Optisch ein Hochgenuss

Optisch ein Hochgenuss

Antigone eine Theaterrezension, geschrieben von einer Amateurzuschauerin, zur Information von Interessierten und Entrüstung von Theaterliebhaber*innen.

„Wär’ ich doch nie auf Eure Schulen gegangen“ – das Resümee von Haimon, Sohn des Tyrannen und Verlobter Antigones in der Inszenierung von Sophokles Klassiker am Vorpommern Theater, wirkt eher wie eine Feststellung. Zuvor ist er mit seinen goldenen Schuhen über das Bühnenbild gefegt und hat verzweifelt versucht, das Schicksal seiner Verlobten abzuwenden. Symptomatisch für alle Männer des Stücks. Empörung, Wut, Verzweiflung und Resignation.

Das Stück „Antigone“ selbst ist über 2000 Jahre alt und vermutlich den meisten Menschen mit einer humanistischen Bildung mindestens vom Hörensagen bekannt. Der Plot, für alle anderen, ist folgender: Antigone, Tochter des berüchtigten mutteraffinen Ödipus, widersetzt sich der Anweisung von Kreon, Herrscher über die Stadt, ihren Bruder zu beerdigen. Der hat im Vorfeld Krieg gegen Kreon geführt und verloren. Als Strafe für ihren Ungehorsam erwartet Antigone nun das Todesurteil. Das Stück ist eine griechische Tragödie, die Hauptfiguren alle miteinander verbandelt – eigentlich braucht man keine Spoiler, um zu wissen, was passieren wird. Es ist also möglich, die Inszenierung unter ganz anderen Gesichtspunkten zu sehen. Sprache, Darstellung, Ausstattung.

Die Sprache, zur Einordnung, ist mehrheitlich aus einer Übersetzung Sophokles aus dem Altgriechischen von 1917 durch Walter Hasenclever. Leichte Unterhaltung wird durch die Sprache von vorneherein ausgeschlossen. Kann man mögen. Muss man aber nicht. In ihrer Inszenierung erweitert Annett Kruschke das Thema des zivilen Ungehorsams um die Genderdimension. „Du bist ein Weib. Gehorche!“ – mit diesem charmanten Einwand wird den Frauen der Stadt nahegelegt, sich der Herrschaft Kreons und der der Männer im Allgemeinen zu unterwerfen. In dem Szenario wird Antigones öffentlicher Gesetzesbruch zu Aktivismus gegen den patriarchalen Status quo. Auch den Männerchor des Stücks hat Kruschke überwiegend mit Frauen besetzt. Bühnenbild und Ausstattung sind aufwendig symbolisch und vereinen stilistisch gleich mehrere Jahrzehnte. Im Camouflage-Anzug Kreons spiegelt sich sein militaristisch-autoritäres Wesen, dessen Prunksucht durch die Accessoires goldener Borten, Schuhe und Krone kombiniert wird. Die Schwestern Ismene und Antigone wirken durch ihre Kostüme wie die symbolische Emanzipation von den 1960er Jahren in die 70er Jahre. Während Ismene zwar äußerlich das Minikleid rockt und empört über die Demütigung ihres gefallenen Bruders ist, sich aber lieber in die Gesellschaft einfügt, wirkt Antigones (Schlag-)Hosenanzug deutlich abgeklärter und kampfbereiter. Überhaupt überstrahlt Feline Zimmermann als Antigone die meisten ihrer Mitspielenden mühelos. Die Antigone Kruschkes und Zimmermanns ist mehr als nur eine Symbolfigur. Diese Antigone hadert mit ihrem selbstgewählten Schicksal und mit dem Bild, dass das Patriarchat von ihr hat.

Ismene bei ihren Geschwistern Antigone und Polyneikes in der Gruft.

Die Inszenierung ist keine leichte Kost, keine wirkliche neue Geschichte, aber wer einen optischen Hochgenuss mit vorsichtiger Neuinterpretation und großartiger Leistung der Hauptdarstellerin sehen will, sollte sich „Antigone“ noch am 12. und am 21. Mai in Greifswald und am 16. Mai in Stralsund ansehen.

Fotos: Vincent Leifer, Theater Vorpommern

Fridays for Future – Greifswalder demonstrieren gemeinsam mit über 1.500 Gemeinden weltweit für die Klimarettung

Fridays for Future – Greifswalder demonstrieren gemeinsam mit über 1.500 Gemeinden weltweit für die Klimarettung

Zum vierten Mal haben sich am Freitag, dem 15. März 2019 hunderte Schüler*innen, Studierende und Wissenschaflter*innen auf den Straßen Greifswalds Gehör verschafft. Sie haben bei jedem Wetter, Wolken, Sonnenschein, Regen und eisigem Winde für die Rettung des Klimas demonstriert.  Weltweit haben sich an diesem Tag über 1.500 Gemeinden der Bewegung angeschlossen.

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retro.kolumne: Wendy

retro.kolumne: Wendy

Retro, retro, retro yeah! Die neue Kolumne über alte Dinge. Kennt Ihr diese Spiele, Filme, Accessoires noch? Aus der Kindheit, meist noch aus den 90ern stammen sie und sind vielleicht ja doch noch eine Guilty Pleasure des ein oder anderen.

Dieses Mal mit dem Thema: Wendy.

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advents.kalender 2018: 24. Türchen

advents.kalender 2018: 24. Türchen

Weihnachten – oder wie sich das Christentum ein menschliches Bedürfnis kulturell aneignete:
Weihnachtszeit – eine Zeit der Besinnung, in der Christen der Geburt ihres Messias gedenken, indem sie heidnische Götzen anbeten. HÄ? Moment!

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Die Vorpommersche Lösung- Mitarbeiter des Kreisstagscaterers irritieren mit rechten Symbolen auf ihrer Kleidung

Die Vorpommersche Lösung- Mitarbeiter des Kreisstagscaterers irritieren mit rechten Symbolen auf ihrer Kleidung

 

Teaser: Zwei Mitarbeiter eines lokalen Caterers irritierten mit rechtsextremen Symbolen Teilnehmer und Besucher des Kreistags in Pasewalk

„Ist das nur hässlich oder schon Nazi?“ fragte der Liveticker der Linken zur Kreistagssitzung am 10. Dezember direkt zu Beginn. Gemeint waren die schwarzen Shirts zweier Mitarbeiter eines Cateringstandes in Pasewalk, wo im Wechsel mit Greifswald der Kreis Vorpommern-Greifswald tagt. Tino Höfert, vom Greifswalder Stadtjugendring, war auf dem Weg vorbei an den Bockwürsten zur Sitzung, als ihm gleich drei verdächtige Symbole auf der Bekleidung auffielen. Er berichtete, dass er unter anderem einen stilisierter Reichsadler über einer schwarzen Sonne sowie die Zahl 88 deutlich erkennen konnte. Die Zahl 88 steht in der rechtextremen Szene für den doppelten achten Buchstaben im Alphabet: H, wie Heil Hitler. Die schwarze Sonne ist ein eher rechtsesoterisches Zeichen und wird seit den 1990ern als Erkennungssymbol in rechten Kreisen verwendet.

Zunächst alarmierte der Jugendpolitische Koordinator der Jugendringe die Abgeordneten von der Alternativen Liste, SPD, LINKE und Grünen über seine Entdeckung, die sich sofort an die Leitung des Hauses wanden. Anstatt die beiden des Hauses zu verweisen, wurden die Wurstverkäufer aufgefordert, die Symbole zu verdecken. Ein Vorgang, der von der Alternativen Liste in den sozialen Medien lapidar als „vorpommersche Lösung“ betitelt wurde. Nachdem die beiden ihre Jacken übergezogen hatten, ging die Sitzung ihren gewohnten Gang.

Der Caterer, wird nicht direkt vom Kreistag engagiert. Vielmehr kann das Unternehmen mit einem eigenen Stand exklusiv Essen an die Sitzungsteilnehmer verkaufen. Das Haus in Pasewalk, dass bisher noch nicht für eine Stellungsnahme zu erreichen war, will auch in Zukunft an der Zusammenarbeit mit dem Unternehmen festhalten, da es in den vergangenen Jahren zu keinen Problemen mit ihnen gekommen sei, sofern sich der Vorfall nicht wiederholt.

Besonders erschreckend fand Höfert, dass viele Anwesende hinterher erklärten, die Symbole seien ihnen nicht aufgefallen. Und das, obwohl die Mitarbeiter des Catering keineswegs nur um Hintergrund waren, sondern Essensbestellungen persönlich entgegennahmen.

Der Nordkurier berichtete, dass die Mitarbeiter selber angaben, ihre Shirts seien die Vereinsshirts ihres lokalen Dart Clubs. Einen Dart Club in Pasewalk mit dieser Bekleidung konnten wir bei unseren Recherchen bisher nicht finden.

In der Kreistagssitzung war an diesem Nachmittag die Bekleidung der Caterer kein Thema.

Photo by Dose Juice on Unsplash