shadow

Und wir feierten doch…

So betitelte die „Antifaschistische Aktion Greifswald“ am 13. Januar 2009 einen Blogeintrag, in welchem umrissen wird, wie am Vorabend mehrere hundert junge Menschen im Ikuwo die Record Release Show des ersten Albums von Feine Sahne Fischfilet feierten. „Backstage mit Freunden„, so der Titel des Albums und heute eine Rarität, sollte eigentlich weiter draußen in der Provinz, genauer in Loitz, präsentiert werden. Ein antifaschistischer Aktionstag mit Vorträgen, Filmbeiträgen und einem großen Konzert. Warum nur eigentlich?
Weil Neonazis aus dem Umfeld der heute verbotenen „Mecklenburgischen Aktionsfront“ (M.A.F.) mit Gewaltaufrufen gegen die Veranstaltung Stimmung machten. Lange Rede, kurzer Sinn: Der Bürgermeister kriegte weiche Knie und verbot die Veranstaltung kurzfristig. Im letzten Moment sucht man also eine Alternative und landet schlussendlich in Greifswald im Ikuwo. Trotz eines unvergesslichen Abends bleibt der fade Beigeschmack, dass die Neonazis in der Region am längeren Hebel sitzen.

Wir leben da / Wo niemals Ebbe ist

Seitdem sind so ziemlich genau 9 Jahre vergangen. 9 Jahre in denen eine Osteuropa-Tour, drei weitere Alben samt Release-Shows in der vorpommerschen Einöde, unzählige Live-Shows, Rock am Ring, Rock im Park, Verfassungsschutzbericht, Arsch aufreißen in der Provinz und was nicht alles zu Buche stehen.
Auch wenn sich gefühlt in Mecklenburg-Vorpommern nicht viel geändert hat, seit dem Tag an dem man in das Auto in Richtung Loitz einsteigen wollte: heute ist es nicht mehr vorstellbar, dass Neonazis ein Konzert von Feine Sahne Fischfilet verhindern könnten. Das weiß die Band vermutlich selber auch und versucht es fast ein Jahrzehnt nach dem ersten Anlauf erneut – wieder in Loitz. Die Bestätigung für diese Entscheidung kommt schon lange vor der Release-Show. Keine ganze Minute hält das Ticket-Kontingent dem Andrang stand. Mit im Gepäck Richtung Peenetal wird die Band Samstag ihr fünftes Album „Sturm & Dreck“ haben, welches erneut auf dem Label Audiolith erscheint.

Zuhause heißt / Wenn die Angst der Freundschaft weicht / Zuhause heißt / Wir schützen uns, alle sind gleich

Anfangs wirken die 12 Tracks der neuen Platte etwas ungewohnt. Mit den Videoauskopplungen zu „Zurück in unserer Stadt“, „Alles auf Rausch“ und „Zuhause“ im Vorfeld des Release, bekam man  schon einen ersten Eindruck, in welche Richtung es gehen soll. „Zurück in unserer Stadt“ und „Alles auf Rausch“ sind als Opener einerseits eine Rückehr mit Ansage und andererseits ein Rückblick auf die letzten 10 Jahre in einem.
„Zuhause“ hingegen könnte man beim Hören eine etwas einseitige Aussage unterstellen. Dieser Deutung widerspricht jedoch das erst kürzlich veröffentlichte Musikvideo sehr deutlich. „Zuhause“ zeigt uns Schicksale und Lebenssituationen, wie sie einem selbst vermutlich noch nie begegnet sind. Wir sehen die Folgen von Profitgier, von Zwangsräumungen und -kündigungen, aber auch die Freude über die eigenen vier Wände und die wahr gewordene Definition von Zuhause. Wir sehen Familien und Einzelpersonen, Pärchen und Alleinerziehende. Jeder mit seiner ganz eigenen Definition von Zuhause und seinem ganz persönlichen Schicksal. Ein Video, das (wieder einmal) unter die Haut geht. Ohne Schauspieler, sondern mit Menschen, deren Geschichten vermutlich jeweils für ein eigenes Video reichen würden.
Es ist schwer auszumachen, ob das Bildmaterial als Begleitung zur Musik dient oder nicht doch eher andersherum.

Wenn alle mutlos sind / Halt ich mich an dir fest und schlag zurück / Wenn alle mutlos sind / Halten wir uns fest und schlagen zurück

Wie bereits erwähnt, präsentiert sich „Sturm & Dreck“ noch einmal anders als die letzten beiden Platten, welche ja bereits versuchten, Abstand zum vorpommerschen Pöbel-Punk der ersten beiden Alben zu nehmen.
Den politischen Kontext der Band kennt mittlerweile die ganze Republik, weswegen sich die politisch motivierten Hau-Drauf-Songs endgültig verabschiedet haben. Viel mehr stehen Solidarität und das Wir-Gefühl im Mittelpunkt der Texte. Wenngleich politische Aussagen nicht fehlen, so sind diese doch immer in etwas größeres, künstlerisch-musikalisch Ansprechendes verpackt. Beispiel „Suruç“. Der neunte Song der Platte beschäftigt sich mit dem Anschlag in der türkischen Stadt Suruç, an der Grenze zu Rojava. Ziel des Angriffs waren die Kurdinnen und Kurden vor Ort und die verschiedenen Hilfsorganisationen, unter ihnen „MV für Kobanê“, welche Hilfsgüter und Unterstützung für die kriegsgebeutelte Region im Norden Syriens organisierten. Gespickt mit den Berichten der Geschehnisse vor Ort, bleibt jedoch der Appell im Refrain das Entscheidende:
Wir haben´s verteidigt / bauen´s gemeinsam wieder auf / es bleibt dabei / du wirst nie verlieren / solang´ ihr an euch glaubt.

Wir haben immer noch uns / Auch wenn wir ganz schön tief in der Scheiße stehen / Doch wir haben immer noch uns / Auch wenn wir manchmal einsam sind

Solidarität und ein Wir-Gefühl sind jedoch keineswegs unpolitische Floskeln und Phrasendrescherei, besonders nicht mit Blick auf die letzten Jahre. Mal hört man die Wut, mal die Melancholie, mal die Trauer, mal die Zuversicht. Daneben sticht „Sturm & Dreck“ als Track enorm heraus: Barrikaden brennen in Frankfurt am Main / Die Empörung ist groß, tretet auf sie ein / Oury Jalloh verbrennt und Dessau schweigt / So war das hier und wird es immer sein.
Als klare Kampfansage an deutsche Zustände konzipiert, verharrt man nicht in der Anklage, sondern trotzt der Gegenwart, dem „Dreck der Zeit„, und nimmt die Herausforderung an, „lächelt in den Abgrund„, denn „es lohnt zu kämpfen„.
Ohne versöhnliche Töne kommt man aber auch nicht durch dieses Album. „Wo niemals Ebbe ist“ dürfte wohl die schönste Liebeserklärung an Mecklenburg-Vorpommern seit Marterias „Mein Rostock“ und „Die langweiligsten Orte der Welt“ von Supershirt sein. Kein verklärter Blick auf die Provinz, sondern viel mehr, das Wissen um die Eigenheiten dieses Landstriches: Mit Lebenslust / Sollst du protzen / Scheiß egal / Lass die anderen kotzen.
An Liedern wie diesen merkt man, wo die sechs Bandmitglieder herkommen. Sie wissen, warum Menschen trotz aller Beschissenheit in der Provinz bleiben, leben und sich den Arsch aufreißen.
Sie wissen, warum ein Moment am Ostseestrand manchmal mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen ist.

Du wirst mich nie verstehen / Das ist wirklich kein Problem / Ihr werdet uns nie verstehn / Das tut manchmal weh

„Sturm & Dreck“ ist, noch mehr als die vorherigen Alben, ein Spiegel der aktuellen Bandentwicklung. Man hört sehr gut, wo an den musikalischen Stellschrauben gedreht wurde und generell der eigene Anspruch nochmal gestiegen ist. Man hört auch, mit welchen Bands die sechs in den letzten Jahren unterwegs waren und was man da vielleicht auch „bei den Großen“ gelernt hat. Insbesondere Produzent Tobi Kuhn (u.a. Toten Hosen, Thees Uhlmann) dürfte daran einen maßgeblichen Anteil haben. Diese Art der Weiterentwicklung dürfte ein Großteil der Zuhörer sehr zu schätzen wissen, wo es doch die Mischung aus einer klaren politischen Kante und den persönlichen Texten der Balladen waren, die begeistert und gleichsam berührt haben.
Insbesondere die Unterstützung aus der Region M-V für die Band dürfte hingegen weniger auf den musikalischen Leistungen oder der nächsten Tour mit den Toten Hosen fußen. Vielmehr schätzt man, dass trotz aller Erfolge keine Entwurzelung stattgefunden hat und man sich bewusst ist, wo man herkommt. Nur so konnte man 9 Jahre nach dem ersten gescheiterten Versuch zurückkommen und sich mit dem Record Release klar in der Region positionieren.

„Sturm & Dreck“ von Feine Sahne Fischfilet ist nicht nur musikalisch auf ganzer Linie ein Satz nach vorne.

 

 

 

„Sturm & Dreck“
Feine Sahne Fischfilet
Audiolith
Veröffentlichung am 12. Januar 2018

 

 

 

 

Beitragsbild: Bastian Bochinski
Albumfoto: Paul Zimansky

Kommentare

  1. Kleaanlage    

    Was hat jetzt diese Review für einen Sinn? Es gibt auch andere regionale Musiker, über die hier kein Wort verloren wird. Weswegen muss ich mit meinem Semesterbeitrag diese kostenlose Werbung für eine Band mittelbar finanzieren?

    1. Ole Kracht    

      So funktioniert redaktionelle Arbeit. Es wird ein Thema ausgewählt und bearbeitet. Die Relevanz ergibt sich daraus, dass es eine regionale Band ist, die seit mehreren Jahren mittlerweile sehr erfolgreich ist.
      Ist nicht die erste Band, die hier begutachtet wird.
      Vorschläge und Anregungen gerne an unsere Mail Adresse, wenn du begnadete Musiker aus der Ecke hier kennst.

  2. Fleischervorstadt-Blog    

    „Was hat jetzt diese Review für einen Sinn?“ Der Text erscheint unmittelbar vor VÖ der neuen Platte. Es ist geradezu üblich, dass solche Veröffentlichungen medial besprochen werden. Was den webMoritz und FSF angeht, so gab es bislang und gibt es gegenwärtig keine erfolgreichere Band aus Greifswald. Damit dürfte die zeitliche und regionale Relevanz hoffentlich deutlich geworden sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ähnliche Artikel