von moritz.magazin | 22.03.2014
Jeder Ort hat seine Geschichte. Und Geschichte hinterlässt zumeist Spuren, von denen wir heute noch Zeuge werden können, wenn wir nur hinsehen und es Bemühungen gibt, diese historischen Zeugnisse zu erhalten.
Die Stadt Greifswald besteht nunmehr seit über siebenhundert Jahren, erste Siedlungsspuren gehen bis ins frühe dreizehnte Jahrhundert zurück. Im Jahr 1250 erhielt die Siedlung, die zu damaligen Zeiten noch als Gripeswald oder auch Gripswolde bekannt war, das Stadtrecht. Vieles ist seither geschehen: Die Einwohnerzahl hat sich seit Beginn des siebzehnten Jahrhunderts verzehnfacht, seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts mehr als verdoppelt. Eine Veränderung des Stadtbildes ist nicht zuletzt dadurch nur natürlich und trotzdem zählt die Greifswalder Altstadt mit ihrem Marktplatz und dem freistehenden Rathaus zu den schönsten in Norddeutschland. Dies ist nicht zuletzt ein Verdienst des Denkmalschutzes. Aber auch fernab der Altstadt findet sich gedenkwürdiges.
Die Denkmäler der Hansestadt

Die Greifswalder Marienkirche wurde um 1280 fertiggestellt. Die Arbeiten am Langhaus jedoch dauerten vermutlich bis ins 14. Jahrhundert an.
Fällt der Begriff des Denkmals, denkt man wohl in erster Linie an Monumente oder Statuen, die zur Erinnerung an bedeutende Ereignisse oder Personen errichtet wurden. So kommen in Bezug auf Greifswald das Rubenow-Denkmal oder die Statue zu Ehren Caspar David Friedrichs in den Sinn. Darüber hinaus gibt es aber auch Denkmäler, die erhaltene Werke der Kunst oder der Baukunst umfassen. Das Denkmalschutzgesetz erweitert diese Begriffe und legt fest, was geschützt werden soll. Im Sinne jenes Gesetzes sind Denkmäler Dinge, die bedeutend für die Geschichte und Entwicklung von Menschen, Städten und Siedlungen sind. Aber auch künstlerisch, volkskundlich und wissenschaftlich wertvolle Zeugnisse fallen unter diese Definition. Weiterhin gibt das Gesetz Auskunft über die verschiedenen Kategorien von Ehrenmälern. So wird zum Beispiel das Einzeldenkmal erwähnt. Es kann sich dabei um ein Gebäude wie das Greifswalder Rathaus oder um eine Grünanlage wie den Rubenow-Platz handeln. Technische Konstruktionen wie die Wiecker Brücke gehören genauso in diese Kategorie wie die gesamte Wallanlage, die die Altstadt umschließt. Die Besonderheit von Einzeldenkmälern liegt darin, dass sie in ihrer Gesamtheit unter Schutz stehen. Es soll nicht nur die Fassade und das Dach eines Gebäudes, sondern auch der gesamte Innenbereich in seiner historischen Form erhalten bleiben. „Dazu gehören Raumstrukturen, Ausstattungselemente wie Türen und Treppen, Fußbodenbeläge oder Holzbalkendecken aber auch Betondecken bei moderneren Denkmälern. Bei der Wiecker Brücke gehört natürlich die gesamte Konstruktion einschließlich der Ketten, der Scharniere, des Unterbaus und der Pfeiler dazu“, erklärt Astrid Ewald, Sachbearbeiterin der unteren Denkmalschutzbehörde in Greifswald. „Es gibt auch Denkmäler aus dem zwanzigsten Jahrhundert“, führt sie weiter aus. „Denkmal bedeutet nicht immer uralt. Etwas muss nicht alt sein, wenn es eine geschichtliche Bedeutung hat“, ergänzt Andrea Henning, ebenfalls Sachbearbeiterin der unteren Denkmalschutzbehörde.
Neben den Einzeldenkmälern gibt es noch die Denkmalbereiche. Bei denen werden nur bestimmte Teile von Gebäuden, Straßen oder Grünflächen unter Schutz gestellt. Vertreter dieser Kategorie sind die Siedlung Ladebow, der Fischerort Wieck und die Greifswalder Altstadt, deren Grundstücksstrukturen zum Teil noch auf den mittelalterlichen Grundriss zurückzuführen sind; für die also lange, schmale Grundstücke und enge, rechtwinklig zueinander verlaufende Straßen das typische Erscheinungsbild darstellen.
Ebenfalls typisch für das historische, hanseatische Stadtbild ist das Giebelhaus, das beispielsweise in der Steinbeckerstraße oder am Marktplatz gefunden werden kann. Darüber hinaus zeigt sich, dass ein Denkmal nicht nur in einer Kategorie vertreten sein muss. „Die gesamte Greifswalder Altstadt ist auch ein Bodendenkmal, denn sie stellt den Stadtgründungsbereich dar, das heißt, sie existiert seit dem dreizehnten Jahrhundert und dementsprechend gibt es dort Siedlungsspuren auch unter der Erde. Eigentlich findet man dort an jeder Ecke etwas, wenn man anfängt zu graben“, führt Ewald aus. Auch muss ein Denkmal nicht immer am selben Ort zu finden sein und stillstehen. Ein Vertreter der sogenannten beweglichen Denkmäler ist mit der „Greif“, einem Segelschulschiff, in Greifswald schnell ausfindig gemacht.
Denkmalschutz und Denkmalpflege

Niedrige, meist eingeschossige Gebäude und oft mit einem Rohrdach bedeckt, zählen zum typischen Erscheinungsbild des Fischerorts Wieck.
Denkmalschutz und -pflege obliegen dem Land, den Landkreisen und Gemeinden und dienen dazu, Denkmäler, zu pflegen und zu schützen, wissenschaftlich zu erforschen und einer sinnvollen Nutzung zuzuführen. Beim Betrachten des Denkmalschutzgesetzes stellt sich die Frage, warum es dann Gebäude wie die Stralsunder Straße 10 gibt, die trotz ihres Status‘ offensichtlich dem Verfall unterliegen. „In diesem Fall ist es so, dass wir zwar Möglichkeiten haben, gemäß des Denkmalschutzgesetzes einzugreifen, aber man kann nicht gleich davon ausgehen, dass der Eigentümer zur Sanierung gezwungen werden kann. Wir müssen immer auch Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen heranziehen. Gibt es zum Beispiel ein großes Loch im Dach eines Gebäudes, können wir beauflagen, dass der Eigentümer handeln muss, um Gefahren vom Gebäude abzuwenden“, berichtet Ewald. „Aber zu einer kompletten Sanierung können wir niemanden zwingen. Das geht nur in Zusammenarbeit mit dem Bauherrn und unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten“, verdeutlicht Henning, „Sie haben da ein Beispiel für ein Gebäude gewählt, dessen Sanierung Summen in Millionenhöhe bedarf.“ Die Denkmalpflege obliegt also dem Eigentümer beziehungsweise dem Bauherrn eines Gebäudes – in Zusammenarbeit und Abstimmung mit der Denkmalschutzbehörde. Daher sind ungenutzte Bauten eher vom Verfall bedroht als solche, die noch genutzt werden, da Mängel hier in der Regel später bemerkt und behoben werden und sie keinen wirtschaftlichen Ertrag einbringen, der auch zur Instandhaltung eingesetzt werden könnte. Nichtsdestotrotz hat der Eigentümer aber die Erhaltungspflicht.
Kompliziert ist die Situation auch, was die Baderstraße 2 betrifft – auch als „Sybilla Schwarz Haus“ bekannt. Hier befindet sich eines der letzten Giebelhäuser, dessen Geschichte bis ins vierzehnte Jahrhundert zurückgeht und das zudem barocke Einbauten und Strukturen des neunzehnten Jahrhunderts beinhaltet. Das Haus ist unsaniert, steht leer und es ist schwierig, das Gebäude zu nutzen. Da es sich dabei ursprünglich um ein Speichergebäude handelt, ist vor allem das Dachgeschoss zum Wohnen überhaupt nicht geeignet, da die Deckenhöhe nicht den Anforderungen entspricht. Das bedeutet, dass im Grunde nur zwei Geschosse nutzbar gemacht werden können, denn würde man das Dachgeschoss bis hin zur Bewohnbarkeit ausbauen, würden sämtliche historische Zeugnisse in ihrer Originalität zerstört werden. Natürlich gibt es bei Weitem nicht nur Negativbeispiele. Viele der Denkmale verdanken ihren Erhalt und ihre Schönheit ausgiebigen Sanierungen, vor allem im Innenstadtbereich. Ein positives Beispiel kann in der Gützkower Straße 26 gefunden werden. Das hier stehende Wohngebäude beinhaltet neben einer historischen Treppe Malereien im Flur- und Eingangsbereich, die erst kürzlich vollständig gesäubert und restauriert wurden.
Einschränkungen durch den Denkmalschutz

Die Wiecker Holzklappbrücke wurde von dem Greifswalder Holzschiffbaumeister August Spruth entworfen und 1887 erbaut.
Dass der Schutz von Denkmälern nicht immer nur positive Folgen haben kann, wird am Beispiel des Jugendzentrums klex deutlich. Das Gebäude, das vom Stadtjugendring und zahlreichen Vereinen für Jugendsozialarbeit genutzt wird, steht unter Denkmalschutz. Dies kann im Falle einer Sanierung des Hauses indirekt zu einer Bedrohung für das Jugendzentrum werden, denn aktuell befindet sich die Nutzung des Gebäudes aus baurechtlicher Sicht in einer Grauzone. Bezüglich Brand- und Schallschutzbestimmungen wird das historische Gebäude als Versammlungsstätte den aktuellen Anforderungen nicht mehr gerecht. Würde das klex nun saniert werden, griffen die aktuellen Vorschriften und Veranstaltungen wie Konzerte könnten nicht mehr durchgeführt werden. Der Denkmalschutz spielt dabei insofern eine Rolle, dass es zwar technisch möglich wäre, das Gebäude entsprechend der gültigen Bestimmungen anzupassen, jedoch wären die Eingriffe nicht mit den Auflagen des Denkmalschutzgesetzes vereinbar. Wann das Gebäude saniert wird, ist noch unklar. „Aktuell stehen wir auf Platz sechs der städtischen Sanierungsliste, dank der Politik. Die Stadt plädierte für Platz zwölf“, so Yvonne Görs vom Stadtjugendring. „Das Problem ist, dass eine vollständige Sanierung Jahre in Anspruch nehmen kann und das Gebäude könnte nicht mehr so genutzt werden wie heute“, erklärt sie weiter. In so einem Fall wäre also die Frage, wann und ob man in dem Haus überhaupt wieder Veranstaltungen im Rahmen der Jugendsozialarbeit durchführen könnte.
Jedoch könnte nicht nur das klex Einschränkungen unterliegen, die unter anderem Folge des Denkmalschutzes wären. Wer sich in Wieck niederlassen und ein Haus bauen will, darf nicht einfach tun und lassen, geschweige denn bauen, was er will. Wieck ist ein Denkmalbereich, die Siedlungsspuren hier gehen ins vierzehnte Jahrhundert zurück und die heutige Erscheinung des Fischerortes ist kein Zufall. „Die Siedlung ist geprägt von eingeschossigen, kleinen Gebäuden, oft mit Rohrdach, das hat schon seine Besonderheiten“, berichtet Ewald. Neubauten müssen sich in das Gesamtbild des Ortes einfügen, so gibt es zum Beispiel Auflagen bezüglich der Höhe und verschiedener Baumaterialien der Gebäude. Auch bestimmte Dachneigungen und Fensterformate müssen eingehalten werden. „Wir hatten vor geraumer Zeit den Fall, dass der Bau eines dreigeschossigen Hauses abgelehnt wurde.“ Denkmalschutz kann also auch Einfluss auf Gebäude nehmen, die noch gar nicht gebaut wurden. Betrachtet man aber das Resultat der Auflagen, sind sicher nicht viele Menschen der Ansicht, dass sie nicht ihre berechtigte Funktion haben. Der Status des Ortes Wieck und der Greifswalder Altstadt als interessante Sehenswürdigkeiten für Touristen sprechen jedenfalls dafür.
Den Artikel schrieben Michael Bauer und Isabel Kockro. Die Fotos stammen von Isabel Kockro.
von moritz.magazin | 22.03.2014
Seit mehr als zwei Jahren wird an der Universität Greifswald die Plagiatserkennungssoftware turnitin verwendet. Nun ist sie auch für Studierende nutzbar. Wie das Ganze funktioniert, was so ein Programm tatsächlich leistet und für wen es eine Hilfe ist, erklärt moritz.

Die Arbeiten werden mit der Plagiatserkennungssoftware turnitin auf unerkenntliche Zitate untersucht – ähnlich wie der Gepäckscanner am Flughafen das Gepäck auf unerlaubte Gegenstände durchleuchtet.
Zurück in der Vorlesungszeit heißt es für einige Studenten: Ab ins Sekretariat und die korrigierten Klausuren oder Hausarbeiten abholen. Hoffentlich hat man keine Fehler gemacht und alles verständlich geschrieben – aber was, wenn nun doch ein Plagiat darunter war? Seit dem 1. Januar 2012 verwendet die Universität Greifswald die Plagiatserkennungssoftware turnitin. Dieser Dienst überprüft auf dem Server des amerikanischen Anbieters iParadigms hochgeladene Dokumente auf identische Textstellen in den Arbeiten anderer Autoren. Neuerdings ist die Software auch für Studierende verfügbar. Der Zugriff erfolgt über die Open-Source Lernplattform Moodle. Ein schneller Log-in mit den Benutzerdaten für das Selbstbedienungsportal, schon kann man seine Prüfungsarbeit auf ungewollte Plagiate untersuchen, bevor man sie beim Dozenten abgibt und eine schlechte Note riskiert.
Auf Nummer sicher
Für Studierende ist turnitin gratis, der kostenpflichtige Jahresvertrag für die Softwarelizenz wird regelmäßig von der Universität verlängert. Die Preise sind über die Webpräsenz von iParadigms nicht öffentlich einzusehen, sie werden individuell mit jeder Einrichtung verhandelt. Für eine Universität mit 12 000 Studierenden beträgt der Listenpreis rund 13 000 Euro pro Jahr, so der Kanzler der Universität, Dr. Wolfang Flieger. Das Unversitätsrechenzentrum ist verantwortlich für die Wartung und Verfügbarkeit der Software für die Studierenden sowie deren Datenschutz. Eine Testphase erbrachte zufriedenstellende Ergebnisse in der Handhabung, allerdings war der Datenschutz während der ersten Moodlesitzungen nicht gewährleistet, da die hochgeladenen Arbeiten von allen Moodle-Nutzern eingesehen werden konnten. Dieses Problem konnte mittlerweile jedoch behoben werden, wie Professor Ralf Schneider, der Direktor des Rechenzentrums, versicherte. Sofern der Nutzer lediglich den wissenschaftlichen Text ohne Deckblatt oder etwaige Namensangaben auf den einzelnen Seiten hochlädt, können während der Überprüfung auch keine personenbezogenen Daten erhoben werden. Ob man seine Arbeit vor der Abgabe schon mal von turnitin überprüft hat beziehungsweise was dabei herausgekommen ist, erfährt außer einem selbst niemand, auch nicht der Prüfer. Nach sieben Tagen wird das Dokument automatisch aus dem Moodle-System gelöscht. Die Löschung auf dem Server von iParadigms erfolgt gemäß der zwischen der Universität und iParadigms vereinbarten Nutzungsbedingungen unmittelbar nach der Überprüfung.
Was sagen die Professoren?
Was den Gebrauch durch die Lehrkräfte angeht, so ist auch gut ein Jahr nach der Einführung von turnitin noch kein einheitlicher Trend erkennbar. Die Institute der Philosophischen Fakultät beispielsweise haben in unterschiedlichem Ausmaß einen Zugang zur Software beantragt und nutzen diese auch sehr unterschiedlich. Ein Befürworter turnitins ist Professor Patrick Donges, Studiendekan der Philosophischen Fakultät und Professor für Kommunikationswissenschaft. „Ich habe schon Studierende über die Software ‚erwischt‘, sogar bei einer Abschlussarbeit […] Die Konsequenz ist, dass die Prüfung als nicht bestanden gewertet und der Täuschungsversuch dem Zentralen Prüfungsamt gemeldet wird“, meint er.
In der Medizin und Zahnmedizin hingegen gestaltet sich die Nutzung der Software oftmals als schwierig oder gar unsinnig, da es weder schriftliche Hausarbeiten noch Bachelor- oder Masterarbeiten gibt. Lediglich die Doktorarbeiten könnten einer Prüfung unterzogen werden. Diese werden aber in der Regel in deutscher Sprache verfasst, während praktisch die gesamte Fachliteratur auf Englisch geschrieben ist, wie der Studiendekan der Universitätsmedizin, Professor Rainer Rettig bestätigt. Zudem würde es bei den Doktorarbeiten zumeist um die Beschreibung und Diskussion von Ergebnissen oder Befunden gehen, die die Doktoranden selbst im Labor erzielt oder am Krankenbett erhoben hätten. Ein Betrugsversuch in diesem Sinn ist dem Dekan aus seinem Fachbereich bisher nicht bekannt. Die Konsequenzen wären jedoch gravierend, vermutet er.
Die Frage ist, ob die Software hält, was sie verspricht. Können Plagiate durch eine elektronische Überprüfung aufgedeckt werden? Unter Leitung der Professorin für Medieninformatik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, Professor Weber-Wulff, wurden in den Jahren 2004 bis 2013 bereits sieben Plagiatserkennungssoftware-Test durchgeführt. Bei der letzten Untersuchung im vergangenen März wurden 15 Programme unter anderem mit Wikipedia-Auszügen, Quellen aus Google Books, fremden Schriftsystemen und besonders großen Dateien konfrontiert. Die Tester vergaben kein einziges „sehr gut“, oder „gut“, lediglich drei Programme erwiesen sich als „teilweise nützlich“. Darunter war auch das an der Universität Greifswald genutzte turnitin. Pluspunkte bekam die Software für schnelle Ergebnisse in kurzen Texten, die einfache Handhabung und die automatische Registrierung Hebräischer und Japanischer Schriftzeichen sowie Homoglyphen. Allerdings erwies sich die Überprüfung großer Textdateien als weitaus weniger effektiv, lückenhaft und sehr zeitaufwendig. Immerhin gelang es den Vertreibern, die in vorherigen Tests kritisierten Punkte zu verbessern, wie beispielsweise die Aufnahme weiterer Online-Quellen in ihre Datenbank für den Abgleich und die Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit.
Software ersetzt Rotstift
Zwei wesentliche Probleme bleiben jedoch bestehen: Zum einen werden viele tatsächliche Plagiate weiterhin übersehen, da die Erkennungssoftware nur auf online frei verfügbare Texte zugreifen kann. Hierbei handelt es sich um sogenannte „falsche Negative“. Zum anderen werden augenscheinliche Plagiate angezeigt, die jedoch alltäglichen und oft gebräuchlichen Formulierungen entsprechen, wie beispielsweise „Es ist davon auszugehen, dass…“. Diese Pseudo-Plagiate werden zusammen mit direkten Zitaten als ‚falsche Positive‘ bezeichnet. Zudem ist es in der Vergangenheit vorgekommen, dass mögliche Quellen für die gefundenen Plagiate angegeben wurden, die auf Spam-Seiten mit pornografischem Inhalt verwiesen.
Während auf der Vollversammlung der Studierendenschaft in Wintersemester 2012/2013 noch aktiv gegen die Verwendung der Plagiatssoftware Turnitin an der Universität Greifswald mobil gemacht wurde, ist es in der Hochschulpolitik mittlerweile ruhig geworden um das Thema. Damals berief sich die Vollversammlung auf einen Beschluss des Studierendenparlaments vom 3. Juli 2012, der insbesondere die datenschutzrechtliche Basis für die elektronische Prüfung und die erzwungene Einverständniserklärung kritisierte, der zumindest alle Studierenden der neueren Studienordnungen ab 2012 ausgesetzt sind. Desweiteren fiel das Argument des Generalverdachts, unter den Studierende gestellt werden würden, sowie die Fragen nach der Datenspeicherung und der Fehleranfälligkeit der Software.
Der Plagiatserkennungssoftware-Test 2013 bestätigt: Die Programme finden lediglich identische Textstellen und dienen somit als Hilfsmittel, keinesfalls aber als Prüfstein. Automatisch generierte Plagiatsberichte sollten daher mit Vorsicht genossen und von den zuständigen Prüfern nicht unkommentiert hingenommen werden.
„Natürlich ist es sinnvoll, eine Plagiatserkennungssoftware nicht nur punitiv, sondern auch präventiv und didaktisch einzusetzen. Vor diesem Hintergrund hat die Universität Greifswald – ich glaube, damit sind wir ganz weit vorne – die Möglichkeit eingerichtet, dass unsere Studierenden ihre Arbeiten selbst bei turn-itin hochladen und prüfen können, bevor sie sie bei ihrem Prüfer abgeben. Denn das eigentliche Ziel der ganzen Prüferei besteht ja nicht darin, Plagiate zu erkennen. Das ist nur das Instrument. Das Ziel besteht darin, Plagiate zu vermeiden.“
Dr. Wolfgang Flieger, Kanzler der Universität
Den Artikel schrieben Laura Hassinger und Vincent Roth. Die Grafik stammt von Katrin Haubold.
von moritz.magazin | 22.03.2014
Seit gut einem Jahr ist Professor Johanna Eleonore Weber im Amt als Rektorin der Universität Greifswald. moritz sprach mit ihr über das vergangene Jahr, die anstehenden Projekte und die nächsten Schritte im Umgang mit dem Haushaltsdefizit.
Wie ist Ihnen das letzte Jahr als Rektorin der Universität Greifswald vorgekommen?
Ich kann es kaum glauben, dass schon ein Jahr vergangen ist. Die Zeit ist schnell verflogen, weil die Tage so ausgefüllt sind. Auch früher hatte ich volle Tage, aber nun sind viele unterschiedlichste Aufgaben hinzugekommen, die volle Aufmerksamkeit fordern. Ich hatte erwartet, dass das Rektorat lebhaft und anstrengend werden wird, aber dass die Aufgaben so vielfältig sind, das hat mich positiv überrascht.
Welche Projekte haben Sie, die Sie 2013 nicht verwirklichen konnten, aber 2014 in Angriff nehmen wollen?
Wenn ich erlebe, wie andere Hochschulen bei bestimmten Themen mit gutem Beispiel vorangehen, wünsche ich mir oft, dass wir das auch möglichst schnell in Greifswald umsetzen können. Aber dann wird mir schnell bewusst, dass die Realisierung viel Zeit in Anspruch nehmen wird. Zum Beispiel sehe ich beim Thema Gleichstellung oder Internationalisierung, was wir alles verbessern könnten, weiß aber, dass Veränderungen vorbereitet und schrittweise umgesetzt werden müssen. Das erfordert eben Geduld und Zeit. Als wir beispielsweise kürzlich die Universität Lund besucht haben, konnten wir erleben, wie strategisch dort im Hinblick auf Internationalisierung gedacht wird und welch hoher Stellenwert eine auf internationale Gäste abgestimmte Willkommenskultur hat. Mein Wunsch ist es, auch für Greifswald mehr internationale Studierende zu gewinnen und internationale Partnerschaften und Forschung voranzubringen.
Wann muss der Hochschulentwicklungsplan fertig sein?
Der Hochschulentwicklungsplan (HEP) muss am 30. Juni 2014 beim Bildungsminister vorliegen. Wir haben mit den Zuarbeiten bereits im Herbst 2013 begonnen, damit der Senat die Möglichkeit hat, über unseren Entwurf ohne Zeitdruck zu diskutieren und abstimmen zu können. Wir besprechen derzeit einen ersten Entwurf des Hochschulentwicklungsplans in der Rektoratsberatung und in der Dienstberatung. Ab März beziehungsweise April wird der Senat in mehrmaliger Lesung den HEP diskutieren und abschließend darüber abstimmen.
Was sind die neuen Ziele in dem Hochschulentwicklungsplan?
Das ist ein Prozess, der gemeinsam von den beteiligten Gremien der Universität getragen werden soll. Wir gehen mit einem Entwurf in die Diskussion. Da diese Diskussion erst begonnen hat, möchte ich einzelne Vorschläge noch nicht erläutern.
Denken Sie über einen Forschungsschwerpunktwechsel nach?
In der Januarsitzung des Senats wurde darüber schon spekuliert, ob wir eine Änderung in den Forschungsschwerpunkten vornehmen möchten. Unser generelles Bestreben muss es sein, dass der Hochschulentwicklungsplan Änderungen abbildet, die in unserer Forschung erfolgt sind. Dort, wo sich neue Schwerpunkte gebildet haben, wo erfolgreiche Forschung betrieben wird, die auch attraktive Lehre nach sich zieht und Studierende anlockt, tun wir gut daran, solche Entwicklungen im Hochschulentwicklungsplan aufzugreifen.
Wie hat sich die Gleichstellung im letzten Jahr entwickelt?
Auf der einen Seite sehe ich die Entwicklung sehr positiv. Wir diskutieren viel häufiger und offener über Gleichstellungsfragen. Wir haben durch unsere Mentoring-Programme sehr gute Angebote für die Förderung von jungen Wissenschaftlerinnen etablieren können. Aber wir sehen auch, dass Gleichstellung Hand in Hand mit einer ausgeprägten Familienfreundlichkeit gehen muss. Die jungen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die Eltern sind, müssen stärker darin unterstützt werden, Beruf und Familie miteinander verbinden zu können. In der Hinsicht ist schon sehr viel geschehen. Nach wie vor dramatisch gering ist die Anzahl der Hochschullehrerinnen an der Universität, mit Ausnahme der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät. Der Anteil an Frauen ist jedoch nur langsam zu steigern, da wir in jedem Jahr nur eine geringe Anzahl von Professuren neu besetzen können. Und zudem sind wir nicht die einzigen, die sich um Wissenschaftlerinnen bemühen. Wir befinden uns gerade in einem fröhlichen Wettkampf um Frauen. Da Hochschulen mit höheren Frauenanteilen auch höhere Förderungschancen haben, sind diese strategisch besser organisiert. Wir müssen aktiv werden, indem wir Frauen gezielt ansprechen, beispielsweise über entsprechende Netzwerke und Fachgesellschaften. Was mich erschüttert hat, ist der geringe Anteil an Frauen in der Gruppe der Hochschullehrer/innen in den neu gewählten Fakultätsräten: In drei Fakultäten, der Theologischen und der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät sowie in der Universitätsmedizin gibt es keine einzige Professorin in den Fakultätsräten, in der Philosophischen Fakultät eine und in der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät zwei. Welches Bild vermitteln wir damit nach außen?
„Wir befinden uns gerade in einem fröhlichen Wettkampf um Frauen.“
Was wird als nächstes beim Haushaltsdefizit unternommen?
In diesem Jahr steht uns eine Prüfung durch den Landesrechnungshof bevor. Das ist das Ergebnis im Streit mit dem Minister, der bezweifelt hatte, dass die von uns angegebenen Daten korrekt sind. Nun sollen die beiden Universitäten Rostock und Greifswald vom Landesrechnungshof geprüft werden. Der Landesrechnungshof wird demnächst an die Arbeit gehen. Wir sind überzeugt, dass wir richtig rechnen, und gehen davon aus, dass die Ergebnisse Grundlage für künftige Verhandlungen sind. Ideal wäre es, wenn wir – korrekte Zahlen vorausgesetzt – für die von uns genannten Bedarfe auch entsprechend mehr Geld erhalten würden.
Wann rechnen Sie mit einem Ergebnis?
Das weiß im Moment niemand. Wir hoffen, dass das Ergebnis so schnell wie möglich kommt.
Glauben Sie daran, dass weitere finanzielle Mittel fließen, wenn das Ergebnis des Landesrechnungshofs positiv ist?
Ich würde mich sehr freuen, wenn es so kommen würde. Es wäre die logische Konsequenz einer Prüfung. Die Frage ist dann nur, ob und wie die zusätzlichen Mittel bereitgestellt werden. Der Doppelhaushalt 2014/15 wurde ja im vergangenen Dezember verabschiedet; weitere Mittel müssten dann in irgendeiner Form den Universitäten zur Verfügung gestellt werden.
Was wären denn die nächsten Schritte, wenn keine weiteren finanziellen Mittel vom Land kämen?
Zunächst haben wir jetzt alle Rückstellungen, die wir noch hatten, unter anderem auch die Mittel für die Sanierung der alten Physik, in den laufenden Haushalt eingespeist. Das heißt, wir haben dadurch in diesem Jahr ein bisschen Luft bekommen, die Personalstellen einigermaßen ausfinanzieren zu können. Ohne die Rückstellungen hätten wir auslaufende Stellen nicht verlängern können; das hätte nach dem Gießkannenprinzip Stellen getroffen, die gerade frei werden. Aber ab dem kommenden Jahr wird es wirklich eng! Dann hilft nur die Hoffnung auf zusätzliche Mittel und den neuen Doppelhaushalt mit den entsprechenden Zuwächsen für die Hochschulen. Also wir retten uns jetzt sozusagen über die nächsten beiden Jahre mit allem, was wir noch haben, und dann wissen wir selbst nicht weiter, wenn keine Unterstützung kommt.
„Das Rektorat verfügt nicht über Professoren. “
Trotzdem bangt das Casper-David-Friedrich-Institut um die Schließung, da eine Professorenstelle nicht besetzt werden soll.
Die Stelle ist nicht aktuell gestrichen worden. Es gibt einen früheren Beschluss der Fakultät, die Anzahl der Stellen von drei auf zwei Professuren zurückzuführen. Die Frage ist, wann diese Rückführung von drei auf zwei erfolgt, bereits jetzt im Hinblick auf die Nachfolge von Professor Puritz oder später nach Ende der befristeten Professur von Professor Müller. Die Studiengänge sind nicht bedroht. Es ist Aufgabe der Fakultät, dafür zu sorgen, dass das in der Studienordnung vorgesehene Lehrangebot erhalten bleibt, und sei es durch Vertretungen.
Auf der institutsinteren Vollversammlung der Studierenden war Dekan Wöll dabei und meinte, dass man beim Rektorat beantragen will, dass eine neue Stelle geschaffen werden soll.
Wir können keine zusätzliche Professur außerhalb des Stellenplans der Universität schaffen. Die Fakultät muss ihre Professuren im Rahmen ihres Stellenplans verteilen. Das Rektorat verfügt nicht über Professuren.
Die Zahl der Studierenden an der Universität hat sich in den letzten zwei Jahren verringert. Was wollen Sie dagegen unternehmen?
Wir sehen den Rückgang natürlich mit Sorge. Auf der einen Seite folgen wir darin dem Bundestrend: Der vorübergehende große Andrang durch doppelte Abiturjahrgänge und Wegfall der Wehrpflicht geht zurück, auch bundesweit. Dennoch müssen wir uns die Frage stellen: In welchen Studienfächern ist der Rückgang besonders stark? Für welche Fächer müssen wir gezielt mehr Studierende gewinnen? Wir haben einige Fächer mit einer unterdurchschnittlichen Auslastung, für die besondere Anstrengungen nötig sind. Das betrifft eine Reihe von Fächern in der philosophischen Fakultät, aber auch die Physik. Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir diese Fächer attraktiver machen und sie noch gezielter bewerben können.
Was, glauben Sie, sind die Ursachen für den Rückgang?
Ich weiß es nicht. Wir müssen nach den Ursachen forschen, alles andere ist Spekulation. Leider können wir diejenigen, die NICHT nach Greifswald kommen, nicht nach ihren Gründen fragen, denn genau diese kritische Gruppe kennen und erreichen wir nicht. Wir können uns nur indirekt darum bemühen, an solche Informationen zu kommen, indem wir zum Beispiel mit Hilfe der Qualitätssicherung unsere Erstsemester befragen, was sie bewogen hat, nach Greifswald zu kommen – und was in ihren Überlegungen auch gegen Greifswald gesprochen hat. Eine andere Möglichkeit ist, dass wir Universitäten mit vergleichbaren Studiengängen anschauen, ob dort die Studierendenzahlen auch zurückgehen. Dann erfahren wir, ob der Rückgang für Greifswald spezifisch ist oder ein Fach allgemein an Attraktivität verloren hat. Und das ist eine wichtige Information, denn dann können wir fragen, was unseren Studiengang von dem in anderen Universitäten unterscheidet. Solche Analysen sind der Schlüssel zu den nötigen Änderungen, durch die Studiengänge wieder an Attraktivität gewinnen.
Das Interview führten Angela Engelnhardt, Anne Sammler und Simon Voigt. Simon Voigt schoß auch das Bild.
von moritz.magazin | 21.03.2014

Juliane Stöver
Vor gut einem halben Jahr hieß es für mich: Auf nach Greifswald. Nicht nur das Geologiestudium, sondern auch mein Umfeld und die Leute waren völlig neu für mich. Ein Winter kam und es wurde wieder Frühling. Allmählich wurde die Studienstadt meine neue Heimat und aus meinen Kommilitonen neue Freunde. Inzwischen ist das erste Semester zu Ende und die ersten Prüfungen sind überstanden. Nebenbei habe ich nicht nur viel über den Aufbau der Erde oder die Zusammensetzung einzelner Gesteine gelernt, sondern auch, dass nur einige Monate ausreichen, meinen Alltag und meine Gewohnheiten auf den Kopf zu stellen. Wo früher Ausgehen eher selten war, ist es heute schon fast zur Routine für das Wochenende geworden. Ganz gleich, ob meine Freunde einen Club oder eine der vielen Bars aufsuchen wollen, fast immer bin ich mit von der Partie.
Alles neu und anders als gewohnt – das zeigt sich vor allem beim Gebrauch meines Handy. Meine schon sechs Jahre alte Möhre, die ich damals von meinen Eltern zur Konfirmation geschenkt bekam, treibt so langsam aber sicher meine SMS-Kosten sowie die Zeit, die ich zum Aufladen brauche, exponentiell in die Höhe. Nie hätte ich gedacht, mein Handy so oft gebrauchen zu müssen. Eine Woche komplett ohne Mobiltelefon auszukommen scheint dennoch möglich zu sein: Das beweisen uns Redakteure mit einem Selbsttest in diesem Heft.
Eines an mir ist jedoch stets gleich geblieben: Ich interessiere mich immer noch ungeheuer für alte Dinge und Geschichten. Nicht nur Gesteine und Fossilien – wie man sich bei meinem Studiengang denken könnte – sondern auch Architektur, Kleidung und Leben der Menschen in früheren Zeiten haben mich schon immer fasziniert. Ist es nicht auch spannend, sich vorzustellen, wie sich das Leben in früheren Jahrhunderten abgespielt haben könnte? Oder zu sehen, was von den alten Zeiten in unsere heutige Zeit übernommen wurde? In Greifswald und Umgebung gibt es eine Menge geschichtsträchtiger Gebäude. Welche davon unter Denkmalschutz stehen, erfahrt ihr im Heft. Auch könnt ihr in einer Fotoreihe die Stralsunder Straße 10, besser bekannt als StraZe, nach der Ausräumaktion bewundern.
Aktuelle Ereignisse sind in dieser Ausgabe des moritz ebenfalls Thema. So beschäftigen sich zwei Kommentare mit der Frage, ob Edward Snowden, dessen Aussagen über die umfassende NSA-Überwachung im letzten Jahr für Furore gesorgt haben, die Ehrendokterwürde an der Universität Rostock erhalten soll. Auch die Diskussion der Wiedereinführung der Lehramtsausbildung in den MINT-Fächern wird in diesem Heft thematisiert. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen.
Das Vorwort schrieb Juliane Stöver.
Die pdf-Version des Magazins findet ihr hier.
von moritz.magazin | 17.01.2014
Die Kerzen sind erloschen und der Baum liegt schon auf der Straße. Der Hund vergräbt die letzten Knochen der Weihnachtsgans im Garten und der Weihnachtsmann ist längst an den Nordpol zurückgekehrt. Eine Enthüllungsgeschichte.
Von: Lisa Klauke-Kerstan
Jährlich fordert uns ein schwedisches Möbelhaus dazu auf, unsere Weihnachtsbäume aus dem Fenster zu werfen und Platz für Neues zu schaffen. Doch bevor wir uns Gedanken darüber machen, wie wir das nadelnde Bäumchen wieder loswerden, sollten wir erst einmal wissen, warum es während der Weihnachtszeit bunt geschmückt unsere Geschenke beherbergt.
Der Brauch, seine Haustür während der kalten Jahreszeit mit grünen Zweigen zu schmücken, ist uralt. Einen ganzen Baum ins Haus zu schleppen hingegen recht neu. Zur Zeit der Römer und im Mittelalter sollten Äste immergrüner Pflanzen Schutz bieten und die Geister vertreiben. Das Großbürgertum und der Adel setzten dem Ganzen dann die Krone auf, indem sie, dekadent wie sie waren, gleich den gesamten Baum fällten und prunkvoll geschmückt in die heimische Stube stellten. Nach und nach konnte sich auch der Pöbel ein Bäumchen leisten und so kam es, dass heute fast weltweit alle westlichen Kulturen mit einer Tanne die Feiertage begehen. Heute gilt das Grün aber nicht mehr als Zeichen des Lebens, wie es in den heidnischen Traditionen Brauch war, sondern steht für Frieden, Familiensinn und Innigkeit. Eine christliche Erklärung für die Tradition der Tanne gibt es übrigens auch noch. Sie soll bei Krippenspielen als Ersatz für den Paradiesbaum aus dem Alten Testament gedient haben. Doch wer´s glaubt, wird selig.
Oh, Tannenbaum
So, nun zu der Geschichte mit dem Baby. Klar, Jesus wurde irgendwann geboren und Krippenspiele bezeugen diese Begebenheit jedes Jahr aufs Neue. Fest steht allerdings, dass wirklich niemand weiß, ob der Sohn Gottes tatsächlich am 25. Dezember das Licht der Welt erblickte. Höchstens die gute Maria hätte wohl einen Tipp parat. Gefeiert wird am 25., weil ein wichtiger Mann das im Jahr 354 so wollte. Er beschloss, dass an diesem Tag nicht mehr römische Kaiser, sondern Christus verehrt werden sollte. Natürlich gibt es auch zahlreiche Hinweise darauf, dass der kleine Knabe tatsächlich an diesem Tag im Stroh geboren wurde, doch Beweise gibt es keine. In Deutschland und anderen Ländern sitzt man allerdings schon eine Nacht vorher unterm Weihnachtsbaum, da viele Feste im römischen Reich bereits mit einer Nachtwache begannen. Praktischerweise fiel das Ganze auch noch in die germanische Tradition der zwölf heiligen Nächte der Sonnenwende und so war das Datum besiegelt. Die „ze wihen nahten“ sind übrigens auch für den Namen des Festes der Besinnlichkeit verantwortlich.
Denkt man an die schönen Stunden im Kreise der Familie bei Kerzenschein zurück, kommt einem automatisch auch ein gern gesehener Gast dieser Tage in den Sinn. Die gesuchte Person ist ein lieber, leicht dicklicher alter Mann. Er trägt meistens einen roten Anzug, der mit weißem Pelz besetzt ist. Nicht zu vergessen sein markantestes Merkmal: der Rauschebart. Auf einem Schlitten kommt er durch die Luft gefahren und ein ziemlich erkältet scheinendes Rentier leuchtet ihm den Weg. Die Rede ist natürlich vom Weihnachtsmann. Der Volksmund sagt, er habe sein Aussehen von der bösen und kapitalistischen Coca-Cola-Company übergestülpt bekommen, doch das stimmt nur zur Hälfte. Denn die ersten Beschreibungen des heutigen Stereotyps finden sich bereits in dem Gedicht „A visit from St.Nicholas“ von Clement Moore aus dem Jahr 1822. Erst seit 1931 wirbt der Getränkehersteller mit dem klassischen Weihnachtsmann. Doch die Geheimzutat für den Postboten der ganz besonderen Art kam tatsächlich aus dem Christentum.
Zunächst wurde nämlich der Heilige Nikolaus von Myra an seinem Namenstag, dem 6. Dezember, gefeiert. Er gilt als Schutzpatron der Kinder und bringt noch heute Süßigkeiten. Doch Martin Luther wollte, dass sich im Dezember alle Gläubigen auf die Geburt Christi konzentrieren. Also mussten die Geschenke passend zum 25. vom Weihnachtsmann geliefert werden. Seit 1535 ist das so und wird sich wohl auch nicht mehr ändern. Je nach Region kommen statt dem Weihnachtsmann immer noch der Nikolaus oder eben ganz klassisch das Christkind. Doch egal, wer da mit rot gefrorenem Näschen vor der Türe steht, artig muss man immer sein, um mit Äpfeln und Nüssen belohnt zu werden.
Aufgrund der Verschiebung der Bescherung dehnte sich natürlich auch die Wartezeit für die Kinder aus. Es musste also etwas her, dass die Wochen vor der großen Bescherung versüßt – der Adventskalender. Ob als Postkarte, selbstgebastelt, riesig groß oder kunterbunt, 24 Türchen muss er haben und mit Überraschungen, die die Vorfreude jeden Tag bis zum Heiligen Abend erhöhen, gefüllt sein. 1908 wurde der erste Kalender dieser Art von einem Buchhändler gedruckt, damals noch ganz ohne Süßigkeiten. Vor dieser Erfindung wurden aber bereits selbstgebastelte Uhren oder zunächst leere Krippen, die Tag für Tag gefüllt wurden, genutzt um die Weihnachtszeit zu strukturieren und den Kindern das Warten zu erleichtern.
Und wenn das fünfte Lichtlein brennt

Für die Erwachsenen gibt es eine ganz ähnliche Tradition. Adventskränze sind mittlerweile ein fester Bestandteil der Vorweihnachtszeit. Einen mit vier Kerzen erleuchteten Kranz verzeichnet die Geschichte zum ersten Mal 1839 in Hamburg. Die grünen Zweige waren zunächst nur ein Beiwerk und schmückten den Raum, in dem der Kranz stand. Erst 1860 wurden dann Tannen- oder Fichtenreisig direkt am Adventskranz festgezurrt. Die runde Form dient als Symbol für den Erdkreis. Die grünen Zweige sollen, ähnlich wie der Weihnachtsbaum, Leben und Hoffnung darstellen. Das Licht, das mit jeder Kerze entfacht wird, soll die Angst vertreiben. Die leuchtenden Flammen sind auch ein Symbol für Jesus Christus, das Licht der Welt.
Zum traditionellen Weihnachtsfest gehört neben den schönen Geschenken und Bräuchen auch das gute Essen. Jährlich ergeben Umfragen, dass jeder Dritte Deutsche den Heiligen Abend mit Kartoffelsalat und Würstchen feiert, doch auch Gans oder Karpfen erfreuen den Magen. Das liegt daran, dass am 11. November zum Martinstag die kirchliche Fastenzeit beginnt und erst wieder am 25. Dezember endet. Also isst man vorher und nachher noch schnell eine Gans. Am letzten Fastentag, dem Heiligen Abend, ist also noch kein Fleisch erlaubt, deswegen muss der Karpfen aus dem Gartenteich dran glauben. Warum eine Gans und kein anderes Federvieh oder gar ein Vierbeiner auf dem Teller liegt, rührt allerdings aus einem weltlichen Umstand her. Der gute St. Martin war nämlich Lehnsherr und verlangte von seinen Vasallen zu Beginn der Fastenzeit einen Vogel als Lehnspflicht. Die Tradition der Weihnachtsgans verbreitete sich schlussendlich durch die Industrialisierung, die der gesamten Bevölkerung zu einer Steigerung des Wohlstands verhalf. Also hat doch der böse Kapitalismus gesiegt.
Neben dem ganzen Kaufen, Essen und Laufen soll ja eigentlich die Liebe oder zumindest die Nächstenliebe während der Feiertage im Vordergrund stehen. Da das so mancher aber vergisst, während er sich selbst mit Klebeband fast selbst stranguliert oder wochenlang das Internet nach Geschenken durchforstet, gibt es ja noch den Brauch des Mistelzweiges. Dieser zwingt Menschen kurz inne zu halten und in einem ruhigen oder auch peinlichen Moment einen Kuss auszutauschen. Als Pausenknopf war der Ast am Türrahmen aber nicht immer gedacht. Eine nordische Göttersage hat das ewige Geknutsche zu verantworten. Denn die Liebesgöttin Frigga verlor durch tragische Umstände ihren Sohn, der durch einen Mistelzweigpfeil erschossen wurde. Die Menschen machten fortan unter dem bösen Bäumchen, von dem der tödliche Ast stammte, Halt, um durch einen Kuss die gebrochene Liebe zwischen Mutter und Sohn zu würdigen und das Höchste der Gefühle zu feiern. Auch hiermit hat das Baby in der Krippe also wenig zu tun.
Nun ist es ja fast noch ein ganzes Jahr bis das nächste Mal Weihnachten vor der Tür steht. Doch keine Angst, spätestens wenn wieder „Last Christmas“ von Wham! aus dem Radio schallt, weiß jeder: es weihnachtet sehr.
Hohl wie ein Schokoweihnachtsmann
Ein Kommentar von Anton Walsch
Neulich kam mir eine wohl zeitgenössische Weihnachtsbotschaft zu Ohren: Wenn wir alle so lieb und großzügig wie der Weihnachtsmann werden, wird die Welt ein Stück besser und friedlicher. Das klingt plausibel, aber ist es das, was wir am 25. Dezember feiern? Nein. Als Christ feiere ich zu Weihnachten die Geburt – nicht den Geburtstag – Jesu Christi. Gott wird selbst Mensch, begibt sich mit uns auf Augenhöhe. Gott schenkt uns seinen Sohn, den Messias. Wenn das nicht ein Grund zur Freude ist! Und es ist auch ein guter Grund, anderen eine Freude zu machen.
Für einen großen Teil der Bevölkerung spielt der christliche Glaube allerdings keine Rolle mehr. Das Weihnachtsfest wollen sie trotzdem nicht missen. Viele werden dann zu Weihnachtschristen, besuchen das einzige Mal im Jahr einen Gottesdienst – immerhin, könnte man meinen. Für alle anderen müssen Ersatzgründe her, ganz egal, ob sie um den Ursprung wissen oder nicht. Weihnachten wird nun der Familie, der Liebe und den Geschenken gewidmet. Beim übernatürlichen Weihnachtsmann drücken dann auch Alltagspositivisten mal ein Auge zu.
Wenn nun aber statt Gottes Sich-Selbst-Schenken das eigene Geschenk im Mittelpunkt steht, will man nicht kleinlich sein und greift großzügig in die Tasche. Der Einzelhandel empfängt mit offenen Armen. Im Gewand der Großzügigkeit lädt er zu vier Wochen Kaufrausch ein. Und weil es scheinbar auch um Familie, Freunde und Gemütlichkeit geht, folgt eine Weihnachtsfeier der nächsten.
So geht es durch den Advent, der eigentlich die Vorbereitungszeit ist. Die Traditionen verkommen zur Hülle. Besinnlichkeit weicht dem Einkaufsstress, das Christkind in der ärmlichen Grippe dem Weihnachtsmann. Dazu laufen säkularisierte Weihnachtsschlager á la „Last Christmas“ und die Kauflaune bestimmt die Nachrichten. Diese Entfremdung tut mir schon manchmal in der Seele weh. Keine Frage: Schenken und Feiern gehören auch für mich zu Weihnachten, der eigentliche Inhalt ist es aber nicht. Und dennoch möchte ich niemandem das Weihnachtsfest vergönnen. Freude ist angebracht. Dann feiert eben den Weihnachtsmann, den Binnenkonsum, euch selbst.
Christmas is Everywhere – Ein Plädoyer
Ein Kommentar von Fabienne Stemmer
Das Fest, auf das wir als Kinder monatelang hingefiebert haben, ist schon wieder vorbei. Doch dabei sind wir bestens gerüstet für das neue Jahr, mit fünf Kilo mehr auf den Hüften und unzähligen Geschenken.
Genauso wie das heilige Fest jedes Jahr gefeiert wird, finden jedes Jahr aufs Neue ausgedehnte Diskussionen statt: Dürfen Menschen mitfeiern, die nicht an das Christentum glauben? Aus Perspektive einer streng gläubigen Familie ist diese Frage vermutlich leicht zu beantworten: Nein! Die Begründung ist plausibel: An den Weihnachtsfeiertagen wird die Geburt Jesu Christi zelebriert, ein christlicher Brauch, mit dem Nicht-Gläubige ursprünglich nichts zu tun hatten.
Die Betonung liegt hierbei auf ursprünglich. Seien wir doch mal ehrlich, im Mittelpunkt der Weihnachtsfeier steht für den Großteil der deutschen Bevölkerung längst nicht mehr der religiöse Gedanke. Vielmehr geht es uns um das familiäre Zusammensein, das endlose Essen und vor allem das Schenken.
Exemplarisch lässt sich diese Entwicklung in der Kommerzbranche wiederfinden. Ginge es tatsächlich für die meisten um das Andenken an Christi Geburt, dann hätte sich die uralte religiöse Tradition wohl nicht so leicht in einen einzigen Akt der Kommerzialisierung verwandelt. Den Brauch des Schenkens macht sich vor allem die Werbebranche zu Nutzen. Coca-Cola suggeriert ab November in der Werbung „Santa Claus is coming to town“. Jedes Jahr, immer und immer wieder. Seit einigen Jahren macht auch das Online-Shoppingportal Zalando Weihnachtswerbung, indem der Paketbote zum Zalando-Santa mutiert.
Und es funktioniert. Die Menschen verenden in einem heillosen Kaufwahn und schenken, schenken, schenken. Dazu noch jede Menge schallende Weihnachtsmusik aus dem Radio, der Duft von frisch gebackenen Plätzchen und köstlichem Essen, eventuell ein Gang zur Christmesse – das ist dann Weihnachten. Es ist dennoch falsch, das Weihnachtsfest auf Essen, Geschenke und Coca-Colas Santa Claus zu reduzieren. Ein wichtiger Aspekt ist nämlich noch erhalten geblieben: Weihnachten als das Fest der Liebe. Das Fest der Nächstenliebe, um genau zu sein. Jeder Christ sollte um die Wichtigkeit des Zweiten Gebotes wissen und aufgrund seiner religiösen Überzeugungen die Menschen in seinem Umfeld, trotz ihres abweichenden Verhaltens, ihres fehlenden Glaubens „lieben“ und wertschätzen. Warum also den anderen, auch wenn sie nur einmal im Jahr, und zwar an Heiligabend, die Kirche betreten, nicht dieses Zusammensein in der Familie gönnen?
Gerade aufgrund des christlichen Wertes der Nächstenliebe, wäre es da nicht schöner, den unreligiösen Nachbarn oder Freunden ein paar selbstgebackene Plätzchen oder ganz traditionell Mandarinen und Nüsse als kleine Gabe der Aufmerksamkeit zu bringen, anstatt sich über ihre „Unchristlichkeit“ zu mokieren?
Wen das nicht überzeugt, sollte den vorangegangen Artikel „Ausgepackt“ noch einmal sorgfältig inspizieren. Daraus geht hervor, dass Weihnachten kein rein christliches Fest ist. Das germanische sowie keltische Fest zur
Wintersonnenwende, auch als Julfest bezeichnet, existierte bereits vor Christi Geburt und weist überraschende Ähnlichkeiten zum heutigen Weihnachtsfest auf: Das große Festmahl in der Familie, die Tradition des Beschenkens genauso wie der besinnliche Gesang und die geschmückten Nadelbaumzweige charakterisierten seit jeher die Festlichkeit. Einige Quellen gehen noch weiter und suggerieren, dass die Kirche selbst im 4. Jahrhundert das germanische Julfest durch das christliche Weihnachtsfest ersetzen lies, um dem Ganzen seinen christlichen Hauch zu verleihen.
Weihnachten ist folglich alles andere als ein den gläubigen Christen vorbehaltenes Fest. In diesem Sinne ein erfolgreiches Jahr 2014, bis es wieder heißt „Advent, Advent, ein Lichtlein brennt.“
Bild: Lisa Klauke-Kerstan & Kim-Aileen Kerstan