von Archiv | 15.11.2005
Die legendarische Genese einer Idee
„Mahlzeit!“ – „Mahlzeit. Wasser oder Sprite?“ – „Sprite. Danke.“ – „Bitte.“
„Servietten sind nicht mehr.“ – „OK. Kann man nichts machen.“
„Vorsicht!“ – „Oh! ’Schuldigung!“ – „Macht nichts.“ „Na, da ist er ja endlich.“ – „Das ist wirklich ein echter Kampf da durchzukommen.“ – „Ich will mal nicht so sein. Mein Rucksack kann ja auch unten stehen.“ – „Danke. Sehr großzügig! – Ach, endlich sitzen.“
„Das sieht ja mal wieder ziemlich einheitlich aus.“ – „Na was willst du sonst nehmen?“ – „Stimmt. An Ausgabe vier hätte ich mich auch nicht angestellt. Der Milchreis ist eigentlich ganz lecker, aber da wird man ja auch nicht satt.“ – „Man kann ja auch eine Schüssel nehmen.“
„Ist euch schon aufgefallen, dass die in letzter Zeit immer weniger Beilagen draufpacken?“ – „Ja, genau. Die Pommes scheinen sie wirklich schon abzuzählen und durch das Püree konnte man gestern auch den Teller sehen.“ – „Ja, ja. Überall muss gespart werden. Jetzt auch schon beim Essen.“
„Apropos sparen. Gestern war ja wieder so eine Senatssitzung. Da haben sie im Vorfeld wieder ordentlich demonstriert.“ – „Und du wieder mittendrin, oder was?“ – „Na ihr wolltet ja nicht mitkommen.“ – „Das ist doch alles nur Pillepalle. Solange ihr nicht anfangt, Mülltonnen anzuzünden und Autos umzuwerfen, brauche ich auch nicht mitzumachen.“ – „Oha! Das ist ein bisschen sehr krass.“ – „Wieso? Denkst du, die Politiker schauen sich ernsthaft irgendwelche Transparente und Pappschilder an? Und auch die Leute selber werden bestimmt bald keinen Bock mehr haben, sich mit Trillerpfeifen irgendwo hinzustellen.“
„Aber das ist ja genau das Ding. Natürlich wollen die Politiker die Demo-Leute nicht sehen. Deswegen ist es ja gerade wichtig, sie weiter zu nerven.“ – „Aber wenn man jemandem zu sehr auf den Geist geht, kann sich das auch negativ auswirken. Ich glaube, das bringt alles nichts.“ – „Ja, ich glaube auch. Wir sollten die „große Fächervielfalt“ nutzen, solange wir sie noch haben. Die ganzen Pläne gehen uns doch eigentlich eh‘ nichts mehr an.“ – „Oh, der alte Mann meldet sich auch mal zu Wort!“ – „Na, wer muss denn hier noch seine Scheine zusammenkriegen?“
„Moment mal! Wegen der großen Fächervielfalt. Vielleicht müssen wir den Spieß einfach umdrehen!“ – „Hä?“ – „Ich meine eine ‚Positiv-Kampagne’.“ – „Was für eine Kampagne?“ – „Vielleicht sollten wir nicht immer nur meckern, sondern den Leuten zeigen, was die Uni momentan alles zu bieten hat.“ – „Und wie willst du das machen? Willst du ein Foto in die Lange Straße hängen und drunter schreiben: ‚Ich studiere Ukrainistik, weil es das nur hier gibt.’?“
„Na wieso nicht? Man müsste vielleicht versuchen, ein breites Spektrum an Personen zu portraitieren, möglichst großformatig und vor allem in Farbe.“
„Also mich erinnert das irgendwie an diese komische ‚Du-bist-Deutschland’-Sache.“ – „Ja genau. Da machen doch auch irgendwelche Klofrauen und Arbeiter genauso wie der Günther Jauch mit.“ – „Ja. ‚Du bist die Hand. Du bist 82 Millionen.’ Ganz toll. Wer sich das ausgedacht hat.“ – „Neulich habe ich gesehen: ‚Du bist das Huhn’.“ – „Ja, ja, ‚Huhn, Huhn, Runkel, Huhn … Hör zu, Runkel, leih mir deine Zange…“
„Helge ist schon ’n Chef – aber mal im Ernst. Vom Prinzip her ist die Sache schon in Ordnung – ‚und was die können, können wir schon lange’. Wir müssen dem Abstraktum der Lehrstühle und Institute ein ‚Gesicht’ geben!“ – „Du meinst: ‚Ich bin der Professor Sowieso. Ich finde Greifswald soo toll. Bitte kürzt mich nicht weg!’?“
„Eigentlich meine ich genau das. Die Abstraktion und Verschleierung, die Rektor und Co. mit den Zahlen treiben, kann man so vielleicht aufbrechen. Wir brauchen ‚Ikonen’ die man dem Gegner schützend entgegenhalten kann.“ – „‚Ikonen’. Da spricht schon wieder der Kunsthistoriker.“ – „Ja, gut. Man denkt halt in solchen Kategorien.“ – „‚Die heilige Gottesmutter von Greifswald’“ – „Na du erst. Aber du kennst dich ja da in Russland besser aus als wir.“ – „Er hat recht. Genau solche ‚Galionsfiguren’ brauchen wir.“
„Es gibt doch genügend Leute, denen etwas daran liegen könnte, dass hier nicht alles den Bach runtergeht.“ – „Ja genau. Günther Grass kommt Hand in Hand mit der schwedischen Königin und sagt den Leuten: ‚Das ist aber gar nicht gut, was ihr hier macht!’“ – „Na warte mal ab, es ist ja noch ein halbes Jahr hin. ‚Man weiß nie was so passiert…’“
„So, nun sieh zu! Dein Essen wird kalt. – Wollen wir noch in die Cafeteria?“ – „Wieso nicht.“– „Ja. Ich beeile mich.“
Geschrieben von Arvid Hansmann
von Archiv | 15.11.2005
Mit Campus Europae on tour
Es geht los!
In der Nacht des 24. September fuhren wir von Greifswald aus mit einem Mietwagen zum Flughafen Schönefeld in Berlin, flogen frühmorgens nach Maastricht und nahmen von da aus den Zug nach Luxemburg. Kompliziert, aber günstiger. Die „German Delegation“ erreichte den Treffpunkt Luxemburg am frühen Abend. In der Jugendherberge begrüsste uns Prof. Ehmann – Initiator und “General Secretary” der EUF.
Nils und ich teilen das Zimmer mit Jeremy und Maxime aus Frankreich. „Sie kommen von Deutschland?“, versucht es Jeremy und ich kläre ihn auf, dass es zwei Anredeformen gibt, Sie und Du, und bejahe die Frage. Mein Französisch hört sich vermutlich nicht besser an bei den Franzosen.
Während “Group one” bereits in den frühen Morgenstunden aufbricht, besuchen wir nach dem Frühstück die Kasematten in
Luxemburg – eine Höhlenansammlung unter der mittelalterlichen Altstadt, bevor auch wir mit Sack und Pack zum Bahnhof fahren und den Zug Richtung Nancy in Frankreich nehmen.
Dort werden wir von der Campus-Europae-Koordinatorin von Nancy empfangen und zur Jugendherberge gebracht. Es muss ein altes Nonnenkloster gewesen sein, denke ich mir und beziehe mein kleines Kämmerchen mit Jesuskreuz über meinem Bett. Anschließend geht es sofort weiter zum Dinner in eine Taverne in der Stadtmitte. Da der Abend noch jung ist und wir die schönen Abendstunden in Nancy nutzen wollen, machen wir in einem Irish Pub Halt und gehen anschließend in einen Club zum Abtanzen. Nach ein paar Gläsern Alkohol kommt dann auch zum ersten Mal die ultimative „Group two“ Hymne auf, nämlich „Schni, Schna, Schnappi“. Leider kennen weder Nils noch ich den vollständigen Text und so bleibt es beim einschlägigen Refrain „Schni, Schna, Schnappi, das kleine Krokodil“ in allen möglichen Dialekten.
Sauerkraut, Kultur pur und eine tolle Uni
Der nächste Tag geht gleich stressig los, auch wenn uns noch Restalkohol im Blut steckt. Bereits um 9 Uhr machen wir einen Rundgang durch die pharmazeutische Fakultät der „Université Henri Poincaré“ und staunen über die eindrucksvollen Glasmalereien an den Fenstern. Die Vorträge über die Universität und Campus Europae bestätigen den Eindruck, dass die Uni sehr aufgeschlossen gegenüber Austauschprogrammen ist – auch wenn das zurzeit nur für Studenten der Pharmazie gilt. Begeistert sind wir auch von Nancy, eine Stadt, die noch mit ihrer Vergangenheit verbunden ist und zum Weltkulturerbe zählt. Man kommt an Gebäuden im Rokokostil vorbei, an hellen Fassaden und imposanten Denkmälern. Die freie Zeit bis zum Dinner kommt uns sehr gelegen und wir machen uns auf die Suche nach einem Supermarkt. Denn eine Flasche Wasser mit Sprudel („Do you have water with sprinkles or bubbles?“) erweist sich als echte Rarität. Die Verständigung untereinander auf Englisch klappt schon sehr gut. Im Zweifelsfall hilft immer brav nicken und das Thema wechseln. Zum Abendbrot gibt es einen Berg Sauerkraut mit Würstchen und Kartoffeln – ein typisch elsässisches Gericht, das bei niemandem so richtig Begeisterung hervorruft.
Der Tag endet mit einer Pyjamaparty bei Alina aus Weißrussland. Glücklicherweise dürfen wir Frauen angekleidet bleiben, nur die Herren müssen im Schlafdress erscheinen. Zwei Stunden lang spielen wir „Mafia“ und hören uns fünfmal „Welcome to my country“, die inoffizielle Hymne aus Lettland, an. Rituale bilden sich aus, bei denen so mancher Partner daheim eifersüchtig werden könnte.
Weiter geht‘s nach Portugal!
Am frühen Morgen nehmen wir Abschied vom sonnigen Nancy und fahren mit dem Zug weiter nach Brüssel. Auf der Zugfahrt erzählt Jeremy aus Frankreich von der Ablehnung der EU-Verfassung und von Asterix und Obelix, auf die die Franzosen sehr stolz sind. Ich lerne, dass bei den Galliern alle Ortsnamen auf „omme“ enden und nach römischen Siedlungen benannt wurden. Und Natasa aus Serbien, Zach aus Portugal und Jeremy wollen mir ernsthaft weismachen, dass die deutsche Sprache einen schönen Klang hat, aber verdammt schwer zu lernen sei. Da helfen auch keine vier Jahre Schuldeutsch, um zu verstehen, warum es „das Haus“, „der Garten“ und „die Sonne“ heißt. In Brüssel spielt das Wetter nicht mehr mit. Wir suchen uns einen Griechen und futtern Döner und Fallafel. Den Manneken Pis gucken wir uns noch an, der Rest an Kultur ist uns bei diesem Wetter egal.
Der Flug von Brüssel nach Lissabon ist auf unserer Tour die weiteste Entfernung in Richtung Westen. Unglaublich, dass wir fast an jedem zweiten Tag an einem anderen Ort sind. Jeder wird sich über die Einmaligkeit dieser Tour bewusst.
Die Gruppe wächst zusammen und alle spüren diese Verbindung. 26 Studenten aus 14 Ländern – das ist EU in der Praxis.
Warum wir alle zu Zombies werden, was es bedeutet, wenn Zach „Kissingtime“ ruft und wie eine Saunaparty in Riga aussieht, das erfahrt ihr im nächsten moritz!
Geschrieben von Katarina Sass
von Archiv | 15.11.2005
Austauschprojekt schickt Studenten durch Europa
Ein europäischer Campus, an dem Studenten aus ganz Europa die Uni wechseln können – das ist die Idee oder vielmehr die Vision von Campus Europae.
Campus Europae entstand als Austauschprojekt 2001 im Rahmen des Bologna-Prozesses. Durch spezielle gemeinsame Lernprogramme der zurzeit 15 europäischen Teilnehmerländer unterscheidet sich dieses Projekt von den bekannten Sokrates-Erasmus-Austauschorganisationen. Noch steckt Campus Europae in den Kinderschuhen, aber im optimalen Fall sollen Studenten ihr letztes Bachelor Jahr und ihren Master im Ausland machen können – mit Anerkennung an der Heimatuniversität. Neben einigen Bachelor-Studiengängen, können auch Jurastudenten und Medizinstudenten am Austausch teilnehmen.
Doch dazu ist noch viel Engagement nötig. Zwar nahm die Uni schon an dem Pilotprojekt “Law” teil und schickte Studenten nach Limerick, aber dabei blieb es. Professor Hannich, Rektorbeauftragter in Austauschfragen und zuständig für Medizin, unterstützt unter anderem dieses Projekt und arbeitet aktiv mit. Doch noch sind nicht alle von Campus Europae überzeugt. Skepsis überwiegt bei vielen und so sind es immer nur Einzelne, die sich für Campus Europae aussprechen. Das ist schade, denn das Interesse bei den Studenten ist groß und auch die Partneruniversitäten sind verlockend. An den Fakultäten müsste eine breitere Masse hinter dem Projekt stehen, damit den Austauschstudenten die Anerkennung gewährleistet werden kann.
Um für dieses Projekt in ganz Europa zu werben, fand 2003 erstmals die „Tour d?Europe“ statt, eine gigantische Tour durch zehn Länder in drei Wochen.
In diesem Jahr fand vom 24. September bis zum 10. Oktober die zweite „Tour d?Europe“ statt. Finanziert wurde dieses großartige Projekt von Luxemburg – dem zentralen Sitz der „European University Foundation“ (EUF), die verantwortlich ist für die praktische Umsetzung von Campus Europae. Diesmal gab es zwei Touren, die parallel verliefen und in unterschiedlichen Ländern Halt machten. Auf jede Tour fuhren 26 Studenten aus den 15 Teilnehmerländern mit. Zusammen mit Nils Lalleike und zwei weiteren Greifswalder Studenten, waren wir die „ambassadors of Greifswald“.
Wir besuchten die Universitäten in Nancy (Frankreich), Aveiro (Portugal), Trento (Italien), Novi Sad (Serbien-Montenegro), Riga (Lettland) und Hamburg, stellten dort unsere Uni vor und informierten uns über die jeweiligen Universitäten.
Geschrieben von Katarina Sass
von Archiv | 15.11.2005
Ja, es stimmt! Wer sich ab sofort als Student oder Azubi mit dem Hauptwohnsitz hier in Greifswald meldet oder seit dem 1. Juli 2003 hauptwohnsitzlich in Greifswald gemeldet ist, der bekommt einmalig 150 Euro von der Stadt geschenkt. Die Idee dahinter ist simpel: Die Stadt lebt von Studenten und für jeden Studenten und Azubi mit Hauptwohnsitz bekommt die Kommune eine finanzielle Zuweisung vom Land.
„Das Geld kommt aus dem kommunalen Haushalt und wir freuen uns, den Studenten auf diese Weise belohnen zu können“, so die Pressesprecherin der Hansestadt, Bärbel Lenuck. Bereits 60% aller Gemeldeten in Greifswald sind bereits mit Hauptwohnsitz gemeldet. Und es können noch mehr werden, denn eine Anmeldepflicht besteht sowieso.
Wenn Ihr Euch die Finanzspritze nicht entgehen lassen wollt, dann füllt einfach einen Antrag aus, den es entweder im AStA-Büro oder als Datei unter www.greifswald.de gibt und geht damit zum Einwohnermeldeamt. Studenten- und Personalausweis nicht vergessen. Anschließend erhaltet ihr einen Barscheck, den ihr problemlos bei der Sparkasse einlösen könnt.
An dieser Stelle noch ein Hinweis: Zurzeit ist der Andrang auf dem Einwohnermeldeamt sehr groß, erst allmählich wird sich die Lage wieder entspannen. Wenn möglich, vermeidet auch den Dienstag. Mit anderen Worten, nehmt Euch lieber eine Stunde mehr Zeit, wenn Ihr den ausgefüllten Antrag abgeben wollt.
Doch es gibt noch weitere Gründe, den Hauptwohnsitz in Greifswald anzugeben. Nächstes Jahr im Mai/Juni habt ihr die Möglichkeit mit dem Oberbürgermeister, dem Rektor und Handelsvertretern einen Segeltörn auf der „Greif“ zu machen. Der Ausflug dauert einen ganzen Tag und ihr habt die Chance, wertvolle Kontakte zu knüpfen oder dem Rektor Fragen zu stellen, die Euch schon immer interessiert haben. Im Dezember beziehungsweise Januar sollen dazu ein Aufruf und die Auslosung stattfinden.
Und noch ein Vorteil: Außerdem könnt Ihr beim Sozialamt den sogenannten „KUS“ (Kultur- und Sozialausweis) beantragen. Damit könnt Ihr ermäßigt den Bus nutzen und andere Preisreduzierungen in kulturellen Einrichtungen genießen. Eine Anmeldung und drei Vorteile auf einmal – wer kann da noch meckern?
Geschrieben von Katarina Sass
von Archiv | 15.11.2005
Über ein gewandeltes Universitätsbild und neue Anforderungen
Es glich einer Revolution, als Wilhelm von Humboldt, der ältere Bruder des bekannten Entdeckers Alexander, Anfang des neunzehnten Jahrhunderts sein neues Universitätskonzept vorstellte. Das Herzstück stellte die „Einheit von Forschung und Lehre“ dar, die noch heute, zwei Jahrhunderte später, herangezogen wird, wenn es um die „universitas“ geht. Doch wie ist Humboldts Konzept zu verstehen und ist es überhaupt noch zeitgemäß?
„Die Hochschulen dienen der Pflege und Entwicklung der Wissenschaften und Künste durch Forschung, Lehre und Studium sowie Weiterbildung“, legt Paragraf drei des Landeshochschulgesetztes Mecklenburg-Vorpommern die Aufgaben der Universitäten und Fachhochschulen im Land fest. Ähnliche Formulierungen lassen sich auch in allen 15 anderen Bundesländern finden. Die Umsetzung Humboldts ist hier also Programm – oder sollte es zumindest sein.
Doch wie konnte Wilhelm von Humboldt auf eine Idee kommen, die heute anscheinend gang und gäbe ist? Zu seiner Zeit waren Universitäten in erster Linie Lehranstalten, die die „studiosi“ auf ein sittsames Leben vorbereiten sollten. Die Verwirklichung einer Einheit von Forschung und Lehre lief also darauf hinaus, die Forschung in die Universitäten hereinzuholen – ohne dabei die Lehre hinauszudrängen. Vor Humboldt waren beide Bereiche strikt voneinander getrennt worden. Das neue Konzept forderte somit einen völligen Verzicht auf Differenzierung: Beide Aufgaben sollten im selben Handeln vollzogen werden.
Zunächst wurde diese Idee auch begeistert aufgenommen und spielte bei einigen Universitätsgründungen (nicht zuletzt bei der später nach Humboldt benannten Berliner Universität) eine entscheidende Rolle. Doch spätestens in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde Humboldts Konzept zunehmend skeptisch diskutiert. Mittlerweile überwiegt vielleicht sogar schon eine ablehnende Haltung. Die Idee fordere heutzutage ein Ding der Unmöglichkeit meinen viele, denn die Anforderungen an gute Forschung auf der einen und gute Lehre auf der anderen Seite liefen mittlerweile so auseinander, dass eine Einheit, die beiden Aufgaben gerecht wird, nicht mehr zu verwirklichen sei.
Ganz falsch liegen die Kritiker damit sicher nicht. Doch muss hier beachtet werden, wo die Gründe für eine Diskrepanz liegen, die keinesfalls ein Selbstläufer ist. Zu Humboldts Zeiten sah das Hochschulsystem noch vollkommen anders aus, als zu Beginn des 21. Jahrhunderts und selbst als in den Fünfzigerjahren. Zu dieser Zeit studierten etwa fünf Prozent eines Jahrgangs an Universitäten, heute sind es 37 Prozent – Tendenz steigend. In der „Wissensgesellschaft“, die immer höhere Anforderungen an den Einzelnen stellt und immer mehr Qualifikationen verlangt, hat sich die Hochschule von einem relativ geschlossenen System der Elitenbildung zur Massenuniversität entwickelt. Dies ist nicht negativ – ganz im Gegenteil. Die scheidende Bundesregierung hat mit unterschiedlichem Erfolg in sieben Jahren einiges getan, um die Zahlen der Studierenden und besonders der Absolventen zu steigern, was auch von der OECD in ihrem jüngsten Bericht begrüßt wurde. So steigerten sich zwar die Studentenzahlen, die finanziellen und personellen Ressourcen der Hochschulen wurden jedoch nicht angepasst, sondern blieben unverändert oder wurden sogar zurückgefahren. Nach dem Hochschulausbau in den Sechziger- und Siebzigerjahren tat sich nicht mehr viel, abgesehen von den Entwicklungen an ostdeutschen Unis in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung. Doch auch hier ist die Entwicklung inzwischen negativ.
Mit der Kürzung von Mitteln ging eine Umstrukturierung der Hochschulbildung einher, die sich besonders in der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen, wie sie auf der EU-Konferenz von Bologna beschlossen wurde, zeigt. Durch ein „verschultes“ System hat die Lehrbelastung weiter zugenommen, was eine sinkende Qualität der Lehre zu Folge hat. Zudem hat sich der Schwerpunkt der unversitären Bildung hin zur Ausbildung verschoben. Die berufliche Qualifizierung steht mehr und mehr im Vordergrund.
Und wie steht es mit der Forschung? Wer mehr lehrt, kann weniger forschen, könnte die Beschreibung lauten. Zwar kann auch dies nicht verallgemeinert werden, doch ist die Situation so oder so verfahren. Nur eine Neusetzung der Prioritäten kann hier helfen. Universitäten wie Bildungspolitiker sollten sich endlich bewusst machen, was sie wollen. Allen Anforderungen wird man nicht gerecht werden können. Würde Wilhelm von Humboldt noch leben, wüsste er sicher, was zu tun wäre.
Geschrieben von Kai Doering