von Archiv | 22.06.2006
Der Stil des norwegischen Schriftstellers Jon Fosse ist gewöhnungsbedürftig. Ramuald Karmakar wagt mit der filmischen Adaption von Fosses Bühnenstück „Die Nacht singt ihre Lieder“ viel.
Innerhalb von 95 Minuten reibt sich ein junges Paar (Anne Ratte-Polle, Frank Giering) hart aneinander, spricht von Stagnation der Beziehung, den Schwiegereltern, den gemeinsamen Kind und Trennung. Karmakar will unter Verzicht großer filmischer Grammatik nicht unterhalten oder entspannen und bleibt zugleich eng an der bisweilen an Fosses statisch-monologisierender Sprache. Die Grenze zwischen eingeübter Rolle und verfahrenem Leben zweier Partner verwischt.
Der soziale Sprengstoff löst sich in dem beliebig gehaltenen Wohnzimmer nicht. Die Menschen schweigen. Die Stille spricht.
„Ich fand es interessant, eine Liebes-geschichte von jungen Menschen zu erzählen, die nicht glücklich endet“, so Karmakar in einem Gespräch. Nur ungefähr leuchtet alles auf. Die Sätze wiederholen sich, reiben sich in ihrer eigenen Bedeutung und die Ehe des erfolglosen Schriftstellers und seiner ungeduldigen Frau gerät trotz auszerrender Wortgefechte allmählich aus den Fugen. Ja, es tut weh, wenn dann die Augen in der Nacht groß glänzen. Ungewohnt weh.
Geschrieben von Uwe Roßner
von Archiv | 22.06.2006
Eine DVD ohne besondere Extras, aber als Film sehr empfehlenswert: Fünf Jahre nach seinem Jahr in der „L`auberge espagnol“ ist Xavier immer noch nicht mit Liebe und Leben zurecht gekommen. Zwar verdient er inzwischen gutes Geld mit dem Verfassen von Drehbüchern zu schmalzigen Liebesfilmen und dem Schreiben von Memoiren 24-jähriger Models, aber den Roman über sein Austauschjahr in Barcelona ist er immer noch nicht losgeworden und er fühlt sich zunehmend unwohl im Gewerbe der leichten Unterhaltung.
Sein Liebesleben besteht zu einem Großteil aus kurzen, nichts sagenden Affären. Gut, dass William, der vormals unerträgliche Bruder von Wendy, alle alten WG-Bewohner zu einem „Wiedersehen in St. Petersburg“ einlädt, zu seiner Hochzeit mit einer russischen Balletttänzerin – ein Anlass für Xavier, über seine Gefühle für Wendy nachzudenken, mit der er an der Übersetzung eines seiner Drehbücher arbeitet und ihr dabei näher gekommen ist. Xavier muss sich darüber klar werden, ob er weiter nach der idealen Frau sucht, nach dem Prinzip „der russischen Puppen“ –„Les poupées russes“ ist der Originaltitel dieses Films – immer nach der kleinsten, der richtigen sucht oder ob er sich mit diesem Suchprinzip nicht um das Glück bringt, was direkt vor seiner Nase liegt. Wie in schon im ersten Teil mischt der französische Regisseur Cédrik Klappisch auch in der Fortsetzung fetzige Musik, kreative Schnitte und rasante Ortswechsel mit einem Sprachkauderwelsch und diversen Liebesverwirrungen zu einem unterhaltsamen, manchmal sehr treffenden Film zusammen.
Geschrieben von Bettina Bohle
von Archiv | 22.06.2006
Hip hip hooray, alle Welt schreit Fußball und unterhält sich über Tabellen, Ergebnis und Beine. Jeder weiß Bescheid. auch der ahnungsloseste Fußballlaie wird zum Experten in dieser Zeit. Zu dieser Zeit passt es gut, dass die Sportfreunde aus dem tiefsten Bayern ihre versprochene Hymne zur Weltmeisterschaft abliefern. „54´, 74´, 90´, 2006“ stumpfsinnig genug, das jeder Affe mitgrölen kann.
Wenn man aber dem Fußball nicht nur eine Hymne zur WM, sondern gleich ein ganzes Album schenkt, könnte es auch schnell langweilig werden. Und schon malt sich mir ein Bild in meinem Kopf, was ist wenn Fußballdeutschland es wagen sollte wirklich Weltmeister zu werden? Es gibt so viele Gelegenheiten, diesen Liedern nicht mehr entweichen zu können. Musikalisch ist das Album nichts wert, nicht wirklich. Außer man steht auf die Stimme von Peter, ist kaum was Innovatives zu finden. Man muss wohl Fußball- und Sportfreunde Stiller Fan sein, damit das Album an Wert gewinnen kann. Fußball ist dumm und deshalb lieben wir ihn so.
Geschrieben von Josef Lewe
von Archiv | 22.06.2006
Wie wär’s mit ein bisschen Sommer? Heißen lateinamerikanischen und afrikanischen Rhythmen, warmen Soulstimmen und einer Portion feinstem HipHop? Wer diese Mischung liebt, sollte die neue CD von Sèrgio Mendes beim Durchstöbern der CD-Regale ins Auge fassen. Der zu den international erfolgreichsten brasilianischen Künstlern zählende Sèrgio hat in Zusammenarbeit mit Will.i.am von den Black Eyed Peas „Timeless“ herausgebracht, ein Album, dass in den Kritiken als eines der überraschendsten des Jahres bezeichnet wird (ein Urteil, dem ich mich mit vollem Herzen anschließen möchte!).
Sèrgio Mendes, an den Rhodes oder am Piano, wird von zahlreichen zeitgenössischen Künstlern begleitet, darunter Stevie Wonder, Erykah Badu, Black Thought (The Roots), John Legend, India. Arie, der schon erwähnte Will.i.am, der sowohl als Produzent als auch als Rapper in Erscheinung tritt, Q-Tip, Mr. Vegas und so weiter. Es sind aber nicht nur amerikanische Künstler dabei. Auch der zurzeit angesagteste Rapper aus Brasilien – Marcelo D2 – gibt seinen Text in u.a. Fo’-Hop zum Besten. In dieser sehr vielfältigen Zusammenarbeit haben alte Mendes-Hits wie „Mas que nada“, „The Frog“ oder „Surfboard einen neuen Sound bekommen, der bestimmt niemanden mehr auf den Stühlen hält. Etwas mehr als sechzig Minuten kommt Leben in die Beine, ins Herz und in die vom Winter vielleicht noch etwas betrübte Seele. Es ist ein Album von der Sorte „rund um schön und bis ins letzte interessant und abwechslungsreich gestaltet“, bei dem es schade ist, wenn die Spielzeit vorbei ist (aber zum Glück gibt’s ja die Repeattaste -puhhhh-).
Geschrieben von Masche Uglowski
von Archiv | 22.06.2006
Die Theatergruppe des Greifswalder Humboldt-Gymnasiums hatte in den „Tussi-Tempel“ geladen und zahlreiche Zuschauer kamen dieser Aufforderung nach. Das Theater Vorpommern stellte seine Räumlichkeiten zur Verfügung, während für Schauspiel, Gestaltung und Inszenierung die Gymnasiasten verantwortlich waren.
Aufgeführt wurde ein Theaterstück mit dem viel versprechenden Titel „Tussi-Tempel“, dem es an inhaltlichen Schwerpunkten nicht mangelte. So geht es nicht nur um eine Lehrerin, die unter massiven Alkoholproblemen leidet und von Schülern unter Druck gesetzt wird, sondern auch um eine weitere Pädagogin, die eine lesbische Beziehung mit ihrer Schülerin Christina führt. Des Weiteren werden Mobbing unter Schülern und unter Lehrerkollegen sowie Gewalt an Schulen thematisiert. Der Journalist Herr Fritz gibt sich als Referendar aus, um all diese Probleme aufzudecken und in einer Fernsehsendung, die zugleich die Schlussszene der Aufführung bildet, zu präsentieren. Letztlich stellt das Stück viele Fragen, die weitgehend unbeantwortet bleiben. Wie entstehen Gewalt, Neid und Missgunst? Ist Mobbing ein Problem der Gesellschaft oder des Einzelnen? Wie lässt sich das Schulsystem verbessern? Und vor allem: Wie lassen sich all die Probleme vermeiden? Doch nicht nur solche Denkanstöße, sondern auch Amüsantes und Witziges wusste die Aufführung zu bieten. Originelle Dialoge, viel Musik und gute schauspielerische Leistungen ermöglichten den überwiegend jungen Zuschauern einen gelungenen Abend. Keiner der Anwesenden hatte bereut , den „Tussi-Tempel“ betreten zu haben und so fiel der Applaus für die jungen Schauspieler überaus herzlich aus.
Geschrieben von Grit Preibisch