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Ein Nachbericht von Paul Zimansky

In der vergangenen Woche fand in der Turnhalle der Siemensallee 5 eine Informationsveranstaltung für die Anwohner der entstehenden zentralen Geflüchtetenunterkunft in der Greifswalder Stadtrandsiedlung statt. Informieren zwischen Ängsten, Vorurteilen und blanker Hetze.

 Es war ein stimmungsgeladener und brisanter Mittwochabend an diesem 16. Februar 2016 in Greifswald. Eine Demonstration von den selbsternannten (Merkel)-Politikgegnern „Frieden, Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit“ (FFDG) lief durch die Stadtrandsiedlung entlang der Schillerstraße, unweit des Ortes, an dem in den nächsten Monaten über 400 Menschen in einer zentralen Gemeinschaftsunterkunft Schutz und Zuflucht suchen werden, bis zur Siemensallee 5. An diesem Ort, direkt vor der Turnhalle der Beruflichen Schule, hielt die Gruppe „Greifswald für alle“ eine Mahnwache unter dem Motto: „Zusammen wachsen – Greifswald für alle“ ab. Beide Seiten wurden durch die anwesende Polizei getrennt, es ertönen Musik und Reden, während interessierte Anwohnerinnen und Anwohner unmittelbar an beiden Versammlungen vorbei mussten.

Eine Teilnehmerin von der „Greifswald für alle“ – Mahnwache berichtete vor dem Eingang der Turnhalle:

„Eine Dame höheren Alters spuckte mir und meinem Freund, einem Geflüchteten, vor die Füße. Ein anderer sagte im Vorbeigehen: „Nehmt doch Asylanten bei euch auf!“. Als Frau Mignon Schwenke (Die Linke) das Wort ergriff, hörte man von einem älteren, sehr aggressiven Mann: „Nicht alle Menschen wollen die, nicht alle! Warum schützt ihr Vergewaltiger?“  

Die Stimmung war sichtlich angespannt und die Situation unübersichtlich – während vor der Turnhalle für (mehr) Menschlichkeit und Toleranz appelliert wurde, waren auch immer wieder erhitzte Gemüter auf dem Weg zur Informationsveranstaltung, deren Einladung durch die Stadt fast 300 Leute folgten. Am Einlass gab es Kontrollen der zuständigen Security, die (fast) nur Eingeladenen Zutritt gewährte.

Emotionsgeladene und stimmungsmachende Atmosphäre in der Luft

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 Der Oberbürgermeister der Stadt Greifswald, Dr. Stefan Fassbinder, eröffnete die Informationsveranstaltung mit einem Bericht über die Ereignisse der letzten Wochen. Neben ihm sind auch Nadine Hoffmann (Integrationsbeauftragte der Stadt Greifswald), Frau Marika Hinz (Sachgebietsleiterin „Asylbewerberleistungen/Eingliederungshilfe“ des Landkreises Vorpommern-Greifswalds) und Herr Kurt Rabe (ehemals Leiter der Sozialagentur Ostvorpommerns, Beauftragter des Jugendamtes des Landkreises V-G) anwesend, um über die aktuelle Informationslage zu berichten und den Anwesenden bei Fragen Antwort zu leisten.

Den Vorwurf mangelnder Transparenz wies der Oberbürgermeister direkt zu Beginn der Veranstaltung zurück: Die Anwohner hätten zeitig nicht eher informiert werden können. Zum einen aus Sicherheitsgründen der Polizei, denn über einen künftigen Ort für einer neuen Gemeinschaftsunterkunft sollte demnach erst bei einer dementsprechenden geplanten Veranstaltung informiert werden. Zum anderen fanden in den letzten Wochen nach Zuweisung der über 400 Geflüchteten für den Landkreis erst dementsprechende Verhandlungen und Organisationen statt. Die Reaktion einiger Anwesenden ließ nach diesen Worten nicht lange auf sich warten: hämisches Lachen, erste Wutworte und stimmungsaufladende Reaktionen stießen den Verantwortlichen entgegen. Es schien, als würde man diese Aussagen des Oberbürgermeisters nicht glauben oder nicht glauben wollen. Von diesem Moment an trafen Ängste, Vorurteile und Fehlinformationen in einem emotionsgeladenen Bündel  von hämischem Lachen und gemeinschaftlichem Applaudieren zusammen. Eine Anwohnerin verließ sichtbar erschüttert mit den Worten: „Das ist nicht mehr normal.“ neben mir die Turnhalle. Ob sie damit die Verantwortlichen oder die anwesenden Gäste meinte, ließe sich nur mutmaßen. Eins war jedoch klar: hier lag mächtig Ärger in der Luft. Der anwesenden Presse wurde daraufhin durch die Mehrheit der Anwesenden jegliche Anfertigung von Bild, Ton- und Videomaterial untersagt. Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

Zwischen Ängsten, Vorurteilen und Fehlinformationen

In den kommenden, fast 2 Stunden langen Frage- und Antwortrunden, werden etwa 15-20 Rede- und Fragebeiträge durch Anwesende gestellt. Die Schere der Fragen reichte dabei von informativem bishin zu hetzerischem Gehalt. Dabei spielten die Faktoren Angst, Vorurteile und Fehlinformationen eine immer wichtigere Rolle. Im Wesentlichen sind sich viele dabei einig: Sie hätten nichts gegen sogenannte „Asylanten“. Ein Begriff, der in der Vergangenheit durch die neonazistische National-demokratische Partei Deutschlands (NPD) geprägt wurde und immer wieder von (rechter) Bedeutung bei Diskussionen rundum das Thema Asyl- und Migrationspolitik Verwendung findet. Auch hier wurde in einem Großteil der Fragen, Probleme und Aussagen dieser Begriff durch anwesende Anwohnerinnen und Anwohner der Stadtrandsiedlung verwendet. Doch um welche konkreten Belange ging es dabei? Zum einen und wesentlichen Teil eines von Privateigentum dominierenden Stadtteils: um die Gefahr von sinkenden Grundstückspreisen durch die entstehende Gemeinschaftsunterkunft.

Auf die Frage einer Garantie, dass das nicht geschehen würde, konnte Herr Dr. Fassbinder nur eine realistische und logische Antwort geben: niemand könne dies garantieren, da der Grundstücksmarkt von vielen, wie beispielsweise ökonomischen Faktoren, abhängig ist. „Dann lassen sie uns doch lieber Windmühlen bauen!“, schrie eine Anwesende den Verantwortlichen hämisch entgegen, als ein spezielles Beispiel für Grundstückspreisveränderungen genannt wurde. Bezeichnend, wenn die Angst um den Wert von dem privatem Eigentum über der humanitären Pflicht einer Gesellschaft steht. Doch es war und ist nicht nur die Angst um das eigene Hab, sondern auch um das eigene Wohl. Ein älterer Herr stellte eine immer wieder auftauchende und für die Beschreibung des Abend sinnbildliche Frage der Sicherheit der Anwohnerinnen und Anwohner, sowie der Kinder: „Wie sollen unsere Kinder denn jetzt zur Schule gehen? Was passiert denn dann?“ Seine Frage wird, wie fast jede, frenetisch beklatscht. Die Antwort einer der Verantwortlichen war kurz, aber dennoch dem fehlenden inhaltlichen Diskurs auf Augenhöhe bezeichnend:

„Na so wie bis jetzt auch? Ihre Kinder werden weiterhin zur Schule gehen und die Kinder der Flüchtlingsfamilien auch. Die haben doch denselben Weg zur Schule.“

Auch hier erboste und belachte sich ein Großteil der Anwesenden über die Qualität und Quantität der Aussage. Gegenseitig schaukelte man sich hoch. Selbst, als ein Polizeisprecher die Kriminalitätsstatistik aufzeigte und einen immer wieder stimmungsmachend-verwendeten Anstieg von Straftaten in der Nähe von Gemeinschaftsunterkünften, wie beispielsweise in der Spiegelsdorfer Wende, widerlegte, wurde die Angst vor den „Fremden“ und sich den immer wiederkehrenden Vorurteilen bedient. Maßgeblich in puncto Sicherheit die Ereignisse der Silvesternacht von Köln, die des Öfteren als Erklärung hinhalten mussten. Nicht als Argument gegen allgemein sexualisierte Gewalt gegen Frauen, sondern als Argument einer angeblich gefährdeten Sicherheit. Immer wieder mischten sich Ängste, die scheinbare Immunität von Informationen und die damit einhergehenden Vorurteile zusammen, sodass man versuchte, sich selbst vor scheinbar vollendeten Tatsachen zu stellen. So oft Dr. Fassbinder auch darauf hinweisen wollte, dass der Landkreis, dessen Dezernent Dirk Scheer vor der Veranstaltung absagte, und ein privater Vermieter der Brandteichstraße für die Unterbringung zuständig seien, so oft die Kriminalitätsstatistik die unnötige Angst vor Straftaten in der Nähe von Gemeinschaftsunterkünften widerlegte – es wurde frenetisch widersprochen. Auch mit Gesetzestexten, die Frau Hinz zitierte, ließen sich viele Anwohner nicht mehr abholen. Im Gegenteil: es wurde immer wieder hämisch und laut gelacht. Das informative Gespräch auf Augenhöhe und die Möglichkeit, sich individuellen und wichtigen Antworten auf einem vernünftigen Niveau zu stellen, wurde spätestens mit der Aussage:

„Sie sind nicht der Bürgermeister unserer Stadt, sondern der Bürgermeister der Asylanten!“

mit Füßen getreten.

Nebenbei wurde während dieser Veranstaltung vom Bürgerschaftsmitglied und Landtagskandidat der Alternativen für Deutschland (AfD), Herr Kramer (links im Bild, rechts: Fraktionsvorsitzender der AfD, Alexander Gauland) für die anstehenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern ein Unterstützungsschreiben zur Unterzeichnung rumgereicht.

„Wir haben es satt – jetzt ist Ende!“ empörte sich schlussendlich ein Anwesender gegenüber den Verantwortlichen, die sich sichtlich erschrocken von den vergangenen zwei Stunden zeigten. Was und wen er damit meinte bleibt offen, die Botschaft des Abends lässt jedoch keine Zweifel offen: auch in Greifswald gibt es noch viel zu tun.

 

Fotos: Philipp Schulz

Kommentare

  1. freitagfreitag    

    Danke für diesen Bericht. Die Geschehnisse dort und auf vielen anderen Einwohnerversammlungen stehen ja vertretend für eine Grundstimmung in diesem Land. Man hat einfach keine Lust auf Dialog, auf Konsensfindung, auf all das, was eine demokratische Gesellschaft auszeichnen. Lieber ergeht man sich im kollektiven Gepöbel, im Sau-rauslassen, in Häme und Boshaftigkeit. Wie mit solchen Menschen noch eine Gesellschaft zu machen sein soll, ist absolut fraglich. Gefrustet über die eigene Horizontlosigkeit, gepaart mit Nationalismus, der die eigene gefühlte Wertlosigkeit übertünchen soll, drehen viele Leute völlig frei und gefallen sich auch noch dabei. Man fragt sich, warum Ende der 1980er Jahre in der DDR Dinge wie Demokratie und Freiheit erkämpft werden wollten. Ging es doch nur um materielle Besserstellung, um Urlaub auf Teneriffa, um CocaCola und Tiefkühlpizza? Jetzt, bei den ersten Herausforderungen schreien sie plötzlich "Merkel muss weg" und suggerieren damit, sie wüssten es besser. Sorry, aber dass kann ich diesen Dulli-Fratzen aus den Stadtrandsiedlungen der Republik nicht ganz zutrauen. Besser wäre, diese selbsternannten Patrioten würden kapieren, dass sie mal wieder von der Geschichte überholt worden sind. Vielleicht erleben wir gerade auch nur die letzten heftigen Rückzugsgefechte der Engstirnigen und Dummen.

  2. franzfroehlich    

    Ich bin immer wieder erstaunt, was passiert, wenn progressiver Journalismus auf normale Menschen trifft: "Bezeichnend, wenn die Angst um den Wert von dem privatem Eigentum über der humanitären Pflicht einer Gesellschaft steht."
    Aus diesem Satz wird doch genau eins deutlich: Greifswald ist nicht eine Stadt für alle. Es gibt das progressive Greifswald. In diesem Greifswald leben die Studenten, die gerne humanitären Pflichten nachkommen möchten. In diesem Greifswald lebt auch der OB (in Wieck) und andere, die durch Akademikerarbeitsplätze an die Ostsee gelockt wurden. Diese progressiven Leute sehen die Lösung der Flüchtlingskrise als gesamtgesellschaftliche Aufgabe und Diskussionen über die Thematik sollten ihrer Ansicht nach sehr aufgeklärt, informiert und vernünftig sein.
    Dann aber gibt es noch das alte Greifswald. Das ist das Greifswald der Einheimischen. Die Leute, die viele viele Jahre arbeiten müssen um einen Hauskredit abzuzahlen. Die Leute, die sich gerade mit der Nachwendewelt arrangiert haben. Das in einer Region, die deutschlandweit ihres gleichen sucht, was Arbeitslosigkeit betrifft. Diese Leute interessieren sich nicht für die Flüchtlingskrise und wollen vor allem eins: keinen persönlichen Schaden erleiden.
    Warum ist Greifswald nicht eine Stadt für alle? Weil das progressive Greifswald auf das alte Greifswald die Nase rümpfend herabschaut. Anstatt denen, die Ängste haben Lösungen für ihre Probleme anzubieten, wird sich über deren Kleingeistigkeit belustigt. Wisst ihr, wer sich nicht lustig macht? Die AfD. Wenn diese Rattenfänger in Land- und Bundestag einziehen, dann ist auch diese abgehobene Attitüde schuld daran. Denn eines ist auch Fakt. Weder der Autor dieses Artikels noch der Oberbürgermeister stehen vor dem Risiko tausende Euro an Grundstückswert zu verlieren. Aus so einer Lage heraus kann man leicht moralisch sein.
    Wirklich progressiv wäre es, so Politik zu machen, dass auch das alte Greifswald eine Gemeinschaftsunterkunft in ihrer Mitte problemlos akzeptiert. Das ist in den letzten neun Monaten leider nicht geschehen. Hoffentlich passiert das bald.

    1. freitagfreitag    

      Ich finde es nicht richtig, in ein neues und altes Greifswald zu unterscheiden und dabei vielleicht ökonomische Gegebenheiten zum Parameter zu machen. Vielen Studierende und ja, auch akademische MitarbeiterInnen, sind nicht gerade die Wohlhabendsten oder qua Beruf arrogant. Aber um bei dem undiffernzierten Bild zu bleiben: welche Mühe gibt sich denn das "alte Greifswald" auf seine "neuen" zuzugehen. Hat nicht zuletzt die Debatte um den Uni-Namen offenbart, welcher Geist da herrscht und wie unwillkommen hier konträre Meinungen sind, obwohl sie auf demokratischem Boden vorgetragen wurden. Ich finde, man macht es sich ein bisschen sehr einfach, die "alten Greifswalder" immer als arme Opfer dastehen zu lassen, denen hier jeglicher Schneid abgekauft wird. Erst kommen die Wessis und nehmen die Jobs weg, dann kommen die Studis und nehmen den Arndt weg und jetzt kommen noch die Flüchtlinge und versauen die Grundstückspreise.
      Wie die Versammlung da gezeigt hat, gibt es ja auch keine große Lust an Lösungsorientierung, stattdessen ergeht sich das "alte Greifswald" wieder in Rumpöbelei, Unsachlichkeit, Ausgrenzung.
      PS: Humanismus ist keine Frage von der eigenen wirtschaftlichen Stellung!

      1. franzfroehlich    

        Ist das deine Antwort an das "alte Greifswald"? Die sollen weniger jammern und mehr von sich aus humanistisch denken? Tja. Pustekuchen. Nur weil ich mir ganz fest wünsche, dass meine progressiven Ideen auf nährbaren Boden fallen, heißt es noch lange nicht, dass das auch passiert. Wenn man eine linke, humanistische, progressive Idee einer Willkommenskultur etablieren will, dann hilft dafür keine Bürgerschaftsmehrheit. Dafür muss man jeden einzelnen Bürger an der Basis überzeugen. Und Demokratie ist auch irrelevant. Es geht hier nicht darum, dass das gemacht wird, was die Mehrheit will. Es geht darum, dass eine (vielleicht auch recht große) Minderheit unzufrieden mit den lokalen Konsequenzen eines globalen Problems ist. Das erzeugt sozialen Unfrieden. Den gilt es zu bekämpfen, wenn man Greifswald einen will. Wer dabei Schuld ist oder sich zu wenig einbringt zählt dabei aber nicht.
        Die Greifswalder Lokalpolitiker sollten sich bemühen, dass kein dauerhafter sozialer Unfriede entsteht. Sächsische Verhältnisse möchte ich hier nicht haben.

        1. freitagfreitag    

          Mag ja sein, dass eine vielleicht nicht gerade so kleine Minderheit das nicht möchte, aber soll deswegen jetzt die Welt still stehen? Ja, es gibt sozialen Unfrieden, aber dieser wird von dem von dir als "altes Greifswald" deklarierten Klientel stets befeuert. Um es zuzuspitzen: ich halte die ökonomischen Faktoren für vorgeschoben, die eigentliche Ursache ist pure Fremdenfeindlichkeit. Dabei ist erstmal unerheblich, ob die Fremden junge Leute aus Berlin oder Kassel sind, die zum Studieren herkommen oder Familien aus Aleppo und Shamboku, die hier Frieden suchen. Stets wird ein "Wir" und "Die da" erzeugt und das nicht erst, seit die Flüchtlinge kommen. Wer facebook-Gruppen wie "Greifswalder helfen Greifswaldern" o.ä. verfolgt, weiß Bescheid über den ausgrenzenden und missgünstigen Geist, der sich in Teilen der Stadt zusammenbraut. Wer hat denn auf der Demonstration Leuten vor die Füße gespuckt, die eine andere Meinung vertreten? Wer johlt denn hämisch auf Einwohnerversammlungen, wenn Fakten genannt werden? Wer brüllt denn auf Montagsspaziergängen den Gegendemonstranten entgegen, man würde sie am liebsten an die Wand stellen und abknallen? Und auf die Leute, die sich da einreihen, soll man auch noch zugehen, weil eigentlich meinen sie es ja nicht so und machen sich einfach n Kopf um ihre Immobilie? Für mich sind das sehr herbeigeredete Entschuldigungen für einen groben Unwillen, Demokratie anzunehmen und mitzugestalten. "Wir haben es satt – jetzt ist Ende!" Was genau haben sie denn satt? Die schön gemachte Innenstadt, die 1992 noch fast aussah wie Kobane heute? Oder die Möglichkeit, überall zu arbeiten, zu leben, zu reisen, ist damit jetzt Ende? Satt von der Freiheit allgemein?
          Und doch, es zählt, wer sich einbringt. So funktioniert eine Demokratie, eine offene Gesellschaft. Das mögen jene, die Hand in Hand mit Neonazis demonstrieren, bestreiten, deswegen wird es nicht richtiger. Wie willst du "jeden einzelnen Bürger an der Basis" überzeugen, wenn der schon längst sein Urteil gefällt hat und die Möglichkeit zur Partizipation nur noch dafür nutzt, rumzukeifen und destruktiv zu sein?

        2. franzfroehlich    

          Ganz ehrlich: ich weiß nicht, wie ich die Leute überzeugen soll. Ist werde mich daran auch nicht abarbeiten. Ich bin 3 Jahren eh fort und lebe dann vermutlich in Hamburg, München oder Frankfurt.
          Wenn du meinst, dass jeder, der sich wegen der Gemeinschaftsunterkunft sorgt, bei der FFDG mitmacht, dann kannst du damit recht haben. Vielleicht aber auch nicht. Sicherlich gibt es einen Teil der Leute, die immer FFDG/NPD/AfD-Klientel bleiben werden. Aber unter den Leuten, die sich gerade Sorgen machen, sind auch Menschen aus der "Mitte der Gesellschaft", die sich übergangen fühlen. Die modernen Versprechen der Transparenz und der Mitbestimmung gelten plötzlich nicht mehr so, wie das letztes Jahr noch klang. Das frustriert vielleicht auch und dann fühlt sich der ein oder andere hilflos. Und einige nutzen diese Hilflosigkeit aus, um Hetze gegen Flüchtlinge zu betreiben. Was ist die Antwort darauf? Alle in einen Topf schmeißen und ihnen vorwerfen, dass sie nicht demokratisch sind? Das wird nicht helfen.

          Zur Fremdenfeindlichkeit. Mag sein. Mag sein, dass die Menschen der Region hier besonders fremdenfeindlich sind. Was man konstatieren kann, ist, dass sich in den letzten 27 Jahren die Bevölkerungsstruktur Greifswalds massiv gewandelt hat. Das hatte zur Folge, dass diejenigen, die 1989 schon da waren, ihre Interessen logischerweise weniger vertreten sehen.
          Wechseln wir den Ort. Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost. Die Leute, die da heute leben sind eher grün-alternativ. Wenn sich jetzt bis 2040 die Bevölkerungszusammensetzung massiv verschieben würde und sich nur noch BWLer und Juristen dort ansiedeln würden, die allesamt die FDP wählen, wie würde die Bevölkerung von 2016 das wohl finden? Meinst du, dass diese Leute die Juppies mit warmen Herzen in ihrer Mitte begrüßen würden, oder würden sie den Fremden gegenüber feindlich sein?
          Ich denke, dass Fremdenfeindlichkeit nicht nur ein Problem ist, sondern auch ein Symptom tiefer liegender Probleme sein kann.
          Wie wollen wir also mit der Sache umgehen? Wie soll Greifswald zusammenwachsen?

        3. freitagfreitag    

          Geht mir ja ganz ähnlich, auch mein Aufenthalt hier ist endlich und ich kann die Frage, wie man die Leute zu einem Umdenken bewegen soll auch nicht abschließend beantworten. Wie bei so vielen herrscht auch bei mir dieser Tage häufig ein Gefühl von Hilflosigkeit vor in die sich eine gehörige Portion Wut mischt. Aber ja, auch diese Mischung kann Sand in die Augen streuen. Alle in einen Topf zu werfen wäre fatal und letztlich der gleiche move, den die FFDGisten und andere zu ihrem täglich Brot gemacht haben. Auch aus manchem anfänglichen Pöbler kann unter Umständen ein guter Nachbar werden, selbst in den verschriensten Gegenden dieses Landstrichs gibt es Menschen, die helfen wollen und die offen sind für Neues. Natürlich gehen große Veränderungen immer mit Problemen einher, von denen einige heftige Bauchschmerzen verursachen, das ist in der Siemensallee nicht anders als in der Schönhauser Allee. Doch wie ein trotziges Kind mit dem Bein aufzustampfen, andere anzustacheln, Ängste zu schüren und billigste Vorurteile zu bedienen, das wird den Lauf der Zeit nicht aufhalten. Damit schüchtert man nur die ärmsten Schweine ein, die hier auf ein Stück würdiges Leben hoffen, man erniedrigt die Prinzipien von Demokratie und Rechtsstaat und macht sich damit zum Handlanger der Nazis. Wie ein Zusammenwachsen zu schaffen ist? Ich denke, auch dafür gibt es – wie so oft – keine einfachen Lösungen. Begegnung kann viel bewirken. Kennenlernen. Professionelle Unterstützung für jene, die sich engagieren und aufopfern. Wertschätzung. Und viel viel viel Geduld. Man kann nicht erwarten, dass nach einigen Monaten oder Jahren die Gemüter beruhigt sind und hier Durchmischung von jetzt auf gleich gut gelingt. Solche Prozesse dauern einfach ihre Zeit und das sollte man aushalten können. Zwischenzeitlich wäre es vermutlich zuträglich, die lautesten Pöbler und Schreihälse auf smarte Art und Weise aus dem Spiel zu nehmen. Und irgendwie eine Pille gegen kollektives Selbstmitleid zu entwickeln… 😉

  3. freitagfreitag    

    Gespräch zwischen zwei Frauen mittleren Alters heute Morgen in der Regionalbahn:
    "Du, die Beate aus Wolgast, die hat mir erzählt, eine Freundin von ihr war letzte Woche im Lidl einkaufen und da waren auch so ein paar von denen. Und dann sieht die doch, wie die Frauen mit drei vollen Einkaufskörben einfach an der Kasse vorbeigehen, ohne zu bezahlen. Die Freundin vonna Beate hat dann die Kassiererin gefragt, was das soll und die sächt nur: 'Wir dürfen da nix sagen, wir dürfen nix sagen.' Naja, sächt die Freundin vonna Beate 'Na dann geh ich jetzt auch einfach durch und bezahl' nich.' 'Nee', sächt die Kassiererin, 'das dürfen Sie nich.' DAS MUSS MAN SICH MAL VORSTELLEN! Und dann wundern se sich noch, dass die Rechten…"
    Auch hier wieder ein Abbild dessen, was Großteil des Problems ist: Denkfaulheit und rassistische Selbstvergewisserung. Lieber glaubt man irgendwelche Geschichten (seien sie noch so abstrus), die die eigenen Vorbehalte untermauern, statt sich mal ein paar Fragen zu stellen. Warum kommen immer die gleichen Geschichten aus Supermärkten in Torgelow, Burg Stargard, Anklam, Wolgast? Wieso kommen die Schilderungen dazu immer aus zweiter, dritter, vierter Hand? Warum spielen die Konzerne und Supermarktketten da angeblich einfach so mit? Wieso klauen Flüchtlinge in Supermärkten, wo sie doch "eh alles in den A*sch gesteckt bekommen"? Wieso gehen die Gegendarstellungen von Inhabern oder Polizei immer so klanglos unter?
    Es offenbart sich ein eklatanter Mangel an Reflexions- und Medienkompetenz. Klar, es ist ja auch schneller auf "Teilen" geklickt, als mal kurz zu überlegen oder nachzufragen. Wahrheiten werden generiert, indem man das Bild eines x-beliebigen Regierungsmitglieds nimmt, es mit einer x-beliebigen Aussage kombiniert und diese Halbwahrheiten im Meme-Gewand durch die sozialen Netzwerke jagt. Und schon kann der lustige Empörungsreigen weitergehen.

    Dazu auch: https://www.tagesschau.de/inland/fluechtlinge-ger

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