von Archiv | 22.06.2006
Mediziner legen Arbeit in Greifswald und Rostock nieder
Rostock. 12. Juni, 8 Uhr irgendwas. Tosender Applaus schallt durch den Hörsaal der Inneren Medizin in der Schillingallee. Auf dem Podium: Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender der Ärztegewerkschaft Marburger Bund. Das Publikum: Mediziner der beiden Universitätskliniken in Mecklenburg-Vorpommern und eine große Anzahl Studierender.
Am Verhandlungstisch
Der Ärztestreik an den beiden Universitätskliniken in Greifswald und Rostock geht in die dritte Woche. Bisher wurde sieben Tage lang gestreikt, dann eine Woche pausiert, aber die gesundheitliche Notfall-versorgung der Bevölkerung wurde gewährleistet. Während dieser Wochen verhandelte die Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) unter dem Vorsitz von Hartmut Möllring mit dem Marburger Bund. Der erste Verhandlungspartner ist der Arbeitgeberverband von 14 Bundesländern. Mecklenburg-Vorpommern läßt seine Tarifverträge für den öffentlichen Dienst ebenfalls durch die TdL verhandeln. Auf der anderen Seite des Verhandlungstisches sitzt der Marburger Bund als Arbeitnehmervertreter für rund 100.000 Ärzte in Deutschland. Beide Streithähne diskutieren schon seit Wochen, treten vor die Öffentlichkeit und versprechen eine schnellen Tarifabschluss für die an den Universitätskliniken angestellten Ärzte. Eine Einigung blieb aber bisher aus. Die streikenden Mediziner in M-V fahren nun einen schärferen Kurs und drohen mit der ununterbrochen Arbeitsniederlegung bis ihre Forderungen erfüllt werden. In Süddeutschland läuft der Streik an den Universitätskliniken schon seit fast drei Monaten.
Eingefordert
Montgomerys Visite in Rostock am 17. Juni sollte die anwesenden Ärzte noch mehr zusammen schweißen. „Fahren Sie einen härteren Kurs gegenüber ihrer Finanzministerin Sigrid Kehler“, forderte der Vorsitzende des Marburger Bundes, „denn nur so kann Einfluß auf den Verhandlungsführer der Tarifgemeinschaft deutscher Länder, Möllring, ausgeübt werden.“ Dieser soll den Forderungen des Marburger Bundes schließlich entgegenkommen. Der Streik richtet sich nicht gegen die Patienten, die rund 1.500 Medizinstudenten in Greifswald, die einzelnen Klinikchefs und den Vorstand, das Dekanat der Medizinischen Fakultät oder die nicht-akademischen Mitarbeiter. Gegner ist die TdL.
Mehrere Ziele möchte die Ärzte-gewerkschaft erkämpfen. Dazu zählt zum einen eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Jährlich fallen allein unter den Ärzten im Universitäts-klinikum Greifswald 150.000 unbezahlte Überstunden an. Außerdem soll der Verwaltungs-aufwand reduziert werden: Das Abrechnen und Dokumentieren der ärztlichen Leistungen kostet wertvolle Arbeitszeit. Des weiteren setzt sich der Marburger Bund für längerfristige Arbeitsverträge vor allem für Mediziner in der Facharztausbildung ein.
Als weiteres Ziel zählt die Anrechnung der Forschungs- und Lehrleistung der Uniärzte zu ihrer Arbeitszeit. „Der Vorbereitungsaufwand für Lehrveranstaltungen darf nicht als Privatsache abgetan werden“, fordert Dr. Wolf Diemer, Mitglied des Greifswalder Streikkomitees und Vertreter im Landesverband des Marburger Bundes. Die Gewerkschaft fordert eine signifikante Gehaltserhöhung für die Mediziner. Ein zustande kommender höhere Tarifabschluss wird aber weiterhin unterschiedliche Vergütungen an ost- und westdeutschen Universitätskliniken enthalten. Diese Unterschiede sollen aber langfristig verschwinden. Deshalb darf der für die in der TdL organisierten Bundesländer geltende Flächentarifvertrag nach Maßgabe der Interessenvertretung der Ärzte nicht aufgekündigt werden. Ansonsten wird ein Verlust von qualifizierten Mediziner aus M-V an Krankenhäuser anderer, mit besseren Tarifverträgen ausgestatteten Bundesländern, befürchtet. Das Ende des Gesundheitslandes Mecklenburg-Vorpommern?
Bezahlbare Forderungen?
Wenn die Wünsche des Marburger Bundes erfüllt werden, wie werden diese dann bezahlt? Die Kosten medizinischer Versorgung werden zukünftig nicht sinken. Schlagwörter wie der demographische Effekt und das Ungleichverhältnis zwischen in die Sozialsysteme Einzahlenden und Empfangenden sind zu nennen. „Die Gesundheitsreform ermöglicht die Verbesserung der Einnahmeseite“, hofft Diemer. Der Ärztliche Direktor des Greifswalder Universitätsklinikums, Prof. Claus Bartels, hält dagegen die Tariferhöhung für nicht finanzierbar. „Woher soll diese kommen?“, fragt er. „Viele Forderungen des Marburger Bundes, wie zum Beispiel langfristige und übertarifliche Arbeitsverträge mit Leistungsträgern haben wir schon erfüllt.“
Unterm Strich
Die ersten beiden Streikwochen im Universitätsklinikum schlagen mit Erlöseinbüssen in Höhe von etwa 300.000 Euro zu Buche. Ungefähr 150 Mediziner beteiligten sich an den Ausständen. Dabei wurden nicht alle Kliniken bestreikt. In der Chirurgie hieß es business as usual, als wenn es keinen Ausstand gäbe.
moritz erfuhr aus der universitären Gerüchteküche, dass streikende Mediziner mit Sanktionen, wie zum Beispiel nicht gewährten Vertragsverlängerungen zu rechnen haben. Auch sollen Namenslisten der Streikenden angefordert worden sein. „Aus dem Finanzministerium kam eine Anfrage nach einer solchen. Das Klinikum wird keine Maßnahmen gegen Streikende einleiten. Dies wäre inakzeptabel“, so Bartels. In Schwerin weiß man von einer Anfrage nichts. „Wir haben kein Gesuch nach Namenslisten gestellt“, erklärt Julius Geise, Pressesprecher des Ministeriums.
Die universitäre Ausbildung der Medizinstudenten ist durch den bisherigen Streik nicht in Gefahr gewesen. „Es sind keine Lehrveranstaltungen ausgefallen“, sagt Prof. Heyo Kroemer, Dekan der Medizinischen Fakultät. „Die Medizinstudenten sind sowohl Mitstreiter, könnten aber auch Opfer des Streiks werden. Dies würden wir aber in Kauf nehmen“, so Montgomery über die
Rolle der Studierenden.
Geschrieben von Björn Buß
von Archiv | 22.06.2006
Der Fakultätsrat der PhilFak einigte sich auf einer Klausurtagung über die Ziele der Politik der nächsten zwei Jahre
„Wir reden sehr freundlich miteinander“, gab der neue Dekan der Philosophischen Fakultät, Professor Matthias Schneider, im letzten moritz als Losung für die künftige Zusammenarbeit unter den Fakultätsratsmitgliedern aus. Der neue Kommunikationsstil scheint geboten, nach zwei Jahren des Hickhacks, in denen jeder mehr auf die eigenen Interessen als auf das Ganze schaute.
Um wieder einen klaren Kurs der Fakultät mit ihren 16 Instituten und rund 4.200 Studierenden zu finden, lud der neue Steuermann kurzerhand den ganzen Fakultätsrat Mitte Mai zur Klausurtagung nach Zinnowitz ein – und alle kamen und diskutierten.
Um das Abarbeiten der Kürzungspläne aus den vergangenen Jahren kommt die Fakultät nicht herum. Drei Master-Studiengänge müssen dran glauben, der Mediävistik-Master, der Master Deutsch als Fremdsprache sowie der Master Green Politics. „Der Mediävistik-Master tut uns besonders weh, weil er eigentlich ein gutes Programm enthält“, bedauert Schneider, „allerdings laufen die beteiligten Professorenstellen an den jeweiligen Instituten aus.“
Dann steht das große Thema Lehrerbildung vor der Tür. Dekan Matthias Schneider ist selber einer der Architekten des Greifwalder B.A./M.A.-Modells, so wirkte er als damaliger Studiendekan intensiv an deren Umsetzung mit. Noch sieht er Spielräume, die man nutzen könne. Allerdings müsse das schnell geschehen und vor allem müsse die landesweite Debatte wieder in Gang gebracht werden. „Das Land will ab 2007 die bisherigen Lehramtsstudiengänge einstellen“, so Schneider, „und im Moment sieht es so aus, als ob sich das Rostocker Modell durchsetzt.“ Das wäre aber für Greifswald nur bedingt tauglich, außerdem hatte die Greifswalder Uni mit ihren spezifischen B.A./M.A.-Studiengängen auch ihr eigenes neues Lehrerbildungsmodell, das „Y-Modell“ entworfen. Dafür fanden sich aber bisher keine Studenten und die spezifischen Master of Education standen im letzten Herbst auf der Kippe. Definitiv geschlossen ist das Institut für Erziehungswissenschaft, ein Restbestand wird dennoch bleiben, sich wohl aber nur noch mit der Lehre angehender Lehrer beschäftigen. Ebenfalls aus der Lehrerbildung zurückgezogen hat sich die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät, was der neue Dekan sehr bedauert. „Letztlich hat sie vor dem Problem kapituliert und bildet jetzt einfach keine Lehrer mehr aus“, so Schneider.
Den „Life Sciences“ von Alt-Dekan Manfred Bornewasser erteilte die Klausurtagung eine Absage. Stattdessen soll jetzt inhaltlich wieder an einem Schwerpunkt gearbeitet werden, der seit Jahren durch Konzeptpapiere geistert: am Ostseeraum. „Wir planen unverbindlich einen „Master of Baltic Studies“, der Kulturkompetenz, Sprachkompetenz und fakultätsübergreifend auch wirtschaftswissenschaftliche Kompetenz vermittelt“, so Schneider.
Nachdem die inhaltlichen Punkte im Wesentlichen geklärt waren, regte Schneider noch auf der Klausurtagung eine erneute Strukturdebatte an, bei der er aber noch viel Diskussionsbedarf vermutet. „Dennoch wollen wir etwas ändern“, erläutert er den vorläufigen Konsens, „und zwar hin zu größeren Einheiten und mehr Zusammenarbeit.“ Bis zum Herbst soll diese neue Struktur dann auf dem Tisch liegen, damit sie noch in den nächsten eineinhalb Jahren umgesetzt werden kann.
Geschrieben von Ulrich Kötter
von Archiv | 22.06.2006
Ein Service für Studenten
Zum ersten Mal wurde in diesem Semester den Studierenden die Möglichkeit geboten, ihre Prüfungen via Internet anzumelden. Damit folgte das Prüfungsamt dem bundesweiten Trend, langen Schlangen während des Anmeldezeitraumes und dem schriftlichen Ausfüllen von Formularen aus dem Wege zu gehen. Die Prüfungsanmeldung war nunmehr mit Hilfe einer einmalig per Post zugeschickten TAN-Liste von überall möglich.
Bereits im Wintersemester 05/06 kamen die Studenten der BWL und teilweise der juristischen Fakultät in den Genuss des bequemen Anmeldens von Zuhause, allerdings nicht für alle Prüfungen. Bei der vom Prüfungsamt initiierten Aktion handelte es sich nach eigenen Aussagen um einen Testlauf, der zwar das ein oder andere Problem verursachte, im Großen und Ganzen aber mit einem positiven Endergebnis abschloss. Etwa 1000 Studenten wählten den elektronischen Weg der Anmeldung für geschätzte 3200 Prüfungen. Das 14-tägige Widerrufsrecht nutzten circa 50 Studenten um von 70 Prüfungen zurückzutreten.
Im Vorfeld des Ganzen versandte das Prüfungsamt circa 5000 Briefe mit einer genauen Anleitung zur Durchführung der Anmeldung und die dazu nötigen TAN-Listen. Leider bekommt man nicht automatisch neue TANs geliefert, wenn die alten aufgebraucht sind, so dass man diese selbstständig mit den letzten zwei TANs per Internet anfordern muss.
Anfängliche Software-Probleme wurden im Verlauf der Zeit behoben. Es passierte zum Beispiel, dass Studenten während des Anmeldeprozesses aus dem System gekickt wurden und von vorne beginnen mussten, was negative Stimmung bei den genervten Betroffenen hervorrief. Letztlich war es dem Prüfling in spe jedoch möglich auf alle Bereiche mit ihren insgesamt etwa 5000 eingetragenen Prüfern zuzugreifen.
Für Internetmuffel könnte die elektronische Prüfungsanmeldung eine Schwierigkeit darstellen aufgrund der Fülle an angebotenen Prüfungen. Außerdem kann immer nur ein Prüfer angegeben werden, obwohl zum Beispiel in einer Fachmodulprüfung zwei Prüfer vorgesehen sind. Für derartige Fragen stehen die Mitarbeiter des Prüfungsamtes aber weiterhin zur Verfügung. Und wem die Sache wirklich nicht geheuer ist, kann immer noch persönlich vor Ort im Prüfungsamt seine Prüfungsanmeldung einreichen.
Nach Frau von der Gönne-Stübing vom Zentralen Prüfungsamt soll die Anmeldung zukünftig größtenteils über das Internet abgewickelt werden, wenn sich das System bewährt und gut läuft. Damit gehören langes Schlangestehen und die Gefahr der lästigen Übertragungsfehler vom Anmeldeformular in den Computer endgültig der Vergangenheit an.
Geschrieben von Sophia Penther
von Archiv | 22.06.2006
Viel Regen, viel Bier und viel Musik beim
10. Stralsunder Brauerei Hoffest
Stralsund ist eine dankbare Stadt. Weil wir ihr Pils trinken, dürfen wir dort jedes Jahr auf´s Neue nationale und internationale Stars der Musikszene erleben. Gesponsert und organisiert von der Stralsunder Brauerei, die eigens dafür ihr Gelände hinter der Brauerei zur Verfügung stellte.
So wurden in diesem Jahr „Wir sind Helden“, „Gentleman and the Far East Band“, sowie Melanie C., die Münchener Freiheit, Hot Chocolate, und die Hemes House Band an die Küste geholt, um den eifrigen Biertrinkern ihren Dank auszudrücken. 17.000 Menschen sollen am Freitag und Samstag gekommen sein. 17.000 Menschen, die den Tag danach vermutlich im Bett verbracht haben. Denn es regnete fast ununterbrochen in Strömen. Erstaunlicherweise war das dem größtenteils jüngeren Publikum egal. Denn man hatte ja die grell-orangen, von einer bekannten Schnapsmarke verteilten Hüte, die auch noch am Ende von den Helden verspottet wurden. Echte Helden waren die, die ein oranges Regencape ergatterten. Denn die reichten gerade mal für 20 Prozent der Besucher. Der Großteil ging leer aus, dafür aber mit einem Erlebnis hautnaher und hautnasser Open-Air Festival Erfahrung mehr. K
Klar, Kommerz war auch diesmal viel dabei. Hotdogs für drei Euro, eine Sprite für zwei. Auch die Regencapes gab´s natürlich nicht umsonst. Und dem Regen konnte man als normaler Besucher, der immerhin 35 Euro im Vorverkauf zahlte, nicht entweichen.
Wohl mit Schadenfreude und einem süffisanten Lächeln müssen die VIP- Gäste mit ihrem Gläschen Champagner hinter der überdachten Glasfront, hermetisch abgetrennt vom „Mob“, den tropfnassen Besuchern zu geprostet haben.
Dafür erlebten sie Gentleman nur als kleine helle Figur irgendwo dahinten auf der Bühne. Auch bei Melanie C. dürften sie nur den blau-nebligen Hintergrund wahrgenommen haben, vor dem sie in schwarzen Lack-Outfit ihre altbewährten Hits trällerte.
Wem der anhaltende Regen bislang noch nicht in den nächsten Bus gen warmes Bett getrieben hat, der wurde kurz vor Mitternacht mit „Wir sind Helden“ belohnt. Judith Holofernes war überrascht und ein bisschen überwältigt von der Hartnäckigkeit des Publikums. Das kann nur der raue Norden sein. Und wer hart genug war, der kam am nächsten Tag wieder zu Hot Chocolate, der Hermes House Band und der Münchener Freiheit.
Für viele wird sich das Geld, trotz Regen gelohnt haben, denn die Musik und vor allem die Stimmung waren einmalig.
Wer mehr erwartete musste zwangsläufig enttäuscht werden. Die Pressekonferenz mit Gentleman blieb nur einigen Auserwählten vorbehalten, Unterstellmöglichkeiten gab es keine, die Regencapes reichten bei weitem nicht, und Fotos durften im Fotograben nur ohne Blitz gemacht werden.
So endete das 10. Stralsunder Brauerei Hoffest und die Veranstalter dürfen sich erneut auf die Schulter klopfen, dass sie den Menschen der Region ihren Dank ausdrücken und nebenbei noch Geld einnehmen konnten.
Ein Hoch auf das Stralsunder Pils!
Geschrieben von Katarina Sass
von Archiv | 22.06.2006
Ein polnischer Blick auf Stanislaw Lem
Am 27. März 2006 verstarb Stanislaw Lem. moritz sprach mit Professor Waclaw Cockiewicz vom Institut für Slawistik über den Autor, sein Verhältnis zur Literatur und seine Position im geistigen Leben des heutigen Polen.
moritz: Stanislaw Lem kennen die meisten Deutschen vor allem als einen Science-Fiction-Autor. Aber er hat ja noch einiges mehr geschrieben, was in Deutschland nicht so bekannt ist. Als wen sehen ihn seine Landsleute?
Cockiewicz: Meistens kennen ihn die Leute, wenn sie ihn überhaupt kennen, als einen Science-Fiction-Autor und als einen Unterhaltungsliteraturschöpfer. Dazu passt mein Lieblingszitat von Lem. Auf polnisch lautet das so: Nikt nic nie czyta. A jak czyta, to nie rozumie. A jak czyta i rozumie, to zapomina.* Also, das ist typisch und ein Gedanke, der diese Verkennung von Lem in hohem Grad erklärt. Beides hat sich bei ihm bestätigt, also manche verstehen von seiner Schöpfung nur diese Science-Fiktion-Geschichten aber bei ihm kann jeder etwas für sich finden. Also, in Russland ist er, auch jetzt, unglaublich populär, aber auch unter Krakauer Physikern, vor allem den theoretischen Physikern. Dabei war er überhaupt nicht ernst, er hat seine Literatur überhaupt nicht ernst genommen.
Wenn der Lem selbst davon erfahren hat, dass die Leute ihn so sehen, war er auch nicht zufrieden. Zumindest ab den siebziger Jahren war er immer weniger Romanautor, derjenige, der die Geschichten erzählt, als ein Philosoph der Wissenschaften. Ungefähr ab Mitte der achtziger Jahre hat er seine Erzählungen aufgegeben und sich ausschließlich mit philosophischen und literaturtheoretischen Schriften beschäftigt. In diesem Bereich ist er wenigstens genauso erfolgreich gewesen wie in diesem unterhaltungsliterarischen Bereich. Aber das ist symptomatisch, er hat keine falschen Vorstellungen davon gehabt.
Was macht Lem so populär?
Das Attraktive an ihm ist, dass er dieses Wissen in sehr leichter Form formuliert hat und dass er das, was er gesagt und geschrieben hat, mit einer unglaublichen Distanz und Selbstironie betrachtete. Die Bajki robotów (Robotermärchen), das sind solche Erzählungen mit Witz, mit Humor und Ironie und auch einer Distanz, mit der er über virtuelle Welten spricht. Und das sind die Inhalte, die insbesondere die theoretischen Physiker begeistern, weil das eigentlich ihre Domäne ist. Das, was wir heute im Internet virtuelle Wirklichkeit nennen, das hat er auch vorausgesehen. Das ist das Interessanteste, dass er das vorausgesagt hat.
Warum verband Lem so unterschiedliche Wissensgebiete?
Er hatte sein Medizinstudium wegen des Krieges nicht abgeschlossen. Sein Vater, Samuel Lem, war Laryngologe. Seine Vorfahren waren jüdisch, aber sein Vater war katholisch, er selbst hatte keine Ahnung von seinen jüdischen Wurzeln. Das hat ihm erst der Hitler klargemacht.
Er hat in seinem autobiographischen Roman, Wysoki zamek (Die hohe Burg)
über seine Lemberger Kindheit gesagt: ‚Die beiden großen Totalitarismen haben mich aufgeklärt. Also, Stalin oder die Bolschewisten haben mir klargemacht, dass meine Abstammung aus der Sicht der Klassentheorie falsch ist, Hitler hat mir dasselbe aus der Sicht der Rassentheorie erklärt.’
Ich finde das ziemlich schonungslos, dem Leser gegenüber. War er wirklich so sarkastisch?
Vielleicht klingt das so, aber er hat das mit einem Augenzwinkern geschrieben. Von Zorn gibt es dort keine Spur. Er ist sehr direkt, das heißt aber nicht aus Bosheit, sondern aus dem Respekt für den Gesprächspartner. Er hat es nicht für angemessen gehalten, in Höflichkeiten zu zerfließen.
Lem war einfach sehr direkt. Ich habe seine Vorlesungen besucht, Anfang der siebziger Jahre, als ich Polonistik in Krakau studiert habe. Er hat dort Vorlesungen für uns Polonisten in unserem Institut gehalten.
Worüber hat Lem diese Vorlesungen gehalten?
Über die Problematik, die er später in der Summa Technologiae bearbeitet hat, also über die Perspektiven der Kybernetik, der damals gerade entstehenden Informatik. Er hat damals sehr viel Norbert Wiener und Robert E. Kahn zitiert, weil er gerade auf der Basis ihrer Werke Englisch gelernt hat. Dazu hat ihn ein Philosoph, ein Physiker bewegt, dem er sich quasi anvertraut hat mit seinen Interessen. Als er 1948 nach Krakau übersiedelte, hat er zwei fertige Texte aus Lemberg mitgebracht, den Roman Mensch vom Mars und den Traktat Theorie der Gehirnfunktionen. Und der Mann, dem er sich anvertraut hat, heißt Dr. Mieczyslaw Choynowski. Ja, der Choynowski war von Lem Text damals nicht begeistert, aber von seinen
Interessen schon. Und er wurde zu seinem Mentor, hat ihn in sein Seminar aufgenommen, das Konversatorium über Wissenschaftskunde. Daran nahmen Philosophen, Kernphysiker und Kybernetiker teil. Dabei gab es damals offiziell keine Kybernetik in Polen, das war politisch verdächtig. Die Zensur hat manche seiner belletristischen Bücher verboten, mit dem Vorwurf, sie enthalten die versteckte Verteidigung der bürgerlichen Wissenschaft Kybernetik. Seine Vorlesungen waren zwar sehr interessant, aber nicht besonders effektvoll, weil er mit so leiser Stimme sprach. Ein guter Redner ist er nicht gewesen, er war ein guter Gesprächspartner.
Gab es dann den Terminus Kybernetik in Polen nicht, aber Inhalte der Wissenschaft schon?
Doch, es gab den Terminus Kybernetik, aber die Kybernetik als Wissenschaft war zu der Zeit Tabu. Man durfte darüber öffentlich nicht sprechen.
Lem hat sich mit dieser Kybernetik und mit diesen wissenschaftlichen Fragen ganz ausführlich vertraut gemacht. Die Physiker, die ich kenne, waren schon immer von ihm sehr begeistert. Sie behaupten, er ist der einzige Humanist, der etwas von Physik versteht.
Auf der anderen Seite konnte er aber auch ganz ungezwungen schreiben. Einer seiner Aufsätze wurde einmal in einer polnischen Zeitung nicht abgedruckt, weil er das Wort ‚Arsch’ enthielt. Der Aufsatz hieß ‚Traktat o dupie’, Traktat über den Arsch, und er beschreibt, wie sich eine junge deutsche Wissenschaftlerin mit diesem Thema in der modernen Werbung beschäftigt, und dass sie ihm ihre Dissertation zu lesen gegeben hat. Er zitiert reichlich aus dieser Arbeit, und das macht den Artikel wirklich sehr witzig. Es war natürlich auffällig, dass er es für angemessen hielt, zu betonen, dass es eine deutsche Autorin gewesen ist, aber er hat es natürlich auch begründet. Er sagte, sie habe das mit ihrer national typischen Tüchtigkeit gemacht.
Was halten Sie von Solaris?
Solaris ist sein bekanntester Roman. Das ist eine Geschichte eines totalitären Systems, aber auch viel, viel mehr. Auf diesem Planeten, den Lem beschreibt, gibt es keine einzelnen intelligenten Wesen wie wir, sondern es ist ein einziges totalitäres Wesen, der denkende Ozean.
Ein amerikanischer Kritiker, ein Anglist, begann, ihm die unmöglichsten Sachen einzureden und den Text im Geist Sigmund Freuds auszulegen. Er hatte diesen Roman nur auf Englisch gelesen, und als Lem diese Rezension gelesen hat, hat er sich fast totgelacht und gesagt, dass es im polnischen Original aus sprachlichen Gründen überhaupt nicht möglich ist, diese Schlussfolgerungen zu ziehen. Die innere Form der Sprache ist einfach anders und dieser Kritiker hatte alles nur aus der Oberfläche gezogen. (lacht)
Also, Lem hat sich wirklich damit amüsiert und das nicht auf eine bösartige Weise verspottet, ihm hat es wirklich Spaß gemacht. Eigentlich ist er immer sehr bescheiden gewesen.
Wann haben sie Stanislaw Lem zum letzten Mal gesehen?
Ich habe ihn das letzte Mal im Jahre 2000 gesehen, bei der Verleihung des Ehrendoktorats an der Universität Bielefeld. Die Verleihung fand in Krakau in der altehrwürdigen Aula statt und per Telebeam konnte man das in Bielefeld in einem riesengroßen Saal verfolgen. Vor Ort gab es nur eine Delegation, eine Vertretung, und in dieser Menge ist der kleine Mann einfach verschwunden. Keiner konnte ihn sehen und plötzlich sind die Kameraleute wie wild herumgelaufen und haben ihn gesucht. Jeder hat gefragt: Wo ist der Lem? Wo ist der Lem? (lacht wieder)
2004 verstarb der polnische Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz. Nun Lem …
Der Tygodnik Powczechny hatte eine Rubrik, in der der Jesuit Stanislaw Obierek eine Frage an eine Krakauer Kapazität gestellt hat. Das war immer eine fundamentale, existentielle Frage, und im Fall von Stanislaw Lem hat er gefragt: Was erwarten Sie nach dem Tod?
Lems Antwort war: Ich erwarte gar nichts. Er hat das ganz einfach mit seiner Erfahrung begründet. Er sagte, es werde genau das sein, was er erfahren habe, als er geboren wurde. Es gab nichts, und so werde es beim Tod ebenso sein.
Als ich das damals las, empfand ich es als genial. Wenn man an eine Narkose denkt, oder an einen traumlosen Schlaf, dann kann man sich das vorstellen, wie eine ‚Welt ohne mich’ aussehen könnte. Heute aber ist das für mich eine traurige Perspektive, nicht nur weil für einen persönlich alles zu Ende geht, sondern auf moralischer Ebene, wenn es keine Gerechtigkeit und keinen Ausgleich für das Unrecht in der Welt gibt. Eigentlich bedeutet das eine unfreiwillige Akzeptanz, dass die Welt ein Dschungel ist. Das ist zwar rationalistisch, aber im tiefsten Sinn auch sehr traurig.
Wenn man Lem aufmerksam betrachtet hat, dann konnte man in seinen Augen irgendeine Traurigkeit sehen, die ich mir damals nicht erklären konnte. Ich dachte damals, Lem sei ein interessanter Herr, aber ein bisschen eigenartig. Manchmal denke ich immer noch darüber nach.
Sehen sie denn im Moment jemanden, der in Lems Fußstapfen treten könnte?
Ganz ehrlich: Im Moment nicht.
(Waclaw Cockiewicz ist Professor für slawische Sprachwissenschaft. Im Juli kehrt er nach einer auf 5 Jahre befristeten Professur für Polonistik in Greifswald zurück an seine Heimatuniversität Krakau. Sein Lehrstuhl wird danach nicht wieder besetzt.)
* Keiner liest etwas. Und auch wenn jemand etwas liest, versteht er das nicht. Aber auch, wenn er etwas liest und wenn er das versteht, dann vergisst er das gleich.
Geschrieben von Marlene Sülberg