Ein Baum für meine Uni

Ein Baum für meine Uni

Sonntagmorgen in Eldena. Es ist erstaunlich warm für Ende Oktober, die Sonne scheint. Am Rand einer Streuobstwiese sind einige Fahrräder geparkt. Nur sehen kann man niemanden. Hier sieht man nicht den Wald, sondern die Menschen vor lauter Bäumen nicht. Allerdings nicht vor lauter Obstbäumen, wie man meinen sollte. In Wahrheit steht die Gruppe zwischen den Überresten einer Christbaumplantage. 16 Menschen sind hier zusammengekommen, um ein letztes Mal zu pflanzen – Obstbäume versteht sich, keine Tannen. Der ökologische Wert ersterer ist schließlich deutlich höher. Aber bevor wir uns mit der Frage beschäftigen, was und wie hier gepflanzt wird, sollten wir erst einmal das Warum klären.

Die Unistreuobstwiese am Elisenhain ist Teil des Projekts „Ein Baum für meine Uni“. Ursprünglich aus der Projektstelle für eine CO2-neutrale Uni heraus entstanden, sollte Studierenden damit die Möglichkeit gegeben werden, über Spenden verschiedene Baumpatenschaften zu übernehmen. Der tatsächliche Unterstützer*innenkreis ist jedoch sehr viel diverser: Neben den Studierenden besteht er unter anderem aus Anwohner*innen und Menschen, die eine persönliche Verbindung nach Greifswald haben. Dank ihnen konnte unter dem Motto „Zukunftswald“ in Hanshagen ein Unterstand aus heimischen Buchen unter Douglasien gepflanzt werden, mit der „Greifenweisheit“ wurden alte Bäume im Elisenhain als zusätzliche Habitatbäume unter Schutz gestellt.

Vor allem aber wurde besagte Christbaumplantage Stück für Stück in eine Streuobstwiese verwandelt. Seit 2015 wurden hier regelmäßig alte Obstgehölze gepflanzt, pro Jahr zwischen 15 und 20 Bäume. Inzwischen ist die Wiese gut gefüllt, vor allem mit vielen Apfelsorten, aber auch mit Birnen, Zwetschgen und Kirschen, insgesamt über 100 Sorten. Noch sind sie jung und tragen nicht viel, in einigen Jahren wird das aber ganz anders aussehen, hofft Tobias Scharnweber vom Institut für Botanik und Landschaftsökologie. Dann könnten Studierende hier Obst ernten, man könnte einen Mosttag veranstalten, vielleicht einen eigenen Uni-Saft herstellen – Ideen gibt es viele. Bis es so weit ist, stehen aber erst einmal andere Sachen an. Zum Beispiel müssen die restlichen Tannen gefällt werden, damit die Obstbäume überhaupt richtig wachsen können. Im Moment wird auch noch ein Schäfer zur Beweidung der Fläche gesucht – bisher wird hier gemäht. Eventuell könnte man auch den Artenreichtum der Wiese aufnehmen. In den Streuobstwiesen Deutschlands gibt es weit über 5000 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten, da wäre es natürlich eine interessante Frage, wie viele davon sich in Greifswald ansiedeln.

Auch mit den Pflanzungen muss nicht zwangsläufig Schluss sein, nur weil die Wiese jetzt voll ist. Scharnweber hält bereits Ausschau nach weiteren Flächen. Dort könnten dann neue Streuobstwiesen entstehen – oder auch ein Studierendenwald durch Erstaufforstung von Grünland oder Acker. Möglich ist vieles, solange sich ein Platz dafür findet.

Einen Platz gefunden haben nach anderthalb Stunden auch die zwölf Bäume der letzten Pflanzung. Sorgsam wurden sie eingegraben und mit Wasser und Mist versorgt. Jetzt sitzen alle gemütlich am Lagerfeuer, zufrieden mit der geleisteten Arbeit. Vor einigen Teilnehmenden liegen frisch geerntete Äpfel aus früheren Pflanzungen – ein kleiner Ausblick darauf, was hoffentlich einmal kommt.

Beitragsbilder: Inti Emilio Wackwitz

Es lebe der Neue Friedhof!

Es lebe der Neue Friedhof!

Friedhöfe verbindet man vor allem mit einer Sache – mit dem Tod. Doch wenn man einmal genauer hinsieht, bemerkt man, wie viel Leben in so einem Ort steckt. Genau das habe ich bei einer Führung auf dem Neuen Friedhof getan.

Wobei von neu heute eigentlich auch nicht mehr die Rede sein kann. Der Friedhof in der Fettenvorstadt wurde 1864 eröffnet, da auf dem Alten Friedhof nicht mehr genug Platz war. Und Platz brauchte man damals – so viel, dass der Friedhof mehrmals erweitert werden musste, bis die heutige Größe von 23,1 Hektar erreicht war. Die Vorhaben, noch die in Richtung Wackerow angrenzenden Ryckwiesen zu integrieren, wurden dann nicht mehr umgesetzt. Zum Glück, meint Jens Niebuhr, der für den Friedhof zuständige Gärtnermeister. Er hat so schon genug zu tun. Und Platz ist heute ohnehin im Überfluss vorhanden. Nicht, dass weniger Menschen sterben würden, es ist nur so, dass sich die Vorlieben geändert haben: Statt einzelnen Gräbern werden oft Urnenplätze in Gemeinschaftsanlagen gewählt, die sind einfacher zu pflegen. Für den Friedhof ein echtes Problem: Hier steht das einzige Krematorium Vorpommerns. Kein Wunder also, dass dort gerade zur Weihnachtszeit Hochbetrieb herrscht, wenn besonders viele alte Menschen sterben.

Viele Bäume und Sträucher sind inzwischen mit Hinweistafeln gekennzeichnet.

Nun sollte in diesem Text ja eigentlich mehr vom Leben als vom Tod die Rede sein. Auch davon ist hier reichlich vorhanden, wie in fast jedem Park – denn das ist ein Friedhof ja im Grunde genommen. Dieser ist sogar ein ganz besonderer: Das Gelände ist wie die Gebäude denkmalgeschützt. Das bedeutet für Niebuhr, dass er sich in vielem daran orientieren muss, wie der Friedhof früher einmal aussah. Hier war eine Säuleneichenallee? Dann muss da wieder eine hin! Diese Buchsbäume standen schon auf den alten Fotos vorm Krematorium? Dann müssen sie auch dort bleiben! Einen gewissen Gestaltungsspielraum hat er aber doch, und so kommt es, dass es eine erstaunliche Vielfalt an Bäumen und Sträuchern zu entdecken gibt. Pflanzen wie Urweltmammutbaum und Strauchkastanie, teils eine Art Reisemitbringsel, teils vom Arboretum gestiftet. Ähnlich wie dort sind viele davon mit Namenstafeln versehen – ein Projekt Niebuhrs, daraus soll einmal ein Lehrpfad werden. Es sei ihm wichtig, den Menschen ein Auge für die Natur des Friedhofs zu öffnen, meint er. Daher wird auch im Schaukasten monatlich ein Baum vorgestellt, daneben sind Vogelzeichnungen einer Mitarbeiterin zu sehen.

Und tatsächlich, wenn man einmal darauf achtet, dann hört man Vögel zwitschern, sieht man Libellen fliegen und Pilze wachsen. Warum sich nicht mit ihnen auf einem Friedhof beschäftigen? Das Angebot ist schließlich da. Bis zu einem gewissen Punkt zumindest. Denn längst nicht alle besonderen Bäume haben ein Schild bekommen. Aus gutem Grund: Es soll bloß niemand auf die Idee kommen, es könne sich hier um etwas Besonderes handeln. Dann kann es nämlich passieren, dass die Pflanzen ganz schnell verschwunden sind. Einen Strauch musste Niebuhr drei Mal pflanzen – beim dritten Mal bekam er eine Bodenverankerung. Den kann so leicht keine*r mehr ausgraben. Irgendwie bestürzend zu hören, dass solche Maßnahmen nötig sind. Die Fichten im hinteren Teil des Friedhofs werden teilweise absichtlich asymmetrisch geschnitten – nicht etwa von Friedhofsschänder*innen, sondern vom Gartenteam. Ansonsten bestünde die Gefahr, dass Menschen sie als Christbäume mitnehmen.

Wenn Niebuhr solche Geschichten erzählt, wirkt er verärgert bis resigniert. Man macht schon einiges mit, wenn man sich um so einen Friedhof kümmert. Viele Geschichten sind aber auch einfach nur unterhaltsam. Einmal hat er in einem Behälter für verrottbare Abfälle einen Schuhkarton gefunden. Darin: Ein toter Hamster. Niebuhr lacht. „Wenigstens wurde hier richtig getrennt“.

Zwei Dinge haben all diese Erzählungen gemeinsam: Es sind Geschichten für die Lebenden. Und sie sorgen dafür, dass es hier garantiert nicht langweilig wird.

Beitragsbilder: Nora Stoll