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Was macht mein*e Dozent*in eigentlich sonst so beruflich?
Diese Frage haben wir uns in letzter Zeit in der Redaktion häufiger gestellt.
Als Student*in vergisst man manchmal, dass die Lehre nur einen Aspekt der Uni ausmacht. Und selbst wenn man ahnt, womit sich der*die ein*e oder andere Dozent*in und seine*ihre Arbeitsgruppe in dem eigenen Studienfach beschäftigen, so bleibt es oft bei dieser groben Idee. In den Arbeitsalltag anderer Fakultäten oder sogar Institute erhält man selten einen Einblick.

Wir fragen nicht mehr nur uns:
„Was macht mein*e Dozent*in eigentlich sonst so beruflich?“,
sondern fragen diese einfach selbst.

Wir beginnen mit dem Juristen Herrn Prof. Classen.

Foto: Pressestelle Universität Greifswald, Jan Messerschmidt

 

Wie erklären Sie fachfremden Personen Ihre Forschung?
Meine Forschung bezieht sich auf das öffentliche Recht. Dies besteht in den rechtlichen Regeln, die die Organisation und die Ausübung der vom Staat und seinen Organen ausgeübten Gewalt regeln, unter Einschluss der Europäischen Union. Mir geht es also darum, diese Regeln sachgerecht zu interpretieren, so dass die Freiheit der Individuen gewährleistet werden und zugleich der Staat bzw. die EU und deren jeweiligen Organe ihre Aufgaben bei der Wahrung des Gemeinwohls und der der Rechte anderer überzeugend erfüllen können.

Warum ist das, was Sie forschen so interessant/wichtig?
Die angesprochenen Regeln werden ja von den staatlichen Stellen angewandt, im Streitfall von den Gerichten. Alle staatlichen Stellen, insbesondere aber die Gerichte, sind von daher auf die Erkenntnisse der Wissenschaft angewiesen, auch wenn sie am Ende eigenständig entscheiden, wie sie für sich die jeweiligen Regeln auslegen und anwenden. In meinen nebenbei ausgeübten Funktionen als Richter am Landesverfassungsgericht und am Oberverwaltungsgericht nehme ich die Bedeutung eines solchen Dialogs zwischen Wissenschaft und Praxis regelmäßig wahr.

Welches Forschungsprojekt war Ihr interessantestes?
Ein konkretes Projekt zu benennen ist schwer, wohl aber eine bestimmte Fragestellung. Ich arbeite im öffentlichen Recht immer wieder auch mit vergleichender Perspektive. Insoweit ist es besonders interessant zu sehen, wie unterschiedlich Grundbegriffe wie Demokratie oder Menschenwürde schon im europäischen, erst recht im weltweiten Kontext unterschiedlich interpretiert werden, auch wenn man ihn auf die demokratische Welt reduziert. Sogar die Vorstellungen darüber, wie Recht funktioniert, welche Aufgaben ein Richter hat, gehen ja schon in kulturell uns durchaus nahestehenden Staaten deutlich auseinander.

Wurde schon viel in diesem Forschungsbereich geforscht?
Ja – auch wenn man in Rechnung stellt, dass zum deutschen öffentlichen Recht im Wesentlichen nur in Deutschland geforscht wird – zum Recht der EU ist das naturgemäß anders. Mein Fachverband, die Vereinigung der Deutschen Staatsrechtslehrer, hat rund 800 Mitglieder. Man kann sich aber natürlich spezielle Fragestellungen heraussuchen, zu denen allenfalls wenige andere Kollegen arbeiten. Bei mir gilt das z. B. für die verfassungsrechtliche Stellung der Justiz – eine Zentralfrage: ist auch die Tätigkeit eines Richters demokratisch legitimiert und wenn ja, warum? – oder im Rechtsvergleich, bei mir insbesondere in der Beziehung zu Frankreich.

Können Sie Ihre Forschung in die Lehre einfließen lassen?
Ja – wenn die Fragestellung nicht zu exotisch ist, sondern auch für die Lehre bedeutsame Bereiche betrifft, was aber nicht selten der Fall ist. Man muss dann nur vorsichtig sein, dass man nicht zu sehr in bestimmte Details einer Fragestellung einsteigt. Und am Rande sei erwähnt: Ich habe auch ab und an aus der Lehre Impulse für meine Forschung bezogen.

Was hat Sie dazu bewogen in diese Forschungsrichtung zu gehen?
Das Interesse am öffentlichen Recht kommt daher, dass ich meine juristischen Interessen mit politischem Interesse verbinden kann. Und zur internationalen Ausrichtung hat sicher mein Elternhaus beigetragen: Meine beiden Eltern haben zum Teil im Ausland studiert, und wir hatten auch später immer wieder internationale Kontakte.

Beitragsbild: Magnus Schult, in Zusammenarbeit mit der moritz.familie
Das Interview wurde schriftlich beantwortet.

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