Friedland_9Nov_20Eine Reportage 

Es ist kurz vor 8 Uhr und wir warten am Bahnhof Greifswald auf die Busse aus Rostock, üben uns schon einmal im Frieren. Mit ein paar Dutzend anderen wollen wir nach Friedland, eine 6.000-Einwohner-Stadt irgendwo zwischen Anklam und Neubrandenburg. Die NPD hat es sich einmal mehr erlaubt, genau 75 Jahre nach der „Reichspogromnacht“ einen Aufmarsch anzumelden. Er richtet sich gegen ein demnächst öffnendes Flüchtlingsheim für etwa 80 Asylsuchende, die NPD ist auf Stimmenfang.

Angemeldet hatten wir uns beim AStA, die Busse sind vom Bündnis „Rassisten stoppen“ gebucht. Doch schon über die vom AStA sorglos weitergeleitete Informations-Mail hatten wir uns gewundert: von „Bullen“ war dort die Rede und Prävention für Pfeffersprayeinsätze der Polizei. Mögen auch verschiedene Initiativen beteiligt sein, das klang sehr nach „Antifa“ (Die Bezeichnung „Antifa“ wird deshalb im weiteren pauschal verwendet). Eine unreflektierte Kooperation mit derartigen linken Kräften hatten wir vom Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) dann doch nicht erwartet – letztes Jahr hatte es für die Gegendemonstrationen in Wolgast einen eigenen AStA-Bus gegeben.

Auf der Fahrt erklärt man uns nun das Sicherheitskonzept. Die Gruppe müsse unbedingt zusammenbleiben, geplant sei ein friedlicher Protest. Dass die Polizei den Bus nach Waffen kontrolliert, halten die meisten für überzogen, eine halbe Stunde stehen wir deshalb kurz vor dem Ziel.

Kaum in Friedland angekommen, eilen wir um die Häuser. Man soll „Katz und Maus“ mit der – eigentlich überall präsenten – Polizei zu spielen. Als uns eine „Bezugsperson“ androhte, die Kamera wegzunehmen, obwohl wir versichern, auf dem webMoritz die Gegendemonstranten unkenntlich zu machen, verlassen wir zu zweit die Gruppe.

Stattdessen gehen wir Richtung Markt. „Ob Links oder Rechts – Haut ab!“ bekommen wir auf dem Weg zu hören. Unter dem Vordach der Einkaufspassage stehen etwa 50 Anwohner allen Alters und gaffen, so nah an der NPD-Kundgebung allerdings, dass man Sympathien annehmen muss. Auf dem Markplatz selbst dominiert die Polizei. Eine Zahnärztin aus Barth trägt mutig Engelsflügel mit durchgestrichenem Hakenkreuz auf dem Rücken, sonst sind ein paar Grüne und Linke von außerhalb da. Wir treffen Johannes Saalfeld, Landtagsabgeordneter der Grünen. „Ich frage mich, wo hier die Demokraten sind“, meint er angesichts des eher leeren Platzes. Währenddessen zieht ein Antifa-Trupp mit „Alerta“-Rufen vorbei.

Anwohner in Friedland

Anwohner in Friedland

Wir machen uns auf die Suche nach den Mahnwachen. Am zukünftigen Flüchtlingsheim in der Jahnstraße steht das Aktionsbündnis „8. Mai Demmin“ mit vier Leuten, nebenan schauen Anwohner aus dem Fenster. Sie seien zum Ausländerheim nicht gefragt worden, erzählen sie uns. Sie fürchten um ihre Sicherheit, vor etlichen Jahren soll es Messerstechereien mit Asylbewerbern gegeben haben. „Mein neunjähriger Sohn weint jeden Tag: Mutti, wann ziehen wir endlich weg?“ Dann geht das Fenster zu.

Beim Friedensfest an der Ruine der Nikolaikirche hingegen will man zeigen, dass nicht die NPD sondern die Asylbewerber in der Stadt Platz haben sollen. Gewerkschaften und die Kirchengemeinde verteilen Kuchen und Kaffee, auch Die Linke ist da. Drei Jugendliche erzählen uns, dass die Stadt das Thema lange unter den Teppich gekehrt habe, weil man den Konflikt scheue. Und: die „schwarzen Blöcke“ der Antifa verunsicherten die „kleinen Leute“ im Moment nicht geringer als die Neonazis.

Unterdessen hat die Kundgebung der NPD auf dem Markt begonnen, das übliche Gequatsche, die üblichen Parolen, Skinheads und Familien sind unter den etwa 200 „Kameraden“. Nicht weniger laut sind die Pfiffe der Antifa, die bald auch den Zug begleiten. Über Seitenstraßen ist es ihnen immer wieder gelungen, bis an die Route vorzustoßen, von der Polizei abgegrenzt tun sie ihre Verachtung lautstark kund. Eine Frau mit Peace-Fahne tanzt zum Protest, Anwohner stehen auf den Balkonen.

DIe NPD zieht durch die Provinz, in der Mitte Fraktionsvorsitzender Udo Pastörs.

DIe NPD zieht durch die Provinz, in der Mitte Fraktionsvorsitzender Udo Pastörs.

Die NPD zieht weiter in den nordwestlichen Teil der Kleinstadt, hierhin hat es die Antifa nicht geschafft. Udo Pastörs zwischen Trommel und Fahnen. Auf einer Zwischenkundgebung stört nur noch eine einzige Trillerpfeife unermüdlich den Stumpfsinn aus dem Lautsprecher. „Das Vernünftige ist hier“, „Multikulti-Einheitsbrei“, „Merkel soll gesagt haben“ und so weiter. Nach einer halben Stunde passieren Trommeln und Fahnen die Mahnwachen von „Bündnis Nazifrei“ und „Vorpommern: weltoffen, demokratisch, bunt“.

Schließlich erreicht der Zug wieder den Marktplatz. 500 Gegendemonstranten pfeifen jetzt 200 Neonazis aus. Udo Pastörs redet so lange, dass wohl nicht mal mehr seine „Landsleute“ zuhören. Gegen 15.30 Uhr ist der Spuk dann endlich vorbei, unter Polizeischutz zieht die NPD ab.

Wir laufen Richtung Friedensfest zu unseren Bussen, von der „VoKü“ gibt es warme Suppe. Einige Friedländer bedanken sich mit Applaus, Pastorin Ruthild Pell-John erzählt uns, dass sich eben viele Friedländer nicht für das Thema interessierten, zu den Friedensgebeten aber doch 250 Leute kamen. Im Bus dann ist man guter Stimmung, die Aktion sei erfolgreich gewesen. Abgesehen von ein paar Einzelfällen verlief alles friedlich, das bestätigt auch ein „Demo-Beobachter“ des Arbeitskreises Kritischer Jurist_innen. Und irgendwie war es doch wie immer: die NPD gab sich brav, Polizei und Antifa beschäftigten sich gegenseitig. Von CDU und SPD aber fehlte jede Spur.

Fotos: Natalie Rath, Anton Walsch, Simon Voigt

Die Redaktion hat sich entschieden, die Gesichter der Gegendemonstranten unkenntlich zu machen. Dies geschah auf Wunsch Einzelner und dient ihrem Selbstschutz.