von Archiv | 15.04.2005
Der Nordische Klang zum 14. Mal in Greifswald
Es wird Mai. Die Straßen füllen sich. In den Kneipen und Cafés tummeln sich die Leute und überall ist was los. Die Stadt blüht, denn der Nordische Klang zieht in die Stadt. Vom 05.-14. Mai 2005 werden zum 14. Mal Künstler aus Skandinavien nach Greifswald geladen. Der gleichnamige Verein veranstaltet das Festival für Musik, Theater, Film, Literatur und Kunst, welches zu den kulturellen Höhepunkten der Hansestadt zählt.
Es wird mit Henrik Ibsens Theaterstück „Die Frau am Meer“ beginnen und einem Live-Hörspiel im Koeppenhaus zu Hans Christian Andersen enden. Dazwischen werden etliche Künstler die Besucher in einen Bann dänischer, estnischer, finnischer, isländischer, norwegischer, polnischer und schwedischer Kultur ziehen.
Es ist das größte Festival nordischer Kulturen außerhalb Skandinaviens und bietet mehr als 50 Programmpunkte. Die Vielfalt der skandinavischen Kultur zeigt in diesen Tagen einmal mehr die Bedeutung Greifswalds als interkulturelle Empfangsmetropole zu den nördlichen Ländern.
Der Nordische Klang steht dieses Jahr unter dem Motto „Nordisch kühl, heiß begehrt“ und möchte damit zeigen, dass es nicht nur musikalisch heiß her geht. Schwedisches Glasdesign und frech bemalte Teller runden den Nordischen Klang mitunter zu einer Kunstschau ab. Bei der Musik geht es von einer isländischen Pianistin über Jazz, Dance und Soul bis hin zu schwedischen Barockkonzerten des 17. Jahrhunderts. Es ist also für jeden und besonders für jede Altersgruppe etwas dabei.
Ein Mitgestalter der ersten Stunde, Professor Baumgartner vom Nordischen Institut, freut sich besonders auf den Bandoneonspieler Per-Arne Glorvigen. Dieser sei ein Jazzmusiker von höchstem Niveau, der schon für viele Weltmusiker eingespielt habe, meint Baumgartner.
Geschrieben von Kilian Jäger
von Archiv | 15.04.2005
Ein Interview mit Professor Walter Baumgartner vom Nordischen Institut über Hans Christian Andersen
moritz: Welche Bedeutung hat Andersen für die Literatur?
Baumgartner: Er ist einer der ersten modernen Autoren und Berufsschriftsteller in Skandinavien gewesen. Er war immer Gesprächsstoff für die damaligen Medien. Er reiste viel in der Welt herum, war dort immer Stadtgespräch und hat selber Gesprächsstoff mit nach Hause genommen.
Wofür benötigte er den?
Für seine Reiseberichte und als Denkanstöße.
Was machte ihn besonders?
Seine Bedeutung für Dänemark lag darin, dass er die steife und kunstvolle Sprache verworfen hat und schrieb, was aus seinem Schnabel kam. Diese „Mündlichkeit“ war allerdings streng am Schreibtisch kalkuliert.
Hört man das in seinen Märchen?
Ja, sie liegen perfekt auf der Zunge. Andersens Texte sind so, wie die Leute sprechen – wenn sie schlagfertig, ironisch und hintersinnig reden.
Er schrieb Antimärchen, was ist das?
Volksmärchen laufen nach einem festen Schema mit Happy End. Andersen streicht das Happy End!
Ein Beispiel vielleicht…
Ein klassisches Heiratsmärchen. Ein armer Junge zieht von zu Hause aus. Er trifft eine Prinzessin, sie ist verflucht, er erlöst sie, sie heiraten und er bekommt das ganze Königreich. Bei Andersen geht es so: Das Mädchen ziert sich, ist zu fein für einen armen Jungen. Sie werden verjagt, sie muss auf dem Töpfermarkt arbeiten, er kommt vorbei und zertrümmert ihre Sachen. Dann will sie ihn heiraten und er ruft sinngemäß: „Hau ab, du blöde Zicke!“ Das nenne ich Antimärchen.
Verfolgte Andersen politische Ziele?
Er war wenig politisch interessiert. Gesellschaftskritisch war er jedoch. Er kam aus dem Proletariat und drängte sich anfangs auf und trug in feinen Salons Schiller und Goethe in kurzen Hosen vor. Ganz akzeptiert fühlte er sich auch als weltberühmter Dichter nie. Er war gegen „Standesdünkel“ und rächte sich in seinen scheinbar nur liebenswerten Märchen auf subtile Art und Weise.
Zum Geburtstag: Sind 200 Jahre mehr als eine Zahl?
Es ist ein rundes Jubiläum, das halt gefeiert wird. Besonders in Dänemark. Es wurden „Andersen-Botschafter“ ernannt. In Deutschland Nina Hagen zum Beispiel.
Allerdings war Andersen stets lebendig, man braucht ihn nicht wieder zu entdecken.
Welche Angebote gibt es für Studenten am Nordischen Institut?
Es läuft ein Seminar am Nordischen Institut.
Über seine Märchen?
Nicht nur, auch über seine Romane und Reiseberichte. Hätte Andersen nur die Romane veröffentlicht, so hätte er sicherlich einen festen Platz in der dänischen und skandinavischen Literatur.
Günter Grass hat Andersens Märchen illustriert. Weshalb?
Grass ist ein Schriftsteller, der Umgangssprache und Dialekte einsetzt. Er schreibt salopp und frech. Ich glaube, er sieht das auch bei Andersen. Andererseits war er zuerst Bildhauer und damit Künstler wie Andersen, der Scherenschnitte fertigte.
Geschrieben von Uwe Roßner und Kilian Jäger
von Archiv | 15.04.2005
Gedanken zu einem Jubiläum
Schon vor der offiziellen Eröffnung zum 200. Todestag am 9. Mai, gelang Anfang März mit einer 24-stündigen Schiller-Lesung in Berlin ein beeindruckender Auftakt. Deutschlandweit sind unzählige Projekte geplant.
Zwei große Ausstellungen entstehen in Weimar (?Die Wahrheit hält Gericht – Schillers Helden heute?, 9.5.-10.10.) und Marbach (?Götterpläne und Mäusegeschäfte: Schiller 1759 – 1805?, ab 23.4. im Schiller-Nationalmuseum).
Auch Bühnen wagen sich wieder an Schillers Werke. Das Stuttgarter Staatstheater plant eine mobile Inszenierung an Orten von Schillers Jugend. Am Mannheimer Nationaltheater inszeniert Thomas Langhoff den Wilhelm Tell. Die Räuber laufen in Köln, Münster, Dessau, Neustrelitz und Heilbronn. Kabale und Liebe in Heidelberg und Weimar. Don Karlos in Leipzig, Meiningen, Hamburg und Aachen. Die Jungfrau von Orleans in Landshut, Bauerbach und Bonn. Highlight: Das Wiener Burgtheater hat für 2006 den als unaufführbar geltenden Wallenstein im Programm.
Eine Tagung in Weimar widmet sich dem ?unterschätzten Theoretiker Schiller? (23.6.-26.6.). Das Kongressthema in Jena: ?Der ganze Schiller? (21.9.-29.9.). Dem Philosophen Schiller nähert sich die Vortragsreihe ?Philosophische Spaziergänge: Schiller und seine Folgen für den Diskurs der Moderne? in Marbach (September). ZDF, 3sat und Arte begleiten mit Programmschwerpunkten. Hinzu kommen etwa 100 Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt.
Empfehlungen:
Sigrid Damm
Das Leben des Friedrich Schiller. Eine Wanderung
Als gemütlicher Einstieg sei ?Das Leben des Friedrich Schiller. Eine Wanderung.? von Sigrid Damm empfohlen. Der Mensch Schiller, seine Familie, Schulden, Krankheiten, Beziehungen, natürlich die Freundschaft zu Goethe sind Mittelpunkt der Biographie. Keine Interpretation der Werke, sondern die Umstände ihrer Entstehung. Dabei setzt sich die Hälfte des Buches aus Zitaten zusammen, Briefen in originaler Orthographie, die, gebunden durch den originellen Stil der Autorin, eine nahezu lückenlose, persönliche und authentische Perspektive gewähren. Eine Entdeckungsreise. Der Weg über gängige Vorbehalte gegen und Kritik an Schiller hinweg, über langsame Annäherung, bis zur Verehrung. Damm lädt ein, führt, vermittelt, entstaubt. Das gelingt, man begleitet gerne. Von Seite zu Seite wächst die Neugier auf mehr.
Rüdiger Safranski
Schiller und die Erfindung des Deutschen Idealismus
Das Theater, das neben Staat und Religion zur dritten Gewalt im gesellschaftlichen Leben erklärt wird, bestimmt Schillers Handeln. Safranski beschreibt dies in seinem Buch „Schiller und die Erfindung des Deustschen Idealismus“ bildhaft. Während sich diese Biografie zu Beginn noch schleppend liest, wird es von Seite zu Seite spannender, ausführlicher, tiefgründiger. Der Autor legt großen Wert auf die Interpretation und Analyse der schillerschen Dramen und Tragödien. Diese Tiefgründigkeit setzt sich auch in Schillers philosophischen Ansichten fort, die nicht nur angerissen sondern sehr ausführlich, wenn nicht sogar etwas in langatmig. Exkurse in Schillers und Gedankenwelt liefern Hintergründe für seine Persönlichkeit und seine Dramenfiguren. Der Leser spürt, was in Schiller vorgegangen sein müsste, als diese entstanden. Dazu gibt es dann natürlich noch die äußeren politischen, sozialen und familiären Umstände. Ausführliche Personenanalysen gibt es beispielsweise zu „Die Räuber“ und „Fiesco“. In Don Carlos aus dem gleichnamigen Theaterstück verkörpert sich die idealistische Haltung Schillers, die langsam von „Sturm und Drang“ ablässt. Der Roman liest sich wie das Who´s Who der literarischen „Szene“; zu Schillers „Clique“ lässt Safranski bedeutende Figuren wie Johann Gottfried Herder, Christian Gottfried Körner, Novalis, Friedrich Hölderlin, Wilhelm von Humboldt und Immanuel Kant (wenn auch nur im Geiste, so doch sehr präsent) hinzutreten. Es dauert ein paar Seiten bis man sich in die Zeit und Lage Schillers hinein findet, denn am Anfang fehlen politische Zusammenhänge ebenso wie zeitliche Umstände. Die gedankliche Grundlage besonders für die reiferen Werke Schillers bildete die Kantsche Philosophie (der Mensch soll nicht von der Sinnlichkeit, sondern von Sittengesetz regiert sein). So sind seine hauptagierenden Personen meist mit einem Hang zur Gerechtigkeit ausgestattet (Karl Moor in „Die Räuber“, Maria in „Maria Stuart“, Wilhelm Tell im gleichnamigen Stück) Das letzte Drittel des Buches ist dann der Freundschaft zwischen Schiller und Goethe gewidmet. Beide feuern sich gegenseitig an, Schiller ist begeistert von „Wilhelm Meister“ und Goethe gibt Impulse für „Wallenstein“. Goethe berät, gibt Ratschläge, kritisiert, ermuntert, fordert auf und steht dem Freund bei. Das alles ist zumeist durch Briefstellen belegt. Viel erfährt man über die Männerfreundschaft der beiden, doch wenig über das private Familienglück oder aus dem Leben mit den Kindern und seiner Frau Charlotte von Lengefeld. Aufgrund der ausführlichen Darstellung von Schillers Werken und deren Entstehungsgeschichte eignet sich diese Biografie auch als Nachschlagewerk, hierbei helfen die Überschriften mit ihrer knappen Inhaltszuordnung sowie eine Zeittafel und ein Register seiner Werke im Anhang. Schiller gilt als führender Dramatiker des Sturm und Drang („Die Räuber“), bedeutender Geschichtsschreiber („Der Dreißigjährige Krieg“) und maßgeblicher Kunstphilosoph (Aufsatz „Über Anmut und Würde) in Deutschland. Fazit: Während und nach dem Lesen möchte man sich regelrecht selbst ein Stück von Schiller ansehen.
Geschrieben von Judith Küther und Manuel Nüsser
von Archiv | 15.04.2005
Einer fehlt. Die Rektoren der Universitäten Greifswald und Rostock legten am 22. Februar ihr Diskussionspapier vor.
Die Fachhochschulen enthielten sich ganz diplomatisch. Die Studenten vertraten deutlich und bravourös mit ihren Protesten während der vorlesungsfreien Zeit ihre hochschulpolitischen Standpunkte. Interessenverbände gaben medial ihren Senf dazu. Hasenwinkel brachte trotz aufgeschlossener Atmosphäre bisher keine endgültigen Ergebnisse. Dennoch einer fehlt. Es ist das Land, ein Land, das sich jetzt und langfristig ernsthafte Gedanken über die Zukunft seiner Hochschulen machen muss.
Geschrieben von Uwe Roßner
von Archiv | 15.04.2005
Die Rektoren der Universitäten Greifswald und Rostock haben – aufgefordert durch die Landesregierung in Schwerin – Vorschläge gemacht, wie – durch Verlegung bzw. Zusammenlegung von Fächern bzw. Fakultätsteilen – Einspareffekte erzielt werden können.
Als GMD am Theater Vorpommern und Universitätsrat der Ernst-Moritz-Arndt-Universität möchte ich zur vorgeschlagenen Schließung der musikalischen Sparte an der Universität Greifswald bzw. ihrer Verlegung an die Musikhochschule Rostock Stellung nehmen.
Ob die pommersche Kirchenmusik in Greifswald oder in Rostock ?behaust? ist, macht keinen Unterschied für den Landeshaushalt.
Aber: in Greifswald und Stralsund entsteht z. Zt. durch die Restaurierung bedeutender historischer Orgeln ein pommersches Orgelzentrum. Dieser zukunftsträchtigen Entwicklung wird vorab der Sinn entzogen.
Außerdem: Die internationale Greifswalder Bachwoche ist nicht nur Zeichen für die musische Kreativität der Universität, sie ist auch lebendiger Ausdruck der Musikliebe und -pflege der Greifswalder Bürger.
Der ?Nordische Klang? mit seinen vielfältigen Facetten von Literatur, Theater, Malerei, Tanz und Musik ist einzigartig im Ostseeraum. Das Theater Vorpommern arbeitet gern partnerschaftlich mit der Universität zusammen.
Es ist unwahrscheinlich, dass durch die Verlegung der musikalischen Sparte der Universität Greifswald an die Musikhochschule Rostock nennenswerte Einspareffekte erzielt werden können, denn in Rostock müssten erst einmal neue Räumlichkeiten geschaffen werden.
Sicher ist aber, dass das reiche überregional und international ausstrahlende kulturelle Leben der Stadt Greifswald einen empfindlichen Schlag erleiden würde.
Es liegt mir fern, verschiedene geistige Disziplinen gegeneinander auszuspielen, aber Musik ist eine kommunikative Kraft: Bachwoche, Nordischer Klang, und die vielen Universitätskonzerte verbinden die Universität mit den Greifswalder Bürgern auf besondere Weise. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Greifswalder darauf verzichten wollen.
Ich bitte daher den Rektor der Ernst-Moritz-Arndt-Universität, sich beim zuständigen Minister, der ja auch Greifswalder ist, für den Erhalt und die Entwicklung der Musik an der Universität Greifswald einzusetzen.
Geschrieben von Prof. Mathias Husmann