Synchronität ist institutionalisiert; wer aus dem Raster fällt, wird als Störfaktor betrachtet. Der moderne Mensch lebt in einer Welt, die Gleichförmigkeit zum Ideal erhoben hat. Dabei ist der Mensch kein normiertes Wesen. Biologische, soziale und kognitive Varianz ist seit jeher Teil der biologischen und kulturellen Entwicklung.

Wie funktional solche Unterschiede sein können, zeigt zumindest ein Blick auf heutige Jäger- und Sammler-Kontexte. Der Mensch ist weder das stärkste Lebewesen noch das größte. Weder riecht er besonders gut, noch hat er das beste Gehör. Und auch die Nachtsicht ist nicht besonders ausgeprägt. Wer sich schon einmal die Frage gestellt hat, wie es sein kann, dass der Mensch, lange bevor er sesshaft wurde, nicht bereits des Nachts den zumeist nachtaktiven Raubtieren vollständig zum Opfer gefallen ist, bekommt hier eine mögliche Antwort auf die Frage.

Synchronität wider die biologische Uhr

In einer 2017 erschienenen Studie wurde das Schlafmuster von 33 erwachsenen Angehörigen der Hadza untersucht, einer indigenen Gruppe aus Tansania, deren Lebensweise bis heute stark von Jagd und Sammeln geprägt ist. Dabei wurde festgestellt, dass die unterschiedlichen Chronotypen, also vereinfacht gesagt die Spanne zwischen Morgen- und Nachtmenschen, dazu führen, dass es unter den gemessenen Personen nur eine Zeitspanne von 18 Minuten gab, in der alle untersuchten Personen als schlafend klassifiziert wurden. Während die einen besonders früh schlafen, sind andere besonders lange wach, was dazu führt, dass zu fast jeder Zeit auch ohne Nachtwache Wachheit und potenzielle Reaktionsfähigkeit in der Gruppe vorhanden ist.1

Betrachtet man diese Unterschiede und vergleicht sie mit der heutigen Zeit, drängt sich einem unweigerlich die Frage auf, wie gesund unsere erzwungene Synchronität, von der Schul- bis zur Arbeitswelt, für den Einzelnen wie für die Gesellschaft als Ganzes sein kann. Studien, die bei Schichtarbeitenden durchgeführt wurden, zeigen dabei, dass eine Fehlanpassung an den zirkadianen Rhythmus das Risiko für viele der heutigen Krankheitsbilder erhöhen kann. Hierbei werden unter anderem Stoffwechselerkrankungen wie Adipositas und Diabetes genannt sowie Bluthochdruck und Entzündungen im Körper, welche Herz-Kreislauf-Risiken erhöhen.2
Auch wird in vielen Studien von einem ‚Social Jetlag‘ gesprochen; wer unter der Woche gegen seinen eigenen Chronotyp arbeitet, beispielsweise durch frühes Aufstehen, ist übermüdet, geht am Wochenende wieder später schlafen und steht später auf. Dadurch fühlt sich Montag wie ein ‚Mini-Jetlag‘ an.3

Das Prinzip reicht jedoch über Schlaf hinaus: Auch andere Formen menschlicher Varianz werden heute vor allem sichtbar, wenn sie mit institutionellen Normalformen kollidieren. In den letzten Jahrzehnten sind Diagnosen wie ADHS oder Autismus häufiger geworden. Entgegen mancher populärer Verkürzungen, die Autismus vor allem als Folge äußerer Schädigungen oder moderner Umweltfaktoren deuten, gibt es auch evolutionäre Erklärungsansätze, nach denen bestimmte autistische Merkmalsprofile nicht bloß als Defizit, sondern als Teil menschlicher kognitiver Varianz verstanden werden können.4 Detailfokus, Spezialwissen oder technische
Präzision waren oft Motoren für die technologische und kulturelle Entwicklung des Menschen. Weiterhin wird die Stigmatisierung als Krankheitsbild auch dadurch aufgebrochen, dass heute vermehrt auch im Erwachsenenalter Diagnosen ausgesprochen werden, bei Menschen, die gelernt haben, die typischen Auffälligkeiten zu maskieren. Hier sind besonders Frauen und Mädchen betroffen.5; 6

Das Gleiche gilt für ADHS, welches ebenfalls als diagnostische Störung geführt wird. Bei der kenianischen Bevölkerungsgruppe der Ariaal wurde in einer Studie verglichen, wie sich eine mit ADHS-assoziierten Merkmalen in Verbindung gebrachte Genvariante bei nomadisch lebenden und sesshaft gewordenen Männern auswirkt. Dabei zeigten sich Unterschiede im Ernährungs- und Körperstatus: In der sesshaften Gruppe schnitten Träger dieser Variante etwa beim BMI (Body Mass Index) ungünstiger ab, während derselbe genetische Faktor im nomadischen Kontext offenbar weniger nachteilig oder sogar funktional eingebettet war.7 Auch hier spricht einiges dafür, dass unsere moderne Lebensweise zum Teil unserer Biologie widerspricht und Krankheitsbilder begünstigen kann. Weiterhin führt eine andere Studie die Theorie ins Feld, dass diese Individuen durch verstärktes exploratives Verhalten eine wichtige Funktion innerhalb von Gruppen erfüllt haben, als Tester und Grenzgänger.8

Die Kosten der Anpassung

Viele dieser Beispiele zeigen, dass menschliche Varianz nicht automatisch ein Defekt ist. Viele dieser Merkmale könnten in der Evolution der Menschheit funktionale Rollen gespielt haben, welche uns möglicherweise erst zu dem Punkt gebracht haben, an dem wir heute sind. Heute werden viele dieser Varianzen jedoch vor allem als dysfunktional wahrgenommen. Somit sollten wir
uns an dem Punkt die Frage stellen: Wenn Individuen in einem System dysfunktional erscheinen, ist das Problem das Individuum, oder ist es unsere Lebensweise, die uns zunehmend von unserer evolutionären Ausgangslage und damit von uns selbst entfremdet?
Ist es korrekt, den natürlichen Bewegungsdrang von Kindern in 20-Minuten-Pausen zu pressen oder jedem Menschen dieselbe soziale Zeitstruktur aufzuzwingen? Wenn wir uns die sogenannten ‚Zivilisationskrankheiten‘ anschauen und den Anstieg derselben betrachten, drängt sich einem eine gewisse Absurdität in der Ignoranz gegenüber dieser Problematik auf.

Damit wird Gesundheitspolitik jedoch schnell paradox: Sie behandelt zunehmend die Folgen einer Lebensweise, deren Grundstruktur kaum infrage gestellt wird. Wenn Schlafrhythmen, Bewegungsbedürfnisse, neurokognitive Varianz und soziale Zeitordnungen systematisch gegeneinander arbeiten, entstehen Kosten nicht nur durch individuelle Erkrankungen, sondern auch durch institutionelle Normalitätsannahmen. Betrachtet man zudem die aktuellen politischen Debatten in Deutschland zu der finanziellen und strukturellen Überlastung in unserem Gesundheitssystem, stellt sich die Frage, ob der Mensch heutzutage noch als Teil der Gesellschaft gilt, oder ob sich der politische Begriff von Gesellschaft vom konkreten Individuum vollkommen gelöst hat. Wenn wir darüber reden, dass es in Deutschland zu viele Krankheitstage gibt, aber nicht darüber, dass die Arbeitsbedingungen selbst Menschen krank machen, dann zeigt sich genau an dieser Stelle diese Losgelöstheit. Der Mensch wird lediglich als Teil einer Maschinerie und Produktionskette gesehen, die möglichst störungsfrei funktionieren soll. Und die Frage ‚wozu?‘ wird nur noch mit dem Bruttoinlandsprodukt beantwortet.


Quellenverzeichnis:

1 Samson, David R., Crittenden, Alyssa N., Mabulla, Ibrahim A., Mabulla, Audax Z. P. & Nunn, Charles L. (2017). Chronotype variation drives night-time sentinel-like behaviour in hunter-gatherers. DOI: 10.1098/rspb.2017.0967 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28701566/

2 Scheer, Frank A. J. L. , Hilton, Michael F., Mantzoros, Christos S. & Shea, Steven A. (2009). Adverse metabolic and cardiovascular consequences of circadian misalignment. DOI: 10.1073/pnas.0808180106
https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.0808180106

3 Parsons, Michael J., Moffitt, Terrie E., Gregory, Alice M., Goldman-Mellor, Sidra, Nolan, Patrick M., Poulton, Richie & Caspi, Avshalom (2014). Social jetlag, obesity and metabolic disorder: investigation in a cohort study. DOI: 10.1038/ijo.2014.201
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4422765/

4 Reser, Jared E. (2011). Conceptualizing the autism spectrum in terms of natural selection and behavioral ecology: the solitary forager hypothesis. DOI: 10.1177/147470491100900209
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22947969/

5 Quinn, Patricia O. & Madhoo, Manisha (2014). A review of attention-deficit/hyperactivity disorder in women and girls: uncovering this hidden diagnosis. DOI: 10.4088/PCC.13r01596
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25317366/

6 Russell, Ginny, Stapley, Sal, Newlove-Delgado, Tamsin, Salmon, Andrew, White, Rhianna, Warren, Fiona, Pearson, Anita & Ford, Tamsin (2022). Time trends in autism diagnosis over 20 years: a UK population-based cohort study. DOI: 10.1111/jcpp.13505
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34414570/

7 Eisenberg, Dan T. A., Campbell, Benjamin, Gray, Peter B. & Sorenson, Michael D. (2008). Dopamine receptor genetic polymorphisms and body composition in undernourished pastoralists: An exploration of nutrition indices among nomadic and recently settled Ariaal men of northern Kenya. DOI: 10.1186/1471-2148-8-173
https://link.springer.com/article/10.1186/1471-2148-8-173

8 Williams, Jonathan & Taylor, Eric (2006).The evolution of hyperactivity, impulsivity and cognitive diversity.
DOI: 10.1098/rsif.2005.0102
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16849269/


Beitragsbild: cottonbro studio; Link zum Bild