von Archiv | 23.01.2006
Und szenisch grüßt der Ludwig. Welcher? Natürlich Ludwig Wittgenstein. Der schwedische Regisseur und Schauspieler Peter Dalle nimmt in seinem ersten Kinofilm „Verschwörung im Berlin-Express“ den Philosophen beim Wort: Nichts ist scheinbar wie es ist.
Im Winter 1945 reisen der ehemalige Literaturkritiker Gunnar, der zynische Arzt Henry, seine Ehefrau Karin und die Geliebte Marie, ein exzentrisches Schwulenpärchen, zwei Nonnen, eine Gruppe baltischer Flüchtlinge und ein witziger, wenn auch verwundeter Soldat mit dem Zug von Stockholm nonstop nach Berlin. Das 96-minütige Gedankenexperiment gewinnt immer schelmischere Züge, je weiter die Bahn auf das Nachkriegs-Berlin zurollt.
Der Zauberlehrling Peter Dalle ahmt sein Vorbild Hitchcock in ausgesuchten Nahaufnahmen sicher nach, hält das Genre aber bewusst-raffiniert zwischen Thriller und Komödie offen und schafft es dabei, die alten Zeiten des schwedischen Schwarz-Weiß-Films der 40er und 50er Jahre wieder zu beleben. Sprachlich sei daher für alle DVD-Fans, die nicht des Schwedischen mächtig sind, die Originalfassung mit deutschem Untertitel empfohlen. Der mit ausgesuchten Schauspielern besetzte, innerhalb eines Monats abgedrehte Streifen besitzt ein besonderes ideengeschichtliches Gewicht, indem er den Wiederaufbau Europas nach 1945 aus schwedischer Sicht nachgezeichnet. Die Frage, ob nicht vielleicht Wittgensteins Zitat im Film oder heute im allgemeinen noch zutrifft, steht im Raum. Was für ein geschickter cineastischer Schachzug, Herr Dalle!
Geschrieben von Uwe Roßner
von Björn Buß | 23.01.2006
Was veranlasst einen österreichischen Regisseur, sich mit einer Süßwasserfischart in einem afrikanischen Land zu beschäftigten? Warum wird das entstandene Machwerk mit Filmpreisen überhäuft? Die Antworten muss sich jeder Zuschauer des Films „Darwins Alptraum“ selbst geben.
Die dokumentierte gesellschaftliche und wirtschaftliche Realität im Staat Tansania kommt der eines Horrorfilms gleich. Ein zu Forschungszwecken ausgesetzter Barsch vermehrt sich im Viktoriasee stark, setzt sich gegen andere Fischarten durch und die vorherige Artenvielfalt ist nicht mehr vorhanden. Das bisherige Ökosystem steht Kopf. Der neue Viktoriabarsch konnte sich am besten an die dortige Umwelt anpassen, ein Musterbeispiel für Charles Darwins These vom „survival of the fittest“.
Mit dieser Ausgangslage lässt der Österreicher Hubert Sauper seinen Dokumentarfilm beginnen und betrachtet danach die Folgen der Fischvermehrung für die Einwohner des westafrikanischen Staates Tansania. An den Ufern des Viktoriasees gedeiht die fischverarbeitende Industrie zur vollen Blüte. Das Filet des Viktoriabarsches landet durch finanzielle Hilfe der Europäischen Union auch auf deutschen Tellern. Der florierende Wirtschaftszweig beschäftigt Tausende von Menschen. Doch neben den Fabriken zeigt Sauper ein trostloses Bild: Frauen bieten ihren Körper für 10 Dollar an, obdachlose Kinder schmelzen Verpackungsreste zum Schnüffeln ein, Menschen ernähren sich vom Fischabfall.
Der Widerspruch zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und partiellem Wohlstand auf der einen und Hunger, Krankheiten und Staatsohnmacht auf der anderen Seite wird in drastischen, teilweise ekelhaften Bildern dargestellt. Sauper widmet sich nur den negativen Erscheinungen, kein einziges Bild vermittelt Hoffnung auf Besseres. Weder für den Menschen, noch für die Natur. Gerade deswegen ist „Darwins Altraum“ aber interessant. Schonungslos macht der Regisseur auf die Missstände aufmerksam. Dabei verzichtet er auf einen Kommentar aus dem Off, der auch nicht notwendig ist. Die Bilder sprechen für sich und der passive Zuschauer kann nicht eingreifen.
von Archiv | 23.01.2006
Lost – 1. Staffel
48 Menschen überleben einen Flugzeug-absturz und stranden auf einer Insel. Das mag sich zunächst wie ein weiteres Remake von „Herr der Fliegen“, „Cast Away“ oder „Robinson Crusoe“ anhören und doch ist „Lost“ anders.
Mit jeder der 25 Folgen wird die Vergangenheit eines anderen Passagiers beleuchtet und die Geschichte, die ihn auf diese scheinbar verwunschene Insel verschlagen hat. Doch damit nicht genug, offenbart auch die Insel selbst immer mehr von ihrem düsteren Geheimnis. Von Eisbären mitten im Pazifik bis hin zu abgestürzten Flugzeugen voller Drogen – diese Insel scheint wahrlich nicht normal. Und dies ist durchaus gewollt: Regisseur und Entwickler J. J. Abrams, der demnächst mit „Mission: Impossible 3“ in die Kinos kommt, wollte der Insel „einen eigenen Charakter verleihen“. Dies gelingt ihm durch nervenzerreißende Musik und sehr gute Kameraeinstellungen, die von wild verwackelt bis zu entspannten Panoramaaufnahmen reichen. Seit Dezember gibt es die erste Staffel nun auf sieben DVDs zu kaufen, deren Menüdesign genauso psychotisch unterlegt und stellenweise ebenso still beruhigend ist, wie die Serie selbst. Für rund 45 Euro erhält man so 25-mal Spannung pur, der es lediglich an etwas Bonusmaterial fehlt. Die Handlung ist stark in einander verstrickt und wird Stück für Stück entwirrt, was am Ende ein detailliertes Puzzle an sozialen Beziehungen ergibt. Innovativ, qualitativ hochwertig und super spannend ist Lost auch für Nichtsammler zu empfehlen.
Geschrieben von Joel Kaczmarek
von Archiv | 23.01.2006
Deutschland ist Export-weltmeister? Nicht in jeder Hinsicht! Denn gerade beim Jazz hapert es kräftig. Die Musikerausbildung mag zwar auf einem hohen Niveau sein, international durchschlagende Ergebnisse fallen vergleichsweise eher recht bescheiden aus. Mit dem kürzlich verstorbenen Posaunisten Albert Mangelsdorff, dem Pianisten Joachim Kühn und der Formation „Der rote Bereich“ leuchten die ersten Hoffnungslichter am deutschen Jazzhimmel.
Künftig sollen es mehr werden. Das Label ACT will mit der Reihe „Young German Jazz“ Schule machen. Studiert, mit Bühnenerfahrung und verkaufbarem Künstlerkonzept treten die ersten Unter-dreißig-Jährigen zur Begründung ihrer eigenen musikalischen Tradition an. „[em]“ alias Michael Wollny (Klavier), Eva Kruse (Bass) und Eric Schaefer (Schlagzeug) sind ein erstes gutes Beispiel. Auf der Debütplatte „Call it [em]“ knistert und streicht es. Eröffnet wird mit „Wakey, Wakey“, einer prasselnden Klangwolke, der sich das groovige „The Mean Spider of Tandorine“ anschließt. Insgesamt legt das komponierende Trio ein prickelndes, liebenswert experimentelles Album vor. Wer mystische Ruhe sucht, befindet sich inmitten eines flackernden Großstadttaumels. Nur eine deutliche Richtung gibt es: weg vom Mainstream. Nun gut, klingt auch ein bisschen erzwungen. Wer es ganz genau wissen will, kann die Formation am 8. Februar im Rostocker Kleinkunsttheater „Ursprung“ erleben.
Geschrieben von Uwe Roßner
von Archiv | 23.01.2006
Zurücklehnen, Augen zu und einfach genießen – das gilt für alle Alben der britischen Erfolgsband Coldplay.
Unter den Fans ist indes die Frage nach der gelungensten Platte der Band umstritten: Ist es das Debütalbum „Parachutes“ mit dem Hit „Yellow“, das 2002 erschienene Album „A Rush Of Blood To The Head“ oder das aktuelle Werk „X & Y“? Meine eindeutige Nummer 1 ist „A Rush Of Blood To The Head“.
Selten bietet eine CD so viel Gefühl, Wärme und Herz. Traurig-schöne Lieder mit lyrischen Texten zelebrieren eine bewegende Atmosphäre. Die Platte verzaubert durch herausragende Kompositionen und Melodien sowie durch eine perfekte Symbiose aus Piano- und Akustikgitarrenklängen und einen trockenen Schlagzeugsound. Hinzu kommen die unverwechselbare Stimme Chris Martins und die sphärisch-streicherartigen Klänge, die die Songs in mitreißend luftige Höhen heben. Jeder dieser zeitlos schönen Songs hat seinen eigenen Reiz, von deren Qualität sich, ähnlich wie bei einem schüchternen Mädchen, bei jedem erneuten Aufeinandertreffen ein bisschen mehr zeigt. Vom monumentalen Intro „Politik“, über Single-Hits „In My Place“, „The Scientist“ oder „Clocks“ bis hin zu den ausdrucksstarken Traumballaden „Warning Sign“ oder „Amsterdam“ ist diese Platte purer Hörgenuss und Pflichtbestandteil jeder gut sortierten Plattensammlung.
Geschrieben von Grit Preibisch