von Archiv | 17.06.2005
Hollywood überraschend anders: „Garden State“
Andrew (Zach Braff) ist Mitte zwanzig und schlägt sich in Hollywood mit Gelegenheitsjobs durch, als er vom Tod seiner Mutter erfährt. Die Beerdigung ist der erste Grund seit vielen Jahren, wieder in seine alte Heimat New Jersey zurückzukehren.
Das distanzierte Verhältnis zu seinem Vater (Ian Holm), der gleichzeitig sein Psychiater ist, wird auch unter diesen Umständen nicht entlasteter. Auf dem Friedhof trifft er einen alten Kumpel (Peter Sarsgaard) wieder, der sich hier als Totengräber verdient, aber auch allerlei andere Mittel und Wege kennt, sich irgendwie über Wasser zu halten. Im Gegensatz zu diesem ist ein anderer ehemaliger Mitschüler Andrews durch die Erfindung eines lautlosen Klettverschlusses Millionär geworden. Von der Party, die er gerade an diesem Abend veranstaltet, zeigt sich Andrew wenig angetan. Stoisch nimmt er den Drogenrausch wahr und zeigt sich selbst von der Blondine wenig angetan, die sich zeitweilig lasziv auf seinem Schoß räkelt.
Anders sieht es aus, als er am nächsten Tag im Wartezimmer eines Neurologen die quirlige Samantha (Natalie Portman) kennen lernt. Der unkonventionelle Umgang, den beide bereits in den ersten Worten miteinander pflegen, eröffnet Andrew Perspektiven, aus seiner emotionslosen Routine auszubrechen…
Mit seinem grotesken Szenario hat es Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller Zach Braff geschafft, ein lebendiges Kleinod zu schaffen. Obwohl – oder gerade weil die Charaktere stark überzeichnet sind, gibt einem dieser Film die Möglichkeit, Parallelen zu seinem eigenen Umfeld zu ziehen. Die Dialoge und Reaktionen sind locker und häufig überraschend. Dies wird vor allem bei Natalie Portman deutlich, die zeigt, in welch ein enges Korsett sie George Lucas gepresst hat. Die flippig-spontane Expressivität die sie hier an den Tag legt, lässt einen die Kunstfigur der Padmé Amidala fast vergessen. Lediglich die häufigen übertriebenen Tränen machen hin und wieder deutlich, das auch dies nur Schauspielerei ist.
Auch wenn der Film in einem stereotypen Happy End ausläuft, das sicher so gewollt ist, bleibt einem das herrlich surreale Bild der drei jungen Menschen in Erinnerung, die in strömendem Regen, mit schwarzen Müllsäcken bekleidet auf einem verrosteten Kran stehend, aus volle Kehle in einen scheinbar unendlichen Abgrund schreien.
Geschrieben von Arvid Hansmann
von Archiv | 17.06.2005
Das ist nicht Arthur Dents (Martin Freeman) Tag: sein Haus wurde zerstört, sein Freund Ford Prefect – benannt nach einem 1949-er Modell, da er anfangs Autos für die herrschende Spezies auf der Erde hielt – ist ein Außerirdischer, und nun soll gar die ganze Erde einer intergalaktischen Hyperexpressroute weichen.
Mit Hilfe von Ford (einfach genial: Mos Def) und dessen unglaublichen Reiseführer gelingt es Arthur, sich auf ein Raumschiff zu retten. Doch nun beginnt der Ärger erst richtig, denn dieses gehört ausgerechnet den Vogonen, die gerade die Erde gesprengt haben und von intergalaktischen Anhaltern gar nicht begeistert sind.
Gemeinsam mit Zaphod Beeblebrox (Sam Rockwell), dem schizophrenen, egozentrischen Präsidenten der Galaxis, Marvin, dem manisch depressiven Roboter, und Trillian, dem einzigen weiteren Überlebenden der Erdzerstörung, machen sich Arthur und Ford auf die Suche nach der alles entscheidenden Frage nach Leben, Universum und allem.
Über 25 Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen der irrwitzigen Geschichte – die wohl einzige Trilogie in fünf Teilen – wurde das erste von Douglas Adams‘ Kultbüchern nun endlich fürs Kino verfilmt. Neu ist lediglich die Figur des Space-Gurus Humma Kavala (John Malkovich), dessen verschnupfte Sekte die Ankunft des großen Taschentuchs erwartet.
Unter Regie von Garth Jennings und Mitarbeit von Douglas Adams selbst ist eine pädagogisch garantiert sinnfreie, aber zum Schreien komische Sci-Fi-Komödie entstanden, in der man lernt, dass die Antwort auf alles „42“ ist, welche Rolle Mäuse für die Existenz der Erde spielen und warum man im Weltraum niemals ohne sein Handtuch trampen sollte.
Geschrieben von Julia Mai
von Archiv | 17.06.2005
Ist der Samstagabend nicht fürs Feiern prädestiniert? Auf der Suche nach der ultimativen Saturday-Night-Stimmung werden so einige Termine angesetzt, manchmal in Gestalt eines Geburtstags, eines Abschieds oder auch nur so. Doch was ist, wenn während eines Fests ein ver- und zerstörtes Gemüt nach einem Ausweg schreit?
So geschehen am 4. Juni im TiP, dem Theater im Penguin. Zur Inszenierung kam der Stoff aus dem Film „Das Fest“ von Regisseur Thomas Vinterberg. Wer sich noch erinnert, welche schockierenden und immer noch tabuisierten Themen in diesem Dogma-Klassiker aufgegriffen wurden, wird sich vorstellen können, vor wie vielen Schwierigkeiten eine zur Umsetzung des Stoffes entschlossene Theatergruppe gestanden haben muss.
Sich inhaltlich deutlich am Film orientierend wird erneut der sexuelle Missbrauch an den Zwillingen Christian und Linda aufgetischt. Ankläger: Christian. Angeklagter: der eigene Vater. Dessen 60. Geburtstag will von der Familie gefeiert, vom Sohn zur Aufdeckung der Schandtaten genutzt werden. Ein Kampf beginnt, die heile Welt ist in Gestalt der versammelten Familienmitglieder numerisch über-, Christian, als verstörter Sonderling rhetorisch unterlegen. Erschwerend tritt die Bürde des Freitods der Schwester hinzu.
Als Zuschauer erlebt man nun den Weg eines jungen Mannes, der zwischen Schuld und Unschuld pendelt, nach der Befreiung von teils verdrängten, teils unverdrängten Traumata sucht. Innere Hindernisse müssen genauso umgestürzt werden wie die äußeren der vor Verlogenheit ächzenden Umwelt.
So schwierig es für Nichtbetroffene ist, sich in eine solche Situation hinein zu versetzen, so schwierig ist es auch, sie auf der Bühne darzustellen. Dem gesamten Ensemble muss daher ein Lob ausgesprochen werden, bestand es doch lediglich aus Laienschauspielern der Itzehoer Kaiser-Karl-Schule. Ihnen gelang der Spagat zwischen komischer Zurschaustellung einer pseudo-idyllischen Großfamilie und der Darstellung eines Einzelkämpfers gegen bis dato verschwiegene Abgründe seines Lebens. „Das Fest“ wurde kein Fest, obwohl es alle einlud – zum in sich Gehen.
Geschrieben von Enrico Pohl
von Archiv | 17.06.2005
Latif Yahia hat eine besondere Geschichte. Gewiss, dies trifft auf viele Menschen zu, aber das Schicksal nur weniger hängt so eng zusammen mit der Familie eines der bekanntesten Häftlinge weltweit: Saddam Hussein.
In jungem Alter wird der ehemalige Klassenkamerad von Saddams ältestem Sohn Uday gedrängt, in einen besonderen Dienst zu treten. Seine äußerliche Ähnlichkeit zu Uday wird ihm hierbei zum Verhängnis. Durch kosmetische Operationen „angepasst“ wird er zu Udays Doppelgänger, einem Fidai, der ihn bei öffentlichen Auftritten ersetzen soll. Eine Odyssee führt ihn vom Luxusleben in einem der Präsidentpaläste über Einsätze im Iran-Irakischen Krieg bis hin in die berüchtigten Folterkammern Saddams – als Häftling wohlgemerkt.
Nun, nachdem das alte Regime im Irak zerschlagen wurde, wagte der Exil-Iraker mit seiner Geschichte den Schritt an die Öffentlichkeit.
Sehr persönlich, ergreifend, auch ihm unangenehme Situationen nicht aussparend, schützt diese Biografie durch deutliche Schilderungen brutaler Akte der Willkür vor aufkommender Vergangenheitsverklärung angesicht einer noch nicht konsolidierten Sicherheitslage im heutigen Irak.
Das Buch „Ich war Saddams Sohn von Latif Yahia ist im Goldmann-Verlag erschienen.
Geschrieben von Christin Püschel
von Archiv | 17.06.2005
„Es ist unmöglich, die Geschichte eines Menschen lückenlos zu rekonstruieren. Zu begrenzt sind Zeugenaussagen, zu begrenzt sind auch Selbstzeugnisse, etwa in Form von Berichten über ihre eigenen Taten. Jeder Zeuge, auch der sachlichste, gibt immer nur seine Sicht der Dinge wieder. Gefühle, Motivationen, innere Regungen entziehen sich ohnehin weitgehend der Berichterstattung. Grobe Verfehlungen werden von Beteiligten selbstverständlich nur ungern geschildert.“
Dies schrieb Stefan Aust einst selbst, am Anfang seines Werkes „Der Baader-Meinhof-Komplex“. Oliver Gehrs macht in seinem Buch „Der Spiegel-Komplex“ deutlich, wie vorsichtig ein Stefan Aust ist, um sich selbst keine Blöße zu geben. So soll auch dieses Zitat nach Gehrs Meinung einzig der Vorbereitung des Lesers auf das kommende Buch „Mauss. Ein deutscher Agent“ gedient haben.
Unabhängig davon, was von diesem einzelnen Beispiel zu halten ist: Oliver Gehrs hat es sich mit seiner Hinterfragung der Person und Persönlichkeit Stefan Aust nicht leicht gemacht. Nur bekommt der Leser manchmal den Eindruck, Gehrs habe sich so sehr in seine Arbeit hinein gesteigert, dass er kaum noch aus ihr herauszufinden vermochte.
Doch ist seinem Schaffen damit kein Abbruch getan. „Der Spiegel-Komplex“ ist zweifelsohne mit Verve recherchiert, eine Ausleuchtung Stefan Austs, die es bis jetzt so nicht gab. Dies wohl auch ein wenig aus Angst vor dieser Ikone des neuen Journalismus. So musste sich Gehrs vor Beginn seiner Arbeit einen unangenehmen Anruf gefallen lassen: „Am Apparat war Gabor Steingart, der Berliner Büroleiter des Spiegel. Er fragte mich, ob es stimme, dass ich über Aust schreiben wolle, was ich bejahte. Daraufhin machte Steingart eine lange Pause und sagte dann quasi ins Ausatmen hinein: „Ich würde es nicht machen.“ Es war ein bisschen wie in dem Film Der Pate.“ Das spornte Gehrs dann doch eher an, was der Öffentlichkeit dieses Buch bescherte, in dem Stefan Aust wieder auf ein vernünftiges Maß geschrumpft wird: Dem eines talentierten Journalisten mit Gespühr für Macht und Schlagzeilen. Eine lichte Wunderfigur ist er so wenig wie jeder andere, der sich gerne als eine solche geriert.
Wundervoll chronologisch rollt Gehrs Austs Leben auf. Von der Schülerzeitung „Wir“ über die „Konkret“ und die „St. Pauli Nachrichten“ zum NDR bei „Panorama“ und schließlich, nachdem er dort seiner Streitbarkeit wegen übergangen wurde, hin zu den Privatsendern. Nachdem er dort „Spiegel-TV“ quotenfähig gemacht hatte, wurde er von Rudolf Augstein zum „Spiegel“ geholt. Da sitzt er heute noch und hat auch diese Redaktion gründlich umgekrempelt. Das ist es auch, was Gehrs an der ganzen Aust-Kiste zu reizen scheint. Die einflussnehmende Art des Machtmenschen Stefan Aust, der Mitarbeiter vor den Kopf stößt, wenn ihm ihre Arbeiten nicht zusagen. Der ohne Rücksicht auf Verluste stets eine autoritäre Redaktionsstruktur anstrebte, natürlich mit ihm an der Spitze.
Oliver Gehrs bringt es ganz einfach auf den Punkt: „Aust ist kein Historiker, sondern Journalist.“ Zum Glück für den Leser hat Gehrs sein Buch historischer geschrieben, als Aust sein Leben.
Das Buches „Der Spiegel-Komplex“ von Oliver Gehrs ist bei Droemer/Knaur erschienen.
Geschrieben von Stephan Kosa