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Was macht mein*e Dozent*in eigentlich sonst so beruflich?
Diese Frage haben wir uns in letzter Zeit in der Redaktion häufiger gestellt.
Als Student*in vergisst man manchmal, dass die Lehre nur einen Aspekt der Uni ausmacht. Und selbst wenn man ahnt, womit sich der*die ein*e oder andere Dozent*in und seine*ihre Arbeitsgruppe in dem eigenen Studienfach beschäftigen, so bleibt es oft bei dieser groben Idee. In den Arbeitsalltag anderer Fakultäten oder sogar Institute erhält man selten einen Einblick.

Wir fragen nicht mehr nur uns:
„Was macht mein*e Dozent*in eigentlich sonst so beruflich?“,
sondern fragen diese einfach selbst.

Als nächstes folgt Prof. North aus der Geschichte.

Bild von Prof. North

Wie erklären Sie fachfremden Personen Ihre Forschung?
Es gibt viele Dinge, über die ich forsche. Das, was uns aber am meisten am Herzen liegt, ist in Greifswald die Ostseeraumforschung. Diese würde ich so erklären: Wir arbeiten über das Meer, das uns sozusagen nahe ist und dann fragen wir, was das Meer oder die Lage der Regionen an der Ostsee für die Bevölkerung in der Gegenwart sowie in der Vergangenheit bedeutet.

Woran forschen Sie im Moment ganz genau?
Wir forschen vor allem zum kulturellen Austausch im Ostseeraum. Wir erforschen die Frage, welche Moden, Kunstrichtungen, Ideen, Praktiken über die Kommunikation über die Ostsee entweder per Schiff oder auch auf dem Landweg und über die Medien in die verschiedenen Hafenstädte und die Hinterländer der Ostsee verbreitet worden sind.

Warum ist das, was Sie forschen so interessant/wichtig?
Wir haben in der Ostsee einen multiethnischen Raum. Da gibt es Skandinavier, Finnen, Balten, Germanische Völker und Slawen. Die lebten schon immer zusammen, mal bekamen sie ihre eigenen Staaten, mal waren sie unterdrückt. Die Esten und die Finnen erhielten erst 1917/18 ihren eigenen Staat. Darüber hinaus ist es spannend zu sehen, wie weit es gemeinsame kulturelle Ereignisse oder Entwicklungen gibt oder wie die einzelnen Kulturen miteinander oder unabhängig voneinander lebten.

Können Sie da schon etwas Kleines festmachen?
Da kann man ganz viel sagen. So gibt es zum einen supernationale Kulturen, die sich ausbilden wie die Hanse, die Lifestyles und auch soziale Beziehungen in den Hansestädten, die bis nach Nowgorod, Reval, Riga oder Krakau reichen, prägten. Wir sprechen aber auch von einer Niederlandisierung. Diese ist eine unserer Themen – die niederländischen Kultureinflüsse in der Ostseeregion, niederländische Baumeister, niederländische Handwerker, niederländische Kaufleute, die nach dem Modell der niederländischen Republik den Ostseeraum umstrukturierten. Später haben wir die Sowjetisierung des östlichen Ostseeraums oder auch in der Gegenwart die Amerikanisierung und viele interessante Trends, die wir noch untersuchen können.

Welches Forschungsprojekt war Ihr interessantestes?
Es gibt eine ganze Reihe von Themen, die ich sehr spannend finde. Zum einen ein etwas größeres Projekt über die Niederlandisierung des Ostseeraums, wo konkret mit niederländischen Kollegen untersucht wurde, was heute im Ostseeraum von dem niederländischen Kulturerbe noch übrig ist. Ein anderes Thema ist das Baltic Borderlands Projekt, in dem Doktoranden aus dem ganzen Ostseeraum erforschen, wie Grenzen im Ostseeraum wahrgenommen werden. Das war auch ein faszinierendes Projekt. Ein drittes Projekt ist dann – von den Niederländern im Ostseeraum ausgehend – meine globale niederländische Kulturgeschichte. Da habe ich in Indonesien geforscht, in Kapstadt, in Suriname. Es geht darum, wie weit kulturelle Elemente durch die Niederländer in die verschiedenen Richtungen der Welt vermittelt wurden und gleichzeitig, welche Bilder der Welt die Niederländer in Europa erzeugten.

Wurde schon viel in diesem Forschungsbereich geforscht?
Es wurde immer schon in Greifswald über den Ostseeraum geforscht. Dadurch, dass wir mit zwei Graduiertenkollegs, also zwei Doktoranden-Forschungsgruppen, seit 20 Jahren arbeiten, haben wir natürlich viele neue Erkenntnisse gewonnen. Meine Geschichte der Ostsee hätte ich sicherlich nicht so gut schreiben können, wenn nicht so viele Arbeiten von Doktoranden und Magisterkandidaten in dieses Thema eingeflossen wären.

Und dieses Buch, das Sie gerade angesprochen haben, über die Geschichte der Ostsee?
„Die Geschichte der Ostsee“ ist bei Beck und auch bei Harvard („The Baltic“, Harvard University Press) erschienen, aber auch schon auf Estnisch. Im Augenblick wird es ins Polnische, Lettische und ins Russische übersetzt, bzw. befindet sich im Druck.

Kann man das schon irgendwo bekommen?
Ja, natürlich!

Das kann man sich dann beispielsweise auch einfach kaufen?
Das kann man auch kaufen, aber gleichfalls aus der Bibliothek ausleihen. Leider haben wir keins mehr hier. Das Buch gibt es auch auf Englisch – und da sieht das Layout ganz anders aus, bei der estnischen Übersetzung ebenfalls. Und wie die russischen und die polnischen Übersetzungen aussehen werden, weiß ich noch nicht.

Ich kann Ihnen aber die Fortsetzung des Buches, mein aktuellstes, schenken. Ich habe nämlich noch eine „Weltgeschichte der Meere“ geschrieben, da geht es nicht nur um die Ostsee, sondern auch um den Atlantik, den Pazifik und alles andere. Dies ist schon auf Estnisch erschienen und wird noch ins Chinesische und Arabische übersetzt.

Dies können Sie gerne haben, die Bücher stehen hier aber auch alle in der Universitätsbibliothek.

Können Sie Ihre Forschung in die Lehre einfließen lassen?
Auf jeden Fall. Im Augenblick lehre ich über europäische Imperien. Da habe ich heute über das schwedische Ostseeimperium gelesen, auf Englisch. Ich unterrichte ja bilingual und dann ist es schon cool, wenn man das Buch auf Englisch zur Verfügung hat.

Was hat Sie dazu bewogen in diese Forschungsrichtung zu gehen?
Das ist eine längere Geschichte. Ich habe ursprünglich einmal Slawistik und Osteuropäische Geschichte studiert, in Gießen promoviert und damals schon über Polen und Preußen in der Frühen Neuzeit geforscht. Ich war seit den Siebzigerjahren in Osteuropa sehr aktiv. So war ich schon von 1975 an regelmäßig in der Sowjetunion und in den nächsten Jahren mehrfach zum Forschen in Polen. Auf dem Rückweg aus Polen machte ich 1977 das erste Mal in Greifswald, also in der DDR, halt. In den Achtzigerjahren hatte ich gute Kontakte zu den Greifswalder Hansehistorikern. Damals war ich in Kiel und habe dort meine Habilitationsschrift verfasst, zwischendurch arbeitete ich auch im Hamburger Museumsdienst. Da habe ich viel an niederländischen Themen geforscht. Und so kam vieles zusammen. Als ich nach Greifswald ging, hatte ich bereits über den Ostseeraum und die Niederlande geforscht und damit war klar, dass ich das hier ausbauen oder institutionalisieren würde.

Aber dieses Forschungsinteresse, dass Sie allgemein in diese Richtung gegangen sind, das war dann schon immer da?
So ein bisschen in der Schulzeit schon. Ich dachte ursprünglich auch mal daran Latein zu studieren und Alte Geschichte. Irgendwann dachte ich aber, weil ich in der Schule ein bisschen Russisch gelernt habe, studiere doch lieber Slawistik. Ein Freund meines Vaters war auch Slawist. Der hat mich darin bestärkt, und im Nachhinein finde ich das eigentlich ganz gut, dass ich auch viel im real existierenden Sozialismus unterwegs war. Gerade letzte Woche habe ich erst wieder – seit längerer Zeit – in St. Petersburg unterrichtet. Das hat viel Spaß gemacht.

Ich habe mir immer Themen gesucht, die ich irgendwie miteinander verbinden konnte. Der kulturhistorische Fokus, wie z. B. der kulturelle Austausch im Ostseeraum, hängt sicher mit meiner Museumstätigkeit zusammen. Ich arbeite auch weiterhin gerne mit Museen zusammen. Letztes Jahr habe ich eine große Ausstellung im Bucerius Kunst Forum in Hamburg über den niederländischen Kunstmarkt kuratiert und in diesem Jahr saß ich in dem Beirat der Ausstellung „Europa und das Meer“ in Berlin. Neulich wurde ich zu einem Vortrag „Meer und Kunst“ im Schifffahrtsmuseum Bremerhaven eingeladen. Das heißt, durch diese Museumstätigkeit bekomme ich dann immer wieder Lust, mir Objekte und Bildquellen anzuschauen und darüber zu reden und zu schreiben.

 

Beitragsbild: Magnus Schult, in Zusammenarbeit mit der moritz.familie
Bild (Buch): Annabell Hagen
Das Interview wurde mündlich beantwortet.

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