von Archiv | 13.04.2007
„Solaris“ von S. Lem (DVA)
Nach längerer Krankheit starb Stamislaw Lem (1921 – 2006) am 27. März in Krakau an Herzversagen. Der Sohn einer polnisch-jüdischen Arztfamilie erwarb dank seiner utopischen Werke auf dem Gebiet der Science-Fiction-Literatur weltweiten Ruhm. Solaris (1961) steht dabei in einer Reihe von Werken dieser literarischen Gattung, die mit „Mensch vom Mars“ 1946 begann und bis hin zu „Fiasko“ (1987) führte. Dennoch ist die Verengung Lems auf einen Genreautor nicht angebracht. Ob als Philosoph oder Essayist begleitete er seine Zeit und die Wissenschaft kritisch. Viele zeitnahe Nachrufe auf den 84-jährigen stellten in Deutschland Solaris als literarisches Erzeugnis seines in 57 Sprachen übersetzten Oeuvres aus. Dessen gleichnamige Verfilmung durch Andrej Tarkowski (1971) und Steven Soderberg (2002) gefielen Lem nicht. Tarkowski zog er noch eher der Hollywood-Produktion mit George Clooney vor.
Innerhalb der Tonträger fehlte bisher eine Hörspielbearbeitung des Entwicklungsromans. Die „Robotermärchen“, die „Sterntagebücher“, „Test“ oder „Die lyphatersche Formel“ lagen bisher vor. Diese Lücken schließt erstmalig der Deutsche Audio Verlag (DAV). In der Produktion des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) trifft die Besatzung der Forschungsstation Solaris auf den rätselhaften Planeten. Fragen nach intelligentem Leben im All, den Grenzen technischen Fortschritts und der zufälligen Existenz des Menschen im Universum leuchten innerhalb von 125 Minuten durch 20 Tracks hindurch auf. Mario Schneiders sphärisch-rhythmischen Klänge rahmen die zielführende Regie Peter Rothins. Auch das Sprecherensemble ist gut ausgesucht. Oliver Stokowski („Der Ermittler“) schlüpft in die Rolle Kelvins, Maria Simon („Luther“) in Hareys Zerstreutheiten und Hans Peter Hallwachs („So weit die Füße tragen“) in die des forschungsfanatischen Satorius. Erstmals erhält der Science-Fiction-Klassiker damit eine stimmgewaltige Fassung und bereichert als Ohrenschmaus auf zwei Silberscheiben.
Geschrieben von Uwe Roßner
von Archiv | 13.04.2007
„Dreckskerl“ von Wojciech Kuczok (Suhrkamp)
Es ist jenes Haus von Herrn K., in dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts weitergeht. Auch wenn der Krieg scheinbar vorbei ist. Mit der Antibiographie „Dreckskerl“ kehrt W. K geistreich auf den Buchmarkt zurück. 2004 erschien es in Polen, erhielt den renommierten Literaturpreis Nike und löste heftige Debatten aus. Denn der Neuling behandelt mit atemberaubender Leichtigkeit und sicherem Witz die dramatischen Wendungen der deutschen und polnischen Geschichte. Bravo!
Geschrieben von Uwe Roßner
von Archiv | 13.04.2007
„12“ von Herbert Grönemeyer (Groenland)
Einst forderte Herbert Grönemeyer „Kinder an die Macht“. Kinderpsychologen rügten ihn in einer Gesprächsrunde vor laufender Kamera dafür. Im Sommer steht der derzeitige Wahl-Londoner zusammen mit Bono und U2 in Heiligendamm auf der Bühne.
Der Erfolg seines neuen Albums „12“ lässt zudem den einstigen Rausschmiss seiner ersten Plattenfirma eher als schlechten Witz erscheinen. Heute ist es Herbert Grönemeyer, der als deutschsprachiger Künstler für seine Plattenfirma EMI im eigenen Land Erfolge einfährt. Bei den Longplayern führt „12“ die Spitze an und die Tour ist bestens nachgefragt. Herbert Grönemeyer ist nicht mehr ein Musiker, sondern ein Ereignis. Als Musiker und Texter zieht er sich hartnäckig auf die Differenz von Kunst und Leben zurückzieht und erteilt dem Muster des Klingeltonkomsums eine Absage. Mit wortgewandtem Pathos, üppigem Streichereinsatz und der Stille einer Pianoballade zieht Herbert Grönemeyer mit „12“ erhobenen Hauptes seinen Weg und schafft damit vor allem eins: Es ist genug für alle darin.
Geschrieben von Uwe Roßner
von Archiv | 13.04.2007
„Wir sind Gold“ von Letzte Instanz (Drakkar)
Es ist kaum ein Jahr her, da erschien das Album “Ins Licht”. Im März sind sie schon mit einer neuen Scheibe auf dem Markt. “Wir sind Gold” finden die sieben Musiker von Letzte Instanz und feiern damit auch gleich eine Premiere. Zum ersten Mal in der Bandgeschichte, der immerhin seit 1996 bestehenden Truppe gab es nicht einen Wechsel in der Besetzung zwischen zwei Alben. Wurden die sächsisch-bayrischen Rocker mit ihrer ersten Scheibe “Brachialromantik” noch in einen Topf mit “Subway to Sally”, “Schandmaul” und anderen, die das Mittelalter rocken geworfen, so sind sie mit der aktuellen Platte wohl endlich dort angelangt wo sie sich selber noch am ehesten sehen: Beim Klassik-Rock.
Im Vergleich zum letzten Album, dem ersten, welches mit dem inzwischen dritten Sänger Holly aufgenommen wurde, zeigt sich die Letzte Instanz hier von Anfang an wesentlicher ruhiger und tiefsinniger. Eben klassischer. Die altbewährten Streicher finden wieder angemessene Beachtung, zu Cello und Geige gesellt sich die Bratsche von Henriette Mittag. Für erste Ohrwurmqualitäten sorgt Song Nummer vier. Mit “Wir sind allein” erinnern sie nicht nur thematisch an “Das Stimmlein” vom Vorgängeralbum. Der Chor im Refrain vermittelt ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Einen Hauch Oper bringt Sopranistin Christiane Karg mit. Sie unterstreicht die markante Stimme des Sängers im Hintergrund.
Ob es “Wir sind Gold” mit ihrem Vorgänger aufnehmen kann, wird wahrscheinlich Ansichtssache bleiben. Lohnend ist die Scheibe mit ihren 16 Songs aber allemal.
Geschrieben von Maria Trixa
von Archiv | 13.04.2007
Das Theater Vorpommern zeigt Tschechows „Die Möwe“
Das Schicksal der unerfüllten Liebe durchzieht die tragische Komödie Anton Tschechows wie ein roter Faden. Und am Ende bleiben alle einsam und ganz für sich allein. In dem 1896 uraufgeführten Stück langweilt sich die alternde, divahafte Schauspielerin Irinia (Sabine Kotzur) mit ihrer Gesellschaft in der russischen Provinz. Einzig ihr Sohn und angehender Schriftsteller Konstantin (Florian Anderer) belebt die Szenerie mit einem, von seiner Muse und Geliebeten Nina (Heide Kalisch) insperierten, Theaterstück.
Doch die junge Schauspielerin verliebt sich in den Freund der Irina, den erfolgreichen Schriftsteller Trigorin (Christian Holm) und bricht mit ihrer Herkunft. Die von Konstantin erschossene und ausgestopfte Möwe dient als tragendes Element der gescheiterten Existenzen. Nach Jahren trifft sich die gleiche Gesellschaft wieder, unglücklich und einsam. Konstantin ist nun zwar erfolgreich, aber noch immer unglücklich verliebt. Und auch Nina, als nur mittelmäßige Schauspielerin und von Trigorin verraten und verlassen, ist tief verletzt. Gerade die beiden hoffnungsvollsten und ideelsten Figuren der verschrobenen Gesellschaft sind gescheitert. Das tiefgänige Werk Tschechows wird hervorragend von der Kulisse eines minimalistischen Birkenwaldes getragen, der den Zuschauer nicht von der Handlung ablenkt. Die Möwe nimmt unter den Werken Tschechows eine besondere Stellung ein und wirkt unter der Regie von Matthias Nagatis modern und überzeugend. Die engagierte Hingabe des Schauspielerensambles erklärt sich vor allem auch durch das Stück selbst, dass als eine Art Nabelschau der eigenen Zunft verstanden werden kann. Die Nebendarsteller verdeutlichen auf angenehme Weise, wie lustig und zugleich tragisch Tschechow sein kann. Und doch will der Tod Konstantins am Ende deutlich den Besucher zum nachdenken bewegen, ohne dabei belehrend zu wirken. Wer sich das Theaterstück nicht entgehen lassen will: Vorstellungen finden in Stralsund am 22. April, 16 Uhr und am 23. April, 10 Uhr statt. Die Premiere in Putbus läuft am 25. Mai 2007.
Geschrieben von Saskia Arnold