Lehramt auf der Kippe

Im Frühjahr und Sommer diesen Jahres wurde es laut in den studentischen Reihen: die Lehramtsausbildung an der Universität Greifswald stand auf der Kippe. Der Abbau der Lehramtsstudiengänge wurde bereits 2006 in der Zielvereinbarung zwischen Universität und Land festgelegt, ihre Umsetzung sollte nun folgen. Dies nahmen viele Studierende sowie Universitätsangehörige nicht hin. Welche Protestaktionen es gegeben hat und welche Folgen sie hatten, haben wir in diesem Beitrag zusammengefasst.

Senatssitzung: Wie geht es weiter mit der Lehramtsausbildung?

Mathias Brodkorb: vollständige Verlagerung des Lehramtes nach Rostock nicht mehr aktuell

Der Senat der Universität Greifswald positionierte sich bei der Sitzung am 18. August deutlich für die Lehramtsausbildung. Die Dekane der Philosophischen und Theologischen Fakultät brachten einen Antrag ein, nachdem der Senat begrüßt, dass die Landesregierung die Lehrerbildung an beiden Standorten, in Greifswald und Rostock, nicht infrage stellen werde. Mathias Brodkorb, hochschulpolitischer Sprecher der SPD und Mitglied der Landesregierung, berichtete zuvor über den aktuellen Stand in der Staatskanzlei.

Keine vollständige Konzentration des Lehramtes in Rostock

Zunächst bedankte sich Brodkorb für die Einladung und sagte, er habe persönlich viel Verständnis dafür, dass die Lehramtsproblematik für die Senatsmitglieder von herausragender Bedeutung sei. „Mit vollständigem Verzicht auf die Lehramtsausbildung wird die Philosophische Fakultät in Zukunft infrage gestellt, auch die Theologische Fakultät sei gefährdet“, bewertete der SPD-Politiker. Die vollständige Aufhebung der Ausbildung von Lehramtsstudierenden in Greifswald sei nicht mehr aktuell, allerdings seien die Strukturen zu klären. Mit Hilfe von Daten solle der Lehrerersatzbedarf in Mecklenburg-Vorpommern ermittelt werden, Brodkorb wirft in diesem Zusammenhang den Hochschulen, dem Parlament und der Landesregierung Planungsversäumnisse in der Vergangenheit vor. Anschließend legte er zahlreiche Zahlen vor, diese seien aber zunächst noch vorläufig und beruhen teilweise nur auf Schätzungen – die endgültige Erhebung sei noch nicht abgeschlossen.

Demnach betrage in den Jahren 2020 bis 2025 der Lehrerersatzbedarf etwa 500 Stellen, daher könnten schätzungsweise 470 Lehrer für alle Schultypen pro Jahr neu eingestellt werden. Mit verschiedenen Zahlen über die Länge des Referendariats, Abbruchquoten während des Studiums und Schwund nach dem Staatsexamen jonglierte Brodkorb anschließend – für die Validität dieser Daten kann er allerdings nicht bürgen. Insgesamt spricht der Landtagsabgeordnete von einer Gesamtkapazität von 4.000 Studienplätzen. „Rostock kann also nicht alleine ausbilden“, erläutert Brodkorb. Dennoch soll Rostock der zentrale Standort für die Lehrerbildung im Land werden. Der hochschulpolitische Sprecher warnt dabei vor „hochschulpolitischen Kannibalismus“ und schildert, dass es Regeln geben sollte: „Das Land muss darauf bestehen, dass es ein minimales Kontingent an allen Fächern gibt und dass die Gesamtzahl nicht den Bedarf überschreitet. Dazwischen gibt es viel Raum zur Gestaltung.“

„Klasse statt Masse“

Dekan der Philosophischen Fakultät Professor Alexander Wöll betonte nach Brodkorbs Ausführungen, dass die Greifswalder Universität in Ranking zur Lehramtsausbildung in Deutsch und Englisch oben sei und betont, wie wichtig doch Klasse statt Masse sei. „Für die qualitativ gute Ausbildung ist es nötig, dass die Bildungswissenschaften vor Ort bleiben“, argumentiert der Lehrstuhlinhaber für Ost- und Westslawische Philologie. Anschließend wurde der Antrag der Studiendekane besprochen. Auszugsweise lautet dieser:

„Für die qualitativ angemessene Lehrerbildung sind die ausbildenden Fakultäten der Universität Greifswald fachlich vorbereitet. Sie sind dazu kapazitär in der Lage, sowohl fachwissenschaftlich als auch erziehungswissenschaftlich. Der Senat empfiehlt dem Rektorat der Universität für die Verhandlungen über die Zielvereinbarungen folgende Eckpunkte als Position der Universität Greifswald in Fragen der Lehrerbildung:

Die Universität beabsichtigt auch künftig sowohl Gymnasial- als auch Regionalschullehrer/innen auszubilden.

Die Umsetzung der bildungswissenschaftlichen Stellen nach Rostock wird abgelehnt.“

Auch das Studierendenparlament (StuPa) reichte einen Antrag ein, dieser ging aber laut Antragssteller und StuPa-Präsident Erik von Malottki im Dekan-Antrag mit ein, welcher anschließend einstimmig angenommen wurde.

Fotos: Sandro Teuber (Aufmacher), Christine Fratzke (Mathias Brodkorb)

Sellering: Ende der Greifswalder Lehrerausbildung unwahrscheinlich

Zwei Parteifreunde: Erwin Sellering (links) und Erik von Malottki (rechts)

Ziemlich überraschend kam es am Freitag, dem 16. Juli, am Rande des Fischerfestes zu einem Treffen zwischen dem neuen Stupa-Präsidenten Erik von Malottki und dem Ministerpräsidenten Erwin Sellering (beide SPD). Thema des Gespräches war die Zukunft der Lehramtsstudiengänge an der Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald.

Während des Gespräches stellte sich heraus, dass der Ministerpräsident einer vollständigen Konzentration der Lehrerausbildung in Rostock ablehnend gegenüber steht. „Es gab einmal die Verabredung, dass wir in Rostock die Lehrerausbildung und in Greifswald Jura konzentrieren wollen. Die Verabredung lautete aber nicht, dass Greifswald überhaupt nichts mehr mit der Lehrerausbildung zu tun haben soll“, erklärte Sellering. „Es war geplant, dass die Lehrerausbildung in Greifswald bis zum Bachelor mitlaufen soll. Wir haben nun aber eine neue Lage, da es bei der grundständigen Lehramtsausbildung bleibt. Daher müssen wir sehen, dass wir eine vernünftige Lösung finden – auch für Greifswald.“ Die derzeitige Datenlage für eine endgültige Entscheidung sieht Sellering jedoch nicht als ausreichend an. „Ich habe daher die Ausweitung der Lehrerbedarfsplanung bis 2030 veranlasst. Definitive Entscheidungen sind nur auf dieser Grundlage möglich“, erläutert der Ministerpräsident weiter.

Der Entwurf des Konsenspapiers der Rostocker und Greifswalder Studierenden, das in den letzten Wochen erarbeitet wurde, bewertete Sellering als Diskussionsbeitrag positiv, da er „es nicht richtig“ finde, „wenn die Universitäten auf einander los gehen “, erklärte Sellering gegenüber dem StuPa-Präsidenten und dem webMoritz. Er wünsche sich das Zustandekommen einer Runde, in welcher man sich auf einen Konsens zwischen allen streitenden Parteien einigen könnte. „Ich finde gut, wie konstruktiv und beharrlich zugleich sich die Studierenden einbringen. Und eines kann ich heute schon sagen: Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Land seinen Lehrerbedarf langfristig mit einem einzigen Standort decken kann.“ Mit diesen Worten nahm das Treffen zwischen Erik von Malottki und Erwin Sellering sein Ende.

Der Ministerpräsident bewertet den Entwurf des Konsenspapiers als wichtigen Diskussionsbeitrag

Infobox Entwurf des Konsenspapiers

Am Dienstag dem 6. Juli kam es zu einem Treffen zwischen Vertretern der Studierendenschaften in Rostock und Greifswald, nachdem zwischen beiden ein Streit bezüglich der Lehrerausbildung entbrannte. Während dieses Treffens einigten sie sich auf einen Kompromiss, welcher noch vom Studierendenparlament der Universität Greifswald und dem Studierendenrat der Universität Rostock bestätigt werden muss, um gültig zu werden.

Sollte dieser Konsens zwischen beiden Studierendenschaften zustande kommen, würden beide künftig gemeinsam im Streit um die Lehrerausbildung der Landesregierung gegenüber treten.

Der Konsensentwurf sieht für Greifswald vor, dass „…in Greifswald das Staatsexamen für Lehramt an Gymnasien und Lehramt an Haupt- und Realschulen angeboten“ wird. In Rostock werde an den bestehenden Schularten festgehalten und in den bereits vorgehaltenen Fächern ausgebildet. Neue Fächer sollen in Rostock nicht mehr eröffnet werden. Es sieht zudem weiterhin eine Beschränkung des Fächerangebotes an der Universität Greifswald vor.  So sollen an diesem Standort neben den Unikatfächern (skandinavische Sprachen, Geografie, Kunst und Gestaltung, Russisch und Polnisch) noch Deutsch, Englisch, Evangelische Religion vorgehalten werden. Latein soll dem Konsensentwurf zufolge bis mindestens 2020 gelehrt werden. Wieder eröffnet werden sollen die Fächer Physik und Mathematik und neu eröffnet werden soll das Fach Sozialkunde.

Vollversammlung des FSR Physik begrüßt Wiedereröffnung des Lehramtes

In einer ebenfalls am vergangenen Freitag dem 16. Juli stattfindenden beschlussfähigen Vollversammlung des FSR Physik positionierte sich die Mehrheit der Anwesenden für eine Wiedereröffnung des Lehramtsstudienganges Physik. In dem entsprechenden Beschluss heißt es, dass die Vollversammlung der Fachschaft Physik es „begrüßt“, dass „in Zukunft Lehramt Physik  am Institut für Physik“ ausgebildet werden soll. Dies stehe unter der Bedingung, dass keine bestehende Stelle am Institut für Physik zu diesem Zweck umgewidmet werde.Des weiteren sprechen sich beide Vertreterinnen der Studierendenschaften neben der Forderung nach der Eröffnung von drei neuen Studiengängen dafür aus, dass bestimmte Fächerkombinationen in Zukunft ausgeschlossen werden sollen.

Fächerkombinationen sollen eingeschränkt werden

Speziell betrifft das die Kombination Mathematik/ Deutsch und Deutsch/ evangelische Religion. Zudem soll es neben einer Absenkung der Studierendenzahlen an beiden Standorten zu einem Aufbau von Fachdidaktik-Kapazitäten an den neu eröffneten Fächern in Greifswald kommen. Beide Studierendenschaften einigten sich darauf, gemeinsam „intensiv im Zentrum für Lehrerbildung und Bildungswissenschaften in Rostock zusammenarbeiten zu wollen.“

Ein Ausbau der Erziehungswissenschaften würde demnach in Greifswald nicht erfolgen. Der bisherige status quo der Erziehungswissenschaft solle vielmehr mit ihren bisherigen Stellen aufrecht erhalten werden. Somit würde es nach dem entworfenem Konsenspapier zu einer Konzentration der Lehrerausbildung an der Universität Rostock kommen, ohne dass Greifswald auf die Ausbildung verzichten, oder diese auf einen minimalen Rumpf zurück fahren müsste.

Der webMoritz war mit dabei: Rechts im Bild der Autor Marco Wagner.

Kommentar von Marco Wagner

Eine komplette Verlagerung der Lehramtsstudiengänge kann sich der Ministerpräsident nicht vorstellen. Das ist zumindest ein klares Bekenntnis für den Erhalt von Lehramtsstudiengängen in Greifswald. In welchem Umfang diese jedoch schlussendlich erhalten werden, dazu wollte er sich nicht äußern.

Wenngleich sich andeutet, dass die Landesregierung damit auf die Universität Greifswald zugeht, heißt das noch lange nicht, dass der Druck auf Schwerin nachlassen sollte. Im Entwurf des Konsenspapiers wurden der Regierung bereits viele Zugeständnisse gemacht. Weitere Kompromisse dürfen die Vertreter der Greifswalder Studierendenschaft nicht mehr eingehen. Würden sie das machen, so bedeutete es nichts weiter, als dass man den Prozess der Abschaffung der Lehramtsstudiengänge in Greifswald verlangsame. Ein wirklicher Erhalt könnte dann nicht mehr gewährleistet werden.

Problematisch für die Greifswalder Studierendenschaft ist aber noch ein anderer Punkt: Die Untätigkeit des Rektorats in diesem Streit. Der Einzige, der sich regelmäßig zum Erhalt der Lehramtsstudiengänge bekannt hat, ist Prorektor Michael Herbst. Rektor Rainer Westermann äußert sich öffentlich – wenn überhaupt –  ausgesprochen selten zu diesem Thema. Ein konsequenteres, eindeutigeres Bekenntnis für den Erhalt der Lehramtsstudiengänge, das nicht nur von einem der Prorektoren kommt, wäre daher mehr als wünschenswert.

Eines darf jedoch auch nicht vergessen werden: So positiv es sich auch anhört, was Sellering gesagt hat, so muss man diesem nach wie vor mit einem gesunden Maß Vorsicht begegnen. Sellering sitzt an einem anderen Hebel. Er ist nach wie vor unser Kontrahent. Mit diesem darf und soll man verhandeln – aber man muss aufpassen, dass man sich am Ende nicht durch zu viele salbungsvolle Worte über den Tisch ziehen lässt.

Fotos: Christine Fratzke

Alte Telefonzelle für eine vielfältige Universität

Die Bigband sorgte für die musikalische Untermalung

Seit Dienstag steht wieder eine Telefonzelle am Marktplatz in der Greifswalder Innenstadt. Nachdem sie schon seit Jahren aus dem Stadtbild verschwunden sind, werden jetzt wieder Erinnerungen an alte Zeiten wach. Und genau deswegen wurde sie auch aufgestellt. Denn was aussieht wie ein Überrest aus der Vergangenheit eignet sich nicht dazu, dem Dozenten rechtzeitig Bescheid zu sagen, warum es mit der anstehenden Prüfung wohl nicht klappen wird. Diese Telefonzelle erzählt selbst etwas, und zwar aus der Vergangenheit.

Bei diesem grün-schwarzen Exemplar handelt es sich um den zentralen Bestandteil des Projektes „Bei Anruf-Nachruf“, das am Dienstag mit einem gut besuchten Rahmenprogramm gestartet wurde und schon seit vielen Wochen von 25 Lehramtsstudenten der Universität Greifswald vorbereitet wurde.  Die Telefonzelle steht dabei als Synonym für den Universitätsrückbau, der in Greifswald betrieben wird. Genau so, wie die Telefonzellen aus dem Leben der Bürger verschwunden sind, fallen seit den 90er-Jahren Institute der Geisteswissenschaften Kürzungen am Universitätsetat zum Opfer. Mit der wieder errichteten Zelle soll daran erinnert werden, welche Institute in der Vergangenheit schon verloren gingen und gleichzeitig darauf aufmerksam gemacht werden, welche Auswirkungen weitere Schließungen auf die Stadt haben könnten.

Beim Betreten der Zelle wird in den kommenden fünf Wochen an unterschiedlichen Orten durch einen audiovisuellen Kurzvortrag ein Nachruf über geschlossene Institute verlesen und davor gewarnt, was die Folgen weiterer Schließungen für Stadt und Universität wären. Dabei werden die geschlossenen Institute der Altertumswissenschaft, der Romanistik, der Sportwissenschaft und der Erziehungswissenschaften besucht.

Projektleiter Lars Diele

Das Projekt geht aus einem Seminar des Doktors für Geschichtsdidaktik, Lars Deile hervor. Mit den Studenten sollte ein Projekt gefunden werden, bei dem sich die Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet. Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um den Erhalt der Lehramtes sei die Idee entstanden, an schon vor langer Zeit geschlossene Bereiche der Universität zu erinnern, und zu zeigen, was damit verloren ging, wie der Didaktiker vor Ort dem WebMoritz berichtet. Mittlerweile habe sich diese Idee verselbstständigt. „Ich bin stolz. Es gibt nichts besseres, wenn sich Studenten weit über ein Seminar hinaus engagieren und Verantwortung für die Universität übernehmen. Sie nehmen ihre Rolle als Historiker wahr und beteiligen sich an einer Debatte, die sie ja auch selbst betrifft.“, erzählte er weiter. Mit dem Projekt werde darauf hingewiesen, was der Verlust für die Vielfalt der Universität bedeuten würde, wenn die Geisteswissenschaften durch den Wegfall des Lehramtes derart geschwächt würden. Langfristig könne der Status der Volluniversität verloren gehen.

Oberbürgermeister Arthur König und Studenten aus dem Projekt

Um 16 Uhr begann die Uni-Bigband, auch vor Ort, mit zwei Stücken das 45-minütige Programm zu eröffnen. Spätestens jetzt wurden viele Passanten angelockt. Anschließend bedankte sich Oberbürgermeister Arthur König bei den Studenten für ihr Engagement. „Eine starke Universität mit fünf starken Fakultäten ist wichtig für die Stadt. Deswegen muss eine schwache Philosophische Fakultät verhindert werden.“, führte er fort.

Nach einem weiteren Stück der Bigband bedankte sich auch Professor Alexander Wöll, Denkan der Philosphischen Fakultät, bei den Studenten für das Positionspapier zum Erhalt des Lehramtes und diese Aktion. Die einzige Chance die Schließung des Lehramtes sei, über öffentliche Aktionen auf die Problematik hinzuweisen. „Die Folgen sind weit umfangreicher als nur der Wegfall von 2000 Studenten, denn Großereignisse wie der PolenmARkT  oder das Gristuf werden maßgeblich durch die Geisteswissenschaftler organisiert.“

„Die Historiker haben den schärfsten Blick für die Zukunft, weil sie die Vergangenheit am besten kennen“ lobte auch Professor Franz Prüß am Institut für Erziehungswissenschaften das Engagement der Studierenden. Anschließend wurde ein Grußwort des Landesbildungsministers Henry Tesch verlesen. Darin lobte er die Aktion als einen Teil lebendiger Demokratie, da Diskussionen angestoßen werden. Das Positionspapier sei bemerkenswert und es werde eine gute Lösung für die Zukunft gefunden werden. In Hinblick auf die Demonstration in Schwerin und einem Artikel im Moritzmagazin übte er auch Kritik. Es sei zu beachten die Hochschulleitung mit einzubinden und er wünschte sich einen faireren Umgang mit seiner Person. Den meisten Zuschauern erschien dieses Grußwort mehr als verlogen und bedankten sich bei Tesch mit Pfiffen und Buh-rufen. Nur vereinzelte applaudierten – allerdings auch nur eher schwach und kurz.

Die Telefonzelle wird enthüllt

Nun konnte endlich die noch verpackte Telefonzelle von Studenten und dem Bürgermeister ausgepackt werden. Christian Ahlrepp erklärte wie die Zelle funktioniert und bedankte sich bei den Unterstützern. Nachdem eine lange Liste von 50 Personen, Firmen und Instituten verlesen wurde, die das Projekt durch Geld- und Sachspenden, sowie durch Zeit- und Arbeitsaufwand ermöglicht haben, ging das größte Dankeschön des Redners Ahlrepp überraschend an sich und das Projekt selbst. Er wies noch einmal alle Zuhörer darauf hin, dass sie gerade das selbsternannt kreativste Projekt des Semesters bestaunen können, was nur durch ihren unendlich Mut und ihrem Aufwand möglich sei. Herzlichen Glückwunsch dafür.

Eine letzte Aufführung der Bigband beendete schließlich die Präsentation und die Menschentraube, die sich inzwischen gebildet hatte, begann die Telefonzelle auszuprobieren.

Anstehen an der Telefonzelle

Den ersten misstrauischen Passanten wurde noch einmal von Projektmitgliedern alles erklärt. Auf die Frage nach einem kurzen Fazit zur Eröffnung antwortete einer von ihnen, Jan Brandt (LA Deutsch-Geschichte): „Die Eröffnung ist gut verlaufen. Die Bigband war prima. Es hätten noch mehr Leute hier sein können, aber ich hoffe, dass sich viele in den nächsten Wochen die Telefonzelle in Ruhe angucken werden, wenn keine Kameras mehr da sind.“

Am 19.07. wird die Zelle am Markt wieder abgebaut. Die nächsten Stationen sind:

20.07. -26.07. Romanistik (Robert-Bluhm-Str. 13)

27.07. -02.08. Bildungswissenschaften (Franz-Mehring-Straße 47)

03.08. -09.08. Sportwissenschaften (Hans-Fallada-Straße 11)

10.08. -17.08. Altertumswissenschaften (Rudolf-Petershagen-Allee 1)

Weiteres über das Projekt gibt es hier.

Fotos: Simon Voigt

500 gegen Tesch und für das Lehramt

Frederic Beeskow, "Alterspräsident" des StuPa, ruft zur Demo

Aus den zehn Bussen auf dem Parkplatz in der Nähe des Schweriner Schlosses strömen an diesem 8. Juli um zehn Uhr insgesamt 500 Menschen, um sich für den bevorstehenden Demonstrationszug und die anschließende Abschlusskundgebung zu sammeln.

Der Umzug führte durch die Innenstadt über den Marktplatz und anschließend zur Siegessäule vor dem Schloss. Unter den Demonstrierenden befanden sich nicht nur zahlreiche Studierende. Der Studiendekan Professor Patrick Donges war ebenso dabei, wie Professoren Alexander Wöll, Dekan der Philosophischen Fakultät und Heinrich Assel, Dekan der Theologischen Fakultät.

Zudem waren die Lehrenden aus dem Bereich Fachdidaktik des Historischen Instituts mit in die Landeshauptstadt gefahren, um gemeinsam mit den Studierenden ein Zeichen gegen die Pläne der Landesregierung zu setzen. Darüber hinaus waren zahlreiche andere Wissenschaftler der Theologischen und Philosophischen Fakultät unter den Demonstrierenden. Auch einige Rostocker Universitätsangehörige reisten nach Schwerin, um die Greifswalder Studierenden bei ihrem Anliegen zu unterstützen. Bereits gestern war eine Solidaritätskundgebung der Bildungsaktion Rostock eingegangen. Im Verlauf der Kundgebung wurde eine weitere Solidaritätskundgebung des AStA Neubrandenburg verlesen.

„MähklenBurk prauchd kaihne LäHra!“

Die Karawane setzt sich in Bewegung...

Während des Umzuges durch die Innenstadt vielen erneut die Forderungen: „Hopp, Hopp, Hopp Bildungsabbau Stopp!“. Es wurde gepfiffen, in die Vuvuzela und das Horn geblasen und für das Greifswalder Lehramt getrommelt.  Letzteres übernahmen Vertreter des Studententheater StuThe. Auf den Schildern und Bannern standen Losungen wie „Sterbehilfe ist verboten – auch für uns“, „Gegen Bildungsterrorismus“, „MähklenBurk prauchd kaihne LäHra!“ oder „Bildung MV/ HGW – weiterdenken verboten!“ Das Bildungsbündnis Greifswald war ebenfalls mit ihrem Banner „reclaim your education“ dabei. Zwei Studenten mimte einen Sensenmann mit dem Gesicht des Bildungsministers Henry Tesch.

Die Abschlusskundgebung wurde von Thomas Schattschneider, Sprecher der Landeskonferenz der Studierendenschaft, und Daniela Gleich, der amtierenden AStA-Vorsitzenden moderiert. Als erster Redner trat der SPD-Landespolitiker Mathias Brodkorb auf. Er warb für Verständnis der Studierenden gegenüber der Landesregierung. Andererseits hob er hervor, dass Rostock nicht über die Kapazitäten verfüge, alle Lehrerinnen und Lehrer im Land ausbilden zu können. Er forderte, dass Rostock und Greifswald in der Frage des Lehramtes gemeinsame Wege gehen sollten, anstatt sich zu spalten. Dass die Allgemeinen Studierendenausschüsse vor wenigen Tagen beschlossen, gemeinsam für den Erhalt des Lehramtes in Greifswald und für den Ausbau eines Zentrums für Lehrerbildung in Rostock zusammen zu arbeiten, wusste Brodkorb bis dato offenbar noch nicht.

Tesch stellt sich seinen Gegnern

Henry Tesch war ebenfalls auf der Kundgebung - hier eine Karikatur seiner selbst.

Bildungsminister Henry Tesch stellte sich – trotz Buh-und vereinzelten „Tesch muss weg“-Rufen –  ebenfalls den Demonstrierenden. Zunächst lobt er das Positionspapier der Greifswalder Studierendendenschaft zur künftigen Lehramtsausbildung an der Universität Greifswald. „Ihr Papier hat eine solche Qualität, dass ich es beiden Rektoraten empfohlen habe“ meinte Tesch dazu. Anschließend redete er sehr viel über die Notwendigkeit einer Lehrerbedarfsplanung für das Land Mecklenburg-Vorpommern und dass es auch der Landesregierung um eine qualitative Verbesserung der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern gehe. Andererseits kritisierte er, dass in den vergangenen Jahren in Greifswald immer wieder betont würde, man wolle das Lehramt erhalten, andererseits jedoch bislang kein weiterer Ausbau der Fachdidaktiken erfolgte.

„Es gibt Sparzwänge vom Land, die dafür verantwortlich sind, dass Fachdidaktiken nicht weiter ausgebaut werden können“ entkräftet Thomas Schattschneider die Kritik des Bildungsministers. Professor Roland Rosenstock, stellvertretender Senatsvorsitzender der Universität, unterstützt Schattschneiders Argumentation. Er verweist dabei auf die Argumentation der Regierung, die Universität wolle eine Profilierung auf Medizin und Naturwissenschaften. „Das Land hat den Abbau der Geisteswissenschaften betrieben, nicht die Universität! Weder das Rektorat, noch der Senat wollen eine Profilbildung auf Naturwissenschaften und Medizin“ hob Rosenstock hervor. Er unterstrich besonders deutlich, dass die Zielvereinbarungen mit der Landesregierung von Seiten der Universität nicht unterschrieben würden, solange in diesem der Erhalt der Lehramtsstudiengänge nicht festgeschrieben sei.

Regierung hat „undurchdachtes, unrealistisches“ bildungspolitisches Konzept

Kundgebung an der Siegessäule vor dem Schloss

Professor Assel, Dekan der Theologischen Fakultät sprach in Bezug auf die Pläne der Landesregierung von einem „undurchdachten, unrealistischen Konzept“, gegen welches die Teilnehmenden demonstrieren. Er rechnete vor, dass nach den Zielvorgaben des Landes bei einer Verlagerung des Lehramtes von Greifswald nach Rostock in der Stadt an der Warnow und deren Umland, dort Kapazitäten in Höhe von 180.000 Praktikumsstunden pro Semester vorhanden sein müssten. „Wo sollen diese Stunden in Rostock abgeleistet werden, wenn die Lehrerbildung dort konzentriert wird?“ richtet Assel die Frage an die Landesregierung.

„Wir demonstrieren nicht nur für die Uni Greifswald. Wir demonstrieren für die Interessen künftiger Studierender, künftiger Lehrer und künftiger Schüler.“ Für diese Worte erntete Professor Alexander Wöll, Dekan der Philosophischen Fakultät, breite Zustimmung durch Trillerpfeifen, Vuvuzelas, Rasseln und Applaus. Er wies in seiner Rede darauf hin, dass man durch die Partnerschaft mit Rostock das Lehramtsstudium in Greifswald erhalten wolle.

Cornelia Mannewitz, Dozentin am Institut für Slawistik, sprach als Vertreterin der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) auf der Kundgebung. Sie hält die Schließung des Greifswalder Lehramts für undenkbar. „Die Pläne des Landes sind inakzeptabel.“

„Wer sich Greifswald ohne Uni vorstellen will, braucht nur mal nach Anklam zu fahren“ meint der FDP- Landes- und Greifswalder Kommunalpolitiker Sebastian Ratjen zum Thema.

„Wichtiger Tag für Lehrerbildung in Greifswald und Mecklenburg-Vorpommern“

Banner des Bildungsbündnis Greifswald (BBG)

„Die Demonstration wurde vom AStA sorgfältig und verantwortungsvoll vorbereitet. Sie haben versucht, alle anzusprechen. Jeder konnte sich angesprochen fühlen. Es war ein wichtiger Tag für die Lehrerbildung in Greifswald und auch in Mecklenburg-Vorpommern, weil nur durch beide Universitäten eine qualitativ hochwertige Lehrerbildung abgesichert werden kann“ beurteilt Professor Franz Prüß, Lehrstuhlinhaber für Schulpädagogik in Greifswald, die Veranstaltung.

„Ich habe einen guten Eindruck von der Demo“ meint Dr. Michael Gratz, Dozent für Neuere Deutsche Literatur am Germanistischen Institut. Die Demonstration sei publikumswirksam gewesen. „Wenn etwas publikumswirksam ist, ist es immer gut, weil dann die Politiker vorsichtiger in ihrem Handeln werden.“ Zudem seien „viele Sachen, die heute gesagt wurden, nicht immer gesagt worden.“

„Die heutige Demonstration hat nochmals den Standpunkt der Greifswalder Studierendenschaft Nachdruck verliehen, dass eine zukunftsfähige Lehrerausbildung ohne unsere Universität nicht denkbar ist. Durch das Greifswalder Positionspapier haben wir Fakten geschaffen und nun liegt es an den Rektoraten in Greifswald und Rostock zusammen mit den beiden Studierendenschaften und dem Bildungsministerium ein zukunftsgewandtes Lehramtskonzept zu entwickeln“ wird Daniela Gleich in der Pressemitteilung des AStA zitiert. Der Greifswalder AStA werde weiterhin gemeinsam mit Vertretern der Rostocker Studierendenschaft an einem „nachhaltigen Lehrerkonzept für das Bildungsland Mecklenburg-Vorpommern arbeiten.“

Galerien von der Demo:

Fotos: Marco Wagner (Einzelfotos), Patrice Wangen (obere Galerie), Gabriel Kords (untere Galerie)