von Archiv | 17.05.2005
Greifswald International Students Festival 2005
Wie fackelt man die Welt ab? Mit dieser Frage setzten sich ein paar gewissenhafte Studenten im kreativen Teil ihrer Bewerbung für das Greifswald International Students Festival 2005 (GrIStuF) auseinander.
Sie hätten eigentlich über das Thema ?Touch the world?, das Motto des diesjährigen Festivals, philosophieren sollen, doch die Pyromanen gaben einem Druckfehler den Vorrang, der wie ein Aufruf zur Rebellion klingt: ?Torch the World?!
Nach drei Jahren ist es endlich wieder soweit: 450 Studenten aus über 100 Ländern werden sich vom 4. bis zum 12. Juni in Greifswald versammeln um die Welt zu verändern. Eingeteilt in Gruppen mit maximal 20 Personen werden sich die Teilnehmer eine Woche lang mit einem der fünf zur Auswahl stehenden Themen befassen: Grüne Globalisierung, Konflikte in der Welt, Interkulturelles Lernen und Bildungssysteme, Entwicklungszusammenarbeit, Bioethik und Migration. Seit zwei Jahren läuft die Vorbereitung für das Festival. Etwa 800 Einladungen wurden an Universitäten in über 100 Länder versandt. Während sich die Resonanz aus Europa in Grenzen hält, zeigen ghanaische und ägyptische Studenten gesteigertes Interesse. Warum sich so wenige Europäer gemeldet haben, können sich Julia Gruyters und Manuel Kniep von GrIStuF e.V. nicht erklären. Die hohe Zahl afrikanischer Bewerber erinnert sie allerdings an das letzte Festival vor drei Jahren. Waren es damals Nigerianer, die entweder gar kein oder nur schwer ein Visum bekamen, so sind es in diesem Jahr vornehmlich Studenten aus Ghana. Für viele junge Afrikaner ist die Einladung nach Greifswald die einzige Chance, wenigstens für kurze Zeit ihre Heimat zu verlassen und neue Kulturen kennenzulernen. Um ausreisen zu dürfen, müssen sie bei der Deutschen Botschaft eine schriftliche Einladung vorweisen können. In einem persönlichen Gespräch prüfen die dortigen Beamten dann ihre Glaubwürdigkeit. Ob jemand unglaubwürdig wirkt, wird nach Gefühl entschieden. Konkrete Richtlinien gibt es dafür nicht. Besonders schwer ist es für ledige Afrikaner zwischen 20 und 30 Jahren ein Visum zu bekommen da es für sie viele gute Gründe geben würde, nicht wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Die Glücklichen, die es nach Greifswald schaffen, erwartet dann aber auch harte Arbeit. Ihr Stundenplan ist ziemlich voll. Das Vorurteil, die ganze Veranstaltung sei eine einzige Party, bestätigt sich wirklich nicht. Ein Problem ist allerdings, dass es in den Gruppen, abgesehen von den jeweils zwei Groupleadern, keine Deutschen gibt. Um dieses Ungleichgewicht wieder auszubalancieren, bemüht man sich rege, die hiesige Bevölkerung in die Kulturveranstaltungen einzubinden. So findet zum Beispiel am 5. Juni, dem Tag der Eröffnung, ab 10.00 Uhr der ?International Brunch? statt. Wie friedlich es auf der Erde zugehen könnte, zeigt sich im Kleinen, wenn die gegensätzlichsten Kulturen beim zweiten Frühstück auf dem Markplatz ganz entspannt an ihren Nutella-Brötchen kauen. Wer letztere satt hat, kann sich von französischem Brioche bis hin zu irischen Scones auch etwas kultivierter überfressen. Mitgebrachtes Essen ist erwünscht. Auch der Poetry Slam, der Umzug, der Interkulturelle Medienpool und der 24h-Photomarathon bieten Greifswaldern und Festival-Teilnehmern die Gelegenheit, sich kennen zu lernen. Und genau darum geht es auch den Veranstaltern. Toleranz muss sich entwickeln und kennt, laut Manuel Kniep, kein Maximum. Entstanden ist die Idee, ein Festival in Greifswald zu veranstalten, vor vier Jahren, als sich der Physik-Student Kniep mit einem Freund auf dem International Students Festival in Trondheim/ Norwegen herumtrieb. Noch ganz erfüllt von den Eindrücken, beschlossen sie auf der langen Zugfahrt nach Hause das Erlebte in Greifswald zu wiederholen. Viele Steine mussten aus dem Weg geräumt werden, bis 2002 das erste Greifswald International Students Festival stattfinden konnte. Damals gründete sich auch Radio 98.1, das ursprünglich nur als Festival-Radio gedacht war. Im Juni wird es diese Funktion wieder aufnehmen und rund um die Uhr live berichten. Wem das nicht reicht, der kann sich jeden Tag eine Stunde von Moritz TV informieren lassen (siehe Seite 28). Für alle anderen, die ihre Wohnung noch verlassen können besteht dringende Anwesenheitspflicht!
Geschrieben von Henrike Steiner
von Archiv | 17.05.2005
… und von alten Studententraditionen
Vor kurzem war es endlich soweit: Pünktlich zum Feiertag am ersten Mai zeigte sich das Wetter von seiner besten Seite und bescherte uns hochsommerliche Temperaturen. Ideale Bedingungen also, um in der Walpurgisnacht gemäß der langjährigen Tradition den alten Herrn Mai zu begrüßen.
Aber Moment mal: Wen begrüßen? Wann, wieso, wo, und was soll das Ganze?
Vielleicht gehört Ihr ja auch zu den ?Neulingen?, die mit diesem schönen Brauch gar nichts mehr anfangen können.
Bis letztes Jahr war dies jedenfalls ein alljährlich wiederkehrendes gesellschaftliches ?Großereignis?. Gegen 23.30 Uhr versammelten sich in der Nacht zum ersten Mai hunderte Studenten und Ehemalige auf der Rubenowbrücke, der Wall war unpassierbar, man kam bis maximal 200m vor der Brücke durch, fand sich gegenseitig vor lauter Menschenmassen nicht wieder, und allein nach meinem Fahrrad musste ich vor zwei Jahren etwa zwei Stunden suchen.
Bei Bier und Kerzenschein wurden dann studentische Lieder aus dem ?Blauen Würger? gesungen, und pünktlich um 24.00 Uhr erschien ein als ?alter Herr Mai? verkleideter Professor und feierte mit allen die Biermesse. Und wer die nicht kennt, dem kann ich auch nicht helfen.
Ja. So war das bisher. Ich weiß nicht, wann dieses Mai-Singen das erste Mal stattfand und wer es initiierte, in den letzten Jahren sorgte Gerüchten zufolge immer der Mensaclub dafür, dass es einen alten Herrn Mai (und Bier) gab, dieses Jahr jedoch war das Ganze wohl zu kurzfristig geplant, keiner schien sich zuständig zu fühlen.
Obwohl ich nirgends etwas gehört hatte, wollte ich den pessimistischen Stimmen meiner Freunde nicht recht glauben, die keine Lust hatten, umsonst zur Brücke zu marschieren, da es schon im letzten Jahr keinen alten Herrn Mai gegeben habe. Ich war im Ausland gewesen, konnte mir aber nicht vorstellen, dass der schöne Brauch des Studentensingens innerhalb nur eines Jahres vergessen worden war. Denn ein erster Mai ohne Mai-Singen auf der Brücke…?
So machte ich mich auch in diesem Jahr gegen 23.30 Uhr frohen Mutes auf den Weg zur Rubenowbrücke, die nötige Ausrüstung (Kerzen, Würger, Alkohol) im Gepäck, und -angesichts des zu erwartenden Gedränges und aufgrund zu naher Bekanntschaft meiner Jacke mit Kerzenwachs – in alten Klamotten.
Auf dem Weg traf ich drei Mädels, die zufällig am selben Tag überhaupt zum ersten Mal etwas von diesem Mai-Singen gehört hatten. Da auf der Brücke nur drei (!) weitere Leute standen, wurden die Mädels anscheinend schnell abgeschreckt und waren kurz darauf verschwunden.
Glücklicherweise kamen noch ein paar andere – alteingesessene Greifswalder, die sich sogar extra ein Taxi genommen hatten um nur ja pünktlich zu sein -, so dass sich zumindest ein ?Vorsänger? für die Biermesse fand. Einen alten Herrn Mai gab es nämlich nicht.
Wohin soll das führen? Wären die etwa 15 Leute einer Studentenverbindung nicht gewesen, hätten wir wohl nicht mal Liederbücher gehabt, mal ganz abgesehen davon, dass einige textmäßig reichlich schwach auf der Brust waren.
In der letzten Zeit gab es kaum eine Woche ohne Studentenversammlung, Protestkundgebung, Staffellauf oder einer sonstigen Demonstration der studentischen Verärgerung angesichts Schweriner Kürzungspläne. Die meisten von uns haben wahrscheinlich öfter einen ?Protestmoritz? als eine Tageszeitung gelesen!
Aber sollten wir uns nicht mal überlegen, wofür wir eigentlich demonstrieren? Geht es wirklich um den Erhalt des studentischen Lebens und der Uni in Greifswald oder wollen wir einfach nur ein technisch und personell bestausgestatteter Massenabfertigungsbetrieb à la Berlin oder München werden?
Versteht mich nicht falsch: Ich denke auch, dass wir alle mit (fast) allen Mitteln für das Fortbestehen unserer Uni, für bessere Studienbedingungen und gegen den Stellenabbau und andere Kürzungen streiten sollten.
Aber wenn Greifswald weiterhin mit den Argumenten ?kleine, familiäre Uni? und ?älteste Uni? oder ?Uni mit Tradition? Studenten aus allen Teilen Deutschlands anziehen will, sollte man meiner Meinung nach ab und zu mal in seiner Protestbegeisterung innehalten und sich den Sinn der Proteste vergegenwärtigen, anstatt blind der studentenbedingten Masse(ndemo) zu folgen: Erhalt der Greifswalder Uni – nicht nur hinsichtlich materieller Ausstattung und Personal, sondern mit allen damit verbundenen Bräuchen und Traditionen.
Geschrieben von Julia Mai
von Archiv | 17.05.2005
Die SMD veranstaltet Hochschultage und möchte über Gott und die Welt diskutieren.
Was ist Wahrheit? Wer ist Gott? Und wer war Jesus? Drei Fragen, die nicht nur religiöse Studenten interessieren könnten – davon sind Kathrin Messinger, Jan Hilbig und Christian Eichkorn überzeugt.
Sie sind Mitorganisatoren der ?Hochschultage von Christen an der Uni?, die vom 30. Mai bis 2. Juni dieses Jahres stattfinden und unter dem Motto ?sichtbar ungesehen – unsichtbar gesehen? stehen. Und sie sind alle drei Mitglieder der Hochschul-SMD Greifswald, der lokalen Hochschulgruppe der Studentenmission Deutschland. Einige Studenten stempeln die Gruppe als Sekte ab, andere widersprechen. Sie freuen sich über die Gelegenheit, über Glauben im Gemeinen und Jesus und die Bibel im Besonderen zu sprechen. Nein, versichern die drei Organisatoren auf Nachfrage, missionarische Überzeugungstäter seien sie nicht, aber ins Gespräch kommen wollen sie und jeder sei eingeladen, mitzudiskutieren.
Nicht nur Gesprächsstoff wird es geben, sondern auch reichlich Stoff zum Hören, Sehen und Essen. Am Montag tritt die Ska-Rock-Band ?Accident? aus Kassel auf, am Mittwoch flimmert ?Die Truman-Show? über die Leinwand. Beides findet im kleinen Saal der Mensa statt. Dazwischen am Dienstag ein ?kultureller Abend? und am Donnerstag als Abschluss ein Studentengottesdienst. Während der gesamten 4 Tage gibt es gegenüber der Domburg Kaffee und Kuchen. Als Referent ist Pfarrer Eckard Krause eingeladen, Reisender in Sachen Religion. ?Der schaut gern mal über den Tellerrand, reist viel in der Welt herum und beschäftigt sich mit aktuellen Themen?, so Christian.
Hochschultage zu veranstalten ist nichts Neues. Der SMD gehören rund 90 Studentengruppen an 90 Universitäten in Deutschland an. Allein in diesem Jahr gebe es an 21 Universitäten ähnliche Veranstaltungen, erzählt Kathrin. Vor gut einem halben Jahr habe die Greifswalder Gruppe beschlossen, Hochschultage zu veranstalten und dazu 11 Teams für die Organisation der einzelnen Aktionen gebildet. Selbstironisch heißt etwa das Team für die Abendgestaltung ?Harald-Schmidt-Team? oder die Öffentlichkeitsarbeitsgruppe ?Verona Feldbusch?.
Sichtbares Fazit der 4 Tage könnte sein, dass es vielleicht doch Gesprächsbedarf gibt über religiöse Fragen. Und regnen wird es übrigens auch nicht an den 4 Tagen, da ist sich Kathrin sicher: ? Bei strahlendem Sonnenschein werden die Studenten im Café klönen und genießen!?
Geschrieben von Ulrich Kötter
von Archiv | 17.05.2005
Vancouver ist eine pulsierende und multikulturelle Stadt, umgeben von wunderschöner Natur. Es ist nicht verwunderlich, dass diese Stadt Lebensqualität betreffend weltweit immer ganz vorne liegt. Hier lässt es sich bestimmt gut leben, zumindest wenn man nicht in Vancouvers Downtown Eastside zuhause ist.
In einer der ärmsten Gegenden Kanadas bestimmen Drogen und Prostitution das Straßenbild. Diesen Schauplatz hat der Kanadier Nathaniel Geary für sein Spielfilmdebut „On the Corner“ gewählt.
Der junge Aboriginal Randy (Simon Baker) verlässt sein Reservat in Prince Rupert und macht sich auf den Weg zu seiner Schwester nach Vancouver. Auf der erfolglosen Suche nach einem anderen, besseren Leben hat es Angel (Alex Rice) nicht weiter als bis in das Rotlichtviertel Downtown Eastside geschafft. Sie ist eine drogenabhängige Prostituierte, wohnt in einem schäbigen Motel und ist alles andere als begeistert als Randy vor ihrer Tür steht. Ihr kleiner Bruder jedoch hat Träume und möchte sich und Angel ein besseres Leben aufbauen. Aber dazu benötigt er Geld. Der anfangs unschuldige Junge findet schnell heraus, wie er dieses auf den Straßen an der Eastside verdienen kann. Er beginnt zu dealen und gerät nach kurzer Zeit selbst in den Teufelkreislauf der Abhängigkeit. Viel zu spät bemerkt Angel die Veränderungen ihres Bruders. Sie beginnt, ihr eigenes Leben zu überdenken und fasst einen Entschluss: Sie will mit Randy in das Reservat zurückzukehren.
„On the Corner“ ist ein Drama voller Emotionen und Authentizität. Nathaniel Geary arbeitete selbst fünf Jahre als Sozialarbeiter an der Eastside und portraitiert in seinem Film schonungslos das Leben Drogenabhängiger, Ausreißer und Verlierer der Gesellschaft. In Deutschland ist dieser Film unter dem Titel „Vor dem Absturz“ erschienen und wurde beim Internationalen Mannheim-Heidelberg Filmfestival mit einem Spezial-preis ausgezeichnet.
Geschrieben von Anne Schult
von Archiv | 17.05.2005
Ein Stückchen weite Welt
Vom 13. bis 15 April veranstaltete das Institut für Anglistik/Amerikanistik ein Symposium zum Thema ?Aboriginal Peoples in Canada in the 21st Century?. Öffentliche Lesungen, Diskussionen und Filmvorführungen gewährten dem interessierten Greifswalder einen Einblick in das Leben und die Kultur der Ureinwohner Kanadas.
Rabe, Raubwal, Donnervogel
Zeitgenössische Kunst von Indianern der kanadischen Pazifikküste
Am 15. April wurde die Ausstellung ?Rabe, Raubwal, Donnervogel. Zeitgenössische Kunst von Indianern der kanadischen Pazifikküste? im Sankt Spiritus eröffnet. Dank der Unterstützung von Seiten der Kanadischen Botschaft in Berlin war es möglich, diese Sammlung indigener Künste nach Greifswald zu holen.
In den 60er Jahren erlebte die Kunst der Indianervölker der kanadischen Pazifikküste einen bemerkenswerten Aufschwung. Neben den traditionellen Kunstwerken wie Wappenpfählen, Tanzmasken und Silberschmuck gesellten sich neuere, modernere Methoden hinzu. So findet man heute Siebdruck auf Textilien und Papier beziehungsweise am Computer erstellte Kunstwerke. Die Künstler selbst sind unterschiedlichster Herkunft. Vom Autodidakten bis zum Kunsthochschüler ist alles vertreten.
Doch trotz Fortschritt und wachsendem Einfluss anderer Kunststile bleibt die indigene Kunst ihren Traditionen treu. Gerade die Spannung zwischen Moderne und Tradition machen ihren Reiz und ihre Lebendigkeit aus. Noch immer findet man die typisch abstrakte Formensprache und die Dominanz schwarzer Formlinien. Die dargestellten Motive stammen zumeist aus Erzählungen, Familienlegenden und Mythen. So zeigt der Siebdruck Through the Smokehole von Phil Janze (Tsimshian) ein Motiv des von vielen Westküsten Völkern vertretenen Rabenmythos.
Vor langer Zeit war die Erde dunkel und Armut beherrschte das Leben der Menschen. Ein alter Häuptling hatte die Sonne vom Himmel geholt und in einem Kästchen versteckt. Der Rabe, ein Vogel mit weißem Gefieder hörte von diesem Kästchen und schlich sich bei dem Häuptling ein. Er überlistete den alten Mann und brachte ihn dazu, mit dem Licht spielen zu dürfen. Er schnappte es sich und flog mit ihm durch das Rauchloch. Der nun vom Ruß schwarz gefärbte Rabe flog in den Himmel und von jenem Tag an sorgten Sonne, Mond und Sterne für Licht auf der Erde.
Ein großer Teil der erstellten Schnitzereien und Silberarbeiten wird auch heute noch für den Eigenbedarf gefertigt. Der Siebdruck hingegen lässt sich in Galerien, Museen und im Internet wiederfinden. Zurzeit beschränkt sich dies jedoch noch größten Teils auf Kanada und die Vereinigten Staaten. In Europa ist diese Kunst noch weitgehend unbekannt. Daher sollte man die Chance nutzen und sich die noch bis zum 27. Mai im Sankt Spiritus befindliche Ausstellung ?Rabe, Raubwal, Donnervogel. Zeitgenössische Kunst von Indianern der kanadischen Pazifikküste? anschauen.
„Tsawalk: A Nuu-chah-nulth Worldview“
Den krönenden Abschluss der Ausstellungseröffnung im Sankt Spiritus bildete die Lesung des Erbhäuptlings der Nuu-chah-nulth, Dr. E. Richard Atleo.
Umeek, so sein Nuu-chah-nulth Name, ist Professor der First Nation Studies und stellte im Sankt Spiritus sein 2004 erschienenes Buch ?Tsawalk: A Nuu-chah-nulth Worldview? vor. Mit Wortwitz und lebhaften Beschreibungen zog Dr. Atleo die Zuhörer schnell in seinen Bann. Eine kurze Demonstration seiner Muttersprache sorgte für Erstaunen, so ungewöhnlich und verschieden von den uns sonst vertrauten Lauten. Diese Sprache war es, die James Cook hörte, als er 1778 in Nootka Island an der kanadischen Westküste an Land ging.
Mit ?Tsawalk: A Nuu-chah Worldview? (?Eins: Eine Nuu-cha Weltanschauung?) entwickelt Atleo eine Theorie, die das Universum als etwas Ganzes, als eine Einheit von sowohl physikalischen als auch spirituellen Elementen ansieht.
Die Weltanschauung des ?Heshook-ish tsawalk? (?Alles ist eins?) basiert auf alten Erzählungen. Sie legen Grundsteine des Wissens und helfen, die Welt und das Dasein zu interpretieren. Atleo demonstriert, wie diese Ansichten westliche Wissenschaft komplettieren und erweitern. Seiner Meinung nach erhöht eine Verschmelzung indigener und westlicher Anschauungen unser Verständnis von der Welt und des Universums.
Die Betrachtung indianischer Kultur durch ein Mitglied eben dieser ist etwas Besonderes, denn nicht selten tendieren Außenstehende dazu, indigene Erzählungen nur auf das Offensichtliche zu beschränken. Atleo hingegen erzählt diese Geschichten nicht nur, sondern analysiert die Traditionen und Werte seines Volkes. So beschreibt er die Zeremonie Tloo-qua-nah (?Wir erinnern uns an die Wirklichkeit?). In einer Art von Schauspiel werden hier Kinder von Wölfen entführt. Über Generationen hinweg wurden indianische Kinder ihren Familien entrissen und Lehren und Traditionen ihrer Völker gingen verloren. Doch das Zurückbringen der Kinder am Ende der Zeremonie verkörpert die Hoffnung, dass diese Kinder gerettet werden können.
?Tsawalk: A Nuu-chah Worldview? ist eine Bereicherung für einen Großteil der Geisteswissenschaften, von der Philosophie bis zur Literatur. Es ist sowohl unterhaltsam als auch tiefgründig und verknüpft alte Erzählungen mit Problemen der heutigen Zeit.
Geschrieben von Anne Schult