shadow

Bericht von Laura Hassinger und Johannes Köpcke

Rund 1.200 Menschen kamen am Freitagabend in Wolgast zusammen, um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen. Mit einem Lampionumzug, Mahnwachen und friedlichen Sitzblockaden machten sie deutlich, dass die Stadt „Kein Ort für Neonazis“ ist.

„Es ist paradox, dass alte und neue Nazis uns daran erinnern, diesen Tag nicht zu vergessen“, bemerkte Mignon Schwenke, Landtagsabgeordnete der Partei Die Linke in Mecklenburg-Vorpommern. Gemeinsam mit anderen Rednern des Bündnisses „Vorpommern: weltoffen, demokratisch, bunt!“ verurteilte sie den Aufmarsch der rechtsextremen NPD in Wolgast. Diese hatte sich den Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938 ausgesucht, um mit einem Fackelzug durch die Stadt zu ziehen und ihre ausländerfeindlichen Parolen zu verbreiten. Dank weitreichender Auflagen des Oberverwaltungsgerichts wurde daraus letztendlich ein „Fackelmarsch ohne Fackeln“der mit 300 Metern Abstand beim Asylbewerberheim vorbeizog, doch allein die Präsenz der gut 200 Rechtsgesinnten war Provokation genug. Mehrere hundert Gegendemonstranten reisten an, um die Wolgaster Bürger gegen die NPD zu unterstützen.

Seit geraumer Zeit versucht die NPD, aus der angespannten Situation in der Stadt am Peenestrom Kapital zu schlagen und die Bürger gegen die rund 150 Asylbewerber aufzuhetzen, die in einem Wolgaster Wohnheim untergebracht sind.

LAMPIONS STATT FACKELN

Etwa 300 Menschen nahmen am Lampionumzug durch Wolgast teil.

Das nicht zuletzt durch einige Medienbeiträge entstandene braune Image der Stadt und ihrer Bürger wollten viele im Land nicht auf sich sitzen lassen. Zahlreiche Initiativen mobilisierten daher in den vergangenen Wochen demokratische Unterstützung für Wolgast.

Pünktlich um 18 Uhr setzte sich in der Robert-Koch-Straße der Lampionumzug in Bewegung. Etwa 300 junge und alte Menschen demonstrierten mit ihren Lichtern für mehr Toleranz. Vom Pommerschen Blasorchester angeführt, zogen sie durch die Stadt bis zur Hauptbühne vor der Stadtbibliothek. Dort angekommen, wurde auf der Abschlusskundgebung den Opfern des Nationalsozialismus gedacht und vor dem wachsenden Einfluss der NPD im Land gewarnt. Bürgermeister, Stefan Weigler betonte in seiner Rede, dass Diskriminierung in der Stadt nichts zu suchen habe. „Wir schützen alle Menschen, die bei uns Asyl suchen, denn es ist ein Grundrecht.“

Parteien und Verbände organisierten weiterhin zehn Mahnwachen im Stadtgebiet, die Hinweismaterial bereithielten. Das Infomobil der Linken verteilte das Grundgesetz im Taschenformat, der Stand der Piratenpartei bot „heißen Tee für Demokraten“.

KEIN ERFOLG FÜR DIE NPD

Die friedliche Blockade in der Chausseestraße sorgte für das Ende, des NPD Aufmarsches – sie mussten zurück zum Bahnhof.

Weniger ruhig ging es zeitgleich am anderen Ende der Stadt zu. Während sich gegen 17:30 Uhr die NPD-Anhänger am Bahnhof sammelten und mit rechtsextremer Musik einstimmten, hatte sich die erste Sitzblockade unter dem Bündnis „Rassisten stoppen – Solidarität mit Flüchtlingen“ in der Saarstraße bereits formiert. Im Laufe des Abends gelang es den Demonstranten, den Zug so zu blockieren, dass dieser erst mit zweistündiger Verzögerung und abseits der geplanten Marschroute in Bewegung kam. Nachdem der angedachte Kundgebungsort, der Ernst-Thälmann-Platz, für die Rechten nicht mehr zu erreichen war, eröffnete NPD-Fraktionschef Udo Pastörs gegen 21 Uhr seine Rede mitten auf der Chausseestraße. Von permanten „Haut ab!“ und „Antifascista“-Rufen gestört, beendeten die Neonazis ihre Versammlung eine knappe Stunde später und wurden von Gegendemonstranten und Polizei zurück zum Bahnhof begleitet.

Die Meinungen der Wolgaster Bürger zum Abend gingen weit auseinander. Viele waren mit der gesamten Familie erschienen, um am Lampionumzug und den Mahnwachen teilzunehmen. Sie zeigten Freude, dass so viele Leute zu ihrer Unterstützung angereist waren. Auch aus Greifswald reisten mindestens 200 Unterstützer der friedlichen Proteste an. Eine Demonstrantin sagte, das sei doch „ein gutes Zeichen, dass Wolgast nicht nur aus Idioten besteht“. Leider teilten nicht alle diese Einstellung. An einigen Ecken sah man Anwohner, die das nächtliche Treiben zu ihrem Abendprogramm erkoren hatten und der NPD-Kundgebung mit einem Bier in der Hand andächtig lauschten.

KRITIK AM VORGEHEN DER POLIZEI

Gegendemonstranten versuchten an vielen Stellen den Marsch der NPD zu verhindern.

Obwohl der gesamte Abend weitestgehend friedlich verlief, gab es einige Kritik an der Vorgehensweise von Polizei und Behörden. Bereits das Hin und Her bezüglich der richterlichen Genehmigung von NPD- und Gegenaktionen hatte für einigen Unmut gesorgt. Das Bündnis „Rassisten stoppen“ berichtete weiterhin, die Polizei hätte Busunternehmen, deren Fahrzeuge von Demonstranten für die Anreise gemietet worden waren, vor Ausschreitungen gewarnt und damit abgeschreckt. Dem Bündnis zufolge wurden Reisebusse aus Berlin, Rostock und Hamburg rechtswidrigen Kontrollen unterzogen.

In Wolgast selbst hielten sich hartnäckig Gerüchte von Schlagstock- und Pfeffersprayeinsätzen gegen kleinere Sitzblockaden und einzelne Aktivisten. Polizeipressesprecher Axel Falkenberg spricht in einer abschließenden Pressemitteilung davon, dass der NPD- Aufzug mit Steinen und Blechbüchsen beworfen wurde, wobei dadurch ein Teilnehmer der Versammlung sowie ein Pressevertreter verletzt worden sei. Die Situation sei zwischenzeitlich für die Einsatzkräfte nur noch schwer kontrollierbar gewesen.

„Ich finde es sehr enttäuschend, dass der friedliche Protest der Wolgaster Bürger und vieler Unterstützer aus der ganzen Region möglicherweise von diesen Negativbildern überlagert wird “, heißt es von Polizeiführer Gunnar Mächler. Laut der Mitteilung waren rund 470 Polizisten vor Ort.

In Wolgast hat die NPD mit ihrem dreisten Plan, ausgerechnet am 9. November einen Fackelmarsch gegen vermeintlichen „Asylmissbrauch“ durchzuführen, nicht viel erreicht. Eines jedoch können sie (leider) ganz klar für sich verbuchen: Deutschlandweite Schlagzeilen.

[Update, 21:17 Uhr] Hier ist der Beitrag von MoritzTV zum Thema.

Anmerkung: Am 11. November um 19:50 Uhr wurden im letzten Abschnitt Presseinformationen der Polizei ergänzt.

Fotos: Johannes Köpcke

Kommentare

  1. Peter_Madjarov    

    "Eines jedoch können sie (leider) ganz klar für sich verbuchen: Deutschlandweite Schlagzeilen."

    Sie [die Nazis] erfahren aber keine Aufmerksamkeit im positiven Sinne, sondern werden dadurch immer weiter zurückgedrängt.
    http://www.publikative.org/2012/11/12/angeschlage
    "Das Entsetzen über die Terrortaten und die Verunsicherung des rechtsextremen Milieus sind eine Chance, dem braunen Bodensatz im gesellschaftlichen Diskurs weiteres Terrain zu entziehen. Es ist gut, wenn immer mehr Menschen empört und lautstark gegen Rechtsextremismus auf die Straße gehen. Das könnte ein wichtiger Grundimpuls sein für eine offensive Auseinandersetzung mit den rechtsextremen Inhalten und deren Protagonisten. Eine solche Auseinandersetzung ist notwendig. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass vor allem die NPD ihrer Opferrolle beraubt wird, die – noch – für einen notdürftigen Zusammenalt der “braunen Kameraden” sorgt. Wegschauen, aus Sorge um den guten Ruf der eigenen Kommune ist da ebenso wenig hilfreich wie der reflexhafte Ruf nach einem “Kampf gegen Extremismus von rechts und links”.

    Die mediale Dauerpräsenz des Themas “Rechtsextremismus” hat der Szene erkennbar nicht genützt, sondern schwer geschadet. Zur Entwarnung gibt es aber keinen Anlass. Denn die Erfahrung lehrt: Auch ein angeschlagener Boxer kann im Ring noch gefährlich werden."

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ähnliche Artikel