Weihnachtsmarkt, die Zweite

Neuauflage eines fröhlich-kritischen Besuchs

Jahr Eins nach dem großartigsten Weihnachtsmarkt meines Lebens. Nach dessen neugieriger Erforschung und Verewigung in Schrift und Bild letzten Winter muss anno 2005 natürlich eine weitere Expedition in die geheimnisvollen, magischen, vorweihnachtlichen Mirabilia auf dem Greifswalder Marktplatz unternommen werden.

Jahr Eins nach dem großartigsten Weihnachtsmarkt meines Lebens. Nach dessen neugieriger Erforschung und Verewigung in Schrift und Bild letzten Winter muss anno 2005 natürlich eine weitere Expedition in die geheimnisvollen, magischen, vorweihnachtlichen Mirabilia auf dem Greifswalder Marktplatz unternommen werden.

Schon seit geraumer Zeit freute ich mich dermaßen darauf, dass ich die schlaksige Tanne, die bereits am Mittwoch vor der feierlichen Eröffnung des Spektakels durch den Weihnachtsmann aufgestellt worden war, ganze zwei Tage lang übersah. Vielleicht, weil man vor lauter Platz den Baum nicht sah? Oder doch wegen des frühwinterlich trüben Wetters?

Dieses ist jedenfalls am ersten Adventssamstag wieder versöhnt und zeigt sich von seiner schönsten Seite: Ein blauer Himmel mit einer strahlenden, im Untergehen begriffenen Sonne spannt sich über Menschenmassen, die mit Fotoapparaten, Einkäufen und Kindern in zu kurzen Schneeanzügen zum Ort des Geschehens strömen.

Die Uhr zeigt 15.20, also noch 10 Minuten bis zur offiziellen Eröffnung durch den leibhaftigen Weihnachtsmann. Ich versuche, mich in Position zu begeben, die geliehene Kamera im Anschlag bahne ich mir den Weg durch Massen gedichtaufsagwilliger Kinder. Um 15.25 Uhr kann ich endlich eine rote Gestalt wahrnehmen, sie schneidet feierlich den sechs Meter langen Stollen an und durch. Zu spät für historische Pixelaufnahmen. Für den Weihnachtsmann ist Zeit eben eine belanglose Dimension.

Macht nichts. Es gibt ja noch so viele andere Dinge, die man ansehen kann. Die Glühweinbuden scheinen in gehabter Zahl wieder angetreten, in bunter Reihe mit den bekannten kulinarischen Angeboten, im Volksmund leicht abwertend „Fressbuden“ genannt.

Die zeitliche Nähe des ersten Advents gestattet das beherzte Zugreifen, und man befindet sich noch dazu in liebreizender Gesellschaft diverser Mitmenschen, die Glühwein auf Bistrotischen ver- beziehungsweise in ihre Luftröhre hineingießen. Auf den folgenden kräftezehrenden Hustenanfall muss man dann erstmal etwas essen. Da bieten sich wie eh‘ und je Schwenkgegrilltes, Fernöstliches, Crêpes, Mutzen und Süßigkeiten. Jahrmarktssüßigkeiten! Ein Traum aus Kindheitstagen, den wohl kaum einer abgelegt hat.

Doch ein bisschen anders kann einem schon werden, wenn man die diesjährigen Preise betrachtet. Es scheint sich ein Kartell aus Mandel- und Lebkuchenherzverkäufern gebildet zu haben. Das ist vermutlich nichts Untypisches für Märkte wie diesen, aber 2,50 Euro für 100 Gramm gebrannte Mandeln ist bei aller vorweihnachtlicher Sanftmut ein dreister Nepp, und eine Preissteigerung um gefühlte 25 Prozent noch dazu.

Ein Gutes haben die Preise allerdings – Fahrten in den Fahrgeschäften können neuerdings in Mandeltüten ausgedrückt werden. Dadurch werden Budgetkalkulationen erheblich leichter. Beispiel: „Ich habe heute eigentlich nicht vor, mehr als drei Mandeltüten auszugeben. Soll ich sie aufessen oder doch lieber verfahren?“

Entscheidet man sich für Letzteres, muss man entsetzt feststellen, dass eine der beliebtesten Attraktionen des letzten Jahres, die alles überstrahlende Geisterbahn, dieses Jahr leider fehlt. Bleibt also nur die Wahl zwischen Breakdancer, Autoscooter und Kinderkarussells.

Diejenigen unter uns, die mit einer etwas zarteren Konstitution bedacht sind, können ihr Geld natürlich auch wieder in nicht-verderblichen Gütern anlegen. Handwerksstände und solche mit praktischen wochenmarktähnlichen Waren stehen dafür zur Auswahl. Eine klare Einordnung ist jedoch nicht überall möglich, da einige Händler in ihrer Auslage einen etwas eigenwilligen Übergang von Kochgeschirr über pseudonützliche Kunst aus Holz zu orientalischen Dessous vollziehen, die mir aus dem letzten Jahr verdächtig bekannt erscheinen.

Bei den Handwerksbüdchen muss man hingegen einen deutlichen Niveauzuwachs verzeichnen, den ich hier vollkommen unironisch anerkennen möchte. Nicht nur wird diesmal echte Erzgebirgskunst statt überteuerten Imitaten feilgeboten, es gibt sogar einen Stand mit Fair-Trade-Produkten aus dem Weltladen.

Balsam auf konsumgeschundene Akademikerseelen war am Eröffnungswochenende zudem der niedliche Weihnachtsmarkt vor dem Landesmuseum, wo es stilvolle Kunst und leckere Nahrungsmittel zu kaufen gab, die vor allem aus Greifswalder Bildungseinrichtungen und der Region stammten. Hier flanierte es sich frei und ungestört.

Diesen Niveauausgleich konnte man allerdings nur am ersten Adventswochenende erfahren. Das Erlebnis der Volksbespaßung auf dem Markt wird ihn also verschütten, wenn man nicht bewusst und verbissen davon zehrt. Aber auch das wäre nicht schlimm. Schließlich können wir dann bei Altvertrautem bleiben. In dem Sinne werden meine einzigen Souvenirs auch 2005 wieder eine halblegal angeeignete Glühweintasse sein und die Faszination, wie innerhalb eines Monats aus Sommernostalgie mit Cafétischen überall auf dem Markt der alljährliche Weihnachtswahnsinn werden konnte.

Geschrieben von Katja Staack

Zwischen Erzgebirgsimitat und Geisterbahn- Der Weihnachtsmarkt in Greifswald

Mitte Oktober. Ahnungslos bummelt man durch den Supermarkt, geht in Gedanken den Speiseplan fürs Wochenende durch (Tiefkühlpizza oder doch lieber Instant-Pasta?) – und plötzlich springen sie einen an: Armeen von Weihnachtsmännern! Wie jedes Jahr bevölkerten diese drollig-hässlichen Geschöpfe in rot, blau, grün oder orange so auch im jungen Herbst des Jahres 2004 bereits die Regale.

Diese Perversion des Einzelhandels ist alt, man kennt es nicht anders und hat sich daher damit abgefunden. Die Weihnachtszeit beginnt sowieso erst mit Advent und dem Weihnachtsmarkt, über den man nach einem stressigen Tag flanieren kann. Im Gedränge schließt man die  Augen, atmet den Duft von Glühwein, Maronen und gebrannten Mandeln ein, lauscht den Klängen der Weihnachtsevergreens, bereitet dem wohligen Schwindel von den alkoholischen Heißgetränken ein Ende, indem man die Augen wieder öffnet und sich zwischen gemütlichen Essens- und Handwerksständen wiederfindet.

Ein Idyll, zugegeben. In Greifswald sieht das Bild leider ein wenig anders aus. Ein Gedränge gibt es in der Regel nicht, weil es nichts zu sehen gibt (jedenfalls keine geschmackvolle Handwerkskunst). Die Sinne kommen deswegen jedoch trotzdem nicht zu kurz: Glühweinduft wird ergänzt durch wabernde Schwaden von Fettgeruch, wahlweise des Grills oder des Schmalzgebäcks. Das Ohr erfreut sich an fröhlicher Weihnachtsmusik, die von den Warn- und Beschleunigungsgeräuschen des ?Breakdancers? sowie den freundlichen Ansagen des Fahrers und hysterischen Schreien der weiblichen Fahrgäste untermalt wird, während das Auge zu differenzieren versucht, ob nun der Weihnachtsbaum oder doch die Geisterbahn im helleren Glanz erstrahlt. Aber auch die Schaukästen des angedeuteten Märchenwaldes verstehen es zu fesseln, mit ihren liebevoll gestalteten Szenen und Figuren, die schon lange keinen Puppendoktor mehr gesehen haben.

Reize für alle Sinnesorgane sind vorhanden, aber das ist noch nicht alles. Dem hungrigen Besucher bietet sich darüber hinaus auch eine breite kulinarische Auswahl: Spanferkel, Crêpes, Asiatisch und natürlich süße Leckereien – für jeden dürfte zumindest eine Fressbude vorhanden sein. Und wer eine kleine Unterhaltung sucht, bekommt diese zumindest vom freundlichen Muzenbäcker vor der Sparkasse gratis dazu. Die Verkäufer von gebrannten Nüssen und Kernen aller Art sind allerdings fast ebenso sozial.

Ist der Hunger erst gestillt, gibt es ausreichend Langeweilekiller, für die der Begriff ?kirmesähnliche Massenbespaßung? nicht übertrieben sein dürfte. Ärgerlich nur, dass ein Student, der eine Woche lang von 50 Euro leben will, nach sechs Fahrten in Autoscooter, Geisterbahn oder Breakdancer ein Viertel seines Budgets los ist. Haushalten ist eben alles, das lehren uns Politik und Eltern seit jeher, ohne sich dran zu halten. Wieso sollten wir es also anders machen.

Was jedoch wäre ein Markt ohne Waren? Diese finden sich in Greifswald kurioserweise außerhalb des eigentlichen Spektakels. Neben Kleidung, Schafsfellen, Kochgeschirr und Schmuck findet sich sogar Handwerk. Die Freude darüber ließ mich fast meine Stil- und Geschmacksansprüche vergessen, beim genaueren Betrachten aber stellten sich die Erzgebirgsimitationen als lieblos, minderwertig und überteuert heraus. Das konnte auch die Bauchtanzausrüstung am Nachbarstand nicht wettmachen. Also wird das einzige, was ich dieses Jahr vom Weihnachtsmarkt behalte, eine geklaute Glühweintasse sein.

Etwas distanzierter betrachtet (und das ist das eigentlich Tragische) passt dieser Weihnachtsmarkt gut zu dem Bild, das sich die langsam aussterbende Spaßgesellschaft von Weihnachten erhalten hat. Man bekommt offenbar nicht nur Präsidenten, sondern auch Weihnachtsmärkte, die man verdient…

Geschrieben von Katja Staack