bis zu 500 Euro Gebühren pro Semester dafür hinlegen, studieren zu dürfen. Nicht nur die Langzeitstudenten. Nicht nur diejenigen, die von außerhalb zum Studieren ins Land kommen. Und erst recht nicht nur diejenigen, die schon ein Zweitstudium anfangen oder angefangen haben. Nein, jeder einzelne, jede einzelne, alle.

Die Zeiten, in denen das gebührenfreie Studium als zivilisatorische Errungenschaft betrachtet wurde, scheinen vorbei. So werden heute immer wieder die gleichen Argumente von den gleichen Leuten für die Studiengebühr ins Feld geführt, allen voran die selbsternannten Vernunftspolitiker in CDU und SPD. Ja, auch in der SPD.
Es heißt, man komme um Sparzwänge nicht herum, man müsse die jungen Leute außerdem auf Leistungsfähigkeit trimmen. Auch sei es ja wohl sehr einfach, Studiengebühren sozialverträglich zu gestalten. Der Gefahr, die Anzahl der Studierenden aus sozial schwächeren Familien könnte noch weiter zurück gehen, könne man ganz einfach durch Modelle von Studienkonten, Studienkrediten und mehr Stipendien begegnen. Die Unerheblichkeit der Kosten, die einer Universität durch länger Studierende entstehen, ignoriert man, weil es sich bei der Wählerschaft am Stammtisch gut macht, wenn man sich über faule Studenten aufregt.
Ein grundlegendes Problem wird dabei ignoriert oder ausgeblendet. Abgesehen davon, dass die Verfassungsmäßigkeit von Studiengebühren in Deutschland auf keinen Fall sicher ist, sind seit 1976 auch menschenrechtliche Verträge in Kraft. Mit anderen europäischen Staaten verpflichtete sich Deutschland im internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, den Hochschulunterricht „auf jede geeignete Weise, insbesondere durch allmähliche Einführung der Unentgeltlichkeit, jedermann entsprechend seinen Fähigkeiten zugänglich“ zu machen. Dies begründet sich auf der Anerkennung des Rechtes eines jeden auf Bildung. Dem Studenten bleibt nur zu hoffen, dass sich Politiker mit ihren Forderungen nach Studiengebühren spätestens wegen dieses Vertrages in die Nesseln setzen.
Hoffnung darauf besteht noch. So stellte das Bundesverwaltungsgericht in der Begründung einer Entscheidung zu Rückmeldegebühren fest: Der völkerrechtliche Charakter dieses Vertrages schließe nicht aus, dass einzelne aus diesem unmittelbar Rechte ableiten könnten. Damit wäre zumindest neben der Frage der Verfassungsmäßigkeit ein weiterer Angriffspunkt für die wenigen verbleibenden Gebührengegner vorhanden, die noch nicht in den Chorus über Sparzwang, so genannte Vernunft und Schluderstudenten eingefallen sind.
Was interessiert das jetzt die Studenten in Mecklenburg-Vorpommern? Schließ-lich spricht sich die Landespolitik hier seit Jahren immer noch gegen die Einführung allgemeiner Studiengebühren aus. Es ist einfach nicht damit zu rechnen, dass die Landesregierung, die dieses Jahr neu gewählt wird, sehr lange auf ihrem Standpunkt bestehen bleiben wird. Trotz der Notwendigkeit für das Land, mehr Studenten anzuziehen, gibt es jetzt schon genügend Menschen, die darin kein Konfliktpotential sehen.
So arbeitete zum Beispiel der Greifswalder Professor Wolfgang Joecks, nebenbei Senatsvorsitzender, mit einer Arbeitsgruppe ein Modell zur „nachhaltigen Finanzierung unserer Universität“ aus (siehe moritz 49). Darin sprach er sich ungeachtet möglicher Abschreckungseffekte für eine nachträgliche Finanzierung der Universität durch ehemalige Studenten der Greifswalder Alma Mater mit einem bestimmten Mindesteinkommen aus. Weiterhin forderte er die Erhöhung des Semesterbeitrages um rund 90 Euro – mit der einfachen Begründung, weitere Ausgaben von 50 Cent pro Tag könne jeder Student aufbringen.
Was ihm diese Einsicht in eines jeden Studenten Geldbeutel verschaffte, ließ er ebenso offen wie den Grund für seine Sicherheit, mit der er über mögliche Probleme für die Studierendenzahlen in M-V hinwegsehen konnte. Ebenso wurde nicht klar, warum er einerseits die Landesregierung kritisierte, nie Beweis darüber geführt zu haben, dass kein Geld für die Hochschulen da sei. Andererseits legte er nicht dar, warum sich bei einer nachträglichen Finanzierung durch fertige Studenten das Land nicht noch weiter aus der Hochschulfinanzierung zurückziehen sollte. Doch auch ohne diesen Beitrag von Joecks ist zu erwarten, dass in der Landespolitik die normalen Abschleifprozesse der Tagespolitik dazu beitragen werden, Meinungen zu relativieren und Positionen zu schwächen. Das Diktat der vermeintlichen Vernunft, hinter dem ein alles ökonomisierendes Weltbild steht, wird es sich nicht nehmen lassen, die verbleibenden Widerstände aufzureiben. Wer das kostenfreie Studium als etwas Positives ansieht, das es um jeden Preis zu erhalten gilt, gerät schnell ins Kreuzfeuer. Diejenigen, die sich nicht mehr entsinnen, dass derartige Errungenschaften erkämpft werden mussten und so schnell nicht wiederhergestellt werden, müssen sich mit dem Vorwurf auseinander setzen, primär an sich zu denken und nicht auch an jene, die sozial schwächer gestellt sind.Auf die Kurzsichtigkeit der Menschen kann man sich wohl verlassen. Meck-lenburg-Vorpommern wird so zu einem Schützengraben gegen Studiengebühren werden, der früher oder später von hinten ausgebombt wird. Die Klagenden können dann die Reste eines Systems zusammenkratzen.

Geschrieben von Stephan Kosa

Arvids Kolumne: „Too much history, man“

Mit den weißen „Lost-in-translation“-Hausschuhen schlurfte ich über den Flur des Hostels. Unweigerlich wurde ich mit Lewis konfrontiert. „Good morning!“, I said, äh, sagte ich. Schwer atmend erwiderte er den Gruß. Der korpulente Herr von circa 35 Jahren saß vor einem Wirrwarr aus Klamotten und anderen Utensilien, das er versuchte in seinen Koffer zu verstauen.

Als ich aus dem Bad zurück zum Zimmer ging, war ihm dieses Wunder fast gelungen, jedoch machte er einen aufgelösten Eindruck. „You are leaving today?”, fragte ich. „Yes, man. But I can’t find my battery charger.“ Er verwies auf das „iPod“-Gerät, das offenbar multifunktional war und teuer aussah. „Maybe it’s between all your things“, versuchte ich ihn zu beruhigen. Die Unruhe in seinem Wesen ließ auch nicht nach, als er einsah, dass das Teil momentan nicht auffindbar war.
„OK. Come on! Let’s go up to take breakfast!” sprach er mit offenbar chronischem Bewegungsdrang. „Just one moment!“ beruhigte ich ihn. Ich ging leise in mein Zimmer, um die beiden asiatisch-stämmigen Kalifornier und den Brasilianer nicht aufzuwecken, zog meine Schuhe an, nahm die „Keycard“ aus dem Kulturbeutel und folgte ihm die alte Treppe des historistischen Gebäudes hinauf zu Rezeption und Frühstücksraum.
Als wir uns mit Brötchen, Marmelade und Latte Macchiato aus einem Automaten, an dem der Kaffee um diese Zeit „for free“ war, eingedeckt hatten, nahmen wir in einem Raum Platz, wo auf einem Fernseher permanent MTV lief. „You come from America?“ fragte ich ihn. „Right, man. From New York.“
„How did you like Rome?“ Ich befand mich seit vier Tagen in der “Ewigen Stadt” und wollte nun erfahren, welchen Eindruck sie auf einen Bewohner der Neuen Welt machte. „Too much history, man. Too much history.” Sein unruhiger Blick richtete sich auf eine Wand des Raumes. „What does this mean? I was there, but tell me, man. You know it.” Vor uns war eine mittelmäßige Adaption des berühmten Details aus den Fresken der Sixtinischen Kapelle von Michelangelo. „It’s just the moment, when God gives the life to Adam.” Vor meinen Augen ließ ich den vorangegangenen Tag Revue passieren, wo ich mit verrenktem Hals die unzähligen Details dieser „Kapelle“ betrachtete, die in unseren Breiten etliche Kirchen in den Schatten stellen würde, hier aber im Verhältnis zum hypertrophen Petersdom wie „rangeklatscht“ wirkt.
„You know a lot, man. – But I don’t like Rome. Too much history, man. Too much history.” Ich meinte seine Einstellung etwas nachvollziehen zu können. Die Zahl der Kirchen, die ich mir in diesen wenigen Tagen ansah, kann ich auch heute nicht klar definieren. „Yes, it was also for me a lot. I have just focussed on the Christian art. You know the big churches from the emperor Constantine…” – „Constantine? Was it a good guy or a bad guy?” – “Oh…” Ich musste überlegen, wie ich ihm antworten sollte. „It was a good guy“, sagte ich dann. Es machte wohl wenig Sinn, ihm zu erklären versuchen, dass so ein pauschal-dualistisches Urteil eigentlich nicht zu fällen war, sondern dass es immer erst aus der historischen Nachbetrachtung entsteht. So hatte der als „böser Antichrist“ verschrieene Kaiser Diokletian wesentliche Reformen durchgesetzt, die Konstantin in vielen Teilen übernahm. Die Ausmaße der von ihm gestifteten Thermenanlage, deren Reste hier „gleich um die Ecke“ lagen, sind heute noch beeindruckend.
In diesem Moment wurde mir jedoch klar, dass all dies für Lewis kaum nachvollziehbar war. Wie sollte er erkennen, dass die barocke Kirche „Santa Maria degli Angeli“ in ihrer heutigen Form erst über 1000 Jahre später in die spätrömische Badehalle eingebaut wurde? War ihm bewusst, dass Julius Caesar das Kolosseum nie gesehen hat? War für ihn Kaiser Nero eine ebenso historische Gestalt wie Sir Peter Ustinov?
Ich frage mich, ob bei ihm überhaupt ein derartiges chronologisches Bewusstsein existierte, wie es hierzulande vermittelt werden soll. Waren für ihn die Hollywoodbilder nur Schlaglichter in einem unförmigen Nebelwald, der als „ancient times“ abgetan wurde? Waren sie Exempla für einen moralisierenden Geschichtsentwurf, wie er beispielsweise in der Frühen Neuzeit ausgeprägt war?
Bei der Greifswalder Fachtagung „Wahre Geschichte – Geschichte als Ware“ am zweiten Januarwochenende 2006 wurde mir jedoch vor Augen geführt, dass selbst im Elfenbeinturm des Historikers die Grenze zwischen der abstrakten wissenschaftlichen Erkenntnis und den vermeintlich als klar fiktiv abgetanen Bildern verschwimmt. Sollte diese vermeintliche Rationalität nichts weiter als der „intellektuelle Hochmut“ des zephirgleichen Williams von Baskeville bei Umberto Eco sein, der auch für unsereinen in Personalunion mit Sir Sean Connery tritt?
Jedenfalls kam es dem wenig konzentrationsfreudigen Lewis in den Sinn, vor seiner Abreise nach Madrid einen Internet-Zugang zu suchen. „Just go to the Termini station. There is an internet pool in the big hall.” – “OK, man. Let’s go there.” – “Oh, not so fast. Let me eat my breakfast. We meet there in half an hour, OK?” – “All right, man.” Da war er auch schon verschwunden.

Geschrieben von Arvid Hansmann