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11 Uhr morgens, Uni Greifswald, Gebäude der Biochemie. Draußen nieselt es, drinnen füllt sich zögerlich der Hörsaal. Ganz normaler Uni-Alltag?  Nun ja, es ist Samstag und im Hörsaal beginnt keine Vorlesung, sondern der Tag der Ethik in den Naturwissenschaften. Eine Veranstaltung, bei der sich Naturwissenschaftler*innen unserer Uni mit den Fragen der Ethik auseinandersetzen können, organisiert von den Fachschaftsräten der Physik, Biochemie/Umweltwissenschaften, Pharmazie, Geologie und Philosophie.

Der Tag beginnt mit einem Einführungsvortrag über Ethik. Prof. Dr. Dr. Martin Gorke, der Professor für Umweltethik ist, redet darin über Parallelen und Unterschiede zwischen Ethik und Naturwissenschaften. Die zwei Themen seien untrennbar miteinander verknüpft, sagt Prof. Gorke, weil man naturwissenschaftlich immer nur Aussagen darüber treffen könne, wie etwas ist, nicht aber wie etwas sein sollte. Wie sollte man also begründen können, dass der Regenwald nicht abgeholzt werden soll? Wieso sich dafür einsetzen, dass das Klima sich nicht weiter erwärmt? Warum bedrohte Arten vor dem Aussterben bewahren? Um diese Fragen zu beantworten, braucht man die Unterstützung der Ethik.

Nach einer Kaffeepause geht es mit drei zeitgleichen Vorträgen weiter: Während es nebenan um Bioethik in der Biotechnologie und um Nachhaltigkeit im Bergbau geht, wird im großen Hörsaal über dual-use Forschung gesprochen. Juniorprofessorin Dr. Sabine Salloch erklärt, dass eine Art von kritischer dual-use Forschung dann geschehe, wenn andere Menschen Forschungsergebnisse dazu benutzen können, um Biowaffen herzustellen oder um sie auf andere Weise zu missbrauchen. Es geht zum Beispiel um Forschungsergebnisse zu Pockenviren, der Vogelgrippe oder der spanischen Grippe. Die spanische Grippe forderte zwischen 1918 und 1920 weltweit über 25 Millionen Todesopfer. Wissenschaftlern ist es gelungen, den Influenzavirus zu extrahieren – aus Leichen, die im Permafrost konserviert waren. Gelangt dieser Virus in die Hände skrupelloser Mitmenschen, ist schnell klar: Eine neu Krankheitswelle durch die spanischen Grippe ist nicht undenkbar.

Wie man auf diese Problematik reagiert, ist hingegen komplizierter: Dual-use gefährdete Forschung nicht mehr zu betreiben, wäre eine Möglichkeit. Sie beinhaltet allerdings den Verzicht auf potenziell relevante Forschungsergebnisse. Die Arbeiten nicht mehr zu publizieren, ergibt wenig Sinn. Und die Arbeiten zu publizieren, allerdings ohne konkrete, nachvollziehbare Arbeitsschritte anzugeben, würde dem Anspruch des wissenschaftlichen Arbeitens nicht genügen.

Bei solch schwierigen Abwägungen kann man von Glück sagen, dass es seit August an der Uni Greifswald eine Satzung für eine „Kommission zur ethischen Beurteilung sicherheitsrelevanter Forschung“ gibt.

Das nächste Thema im großen Hörsaal war die Ethik in der Tierversuchsplanung. Dr. Christine Fast, die auf der Insel Riems im Friedrich-Löffler-Institut arbeitet, erklärt zunächst umfassend, wie sich die Tierschutzgesetzgebung entwickelt hat und welche verschiedenen Instanzen einen Antrag für einen Tierversuch überprüfen. Punkt für Punkt geht sie einen solche Antrag durch. Wichtig sei vor allem, dass man immer dem 3-R-Prinzip folgt, erklärt sie. Die drei Rs stehen für Replacement (Vermeidung), Reduction (Verringerung) und Refinement (Verfeinerung). Kurz gesagt heißt das: Man führt keinen Tierversuch durch, der nicht unbedingt notwendig ist. Man schließt nie mehr Versuchstiere ein als unbedingt nötig. Und je kleiner die Versuchstiere sind, desto besser. Klar wird: Ein Antrag, der den strengen Richtlinien nicht genügt, wird vom zuständigen Amt nicht genehmigt.

Am Ende des Tages fährt man mit lauter Fragen im Kopf nach Hause. Vor allem aber mit einer: Warum bekommen Naturwissenschaftler nicht zumindest eine grundlegende ethische Ausbildung in ihrem Studium?

Sami Franke vom FSR Biochemie/Umweltwissenschaften zeigt sich zufrieden mit dem Ablauf der Veranstaltung und auch er betont in seinem Résumé die Relevanz der Ethik in den Naturwissenschaften:

„Wir fanden es war eine durchaus gelungene Veranstaltung und danken den Gästen und Dozierenden für ihr Kommen bzw. Teilnehmen. Auf dem Tag der Ethik in den Naturwissenschaften hat sich gezeigt, dass dieses Thema eine wichtige Rolle spielt, welche auch im Studium schon thematisch angegangen werden sollte. Daher sind wir der Meinung, dass es sich lohnt einen solchen Tag nochmals durchzuführen.“

Beitragsbild: Veranstalter

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