„Nichts wie weg aus Greifswald?!“ – ZEIT CAMPUS Dialog am 3. November

Geschrieben von | Veröffentlicht am 29. Oktober 2009 um 15:30 Uhr
Kategorien: Top-Themen, Universität

ZEIT CAMPUS und die Universität Greifswald veranstalten am 3. November eine Podiumsdebatte zur Abwanderung von Akademikern aus strukturschwachen Landstrichen.  Dieser Artikel von Arik Platzek erschien bereits am vergangenen Mittwoch in der Ostseezeitung und wurde uns dankenswerterweise zur Verfügung gestellt.

Über zehn Prozent der Bevölkerung hat Mecklenburg-Vorpommern in weniger als 20 Jahren verloren. Zwar steigt in Greifswald die Zahl der jungen Akademiker, aber die meisten verlassen wieder die Stadt. Nun wird darum gestritten, ob und warum sich das Bleiben lohnt.

„Wenn ich hier nicht meine Familie hätte, wäre ich auch schon weg.“ So lautet das Fazit der Geographie-Absolventin Eva L. (30). Sie findet aber: „Greifswald ist kinder- und familienfreundlich.“ Mit den Krippenplätzen für ihre Kinder (3 und 1 Jahr alt) hatte sie keine Probleme und auch Großstadtluft lockt sie nicht. Bis vor kurzem hat sie an der Uni gearbeitet, aber das Projekt ist beendet und ihre Stelle damit futsch. Die gebürtige Regensburgerin schließt mit den Worten: „Die Jobsituation ist leider echt ein Problem.“

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AStA-Referent Björn Reichel: "Hier gibt es nach dem Abschluss keine Perspektive."

Den Berliner Björn Reichel (25) zieht es ebenfalls aus Greifswald fort. „Hier gibt es nach dem Abschluss keine Perspektive auf eine vernünftige Arbeitsstelle. Aus purem Idealismus bleibt niemand hier“, meint der Jura-Student. Er ist Teilnehmer des ZEIT Campus Dialogs, der am 3. November 2009 um 18 Uhr in der Aula der Universität stattfindet und ist skeptisch gegenüber einem Erfolg bei der Werbung von Absolventen für die Region.

Björn Reichel betont, dass Mecklenburg-Vorpommern eine Konvergenzregion ist. Was bedeutet, dass es auf eine hohe EU-Förderung angewiesen sei, wie sie sonst fast nur osteuropäische Staaten erhalten. Seiner Überzeugung nach wird der Bevölkerungsschwund anhalten. „Wenn Menschen in Greifswald bleiben, dann nur wegen der Universität“, meint er und bezweifelt, ob die EU-Förderung genügend Früchte trägt. Auch die A20 sei ein wirtschaftlicher Fehlschlag, denn sie hat zwar Touristen aber keine Unternehmen ins Bundesland geholt: „Von ihr profitieren vor allem Pendler, die in Hamburg oder Berlin arbeiten.“ Als Ursachen für den Weggang sieht er den schlechten Arbeitsmarkt, fehlende Tarifangleichung und eine nachteilige Infrastruktur.

Anders die Studentin Juliane Hille: Die zweite studentische Teilnehmerin am ZEIT Campus Dialog hält die Gegenmeinung und will für den Nordosten kein schwarzes Zukunftsbild malen. „Die Region bietet unheimlich viele Chancen“, findet sie. Bei regenerativen Energietechnologien hätte Mecklenburg-Vorpommern viel Potential. Und auch im Rahmen der politischen Ost-Erweiterung sei Greifswald ein gutes Sprungbrett. Und meint: „Die Metropolen wie Berlin oder Hamburg mögen karrierefreundlich sein, aber Greifswald ist familienfreundlich.“ Juliane Hille schätzt auch, dass die Atmosphäre im Norden emanzipierter als im Südwesten Deutschlands sei: „Ich glaube, das kommt wohl aus der DDR.“

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AStA-Referentin Juliana Hille: "Greifswald ist für mich eine Kulturhauptstadt"

Um Absolventen hier zu halten, hält sie ein besseres Netzwerk mit Unternehmen und eine Kooperation mit Großstädten für erforderlich. Außerdem bräuchte es eine stärkere Ausrichtung der Universität auf Studierende mit Kind: „Man sollte sich immer für beides entscheiden können.“ Auch schon im Studium darf niemand das Gefühl bekommen, „außer studieren geht hier oben nichts“, und meint damit vor allem die Verknüpfung von Greifswald mit seinem Umland. Das städtische Kulturangebot beurteilt sie sehr positiv: „Gemessen an den vielen Angeboten pro Person ist Greifswald für mich eine Kulturhauptstadt.“

Prof. Michael Herbst, Prorektor der Universität und Begrüßungsredner des ZEIT Campus Dialogs, sieht aber auch Chancen für Greifswald, wenn Absolventen die Stadt verlassen: „Sie bringen den guten Ruf von Stadt und Universität ins Land hinaus und sorgen dafür, dass wiederum junge Leute ihr Studium in Greifswald absolvieren.“ Jemanden zum Hierbleiben zu bewegen, sei keine leichte Aufgabe. „Bleiben wird, wer Aussicht auf interessante berufliche Tätigkeiten bekommt und sieht, dass auch die anderen Faktoren stimmen. Bleiben wird, wer spürt, dass er hier etwas bewegen kann.“ Und wenn Absolventinnen und Absolventen das wollten, seien sie in Greifswald auch richtig. Ähnlich sieht es Juliane Hille: „Wichtig ist, dass jemand Verantwortung übernehmen möchte.“

Es gibt aber auch Schwierigkeiten, welche die Politik nicht lösen kann. Denn Greifswalds geringe Größe und ein dünn besiedeltes Bundesland führen zu Problemen, die eine Studentin im 7. Semester anspricht: „Hier gibt es zu wenig patente Männer. Die paar, mit denen man etwas anfangen könnte, sind gebunden oder nach ihrem Studium in Greifswald schon zu bekannt.“ Sie zieht es deshalb später in Gegenden, in denen einfach mehr Menschen leben.

Bilder:

Fotos Hille und Reichel – Arik Platzek

Ortsausgang (Startseite) – Gabriel Kords

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14 Kommentare zu “„Nichts wie weg aus Greifswald?!“ – ZEIT CAMPUS Dialog am 3. November”

  1. Disco sagt:

    Um junge Leute hier zu halten, sollte die Stadt vielleicht mal ihre kulturfeindliche Einstellung überdenken. Wenn die Polizei beispielsweise lieber mit 10 Beamten Parties räumt und jeden wie einen Schwerverbrecher jagt, der ein Paste-up anbringt, statt sich um den nationalen Widerstand oder die Misshandlung von Kindern zu kümmern, komm ich schon ins Grübeln, ob das nicht gewollte Schikane ist.
    Aber zum Glück ist ja genug Potential und Energie da, wird also -entgegen jeden intoleranten Spießbürgertums- weitergehn!

  2. wäh? sagt:

    alta wenn du dich beim taggen dumm anstellst is dat dein problem!

  3. disco sagt:

    taggen? wer redet von taggen?

    Denken hilft! (manchmal auch nachdenken)

    PS. deine Tags will ich ma sehn…. obwohl, lieber doch nicht! toyshit!

  4. Chris_Zens sagt:

    Raus aus Greifswald? Aber ja!

    1.)Welche Option bietet diese Stadt?
    2.)Was wird dafür getan, dass Studenten, die ihr Studium beendet haben hier verbleiben?

    Zu 1.): Gibt es in Greifswald eine Option, gibt es etwas für das es sich zu bleiben lohnt? Man verstehe mich nicht falsch aber wenn es etwas geben sollte, dass Absolventen der Uni eine Option für die Zukunft in Greifswald gibt, dann sollte man es mir zeigen. Außer der Tätigkeit an der Universität gibt es keine Optionen. Es mag ja richtig sein, dass diese Stadt kinderfreundlich ist aber Karrierefreundlich ist sie nicht.

    Zu 2.) Wird überhaupt etwas getan, damit Studenten nach ihrem Abschluss hierbleiben? Ich lebe seit über 3 Jahren hier und ich muss leider sagen: Nein! Sein wir doch mal ehrlich; das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern schafft es doch nicht einmal genügend Lehrer für das eigene Bundesland auszubilden, geschweige denn den Großteil der Ausgebildeten hier zu halten. Woran liegt das? Natürlich an den Gehältern und an den Lebensbedingungen. Man sollte sich fragen, wo der Aufschrei der SPD-geführten Regierung nach einer Angleichung der Löhne auf West-Niveau bleibt. Gerecht ist es nicht, dass man für den selben Job weniger Geld bekommt als jemand anderes. Was sollte also einen Akademiker hier in Greifswald halten?

    Ein anderer Punkt, wegen dem ich meine Kinder nicht in Greifswald aufwachsen lassen würde ist einfach das selbstverständnis der Greifswalder. Die "greifswalder Mentalität" ist ein Thema über das man hier sprechen muss, die meisten Greifswalder Geschäfte etc. erfüllen im Umgang mit Kunden vollkommen einen gewissen "Dorfcharakter". Das heißt, dass ohne Angabe von Alter z. B. Alkohol verkauft wird(sogar an 12-Jährige, das habe ich selbst miterlebt). Wie es mit dem Drogenhandel in Greifswald steht wage ich mich nicht zu beurteilen, ich weiß nur, dass jeder der etwas haben will es auch bekommt…
    Das sind durchaus Gründe genug die Stadt zu verlassen, vorallem wenn man plant eine Familie zu gründen.

    P.S.:

    • Wissender sagt:

      3.) Was unternehmen Studenten, um hier zu bleiben?

      Zu 3.) Sich in ein gemachtes Nest zu setzen ist immer einfacher als selbst aktiv zu werden und an den vermeintlichen Bedingungen etwas zu verändern. Auch Studenten sind ein Teil der Gesellschaft vor Ort und sollten sich entsprechend einbringen, insbesondere als Akademiker.

  5. Disco sagt:

    Wieso soll mein Kommentar off-topic sein? Genauso gut könnte man dein Kommentar löschen unter Hinweis darauf, dass du eh nur Dinge wiederholst, die im Artikel schon genannt sind.
    Für mich spielt eben – neben der beruflichen Perspektive und den Bedingungen für junge Familien – Kultur in all ihren Formen eine ebenso wichtige Rolle für die Attraktivität einer Stadt. Und damit meine ich dann eben nicht nur Ausstellungen im Pommerschen Landesmuseum und eine mittelmäßige Stadtbibliothek.
    Der Verkauf von Alkohol an Minderjährige oder die Verfügbarkeit von Drogen ist auch kein Greifswald spezifisches Problem. Zurück nach Berlin, weil es dort keine Drogen zu kaufen gibt? lol!

  6. Klaus sagt:

    Die Studenten die sich hier in Greifswald politisch engagieren und es wagen eine andere Meinung als die der CDU zu vertreten (Stichwort Arndt Debatte), sollen doch "aus der Stadt gejagt werden"…

    Also ich sehe in einem solchen Umfeld wirklich keine Möglichkeit hier zu bleiben. Man stelle sich mal vor, wir hätten in Berlin Kreuzberg einen Ernst Moritz Arndt Kindergarten. Ich glaube niemand würde auf die Idee kommen die Leute, die darüber diskutieren wollen, zu verjagen?!

    • zorro sagt:

      Ich muss Klaus zustimmen. (ohne jetzt auch noch unter diesem Artikel eine ausufernde politische Diskussion aufmachen zu wollen!!)
      Anhand der Reaktionen auf Debatten, die von der Studierendenschaft getragen werden und der übrigen Greifswalder Bevölkerung scheinbar nicht so in den Kram passen, kann man schon das Gefühl kriegen, hier nicht wirklich willkommen zu sein. Aber was wäre Greifswald ohne die Universität? Und was wäre die Universität ohne mündige und selbstständig denkende junge Menschen?

  7. Martin sagt:

    Schön – diese konstruierten Problemstellungen… Auf die manchmal sogar geniale Ergüsse folgen:

    "Die "greifswalder Mentalität" ist ein Thema über das man hier sprechen muss, die meisten Greifswalder Geschäfte etc. erfüllen im Umgang mit Kunden vollkommen einen gewissen "Dorfcharakter". Das heißt, dass ohne Angabe von Alter z. B. Alkohol verkauft wird(sogar an 12-Jährige, das habe ich selbst miterlebt). Wie es mit dem Drogenhandel in Greifswald steht wage ich mich nicht zu beurteilen, ich weiß nur, dass jeder der etwas haben will es auch bekommt…"

    Erstsemester? Oder nichts dazu gelernt seitdem? Geh mal raus und mach die Augen auf.
    Oder tatsächlich ab nach Berlin, Frankfurt, Dortmund, Hamburg… da gibts wenigstens keinen Alkohol für 12jährige oder gar die bösenbösen Drogen… Ich kenn mich zwar gar nicht aus, sach aber trotzdem was… so, jetzt muss ich aber weiter meine B***ZEITUNG lesen…

  8. [...] gerade mal 30 Kommilitonen und eine handvoll weiterer Besucher im Raum sind. Diese Scham war bei der ZEIT-Diskussion am Dienstag aber eher unangebracht – der mäßige Besuch war der Veranstaltung durchaus [...]

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